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Carola Freiin von Eynatten: Harzsagen - Kapitel 18
Quellenangabe
typelegend
authorCarola Freiin von Eynatten
titleHarzsagen
publisherBernhard Franke
yearo.J.
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160722
projectidffd81fc4
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18. Der Sachsen- und der Römerstein

In südöstlicher Richtung von Steina und etwa fünfviertel Wegstunden davon entfernt, erhebt sich der Sachsenstein, auf welchem noch die spärlichen Trümmer der ehemaligen Burg Sassenstein sichtbar sind, welche Heinrich IV. gegen das Ende des elften Jahrhunderts erbauen, aber schon im folgenden Jahre, bedrängt von den ungeberdigen Sachsen, wieder zerstören ließ. Lange, sehr lange jedoch, ehe Heinrich in dieser Welt erschien, erhob sich auf diesem Felsen eine andere Burg, die so herrlich war wie es heutzutage keine mehr gibt, und in der ein mächtiger Zwergenkönig lebte, geliebt und verehrt von seinen kleinen Unterthanen, die sich vertrauensvoll seiner weisen Leitung überließen und ihn niemals durch überflüssige Fragen und Einwürfe belästigten.

So fehlte denn nichts zu König Elfings Glück, zumal er auch ein liebreizendes Töchterlein besaß, die niedliche Prinzessin Ruma, die einst seine Erbin und Nachfolgerin im Zwergenreiche werden sollte. Ungetrübtes Glück ist aber leider stets nur von kurzer Dauer, eine traurige Thatsache, die auch Elfing an sich erfahren mußte, denn mit einem Male fiel ein gar dunkler Schatten in sein Leben.

Plötzlich erschienen nämlich schrecklich anzusehende Riesen unter der Anführung eines ihrer Fürsten in der Nachbarschaft, von denen man weder wußte, woher sie kamen noch was sie da wollten. Als treuer Vater seines Völkleins ließ Elfing kein Mittel unversucht, um hinter die Pläne dieser widerwärtigen Nachbarn zu kommen, die ohne alle Umstände von einem Theile seines Landes Besitz ergriffen und dessen rechtmäßige Bewohner mit der beleidigendsten Geringschätzung behandelten, so daß diese sich zurückzogen und mit den frechen Eindringlingen gar nichts mehr zu thun haben mochten. Dennoch konnten sie nicht mit Gleichgültigkeit zusehen wie sich die Fremden auf ihrem Gebiete breit machten und eines Tages griff Elfing in seiner Verlegenheit zu einem außerordentlichen Mittel. Er hielt nämlich eine allgemeine Volksversammlung ab, welche über die zu ergreifenden Maßregeln berathen mußte und sich endlich einstimmig für einen Kriegszug gegen die gefährlichen Nachbarn erklärte.

Von diesem Tage an begann eine hartnäckige Fehde und die Riesen hatten gut versichern, daß sie nichts Böses im Schilde führen und daß des Landes genug vorhanden sei, beiden Parteien Nahrung zu geben. Elfings Völklein erwiderte darauf nichts anderes als: »Wenn ihr uns nichts anhaben wollt, so beweist es uns, indem ihr uns in Ruhe laßt und vor eurem Anblicke verschont. Gerade weil es des Landes genug gibt hier herum, ist kein Grund vorhanden, daß ihr euch hier vor unsere Nase hinsetzt!« Von einem Weiterzuge jedoch wollten die fremden Männer nichts wissen, vielleicht weil sie sich schämten, den unscheinbaren Zwerglein nachzugeben, und so dauerte der Unfriede fort. Großes konnten die Elfinger den unerwünschten Nachbarn allerdings nicht anhaben, aber an boshaften Neckereien ließen sie es nicht fehlen und durch diese wußten sie die Recken doch fortwährend zu beunruhigen und in Athem zu erhalten. Im Anfange machte ihnen das Treiben der Kleinen zwar Spaß, als es aber gar kein Ende nahm, erschien es ihnen schon weniger drollig und sie fingen an die Köpfe dazu zu schütteln. Abhülfe mußte geschaffen werden, wollten sie ihres Lebens froh sein und so hielten auch sie eine Volksversammlung ab, die jedoch anstatt des Krieges den Bau einer gewaltigen Burg beschloß, welche dazu dienen sollte, die Angreifer in Schach zu halten.

Mit dem Bau dieser Burg wurde alsogleich begonnen und was sie gewesen ist, das kann man heute noch sehen, wenn man den sogenannten Römerstein betrachtet, der nichts anderes ist als die Ruine jener Burg. Wenn Arbeiter mit so ungeheuren Kräften ausgestattet sind wie diese Riesen es waren, so schreitet auch das kühnste Werk rasch voran und es dauerte denn auch nicht lange, so machte die schöne Ruma eines Morgens als sie an das Fenster ihres Gemaches trat, die Entdeckung des neuesten Schabernacks, den die gehaßten Nachbarn ihnen gespielt hatten.

Außer sich vor Zorn über diese Schmach, eilte die Prinzessin aus der väterlichen Burg und stieß, unten angekommen, drei Male in ein winziges Horn von blankem Golde, welches sie an einer seidenen Schnur um den Hals trug. Dieser Ruf war in Elfings Reiche wohl bekannt und bedeutete den Unterthanen, daß man in der königlichen Burg ihrer bedürfe. Eilfertig kamen denn die Zwerglein von allen Seiten herbeigerannt und scharten sich erwartungsvoll um die Herrin, deren finstere Mienen irgend ein drohendes Unheil verkündeten. Sie jedoch sprach kein Wort, ehe nicht alle bis auf den letzten Mann um sie versammelt waren, worauf sie in den entrüsteten Ruf ausbrach:

»Wißt ihr, was ihr seid? – Feiglinge, schläfrige Murmelthiere, Narren, die man zu nichts gebrauchen kann und die kein besseres Loos verdienen als vertilgt zu werden von dieser Erde, wie es ihnen auch geschehen wird!«

Erstaunt und bestürzt schauten die Zwerglein die schöne Fürstin an, sie waren sich keiner Pflichtverletzung bewußt und darum verstanden sie auch diesen harten Tadel nicht. Endlich trat ein altes Männlein vor, dessen Brust eine schwere Goldkette schmückte. Es war Wilking, Elfings Kanzler.

»Was ist geschehen, Herrin, worin haben wir uns verfehlt?« frug er zitternd.

»Steig' auf den Thurm hinauf, alter Esel, und betrachte die neueste Unthat unserer Feinde!« gebot Ruma.

Der Kanzler ließ sich diesen Befehl nicht wiederholen und als er eilig davongetrippelt war, steckten die Zurückbleibenden in banger Erwartung die Köpfe zusammen, sich allerlei Vermuthungen und Befürchtungen zuflüsternd.

Endlich kam Wilking wieder zum Vorschein, doch sein Anblick verhieß nichts Gutes. In seinem faltigen Gesichtchen lag das ganze Entsetzen, welches sein Inneres erschütterte, und mit schlotternden Knieen trat er in den Kreis.

»Herrin«, stammelte er, »sie erbauen eine Burg, die wir nimmer bezwingen können, die sie zu Herren der ganzen Gegend macht und wenn es ihnen beliebt, können sie uns jeden Tag in ihre Gewalt bringen!«

Nun erhob sich ein Jammern und Wehklagen unter den Zwerglein, daß sich Ruma erschrocken die Ohren zuhielt, bis sich der Lärm und das Geschrei ein wenig gelegt hatten.

»Ruhe,« gebot sie endlich, mit dem Fuße aufstampfend. »Klagen und Weinen könnt ihr, wenn das Unheil da ist, es zu verhindern, das versteht ihr jedoch nicht. Wozu haben wir Wachen ausgestellt, die uns über alle Vorgänge bei den Feinden unterrichten sollten? – Warum haben sie uns nicht rechtzeitig berichtet, daß Ungewöhnliches vorgeht, warum hat nicht einer von euch seine faulen Augen aufgemacht?« Mein Vater Elfing und ich können nicht für alles sorgen.«

»Ich will den König Hüning aufsuchen und vielleicht gelingt es –«

»Das wirst Du bleiben lassen, Wilking,« fuhr jedoch Ruma hochmüthig dazwischen, »ich habe an Deiner Weisheit genug und nehme nun die Sache selbst in die Hand. Man bringe mir Zephyr, mein Pferd!«

Ein köstlich aufgezäumter Schimmel, in der Größe gerade für Rumas zierliche Gestalt passend, wurde vorgeführt und die Prinzessin schwang sich behende in den Sattel.

»Gestatte mir, Dich zu begleiten, Herrin,« bat der Kanzler, auf daß die Riesen Dir kein Leid zufügen.«

Die noch immer erzürnte Prinzessin winkte jedoch abwehrend mit der Hand und war, von dem flüchtigen Rößlein pfeilschnell entführt, bald den nachschauenden Blicken entschwunden.

Frohlockend kehrte sie am Abend heim, die Entdeckungsfahrt war nicht vergeblich gewesen, sie hatte manches Wichtige erkundet und nun verging kein Tag mehr, ohne daß sie auf ihrem milchweißen Pferde im weiten Bogen die entstehende Nachbarburg umkreiste.

Einstmals jedoch verirrte sich Ruma im Walde und kam an einen tiefen breiten Graben, den Zephyr trotz alles Zuredens und Schmeichelns nicht übersetzen mochte. Aus demselben Wege zurückkehren, war aber auch eine mißliche Sache, denn ringsum gab es nur Dickicht und die Prinzessin hatte sich an seinen Dornen schon einmal die Kleider und die zarte Haut so zerrissen, daß sie es nicht noch ein weiteres Mal zu durchdringen wagte. So stand sie unschlüssig am Grabenende, als plötzlich ein wohlgebildeter Jüngling von edler Erscheinung sich aus dem Gestrüppe hervorwand und sie ehrerbietig grüßte.

»Etwa tausend Schritte von hier endet der Graben und Ihr könnt unbehindert an die andere Seite gelangen,« sagte er, den Zügel ergreifend. »Erlaubt, daß ich Euer Rößlein zu dieser Stelle leite.«

Ruma war über des Jünglings jähes Erscheinen und seine Anmuth so überrascht, daß sie ihn widerspruchslos gewähren ließ, obgleich seine Gestalt ihr deutlich zeigte, daß er dem feindlichen Reckenstamm angehöre.

Als das Ende des Grabens erreicht war und glattes Weideland vor Ruma lag, ließ er das Pferdchen los und trat, das Haupt neigend, zurück, um die Reiterin vorüber zu lassen. Anstatt jedoch Zephyr zu größerer Eile anzuspornen, hielt sie ihn vollends an und sagte sanft erröthend:

»Wer seid Ihr, Herr? – Sagt mir Euren Namen, daß ich Euch danken kann, wie sich's gebührt.«

»Ich heiße Romar und bin Hünings Sohn, Ihr aber seid Ruma, die Prinzessin unserer feindseligen Nachbarn vom Sachsenstein,« versetzte der Jüngling lächelnd.

Siedendheiß wallte es in diesem Augenblicke durch Rumas Adern und ohne zu wissen warum, hätte sie gern ihr halbes Reich hingegeben, wären alle die Neckereien und Streiche ungeschehen zu machen gewesen, welche die Zwerglein, und noch dazu meist auf ihr Geheiß, an den Recken verübten. Sie fühlte, daß sie auf diese Bemerkung etwas erwidern müsse, leider aber wollte ihr nichts Kluges einfallen und so sagte sie:

»Ihr kennt mich also?«

»O, schon lange! Ich habe Euch oft an den Fenstern Eurer Burg und auch auf Euren Streifereien durch den Wald gesehen und jedesmal bedauerte ich die Feindschaft, die uns trennt.«

Der armen Ruma wurde nun noch heißer und schmollend erwiderte sie:

»Wer trägt die Schuld an dieser Feindschaft?«

»Wir doch keinesfalls, schöne Ruma, wir verhielten uns ruhig und friedlich, legten den Euern nichts in den Weg und erlaubten uns keinen Eingriff in Eure Rechte. Ohne Ursache begann Elfing, Euer Vater, uns zu quälen und zu schädigen, wo er nur konnte –«

»Warum wolltet Ihr nicht von hier weichen, warum kamt Ihr überhaupt hierher, wo Euch doch ringsum Thäler und Berge zu Gebote standen?« fiel die Prinzessin ein.

»Warum? – Weil es einen Jüngling unter uns gibt, den alles das, was er von der liebreizenden Prinzessin Ruma gehört hatte, mit unwiderstehlicher Gewalt in ihre Nähe zog!«

Ruma frug nicht, wer dieser Jüngling sei, denn sie wußte nur zu gut, daß er vor ihr stand und sie aus treuen Augen ansah, deren Blick ihr ein ganz eigenartiges Unbehagen verursachte.

»Seht Ihr unser Eindringen auf Eurem Boden nun nicht in einem milderen Lichte, holde Prinzessin, und seid Ihr nicht auch der Meinung, daß es klüger wäre, wollten wir uns die Hände reichen zu treuem Freundschaftsbunde? Elfing und Hüning so verbunden können jeder Macht Trotz bieten, wären unbezwinglich und kein fremder Fuß dürfte diesen Boden betreten ohne unsere Erlaubniß,« sprach der Jüngling lebhaft.

Ruma neigte das blondgelockte Köpfchen und gab, ihre Ansichten mit einem Male wechselnd zu:

»Wohl möchte ein solches Bündniß unserem Volke von Nutzen sein!«

»Und nicht auch uns selbst?«

Die Prinzessin umging eine bestimmte Antwort, indem sie rief:

»Nur fürchte ich, daß mein Vater sich dem widersetzen wird.«

»Laßt uns gemeinsam berathen wieso wir seinen Widerstand besiegen können,« bat Romar.

»Wie vermögen wir das, da Ihr unser Gebiet nicht betreten dürfet – Ihr denkt doch nicht daran, auf die Burg zu kommen?«

»Leider ist mir dies verwehrt! – Aber Ihr, schöne Ruma, liebet den Wald und suchet ihn täglich auf. Er ist verschwiegen und wenn Ihr die Plätze aufsuchen wolltet, die ich Euch bezeichnen werde, können wir ungestört berathen. O, weiset meine Bitte nicht zurück, mein ganzes Herz hängt an Ihrer Erfüllung!« bat der edle Reckenjüngling.

Ruma zögerte aber dennoch. Es war nichts Kleines, was man da von ihr verlangte, sie sollte in heimliche Zusammenkünfte mit einem der Feinde willigen? – O, vor wenigen Stunden noch würde sie eine solche Zumuthung entrüstet von sich gewiesen haben und nun – nun drängte es sie Romars Wünsche zu gewähren.

»Schwer wird es mir, o Romar, in Euren Vorschlag zu willigen,« begann sie endlich, indem ihre Wangen erglühten, »doch ich will dieses Opfer bringen um Elfings und unseres Volkes willen. Morgen stellt Euch zur gleichen Stunde hier ein, ich werde kommen.«

»O, habt Dank, holdeste der Prinzessinnen!« rief Romar feurig. »Ich wußte es ja immer, die schöne Ruma kann nicht unsere Feindin sein, nicht die Verblendung der Ihrigen theilen. Und weil ich gewiß war, daß Ihr alles mißbilliget, was man gegen uns unternahm, so verhinderte ich, daß es Euch mit Gleichem vergolten wurde.«

»Lebet wohl,« flüsterte Ruma, ihr Rößlein eilig wendend, um den Jüngling die Gluth zu verbergen, die abermals ihr Gesichtchen überzog, diesmal allerdings einem peinvollen Schamgefühl entspringend.

Nun verging beinahe kein Tag mehr, an welchem Ruma und Romar nicht zusammenkamen, um oft viele Stunden hindurch das Wohl ihrer Völklein, aber zwischenhindurch auch das eigene zu berathen, welches ihnen den reichsten Unterhaltungsstoff bot, seit sie ihre gegenseitige Neigung für einander entdeckt hatten. Leider aber boten sich ihnen keine sehr günstigen Aussichten, denn Elfing zeigte lange keine so versöhnliche Gesinnung und so oft sein Töchterlein auf die Friedens- und Bündnißvorschläge zurückkam, begann er ernstlich zu zürnen und erklärte hundertmale lieber auf Thron und Reich verzichten, als den frechen Nachbarn die Hand reichen zu wollen.

So ging der Sommer hin und noch immer wollte sich des Zwergenkönigs Sinn nicht wandeln. Ruma und Romar verzweifelten aber dennoch nicht, solange sie sich Tag für Tag sehen und sprechen durften, ließ sich ihr Geschick ertragen und da die kleine Prinzessin ein tapferes liebeglühendes Herzchen besaß, so ließ sie sich auch durch die rauhen Winde nicht abhalten, ihrem Romar einige Stündchen zu widmen. Diese Ausdauer sollte sie jedoch ins Verderben stürzen. Die regelmäßigen Ausflüge seines Töchterleins, das Wetter mochte noch so ungünstig sein, und ihre späte Heimkehr erregten nämlich Elfings Verdacht, umsomehr als sie ihn nun unaufhörlich bat und quälte, er möchte sich doch endlich mit Hüning versöhnen. Selbst als er ihr strenge untersagte, je wieder davon zu sprechen, änderte dies nichts an der Sache.

»Da steckt etwas dahinter,« dachte er, »und ich muß wissen, was es ist!«

Und dieser Gedanke kehrte immer und immer wieder, bis Elfing eines Tages seinen Rappen Blitz satteln und ihn langsam hinter dem milchweißen Zephyr einhertraben ließ. Ruma, nur mit der Freude des Wiedersehens beschäftigt, bemerkte nichts und begrüßte daher auch ihren Romar so zärtlich wie gewöhnlich, während der Vater, Wuth im Herzen, alles was vorging aufmerksam beobachtete.

Rasch vergingen dem liebenden Paar die kurzen Stunden des Beisammenseins und als sich die Heimkehr nicht länger mehr verzögern ließ, gab Romar der Geliebten bis in die Gegend des Weingartenloches das Geleite, an welchem Ruma vorüber mußte, um wieder nach der väterlichen Burg zu gelangen. Endlich mußte man aber doch scheiden und die Prinzessin setzte betrübt ihren Weg fort – eine lange Nacht lag ja vor ihr, ehe der ein neues Wiedersehen ankündende Morgen anbrach.

Sie war jedoch noch nicht weit gekommen, als plötzlich Elfing mit grimmer Miene an ihrer Seite erschien und sie zur Rechenschaft zog.

Erst war die arme kleine Ruma beinahe starr vor Schrecken, dann aber gewann sie doch die Fassung allmählig wieder und bekannte offenherzig, daß sie Romar liebe und ihm ewige Treue geschworen habe.

»Und Du meinst, daß ich mich an diesen Schwur kehren werde, ungerathenes Kind?« tobte Elfing.

»Das weiß ich nicht, Vater, aber sicher magst Du sein, daß ich niemals einen andern Mann freien werde als meinen Romar!« erklärte Ruma mit bescheidener Festigkeit.

»Oho, das wollen wir doch sehen – diesen Abend noch vermählst Du Dich dem Igmar, den ich ausersehen habe zu Deinem Gemahl!«

»Nimmermehr!«

»Du wagst mir zu trotzen?« schrie Elfing, nach dem Zügel des Rößleins haschend.

Ruma jedoch, noch flinker als der Vater, war mit einem Satze zu Boden gesprungen und eilte so schnell wie möglich in die Höhle des Weingartenloches hinein, wobei sie einen Zauberspruch flüsterte, der Elfing der Macht beraubte, in dieses Asyl einzudringen.

Ein Wuthschrei entfuhr seinen Lippen, als er ihre List entdeckte, und ohne sich zu besinnen, sprach er einen fürchterlichen Bann aus, der die schöne, aber so ungehorsame Tochter für immer festhielt in dieser Höhle. Ein furchtbares Krachen wurde hörbar und die niederstürzenden Steinmassen thürmten sich vor dem Eingange zu einem undurchdringlichen Wall auf.

Da saß nun die reizende Ruma in dieser unwirthlichen Höhle gefangen und bedrängt von den traurigsten Gedanken. Doch würde sie das alles noch gern ertragen haben, hätte sie nicht für Romar fürchten müssen, an welchem Elfing sicherlich Rache zu nehmen gedachte. Wie ihn warnen, da sie nicht zu ihm gelangen konnte und er keine Ahnung von dem Unheil besaß, das sie ereilt hatte? Der Gedanke an ihn und die Gefahren, die ihn bedrohen mochten, riß sie endlich aus ihrer dumpfen Verzweiflung. Durch Klagen und Weinen war nichts zu erreichen, nur energisches Handeln konnte sie vielleicht aus dieser Betrübniß befreien. Doch vergebens blieb alles Suchen nach einem Ausgang, einem Spalt im Gestein, durch den sie hätte hindurchschlüpfen können und so sank sie endlich ermattet auf den harten Boden nieder und ihr Schluchzen und Weinen erfüllte von neuem die Höhle.

Wie sollte es nun werden? – Um sich selbst bangte Ruma ja nicht, sie wußte ganz genau, daß Elfing sie aus ihrer Haft erlösen würde, doch sicherlich nicht eher als bis er an dem Reckenjüngling sein Müthchen gekühlt. Aber dann war es zu spät. Was halfen ihr Freiheit, Reichthum und Glück, wenn sie diese Güter nicht mit Romar theilen durfte, wenn er vielleicht todt und verdorben war? – Nein, dies durfte nicht geschehen; lieber zum äußersten Mittel greifen und sich alles dessen berauben, was ihr die Geburt bescheert hatte. Der Macht, sich in einen Bergbach zu verwandeln und diesen als Nixchen zu bewohnen, konnte sie Elfing nicht entkleiden, aber hatte sie einmal diesen Schritt gethan, dann gab es auch keinen Rückweg mehr, dann mußte sie für alle Zeit eine Nixe bleiben, durfte ihr Haus von Krystall nur zu nächtlicher Stunde verlassen und konnte niemals auf Romars Burg ziehen als seine Hausfrau. Er konnte eine Andere lieben lernen und sie verlassen, die ihm alles geopfert hatte. – Aber was lag daran, wenn es seine Rettung galt?

Einen Augenblick darnach begann es zu rauschen und zu tosen, bis mit einem Male unter den Felsen ein schäumender Bergbach hervorsprudelte, der späterhin zur Erinnerung an die selbstlose Handlung der kleinen Prinzessin den Namen Ruhme erhielt.

Kaum aber, daß Ruma sich im Besitz ihrer durch ein so schweres Opfer erkauften Freiheit befand, verließ sie ihr neues Heim, um nach Hünings Burg zu eilen und den Geliebten zur Vorsicht zu mahnen.

Erschrocken fuhr Romar in die Höhe, als feuchte Nixenfingerchen sein Auge berührten, den Schlaf verscheuchend, und er sein schönes Lieb in einem grünlich schimmernden Gewande, Schilfgewinde im Haar, von welchem glitzernde Wasserperlen niederfielen, vor sich stehen sah.

»Ruma, was ist mit Dir vorgegangen?« rief er halb erstaunt, halb erschrocken.

Ruma aber sank an seine Brust und erzählte ihm Alles, was sich seit ihrer Trennung am Abend ereignet hatte.

»Elfing soll diese Schandthat büßen!« rief er im höchsten Zorn. »Du aber, mein süßes Lieb, sollst nicht durch Undank gelohnt werden. Kann sich auch unser schöner Traum nicht mehr erfüllen, kannst Du niemals mein Weib werden, so werde ich Dir doch all mein Leben lang die Lieb' und Treue bewahren. Dein bin ich und Dein bleibe ich, unser Glück wird nicht kleiner sein, weil es den Augen der Welt verborgen bleiben muß.«

Am folgenden Tage zogen die Recken gegen den Sachsenstein, zerstörten die herrliche Burg bis auf den letzten Stein und bannten Elfing und seine Manen in das Innere des Felsens hinein, den sie niemals wieder verlassen durften. Der schönen Nixe aber bewahrte Romar unverbrüchliche Treue und als er nach vielen, vielen Jahren endlich einmal nicht wiederkehrte von seiner nächtlichen Wanderung und auch nirgends zu finden war, da sagte man, er habe sich das Nixenheim nun zur dauernden Wohnstatt erwählt.

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