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Hartingers alte Sixtin

Ludwig Anzengruber: Hartingers alte Sixtin - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
titleHartingers alte Sixtin
authorverschiedene
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeErster Band
editorW. Lennemann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071209
projectidfeabbf14
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Ludwig Anzengruber

Hartingers alte Sixtin

Erzählung.

An dem Zaune hinter dem Hartingerschen Gehöft lehnte breitbeinig ein hochgewachsener Bursche, den linken Arm hatte er untergestemmt und den rechten um die Hüfte seiner kleinen, drallen, braunäugigen Dirne gelegt, welche drinnen im Küchengarten stand. Manchmal, wenn er gar eifrig auf sie einsprach, strich der Flaum seines keimenden Backenbartes ihre Wange, dann lachte sie und schob ihn mit beiden Armen etwas von sich. Ihre Wangen brannten, ihre Blicke schielten seitwärts nach dem Boden, und wenn sie sich mitunter zwang, die Augen aufzuschlagen, so sah sie dem Burschen etwas stier in die seinen. Bald trat sie auf den einen Fuß, bald auf den anderen, und der freie tänzelte dann unstet herum und strich durch das Gras. Ein dichter, breiter Holunderstrauch, dessen weiße Blütenbüschel in der Abendluft einen starken Duft aushauchten, deckte dem Liebespaar den Rücken.

»Ich komm', Sopherl,« flüsterte der Bursche, »kannst dich verlassen, ich komm'.«

»Na, wenn d' kommst, so wirst da sein,« sagte die Dirn und zeigte die blanken Zähne, denn wenn etwas ein Spaß sein soll, so muß dazu gelacht werden. »Da werd' ich sein, kurios werd' ich da sein.« Er sagte ihr leise etwas ins Ohr und sie zerzupfte ein Holunderblatt.

»Es gilt?« Er hielt die breite Hand hin.

»Nein, Steffel.«

»Magst mich, so magst auch; magst mich nit, so magst nit. Zum Foppen und Hinhalten acht' ich mich auch für die reichste Bauerstochter z'gut.«

»Geh, was du gleich bös' sein magst. Denk nur, wie mer Gott's und Welt's wegen auch nit wenig in der Angst is.«

»Beileib', 's Fensterl riegeln mer fein sauber zu und sperren Gott und d' Welt aus.«

Sie legte beide runde Arme um seinen Hals und schmiegte den Kopf an seine Brust. »Ich tu' mich so viel fürchten, Steffel.«

»Hat's gar nit not, Sopherl.« Er sang halblaut:

»D' Lieb is voll Hoamlichkeit,
So viel ich waß,
D' Lieb' is kein Pöllerschuß,
Fallst nit in d' Fraß

»Hat's wirklich nit not, Sopherl, daß d' dich fürcht'st.« Er flüsterte ihr ins Ohr, bis sie sich losriß und ihm eine Maulschelle gab. –

»Ui, ui,« rief der Bursch und hielt sich die Wange. »Wart' nur, kommst du mir grob, komm' ich dir auch nit fein.«

Die Dirne drehte sich aus ihren Schuhabsätzen um, als wollte sie davoneilen.

»Sopherl, mein!«

Sie blieb stehen.

»Ich komm'.«

Da raffte sie beide Hände voll Holunderblätter und warf sie ihm an den Kopf, damit lief sie wirklich fort.

Der Bursch reckte sich hoch auf, so lang er war, und blickte schmunzelnd nach dem Hartingerschen Gehöft hinüber. Er drückte den Hut schief auf den Scheitel, dann tat er ein paar Schritte, besann sich wieder, blieb stehen und zog aus der Brusttasche eine kurze Pfeife hervor; nachdem er selbe unter vielen Umständlichkeiten ausgeklopft, gestopft und den Tabak in Brand gesetzt hatte, schritt er qualmend mit federnden Schritten den schmalen Steig entlang, aber nicht dem Dorfe zu.

Die jungen Leute, die auf so angenehme Weise die Zeit totschlugen, hatten es nicht gemerkt, daß sie schon längere Weile nicht mehr allein waren, daß jemand in den Garten getreten war und sich da zu schaffen machte.

Es war eine lange, hagere Magd, sie hatte ein leichtes Tuch nach vorne und hinten » zipfet« um den Kopf gebunden, so daß es von ihrem reichen tiefschwarzen Haar nichts sehen ließ, und wenngleich aus dem mürrischen Gesichte mit den herben Zügen ein Paar dunkle Augen brennend hervorleuchteten, so drückten doch die Brauen zu tief auf selbe herab. Die Kleidung, welche sie trug, verunzierte sie geradezu; dieselbe war freilich so reinlich wie nur möglich gehalten, doch schien sie in allen Stücken zusammengesucht; der Spenser mit dem langen Leib und den schmalen Ärmeln, der Rock, der ihr sackartig um die Beine schlotterte, und die plumpen Schnürstiefel ließen das Eckige und Derbknochige ihrer Gestalt über Gebühr hervortreten. Kurz eine Person, die nichts auf sich gab und ebensowenig auf andere zu geben schien.

Sie schritt an den Beeten hin, kniete an einzelnen nieder und jätete das Unkraut mit hastigen, aber sicheren Griffen aus, kein Wurzelstrunk blieb heil in der Erde zurück. Sie kam hinauf bis an das andere Ende und kniete jetzt dicht vor dem Holunderstrauch.

Sie horchte auf. Einen Augenblick flog ein höhnisches Lächeln über ihr Gesicht und sie murmelte: »Wenn man das Tschapperl machen ließ!?« Dann aber nahmen ihre Züge einen tiefen Ernst an und sie schüttelte mehrmal nachdrücklich den Kopf.

Die Leute im Ort sagten, über Hartingers Sixtin wäre nicht klug zu werden. Vor Jahren kam sie zu einer Zeit, wo sie auf dem Hofe überzählig war und ihr Teil Arbeit ihr von der der andern zugewiesen werden mußte. Bald merkte das Gesinde, daß sie sich noch nebenher, außer den Stunden, zu beschäftigen suchte und nahm ihr dieses »Schönmachen vor dem Dienstherrn« anfangs gewaltig übel; als man aber sah, daß sie dabei blieb, ob nun der Bauer um die Wege war oder nicht, da kannte man sich erst recht nicht mit ihr aus und zuckte die Achseln. Die erste Zeit ließ sich's der Hartinger angelegen sein, sein einziges Kind, die damals kleine Sopherl, von der Sixtin fern zu halten; er brauchte sich nicht lange darüber Sorge zu machen, denn die Magd hielt sich alsbald fremd zu dem Kinde, wie später auch zu der heranwachsenden Dirne. Jedes Jahr, wenn der Tag wiederkehrte, an welchem sie dermaleinst der Hartinger in seinen Dienst genommen, trat sie in aller Frühe zu dem Bauer in die Stube, zog die Türe hinter sich vorsorglich zu und verblieb eine kleine Weile mit dem Alten allein. Das fiel dem Gesinde auf, es verlegte sich aufs Horchen an der Türe und aufs Lugen durchs Schlüsselloch, um doch zu wissen, was die beiden miteinander hätten, und bald wußte man, daß es damit Jahr für Jahr, das eine wie das andere Mal folgenden Hergang hatte.

Die Sixtin sagte: »Guten Morgen, Bauer, mit dem heutigen Tage ist wieder ein Jahr um.«

»Ich weiß,« sagte er und nickte.

»Hast du mir etwas zu verweisen,« sagte sie, »oder eine Vermahnung, oder ein Begehr?«

»Nein,« sagte er, »hast dich brav g'halten.«

»So vergelt dir's Gott, Bauer,« sagte sie. »Jetzt geh' ich für dich beten.« Darauf griff sie seine Hand, küßte sie und ging geradenweges nach der Kirche. Den Bauer konnte man immer danach eine Weile nachdenklich am Fenster stehen sehen.

»Es ist nicht daraus klug zu werden,« sagten die Leute, »aber möcht' nur der Hartinger reden, der muß was wissen.« Sie hatten recht.

Es hätte sich ein Roman daraus machen lassen, gewiß – und verstünde ich mich dazu, die Vorgeschichte als Hauptgeschichte zu behandeln, so sollte der Leser so viel Herzweh und Jammer in Kauf bekommen, daß er es nicht für möglich hielte, eine Menschenseele vermöchte dies alles zu ertragen; denn nimmt es uns auch gar nicht wunder, wenn einer, der unter der Last von Schuld und Elend zusammenbricht, im Leben leben bleibt, im Romane verlangen wir was von Verzweiflung und Untergang, reinweiße Sterbehemden über sündige und unschön im Kampfe des Lebens zerfetzte Körper.

Ich verstehe mich aber nicht dazu, die Vorgeschichte zur Hauptgeschichte zu machen; und all das Herzleid und der Jammer war vor langem gewesen, und daß ein Anfang zu seinem Ende gemacht wurde, das geschah vor zwölf Jahren, als der Hartinger, damals schon Witwer, auf seiner Stube saß und einen Brief oft in der Hand hin und her wandte, den ihm sein hochwürdiger Herr Bruder, welcher Pfarrer in einem Provinzialkreisstädtchen war, geschrieben hatte.

»Ei mein', ei mein',« sagte der Hartinger, »er hat gut von Erbarmnis reden, der Bruder, ob er aber an meiner Stell' tät', wie er von mir verlangt? Soll da die Dirn' auf mein' Hof nehmen, die Sixtin, von der er schreibt, daß sie gerade aus dem Strafhaus kommt. – Und aus was für ein' Anlaß is sie drin g'west! O du heilige Gnadenmutter, schütz' du allzeit die arm' schwachen Weiberleut', schütz' mir auch mein Kind!«

Er blickte durch das Fenster hinaus auf den Hof, wo die kleine, damals vierjährige Sopherl mit glatten, bunten Kieseln spielte.

»Was könnt' ihr die wohl auch mit der Zeit abgucken? Mit der soll sie sich nur auch nix zu schaffen machen. Aber kommen lassen werd' ich's wohl müssen, der Bruder schreibt so dringlich, und ich kenn' ihn, er is a eigensinniger Ding. No, in Gott's Jesus Namen, er geb' sein' Segen dazu!«

Mit aller Bedächtigkeit fertigte er das Antwortschreiben aus und mit der nächsten Woche kam die Sixtin auf den Hof; sie sah damalen nicht anders aus wie heute, sie schritt auf den Bauer zu, meldete ihm einen Gruß von seinem hochwürdigen Herrn Bruder und sie wäre die, wie er wohl wisse.

»Ich weiß,« sagte er rauh. »Also du bist es? No, was ich einmal versprochen hab', das halt' ich auch.« Er bot ihr zur Bekräftigung die Hand und als sie dieselbe ergriff und küßte, da fühlte er, wie ihre Lippen krampfhaft zuckten und zwei schwere Tropfen rannen ihm über den Knöchel. Er trat zurück und sagte leutseliger: »'s hat dich hart angegangen.«

Da beugte sie sich noch tiefer, als wollte sie zusammensinken. In des Bauers Brust erwachte ein Gefühl, das jeden befällt, vor dem, wenn auch verschuldetes Elend in seiner ganzen ratlosen Angst und hilflosen Demut steht, rasch sagte er in begütigendem Tone: »No, sei halt g'scheit,« und wandte sich ab.

So war sie ins Haus gekommen, etliche, die sich in der Nähe verhielten, hatten kein Wort verloren, aber doch nichts ausgefunden. Nein, es war nicht klug zu werden über die Sixtin, die nämliche, die jetzt dort im Garten vor dem Holunderstrauch kniete, aus dem nun in aller Hast die kleine Dirne hervorbrach.

»Guten Abend, Sopherl,« rief die Magd sie an.

Die Füße wurzelten dem Mädchen an dem Boden, und wie es erschrak, das bewies die Rechte, die schnell nach dem hochklopfenden Herzen fuhr, doch blickte es trotzig und finster und sagte: »Hast gelauert?«

»Zufällig,« sagte die Sixtin, während sie sich erhob. »Nit mit Willen, aber nit ungern.« Sie trat näher und sagte zutraulich, indem sie Sopherl neckend in die Seite stupfte: »Suchst dir auch schon was Lieb's. Aber gelt, armer Hascher, die Zeit wird dir allmächtig lang werden, bis er fensterln kommt, der Steffel?«

Hätte der Hartinger die beiden beobachtet, er würde sicher geglaubt haben, nun gingen die schlimmsten Befürchtungen, die er der Sixtin wegen hatte, in Erfüllung und – er hätte ihr damit unrecht getan. Wollte die Magd dem Mädchen gegenüber sich als Sittenrichterin aufspielen, so gönnte ihr dasselbe kein gutes Wort, wenn überaus eines, und es blieb nichts über, als den Handel dem Vater zu verraten; dann aber wäre es an ein strenges Behüten und Aufpassen gegangen und dabei groß' Frage gewesen, ob sich 's dadurch mit der Dirn gebessert und wer es schließlich dem andern abgewonnen hätte. Die Sixtin dachte ihren eigenen Weg zu gehen und wenn es für sie auch ein Leidensweg war, darum fuhr sie in der angenommenen, zweideutigen Freundlichkeit fort: »Ja, ja, 's is noch a liebe, lange Weil' hin, aber wenn's dir recht sein möcht', so ging' ich mit dir auf dein Kammerl und da täten wir reden von lauter Liebssachen.«

»Weißt du auch davon?« kicherte die Sopherl.

»Ei freilich. Glaubst du, ich war all' mein' Zeit nur Haut und Knochen, wie jetzt? I bewahr'. Komm nur, komm. Ich verstör' euch nit, ich verhalt' mich kein Minuten länger, als sich schickt; wie sich unterm Fensterl was meld't, gewinn' ich die Tür.«

»Geh du, was du für eine bist, das säh' mer dir gar nicht an,« sagte Sopherl und legte ihren Arm um die Hüfte der Magd und zog sie mit sich vorwärts nach dem Wohngebäude; dieses stand so recht inmitten der ganzen Wirtschaft, nach rückwärts hinaus lag der große Garten und nach vorne ein geräumiger Hof mit Scheunen und Ställen, der durch ein großes Tor mit zwei Holzgatterflügeln abgeschlossen wurde; es war breit genug, um einen Heuwagen einzulassen. Unter dem Fenster von Sopherls Schlafkammer befand sich ein kleines Vorgärtel und hatte seine eigene, rings mit Latten benagelte Umfriedigung.

Während die beiden Frauenzimmer die Treppe hinanstiegen, stand der alte Hartinger vorne an dem Tore des Gehöftes im Gespräch mit einem kleinen, schmächtigen, glatzköpfigen Männlein; die Glatze ließ es eben sehen, weil es den Hut abgenommen hatte und sich den Schweiß abtrocknete, und wenn man den Filz, von der breiten Faust gehalten, mit seinen Rändern beinahe den Boden streifen sah, so merkte man wohl, daß die Arme des Kleinen etwas zu lang geraten waren; auf dem Rücken trug er eine Kraxe mit Warenkästen, lag einer über dem andern und ragten über den Träger hinaus, so lang oder so kurz der selber war.

»Du tust dein'm Kind Abbruch,« sagte das Männlein eifrig, »Gott will ich auf meine Seel' nehmen, daß du ihr Abbruch tust, wenn du ihr nichts kaufst. Solche Bänder, solche Tücher, solche Perlhalsschnür', wie ich diesmal ausbiet', so keine hab' ich selber noch niemal g'sehn. Aber freilich, ihr kommt mir jetzt immer mit der Red', ihr krieget alles in der Stadt wohlfeiler und ak'rat so gut. Das kriegst nit ak'rat, Bauer, so ak'rat nit, um alles Geld nit, dös hab' nur ich. Wann d' dir's nur anschaun möchst. Na, na, lass' mer's gut sein, vielleicht ein anders Mal; ich kenn' dich ja. Wann der Hartinger einmal nein sagt, so bleibt's nein. Ich glaub', wann dir der Sankt Peter 'n Himmel aufsperret und dir war's just nit g'legen, du gingest nit hinein. Na, lassen wir 's Geschäft für a anderes Mal. Aber a Wohltat tät'st mir schon, wenn d' mich heut über Nacht b'haltest, ich bin hundmüd'. Ja, ja, die Kräften lassen halt schon nach.«

Wär' eh' recht,« sagte der Bauer, »brächt' dir kein' Schaden. Da möcht' doch amal der leidige Raufteufel, von dem du b'sessen bist, von dir ablassen. Aber noch hört mer nit viel Friedsam's von dir, neulich af'm Kirtag zu Traunkirchen hast ja wieder a Wesen g'habt, daß's nach Schtandari und Bader ausgerennt sein.«

»Ei mein', was die Leut' reden, dös is alles übertrieben. A bissel lustig hab' ich mich g'macht, weiter nix.

Dö Paar, was da af'm Platz liegen blieben sein, dö hatten auch allein heim g'funden, wenn sie sich nit verstellt hätten. Wann d' heuttags nur ein' anrührst, so fallt er schon hin, is ja eh' gar kein' Freud' mehr dabei. – No, was is 's, laßt mich da?«

»Mein'tweg'n, aber mach' dich nur wieder zeitlich in der Fruh davon und stift mer nichts mit meine Leut' an, das wär' mir a schlechter Dank.«

»Ah, beileib', kannst dich verlassen.«

»Na, so komm und stell dein' Kraxen bei mir ein und dann such dir da in Scheun' oder Stade ein Platzel, auf Heu oder Stroh, wie d' willst. Nur geh mir in der Nacht nit in Hof heraus, von wegen dem Hund, weil der von der Kette is.«

»Hab' ja nix heraust z'schaffen und dann die Hund', dö brauch' ich kein' z'fürchten, die tun mer nichts, dö gehen mer alle zu.«

Mit dieser Versicherung folgte der Hausierer dem voranschreitenden Bauer. Sie kamen an der Hundehütte vorüber und das Tier fuhr, wie es in seiner Gewohnheit lag, auf den Fremden los, ließ sich aber sofort durch ein paar Schmeichelworte desselben begütigen, stand dann eine Weile und sah ihm, wie aufmerksam, nach, ehe es langsam, seine Kette nachschleifend, auf sein Strohlager zurückkehrte.

Oben, in Sopherls Schlafkammer, saß die Magd auf der Gewandtruhe neben der Tür und das Mädchen auf einem Schemel zunächst dem Fenster, es strich die Schürze glatt und sagte: »Du wolltest mir ja erzählen. Sixtin.«

»Freilich, wie ich es mit der Lieb' getroffen hab', sollst hören. Ich hab's nur einmal versucht, aber ich hab's bei dem ein' Mal verbleiben lassen; es war keine herztreue Geschichte, etwa wo eins, das nimmer wiederkommt, unser Lieb' mit ihm nimmt, sei es in die Fremd' oder ins Grab, nein, nein, nun, du wirst es wohl hören.

Ich war in dein' Jahren so scharf nach heimlicher Freud' aus wie du. Gewachsen war ich damals schon so hoch wie heut', nur voller und kräftiger hab' ich ausgesehen und das Bewußtsein von meiner Sauberkeit und Stärk' is mir so lebensfreudig durch jede Ader gelaufen, daß ich an die härteste Arbeit, wo andere schwer zugriffen, nit anders als lachend und singend gegangen bin, und die Füß' unter mir sind mir aufgehüpft, als sollt's dabei auch getanzt sein; ich war kein klein wenig froh- und hochmütig und niemand mir gleich. Wie gering sind mir nicht die meisten Burschen vorkommen! War ich als Weibsbild baumlang, so hat's wohl einer sein müssen, so hoch wie ein Haus. Der hat sich auch gefunden, war auch sonst nichts an ihm, war er gleich nur ein armer Knecht und sagten ihm die Leut' Dummheit und Faulheit nach, die Haushöchen und die Stärken hat er gehabt, und so hat er mir getaugt, jedes hat eben sein Gusto, und du wirst ja auch wissen, weshalb dir gerade der Steffel ansteht.

Z'haus war ich schon dadurch behüt' und geschützt, daß ich auf meiner Kammer mit der jüngeren Schwester in einem Bett hab' schlafen müssen. Aber einmal haben wir, ich und der Bursch, es hinterrücks aller Welt verabredet und uns heimlich tief drinnen im Wald zusammengefunden. Ei ja, da war's freilich, als hätte alle Vernunft und alles verständige Besinnen ein brünstiger Hirsch auf sein Geweih genommen und in alle Weite davongetragen. Wie der Bursch gekommen ist, hab' ich keinen Schreck empfunden und sein Gehen war mir gleich. Aber das hab' ich nit bedacht, daß von unsereiner ein Bursch weggehen kann und bleiben doch zwei zurück.

Daß es mich so betroffen, das merkte ich gar bald, und wie mir da war, das läßt sich nicht aussagen. Wenn ich manchmal so weltverloren dagesessen bin und es wollte mich überkommen bis in die tiefste Herzfalte hinein, so fürchtig und so freudig wie ein ehrlich Weib, da schreckte es mich plötzlich auf: du bist kein ehrlich Weib, das in dem Fall offen vor aller Welt dahergehen kann und dem jedes das Fürchten ausreden und das Freuen einreden will, du bist kein ehrlich Weib, denn du hast dich mit keinem zusammengetan in Treu' und Züchten, und für später in Sorgen und Mühen um euer eigenes Fleisch und Blut, dir war nur um die Kurzweil, der du nit weiter gedenken wolltest als eines Schelmstückes, und darum ist der ehrlichen Mutter ihr Hoffen, ihr' Segen, ihr' Ehr', – deine Furcht, deine Straf, deine Schand'! – –

Ich hab' meinen Zustand verheimlicht, solang' es angegangen, endlich aber hab' ich ihn vor der Mutter nimmer verbergen können, sie war ein rechtliches, strenges Weib, und hat noch am selben Abend dem Vater alles offenbart, der hat im ersten Zorn die Hacke an sich gerissen und wollt' mich erschlagen, wär' sie nicht gewesen und dazwischen getreten. Hätt' sie's doch zugelassen, hätt' sie's doch! Der Vater hat mich geheißen, mein Bündel schnüren, ich hab' kein Wort dagegen aufzubringen vermocht. Hätt' ich mich auf die tausend andern berufen, die gleich mir gefallen wären, – ich wußte zum voraus seine Antwort, er brauchte mir nit erst zuzuschreien: Die tausend andern machen dich nit besser, du bist nun eben eine wie sie! Hätt' ich mir sollen das unvernünftige Vieh zur Ausred' nehmen? Das wollt' mir nit von der Zunge; damit hätt' ich mir selbst die schwerste Schuld gegeben. So bin ich dahingelegen vor dem Schrein auf dem Boden und über jedem Stück, das mein war, hab' ich mich gewunden mit Händeringen und herzstoßendem Schluchzen, aber meine Elternleut' sind auf ihrem Willen verblieben und zum Abschied haben sie mir zwar nicht geflucht, aber jedes Wort, selbst'n ›B'hüt' Gott‹ versagt; am wehesten ist mir geschehen, wie ich meiner Schwester die Hand hab' geben wollen und die hat beide Arme hinter sich gezogen, als könn' sie meine Berührung verschänden. Nun wohl, recht, sie hat sich ja an meinem Beispiel verschrecken sollen.

So bin ich fort, fort vom Elternhaus. Mich hat es hintrieben nach dem Hof, wo der Knecht im Dienst war; das mußt' ich ihm doch sagen, wie mir geschehen ist und was ich um seinetwillen erleid'. Den Nächstbesten, der mir über den Weg gelaufen ist, hab' ich geschickt, ihn abzurufen, denn daß mir zu der Stund' an nichts gelegen war, nit an der Welt und allen Leuten darauf, das kannst dir wohl denken. Der, den ich angeredet hab', hat mich bös angelacht und dann breit ausgespuckt, bevor er ging; nach einer Weile kam der Knecht, der hat zwar nicht gelacht, noch vor mir ausgespuckt, aber dagestanden ist er wie ein Klotz und hat mich all meinen Jammer in ihn hineinreden lassen. Darauf hat er mich bedeutet: Was ich erleiden tät', das wär' gerad' nit seinetwillen, denn willige Dirnen erlitten das um den einen oder den andern und wär' just nit die Frag', um was für einen. Und darum nähm' sich's kein Bursch besonders zu Herzen, wenn käm', was bei einem solchen Handel, wie ja beide Teile vorauswüßten, kommen könne!

Ja, er war just nit so dumm, wie ihn die Leute machen wollten. Ich wandte mich ab von ihm und ging. Wohin? In die weite Welt. Da geht einem doch der Weg unter den Füßen nit aus. Zu später Nachtzeit bin ich in den Wald gekommen und fort und fort gegangen und mit frühem Morgen herausgekommen, wo ich mich nimmer ausgewußt hab'. Da bin ich neben einem Busch am Grabenbort hingesunken, unter mir haben die Wiesen von Leuten gewimmelt, sie haben rasch das Heu eintun wollen, denn am Himmel sind schwere Wolken gestanden und es hat in der Ferne gebrummelt. Dort beim Busch am Grabenbort hat mich die schwere Stund' überrascht, unter Donner und Blitz und Regenschauern hab' ich ein Kind geboren, daß es ein Knabe war, hab' ich später öfter hören müssen; als es da war, hab' ich keine Frage darnach getan. Ich dachte nur, daß ich es nicht ernähren könne. Sollte es heranwachsen in Entbehrung und Blöße, ein fortwährendes Erinnern an meine Schand', mir eine Last und der Welt zu nichts gut, als darin herumgestoßen zu werden und seine Mutter verachten zu lernen, wie es selber von den Leuten verachtet wurde?! Neben mir lag der Graben voll Regenwasser, dahinein hab' ich es fallen lassen.« »Jesus und Josef, Sixtin!« schrie Sopherl auf.

Die Magd bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, obwohl es zu dunkel geworden war, um ihre Züge unterscheiden zu können.

Nach einer Weile fuhr sie fort: »Ich hab's getan. Es is nit anders, nein, es is nit anders, als gäb' es wirklich ein' höllischen Erzfeind und der sitzet in unserer finstersten Herzfalten und gewinnet Macht in böser Stund', wo uns Allerärgstes durch die Gedanken schießt, zu kommandier'n: Tu's! Daß der Mensch hintnach dem Geschehenen verzweifelt aufschreit: Wie hab' ich das tun können?! So war mir's im Wald voreh' und hernach am Grabenrand. Ich hätt' vielleicht das Kind den nächsten Augenblick danach gern wieder herausgefischt, aber dazu war ich nit mehr mächtig; vor Erschöpfung, Schmerzen und Herzweh sind mir die Sinne vergangen und da – da war wieder alles gut, wär's nur auch geblieben.

So aber haben's mich aufgefunden, nach'm Spital geschleppt und dann vor die Gerichte gestellt. Fünf Jahre bin ich im Strafhaus gesessen, sie sind mir schnell vergangen, denn wieder zurück in die Welt hab' ich mich gefürchtet. Meinen Eltern durfte ich nit kommen; der Strafhausverwalter hatte ihnen einen Brief geschrieben und sie haben sich meine Heimkehr verbeten. So bin ich denn, wie ich wieder außen war, dagestanden, ehrlos, scheu vor Leuten, wie die gegen mich, mutterseelenallein! O, daß ich da durch ein Wunder Gottes mein Kind hätt lebend antreffen können, ein Etwas, ein Einziges, das mir zulacht und mir die Arme entgegenstreckt – aber nein, Sopherl, nein, daß ich nit lüg', das war nicht mein letztes Wünschen; wieder hätt' ich's so haben mögen wie damal am Grabenbort und niemand hätt' mir nachsagen sollen, daß ich es, dem Kind schlechter vermeint' wie mir, ich hätt' mich mit ihm ersäuft, und das wär' wohl das beste gewesen für uns all zwei!«

Sopherl war aufgestanden, sie faßte den Kopf der Magd zwischen beide Hände. »O du Hascher, du armer Hascher, du, was mußt du ausgestanden haben?!«

Sixtin saß schweigend, plötzlich hob sie unter den Händen des Mädchens den Kopf empor und sagte leise: »Jetzt dürft' wohl bald dein Bub' kommen.«

Sopherl sprang ans Fenster, zog die schweren Läden herein und riegelte sie zu, dann setzte sie sich wieder auf den Schemel. »Sag nur weiter, wie es dir ergangen ist.«

»Wohin mich Ratlosigkeit und Verzweiflung geführt, wozu sie mich schließlich gebracht hätten, das will ich nit ausdenken. In meiner höchsten Not erfahr' ich mit einmal, der Pfarrer aus unserm Ort sei während meiner Strafzeit in die nämliche Kreisstadt, wo das Gefangenhaus war, versetzt worden. Wie ein Fingerzeig vom Himmel ist mir das gewesen, zu ihm bin ich hingegangen, er hat durch die heilige Beicht' um mein erstes Verschulden früher gewußt als meine leibliche Mutter, und vor ihm bin ich auf den Knieen gelegen und habe ihn mit aufgehobenen Händen gebeten, wenn ich mich auch seither noch viel, viel schwerer versündigt hätte, er möchte mich doch nit an Gott verzweifeln lassen, vor dem ja allein alle Sünd' und aller Jammer Gnad' und Erbarmen finden.

Der hochwürdige Herr – Gott lohn' es ihm – hat an deinen Vater geschrieben und der hat mich daher auf seinen Hof kommen lassen, all mein Vergehen und Verschulden ist bei ihm wie unterm Beichtsiegel gelegen und ich hab' wieder mit Menschen umgehen dürfen. Das vergess' ich ihm nicht, solang' ich das Leben hab', und dafür bet' ich zu Gott, daß er es ihm vergelte mit guten Tagen auf Erden und dermaleinst im Himmel droben. Daß ich aber dich, sein Kind, sein einziges Kind dabei betroffen hab', den ersten Schritt auf dem Weg zu tun, den ich gegangen bin, das hat mir meine Geschichte aus der Seel' und dem Herzen herausgerissen. Zu was wär' denn all der Jammer in der Welt und zu was erlitten wir ihn denn, wenn es nicht einmal zu einer Lehr' und Mahnung für andere gut wär'?! Sopherl, laß dich bedeuten, glaub nit, ich wüßt' nit, wie das Blut dagegen rebelliert und braust, bis es im Ohr klingt, als wollt' es keine vernünftige Einred' gelten lassen, aber denk an mich, denk an die arme Sixtin, bei der es auch nur der eine, einzige Schritt war, den du heut' vorgehabt, der sie bergunter geführt. Bedenk, was eben wir bedenken müssen, daß durch uns leicht eins mehr in der Welt zählt und dann besinn dich, was du all Liebes und Gutes von Kind auf bis zum heutigen Tag im Elternhaus genossen hast, und du wirst wünschen, daß es dein Kind nicht schlechter habe; dazu braucht's aber auch ein Vaterhaus und zwei, die sich an seiner Wiege freuen.«

»Sixtin! – Ich will uns nur schnell ein Licht machen. – Du bleibst heut' bei mir und auch für künftig brauchst bloß: gluck, gluck zu rufen, so renn' ich dir unter die Flüg' wie die Küchlein der alten Henn'. Du bist doch eine gute, rechtschaffene Sixtin, du! Hast du's wohl gemerkt, Sixtin, daß der Vater jetzt so viel weiße Haar kriegt? Schau, ich mein', er tät' mich nit fortjagen, aber ihn brächt's etwa gar in d'Erd.«

»Sopherl, – mußt nit so närrisch tun, weil ich dir die Hand' küssen will. Du weißt nit, was du mir für eine Wohltat erwiesen hast! Mein' ich ja doch, ich hätt' dein'm Vater all sein' Wohltat und Menschlichkeit ein klein wenig vergolten, weil du dich hast abreden lassen. Dafür segn' dich Gott, bescher' dir ein' braven Mann und Kinder, an denen du Freud' erlebst.« – –

Außen lag weithin stille, laue Nacht. An dem Zaune, längst dem Garten, strich ein Bursche dahin und pfiff ein Liedel, bis er zu dem Holunder kam, da stellte er das Pfeifen ein und lachte den Strauch vertraulich an; dann schlich er lautlos weiter bis zum Vorgärtel, kaum hatte er dort einen Fuß über die Umfriedung gesetzt und wollte den andern sacht nachziehen, so knarrte das kleine Gartentürchen, das meist nur angelehnt stand, und durch die Dunkelheit schoß etwas auf ihn zu. Rasch zog er das Bein zurück.

»Das is das verhöllte Malefizvieh, der Phillax,« murmelte er. »Auf den hab'n wir ganz vergessen. Phillaxl, geh, geh, sei ein g'scheites Hunderl, wirst mich ja wohl kennen, mich, 'n Auhofer Steffel?« Wieder versuchte er es, mit einem Fuße über den Zaun zu setzen, diesmal aber mit aller Vorsicht und allem Bedacht.

Der derbe, breitgebaute Köter hüpfte vor Aufregung fortwährend mit den Vorderbeinen fingershoch vom Boden empor und hielt den Kopf immer schiefer, je näher ihm die Wade des Burschen kam; er zeigte offenbar die Absicht, wenn sie ihm bequem läge, zuzuspringen und hineinzubeißen. Es war ihm anzumerken, daß er nicht gesonnen sei, das Lob eines guten Hunderls zu verdienen und Tagesbekanntschaften zur Nachtzeit zu respektieren. Er fuhr zu, mit einem unterdrückten Schrei sprang der Bursche zurück.

»Du Himmelsherrgottsvieh,« sagte er, und so böse das auch gemeint war, so war es, im Grunde genommen, doch nicht geschimpft. »Du Himmelsherrgottsvieh, wenn ich dir mit einem Stein den Schädel einwerfen könnt', daß du umfallest und hin wärst, das geschäh dir recht; aber wenn ich dich verfehl', so heulest mir 'n ganzen Hof wach. Phillaxl! Hörst? Geh her da, schön herein!«

Er warf dem Hunde Brot zu, das er zufällig in der Tasche vorfand, und während der fraß, stieg er über den Zaun. Als Phillax die Brocken versorgt hatte und den Eindringling im Gärtchen stehen fand, wie einen, der hereingehört, da ließ er sich die Tatsache gefallen, nur schnoberte er scharf an ihm herum und der Bursche zitterte unwillkürlich, so oft er die kalte Nase und den warmen Hauch an seinen Waden verspürte. Endlich wandte sich Phillax ab und trabte in wiegendem Gange stolz zum Gartentürchen hinaus.

Steffel atmete auf und jetzt erst wagte er es, zu dem Kammerfenster seiner Liebsten aufzublicken. Alles dunkel, nur die herzförmigen Ausschnitte der Läden waren grell beleuchtet. Daß die Dirne das Fenster verschlossen hielt und Licht brannte, befremdete ihn nicht wenig, aber er redete sich zum Troste ein, daß sie wohl erst rechtschaffen gebeten sein wolle, und dann konnten ja auch die beiden feurigen Herzen, die da oben brannten, von guter Vorbedeutung sein.

Also räusperte er sich, schöpfte Atem und legte los:

»Mein herzallerliebster Schatz,
Da wär' ich schon am Platz,
In lodern' Janker, in lederner Hosen,
Tu' mer hitzt a klein wengerl zulosen.
Erst hätt' ich dich viel schön 'beten,
Tu' auf deine Fensterläden,
Dann tu's Licht ausmachen.
Denn ich bring' lauter heimliche War' und Sachen.
Ich will mich ans Weinberg'lander stemmen,
Daß mer sicher zueinander kämen,
Zum Fenster werd' ich einirutschen,
Af mein' Knie will ich dich hutschen,
Dich ans Herz drucken,
Mich an dich anischmugen – – –«

Da es oben beharrlich still blieb und weder Ermunterung noch Widerrede sich hören ließ, so spann Steffel seinen Gasselspruch ins Endlose fort, wobei er, was leider gesagt werden muß, in unverblümtester Weise die gewagtesten Ansinnen vorbrachte, die jemals an eine Dame gestellt werden können. Zuweilen unterbrach er sich mit einem gemurmelten »'s rührt sich noch allweil nix«, oder »Hitzt könnt's aber doch a schon bald was dergleichen tun«; dann schob er wohl eine mitleiderweckende Stelle in seinen Spruch ein:

»Der Hund hat mich 'bissen,
Hat mer d' Hosen zerrissen,
Und der Wind, der blast kalt:
Wann d' mich nit einlaßt bald,
So muß ich verfriern – –«

oder er drohte:

»Zahl' nur gleich, was d' mer schuldig,
Meine Rapperln werd'n schon ungeduldig,
Springen sonst übern Zaun
Und rennen davaun!«

Leider wußte es Steffel nicht und konnte es auch nicht wissen, was für eine Mispel sich der Hartinger über heutige Nacht in das Stroh gelegt hatte. Plötzlich ward es in einer nahen Scheuer lebendig.

»Du Sapperments Lalli!« rief eine Stimme.

Der Bauer etwa? Mit einem Satz war Steffel an dem Zaun.

»Wann dich d' Dirn schon nit zulassen will, so scher' dich doch einmal zu'n Teuxel!«

Der Bauer war's nicht, etwa der Großknecht? Hm, ein bärenstarker Kerl, nicht gut anbinden mit dem. Also hinüber übern Zaun. Steffel glitt aber dabei über eine Stelle, wo die Nägelenden nicht verklopft waren und hervorstachen, er zuckte schmerzhaft zusammen und saß fest. Was das auch für eine liederliche Wirtschaft ist, kennen wohl gar keinen Hammer auf dem Hof. »Ös »Neuntöter, ös!« Neuntöter ist der Name eines grausamen Vogels aus der Klasse der Würger. Man glaubt von ihm, daß er täglich neun Vögel töte. rief er zornig.

»Tu du noch groß dein Maul auf,« sagte der Hausierer, »mach lieber fort. Laßt mich der Bauer da um Gott's will'n in sein Stroh liegen und führt der Teuxel so ein' Marzikater daher, daß mer vor Lieb'sg'woisel nit einschlafen kann!«

Was? Also weder der Bauer, noch der Knecht, sondern ein ganz fremder Herumstromer! Der Hausierer stand neben dem Gärtchen nahe genug, daß seine kleine Gestalt und seine leuchtende Glatze auffielen. Steffel löste sich mit einem Ruck vom Zaune los, Blut war einmal in der Sache geflossen – wenn auch nicht Herzblut – und es kam ihm ganz erwünscht, daß sich ein Gegenstand fand, an dem er all seinen Ingrimm über die bittere Enttäuschung und erlittene Unbill auszulassen gedachte. Keck trat er aus dem Gärtchen in den Hof. »Du,« rief er, »wenn d' dich traust, so komm her!«

»Bin schon da,« war die Antwort, und zugleich fühlte sich Steffel an der Schulter von einem Faustschlage gestreift, dessen Wucht ihn etwas stutzig machte. Der anerkennenswerten Bereitwilligkeit gegenüber, mit der das Männlein der Einladung folgte, schien letztere doch ein wenig voreilig gewesen zu sein.

Steffel hatte aber keine Zeit, darüber nachzudenken, zwei lange Arme umfaßten seine Hüften, er fühlte sich gehoben, aber nicht im Bewußtsein, denn das sagte ihm, all das geschähe nicht zu seinem Besten, sondern um ihn so nachdrücklich wie möglich an die Erde zu werfen.

In dieser Not verfiel er auf einen rettenden Gedanken, er hatte die Arme frei und unter ihm in der Magengegend ruhte der Kopf des Hausierers, angeschmiegt wie der eines Arztes an den Busen einer leidenden Dame oder eines Anbeters an dem einer gesunden, auf den kahlen Schädel paukte er nun mit beiden Fäusten los. Von einer Heimzahlung mit gleicher Münze hielt er sich bei seiner Körperlänge für sicher, denn er vergaß auf die Langarmigkeit seines Gegners, der ihm denn auch plötzlich eine sogenannte »Kopfnuß« hinauflangte; sie konnte selbst in Gegenden, wo man die ausgiebigsten schlug, zu den seltenen gezählt werden. Steffel verlor sofort das Interesse an einem fremden Schädel und griff nach dem eigenen, das gab dem Hausierer Gelegenheit, seine ursprüngliche Absicht auszuführen und den Burschen zu werfen.

»Na, gibst dich?« sagte er zu ihm, der Paar Schritte weiter längelang auf dem Boden lag.

»Nein,« keuchte Steffel.

»Ah, du meinst, 's g'wöhnt sich? Gehn mer's halt nochmal an.« Er sprach ebenfalls mit gedämpfter Stimme, aber nicht vor Erregung oder Erschöpfung, sondern weil er jeden Lärm scheute und ihm daran lag, die Sache, zwar durchaus nicht gütlich, doch in aller Stille abzumachen.

Kaum war aber der Bursche wieder auf den Beinen, so fiel er wütend mit Fäusten und Füßen den Hausierer an, gedachte auch Nägel und Zähne zu gebrauchen, doch der Kleine erwehrte sich seiner beizeiten, drängte ihn ruckweise nach einem Winkel und zwängte ihn dort in eine Stellung, welche nicht erlaubte, viel Schaden zu tun, dagegen für begütigendes Zureden und was sonst mit abfiel, sehr empfänglich machte.

»Ja, Bürscherl, Bürscherl, wann du mir so kommst, so muß ich dir auch anders kommen. – Siehst? – Na, halt still, zappeln hilft nix. – Besser, ich treff, wo ich hinziel', als es geht nebenaus, wo ich selber nit hindenk'.

– Geh – geh – schau du, was praktisierst denn da aus der Hosentaschen? – A Messerl? – Wirft's gleich doni? – Schau, Büberl, da muß ich dir ja 's Fäusterl am Zaun aufklopfen wie a Haselnußerl, daß mer's Kernderl krieg'n. – Na, siehst, jetzt liegt's enten im Klee.

– Is dir drum und hast Zeit, kannst ja morg'n 'n Acker abgehn. – Aber schau, was du nur gleich für a Unheil anstiften möchst! – Na wart', – weil d' es gar so gut mit mir meinst, du Safferment ...!«

»Laß mich gehn, laß mich geh«,« schrie der Bursche.

»Na siehst, Bürscherl, so g'fallst mer. – Nur g'scheit sein. Der Mensch muß a Einsehn hab'n, wann er was g'nug hat oder ihm z'viel wird. – Da nimm noch a Paar af'n Heimweg, daß d' dich warm haltst – und eine – eine noch laß dir geben, weil ich dich just so schön dahab', – wer weiß, wann mer wieder so z'sammtreffen. – Wird dir halt jetzt schwer werden, übern Zaun z'kraxeln? – Na, hup, – bist drenten!«

Nachdem Steffel über den Zaun geworfen worden war, lag er längs des schmalen Fußsteiges auf beiden Ellbogen und beiden Knieen und hielt den Kopf, wie nachdenklich, zur Erde gesenkt. Es war gut für ihn, daß er nicht etwa auf- und zurückblickte, sonst würde er bemerkt haben, daß die Läden des Kammerfensters jetzt offen standen. Die Dirne hatte es mit angesehen, wie ihm da mitgespielt wurde, und hätte noch ein Restchen Vorliebe für ihn existiert, es würde sich in unfruchtbares Mitleid verwandelt haben. Er hatte auf dem Hartingerschen Gehöft nichts mehr zu suchen.

Daran dachte er selbst nicht mehr. Aber darüber schien er jetzt schlüssig geworden, daß auf allen Vieren doch schwieriger nach Hause zu kommen sein dürfte, als auf seinen zwei Beinen. Er raffte sich auf und ging dem Dorfe zu. Das Wasser schoß ihm in die Augen, zu öfteren Malen seufzte er schwer auf und es stieß ihn wie von verhaltenem Schluchzen. So schritt der » flehnende Bub« dahin. In seiner Brusttasche klirrten die Scherben der zertrümmerten Pfeife und in hellem Entsetzen griff er jetzt nach der Westentasche, in welcher er die Uhr trug, die er von seinem älteren Bruder entlehnt hatte, es war ein altehrwürdiges Erbstück in der Familie, eine weitbauchige Zwiebel, sie repetierte die Stunden mit feinem Klange und sollte ihn heute in seinem Glücke an die Flucht der Zeit mahnen. Der bauchige Deckel war platt geschlagen, das Uhrglas darunter zertrümmert und die Splitter hatten die Zeiger abgesprengt. Steffel drückte ängstlich an dem Knopfe – dem Unglücklichen schlug keine Uhr!

Am anderen Morgen erzählte man im Ort, vergangene Nacht wär' der Auhofer Steffel im alten Steinbruch ausgeglitten und hätte sich arg zerkugelt.

An demselben Morgen aber trat die Sixtin in Hartingers Stube, sie zog vorsorglich die Tür hinter sich zu, dann sagte sie:

»Guten Morgen, Bauer; mit dem heutigen Tag ist wieder ein Jahr um.«

»Ich weiß,« sagte er und nickte.

»Hast du mir was zu verweisen,« sagte sie, »oder eine Vermahnung oder ein Begehr?«

»Nein,« sagte er, »hast dich brav gehalten.«

»So vergelt' dir's Gott, Bauer,« sagte sie. »Jetzt geh' ich für dich beten.« Darauf griff sie seine Hand und küßte sie, ging nach der Türe, als sie dort nach der Klinke griff, warf sie einen Blick nach dem Alten zurück, nickte zufrieden mit dem Kopfe und murmelte: »Dös meinst wohl nie, daß die alte Sixtin für dich einmal mehr hat tun können, als nur beten!«

Erst Jahre danach sollte der Bauer davon erfahren. Es war eines Abends, Sopherl, die mittlerweile geheiratet hatte, saß neben ihm und er schaukelte deren Ältestes auf seinem Knie; da erzählte sie ihm mit im Eifer des Sprechens und vor Geschämigkeit erglühenden Wangen, was sich damaleinst zugetragen. Sie hatte auch Anlaß dazu, denn es war am Abende desselben Tages, an dessen Morgen sie Hartingers alte Sixtin begraben hatten.








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