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Carola Freiin von Eynatten: Harzsagen - Kapitel 17
Quellenangabe
typelegend
authorCarola Freiin von Eynatten
titleHarzsagen
publisherBernhard Franke
yearo.J.
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160722
projectidffd81fc4
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17. Burg Lutterburg bei Lauterberg

Tiefe Trauer herrschte in der Burg. Graf Esiko weilte schon manches lange Jahr im fernen gelobten Lande, das Kreuzheer, mit dem er ausgezogen, war längst wieder zurückgekehrt in die Heimath, von ihm aber kam noch immer keine Kunde nach Lutterburg. Wohl hielt ab und zu ein Pilgergast kurze Einkehr in der Burg, doch keiner wußte anderes zu berichten als die Heldenthaten, die der Graf in dieser oder jener Schlacht vollbrachte, die ihm Ruhm und Ehre eingetragen hatten vor allen andern Rittern und Herren dieser Gaue, aber was seither aus ihm geworden war, vermochten sie nicht zu sagen; niemand hatte mehr von ihm gehört oder ihn gesehen. War er am rauchenden Schlachtfelde geblieben oder den Gefahren der Wüste erlegen, weilte er noch immer im Lande Palästina, vergaß er dort in den Armen eines andern Weibes seiner Hausfrau und seines Töchterleins?

Die Thränen der schönen Gräfin Ludwina wollten nicht mehr stille stehen und wenn sie am Abend vom Söller herunterstieg in ihr einsames Kämmerlein, des Harrens und Hoffens so müde, da wünschte sie gar oft den Tod herbei als einen Erlöser aus bitterem Leide. Und um ihre Noth zu erhöhen, bedrängte sie noch Graf Heinrich von Lauterberg, des Grafen Vetter, den er zu ihrem Pfleger bestellt, in dessen Obhut er Land und Leute befohlen hatte. Graf Heinrich mochte nicht mehr glauben an des Herrn Wiederkehr und es gelüstete ihn ebenso sehr nach der wonnigen Frau wie nach dem reichen Besitz.

»Was nützt Euch das ewige Harren und Bangen vieledle Frau? Die Jahre verrinnen, Euer Gemahl kehrt nicht wieder und ungenützt, in Thränen und Einsamkeit entschwindet Euch die Jugend. – Glaubt mir, hätte Euch der Graf geliebt wie Ihr es verdient, er wäre nicht von Euch gegangen.«

So drängte täglich der ungetreue Pfleger und Ludwina wußte sich weder Rath noch Trost zu finden in ihrer Bedrängniß. Wie sollte sie, die hülflose Frau, den Anschlägen des Mächtigen entrinnen, wer würde sie beschützen gegen ihn, den weder ihre Bitten noch ihr Jammer rührten. Nur zu einem reichte seine Macht nicht aus, er konnte sie nicht zwingen zu leben, er konnte nicht den Tod von ihrer Seite bannen; wenn sie ihn herbeirief, wie wollte er es ihr wehren. Und mehr und mehr befestigte sich der Entschluß, lieber aus freiem Antriebe zu sterben, als sich dem Grafen von Lauterberg zu eigen zu geben, die Treue zu brechen, die sie Esiko geschworen.

Die Wochen, die Monde schwanden dahin und der Himmel mochte sich noch immer nicht der unglücklichen Gräfin erbarmen. Der Lauterberger wurde immer dringender, er bat nicht mehr, sondern drohte und schalt, sich geberdend, als wäre er jetzt schon der Herr auf dem Lutterberge.

Eines Tages, Ludwina, ihr Töchterlein zur Seite, saß wieder in kummervollen Gedanken, als der alte Haushofmeister, dem der Herrin Leid tief zu Herzen ging, die Ankunft eines Pilgers meldete, den er aufgenommen und bewirthet hatte wie sie es ein für allemal geboten.

»Vielleicht weiß er Kunde zu geben von unsrem edlen Grafen, er ist ein alter Mann, der sicherlich viel erlebt und erfahren hat!« setzte der treue Diener hinzu, mühsam das Schluchzen unterdrückend, welches ihm schon in der Kehle saß.

»Ich habe diese Hoffnung aufgegeben,« erwiderte die Gräfin muthlos.

»Ja, ja, Walther,« klatschte die kleine Ida in die Händchen, die erst einige Monate zählte, als der Vater schied, »vielleicht weiß er uns vom guten Vater zu erzählen, den ich so gern sehen möchte.

Ludwina preßte das Kind an sich, es unter Thränen küssend, während Walther sich sachte hinausschlich.

Nicht lange währte es jedoch, so kehrte er zurück in Begleitung eines alten Pilgers, der die Schloßfrau mit ehrfürchtiger Rede begrüßte.

»Wie Eure Diener sagen, vieledle Gräfin, seid Ihr in große Betrübniß und Noth gerathen durch das Dunkel, welches über Eures Herrn Schicksal schwebt,« sagte er, den Saum ihres Kleides küssend.

»So ist es, ehrwürdiger Vater. Als mein Herr von mir ging, da gelobte er mit Hand und Mund zurückkehren zu wollen längstens binnen dreien Jahren. Nun sind deren schon fünf verflossen und noch immer harre ich vergebens seiner Rückkehr; nicht einmal eine Kunde kam von ihm, die er mir doch durch einen treuen Boten hätte senden können. Längst schon ist das Kreuzheer heimgekehrt und beinahe auf allen Burgen der Nachbarschaft ruht irgend ein Streiter in lieben Armen aus von Kampf und Mühsal, doch keiner von ihnen wußte mir etwas zu melden über sein Ergehen.

»Der gute Vater, wenn er wüßte wie lieb wir ihn haben, er käme sicher geschwind heim zu uns!« rief die kleine Ida altklug dazwischen.

Der fremde Mann wischte sich eine heimliche Thräne aus dem Auge, dann frug er:

»Seid Ihr denn ganz unbeschützt, edle Frau, hat Euch der Gemahl keinen Pfleger an die Seite gestellt?«

Eine jähe Gluth überzog Ludwina's Antlitz und leise flüsterte sie:

»Er gerade ist mein ärgster Bedrücker.«

»Weil er nach Eurem Besitze trachtet?«

Die Gräfin zögerte, War es denn klug, einem Fremdling ihr ganzes Leid zu vertrauen, ihr Herz zu erschließen? Wie, wenn er im Solde des Grafen von Lauterberg stünde und nur gekommen wäre, sie auszuforschen.

»Sprechet ungescheut, edle Frau, ich meine es ehrlich und überdies ist mir Eure traurige Geschichte ja wohlbekannt, man erzählt sich davon im ganzen Lande. – Wenn der Tod Eures Gemahls bestätigt würde aus zuverlässigem Munde, wäret Ihr geneigt, dem Grafen von Lauterberg die Hand zu reichen zum Bunde?«

»Mein Herr ist todt – und Ihr wißt es!« schrie Ludwina im tiefsten Schmerze auf.

»Ich weiß nichts, aber wenn Ihr nach Gewißheit verlanget, so will ich mich bemühen, sie Euch zu schaffen,« erwiderte der Pilger.

»O, thut das, frommer Vater, und seid gewiß, ich will Euch lohnen mit allem was ich besitze! – Aber wie immer die Kunde lauten mag, die Ihr erhalten werdet, vergesset nicht, daß nur mein Ohr sie vernehmen darf. Wäre mir mein Esiko wirklich für diese Welt verloren, wie ich es fürchten muß, dann muß es Geheimniß bleiben zwischen Euch und mir.«

»Und warum das, edle Frau?

»Weil sonst die letzten Freunde sich von mir wenden würden, die dem übermüthigen Lauterberger heute noch abmahnen von überrascher That, die ihn mit der Frage zähmen: »Und wie, wenn der Graf von Lutterburg doch noch heimkehrte und fände Euch als Räuber seines Weibes, seiner Habe? Gedenket der Strafe, die Euch treffen würde!«

»So seid Ihr fest entschlossen, ihm jemals zum Altare zu folgen?«

»Das ist unwiderruflich beschlossen! rief Ludwina mit glühenden Wangen. »Ich habe nur einen Mann geliebt, meinen Esiko, und nur ihn werde ich lieben, solange ein Athemzug meine Brust belebt. Und kommt es zum Schlimmsten, dann bietet mir die Lutter ein willkommenes Grab.«

»Vor dem Schlimmsten bewahre ich Euch, edle Gräfin! Vertrauet mir und seid guten Muthes. Wollt Ihr mir gestatten, solange in der Burg zu verweilen, bis Euer Bedränger sich wieder einstellt?«

»Verweilet bei uns, solange es Euch gefällt, frommer Mann, es wird mir ein Trost sein, Euch in meiner Nähe zu wissen.«

»Ich nehme Eure Gastfreundschaft an, arme Frau, und werde sie zu Eurem Wohle nützen. Nur sei es mir gestattet, frei zu gehen und zu kommen, wie es mir beliebt.«

»Ihr seid Eures Willens Meister, Herr, und kein unberufener Frager soll Euch belästigen, solange mein Befehl noch gilt in der Lutterburg.«

So geschah es auch, der Pilgersmann kam und ging, wie Wunsch und Laune es ihm eingaben, stets mit Freuden begrüßt von der Gräfin und ihrem Töchterlein, welches nicht müde ward, nach dem guten Vater zu fragen, der so lange fern blieb, und niemand fand ein Arges in seinem langen Verweilen.

Endlich kam das Fest der Gräfin heran und, diesen Tag würdig zu feiern, lud der Graf von Lauterberg alle Nachbarn und Freunde nach der Burg.

»Es geht nicht länger so an, Gräfin Ludwina,« sagte er am Morgen dieses Tages zu der bleichen Herrin. »Bei der nächsten Mondwende werden es sechs Jahre sein, daß mein Vetter Esiko von uns geschieden ist, Land und Leute leiden unter der Abwesenheit des Herrn, der die sich zur Heimkehr selbst gestellte Frist nicht um eine so lange Zeit überschritten hätte, wäre es ihm möglich, überhaupt noch heimzukehren. Seid gewiß, er ist todt und ruht lange schon in fremder Erde, vergebens würdet Ihr seiner harren bis zum jüngsten Tag. Ertheilet mir denn Erlaubniß, beim heutigen Festmahl den Gästen die frohe Botschaft zu künden. Auch ihr Sinn hat sich gewendet und sie alle erkennen, daß Ihr Euch einem starken Arme anvertrauen müßt.«

Des Grafen Auftreten ließ keinen Zweifel darüber daß er entschlossen war, um jeden Preis Braut und Besitz an sich zu reißen. Er hatte sich der Zustimmung der Verwandten und Nachbarn versichert, die seine Macht fürchteten oder in deren Vortheil es lag, gute Freundschaft mit ihm zu halten; er durfte nun rücksichtslos gegen sie vorgehen und er wollte es, das sah ihm Ludwina an.

»Kündet ihnen was Euch beliebt,« erwiderte sie darum mit stolzer Verachtung in Ton und Geberde, »da es Euch ja doch nicht widerstrebt, ein Weib an Euch zu fesseln, welches Euch haßt und verachtet.«

»Keine solchen Reden, schöne Gräfin, sie könnten Euch bitter gereuen, wenn Ihr einstmals sehet, welchen Gemahl Ihr an mir gewonnen habt!« rief der Graf doppelsinnig.

Ludwina ließ sich jedoch durch diese versteckte Drohung nicht einschüchtern, nun es einmal so stand, war ihr alles gleichgültig.

»Ich rede mit Euch, wie Ihr es verdient, der Ihr schamlos die Gewalt mißbraucht, die Euch meines Gemahls vertrauender Sinn übertragen hat. Ihr könnt mir Besitz und Freiheit rauben, die Verachtung zu löschen, die mein Herz erfüllt, dazu seid Ihr unfähig!« rief sie, an ihm vorüber aus dem Gemach eilend.

Der Gräfin erster Weg führte sie in das bescheidene Kämmerlein, welches dem alten Pilger zum Aufenthalt diente. Den grauen Kopf in die Hand gestützt, saß er am Fenster, in einem großen Buche lesend, als sie bei ihm eintrat.

»Ihr bei mir, edle Frau?« rief er, sich rasch erhebend.

»Ich komme, Euch meine Noth zu melden. Der Graf von Lauterberg gedenkt beim heutigen Feste seine Verlobung mit mir zu feiern. Nun ist alles zu Ende für mich!« und ein Thränenstrom stürzte aus den Augen der schönen Frau, die schluchzend auf einen Stuhl sank.

»Seid getröstet, edle Gräfin, und lasset den Lauterberger gewähren. Ich stehe Euch zur Seite und er soll Euch nichts anhaben; seine Macht über Euch wird verwehen wie Spreu vor dem Winde,« sagte der Pilger mit ernster Festigkeit.

Die Gräfin sah den Alten zweifelnd an. Wie konnte er so siegesgewiß sprechen, wie konnte er, der arme Pilger, in die Schranken treten gegen den mächtigen Grafen von Lauterberg? – Wußte er mehr von ihm, als dem Stolzen lieb sein konnte und wollte er ihn durch dieses Wissen bezwingen oder was war es sonst?

»Grübelt nicht, theure Frau, ich kann Euch jetzt nicht mehr sagen als dieses Wenige, sollt Ihr vollständig gerächt werden an diesem treulosen Buben. Doch, ich wiederhole Euch, seid getröstet, es wird Euch kein Leid widerfahren.«

Und wirklich verließ die Gräfin getröstet ihren armen Gast; sie schenkte ihm unbedingtes Vertrauen und fühlte sich überzeugt, daß er nicht so sprechen würde, wäre er nicht seiner Macht über den Verräther gewiß.

Schon lange war es nicht mehr so laut und fröhlich zugegangen in der Lutterburg als an diesem Tage, an welchem ein zwiefaches Fest gefeiert ward und selbst die schöne Schloßfrau zwang, dem Geheiß des Pilgers folgend, ein frohes Lächeln auf ihre Lippen, als der Graf von Lauterberg mit sieghafter Miene den Anwesenden seine Verlobung mit ihr verkündete. Von allen Seiten regneten die Glückwünsche und des Bräutigams Verwandter, der Graf von Falkenstein rief vergnügt:

»Eine bessere Wahl konntet Ihr nicht treffen, edle Frau, und an des zweiten Gemahls Seite werdet Ihr den ersten nicht vermissen.«

Kaum aber, daß er diese Worte gesprochen hatte, flog die Saalthür auf und herein trat, gefolgt von der Dienerschar, ein Ritter im festlichen Gewande.

»Scheint es auch nicht, als ob man hier den Herrn gerade nicht mangle, so wird er doch wohl die allgemeine Lust nicht stören,« sagte er, so an die Tafel tretend, daß er dem Grafen von Lauterberg gegenüber stand.

Gäste und Bräutigam starrten den stattlichen Fremdling an, als wäre ein Gespenst vor ihnen aufgetaucht und nur die Gräfin sprang auf und sank ihm halb ohnmächtig an die Brust.

»Esiko! – Esiko!« schluchzte sie.

Ohne den Arm von ihrer Schulter zu lösen, drängte er sie sanft zur Seite und frug scheinbar ohne Arg:

»Ihr feiert eine Verlobung hier, wie es mich bedünken will, saget mir doch, Ihr edeln Herren und Damen, wo sind Braut und Bräutigam, auf daß auch ich ihnen meine Glückwünsche darbringen kann?«

Niemand antwortete und nachdem der Graf von Lutterburg eine Weile gewartet hatte, begann er kalt und stolz:

»Es bedarf der Antwort nicht, die niemand zu geben wagt. – Ich weiß, mein Vetter, wie Ihr die Macht, die ich in Vertrauen Euch übertragen habe, zu meinem und meines Weibes Verderben nützen wolltet. Euer schändliches Spiel ist zu Ende, ungetreuer Mann, und ich bitte Euch, mein Haus zu verlassen, sammt Euren Freunden, die sich nicht scheuten, einem solchen Bubenstück ihren Beifall zu spenden. – Zieht Euch zurück, wenn Euch Euer Leben lieb ist!« setzte er im höchsten Zorn hinzu.

Inzwischen hatte der Graf von Lauterberg seine Fassung wiedergewonnen und sagte kalt und ruhig:

»Was ich gethan habe, kann ich verantworten wie das, was ich thun wollte, denn Eures Weibes wie Eurer Tochter Vortheil erheischte eine feste Hand, die Zügel zu führen. Nicht meine Schuld war es, wenn Ihr solange mit der Heimkehr zögertet und uns auch keine Kunde gabt, daß wir Euch für todt halten mußten.«

Damit verließ er stolz den Saal und hinter ihm drein drängten die Freunde und Genossen.

»Nun unser Haus gereinigt ist von diesen bösen Geistern, saget mir, meine holde Herrin, ob Ihr den armen Pilger, dessen Macht Ihr nicht vertrauen mochtet, als treu erfunden habt?«

»O, mein Herr, es war nicht wohlgethan, mich in dieser Noth zu lassen, wo es Euch doch nur ein Wort kostete, mich zu beglücken!« sprach Ludwina mit mildem Vorwurf.

»Und die Strafe, die Beschämung, die dem Lauterberger geworden sind, hättet Ihr sie ihm ersparen mögen?«

»Warum nicht? – Ich gönne ihm alles Glück, so nur ich von ihm befreit bin!«

»Mein treues Weib! und ich konnte einen Augenblick an Euch zweifeln, ein fremdes Kleid wählen, um unter seinem Schutze Eure Seele zu erforschen!«

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