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Carola Freiin von Eynatten: Harzsagen - Kapitel 19
Quellenangabe
typelegend
authorCarola Freiin von Eynatten
titleHarzsagen
publisherBernhard Franke
yearo.J.
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160722
projectidffd81fc4
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19. Die Schönburg bei Altenbrak

In der stattlichen Burg war es so still und traurig wie niemals, ehe Herr Ludwig sein einziges Kind von sich gestoßen hatte, weil es ihm den Gehorsam weigerte und nicht lassen mochte von dem edlen Jüngling Udobald, der aus dem fernen Frankenlande gekommen war, um in fremden Gauen Ehre und Erdengut zu suchen und eine Jungfrau gefunden hatte, die um seinetwillen Heimat und Eltern, Glück und Reichthum verließ. Sein sangeskundiger Mund, die süßen Töne seiner Laute hatten sie bestrickt und bitteres Leid in die Schönburg getragen.

Frau Katharina trug ihren Kummer in stiller Ergebung, keine Klage kam über ihre Lippen, nur in der Nacht flossen ihre Thränen, rief sie sehnsüchtig den Namen ihrer Tochter, die ihr für immer verloren war, die vielleicht in Elend und Trübsal schmachtete. Anders der Ritter. Zwar sprach auch er niemals von der Verstoßenen, die einst sein Stolz, seine Freude gewesen war, aber ein böser Geist hatte ihn erfaßt und verwandelt. Wortkarg und finster irrte er oft noch zu mitternächtiger Stunde durch die Gemächer und Gänge der Burg wie Einer, dem das Gewissen keine Ruhe läßt oder in dessen Kopf etwas in Unordnung gerathen ist, und bei Tage konnte er stundenlang im einsamen Thurmgemach sitzen und Hinausstarren in die Gegend, ohne daß dieser Anblick ihn erheiterte. Sein war Alles, was er von dort aus erblickte, und noch mehr, viel mehr war sein, bis nach Thale hinaus erstreckte sich sein Besitz; aber er besaß keinen Erben, Land und Leute gingen einst in fremde Hände über.

Mit tiefer Betrübniß sah die gute Edelfrau, wie der Gram an dem Gemahl nagte, wie er den einst so stattlichen Mann vorzeitig in einen gebrochenen Greis verwandelte und doch durfte sie ihn nicht freisprechen von jeder Schuld. – Warum war er unerbittlich geblieben, als Hilda weinend zu seinen Füßen lag und ihn beschwor, sie nicht so hart zu strafen um der Neigung willen, die sie im Herzen trug? Hatte denn nicht er selbst Wohlgefallen gefunden an dem Jüngling und ihn darum so ungebührlich lange zurückgehalten in der Burg, so die Flamme nährend, welche die beiden jungen Seelen verzehrte? – Und endlich, was machte den Frankenritter unwerth, sein Eidam zu werden, war er nicht ebenso edlem Stamme entsprossen wie Herr Ludwig, bewies er nicht bei jeder Gelegenheit hohen Muth? – Und seine Armuth? – Nun, auf der Schönburg bedurfte man doch wahrlich des Reichthums nicht! – – – – – – – – – –

In einer Nacht, als der Schlaf, wie es so oft geschah, wieder einmal Herrn Ludwigs Lager floh, erhob er sich und trat ans Fenster, die brennende Stirn an den Scheiben zu kühlen. Lange stand er so, bis dann plötzlich ein Schreckensruf seinen Lippen entfloh und er wie gebannt niederstarrte in die Tiefe. Quer über den Burghof schritt ein weißer Hirsch!

Der Ritter kannte diese Erscheinung nur zu gut und nicht umsonst erbebte er bei ihrem Anblick. Sie zeigte sich jedesmal, wenn seinem Hause ein Schicksalswechsel bevorstand. Glühten des Hirsches Augen wie in einem überirdischen Glanz, dann zeigte er ein frohes Ereigniß an, waren sie dagegen wie todt und erloschen, dann drohte schweres Unheil. Niemals noch hatte der Hirsch getrogen; auch wenige Tage vor Hildas Flucht war er erschienen vor der Burg.

Und heute, glühten seine Augen oder waren sie glanzlos und dunkel? – »Mein Gott, mein Gott, lasse sie mich sehen nur eine flüchtige Sekunde lang!« rang es sich aus des Ritters angstbeschwerter Brust. – Doch ungehört verhallte seine Bitte, des Thieres Kopf wandte sich nicht herum und bald war es hinter der Burg verschwunden.

Wie seltsam, was sollte das bedeuten? Stets ließ der Hirsch seine Augen sehen – warum nur diesmal nicht? – Herr Ludwig fand in dieser Nacht keine Ruhe mehr, Angst und Aufregung hielten ihn gefangen, er wußte nicht, ob er hoffen oder fürchten solle. Und Niemand, Niemand, dem er mittheilen durfte, was sein Auge erblickt, denn seiner ohnehin schon so schwer bedrückten Hausfrau durch seine Erzählung eine neue Sorge zu bereiten, davor scheute er sich.

Endlich leuchtete im Osten ein bleicher Strahl, der erste schwache Schimmer des nahenden Morgen. Der Ritter athmete erleichtert auf. Nun war er doch wenigstens erlöst aus dieser bangen Haft und durfte hinaus in Feld und Wald. Unter den mächtigen Baumkronen, die sich zum hohen Dome wölbten, kam ihm vielleicht Rath und Trost.

Und einem unbezwinglichen Drange gehorchend, schlich er sich die Treppe hinab und in den Stall, wo er seinen Renner sattelte. Ein leichter Hornton, und die schwere Zugbrücke ging rasselnd nieder, Herr Ludwig verließ seine Burg.

Unten angekommen, blickte er noch einmal zurück und dabei wurde ihm ganz eigen weich und weh ums Herz. Würde er sein Haus, sein Weib wiederfinden wie er sie verließ? – Der Hirsch, der Hirsch! was hatte er verkündet, Leid oder Freude?

Dann gab er dem Rosse die Sporen und jagte hinein in den dunkeln, den geheimnißvoll flüsternden Wald. – Er war jedoch noch nicht weit geritten, als es im Laube leise zu rauschen begann und der weiße Hirsch mitten auf seinem Pfade erschien.

Jähes Entsetzen erfaßte den Ritter, am hellen Tage und außerhalb der Burg war das Thier noch nie sichtbar geworden. Schon wollte er sein wieherndes Pferd herumwerfen zu rascher Flucht, als sich der Hirsch ihm zuwandte und er sah, wie von den sanften Augen ein wunderbares Strahlen und Leuchten ausging.

Fromm faltete der Ritter die Hände und aus tief bewegtem Herzen sprach er:

»Mein Gott, ich danke Dir für diese frohe Verheißung!«

Im selben Augenblicke setzte sich das Pferd von selbst wieder in Bewegung und lustig sprang das Hirschlein vor ihm her, jedesmal stehen bleibend, wenn der Ritter rastete, so daß dieser bald erkannte, es wolle ihm den Weg zeigen, den er verfolgen solle.

So ging es lange fort, immer tiefer hinein in den Wald und Mittag mußte schon eine ziemliche Weile vorüber sein, trotzdem gönnte sich Herr Ludwig keine längere Ruhe, es drängte ihn zu sehr, ans Ziel seiner Reise zu gelangen. Endlich lichtete sich der Wald aber doch und der Reiter gelangte auf eine große Waldwiese, an deren jenseitigem Ende eine hölzerne Hütte stand.

Er war von dem langen Ritt auf beschwerlichen Wegen so müde geworden, daß er ungeachtet seiner Ungeduld in derselben Einkehr zu halten beschloß, um sich zu laben und von den Bewohnern zu erfragen, in welcher Gegend er sich befinde. Auch das Hirschlein schien mit diesem Plane einverstanden zu sein, denn es lief geradenwegs aus die Hütte zu und schmiegte sich zärtlich an einen kleinen Knaben, der vor derselben spielend im hohen Grase saß.

Mit großen Augen betrachtete sich der Junge den stattlichen Reitersmann, welcher vor der Hütte abstieg, wo man sicherlich nicht gewohnt war, solche Gäste zu sehen. Mit einem Male aber sprang er auf und eilte, ohne des Ritters Ruse zu beachten, um die Ecke.

Herr Ludwig sah sich eine Weile um, als er aber nirgends eine menschliche Seele zu entdecken vermochte und seine fragenden Rufe ohne Antwort blieben, trat er in das Innere des Häuschens, welches ebenso ärmlich war wie sein Aeußeres, doch so nett und reinlich, daß die einfachen Geräthe im hereinfallenden Sonnenlicht förmlich blitzten.

Als Herr Ludwig auch hier Alles still und einsam fand, wollte er sich wieder entfernen, wie er aber die Thürs öffnete, sah er sich einem jungen Weibe gegenüber, welches den Knaben an der Hand führte und höflich nach seinem Begehren frug.

Der Ritter jedoch, anstatt zu antworten, starrte beinahe entsetzt in das liebliche Gesicht der Frau, um endlich zitternd zu stammeln:

»Hilda – mein Kind – bist Du es –?!«

»Vater!« schluchzte nun auch sie auf, beide Arme um Herrn Ludwigs Hals schlingend und ihn bedeckend mit ihren Küssen und Thränen.

»Das ist der Großvater?« frug das Kind, indem er versuchte, an dem Ritter hinaufzuklettern.

Herr Ludwig aber nahm den Knaben in seine Arme und es wurde ihm ganz eigen weich und weh zu Muthe, als er in das rosige Gesicht seines Enkelsohnes blickte, der durch seine Schuld und Härte keine andere Heimath besaß, als diese dürftige Waldhütte.

»Die Vergangenheit soll vergessen und vergeben sein, Hilda,« sagte der Ritter in tiefer Rührung. »Dein und Deines Kindes Heim ist wieder meine Burg, denn Du wurdest hart genug bestraft für Deinen Ungehorsam.«

»Bestraft, Vater? – Ja und nein! Freilich war es mir hart, daß Ihr mir grolltet und die Sehnsucht nach Euch und der Mutter wollte mich schier verzehren, bereuen konnte ich aber darum doch nicht, was ich gethan habe, denn einen besseren, einen edleren Mann als meinen Udobald gibt es nicht. Und dann, Vater, müßt Ihr nicht urtheilen nach dem bescheidenen Plätzchen, welches uns jetzt zur Wohnstätte dient. Nicht immer trug ich ein kurzes Wollenröckchen wie heute und wir haben in Königshöfen und Schlössern gewohnt, gern gesehene Gäste um Udobalds willen, dessen Sang alle Herzen bezwingt. Wohin wir kamen, wurde uns reicher Lohn zu Theil und wenn ich Euch meine Truhen öffne, werdet Ihr sehen, was wir unser eigen nennen an blankem Golde und köstlichem Geschmeide. Mich aber litt es nicht länger mehr in der Fremde, und mitten im Glanz und Glück wollte ich mich zu Tode weinen, gedachte ich Eurer und der trauten Heimath in diesen Bergen. So führte mich mein guter Udobald, mir zu Liebe Alles opfernd, hierher und wir bargen uns und unser Glück in dieser armen Hütte, die wir verlassen fanden von ihrem Herrn. Hier wollte ich ungekannt leben, hoffend, Euch sehen und Euer Herz durch meinen kleinen Ludwig rühren zu können. – Dies, Vater, ist meine Geschichte!«

Ernst hatte der Ritter diesem Berichte gelauscht, jetzt aber, von Rührung übermannt, zog er Hilda an sich und sagte:

»Du bist ein gutes Kind und um Deinetwillen will ich auch Deinem Udobald verzeihen und ihn als meinen Sohn betrachten. Wo ist er?«

»Er ging in die Berge und wird nicht heimkehren ehe die Nacht anbricht. Doch laßt es Euch bei uns gefallen, Vater, und nehmt fürlieb mit dem Wenigen, das wir Euch zu bieten haben. Zu weit ist der Weg nach der Schönburg, als daß Ihr heute noch heimkehren könntet.«

Am andern Morgen brachen die Wiederversöhnten auf, begleitet von dem lustigen Hirschlein, welches schon seit vielen Wochen dem kleinen Ludwig ein trauter Spielgefährte und so zahm wie ein Hündchen war. Auch in der neuen Heimat wich es nicht von des Knaben Seite und ließ sich die gute Pflege wohlgefallen, die ihm beide Familien verschwenderisch zu Theil werden ließen.

Ein gespenstischer Hirsch jedoch ließ sich von dieser Stunde an auf der Schönburg nimmer wieder sehen.

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