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Carola Freiin von Eynatten: Harzsagen - Kapitel 10
Quellenangabe
typelegend
authorCarola Freiin von Eynatten
titleHarzsagen
publisherBernhard Franke
yearo.J.
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160722
projectidffd81fc4
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10. Die Hexengroßmutter

Ungeachtet des grauen Dämmerlichtes, welches zwischen den Bäumen zu weben begann, schritt die blonde Itha immer tiefer in den Wald hinein, die heilsamen Kräuter zu suchen, welche sie sorgfältig in ihrem Handkörbchen barg. Endlich schickte sie sich aber doch zum Heimgehen an, denn die Nacht wurde so dunkel, daß sie die feinen Gräser und Blättchen nicht mehr von einander zu unterscheiden vermochte und ein längeres Verweilen zwecklos erschien.

Itha hatte jedoch kaum hundert Schritte zurückgelegt, als ein bleicher Strahl durch die Wipfel brach und sich wie ein Silberstreif über ihren Pfad legte. Der Mond war also schon aufgegangen und nun fiel der Jungfrau ein, daß im Mondenschein gebrochene Kräuter eine ganz besondere Heilkraft besitzen, wenn man die richtigen Zaubersprüchlein weiß, die beim Einsammeln gesagt werden müssen. Und ob zwar Itha die Tochter einer frommen Neuchristin, einer Wittwe war, die am Rande des Waldes in einer kleinen Holzhütte wohnte, so wußte sie diese Sprüchlein doch ebenso gut wie ein unverfälschtes Heidenkind und glaubte auch nicht weniger als ein solches an die ihnen innewohnende Macht.

So begann denn das Suchen und Pflücken von neuem und sogar noch eifriger als zuvor. So oft aber ihre Finger ein Kräutlein aus dem Boden rissen, murmelten ihre Lippen seltsame Worte dazu, wie es bei ihrem Volke von Alters her Brauch und Sitte war. Wie sich aber Itha wieder einmal am Fuße eines mächtigen Baumes niederbeugte, leuchteten ihr plötzlich aus einem unfernen Busche zwei große, gelb leuchtende Augen entgegen, die so rund waren wie die einer Eule. Mit einem Schreckensruf fuhr sie zurück und lief auf gut Glück in den Wald hinein, nur von dem Wunsche beseelt, diesen schrecklichen Augen zu entrinnen.

Erst als sie schon eine ziemliche Strecke weit gelaufen war, blieb sie athemlos stehen und sah scheu zurück. Der Mond strahlte sein Licht hell und glänzend auf eine Waldblöße aus und Itha sah ein schwarzes Thier von katzenähnlicher Gestalt, doch viel größer als eine Katze, in wilden Sprüngen über dieselbe einherfliegen, wobei es schauerlich klagende Töne ausstieß.

Itha setzte sich von neuem in Lauf, aber sie fühlte, wie ihr die Katze, oder was es sonst sein mochte, dicht auf den Fersen blieb und ganz deutlich vernahm sie eine heisere Stimme in ihrem Rücken, die ihr zurief:

»Fürchte Dich doch nicht, Jungfrau, ich will Dir ja kein Leid zufügen, sondern Dir nur die Kräutlein nennen, mit deren Hülfe nur Du Helferich, Deinen Liebsten, für alle Zeit an Dich fesseln kannst.«

Diese Kräutlein hätte Itha freilich gar zu gern gekannt, denn obschon sie dem jungen Helferich bereits schon manches Zauber- und Liebestränklein gereicht hatte, war sein Sinn bisher doch ein unstäter geblieben und immer wieder zog es ihn in die Ferne, wo es allerlei Abenteuer zu bestehen gab. Dennoch widerstand sie der Lockung, denn die gelblichen Augen hatten einen so boshaften Ausdruck, daß sie nur einem bösen Geiste angehören konnten, der ihr eine Falle stellen wollte.

Nun aber kam das Thier dicht an ihre Seite und wiederholte immer die gleichen Worte und als sie es voller Entsetzen ansah, da wurde es mit einem Male klar in ihrem Geiste, und sie wußte, daß sie niemand andern vor sich haben konnte als Watelinde, die zuweilen die Gestalt einer schwarzen Riesenkatze annahm und allgemein die Hexengroßmutter genannt wurde. Es gab nämlich weit und breit in diesen Bergen kein bösartigeres Wesen als Watelinde, die alle Hexentänze und Versammlungen anführte und mit Vorliebe reine Jungfrauen durch allerlei schöne Versprechungen an sich lockte, um ihren Zauber über sie werfen und ebenfalls Hexen aus ihnen machen zu können.

Itha lief nun noch viel schneller, immer hoffend, sie würde an das Ende des Waldes gelangen, denn in ihrer Angst und Verwirrung bemerkte sie nicht, daß sie eine falsche Richtung eingeschlagen hatte und sich mehr und mehr von der Heimath entfernte.

»So, Jungfrau,« hohnlachte mit einem Male die Katze, deren Körper jetzt Tausende feuriger Funken aussprühte, »jetzt bist Du eingetreten in meinen Zauberkreis und hier kann ich mit Dir machen was ich will.«

Und die Katze verwandelte sich mit einem Schlage in ein hageres altes Weib, über dessen fratzenhaftes Gesicht graue Haarsträhne wirr niederhingen, dessen triefende Glotzaugen Itha wild anstierten, während aus dem schiefgezogenen Riesenmund kleine blaue Flammen zuckten, sobald sie ihn öffnete. Und kaum, daß sich diese Verwandlung vollzogen hatte, faßte das grauenhafte Weib der Jungfrau langes Haar, um sie mit sich fortzuziehen.

In diesem bangen Augenblicke erinnerte sich jedoch Itha der frommen Lehren ihrer Mutter, aller der Wunder, von denen sie ihr erzählt und Watelinde von sich schleudernd, rief sie, sich mit der andern Hand bekreuzend:

»Herr, stehe meiner armen Seele bei!«

Da begann es gewaltig die Bäume zu erfassen, daß sie sich stöhnend und klagend zur Erde beugten, die Luft erfüllte wildes Brausen, ein greller Blitz, gefolgt von einem entsetzlichen Schlage fuhr hernieder, einen nahen Felsen treffend, und Itha sah, wie die böse Watelinde emporgehoben und von einer unsichtbaren Hand an diesen Felsen geschleudert wurde, wo sie selbst zu Stein erstarrte. Dieser Felsen aber trägt heute noch die Bezeichnung:

» Hexengroßmutter!«

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