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Carola Freiin von Eynatten: Harzsagen - Kapitel 23
Quellenangabe
typelegend
authorCarola Freiin von Eynatten
titleHarzsagen
publisherBernhard Franke
yearo.J.
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160722
projectidffd81fc4
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23. Hanskühnenburg

Da, wo in dem romantischen Waldgebirge, welches die Seiler- und Sophienklippen umgiebt, ein einsamer Quarzfelsen von seltsamer Gestalt ragt, stand einst eine Burg, in der sich ein junger Ritter vor den Nachstellungen mächtiger Feinde verborgen hielt, die ihm gerne noch die letzten Reste seines Besitzthums entrissen hätten.

Es war ein trauriges Leben, welches der Jüngling da oben in der weltentlegenen Waldburg führte und sehnsüchtig spähte er oft in die Tiefe hinab, ob denn noch immer kein Freund, kein Helfer nahen wolle. Ritter Hans aber war arm, sehr arm sogar, wie seine ganze Sippe, und so beeilte sich denn auch niemand, ihm beizustehen und ihn aus seiner trostlosen Lage zu befreien. Eines Tages endlich pochten zwei im Walde verirrte Jäger an das Burgthor, Labung und Nachtlager heischend, die von dem Einsamen freudig bewillkommt wurden.

Hans hatte seinen Gästen allerdings nicht viel mehr zu bieten, als ein schützendes Obdach und einen Krug Methwein, doch schienen die Fremden gerade nicht verwöhnt zu sein und während des kärglichen Mahles, welches sie sich trefflich schmecken ließen, erzählte ihnen Hans die Geschichte seines Unglücks.

»Da sind wir ja eine Art Leidensgefährten, Herr!« rief einer der Fremden. »Auch uns haben habsüchtige Menschen unseres Erbes beraubt und nicht mehr ist uns geblieben, als was wir auf unserm Leibe forttragen konnten. Wenn es Euch recht ist, so bieten wir Euch Brüderschaft und wollen uns mit Euch verbünden zur Bekämpfung unserer Feinde. Ohne Haus und Heim irren wir seit Jahren durch die Welt und haben nichts zu verlieren, wenn wir einige Zeit bei Euch verweilen. Es soll uns freuen, wenn Ihr mit unserer Hülfe Eure Gegner züchtigen könntet.«

Ritter Hans schlug ohne Zögern ein, nichts konnte ihm erwünschter sein als dieses Anerbieten, denn selbst wenn der Versuch, seine Feinde zu demüthigen, mißlingen sollte, sicherte es ihm doch für eine Weile zwei muntere und kühne Gefährten, welche ein großes Stück von der Welt gesehen hatten und sicherlich wissen mußten, wie man es anzufangen habe, sich aus der drückendsten Armuth zu befreien.

So vergingen einige Wochen, ohne daß zwischen den neuen Bundesgenossen mehr von Rache- und Zukunftsplänen die Rede war. Die Brüder Konrad und Andreas, ihren Geschlechtsnamen hatten sie noch nicht genannt und ihr wenig neugieriger Wirth dachte nicht daran, sie darnach zu fragen, verbrachten ihre Tage mit Jagen und Fischen, denn sie sahen wohl, daß die Vorrathskammern eben schlecht bestellt waren, wie die Kasse des Burgherrn, und Hans fühlte sich in den neuen Verhältnissen so wohl, daß er sich vorläufig nicht um die Zukunft quälen mochte.

»Schön ist es und erfreulich, wenn der Mensch einen treuen Bruder hat und einen festen Wohnsitz, ein schützendes Dach, unter dem er sich bergen kann, wenn er müde heimkehrt, doch genügt dies nicht, will er des Lebens froh werden,« begann einstmals Konrad, als die drei Freunde am Abend beisammen saßen.

Hans horchte auf und sah erwartungsvoll den Sprecher an, wohl fühlend, daß dieser wichtige Dinge verhandeln wolle.

Da er aber keine Antwort gab, fuhr Konrad fort:

»Sagt, Hans, habt Ihr schon darüber nachgedacht, wie es werden soll, wenn der Winter kommt, wenn die Eisdecke, welche monatelang die Gewässer gefesselt hält, wenn dichter Schnee, uns die Pfade durch die Wälder verschließend, uns der Nahrung beraubt, wenn wir weder Wild noch Fische mehr herbeizuschaffen vermögen? Eure Vorrathskammern sind leer, Eure Kasse ist leer und Eure Hülfsquellen sind erschöpft, wie Ihr uns selbst gestandet – was soll denn aus uns werden?«

Hans wußte es nicht, und darum begnügte er sich, die Achseln zu zucken.

»Nehmt es nicht so leicht,« fuhr Konrad fort, »sollen wir nicht am Hungertuch nagen und elend zu Grunde gehen, so gilt es, uns selbst zu helfen, uns zu verschaffen, was uns mangelt, und da man es uns nicht freiwillig giebt, so nehmen wir es einfach mit Gewalt dort, wo wir es bekommen können. Was meint Ihr dazu?«

»Daß mir das Gewerbe eines Raubritters wenig behagt und daß wir zu schwach sind, es auszuüben. Ihr wißt, ich habe keine Knechte, die uns auf solchen Zügen begleiten könnten, mein alter Eckard zählt nicht.«

»Sind wir nicht drei kräftige Männer, die etwas leisten können?« – Und wenn es Noth thut, weiß ich Euch noch einige tüchtige Gesellen, die Euch gern dienen würden. Und was Eure Abneigung betrifft, je nun, Herr Hans, seid Ihr einmal reich genug, um auch als ein friedfertiger Ritter leben zu können, so steht Eurer Umkehr nichts im Wege. – Wißt Ihr aber ein ander Mittel, uns vor dem Verhungern zu schützen, so soll mir's recht sein. Reich jedoch müßt Ihr sein, wollt Ihr an Euern Feinden Vergeltung üben.«

Hans wußte aber kein Mittel, und so ließ er sich von Konrad endlich überreden, indem er sich im Stillen gelobte: »Keine Stunde länger will ich dieses schmachvolle Gewerbe treiben, als es unbedingt nöthig ist.«

Konrad hielt Wort und schon wenige Tage später kehrte er in Begleitung einiger wild aussehender Männer von einem längeren Ausfluge heim. Ein Blick genügte, um zu erkennen, daß seine Begleiter schon manchen harten Strauß bestanden hatten und sich darauf verstanden, friedliche Reisende zu überfallen.

»Hier sind Eure neuen Knechte, Hans,« stellte sie Konrad dem Burgherrn vor. »Es sind thatkräftige Männer, die nichts besseres verlangen, als Euch dienen zu dürfen, wenn Ihr ihnen die nöthige Arbeit beschaffen wollt. Mit ihrer Hülfe soll es hier oben bald anders aussehen und wenn Ihr Euch meiner Leitung anvertrauen wollt, so werden sich Eure Schränke und Truhen bald beugen unter der Last der aufgespeicherten Schätze. Morgen zur Mitternacht können wir den ersten Auszug halten, so es Euch genehm ist.«

Von diesem Tage an begann Hans mit seinen beiden Genossen und den Knechten, deren Zahl stetig vergrößert wurde, ein wildes Räuberleben. Die Beraubung und Gefangennehmung von Reisenden und Händlern, die Plünderung der nachbarlichen Gehöfte gehörten zu seinen täglichen Geschäften, und wirklich ging kaum ein Jahr dahin, so war sein Reichthum schon so angewachsen, daß er nicht nur seine Feinde züchtigen und sich bei dieser Gelegenheit noch mehr bereichern, sondern seine Burg auch erweitern und stärker befestigen konnte. Was immer er unternehmen mochte, schlug zu seinen Gunsten aus, und obschon er von jeder Beute einen bedeutenden Theil an die Brüder Konrad und Andreas abgeben mußte, deren Beistand ihm schier unentbehrlich geworden war, hätte er doch sein schändliches Treiben aufgeben und seinen Besitz in friedlicher Weise sichern und vermehren können. Daran dachte er aber gar nicht mehr, dieses wüste Leben sagte ihm so gut zu, daß er es um nichts hätte aufgeben wollen, und die Erfolge, die ihn auf allen Wegen begleiteten, machten ihn so frech, daß er auch vor dem verwegensten Ueberfall nicht mehr zurückschreckte und ringsum nur Hans der Kühne genannt ward.

So ging es eine Reihe von Jahren hindurch fort, ohne daß Hans in sich ging oder auch nur ein einziges Mal vom Glück verlassen worden wäre. In der ganzen Gegend zitterte man vor ihm, denn sein Uebermuth und seine Gottlosigkeit nahmen stets zu, so daß sein Treiben schon zu einer wahren Landplage geworden war. Allerdings mahnte ihn ab und zu ein wohlmeinender Freund zur Besserung, ihm ein böses Ende voraussagend, doch er lachte der warnenden Stimmen und trieb es dann nur noch toller, angestachelt von den Genossen, denen das warme Nest gar wohl behagte und die nichts mehr scheuten, als Zucht und ehrbare Sitten.

Eines Tages nun traf Hans auf einem dieser Streifzüge mitten im dichtesten Walde eine wunderbar schöne Jungfrau, beinahe noch ein Kind, die emsig nach Beeren suchte.

Geblendet von ihrem Liebreiz, hielt der Ritter sein Pferd an und frug:

»Wozu gebrauchst Du diese armseligen Beeren, schöne Maid?«

Die Jungfrau, die schon beim Anblick des Gefürchteten alle Fassung verloren hatte, begann an allen Gliedern zu beben, als er sie ansprach, und kaum vernehmbar flüsterte sie:

»Für mein Mütterlein, Herr Ritter, das sehr krank ist und der Erquickung bedarf.«

»Es hängt nur von Deinem Willen ab, so viel Gold zu besitzen, daß Du ihr auch das Köstlichste verschaffen kannst,« sagte Hans mit einem begehrlichen Blick. »Begleite mich auf meine Burg und Du sollst mit vollen Händen aus meinen Truhen schöpfen dürfen; ich werde Dir nichts versagen, wie kostbar es auch sein mag. Schöne Gewänder, herrliche Geschmeide sollst Du besitzen.«

»Ich danke Euch von Herzen, edler Herr, aber ich bedarf von alle dem nichts und wüßte nicht, was damit beginnen. Erlaubt, daß ich Euch verlasse, die Mutter harret meiner und möchte sich ängstigen ob meines langen Verweilens.«

Wie aber die Jungfrau sich hastig abwenden und davoneilen wollte, beugte sich Hans hastig nieder, faßte sie an der Schulter und hob sie mit kräftigem Arm auf sein Roß.

»Nicht so, schönes Kind!« rief er lachend. »Eine zu herrlich duftende Blüthe bist Du, als daß ich Dich entschlüpfen ließe. Du kommst mit mir, ich kann es Dir nicht erlassen, denn zu einsam ist mir die Burg, wo dem von gefahrvollen Zügen müde Heimkehrenden kein süßer Frauenmund den Willkommen bietet.«

Vergebens weinte die Jungfrau, daß es einen Stein erbarmt hätte, vergebens beschwor sie den Ritter, sie heimkehren zu lassen zu ihrem kranken Mütterlein, er blieb unbewegt und ritt in stürmischer Eile zu seiner Burg zurück, in ihren festen Mauern den köstlichsten Schatz zu bergen, den er jemals erbeutet hatte.

»So ist's recht,« lobten die Brüder, »Hans der Kühne läßt sich durch Weibergewinsel nicht bezwingen, daran erkennt man den echten Mann!«

Weit öffneten sich die Thore vor den Heimkehrenden, und die Jungfrau fest mit seinen Armen umschließend, sprang Hans fröhlich aus dem Bügel.

»Seid willkommen in meinem Hause, Jungfrau, und laßt es Euch hier wohl gefallen. Bei Euch steht es, ob Ihr seine Herrin sein oder im Burgverließ schmachten wollet!«

»So kann nichts Euch bewegen, mich freizugeben?« frug sie muthig.

»Nichts, Schönste! solange ich lebe, bleibt Ihr in dieser Burg, sofern ich Eurer nicht früher müde werde!«

Da richtete sich die Jungfrau hoch auf, und die Rechte erhebend, rief sie feierlich:

»Dann seid verflucht und dreimal verflucht sammt Eurem Hause und Allen, die darin leben! Zur Strafe für Eure Unthaten sonder Zahl, zur Strafe für das vergossene Blut, welches auf Eurer Seele brennt, zur Strafe für die Unschuld, die Ihr gemordet habt, möget Ihr Alle und diese Burg zu Stein erstarren, auf daß der Menschheit eine unvergängliche Erinnerung bewahrt bleibe an das Scheusal, welches in Eurer Gestalt die Welt durchzog!«

Wüthend wollten sich die Räuber auf die herrliche Jungfrau stürzen, doch keiner vermochte ein Glied zu bewegen, sie waren wie angewurzelt an den Boden, auf dem sie standen und mit Entsetzen fühlten sie, wie das Blut in ihren Adern erstarrte, wie eisige Kälte sich immer näher gegen das Herz heraufschlich.

Mit einem Male wurde ein schaudererregendes Gepolter hörbar, das Dach stürzte ein, Mauerstücke folgten, und ehe fünf Minuten vergangen waren, lag die ganze Burg mit ihren Gebäulichkeiten und Mauern in Trümmern und im selben Augenblicke verwandelten sich diese in Stein.

Die Jungfrau allein entging der allgemeinen Vernichtung, die, ein verdientes Strafgericht, den Ritter, seine Genossen und selbst seine Burg ereilt hatte, in der heute noch ungeheure Schätze begraben liegen.

Die versteinerten Ruinen dieser Räuberburg werden zur ewigen Erinnerung an den verworfenen Ritter heute noch »Hanskühnenburg« genannt.

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