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Hansis Europareise

Käthe van Beeker: Hansis Europareise - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorKäthe van Beeker
titleHansis Europareise
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
addressStuttgart
volumeNr. 585
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100313
projectid14b8ff19
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Der Schnellzug, der von München aus die wander- und reiselustigen Leute ins schöne bayerische Hochgebirge führt, ist zur Sommerzeit immer ziemlich besetzt.

Personen mit viel Handgepäck und breitem Körperumfang sind in ihm weder willkommen, noch finden sie selbst, was ihren Wünschen und ihrem Verlangen genügt.

Da waren nun die drei Passagiere, die eben in den zu den einzelnen Wagenabteilen führenden Gang traten, ganz ideale Reisende. Der voranschreitende Herr trug nichts als einen Überzieher auf dem Arme; die ihm folgende, sehr hagere, langgewachsene Dame hielt als einziges Gepäck ein zierliches, rundes Deckelkörbchen in der Hand; und das dunkelhaarige, schlanke Backfischchen, das so leicht und gewandt die Wagenstufen nahm, schien auch nicht gerade niedergedrückt von der Last zweier Schirme und einer mäßigen Reisetasche.

Trotzdem mußte die Gesellschaft die ganze Reihe des Wagens entlang wandern, ohne Platz zu finden. Alle Abteile waren schon so besetzt, daß drei Personen nicht mehr hinein konnten. Endlich, im letzten, saßen nur eine Dame und ein Herr.

»Da ist noch Raum für uns,« winkte die vorangeeilte Kleine.

Die am Fenster sitzende Dame machte ein unfreundliches Gesicht. Sie hatte neben und über sich alles mit Köfferchen, Körbchen, Kissen und Mänteln belegt und dachte nicht daran, irgend etwas fortzurücken, sondern sah starr nach der Seite und überhörte die höfliche, mit etwas fremdländisch klingendem Akzent gestellte Frage des jungen Mädchens: »Sind diese Plätze besetzt?« vollkommen.

Die Kleine wiederholte den Satz in englischer Sprache und etwas lauter.

Wieder keine Antwort. Statt dessen sagte der in der gegenüberliegenden Ecke sitzende Herr, den ihr fragender Blick jetzt streifte, lächelnd: »Soviel ich weiß, sind außer den beiden mit Menschen besetzten Plätzen alle frei.«

»O danke, mein Herr. Ja, Miß Holymat, hier ist Raum. Bitte, wollen Sie Ihre Sachen von dem gegenüberliegenden Sitz forträumen? Die Dame verträgt nicht rückwärts zu sitzen,« wandte sie sich höflich, aber ganz bestimmt, an die noch immer laut- und gefühllos dasitzende Mitreisende.

»Da ist ja überall Platz,« gab diese nun mürrisch und widerwillig ihre Taubstummheit auf, ohne ihre Sachen anzurühren.

»Ja, aber die Dame will am Fenster sitzen.«

Flink packten die kleinen, festen Hände zu, um der eintretenden Begleiterin Platz zu schaffen.

Mit einem wütenden Auffahren riß die Fensterdame ihr Gepäck an sich.

»Fassen Sie meine Sachen nicht an! Der Korb – rühren Sie ihn nicht an, den Korb! Wie die Heringe wird man zusammengepreßt! Nicht einmal die notwendigsten Kleinigkeiten kann man bergen! Bei der Hitze, wo es sicher ein Gewitter gibt. In überfüllten Räumen entladet sich die Elektrizität am schnellsten,« sprach sie laut und zornig dazwischen.

Die große, hagere Dame, die sich eben schüchtern auf den freigemachten Sitz niederlassen wollte, fuhr erschreckt zurück.

»O, Mister Uildes, ich möchte nicht haben eine Blitzschlag in dieses Zug. Ich möchte verlassen dieses Zug und uarten, bis ist verganget das Geuitter,« rief sie ängstlich dem hinter ihr eintretenden Herrn zu und machte ein paar Schritte rückwärts nach der Türe.

In diesem Augenblick setzte sich der Zug in Bewegung.

»O, es sein zu spät!« Mit einem kläglichen Seufzer sank die Miß auf den Sitz zurück. »Uir uerden haben eine Blitzschlag!«

»Woher denn? Warum?« fragte Mister Wildes überrascht und legte seinen Überzieher in das Wagennetz. »Es ist ja gar kein Wölkchen am Himmel!«

»Vielleicht aber hier im Coupé,« lachte das junge Mädchen leise, mit schelmischem Spott auf, und der gegenübersitzende Herr, der ihr vorher so freundlich Bescheid gegeben, erwiderte ihren lustigen Blick mit einem amüsierten, verständnisvollen Lächeln.

»Bleiben Sie nur ruhig sitzen,« fuhr Herr Wildes fort, »Wir haben hier sehr bequem Platz. Ich gehe gleich auf den Gang hinaus und Hansi wird wohl auch nicht lange drin bleiben.«

»Herrgott, rücken Sie doch nicht so nah ans Fenster! Sie stoßen ja unten meinen Korb um, den ich Ihretwegen gerad' forträumen mußte,« fuhr die unliebenswürdige Reisegefährtin zornig auf und schob die Füße der verstörten Miß heftig zur Seite. »Es ist etwas Zerbrechliches drin, der Korb muß geschont werden!«

Die Miß, auf deren langem, schmalem Körper ein langer, schmaler Hals und über diesem ein winzig kleines Gesichtchen saß, dem ein Paar sehr hochgezogene, stark gewölbte Augenbrauen einen seltsam verwunderten und ängstlichen Ausdruck gaben, sah erschreckt und schuldbewußt auf ihr eigenes Körbchen nieder, das sie besorgt auf ihrem Schoß hielt, und rückte gehorsam weit vom Fenster weg.

Aber Hansi, die Dreizehnjährige, die ein sehr mutiges Herz und ein starkes Rechtsgefühl in sich trug, war bei der erneuten Ungezogenheit der fremden Dame ganz rot vor Unwillen geworden und sprach jetzt heftig in englischer Sprache zu ihrer Genossin hinüber: »Aber, Miß, Sie werden sich doch nicht von dieser ungezogenen Dame einschüchtern lassen! Sie haben ein Recht aus den Platz am Fenster. Was geht Sie der Korb an. Nicht wahr, Pa?«

Der angerufene Pa hatte sich schon, wie er vorher ankündigte, in den Gang begeben, konnte also seiner kleinen, erzürnten Tochter nicht beistimmen, und wieder wandten sich deren Augen, Hilfe und Zustimmung heischend, an den still vor sich hinlächelnden Fremden.

Er nickte ihr freundlich zu: »All right, Miss –«

Im selben Augenblick ein erschreckter Doppelschrei vom Fenster her.

Bei dem ermutigenden Anruf ihres Zöglings hatte die lange Miß einen energischen Ruck nach dem umstrittenen Fenster zu gemacht und dabei heftig an den untenstehenden Korb gestoßen, in dem etwas Zerbrechliches sein sollte. Der Korb war durch den Stoß ins Kippen gekommen und das Zerbrechliche mit einem zwischen Knurren und Kläffen schwankenden Ton aus ihm heraus und auf den Schoß der Miß gesprungen.

Laut aufschreiend vor Schreck schnellte diese in die Höhe und ließ dabei ihr ängstlich gehütetes Körbchen fallen, aus dem sich im Fallen ein kläglich miauendes, schneeweißes Etwas rollte und im nächsten Augenblick unten am Boden des Coupés mit gesträubtem Fell und funkelnden Augen vor dem niedlichen, schwarzbraunen Rehpinscher stand, der sich als das Zerbrechliche des anderen Korbes entpuppt hatte.

Wahrend die beiden Besitzerinnen der blinden Passagiere noch erstarrt vor Schreck dastanden, tönte von unten herauf ein durchdringendes Bellen und wütendes Fauchen, man sah blitzschnell ein Paar weiße Pfötchen um ein Paar schwarze Öhrchen fliegen, der Pinscher duckte sich aufheulend nieder und das Kätzchen sprang blind und wild vom Boden auf den Schoß der Hundebesitzerin.

»Lissie, my darling,« jammerte die Miß auf und wollte ihren Liebling an sich reißen. Aber schon flog er, von der Hundebesitzerin im Bogen wütend fortgeschleudert, in das Wagennetz zwischen die dort aufgetürmten Köfferchen, Kästchen und Mäntel, und die Hundedame kniete nieder neben dem wimmernden Pinscher, ihn mit den zärtlichsten Koseworten tröstend und streichelnd.

Das alles war so blitzschnell und verblüffend vor sich gegangen, daß weder Hansi noch der fremde Herr recht zur Besinnung und zum Eingreifen gekommen waren. Wie aber jetzt das erregte, geängstigte Kätzchen oben im Wagennetz einen kühnen Sprung nach der anderen Seite machte und die Miß verzweifelt aufjammerte: »O, she will escape!« packte der Herr schnell den Griff der Türe und zog diese fest zu.

»So, damit ist wenigstens jede Flucht verhindert,« sagte er lächelnd. »Hoffentlich überhaupt die Verhandlung unter Ausschluß der Öffentlichkeit gebracht. Bitte, lassen Sie das Tierchen zur Ruhe kommen, dann fangen Sie es nachher leicht ein.«

»Nein, das Katzenvieh muß heraus, gleich heraus! Ich leide es nicht hier im Coupé. Solche Verrücktheit, eine Katze bei sich zu haben! Ich verlange überhaupt Schadenersatz, Kurkosten! Mein Pikkolo hat ein blutendes Öhrchen! Mein Goldenster muß so leiden!« schrie die Hundedame wütend, ihren winselnden Pinscher an sich drückend und die verängstigte Miß, deren Augenbrauen noch höher gezogen waren wie sonst, mit ihren Blicken aufspießend.

»O, man darf doch auch keinen Hund im Coupé haben,« warf sich Hansi mutig und erzürnt zur Verteidigerin ihrer Miß auf; »nicht wahr, mein Herr?«

Pa war doch nun einmal nicht da, und eigentlich machte sie das sehr froh, denn sie wußte, daß Pa solch unangenehme Dinge nicht liebte. Er war immer dagegen, daß die Miß ihr Kätzchen mit sich führte, und sicher würde er jetzt bei dieser Katastrophe sehr erzürnt und vielleicht sogar geneigt sein, der bösen, unangenehmen, fremden Dame recht zu geben. Dagegen dieser liebe, nette Herr nahm sicher für sie und Miß Holymats Kätzchen Partei. Sie hatte ein großes Vertrauen zu ihm und daher rief sie ihn unwillkürlich wieder zu ihrem Beistand auf.

»Es fragt sich, ob die Dame ein Hundebillett hat,« sagte er achselzuckend. »Wenn die Angelegenheit vor den Schaffner kommt, wird sich das ja erweisen.«

»Um einen so kleinen Hund, der artig in seinem Körbchen liegt, hat sich kein Schaffner zu kümmern,« fuhr die Dame mit feindlichem Blick nach dem Redner auf.

»Er lag aber nicht artig in seinem Körbchen.«

»Nein, natürlich nicht, wenn er herausgeworfen und von einer Katze geohrfeigt wird! O, mein Süßerchen, mein Herzblättchen, tut es so weh? Schaffen Sie die Katze fort, gleich! Mein Pikkolo zittert am ganzen Körperchen, er kann das Katzenvieh nicht vertragen.«

»O, mein klein armes Katz kann das Hund auch nicht vertragen,« raffte sich die Miß ihrerseits zum Zorn und zur Verteidigung ihres Lieblings auf und sah mit ängstlich zärtlichen Blicken nach der zum Sprunge Geduckten.

»Dann gehen Sie doch aus dem Coupé. Ich wollte Sie gleich nicht darin haben,« zürnte die andere.

Hansi sah ängstlich und unsicher zu ihrem Nachbar auf.

»Es waren doch nirgend mehr drei Plätze frei,« sagte sie leise, »und Pa wird böse sein –«

»Ich würde Ihnen vielmehr raten, meine Dame, daß Sie sich ein anderes Coupé suchen,« wandte sich dieser höflich aber sehr bestimmt an die Hundebesitzerin. »Wir sind hier zu vier Personen und Sie nur eine –«

»Fällt mir nicht ein. Ich war die erste, ich habe das meiste Gepäck und Sie können meinetwegen auch ruhig drinbleiben. Sie stören mich nicht. Nur das Katzenvieh muß heraus!«

»Es ist kein Vieh, mein kleines, feines Katz! Es ist eine impoliteness, zu nennen es Vieh,« empörte sich die Miß, und der Herr sagte kopfschüttelnd: »Ich stehe auf seiten und zum Schutz dieser Damen, bleibe folglich mit ihnen zusammen, und da sonst kein Coupé mehr so viel freie Sitze bietet, liegt es nahe, daß Sie als einzelne, die überall Platz findet, auswandern. Für die Überführung Ihres Gepäckes werde ich Sorge tragen. Auch bin ich bereit, einen Platz für Sie zu suchen –«

»Bemühen Sie sich nicht, ich lasse mich nicht hinauswerfen, ich bleibe und die Katze muß hinaus!«

Miß Holymat war es jetzt glücklich gelungen, das Streitobjekt einzufangen und die Knurrende und Fauchende in ihrem Körbchen zu bergen.

»Ich will gehen und suchen ein anderes Platz,« erbot sie sich verängstigt, und Hansi, der es direkt gegen Ehre und Empfindung gegangen wäre, wenn sie und ihre Miß als Besiegte hätten abziehen müssen, warf einen flehenden Blick auf ihren kampfbereiten Freund.

Er nickte ihr ermutigend zu und sprach dann zu der feindlichen Dame hinüber: »Gut, dann wollen wir den Schaffner rufen und ihn entscheiden lassen. Ein Kätzchen, das lautlos in seinem Körbchen sitzt, ist ein erlaubter blinder Passagier, dagegen ein Hund – «

»Ach, ich habe nicht Lust, mich mit so hinterlistigen, unerzogenen Leuten weiter herumzuärgern, – der Klügere gibt nach,« fiel die Hundedame giftig ein. »Solche Katzenluft fällt mir auf die Gesundheit. Mein Süßerchen, mein Pikkolochen, wir gehen aus der verpesteten Atmosphäre heraus, wir finden schon noch ein anderes, reines Plätzchen, ja, mein Goldhündchen!«

Dabei packte sie das Goldhündchen in sein Körbchen, warf einen Mantel über dieses, so daß kein Mensch es bemerken konnte, versetzte im Vorüberschreiten der auf den Sitz gesunkenen Miß noch einen kräftigen Puff und rauschte grußlos zum Coupé hinaus.

Hinter ihr brachen der fremde Herr und Hansi in ein lustiges und siegesfrohes Gelächter aus. Hansi ergriff die Hände ihres hilfreichen Freundes und rief begeistert: »Wir haben sie geschlagen! Wir sind Sieger geblieben. Nein, nicht wir, nur Sie! O, ich danke Ihnen viel, vielmals. Sie sind so furchtbar nett gewesen und so klug –«

» O yes, ich danke Ihnen auch vielmal. Jane hat recht. Sie uaren so tapfer und gentlemanlike uie ein Amerikaner,« fiel die Miß lebhaft ein.

Der Fremde wehrte lächelnd ab. »O bitte, bitte, gar keine Veranlassung. Bei uns in Deutschland nimmt man sich des Rechtes ebenso an wie in Amerika.«

» O yes, I believe, aber Sie haben in Deutschland sehr häßliche, unfreundliche Ladys.«

»Vereinzelt, ja. In Amerika wohl auch.«

» O yes,« gab die Miß kleinlaut zu und Hansi lachte vergnügt auf.

»Da kann die Miß nicht widersprechen, trotzdem sie schrecklich amerikanisch ist.«

»Und Sie nicht, mein kleines Fräulein? Sie scheinen mir doch auch eine Amerikanerin zu sein?« fragte lächelnd der fremde Herr.

Hansi nickte eifrig mit dem Köpfchen. »Ja, natürlich, aber doch nur Halbblut, wie Miß Holymat sagt. Bei ihr sind nämlich schon die Großeltern in Amerika eingewandert und bei mir erst die Eltern. Pa ist in Deutschland geboren und hat Ma erst herübergeholt als er sie heiratete. Bei uns zu Hause wird immer noch Deutsch gesprochen und die Eltern gehen oft hinüber nach Europa.«

»Dann haben Sie gewiß auch noch Großeltern hier drüben?«

»Nein, sie sind alle tot seit ein paar Jahren, aber meine älteren Geschwister haben sie noch gekannt, nur ich nicht. Ich bin nämlich zum ersten Male drüben, und das habe ich auch nur einem ganz bösen Scharlachfieber zu verdanken. Da sollte ich eine Luftveränderung haben, und deshalb hat mich Pa mitgenommen. Ach, ich bin dem Scharlachfieber so dankbar! Es war gräßlich, wochenlang in der dunkeln Stube zu liegen, o, so häßlich! Und dann habe ich mich gehäutet wie eine Schlange, ja, wirklich! Ma sagte immer, sie hoffe, es bleibe auch ein bißchen alter, unnützer Adam in der alten Haut stecken. Aber ich glaube nicht; Miß Holymat, was meinen Sie?«

Sie lachte schelmisch zu der langen Miß hinüber, die ihren Katzenliebling eben mit einem Milchsaugfläschchen wieder in friedliche, angenehme Verfassung zu bringen versuchte und nun mit sanftem Lächeln den kleinen Kopf schüttelte.

»O, Jane, du hast genommen dich sehr geschickt auf die Reise. Ich habe gehabt viele Angst um dir, daß du fallst auf das Meer und unter den Eisenbahnen, aber du hast gehabt viele Haltung auf das uilde Uasser.«

»Ja, alle waren seekrank, sogar Lissie, das arme Kätzchen, hat gewinselt und ist auf dem Bauch gekrochen,« lachte Hansi, »nur Pa und ich nicht. Das war doch aber auch Ehrensache, nicht? Wenn Pa sein Jüngstes mit nach Deutschland nimmt, kann er wohl verlangen, daß es ihm keine Kopfschmerzen macht.«

»Na, na, was nicht ist, kann noch werden,« neckte der Fremde. »Wer weiß, wie viel Kopfschmerzen Sie Ihrem Papa noch machen werden! Sie sind doch wohl erst im Anfange der Reise?«

»Ja, wenigstens auf Land. Von Hamburg sind wir gleich bis München durchgereist, da Pa so schnell wie möglich ins Gebirge kommen wollte. Ach, ich freue mich so schrecklich auf die Berge! Ich habe noch nie Berge gesehen, denken Sie nur! Wohl auf Bildern, aber noch nie in Wirklichkeit. Und ich will auf alle hinaufsteigen – ja, wirklich. Pa lacht zwar, wenn ich das sage, aber ich kann so gut klettern. Man kann doch alle Berge besteigen, nicht?«

»Alle?« Der Fremde lächelte amüsiert. »So kleine Damen können nur kleine Berge besteigen.«

»O, die Größe tut es doch nicht,« widersprach Hansi lebhaft. »Sehen Sie, dann könnte die Miß ja die höchsten Berge besteigen. Aber die schüttelt sich schon, wenn es heißt über einen Maulwurfshügel gehen – nicht, Mißchen?«

»O, Jane, du langueilest den Herrn mit deine viele Reden, Kleine Mädchen dürfen nicht reden so viele Dinge.«

»Bitte, bitte, es macht mir großen Spaß, solch junges, frisches Geplauder zu hören,« wehrte Hansis Freund liebenswürdig ab.

Aber Hansi war sehr rot geworden und sagte, halb beschämt, halb ärgerlich: »Ich wollte, ich wäre erst groß und erwachsen wie meine Schwestern, damit all das, was kleine Mädchen nicht dürfen, endlich überwunden wäre. Haben Sie auch eine kleine Tochter?«

»O, Jane, du darfst nicht sein curious,« mahnte die Miß wieder, aber der Fremde antwortete sehr freundlich: »Nein, leider nicht. Ich habe nur einen sehr großen, lustigen Jungen, den man jetzt schon beim Militär drillt und seinen langen Beinen den Parademarsch beibringt.«

Ehe Hansi, die bei Erwähnung der langen Beine und des Parademarsches lustig aufgelacht hatte, sich weiter über die Familienverhältnisse ihres Nachbars unterrichten konnte, trat ihr Vater in das Coupé, sah sich neugierig um und fragte leise: »Was gab es denn für eine merkwürdig laute Unterhaltung hier bei euch und wo segelte die umfangreiche, fremde Dame hin? Sie pustete, als sie bei mir vorüberkam, wie eine Dampfmaschine, und hat mir so kräftig auf den Fuß getreten, daß ich noch hinke.«

Die Miß schob schnell und mit zerknirschter Miene ihr Katzenkörbchen in die äußerste Ecke des Sitzes und Hansi erzählte.

Daraufhin bedankte sich Mister Wildes sehr höflich bei dem Schutzgeist seiner beiden Damen, stellte sich und diese vor, und der Schutzgeist, der sich gleichfalls vorstellte als ein Professor Nickel aus München, versicherte freundlich, wie gern er alles getan und wie sich das lustige, frische Töchterlein des Amerikaners schon vollkommen seine Freundschaft erworben hätte.

Bei einer fortgesetzten Unterhaltung ergab es sich dann, daß Herr Professor Nickel das gleiche Reiseziel hatte wie seine Coupégenossen. Auch er ging nach Reichenhall, war sogar dort ein alter Kurgast und genauer Kenner des Ortes und seiner Umgebung, und er nickte zustimmend mit dem Kopf, als Mister Wildes ihn fragte, ob er hoffen dürfe, sich dort ihm anschließen und von seiner Ortskenntnis profitieren zu können.

Hansi, deren warmes, enthusiastisches Kinderherz sich gleich dem liebenswürdigen Helfer in der Not zugewandt hatte, jubelte wie eine Lerche im Morgenlicht, als sie das hörte, und als schließlich die beiden Herren noch verabredeten, im gleichen Hause Wohnung zu nehmen, war sie auf dem Gipfel des Entzückens.

Als sie in Reichenhall eintrafen, lag schon Abenddämmerung über den Bergen und Matten; aus den Restaurationsräumen der eleganten Hotels und Badehäufer schimmerte Lampenlicht, und an eine Besichtigung des Ortes war nicht mehr zu denken.

Desto köstlicher präsentierte er sich am folgenden Morgen bei blauem Himmel und goldenem Sonnenglanz, als Hansi auf die breite Terrasse trat, auf der die Gäste des Hotels ihr Frühstück einnahmen.

Professor Nickel saß schon hinter seinem Kaffeekännchen und den Münchener Neuesten Nachrichten, legte diese aber sogleich beiseite, um seine kleine Freundin zu begrüßen und ihr ein Plätzchen an seinem Tische einzuräumen.

»O, danke tausendmal. Pa schläft noch und die Miß wäscht und kämmt Lissies weißes Pelzchen, weil sie fürchtet, es könnten gestern bei der wilden Jagd durch das Coupé gesundheitsschädliche Bazillen hineingekommen sein,« erzählte Hansi lachend und der Professor lachte mit.

Schelmisch mit den Augen blinzelnd, meinte er: »Wenn Lissie keine bösere Einquartierung dabei bekommen hat, dann braucht die Miß sich nicht zu ängstigen. In welch einem Verhältnis stehen Sie übrigens zu der Dame?«

»Sie hat meine beiden älteren Schwestern unterrichtet. Sie ist sehr klug und sehr gut, und da Ma nicht mitkommen konnte, weil Mary und Gertie verlobt sind und doch jemand bei ihnen bleiben muß, so hat sie Miß Holymat gebeten, statt ihrer mitzugehen, mich zu bewachen und, da ich durch die Krankheit so lange Ferien hatte, jetzt unterwegs etwas zu unterrichten.«

»Ach so. Hm, die arme Miß, da hat sie nun zwei Wildfänge und Durchgänger zu bewachen,« neckte der Professor.

»O nein, im Gegenteil, ich muß doch immer die Miß bewachen, die ist viel ängstlicher und ungeschickter wie ich,« beteuerte Hansi wichtig, warf, wie zur Bestätigung dieser Bemerkung, das Sahnetöpfchen um, versuchte erschreckt mit ihrer Serviette den Milchstrom zu stoppen, tauchte diese dabei in das Honigschälchen und starrte dann entsetzt auf ihre Hände, über die der Honig in goldigen schweren Tropfen hinfloß.

»O, wie gräßlich, wie klebrig! Und alles schmutzig! Was habe ich bloß gemacht?«

Kläglich und beschämt schaute sie zu ihrem Tischnachbar hinüber.

»Sie haben sich bemüht, das Land herzustellen, in dem Milch und Honig fließt,« lächelte dieser gutmütig. »Und das ist Ihnen sehr gut gelungen. Aber da wir nicht mehr in der Zeit des Alten Testamentes leben, denke ich doch, daß es besser ist, wenn wir nun den Kellner rufen und wieder Verhältnisse der Neuzeit schaffen lassen.«

»Ach, ich geniere mich so vor dem Kellner. Es ist mir so peinlich –«

»Haha – sollten Sie doch vielleicht auch ebenso ängstlich sein wie die Miß?«

»Ja, ich glaube, ängstlich und ungeschickt,« sagte Hansi kleinlaut. »Sie haben ganz recht, mich zu necken. Ich werde mich nie mehr auf Kosten meiner guten Miß loben. Ich bin ein greuliches Geschöpf.«

»Augenblicklich nur ein zu süßes,« lachte der Professor. »Laufen Sie schnell die Händchen zu waschen. Bis Sie zurückkommen ist hier alles wieder klar und sauber, und während Sie dann ganz still und artig frühstücken, mache ich Sie mit den schönen grünen Bergen bekannt, die, trotzdem sie uns fast in die Kaffeetassen hineinsehen, doch von Ihrem Unfall nichts gemerkt und keine Empörung darüber verraten haben.« –

»Sehen Sie,« sagte er dann, als Hansi nach einigen Minuten wirklich still, sauber und dankbar hinter ihrem Frühstück saß, »das dort, was sich so merkwürdig spaltet, ist die Felsenkette des Lattengebirges; daneben lehnt sich scharfkantig die rotgesteckte Marmorwand der Reitalm –«

»Marmor? – Ach! Das rotschmutzige Gestein?« unterbrach Hansi zweifelnd und etwas nichtachtend.

»Ja, ja, Marmor, kleine Ungläubige. Nur haben die Berggeister ihn noch nicht so blank geschliffen und poliert, wie Sie ihn auf dem Nachttischchen in Ihrem Zimmer sehen, aber es ist trotzdem derselbe.«

»Ach? Ja freilich, er wird wohl nicht von Natur aus so glatt und hübsch sein,« gab Hansi nachdenklich zu. »Ja, es war dumm gesagt. Aber man kann sich das nicht gleich vorstellen.«

»Nein, aber es ist mit vielen Dingen so. Schliff und Behandlung verwandeln und veredeln die Natur. Wir Menschen würden auch einen anderen Eindruck machen, wenn Kultur, Bildung und Christentum nicht durch Jahrhunderte an uns geschliffen, geglättet und veredelt hätten. Und so ist es überall, wohin wir unsere Blicke lenken: was wenig gepflegt, bearbeitet und gebildet wird, verrät seinen rohen Ursprung.«

»Ach ja, wie zum Beispiel die Hundedame. Die war auch noch wenig bearbeitet und geglättet,« lächelte Hansi verständnisvoll. »Aber wahrhaftig, wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt; sehen Sie nur, sehen Sie, Herr Professor, sie ist uns gefolgt, sie ist auch hier! Da geht sie mit ihrem Goldhündchen, ihrem Süßerchen!«

Wirklich, drüben im schönen Morgensonnenlicht ging mit unfreundlicher, muffiger Miene die böse Coupégenossin und hinter ihr, auf dünnen, wackeligen Beinchen schwänzelte Pikkolo, das Goldhündchen.

»Ach, meine arme Miß, die wird sich nun immer ängstigen hier auszugehen, weil sie die Rache der Hundedame fürchten wird.«

»Aber wir leben doch nicht mehr in der Zeit des Faustrechts und auch nicht in den Abruzzen, wo hinter jedem Busch ein blutdürstiger Räuber lauert,« beruhigte der Professor kopfschüttelnd. »Und wenn die böse Fee Hundoline unserer guten Miß etwas antun will, verbannen wir sie einfach in die Tiefen des Untersberges. Sehen Sie, dort drüben der gewaltige Gebirgsstock, das ist der Untersberg, an den sich die schönsten Sagen dieser Gegend knüpfen und in dessen Tiefen Frau Saelde und Frau Aventüre hausen.« »O, wie entzückend! Ein Gespenster- und Sagenberg!« Hansis Augen weiteten sich in staunender Begeisterung. »Bei uns in Amerika hat man keine Sagen, keine Märchen, keine Gespenster, und Miß Holymat sagt, das wäre auch alles Lüge und Unsinn.«

»Hm – da hat sie recht und hat unrecht. An Gespenster zu glauben ist ganz gewiß ein großer Unsinn, den sollte man jedem Kinde fernhalten. Dagegen Märchen, da kommt schon wieder etwas ganz anderes dazu. Märchen sind sinnige Träume und poetische Gedanken, die aus dem naiven Empfinden der Naturmenschen erwuchsen und aus deren Bedürfnis ihre Umgebung zu beseelen. Wenn Sie sich in jeder Blume ein feines, duftiges Elfenseelchen, in jedem Baum einen atmenden und fühlenden Geist, in den rinnenden Wogen ein fischblütiges Nixengeschlecht und in Feuer und Luft singende, klingende Geister denken, so wird die Natur für Sie reicher und bedeutsamer und Ihr Herz weiter, milder und zartempfindender. Aber ich weiß nicht, mein liebes Kind, ob Sie das verstehen, und vielleicht trifft es auch nicht ganz den Kernpunkt der Sache,« sagte der Professor nachdenklich.

Hansi nickte eifrig mit dem Kopfe. »O ja, o ja, ich verstehe. Es ist wundervoll und ich habe das auch schon oft gedacht. Aber sind das Märchen?«

»Ja und nein. Märchen ist noch allerlei anderes, alles, was nicht wirklich ist, was hinübertastet ins bunte Land der Phantasie, während Sagen wohl auch ihr Kleid von der Phantasie borgen, aber darin ein Körnlein Wahrheit haben, das sich nur im Laufe der fließenden Zeit wunderlich ausgewachsen und von jedem Munde, der seine Erzählerlust daran übte, ein buntes Fleckchen und spitzes Eckchen dazugeblasen bekam, bis man endlich nicht mehr herausfinden kann, an welchem Ende das winzige Körnlein Wahrheit stecken mag.« »Und Frau – o, wie nannten Sie die beiden Frauen, die im Untersberge hausen?«

»Frau Saelde, das ist die Sage selbst, die sitzt dort unten im grauen Kleide und webt am bunten Teppich, an den Taten alter Helden und tapferer Ritter. Und wenn Frau Aventüre, die hinauszieht in die Welt, um die streitbaren Männer in Gefahr und abenteuerliche Unternehmung, in Kampf und Sieg zu führen, wenn die heimkehrt und in ihrem weiten, purpurfarbenen Mantel einen dieser Helden zum langen Schlaf und Ruhen heimbringt in die großen unterirdischen Hallen des alten Untersberges, dann steht Frau Saelde an den mächtigen Toren, um sie zu empfangen und zu hören, was Frau Aventüre ihr zu berichten hat von den Taten dessen, den sie bringt, und was hineingewebt werden soll in den Teppich, der auf Frau Saeldes Webstuhl seines bunten Inhaltes wartet.«

Der Professor schwieg und schaute in lächelndem Sinnen hinüber zur waldig umgrünten Wand des Untersberges, und Hansi, deren Wangen sich gerötet hatten und die Essen und Trinken vergaß über dem Zuhören, mahnte leise und mit hastigem Atem: »Ach, weiter, bitte, erzählen Sie noch mehr! Es klingt so wunderschön!«

Aber der Professor schüttelte den Kopf und stand auf. »Nein, kleine Neugier, jetzt ist's genug, nun muß ich Salzluft schnappen gehen.«

»Ach, darf ich nicht mitkommen?«

»Bewahre. Sie müssen auf Ihren Vater warten und bei der Miß Stunde nehmen.«

»Ach – ja – aber nicht wahr, heute nachmittag oder abend erzählen Sie mehr?«

»Wenn die Miß es erlaubt und das, was ich erzähle, nicht für Unsinn und Lügen erklärt –«

»O nein, nein, das darf sie nicht. Wenn man eine Gegend kennen lernen will, muß man doch auch alles erfahren, was zu ihr gehört. Und hier gehören die Sagen dazu. Das muß auch die Miß begreifen, nicht wahr?«

»Richtig. Sie sind ein kluges kleines Mädchen. Dann wollen wir wohl noch mehr darüber schwatzen.«

Am Nachmittage forderte der Professor seine neuen Bekannten zu einem Spaziergange nach Großgmain auf. Das sei ein allerliebstes Dörfchen, dessen eine Hälfte noch in Bayern läge, während man in der anderen schon in Österreich wäre. Außerdem gäbe es da einen wunderschönen Blick auf den Untersberg und für kleine Leckermäuler – dabei blinzelte er Hansi lustig zu – einen ganz famosen Blitzkuchen, den keiner in Bayern und Österreich besser zu backen verstände wie die Frau Gastwirtin in Großgmain.

Hansi war Feuer und Flamme für den Genuß all dieser in Aussicht gestellten Reize, und Herr Wildes erklärte sich auch dankbar bereit. Nur Miß Holymat ließ sich erst genau Länge und Beschaffenheit des Wegs beschreiben und meinte dann schüchtern, daß sie lieber zurückbleiben und mit Lissie einen kleinen Spaziergang in die Anlagen machen wolle.

Die andern zogen dann ab, und Hansi war selig, nach Herzenslust springen, laufen und klettern zu können. Von allen Seiten ragten Bergriesen auf, schoben sich in- und voreinander und umschlossen das grüne, liebliche Tal, in dem es auf allen Feldern und Wiesen blühte und duftete.

Manchmal kniete Hansi jauchzend nieder ins Gras, um die hohen kühlen Halme wie lauter frische, weiche Fingerchen sich um Arme, Hals und Gesicht spielen zu lassen, und dann lief sie wieder wie ein kleines wildes Füllen weit in die Wiesen hinein und pflückte Maßliebchen, Vergißmeinnicht und roten Mohn.

Dabei dachte sie an die Elfenseelchen, die dort aus den Kelchen schauen sollten. Aus den Maßliebchen wohl kleine runde Kindergesichtchen mit dicken Bäckchen und weißen Häubchen, aus dem lieben blauen Vergißmeinnicht ein blondes, zartes Köpfchen wie daheim das ihrer Lieblingsschwester Gertie, und aus den lose schwankenden Mohnblättern eine schwarzhaarige Königin mit goldenem Kronenreiflein und Purpurschleppe.

Ach, war das lustig und hübsch zu denken!

Und dort im Untersberg saß Frau Saelde und spann und webte, während Frau Aventüre durch das Land flog und Helden sammelte.

Ob sie wohl auch hinüberflog nach Amerika?

Hansi schüttelte nachdenklich den Kopf. Früher wohl, da hatte es auch drüben Helden gegeben, unter Benjamin Franklin, Lincoln und Washington, ja, – aber jetzt? Sie konnte sich auf keinen besinnen. Und wer weiß, ob Frau Aventüre nicht bloß in Deutschland blieb?

Eigentlich dumm, so etwas zu denken. Denn das war doch eben nur Sage und Dichtung.

Freilich, früher in alten Zeiten, in ganz alten –?

In Europa hatte man solch eine lange Vergangenheit, in der alles anders gewesen war, wie jemals in Amerika.

Ein Körnlein Wahrheit steckte doch immer drin, hatte sogar der Professor gesagt. Vielleicht gab es einmal hier eine hohe, schöne, abenteuerlustige Frau, die Helden zum Kampfe anfeuerte und die im Kampfe Gefallenen in mächtigen, ernsten Bergesgrüften bestattete.

»Nun sind wir eben über die Grenze gegangen und befinden uns in Osterreich,« rief der Professor der träumenden Spaziergängerin zu und überrascht blieb diese stehen.

»Wo denn? Ich sehe nichts. Ich habe ja gar nichts bemerkt,« sagte sie ungläubig und verwundert.

»Was wolltest du denn sehen und bemerken. Dummchen?« lachte der Vater. »Denkst du, da laufe eine Mauer um jedes Land und die müsse man entweder überklettern oder sich ein Tor darin suchen, um ins andere Land hineinzukommen?«

Hansi sah verlegen aus. Ja, halb und halb hatte sie so etwas gedacht. Vielleicht nicht gerade eine Mauer, aber doch wenigstens ein Wall oder Graben. Ein gewisses Ordnungsgefühl in ihr hatte unwillkürlich auf eine Absperrung gerechnet. Aber nun, als Pa so lachte, kam sie sich wirklich dumm vor.

»In China haben sie aber doch auch eine Mauer,« sagte sie halb trotzig, halb beschämt, sich zum Glück eines Beispiels erinnernd, an das sie sich klammern konnte.

»Richtig, in China haben sie eine,« lachte der Vater laut auf, »eine Mauer und einen Zopf; aber in Europa gibt es das nicht, wenigstens nirgend mehr so sichtbar, daß sogar die kleinen Mädchen darüber stolpern können.«

Beide Herren lachten sehr belustigt, aber Hansi war ärgerlich. Sie hatte das Gefühl, daß man auf ihre Kosten lachte, und das machte ihr gar kein Vergnügen. Sie zog ein schiefes Gesicht und schlürfte mißmutig und langsam hinter ihrem Vater und dem Professor her.

Der große, mit so viel Freude und hübschen Gedanken gepflückte Strauß hing schlaff in ihrer Hand und die zarten Blumenköpfchen schleiften traurig im grauen, häßlichen Straßenstaub. Die Lust an ihnen war hin, weil das verwöhnte kleine Mädchen schmollte und zürnte.

Der Vater drehte sich um. »Warum bleibst du denn so zurück? Was machst du?« fragte er stillstehend.

Hansi setzte dicke Lippen auf und sagte lakonisch: »Staub.«

»Ja, das sehe ich; und einen häßlichen dicken Mund machst du auch noch dazu,« lachte der Vater gutmütig. »Ist das Wickelkind übler Laune? Warte nur, wir stecken eine große Scheibe Blitzkuchen in den häßlichen dicken Mund, dann wird er wieder schmal und lustig.«

Hansi warf nun auch noch trotzig den Kopf auf. »Wickelkind!« Pa war abscheulich. Lieber hätte er sie schelten sollen, als daß er sie Wickelkind nannte. Aber Pa schalt eben nie, er war viel zu gut mit ihr, er verdarb sie in Grund und Boden; Ma sagte es auch immer.

Indem sah sie zu dem Professor empor, und vor dessen überraschtem und mißbilligendem Blick wurde sie blutrot, richtete sich schnell gerade auf und machte ein ganz normales und sogar sehr beschämtes Gesicht, in dem nichts mehr von Trotz und übler Laune zu lesen war.

»Es ist so heiß,« sagte sie hastig in dem Bemühen, sich zu entschuldigen, »und so staubig. Ich glaube, ich bin müde und durstig.«

Der Professor sah sie noch immer an. Sein Blick war wohl etwas freundlicher geworden, aber noch nicht ganz, und nun wendete er ihn auch noch zu den Blumen, die welk und müde im Straßenstaube hingen.

»Ja, es ist heiß und staubig,« sagte er. »Aber wer auf seinen zwei jungen gesunden Beinen geht und das Köpfchen hoch in die reine schöne Bergluft erheben kann, ist nicht schlimm daran, lange nicht so schlimm, wie diese armen, willenlosen Blumen, deren zarte Stiele in heißen Händen zusammengedrückt werden und deren holde, an Luft und Licht gewöhnten Köpfchen im Staube schleifen.«

Blitzschnell hatte Hansi den Strauß gehoben und sah ihn verstört an. Sie dachte an die runden Kinderbäckchen, die blonden Mädchengesichter und das stolze, reifgekrönte Köpfchen der schwarzhaarigen Königin. Geknickt und welk hing alles wirr durcheinander, und es war ihr, als schauten traurige Augen und müde, sterbende Gesichter anklagend zu ihr auf. Plötzlich schössen ihr die Tränen in die Augen. »O, wie böse von mir! Die armen Blumen! Es tut mir so leid!« Abbittend und reuig sah sie den Professor an. »Sind Sie mir böse?«

»Aber, Maus, Tränen um ein paar verwelkte Blumen? Wirf sie fort! Welke Blumen sind häßlich, aber deshalb brauchst du doch nicht so kläglich zu tun,« sagte der Vater, erstaunt den Kopf schüttelnd.

»Nein, Pa, das verstehst du nicht,« wehrte Hansi hastig ab und sah wieder zu dem Professor auf. »Der Herr Professor weiß schon, wie ich es meine, der versteht es. Sie sind mir böse?«

Nun lächelte der Professor so freundlich wie sonst. »Nein, ich denke, Sie sind sich selbst böse, und das ist genug. Künftig werden Sie mehr daran denken, daß da auch ein Leben drinsteckt, dessen Rechte und Schönheit man achten muß.«

»Ja, ja, ich weiß, was Sie heute morgen sagten. Ich habe gerade als ich sie pflückte daran gedacht und doppelte Freude gehabt. Aber dann habe ich es vergessen, weil – weil –«

Nein, lügen mochte sie nicht, mit Wissen lügen fand sie niedrig und häßlich. Nicht wieder sich mit Müdigkeit und Hitze entschuldigen, lieber ihre Ungezogenheit zugestehen. »Weil ich übelgenommen habe, daß Sie beide über mich lachten,« fuhr sie tapfer fort. »Aber das war sehr töricht, ich weiß, und ich will es auch nicht wiedertun, lieber Pa.«

Sie faßte abbittend Vaters Hand, aber ihre Augen hingen dabei an dem Professor. Pa war gar nicht böse gewesen, Pa verzieh alles, aber der andere, der stellte höhere Ansprüche an sie. Der kannte gewiß kleine Mädchen, die sich viel netter und vernünftiger benahmen wie sie, und denen wollte sie nicht nachstehen. Nein, sie als Amerikanerin durfte doch nicht weniger manierlich und guterzogen sein wie die deutschen Mädchen, das litt ihr Stolz nicht. Und außerdem hatte sie den Professor furchtbar lieb und wollte gern, daß er sie wieder lieb hatte.

Er sah jetzt auch sehr freundlich zu ihr hinüber und nickte, während der Vater erstaunt den Kopf schüttelte.

»Na ja, mein Mädel, ist ja gut. Sieh, sieh – mein altes Vaterland scheint ja famos auf mein Trotzköpfchen zu wirken. Brav, Maus, fahre nur so fort, immer vernünftig und lustig! Und beim versprochenen Blitzkuchen bleibt es!«

»Ja,« sagte der Professor, »nun sind wir auch gerade an Ort und Stelle, wo er gebacken wird. Jetzt lassen wir uns einen Tisch mitten in die grüne Wiese hineinsetzen, bestellen Kaffee und Kuchen und einen Krug Wasser für die durstigen Blumenseelchen und sind vergnügt wie die Schneekönige.«

»O, sind die so vergnügt? Und wer sind denn die Schneekönige?« fragte Hansi, deren Gewissen jetzt wieder befreit und leicht war, mit froher Neugier.

»Ja, wer die Herren sind, kann ich Ihnen leider auch nicht genau sagen,« lachte der Professor. »Ich denke, sie müssen da oben am Nordpol residieren und mit den Eisbären und Seehunden Ringel-Ringel-Rosenkranz tanzen, um sich zu erwärmen, und da man natürlich vergnügt ist, wenn man sein Leben lang Ringel-Ringel-Rosenkranz tanzt, so entstand daraus die Redensart ›vergnügt wie die Schneeköniges‹.«

Das fand nun Hansi reizend. Nein, einen so amüsanten alten Herrn, wie den Professor, gab es entschieden nicht mehr auf der Welt! Hatte sie ein Glück gehabt, als sie den im Coupé traf! Sie war wieder seelenvergnügt, alles gefiel ihr. Der Blitzkuchen, ganz dünn und fein und knusprig gebacken, krachte und knasterte richtig unter den gesunden, weißen Zähnen und schmeckte köstlich; die Blumen, sich im frischen Quellwasser labend, hoben die feinen Köpfchen und bekamen wieder junge, frische Gesichtchen; überall saßen fröhliche, hellgekleidete Menschen, die Sonne schien, die Wiesen dufteten, und drüben ragte der Untersberg erhaben und geheimnisvoll in den blauen Sommerhimmel hinein.

»O, Herr Professor, da liegt er dicht vor uns, der alte, schöne Sagenberg. Bitte, bitte, erzählen Sie doch noch ein bißchen von ihm,« bat Hansi mit strahlenden Augen.

Der Professor sah lächelnd und fragend zu Mister Wildes hinüber. »Ich weiß nicht, ob der Papa es erlaubt und wünscht, daß ich Ihnen das unruhige Wuschelköpfchen mit deutschen Märchen und Sagen fülle? Im kühlen, klaren Lichte des amerikanischen Sternenbanners sehen unsere deutschen Träumereien nicht zeitgemäß und richtig aus.«

Herr Wildes wiegte bedachtsam den Kopf. »Ich bin von Geburt und von Herzen Deutscher,« sagte er. »Meine Kinder , zwar nicht mehr. Mein Junge und meine zwei ältesten Mädels überhaupt nicht, die sind echte Amerikaner. Mir manchmal zu echt, was natürlich kein Vorwurf für Amerika sein soll, denn ich habe dort ein zweites Vaterland gefunden und schätze und ehre es als solches. Aber unser Nestkücken hier hat ein Stückchen deutscher Art abbekommen, und mir ist das nicht unlieb. So ein bißchen Poesie und holder, träumerischer Glaube ist für ein weibliches Wesen keine üble Zugabe. Daß es nicht zuviel wird, dafür sorgt Amerika und der moderne Zeitgeist; aber, wenn Sie so gütig sein wollen, das schwache Pflänzchen zu pflegen und dem Kinde manches von deutschem Sinn, was wir dort drüben schon vergessen haben, zu erzählen, so bin ich dankbar und zufrieden. Es macht mir selber das Herz warm, wenn ich alte Dinge höre, die mich einst in meinen Kinder- und Jugendjahren entzückten.«

Da erzählte denn der Professor von Kaiser Karl dem Großen, der mit seiner schönen Tochter und seinen tapfersten Zeitgenossen drunten im Untersberge schläft.

»Gleich dem alten Kaiser Rotbart im Kyffhäuser, sitzt auch dieser auf einem Marmorthron, das Haupt auf die Brust gesenkt und den weißen Bart um den Marmortisch gewunden, der vor ihm in der Halle steht. Alles um ihn ist erstarrt und in Marmor verwandelt, nur der lange weiße Bart wächst langsam, langsam vorwärts. Wenn er dreimal um den Tisch reicht und seine Spitze des Kaisers Stirne berührt, dann ist die Stunde der Erlösung gekommen.

»Alle hundert Jahre einmal weicht die Erstarrung der Verzauberten für eine Nacht. Dann springen die Tore, die hinabführen zum kaiserlichen Totenlager, weit auf, Lichter brechen aus ihnen hervor, stammen hinauf bis zu des Berges Spitze, und gerüstet zu Kampf und Streit, zu Sieg und Festesfreude zieht Kaiser Karl in voller Pracht und kaiserlichem Glanz aus der Tiefe hervor.

»Dann beugen sich die alten Baumriesen mit ehrfurchtsvollem Rauschen, dann halten die Bergwasser im talströmenden, wilden Tanz lautlos inne, die Eulen und Nachtvögel folgen mit schwerem Flügelschlage und dumpfem Rufe dem langen, prächtigen Zuge, die Eichhörnchen salutieren mit den langen, buschigen Schwänzen und die Leuchtkäferchen illuminieren Zweig und Gesträuch. Dann blasen die Fanfaren und dröhnen die Trommeln und des Kaisers weißes Leibroß wiehert, als ginge es in die Schlacht.

»Wenn aber irgend ein lebender Mensch dem gespenstischen Zuge begegnet, so muß er mit diesem ziehen, dreimal in rasendem Galopp um den Bergesgipfel und dann mit Hurra und Hussa hinab in die Tiefe. Dröhnend schlagen die geheimnisvollen Tore hinter ihm zu und hundert Jahre muß er da unten schlafen, bis zur nächsten Nacht, in der Kaiser Karls Heereszug wieder zur Oberfläche steigt.«

»O, wie furchtbar schön!« seufzte Hansi aufatmend, als der Professor schwieg. »Aber worauf wartet denn der Kaiser mit seinen Genossen da unten? Und was geschieht, wenn der Bart dreimal um den Tisch gewachsen ist und des Kaisers Stirne berührt?«

Der Professor wiegte lächelnd den Kopf. »Sie haben gewartet auf des deutschen Reiches Einigung, und als die erfüllt war, da sind die Leiber der Verzauberten zu Asche zerfallen und ihre Seelen haben die ewige Ruhe und den himmlischen Frieden gefunden, – sagt man. Aber ganz sicher ist es nicht, vielleicht sitzt der alte Kaiser doch noch da unten und zieht in hundert Jahren wieder traurig um den Bergesgipfel; wenn ihm nicht bis dahin die immer klüger werdenden Leute sein Dasein und seine Berechtigung zum nächtlichen Herumspuken ganz abgesprochen haben. Uns kümmert es dann nicht mehr, kleines Fräulein, – oder Sie müßten gerade jetzt einen nächtlichen Spaziergang auf den Untersberg unternehmen wollen und dabei die richtige hundertjährige Zaubernacht treffen, in der Sie mit hinunter müßten. Dann erführen Sie alles ganz genau und hätten auch noch nach hundert Jahren Interesse daran. Aber ich denke, das wünschen Sie sich nicht, gelt?«

»N–ein – ich weiß nicht –! Ach, Kaiser Karl in all seiner Herrlichkeit zu schauen – das möchte ich wohl, aber hundert Jahre dort unten sitzen und meine Eltern und Geschwister nie wiedersehen und kein Fünkchen Sonnenlicht, keinen frischen Luftzug und nicht Blumen und Vogelsang genießen zu können, – nein, nein, da will ich mich doch lieber vor nächtlichen Spaziergängen am Untersberge hüten,« lachte Hansi.

»Richtig, machen wir lieber den Spaziergang nach Hause, ehe er nächtlich wird,« nickte der Vater, und mit erfrischten Kräften und frohem Sinn wanderten sie durch den sich zur Dämmerung neigenden Sommertag heim.

Miß Holymat kam ihnen am Gartentor des Hotels entgegen. Ihr kleines spitzes Gesicht sah verlegen und unglücklich aus und sie hing das Köpfchen viel tiefer und matter wie Hansis Blumen, die jetzt in der Abendluft und nach dem Wasserbade wieder frisch und kräftig auf den Stengeln standen.

»Oho! was haben Sie denn? Wo hat es Ihnen in die Petersilie gehagelt?« fragte Mister Wildes gutgelaunt.

Die Miß sah verständnislos zu ihm auf. »O – es hat nichts gehagelt hier und Petersilie uar nirgend uo. Aber ich habe gehabt eine große Schreck und Unruhe von diese Dame und von ihr Hund.«

»Herr Professor, sagte ich es nicht? Die böse Fee Hundoline hat Rache geübt!« rief Hansi atemlos vor Aufregung dem Professor zu. »Liebe Miß, bitte, erzählen Sie, was hat sie getan?«

»O,ich fürchte, Mister Uildes wird böse sein auf mir, ueil ich bin gegangen aus mit mein kleines Katz,« hauchte die Miß schuldbewußt und kläglich.

Herr Wildes zog die Brauen kraus. »Na, die Tat scheint ja ihre Strafe schon in sich getragen zu haben, was soll ich da noch böse sein? Wer nicht hören will, muß fühlen. Ich habe Ihnen gleich gesagt, daß es ein Unverstand sei, eine Katze mit auf die Reise zu schleppen, und daß Sie nichts als Unannehmlichkeiten damit haben würden, aber Sie ließen sich ja nicht davon abbringen. Nun müssen Sie es tragen. Also, man los, erzählen Sie mal, was Ihnen passiert ist.«

Während sich die Gesellschaft an den Abendtisch setzte, erzählte dann die Miß.

»Ich bin gegangen mit Lissie in ihr Körbchen in die schönen Anlagen, uo stehen die hohen schuarzen Uände, uo lauft das Salzuasser durch und macht kleine ueiße hübsche Gebilden an die Sträucher, durch die es läuft.«

»Ah – an den Gradierhäusern,« warf der Professor ein. »Ja, da ist es hübsch und stets eine schöne frische Luft.«

»O ja, so kühl und schön. Und Lissie uar uie eine Engel in ihr kleines Korb –«

»Haha, ein hübscher Engel, mit Krallen und Schwanz!« lachte Herr Wildes.

Aber die Miß verteidigte ihren Liebling lebhaft. »O, Lissie hat Sammetpfötchen und eine Schuanz wie eine Schleppe, so lang und dick. Und sie uar uirklich uie eine Engel, so friedlich und sanft, und spann vor Vergnügen. Und ich bin gestiegen mit ihr auf das Arm auf die kleine Stufen bis an die Rinnen mit das Salzuasser. Und ueil alles uar ganz leer und still dort, ich habe mir verlassen auf ihr gutes Folgsamkeit und sie lassen spazieren ein uenig aus ihre Korb.«

»Wie unvorsichtig,« tadelte Herr Wildes heftig. »Eine Katze ist doch kein Hund!«

»Nein, o nein, sie soll auch nicht sein ein Hund,« wehrte die Miß gekränkt ab. »Aber uie uir haben uns gefreut miteinander, plötzlich Lissie hat gemacht ein Buckel und ist gesprungt beiseite, denn da ist gekommt die Dame aus das Coupé mit ihr Hund, und Lissie hat in ihre seine Empfindung gemerkt die Feindschaft. Und gleich ist der Hund losgegangen auf ihr mit große Gebell, und Lissie in ihre schreckliche Angst ist gesprungt hier und dort, und ich habe gebeten zu die Dame, sie soll rufen ihr Hund. Aber sie hat gelacht sehr häßlich und gesagt Uorte, uo nicht nimmt eine Lady in ihr Mund. O, sie ist eine Dame gar nicht sein. Auf einmal Lissie in ihre große Angst ist gesprungt in das Uasser! O, ich habe gedacht, sie uäre ertrunken, und habe geueint und bin gelaufen, ihr retten. Aber sie hat geschuimmt, und es ist gekommen ein Mann und hat ihr genommen ganz uild und bös mit eine große Hand, daß Lissie geschrien hat uie eine kleine Kind. Und er hat mir my little darling zugeuerft und viel gescholten und ist nur geuorden still, als ich habe gegeben ihm einiges money. Und die Dame hat gemacht schlechte Uorte noch viele, aber ich bin gelaufen fort mit mein armes kleines Katz, uas ist geuesen ganz starr und hart und hat ausgesehen uie bestreut dick mit seine Zucker.«

»O wie komisch. Mißchen, wie komisch! Lissie als Pfannkuchen mit Zucker bestreut,« jubelte Hansi auf und auch die beiden Herren lachten.

Aber die Miß machte ein ganz böses Gesicht. »O, das ist gar nicht komisch. Lissie hat miaut und geprustet sehr viel und ihr Schuanz hat ausgesehen, als ich ihr nach Hause brachte, uie ein Zylinderputzer, uo ist gefallen in Schnee. Ich habe ihr gebadet in uarme Uasser und sie hat geschreit, aber nun ist sie geschlafen und ich hoffe, daß sie uird sein gesund morgen.«

»Aber natürlich, sogar sehr gesund. Sie hat ein Solbad genommen, ganz wie es sich für einen Reichenhaller Kurgast gehört,« tröstete der Professor lächelnd. »Das schadet weder Mensch noch Tier. Danach werden sich Lissies Nerven sehr stärken und sie wird künftigen Begegnungen mit ihrem Coupéfeind ruhiger und stolzer entgegentreten.«

»O nein, o nein, ich habe eine große Furcht vor diese Dame mit ihre Hund. Ich uerde nie uieder spazieren mit Lissie allein. Ich uerde immer gehen mit Mister Uildes und Jane, uo ich bin geschützt vor solche Dinge,«

Damit war Herr Wildes vollkommen einverstanden, und von diesem Tage an wurden alle Spaziergänge und Partien gemeinsam gemacht. Lissie mußte sich daran gewöhnen, daheim zu bleiben, entweder schlafend in ihrem Körbchen oder als Liebling des Hauses von allen Einwohnern gehätschelt und verwöhnt und vor jeder Fährlichkeit von außen sorgsam gehütet. Freilich blieb ein Stück von Miß Holymats Herzen immer bei ihr zurück, aber sie hatte selbst einsehen gelernt, daß ein Mitnehmen ihres Lieblings von zu viel Unbequemlichkeit und Gefahr begleitet sei und sie sich von ihm trennen müsse, wenn sie von der schönen Umgegend Reichenhalls etwas kennen lernen und genießen wolle.

Hansis Reiseglück war noch um ein paar Stufen gestiegen, seitdem der Papa ihr ein echtes bayerisches Kostüm gekauft hatte und sie nun in diesem als niedliches Bauerndirndel einherlaufen konnte.

Mister Wildes war es nämlich gleich am ersten Tage aufgefallen, wieviel zierliche, feingliederige und sauber gekleidete Bauernmädchen und Kinder in der landesüblichen Tracht auf den Straßen einhergingen, und als der Professor seine Vermutung, daß die hübsche Nationaltracht wohl auch von einzelnen Kurgästen getragen würde, bestätigte, war er sogleich mit seinem Töchterchen gegangen und hatte es auch darin einkleiden lassen.

Er fand das Kostüm kleidsam und praktisch und besonders für Fußtouren und Ausflüge viel geeigneter als die eleganten, aus Amerika mitgebrachten Kleider, die beim Klettern in den Bergen durch Gestrüpp und Gestein überall hinderlich waren und Behutsamkeit auferlegten. Sein Kind sollte frei und unbekümmert sich einmal recht nach Herzenslust austummeln, und dazu paßte das einfache ländliche Kleid am besten.

Natürlich war es, auf Hansis Bitten, doch etwas hübscher und eleganter ausgefallen als unbedingt nötig war. Über den kurzen schwarzen Wollrock spannte sich eine leuchtendgrüne seidene Schürze, das weiße Blusenhemdchen war von seinem Batist und über das schwarze Tuchmieder wurde ein rosaseidenes Brusttuch mit einer wunderschönen bunten Blumenkante gesteckt.

Das Mieder schlossen silberne Ketten und Spangen und der grüne Filzhut, der so keck auf den schwarzen Zöpfen saß, war mit einer goldenen Schnur und einem Sträußchen Edelweiß geschmückt.

Miß Holymat zog zwar die Lippen etwas verächtlich hoch und sprach von Maskerade, als Hansi sich zum ersten Male in ihrem neuen Kostüm zeigte, aber Hansi ließ sich dadurch nicht stören. Sie fand es entzückend, und selbst die derben, schwarzen Lederschuhe, die dazu gehörten, konnten ihr nicht die Freude an dem Kostüm verderben. Die traten zwar ein bißchen sehr kräftig auf, wenn sie über das Parkett des Speisesaales ging oder die Marmortreppen zur Vorhalle emporsprang, aber dafür konnte man mit ihnen sicher auch gut Schuhplattel tanzen, und das wollte Hansi lernen, nachdem sie es beim Vorübergehen an einer kleinen Bauernwirtschaft von Landbewohnern tanzen gesehen hatte.

Der Professor, dem sie diesen Wunsch anvertraute, lachte herzlich. »Na, na, dazu müssen wir uns erst einmal etwas besser als bayerisches Mäderl bewähren. Vorläufig hat das kleine Fräulein das Näschen noch nicht viel über Reichenhall hinausgestreckt, versteht noch kein Wort Dialekt, hat noch keinen Berg bestiegen, keinen greulichen Sintflutregentag mitgemacht, – halt, übrigens fällt mir dabei ein, der umsichtige Herr Papa hat nur an Sonnenschein gedacht, als er seine Puppe ausstaffierte. Was machen wir denn bei Abendkühle und Regen?«

»Oho! da kennen Sie meinen Pa schlecht!« triumphierte Hansi. »Ein Amerikaner denkt an alles. Hier ist die gestrickte schwarze Wolljacke mit der hübschen grünen Kante für Abendkühle und hier, das aller–aller–allerschönste, der große rote Regenschirm mit der Goldblechkrücke und dem derben Stock! Bergstock, Herr Professor! Hurra, holdrio, wo ist der Berg, den ich gleich im Sprunge nehmen soll?«

»Sachte, sachte – heute nachmittag rutschen wir erst einmal per Eisenbahn nach Hallturm, der Paßhöhe. Na trinken wir einen feinen Kaffee und wandern dann zum Hintersberge, und da zeige ich der kleinen Wißbegier einen Gletscher und eine Schneealp und den König Watzmann mit seinen sieben wilden Söhnen.«

»O, Herr Professor, wie himmlisch! Da gibt es sicher wieder eine Geschichte, nicht wahr?«

»Ja, wenn Sie sehr liebenswürdig und artig sind und nebenbei recht hübsch jodeln können, dann erzähle ich vielleicht die Geschichte vom bösen König Watzmann und seinen sieben Söhnen,« neckte der Professor.

»Liebenswürdig und artig.« – Hansi errötete. Sie entsann sich plötzlich, daß sie gestern abend, als Miß Holymat sie ermahnte, sich nicht in der nebeligen Luft zu erkälten, sondern lieber ein Tuch umzutun, dieser nicht gefolgt war, und dann, als die Miß das Tuch selbst holte und ihr umband, eine sehr ungehörige, unfreundliche Antwort gegeben hatte.

Schrecklich, dieser Professor sah und hörte alles! Und auf irgend eine Art und Weise hielt er es ihr dann einmal vor. Nun mußte sie sich wieder vor ihm schämen.

»Ja, ich werde mich bemühen, liebenswürdig und artig zu sein,« sagte sie, treuherzig zu ihm aufblickend. »Ich weiß schon, was Sie meinen. Wirklich, ich tue es nicht wieder. Aber jodeln? Wie soll ich denn jodeln? Das kann ich ja nicht!«

»Sehen Sie, und da wollen Sie Schuhplattel tanzen? Erst lernt man jodeln. Das ist das allererste, was ein bayerisches Bauernmädel können muß. Machen Sie mal die rosigen Öhrchen auf. Überall klingt's von den Bergen. Dazu braucht man keinen Lehrer, nur etwas Gehör und ein helles Stimmchen. Das haben Sie beides, und heute nachmittag im Angesicht des Watzmanns üben wir diese erste Bauernmädelpflicht.«

Als Herr Wildes zu Tisch kam, erzählte er, daß er heute einen kleinen Bauernburschen engagiert habe, der ihnen bei den Fußtouren das Handgepäck tragen solle, und daß dieser gleich heute nachmittag antrete.

»Aber, Pa, wir fahren doch mit der Bahn nach Hallturm, sagt der Herr Professor. Überhaupt, Handgepäck haben wir doch eigentlich nie bei solch kleinen Partien,« verwunderte sich Hansi, und auch der Professor schüttelte erstaunt den Kopf.

Herr Wildes lachte beinahe etwas verlegen auf. »Hm, eigentlich stimmt das. – Na, mein Überzieher, Miß Holymats Mantel und dein Jäckchen, das ist am Ende doch Handgepäck, und wenn das ein anderer trägt, macht es sich bequemer. Das heißt, ehrlich gestanden, zwingend war das nicht. Aber wie ich heute früh an einem der Geschäfte vorüberging, in denen man die bunt bemalten Holzkästchen und Schnitzereien kauft, stand da neben der Türe so ein netter, frischer Junge, zählte aus einem schmalen Beutelchen Geld in die kleine braune Hand und seufzte dazu schwer und bekümmert. Ich weiß selbst nicht, wie ich darauf kam – ich glaube, das Flachshaar und das runde treuherzige Kindergesicht mit dem Ausdruck von Sorge und Enttäuschung taten es mir an –, ich klopfte ihm auf die Schulter und fragte, ob er einen Kummer hätte? Erst war er ein bißchen befangen und wortkarg, dann aber erzählte er, daß seine Schwester solche Kasten und Dinge male, wie man sie dort im Laden feilhalte, und er trage sie dann von Großgmain, wo sie mit der Mutter wohnten, hierher, wo der Ladenbesitzer sie ihm abkaufe. Heute nun hätte ihm dieser für die Arbeit einen Abzug gemacht und gesagt, er könne sie überall so billig haben. Wenn es ihnen nicht recht sei, sollten sie ihre Sachen für sich behalten. Und das könnten sie nicht, denn die Mutter sei Witwe, die Schwester lahm auf einem Beine und daher zu schwerer Arbeit untauglich, und er selbst noch zu jung, um richtig verdienen zu können. Die Malerei der Schwester wäre der Verdienst, von dem sie hauptsächlich lebten, und da müsse er sich halt den Abzug gefallen lassen, weil sie sonst schwer einen Abnehmer fänden.«

»O, der arme Junge! Pfui, das ist schlecht von dem Kaufmann, ihn so zu drücken!« empörte sich Hansi. »Nicht wahr, Pa, du hast ihm gleich Geld gegeben?«

»Nein. Nach Almosennehmen sah mir der saubere, nette kleine Kerl nicht aus, die gebe ich auch aus Grundsatz nicht, solange die Leute noch Kraft genug haben, um arbeiten zu können. Aber wie wir so miteinander redeten und ich erfuhr, daß er jeden Tag von Mittag an schulfrei fei, kam mir der Gedanke, ihn als unseren kleinen Führer und Diener zu engagieren. Und da er das mit strahlender Freudigkeit annahm, haben wir nun eben jemand, der uns die Mäntel und Jacken trägt.«

»O, mein wundervoller, lieber Pa!« Hansi umarmte ihn stürmisch. »Das hast du brav gemacht! Wie freue ich mich! Herr Professor, der kann gewiß jodeln. Nicht wahr, ein hiesiger Bauernjunge muß doch jodeln können?«

»Sicher, und Schuhplattel tanzen und Dialekt sprechen und raufen. Der kann Sie in allem Nötigen unterrichten,« nickte der Professor ernsthaft.

»Danke, danke, so viel will ich gar nicht lernen,« lachte Hansi. »Ich bin doch kein Bua, nur a Dirnderl, zu raufen hab' i net nötig. Aber jodeln – holdrio–oh –!«

»O shoking, Jane, uas müssen denken die Menschen, uenn du schreist uie die Kühen auf die Uiesen,« wehrte Miß Holymat entsetzt ab und hielt sich die Ohren zu.

Aber Hansi jauchzte vor Vergnügen über das Entsetzen der Miß, über die Güte ihres Pas, über die Freuden, die ihr hier noch bevorstanden, überhaupt über die ganze schöne Welt und ihr fröhliches, sonniges, junges Dasein.

Dann war sie am Nachmittage freilich ein klein wenig enttäuscht als Pas jugendlicher Schützling in einem zwar sehr reinlichen, aber arg verwaschenen grauen Zwilchjäckchen und blauen Leinenhosen antrat.

Ja, er sah wohl ganz nett aus, sauber gescheiteltes Haar, blitzblank gewaschenes Gesicht, ein paar treuherzige blaue Kinderaugen und kräftige, braungebrannte Fäuste. Das mochte ja alles gehen, aber sonst hatte Hansi ihn sich ganz anders vorgestellt. Mit weißem Hemde, gestickten Hosenträgern, bunten Wollstrümpfen und ledernen Kniehosen, so wie die großen Buas, die sie Schuhplattel tanzen sah, – doch etwas Nationaltracht. Das einzige, was er wie jene hatte, waren nägelbeschlagene, pfundschwere Lederschuhe, mit denen er weitausschreitend und festauftretend hinter seiner Herrschaft herstapfte.

Hansi war enttäuscht. Sie wußte mit ihm nichts anzufangen, nachdem er auf ein paar ziemlich von oben herab gestellte Fragen in schwer verständlichem Dialekt sehr befangen und scheu geantwortet hatte.

Es war auch augenblicklich keine Gelegenheit, sich mit ihm zu beschäftigen, denn nun stieg man in die Bahn, und die pustete und keuchte mühsam zwischen Felsen und Wäldern ihren steilen Weg in die Höhe, und Hansi hatte nach rechts und nach links zu schauen, wie die mächtigen Steinblöcke moosbewachsen im Waldesgrunde lagen, wie hoch die Tannen und Eichen wuchsen, wie köstlich es sich hinab- und zurückblickte ins lachende Tal und wie, je näher man der Höhe kam, am Wegrande und im Waldesgrün die lilarotblühenden duftigen Alpenveilchen in immer reicheren Massen auftauchten und den Grund schmückten.

Hansi zitterte vor Eifer und Verlangen, sie zu pflücken. Was sie daheim mühsam in Blumentöpfen zogen, das wuchs hier wie Unkraut in ungebändigter Fülle auf, und man durfte es pflücken und seinen köstlichen Duft atmen, so viel man wollte und konnte.

Sie hatte kaum Augen für den malerischen alten Wachtturm, der oben auf der Paßhöhe als letztes Wahrzeichen der ehemaligen Befestigungen des Klosters Berchtesgaden steht und dem Platz den Namen gibt. Sie mochte auch keinen Kaffee trinken, ihr Herz stand nur danach, hinaus in den Wald zu stürmen und Alpenveilchen zu pflücken.

Seppel, so hieß der kleine Großgmainer Bauernbub', trabte hinter ihr her wie ein getreues Hündchen.

»Soll i a Bleamerln rupfen?« fragte er zaghaft.

»Ja, ja, hilf mir,« nickte Hansi, und während sie beide im Moos knieten und mit Eifer pflückten, begannen sie sich zu verstehen und allmählich anzufreunden.

»Du, Seppel,« sagte Hansi, einen Augenblick ihre emsige Arbeit unterbrechend, »kannst du auch jodeln?«

»I mein' schon,« grinste Seppel verschmitzt, den Mund von einem Ohr bis zum andern ziehend.

»Mach's mal, schnell! Aber leise, damit die drüben es nicht hören.«

»O mein, dös is not leis z'machen,« grinste Seppel wieder. »Was so a richt'ger Jodler is, den muß man höre könne bis Reichenhall.«

»Nein, dann hört es der Professor, das geht nicht,« wehrte Hansi erschreckt ab.

Indem klang von drüben her, irgendwo aus dem Walde, ein kräftiger, langgezogener Jodler durch die Luft und aus nächster Nähe antwortete ein anderer mit frohem Jubellaut.

»Hören's, dös jodelt überall, 's kann nimmer eins wissen, woher's kimmt,« bedeutete Seppel vergnügt. »Wenn i jodel', mirkt's der Herr Professor a nimmer.«

»Nein, meinst du? Na, dann mal los, jodel' mal!«

Na legte sich der Seppel ins Zeug. Die Hände in den Hosentaschen, den Kopf etwas zurückgebogen, ließ er einen so kräftigen, schmetternden Jodler ertönen, daß Hansi sich beide Ohren zuhielt und dann halb erschrocken, halb bewundernd ausrief: »Du, – aber du kannst's! Wenn das die Miß hörte!«

»Gelt, dös war a feiner?« schmunzelte Seppel, purpurrot vor Anstrengung und Stolz.

»Wenigstens ein gewaltiger,« lachte Hansi. »Du, Seppel, ob ich das wohl nachmachen könnte?«

»W'rum nöt? Man Courage müssen's haben und 's Maul aufreiße.«

»O Sepp, man sagt nicht ›Maul‹. Kühe haben ein Maul, aber Menschen haben einen Mund,« verwies ihm Hansi entsetzt.

»O mein – dös is freili wahr,« gab Sepp bestürzt zu, »dös sagt mei Mutterl a allweil. Aber beim Jodeln –«

Verlegen hielt er ein und Hansi ergänzte lachend: »Beim Jodeln muß es doch wohl ein Maul sein? Na, wart' mal, vielleicht kann man es auch mit einem Munde machen. Fang mal an, ich mach's dann nach.«

Die Alpenveilchen konnten nun ungestört im Moose blühen, Hansi und Seppel übten mit demselben Feuereifer Jodler, wie sie vorher Blumen pflückten. Sie vergaßen darüber Zeit und Welt, Seppel strahlend vor Wonne in seiner Rolle als Lehrer und Hansi nach jedem Ton, den sie ihm glücklich abgelauscht und richtig getroffen hatte, im Gefühl einer Primadonna, die eine Glanzleistung vor das Publikum bringt.

Und Publikum hatte sich schließlich auch eingefunden. Hinterwärts war es herangeschlichen gekommen, der Professor, Herr Wildes und die vor Schreck und Entsetzen fast erstarrte Miß.

Der Professor hatte drüben beim Kaffeetisch auf einmal angefangen die Ohren zu spitzen und gelächelt, als die Miß mit ergebungsvollem Seufzer ihren Kopf schüttelte und gequält ausrief: »O diese Leuten! Uenn sie sein vergnügt, sie müssen brüllen uie der Hirsch nach Uasser! Da müssen sein ein Paar, uo sind geuorden ganz verrückt; sie machen immer eine exercise, das klingt ganz grausam!«

»Ich fürchte, Miß Holymat, daß diese Übeltäter aus unserem eigenen Kreise stammen,« hatte der Professor da lustig losgelacht. »Das ist Hansi, die bei Seppel das Jodeln lernt.«

» Dear me, it is impossible

Aber nun sah sie, daß es schreckliche Wirklichkeit war. Da befanden sich die beiden Schreihälse und erfüllten die Luft mit ihren durchdringenden Tönen.

Herr Wildes und der Professor lachten, daß sie sich schüttelten. Die Miß aber rang die Hände, und endlich übermannte sie die Verzweiflung. Sie stürzte aus ihrem Hinterhalt auf die beiden Missetäter los und rief wild: »Uollt ihr sein still, um Barmherzigkeit! O, es ist nicht zu ertragen mehr!«

Die beiden glühenden Jodler drehten sich erschreckt um. Seppel so verstört, daß er über das mit Alpenveilchen gefüllte Körbchen stolperte und der Länge nach auf die Nase fiel. Hansi, nur etwas ungnädig, daß ihre Überraschung für den Professor verdorben war.

»O, Miß, Sie sollten doch nichts hören, es sollte ja eine Überraschung werden!«

»Uir sollten nichts hören! O dieses Kind! Man hat müssen es hören bis nach Amerika! Ihr habt geschreit wie Elefanten!« verteidigte sich die Miß vorwurfsvoll. »Eine junge Lady, und brüllt wie ein kleines Bauernjung'!«

»Lassen Sie nur. Miß, lassen Sie. Das sind Landessitten, und Hansi hat ganz recht, wenn sie strebsam und lernbegierig ist,« lachte Herr Wildes, den Schwarzkopf seines Mädels streichelnd.

»O, Mister Uildes, Sie sind ein schuaches Vater, das findet alles gut von sein Kind. Ich uasche meine Hände in Unschuld, uenn Jane kommt zurück nach Amerika uie eine kleine Uilde,« fiel die Miß gekränkt ein.

»Ja, ja, waschen Sie nur. Ich nehme alle Schuld auf mich. Aber nicht wahr, Herr Professor, nun müssen wir uns auf den Weg machen, wenn wir noch den schönen Ausblick haben wollen, den Sie uns versprachen. Vorwärts, Kinder, jetzt gilt es die Beine, nicht mehr die Kehle!«

»Herr Professor,« sagte Hansi und drängte sich an den vergnügt Schmunzelnden, »ich kann's beinahe. So den letzten Schwung habe ich noch nicht heraus, aber Sie nehmen vorläufig den guten Willen für die Tat und erzählen doch die Geschichte vom König Watzmann?«

»Natürlich, Sie haben sie redlich verdient. Sowie wir den alten Herrn vor Augen haben, sollen Sie seine schauerige Lebensgeschichte erfahren.«

Nun schritten sie tapfer aus, durch grünen Wald und Busch einen aufsteigenden Weg hinauf, und als sie dessen Höhe erreicht hatten, bot sich ihnen ein köstlicher Ausblick auf eine Fülle von Bergspitzen.

»Oh! das weiße, lange Schneefeld,« schrie Hansi jubelnd auf, »dort in der Ferne! Wie es schimmert und glänzt! Herr Professor, ist das der alte, grimme Bergkönig?«

»Nein, das ist die übergossene Alp. Hier, seitwärts davon, der graue, kahle Geselle, aus dessen Schneeschoß die verschiedenen Zacken und Spitzen auftauchen, das ist der einstig mächtige König Watzmann, der in alten Zeiten über dieses Land, über seine Seen, Berge, Almen und Täler herrschte. Alles Volk im weiten Umkreise war ihm Untertan und mußte ihm den Zehnten bringen. Der Jäger das Wild, der Fischer die silbernen Schuppentiere, der Ackerbauer des Bodens Früchte und die Weiber feines Gespinst und mühselige Webereien. Aber wie sie ihm auch dienten und für ihn schafften, es war doch nie genug und seine Hand ruhte grausam und immer mehr verlangend auf ihnen.

»Sieben wilde Söhne wuchsen neben ihm auf. Alle waren sie hart und grausam wie er, und wenn er mit ihnen zur Jagd ritt, zertraten die Hufe ihrer Rosse des Landmanns Feld und Saat, ihre blutige Meute fuhr wild zwischen die friedlichen Herden der Hirten und biß die Lämmer und Kälber tot, und seine und seiner Söhne Hetzpeitschen fielen auf die Leiber der im Felde Arbeitenden, ganz gleich, ob es Greise, Weiber oder Kinder waren.

»Das Volk seufzte, murrte und fluchte, aber König Watzmann und seine wilden Söhne lachten und banden an ihre Hetzpeitschen noch spitze Haken, damit sie blutiger schlügen und schmerzlicher träfen.

»Und es schien, als wolle der Himmel sich nimmer der armen Gepeinigten erbarmen und als gäbe es kein Gericht und keine Strafe für die rohe Willkür und Grausamkeit der Mächtigen. Aber einst, an einem heiligen Sonntage, als die Kirchenglocken zur Messe läuteten und die armen geplagten Untertanen zum Gottesdienste wallten, kam der alte König mit seinen sieben Söhnen im wilden Galopp angejagt hinter einem mächtigen weißen Hirsch her, der in weiten angstvollen Sprüngen gerade durch die Scharen der andächtigen Wanderer flog, daß diese erschreckt zur Seite wichen und dem anrasenden Zuge der wilden Jäger weiten Platz machten.

»Nur zwei kleine Kinder, deren Mütterlein krank daheim lag und sie nicht schützen und aus dem Wege reißen konnte, waren nicht eilig genug vom Pfade gewichen. Über sie hin gingen die Hufe der Rosse, und die Reiter jauchzten Hurra und Hussa, ohne des Stöhnens der Zertretenen zu achten.

»Dicht waren sie dem weißen Hirsch auf den flüchtigen Fersen, da nahm dieser einen letzten Anlauf und sprang hinein durch die weitgeöffnete Türe des schlichten Kirchleins, an dessen Altar ein greiser Priester stand und die Sonntagsgäste erwartete.

»Zu seinen Füßen brach das geängstigte Tier zusammen und hinter ihm schlugen die Hufe des Rosses, auf dem König Watzmann selber ritt, den Lehmboden des Gotteshauses.

»Entsetzt hob der Priester das Kruzifix, das er in der Hand hielt, über das röchelnde Tier, aber hohnlachend riß der König das Jagdmesser von der Seite und wollte es zum tödlichen Stoße wenden.

»Da flammte Feuer vom Himmel und aus der Erde, es rollte und krachte in der Luft, Finsternis verhüllte das Licht der Sonne, der Boden wankte und barst, und als die Finsternis vergangen war, stand statt des Königs und seiner Kinder der Felsen Watzmann da, mit seinen sieben Spitzen, und blickte als Wahrzeichen von Gottes Gerechtigkeit und Gericht für alle Zeit weit in die Lande.«

Des Professors Stimme hatte tief und stark durch die Stille der schon langsam zur Dämmerung neigenden Natur geklungen.

Nun schwieg er, und seine Zuhörer atmeten aus wie von schwerem Druck befreit.

Die Erzählung hatte im Angesicht dessen, von dem sie handelte, seltsam ergreifend und lebendig gewirkt, und selbst die Miß, die Sagen und Märchen für Lügen und Unsinn erklärte, schauerte leicht zusammen und sagte: »O, es ist erfunden sehr hübsch, das Märchen von das alte Uatzmann. Aber man darf nicht glauben an solchen Dingen, Jane, die Naturgeschichte –«

»Bitte, Miß, lassen Sie diesmal die Naturgeschichte beiseite,« wehrte Mister Wildes ab, »die mag in die Schulstube passen, aber hier, wo die Natur sich selbst so märchenschön und poetisch schmückt, darf der Mensch sie auch mit den Augen der Poesie und des Märchens ansehen. Schönen Dank, Herr Professor, Sie verstehen es wunderbar, Ihre Worte der Stimmung und Umgebung anzupassen, und es ist nicht mein Mädel allein, dessen Herz und Sinn Sie damit gewinnen.«

Er drückte dem Professor mit herzlichem Blick die Hand und Hansi schlang stürmisch ihre Arme um beide nebeneinanderstehende Männer. »Ach, ich bin so glücklich! Ich habe euch beide so lieb und bin euch so dankbar! Passen Sie auf, Herr Professor, wie dankbar ich Ihnen bin!«

Blitzschnell kehrte sie sich dem Watzmannblick zu, warf sich in die Brust, lehnte den Kopf zurück, wie sie es von Seppel gesehen hatte, und jodelte mit mehr Kraft als Schönheit in die Abendluft hinaus. Die beiden Herren lachten und Sepp grinste mit dem ganzen Gesicht, trotzdem er heimlich bei sich fand, daß das Fräulein es noch herzlich schlecht machte.

Nur die Miß hielt sich die Ohren zu und sagte schaudernd: »Uenn mein kleines Katz macht Musik und singt, es klingt besser. Aber ich sage nichts. Ich uill heulen mit den Uölfen. Mister Uildes hat gesagt, daß es sein Landessitte und daß man müßte ihnen lernen.«

Die arme Miß war erst am Anfange ihrer Schrecken und dessen, was sie in diesem Lande lernen mußte; gleich wenige Tage darauf hatte sie wieder Gelegenheit, heftig und vorwurfsvoll den Kopf zu schütteln.

Diesmal machte die Gesellschaft einen Ausflug nach Bischofswiesen, zum Brennerbascht.

Das war ein kleines, ganz im Grünen gelegenes Gasthaus an der Straße zwischen Reichenhall und Berchtesgaden, das zweierlei Berühmtheiten bot, erstens den Brennerbascht und seine Frau, die zusammen das stattliche Gewicht von fünf Zentnern erreicht hatten und infolgedessen schon ansehenswert waren, und dann, als zweite Berühmtheit, einen vom Brennerbascht selbst aus der Wurzel des Enzians hergestellten Schnaps, der zwar immer etwas stark nach Erde, aber trotzdem den Leuten gut schmeckte und für allerlei Leiden und Beschwerden des Körpers heilsam und bekömmlich sein sollte.

Den wollte Mister Wildes probieren und vielleicht ein Kistchen davon mit hinüber nach Amerika nehmen, denn er brachte seinen Freunden drüben immer gern irgend eine deutsche Spezialität von seinen Europareisen mit.

Gleich nach dem Kaffee, den die vier Personen noch ganz allein im kleinen grünen Wirtsgarten eingenommen hatten, da sie heute sehr früh von Reichenhall fortgefahren waren, begaben sich daher die beiden Herren in das Privatzimmer des Brennerbaschtschen Ehepaares und Miß Holymat wanderte mit Hansi etwas weiter auf die umgebende Wiese hinaus, um dort von einem passenden Punkt aus eine kleine Farbenskizze aufzunehmen.

Während sie auf ihrem Feldstühlchen saß und zeichnete und pinselte, schlenderte Hansi ziemlich unbeschäftigt durchs Grüne wieder dem Wirtsgarten zu, in dem sie vorher eine Schaukel zu sehen gemeint hatte.

Sie langweilte sich heute ein bißchen und bedauerte, daß Sepp heute nicht mit war und sie die Zeit nicht ausnutzen konnte, um wieder Stunden bei ihm zu nehmen.

Er mußte heute für seine Schwester eine notwendige Besorgung in Berchtesgaden machen, um dort neue Absatzquellen für ihre Arbeiten zu suchen, und Mister Wildes hatte ihn dafür gern beurlaubt.

Aber nun fehlte er Hansi, die mittlerweile schon sehr gute Kameradschaft mit ihm geschlossen hatte, gerade heute an allen Ecken und Enden, und sie schlenderte mißvergnügt und unbefriedigt am Hinterhause vorüber wieder dem kleinen Wirtsgarten zu, um sich dort irgend eine Unterhaltung oder Beschäftigung zu suchen.

Es hatten sich mittlerweile auch mehr Gäste dort eingefunden. Hansi sah Kleider schimmern und hörte Stimmen schallen, sah aber weiter nicht um sich und achtete auch nicht darauf, als jemand mit einem Stock auf den Tisch klopfte und laut rief: »He, Kleine, holla! – wir möchten bestellen!«

Das ging sie ja nichts an, gleichmütig schritt sie vorwärts. Da huschten schnelle Schritte hinter ihr, eine leichte Hand legte sich auf ihre Schulter und ein feines Stimmchen sagte mit etwas kurzem, befehlendem Ton: »Du, hörst du denn nicht? Wir wollen bestellen. Komm mal schnell an unseren Tisch!«

Unwillig schüttelte Hansi die Hand ab und sah erstaunt die Sprecherin an.

Es war ein junges Mädchen in ihrem Alter, sehr zart, sehr hübsch, sehr blond und elegant. Jetzt schüttelte sie ungeduldig den Kopf und fuhr fort: »Bist du denn taubstumm? Eine Wirtstochter muß doch ein bißchen schnell und bereit sein!«

» Nora, Nora, it is a little peasant Girl, but speak politely,« klang eine weiche Frauenstimme von einem nahen Tische herüber, und Hansi, die noch immer nicht recht begriff, was das alles zu bedeuten hatte, wandte nun ihre Blicke dorthin. An dem Tische saßen eine Dame und ein Herr, beide hübsch und elegant, und die Dame nickte freundlich zu Hansi hinüber.

»Ja, liebes Kind, komm nur her. Du bist doch wohl das kleine saubere Wirtstöchterlein und kannst unsere Bestellungen annehmen? Wir warten hier schon eine ganze Weile, daß jemand kommt und nach unseren Wünschen fragt.«

Jetzt hatte Hansi begriffen. Ihr bayerisches Kostüm verleitete die Fremden, sie für Brennerbaschts Töchterlein zu halten.

Himmlisch, köstlich! Das war ja ein Abenteuer, wie sie es sich gar nicht hübscher wünschen konnte. Sie mußte sich auf die Lippen beißen, um nicht laut aufzulachen. Aber ihr Gesicht bekam dadurch doch einen sehr freundlichen Ausdruck, und als sie jetzt schnell näher trat und einen niedlichen Knicks machte, wie es nach ihrer Ansicht sich für ein Wirtstöchterlein schickte, nickte die hübsche blonde Frau ihr lächelnd zu und sagte: »Sieh, was für ein freundliches, schmuckes Dirndel du bist! So ist's recht, da bekommt man gleich noch einmal so großen Appetit wie vorher. Willst du uns nun einen wunderschönen Kaffee besorgen?«

»Ja, aber bitte, mit ›ohne‹ Zichorie,« lachte der Herr unter seinem hochgebürsteten blonden Schnurrbart hervor. »Kannst du das versprechen?«

Hansi nahm all ihre glücklich schon von Sepp erlernten Dialektkenntnisse zusammen. Wenn es auch ein bißchen falsch und ungeschickt klang, die Fremden würden das wohl nicht so genau verstehen.

Sie machte wieder einen Knicks und sagte schelmisch: »Dös kann i net, i weiß nimmer, was sie in der Küchen brauen.«

»Sieh, sieh, die kleine Schlauheit deckt sich den Rücken,« schmunzelte der Herr. »Na, leg' wenigstens ein gutes Wort für uns ein, Vronele oder Monele, oder wie du sonst heißt.«

»Hansi heiß' i,« knickste Hansi wieder und amüsierte sich köstlich.

»So? Na, denn Hansi! Also drei Tassen Kaffee und drei Stücke Kuchen. Ihr habt doch welchen?«

Das konnte Hansi mit gutem Gewissen bejahen, sie hatte eben selbst mit großem Appetit davon gegessen.

»Freili, ganz frisch und schön,« nickte sie.

»Bon, und dazu einen Enzian, aber strichvoll und geschickt getragen, daß kein Tröpfchen davon verloren geht, verstanden? Und nun flink fort, wie ein geölter Blitz!«

»Aber, Leo,« verwies die Dame lächelnd, »du hast doch nicht deine Soldaten vor dir.«

»Ei was, das ist auch ein kleiner Rekrut in der Kunst der Bedienung, den muß man ein bißchen drillen. Gelt, Hansi, das Mutterle faßt dich auch nicht mit Glacehandschuhen an?«

Hansi kicherte: »Nee, aber 's Vatterle is viel braver wie der Herr!«

Und dann sprang sie lachend fort, wirklich der Küche zu.

Das war ein zu feines Abenteuer! Wenn es ihr nur gelänge, es auch durchzuführen.

Drinnen in der Küche war ein freundliches Mädchen, das gar nichts dagegen hatte, Hansi als Bedienung anzunehmen.

»Wenn's woll'n, mir is's recht,« lachte es. »Die Burgei is g'rad beim Heumachen und d'Frau sitzt drin, daß i nimmer aus der Küchen kann, da kimmt's mir g'rad g'legen. Hier, aber geben's halt acht. Das is nit leicht mit dem Präsentierbrettel.«

Nein, das fand Hansi auch. Uh – besonders die Stufen hinunter in den Garten. Schwupp! da saßen die Tassen schon im dunkeln Fußbade und der Enzian, von dem kein Tröpfchen verloren gehen sollte, spiegelte sich auch in einem blanken kleinen See.

Die würden lange Gesichter machen! Nein, Kellnerin oder Brennerbaschts Töchterlein spielen, verlangt Anstrengungen. Aber nun mußte durchgehalten werden – hübsch war es doch!

Mit hochrotem Gesicht kam sie bei dem Tische an.

»Geschickt bist du gerade nicht,« spottete das Backfischchen, das zierlich und kerzengerade wie eine Puppe, mit Glacéhandschuhen und aufgespanntem Sonnenschirm, auf seinem Stuhl saß und neugierig auf das Tablett schaute. »Das schwimmt ja alles, wo es nicht schwimmen soll.«

Hansi wurde noch röter und sah beschämt und ängstlich auf ihre Missetaten und dann zu den Gesichtern der Eltern auf.

Die Dame schüttelte verweisend den Kopf, aber nur nach ihrer Tochter hin. »Erst besser machen, ehe man sich erlaubt, zu tadeln. Du hättest es sicher nicht geschickter gemacht, Nora. Sieh nur nicht so verlegen aus. Kleine. Es ist gar nicht schlimm.«

Sie war entzückend mit den lieben blauen Augen und der sanften Stimme. Hansi liebte sie und warf ihr einen unbeschreiblich dankbaren Blick zu, den die Dame mit lächelndem Nicken erwiderte.

»Bewahre, es ist den Umständen nach alles sehr befriedigend abgelaufen,« lachte der Herr. »Der Enzian ist nicht in den Kaffee und der Kaffee nicht in den Enzian geflossen, und der Kuchen kann sich sogar beklagen, daß er gar nichts von all dem Überfluß abbekommen hat. Tadellos, Hansi, aus dir kann noch eine Größe im Fache des Auftragens werden. Na, nun sag' mal, kleiner, bunter Spatz, welche Reichtümer verlangst du für dieses lukullische Mahl?«

»Aber, Leo, das Kind versteht dich ja gar nicht, sprich doch vernünftig mit ihm oder überlaß es mir. Was sind wir schuldig, Hansi?«

Daran hatte die neugebackene Kellnerin nun gar nicht gedacht. Richtig, sie mußte ja da drinnen in der Küche auch noch bezahlen. »Ach, daran habe ich gar nicht gedacht!« sagte sie erschreckt in ganz natürlichem Ton und Dialekt und verbesserte sich dann schnell: »Dös weiß i wirkli net.«

Die Fremden hatten aber nichts gemerkt, sie lachten nur.

»O du heilige Unschuld, du wirst aber das Geschäft hochbringen! Du hast das Zeug zur Millionärin, direkt amerikanischer Unternehmungssinn!« rief der Herr und schlug sich lachend die Beine. »Sag' mal, du bedienst wohl heute zum ersten Male?«

»Ja,« nickte Hansi und lachte innerlich ebenso vergnügt und amüsiert wie die Fremden.

»Na, darum. Für ein erstes Debüt hast du es dann nicht übel gemacht. Aber man sollte freilich meinen, daß in solchem Hause die Töchter ein bißchen praktischer erzogen würden,« lächelte auch die Dame. »Nun springe nur schnell zurück und frage, was wir schuldig sind, damit das Mutterle nicht wieder schilt.«

»Aber flink, sonst brennen wir mit der Zeche durch, Leichtsinn!« rief ihr noch der Herr nach, als sie wirklich schon zur Küche eilte.

Vor der Türe mußte sie erst eine Weile stehen, und sich richtig auslachen. Es war zu reizend! Und amerikanischen Unternehmungssinn hatte der Herr ihr zugemutet! Wenn sie das dem Pa erzählte, daß man seiner Tochter selbst im bayerischen Bauernkostüm die Amerikanerin anmerkte! Der würde sich amüsieren!

Bald darauf stand sie wieder vor den Fremden und bemühte sich, genau mit demselben Dialekt, den sie eben in der Küche gehört, ihre Rechnung zu machen.

»Potztausend, so viel Geld? Ist's nicht billiger? Erst weiß sie gar nichts, und nachher verlangt die schwarze Hansi uns solch einen Haufen Mammon ab! Kostet's gar nicht ein bißchen weniger, weil wir doch die ersten Kunden sind?« neckte der Herr, seinen Geldbeutel ziehend.

»G'rad müßten's eigentlich mehr zahlen,« kicherte Hansi, wurde dann aber doch blutrot und wehrte heftig ab, als der Herr schmunzelnd nickte.

»Richtig ist's. Hier, Maidele, einen ganzen blitzblanken Zehner extra für die außerordentliche Bedienung und das hübsche, lustige Gesichtet.«

»O nein, ich nehme doch kein Trinkgeld,« stieß sie entrüstet hervor und schob den Zehner weit von sich.

»Nanu, Wirtstöchterlein, das ist ehrlich verdientes Geld. Es fällt dir keine Perle aus der Krone, wenn du es nimmst. Bewahre es als Andenken auf. Erstes Selbstverdientes – darauf kannst du stolz sein. Mein Mädel da ist wohl genau so alt wie du und hat noch keinen Pfennig verdient.«

»Aber, Papa, das habe ich doch auch nicht nötig, das schickt sich nicht für mich,« fuhr das junge Mädchen beleidigt auf.

»Schickt sich nicht? Dein Vater verdient auch Geld, steht in Kaisers Diensten und wird dafür bezahlt, Prinzessin Dummchen. Ehrliches Geldverdienen schickt sich sehr, und wer es kann, steht besser und fester im Leben wie solche, die es nicht nötig haben. Nun, Hansi, was meinst du dazu?«

»Daß Sie recht haben,« sagte Hansi und hob das dunkle Köpfchen jetzt noch stolzer wie die blonde Nora ihres vordem. »I nehm's und sag' schön' Dank. I will's bewahren als Andenken an die lieb'n Herrschaften.«

»Recht so,« nickte die Dame freundlich und strich ihr über das heiße Gesicht. »Du bist ein sehr liebes, vernünftiges Dirndel, und es tut mir leid, daß wir nicht noch ein Weilchen mit dir plaudern können, aber wir müssen jetzt weiter. Auf Wiedersehen, Hansi; bestell' deiner Mutter einen Gruß, und sie sollte nur zufrieden mit dir sein, du würdest gewiß einmal ein tüchtiges Mädchen werden.«

»I wo, ein Leichtfuß wird sie bleiben. Hinter den schwarzen Zöpfen und braunen Augen sitzt überall der Schalk. Adieu, kleine Hexe!«

»Adieu,« sagte auch Nora und nickte hochmütig mit dem blonden, hübschen Köpfchen.

Hansi knickste und nickte auch. »Grüß' Gott, leben's wohl. Geben's uns bald wieder d'Ehr',« rief sie, ihre Wirtstochterrolle nach besten Kräften bis zum letzten Moment durchführend.

Dann, als die drei Fremden hinter der Gartenhecke verschwunden waren, klatschte sie jubelnd in die Hände und drehte sich windschnell, um nach der Wiese zu Miß Holymat zu laufen. Sie mußte ihr Herz ausschütten, sie mußte ihr köstliches Abenteuer schnell irgend jemand erzählen, sonst erstickte sie an Lachlust und Mitteilungsdrang.

Nur erst schnell noch in die Küche, um das Geld abzuliefern. Der blanke Zehner wurde an die Uhrkette gehängt. Solch ein Schmuckstück bekam sie nie wieder. Das war mehr wert und seltener und interessanter als die Brillantenanhänger, die ihre erwachsenen Schwestern zu den großen Bällen trugen.

Als sie aus der Küche gesprungen kam, traten eben ihr Vater und der Professor wieder in den Garten, und von der Wiese her nahte die Miß mit zusammengeklapptem Feldstühlchen und geschlossenem Skizzenbuch.

Aber jetzt stürzte Hansi natürlich zuerst auf die beiden Herren zu, und wie ein Wildbach sprudelte die Erzählung ihres Erlebnisses über die lachenden rosigen Lippen.

Der Vater und der Professor lachten mit.

»Du Wildfang, du! Was das Ding für Geschichten macht! Donnerwetter, da habe ich nun eine Tochter, die schon auf eigenen Füßen stehen und sich als Kellnerin ihr Brot verdienen kann,« schmunzelte Herr Wildes und der Professor betrachtete mit gebührender Ehrfurcht den blanken Zehner, den Hansi immer wieder in der Sonne aufblitzen ließ, mit dem Jubelruf: »Mein selbstverdientes Trinkgeld!«

Aber Miß Holymat, der die Sache erst nach wiederholter Erzählung in voller Klarheit aufging, schlug entrüstet die Hände zusammen.

»Ein Trinkgeld! Für dir, Jane, man hat gegeben ein Trinkgeld, und du hast genommen ihm? O shocking! O, Mister Uildes, uie können Sie lachen? Es ist eine Streich sehr veruerflich für eine junge Mädchen aus gute Familie, zu machen eine Bedienung. Das ist das Folge von das Maskerade. Ich habe geprophezeit es gleich, es wird machen viele Veruirrung.«

»Aber, liebe Miß, Hansi ist doch noch ein Kind, und ich kann beim besten Willen nicht einsehen, was daran Böses sein soll, wenn sie jemand eine Tasse Kaffee bringt. Im Salon bereiten die Töchter des Hauses doch auch den Tee und reichen ihn den Gästen,« entschuldigte sich Mister Wildes gutmütig lächelnd.

»O, Mister Uildes, uie können Sie machen eine Vergleich mit dieses! Sie sehen das Unterschied in diese Trinkgeld. Du mußtest es geben zurück diese Leute.«

»Fiel mir nicht ein! Ich bin spitzvergnügt, daß ich es habe. Was ist eine Siegestrophäe. Hurra, holdrio–oh! Goldene Miß, schelten Sie doch nicht, wir sind doch nun einmal in Ferien!«

»O, Jane, es ist eine Veruilderung. Aber ich uill nichts sagen, uo dein Vater ist zufrieden. Ich uasche meine Händen in Unschuld.«

»Waschen Sie, waschen Sie,« lachte Mister Wildes, »immerzu, ich nehme alle Verantwortung auf meine Schultern. Aber nun vorwärts, wenn wir noch einen Spaziergang in den Wald machen wollen, ist es Zeit dazu.« – Als sie gegen Abend den nach Reichenhall fahrenden, sehr besetzten Zug abfingen, war Hansi so eilig beim Einsteigen, daß sie falsch zutrat, taumelnd und verwirrt in das Coupé stolperte und direkt mit voller Wucht auf den zunächstliegenden Platz fiel, der leider gerade schon besetzt war und dessen Inhaberin entrüstet aufschrie: »Au, mein Kleid! O – o – nein, dieses ungeschickte Bauernmädchen!«

Zwei weißbehandschuhte Händchen stießen sie ziemlich kräftig und unfreundlich von sich, und ebenso schnell und unbewußt wie sie auf den einen Schoß gefallen war, flog sie nun auf einen andern.

»Oho, der kleine, bunte Spatz,« sagte eine lachende, bekannte Männerstimme über ihr, zugleich wurde sie sanft emporgehoben und nun endlich auf einen freien, ruhigeren Wagensitz gedrückt.

Jetzt erst kam Hansi zur Besinnung und zum klaren Umblick. Sie saß gerade zwischen dem Ehepaar, das sie am Nachmittage bedient hatte, und das schön gestickte Batistkleid des feinen blonden Töchterleins war der erste unliebsame Ruhepunkt gewesen, den sie sich beim Hereinstolpern ausgesucht hatte.

»Aber, Kind, was machst du denn?« klang in diesem Augenblick auch schon die Stimme ihres Vaters unwillig neben ihr. »Wie kann man so ungeschickt sein. Bitte die Herrschaften, daß sie entschuldigen.«

»Aber, bitte, da ist gar nichts zu entschuldigen, das hätte jedem von uns passieren können,« sagte die blonde Dame freundlich. »Und unsere Kleine hat heute nachmittag so schöne Proben von ihrer Geschicklichkeit gegeben, daß sie jetzt auch schon etwas ungeschickt sein durfte, ohne ihrem guten Ruf zu schaden. Nicht wahr, Hansi?«

Erstaunt sah Herr Wildes, wie sein Töchterlein, zwar purpurrot vor Verlegenheit, aber doch mit strahlendem Aufblick die ihr gebotene Hand der fremden Dame ergriff und dankbar drückte. »O, wie gut Sie sind! Pa, das sind ja meine Herrschaften, die ich bedient habe!« wandte sie sich dann erklärend zu ihrem Vater.

»Ah – so! Nun, dann bitte doppelt um Entschuldigung und beichte deine Eulenspiegeleien,« lächelte Mister Wildes, und die Fremden sahen mit dämmerndem Verständnis auf die halb verlegen, halb schelmisch blickende Kleine.

Sie hielt die Hand der fremden blonden Frau fest, drückte ihr glühendes Gesicht darauf und sagte bittend: »Ach, Sie lachen mit; nicht wahr Sie sind nicht böse, daß ich Brennerbaschts Tochter spielte, als Sie mich dafür hielten? – Es war so hübsch und ich habe es auch ganz gut gemacht, nicht?«

»Nun, schau' mal einer die kleine Evastochter,« lachte der fremde Herr auf. »Führt uns an, spielt des Brennerbaschts Tochter mit so viel Geschick, daß wir uns sogar erlaubten, sie königlich mit einem Zehner zu belohnen. Na, das ist eine amüsante Geschichte!«

»Ja, der wird an die Uhrkette gehängt und dabei immer Ihrer gedacht!« jubelte Hansi und hielt ihren Zehner hoch.

Nach wenigen Minuten lachte die ganze Gesellschaft vergnügt über Hansis Abenteuer. Nur Miß Holymat und die blonde Nora saßen steif und voll innerlicher Mißbilligung dabei. Aber auch deren Mienen klärten sich allmählich auf, nachdem die beiden Parteien sich genauer miteinander bekannt gemacht hatten.

Der fremde Herr stellte sich als ein Hauptmann von Langstraten aus Berlin vor, und Miß Holymat fand Hansis Untaten nicht mehr so sehr shocking, als seine Frau die Hoffnung aussprach, daß die kleine lustige Hansi für die Zeit des gemeinsamen Reichenhaller Aufenthaltes eine Gespielin und Freundin ihres Töchterchens werden und die beiden sehr verschiedenen Mädchen gegenseitig voneinander lernen möchten.

Und Nora, die zuerst den hübschen kleinen Mund sehr hochmütig verzogen hatte, neigte das Köpfchen und nahm eine freundliche Miene an, als sie hörte, daß Hansi von drüben käme, eine echte Amerikanerin sei und das bayerische Kostüm nur trage, weil es ihr gefiele und bequem und praktisch sei.

Sie rückte der kecken schwarzen Gefährtin nun etwas näher und sagte mit herablassender Liebenswürdigkeit: »Ich habe noch niemals eine echte Amerikanerin gekannt. Ich finde das sehr interessant. Sie müssen mir viel von amerikanischen jungen Damen erzählen.«

Hansi, deren Sympathie für das zierliche, steife kleine Wesen schon am Nachmittag, als dieses sie so kurz und von oben herab behandelte, nicht sehr groß gewesen, und die den kräftigen Puff, mit dem sie von den weißbehandschuhten Händchen zurückgestoßen wurde, noch in ihrem Rücken fühlte, sah nun ihrerseits die Nachbarin kühl von oben bis unten an und antwortete: »Ach, von den amerikanischen jungen Damen weiß ich noch nicht viel, nur von den Kindern in unserem Alter. Die sind meistenteils wie ich, manche ein bißchen klüger und sanfter und netter, ja, aber alle reden sie wie ihnen der Schnabel gewachsen ist und nennen sich ›du‹ untereinander, wie es sich für Kinder paßt.«

Frau von Langstraten, die dem Unterhaltungsbeginn der beiden Mädchen unauffällig zugehört hatte, lächelte heimlich in sich hinein. So war es recht, gerade das war es, was ihrem lieben, guten und auch gescheiten, aber durch allerlei besondere Verhältnisse etwas affektierten und altklugen Töchterchen fehlte und was sie ihm als Schliff und Gegengewicht wünschte. Sie hoffte durch den Verkehr mit einer gleichalterigen und so vollkommen anders gearteten Gefährtin, wie Hansi es war, einen angenehmen und sehr zweckmäßigen Beistand zu erhalten gegen allerlei kleine Vorurteile und Lächerlichkeiten in Noras Ansichten und Wesen, und sie war nur in Sorge, ob die lebhafte, unerschrockene Amerikanerin nicht zu schnell die Geduld verlieren und vor Noras steifer Vornehmheit Reißaus nehmen würde.

Nora saß vor der knappen und ziemlich unerwarteten Antwort Hansis einen Augenblick ganz verdutzt da. Solch ein derber, burschikoser Ton! als wenn sie nicht nur zum Spaß, sondern in Wirklichkeit Brennerbaschts Tochter sei. Gar keinen Respekt und keine Bewunderung für die Stellung, die sie, Nora, Baronesse von Langstraten, einnahm. Überall, wo sie sonst verkehrt hatte, war man sehr höflich und sehr steif miteinander. Sie hatte es selbst manchmal entsetzlich langweilig gefunden, aber Tante Ordalie sagte, es müsse so sein, das verlange der bevorzugte Stand einer Reichsfreiin.

Von Amerikanern hatte Tante Ordalie stets mit Abscheu und Verachtung gesprochen. Ein Volk, das keinen König und keinen Adel besaß und dessen Lebensinhalt im Handel und in gemeinem Geldgewinn bestand.

Papa hatte freilich ganz andere Ansichten, Mama auch, und eigentlich waren ihr die beiden tausendmal lieber und maßgebender wie Tante Ordalie, die schon sehr alt und sehr wunderlich war und bei der das Leben wirklich manchmal nicht leicht und schön gewesen.

Papa und Mama waren auch jetzt sehr freundlich mit diesen Amerikanern, ganz wie mit ihresgleichen. Papa schien sogar eine besondere Freude an dem lebhaften, unbefangenen Geplauder des kecken Mädchens zu finden. Er sah sie so lustig an und scherzte mit ihr wie er es nur selten mit seiner Tochter tat.

Noras Herz tat weh. Sie liebte Papa so leidenschaftlich. Ihm zu gefallen wäre das schönste Ziel, das sie sich denken konnte. Papa war immer lustig, immer freundlich, lieb und leutselig, eigentlich nie so wie Tante Ordalie verlangte, daß ein Reichsfreiherr sein sollte. Aber alle Menschen hatten ihn lieb, und selbst Tante Ordalie sagte, er wäre ein echter Edelmann. Und Mama? Ja, Mama war sogar eine geborene Gräfin, stand noch eine Stufe im Range höher als sie, war aber auch freundlich und einfach mit jedermann.

Vielleicht war das jetzt in der Welt doch etwas anders, wie zu Tante Ordalies Jugend und wie in dem Damenstift, in dem diese lebte. Mama hatte das schon öfters gesagt und Papa sie manchmal ganz unbarmherzig ausgelacht, wenn sie mit ihren im Damenstift eingesogenen Ansichten kam.

Wie freundlich Papa mit dieser Amerikanerin scherzte, wie er lachte und sie an den schwarzen Zöpfen zupfte!

Und die benahm sich, als wenn das alles so sein müßte, ganz unbefangen!

Nora rückte unruhig auf ihrem Sitz hin und her. Sie dachte nicht einmal mehr an die Schonung ihres glatten Batistkleides, sondern schob sich langsam ganz dicht neben Hansi, und dann fragte sie auf einmal hastig und mit verlegenem Lächeln: »Wenn es Ihnen recht ist, wollen wir uns auch ›du‹ nennen. Es ist doch vielleicht hübscher.«

Hansi warf einen schnellen, überraschten Blick auf die blonde Nachbarin. Die sah jetzt reizend aus, mit dem schüchternen Lächeln und dem hellen Rot auf dem zarten Gesichtchen. Und alles so zierlich und wohlgeordnet an ihr, wie Hansi es, zu Miß Holymats Kummer, niemals bei sich fertig brachte und wenn sie noch so elegante und schöne Sachen an sich trug. Die war doch wohl etwas anderes wie sie. Diese Deutschen haben ja allerlei anders wie die Amerikaner. Lauter Dinge, die man nicht gleich begreift, aber mit denen man sich nachher doch sehr gut befreundet.

Und nett war es doch von ihr, daß sie nun wiederkam, besonders nach der Antwort, die Hansi ihr gegeben und von der sie selbst gefunden hatte, daß sie ein bißchen sehr zurechtweisend und unhöflich lautete. Das war dem Prinzeßchen gewiß nicht leicht geworden!

Hansi konnte ihr das nachempfinden, Selbstüberwindung war auch nicht gerade ihre Stärke. Und ebenso schnell wie sie vordem mit der kurzen Antwort und dem Unwillen bei der Hand gewesen, quoll es jetzt in ihrem beweglichen, warmen Herzen zärtlich und liebevoll auf, und Noras Hand ergreifend nickte sie ihr mit strahlendem Blick zu.

»Aber ja, das finde ich auch. Mir wäre es überhaupt gar nicht anders eingefallen. Aber du tatest wie eine kleine Königin, der man nur mit Handkuß und Kniefall entgegentreten darf.«

»Ach, so habe ich es aber nicht gemeint,« Nora glühte auf und sah sich verlegen um. Aber glücklicherweise hatte keiner von den Erwachsenen Hansis lachende Worte gehört. »Ich bin nur so erzogen. Mama sagt, mit ein bißchen zu viel Formen.«

»Ja, ja, ich kann mir das schon denken, man merkt es. ›Rühr‹ mich nicht an oder sag' wenigstens Sie oder gnädiges Fräulein zu mir,« lachte Hansi zutraulich näherrückend. »Aber, sag' mal, deine Eltern sind doch ganz anders, und du erzähltest auch eben, daß deine Mama es tadelt?«

Nora bog sich an Hansis Ohr und flüsterte ihr hastig zu: »Das ist meine zweite Mama, und sie ist es auch erst seit kurzem.«

»Ach, eine Stiefmutter!« Hansis Gesicht nahm einen ganz bestürzten Ausdruck an.

»Nein, nein, keine Stiefmutter wie du wohl denkst, wie die von Schneewittchen oder wie sie sonst in den Märchen sind. Das ist alles Unsinn, trotzdem Tante Ordalie auch immer sagte: ›Stief klingt wie schief, und bei einer Stiefmutter geht es auch stets schief.‹ Aber das ist nicht wahr, Mama ist so lieb und gut!«

»Ja, das glaube ich,« nickte Hansi überzeugt. »Ich war nur so überrascht, und ich dachte an meine eigene Mutter –« verlegen hielt sie inne und warf einen hastigen, scheuen Blick nach der Besprochenen.

Aber die erwachsenen Leute unterhielten sich so lebhaft untereinander, daß niemand auf das Gespräch der beiden Mädchen achtete, und Nora rückte nun noch näher zu Hansi und erzählte leise: »Ich habe ja meine eigne Mutter nie gekannt. Sie ist gestorben, als ich noch ganz klein war, kaum ein Jahr alt, und da Papa mit solch kleinem, unbehilflichem Schreihals nichts anzufangen wußte, hat er ihn einer Tante meiner Mama in Verwahrung gegeben.«

»In Verwahrung! Wie komisch! Als wenn du irgend so ein Gegenstand wärst! Armes Ding!«

Hansis Herz schmolz ganz hin in Mitleid und Liebe. In Verwahrung gegeben zu einer alten Tante, die vielleicht noch wunderlicher und strenger war wie die Miß, die immerhin für eine Zeitlang ganz gut und nett sein mochte, aber doch nie, nie ihre liebe gute, ihre schrecklich geliebte Ma ersetzen konnte. Diese arme Nora! Natürlich, da konnte man schon ein bißchen sonderbar werden und sich albern benehmen und andern Leuten einen Puff in den Rücken geben, wenn man jahrelang bei einer alten Tante in Verwahrung gewesen war. Sie drückte Noras Arm mit wilder, teilnahmsvoller Zärtlichkeit an sich, und Nora, die in ihrem jungen Leben noch nie eine gleichalterige Freundin und Gefährtin gehabt, drückte aufgeregt und zärtlich wieder und kam sich teils hoch beglückt, teils grenzenlos bemitleidenswert vor bei dieser innigen Teilnahme Hansis.

»Es war nicht so schrecklich schlimm,« wehrte sie mit halb erstickter Stimme bescheiden ab. »Nur manchmal, weißt du, habe ich mich unter all den alten Leuten sehr gelangweilt.«

»Noch mehr alte Leute, als die eine Tante?«

»O ja, zwanzig alte Damen waren in dem Stift.«

»Zwanzig alte Damen? Und keine hatte ein Kind?« fragte Hansi entsetzt.

»Nein, wo denkst du hin? Das waren doch alles adlige Fräuleins, die keine Kinder hatten. Ich wurde nur ausnahmsweise geduldet, weil Tante Ordalie die Oberin des Stifts war.«

In Hansis Kopf wirbelten all die zwanzig adligen Damen verzweifelt durcheinander. Das war ja gar nicht auszudenken.

»Und da haben dich alle Zwanzig erzogen?« fragte sie in dumpfem Schrecken.

»Ja, eigentlich alle, und der alte Verwalter und der alte Gärtner und der Kutscher und viele alte Dienerinnen noch mit dazu,« seufzte Nora.

»Darum, da kann man sich nicht wundern, wenn du dasitzt wie aus der Puppenschachtel genommen, so sauber und steif. Ojemine! Dann bist du wohl auch nie auf Bäume und über Zäune geklettert und hast dir nie die Kleider zerrissen und Löcher in den Kopf geschlagen?«

»Aber nein, das hätte sich doch nicht geschickt! O nein, so etwas tut man nicht in unserem Stande, das kommt doch nur bei Bauernkindern vor.«

Nora setzte gleich wieder ein hochmütiges, selbstbewußtes Gesicht auf und strich ihr glattes Kleidchen noch glätter.

Leider kam Hansi heute nicht mehr dazu, ihre von Noras Ansichten sehr abweichende Ideen über Schicklichkeit und Bauernkinder auszukramen, da man jetzt in Reichenhall angelangt war und sich lebhaft voneinander verabschiedete mit der Hoffnung auf häufiges Wiedersehen und gemeinsame Unternehmungen.

Frau von Langstraten zog Hansi liebevoll an sich und bat Herrn Wildes nochmals, daß er seinen lieben lustigen Wildfang recht oft zu ihnen schicke. Sie wandte sich auch mit gewinnender Liebenswürdigkeit an Miß Holymat und sprach ihr so freundlich die Anerkennung für die gute Erziehung ihres Zöglings aus, daß die arme Miß, deren Ansichten über die an Hansi gewonnenen Erziehungsresultate gar nicht so enthusiastisch waren, nur bekümmert und verlegen den Kopf schütteln und sagen konnte: »O, o, bitte – Sie sein sehr gutig, gnädige Frau, aber ich uollte, daß Jane möchte sein uie die junge Lady, das ist Ihre Tochter, und uo ist ein Vergnügen zu sehen die gute Haltung und Benehmen.«

Frau von Langstraten lächelte: »Ja, jedes der Mädchen hat etwas zuviel und etwas zuwenig. Vielleicht lernen sie das im Verkehr miteinander austauschen, und dann wird bei beiden das richtige Maß herauskommen. Das wollen wir wenigstens hoffen.«

»Ich habe ihr nicht recht verstanden,« klagte die Miß hinterher Herrn Wildes. »Aber ich glaube nicht, daß es ist sehr richtig in der Erziehung vor Jane, ihr zu loben so viel und gerade in ihre schuache Seiten. Sie macht nichts uie Streichen, und ich kann nicht glauben, daß eine so seine junge Lady mit so eine gute Haltung und Benehmen uird finden Gefallen an solche Dingen. Das uird geben eine Kladderadatsch, ich prophezeien.«

Was Miß Holymat unter einem Kladderadatsch verstand, blieb allen unergründlich, und es gelang Herrn Wildes auch nicht, sie zu einer Erklärung über den damit verbundenen Begriff zu veranlassen. Vielleicht wußte sie selbst nicht recht, was sie damit ausdrücken wollte, sondern hatte nur bei irgend einer Gelegenheit das für ihre Zunge schwer zu bewältigende Wort aufgeschnappt und führte es nun als fürchterliche Drohung gegen unhaltbare und gefährliche Zustände an.

Wie dem auch sei und was sie sich auch darunter vorstellen mochte, für den Anfang wenigstens schien ihre schreckliche Prophezeiung nicht in Erfüllung gehen zu wollen. Die beiden Mädchen trafen sich gleich am folgenden Morgen in den Anlagen des Kurgartens, begrüßten sich mit lebhafter Freude und waren, Arm in Arm lustwandelnd, gleich wieder im intimsten und interessantesten Gespräch.

Sie hatten beide inzwischen Zeit gehabt, übereinander nachzudenken und jede an der andern eine Fülle hochinteressanter und fremdartiger Verhältnisse und Begriffe zu finden und waren nun äußerst begierig, sich gegenseitig auszufragen und zu erzählen.

»Du, aber wenn wir untergehakt gehen wollen, mußt du den alten, dummen Sonnenschirm zumachen,« rief Hansi nach einer Weile in ihrer ungestümen Art. »Warum hast du ihn denn überhaupt aufgespannt? Und auch Handschuhe hast du wieder an! Das ist doch eine Qual!«

»Aber die Sonne verbrennt doch sonst meine Haut,« verteidigte sich Nora gekränkt und eifrig. »Ich kann doch nicht mit so braunen Bauernfäusten einherlaufen wie –«

»Wie ich, sage es nur dreist heraus!« fiel Hansi lachend ein als Nora mit verlegen zuckendem Mündchen einhielt. »Ja, tüchtig verbrannt sind sie und vom Gestrüpp zerrissen als ich vorgestern mit Seppel herumgeklettert bin. Du, Seppel kennst du noch nicht. Das ist ein Prachtbub'! Jodeln hat er mich gelehrt und Dialekt kann ich auch schon, und Schuhplattel mit richtigem Aufdieknieschlagen kann er. Es ist furchtbar amüsant, mit ihm zusammen zu sein.«

»Wer ist denn Seppel?« unterbrach Nora sie mißtrauisch.

Hansi stutzte und sah ihre feine junge Freundin zweifelnd an, dann sagte sie kleinlaut: »Ach so, dir wird er wohl nicht so gefallen. Er ist nur ein Bauernjunge mit gestickten Hosen, und seine Hände sehen noch toller aus als meine.«

»Wie kommst du denn zu der Bekanntschaft?« fragte Nora und zuckte verächtlich das seine Naschen.

Sie konnte sich auch trotz Hansis enthusiastischer Erzählung aller näheren Umstände und Veranlassung dieser Bekanntschaft nicht recht für sie erwärmen, sondern sagte nur mit matter Freundlichkeit: »Ja, Tante Ordalie hielt es auch für richtig, daß man sich ab und zu des Volkes annähme und es unterstütze, wenn es bedürftig war. Sie sagte immer, es sei die Pflicht des Adels, für seine Untergebenen zu sorgen, aber man dürfe sich niemals mit den Leuten weiter einlassen, sonst fühlten sie sich gleich wie unseresgleichen.«

»Na ja, das sind sie schließlich doch auch. Bloß daß wir mehr Geld haben und darum mehr lernen können. Aber sonst sind wir doch alle Gottes Geschöpfe, und keines hat etwas vor dem andern voraus,« behauptete Hansi ärgerlich.

»Aber, Hansi, wie kannst du so etwas sagen? Es gibt Standesunterschiede von Geburt aus. Ich weiß zwar nicht, wie das bei euch in Amerika ist – da soll es ja, wie Tante Ordalie sagt, etwas komische Ansichten geben –«

»Ja, sehr vernünftige, von denen deine alte verstaubte Tante mit dem wunderlichen Namen keine Vorstellung hat,« brauste Hansi heftig auf, und nun wäre es sicher doch zu dem von Miß Holymat prophezeiten Kladderadatsch gekommen, denn Nora hatte nun auch einen puterroten Kopf, blitzende Augen und eine scharfe Entgegnung schwebte auf ihren Lippen, wenn nicht gerade in diesem kritischen Moment sich der Himmel zwischen die gefährdete Freundschaft gedrängt hätte.

Weder die Miß noch die beiden Mädchen hatten es bemerkt, daß sich der Horizont, an dem seit der Frühe eine Masse Wolken Wettlauf spielten, plötzlich dicht und dunkel bezog und nun die Wolkenritter zum Turnier anjagten mit mächtigen Windstößen und grollendem Donner, dessen dumpfes Krachen in vielfachem Echo von den Bergwänden widerhallte.

Zugleich öffnete der Himmel all seine Schleusen. Eine Art Sintflut rauschte auf die Erde nieder, und so flink die lange Miß auch ihre langen Beine warf und so leicht die beiden Kleinen neben ihr herflogen, sie wären doch alle bis auf die Haut durchnäßt worden, wenn Seppel nicht als rettender Engel mit Regenschirmen und langen Lodenmänteln beladen ihnen entgegengekommen wäre.

Im Nu hatte er seine Damen eingewickelt und beschirmt, und sprang ihnen dann voran durch einen schmalen, kürzenden Gartenweg, den keine von ihnen kannte und der sie in der Hälfte der sonstigen Zeit heimbrachte. Er selbst war naß wie ein Pudel, schüttelte sich aber lachend und sagte: »Dös macht nix. I hab' nur Sorg' g'habt ums Fräulein un mir vom Herrn Purtje alles g'borgt, denn der gnäd'ge Herr kunnt' nix finde, und 's war Zeit. I wüßt, daß 's 'nen Schnürlregen geben würd'.«

Ja, Schnürl' regnete es, Bindfaden, Taue, Regen wie aus Eimern geschüttet, wie man ihn nur im Gebirge kennt, so wild und gewaltig, solche Wassermassen, die durch alle Kleider dringen bis hinab auf Haut und Knochen, und Herr Wildes, der mit dem Professor bei einer Schachpartie gesessen und gleichfalls nichts von dem nahenden Unwetter gemerkt hatte, bis Sepp mit der dringenden Forderung nach Schirmen und Mänteln kam, klopfte jetzt dem umsichtigen kleinen Kerl, der seine Damen so geschickt vor einer tüchtigen Erkältung bewahrt hatte, anerkennend auf die Schulter.

»Siehst du, was für ein Prachtbub' unser Seppel ist?« triumphierte Hansi zu Nora. »Unseresgleichen hätte nicht vernünftiger handeln können. Na, mach' nur kein Gesicht, es ist doch wahr, nicht?«

»Ja,« gab Nora zögernd aber ehrlich zu, und als Hansi jetzt auf Sepp zueilte und ihm kräftig die nasse braune Hand drückte, folgte sie ihr mit kleinen, zagenden Schritten, streckte dann auch ihr schmales, schneeweißes Händchen hin und sagte, mit dem Bemühen, sehr freundlich und gütig zu sein: »Ich danke dir auch.«

Seppel sah jetzt entsetzlich verlegen aus, wagte kaum, das kleine Händchen zu berühren, machte einen schrecklichen Kratzfuß und zog sich ängstlich so weit zurück, daß er beinahe die hinter ihm liegende Treppe heruntergefallen wäre.

Er atmete erst wieder auf, als Herr Wildes ihm die Adresse von Noras Eltern gab und ihn dorthin schickte, um diese über das Ergehen ihres Kindes zu beruhigen.

Blitzschnell stürzte er in den Regen hinaus, ohne auf Hansis Ruf: »Aber, Sepp, nimm doch wenigstens einen Regenschirm!« zu achten. Der Regen war ihm lieber und vertrauter als das feine, blasse Gesichtchen und das seine, weiße Händchen des fremden Fräuleins. Da war ihm Hansi, die doch auch erschrecklich sein sein mußte, doch ein behaglicherer Kamerad. Mit der konnte er reden wie mit seinesgleichen, aber die andere – –.

Zu der andern, die glücklicherweise von Sepps ketzerischen Gedanken nichts ahnte, wendete sich jetzt Hansi, umarmte und küßte sie stürmisch und sagte: »Du bist doch ein lieber Kerl, und es tut mir leid, daß ich vordem so ungezogen war und so etwas Häßliches über deine Tante sagte. Sei nicht mehr bös! Ich will es gewiß nicht wiedertun, und nun wollen wir wieder gute Freundinnen sein.«

Nora sah erstaunt und bewundernd zu ihr aus. Die gestand ihr Unrecht so frank und leicht ein und bat um Verzeihung ohne jede Beschwerde. Ganz überwältigt und bezaubert stand sie davor. Ihr wurde es grenzenlos, unsagbar schwer, jemand um Verzeihung zu bitten und einzugestehen, daß sie im Unrecht gewesen war. Welche Kämpfe hatte es oft im Stift zwischen Tante Ordalie und ihr gegeben, wenn sie abbitten sollte. Ihr war davon die Kehle wie zugeschnürt und vertrocknet, alles krampfte sich in ihr zusammen, sie konnte nicht, sie wollte nicht. Ein heißer, leidenschaftlicher Trotz machte sie stocksteif und wortlos. Es war schrecklich, und heimlich hatte es sie schon unzählige Tränen gekostet. Aber je mehr Tante Ordalie schalt und mit Strafe drohte, desto verstockter und starrer wurde sie.

Bei der neuen Mama ging es wohl besser, die hatte dann so traurige Augen und redete so sanft und ernst auf sie ein, daß ihr vor Reue und Schmerz beinahe das Herz zerrissen wurde. Aber die Worte der Bitte und des Eingestehens ihres Unrechts kamen auch da maßlos schwer über die festgepreßten, trockenen Lippen.

Und Hansi brachte es lächelnd, herzlich und mit schlichtem, einsichtsvollem Freimut zustande! Ach, wie sie Hansi beneidete und wie sie sie lieb hatte!

Ihr ganzes einsames, sprödes junges Herz erschloß sich in dieser Minute und strömte im warmen, bewundernden Gefühl über. Tränen schossen ihr in die blauen Augen. Sie schmiegte ihr Köpfchen an Hansis Schulter und sagte leise und stockend: »Ja, wir wollen Freundinnen werden, aber du bist viel besser als ich, viel. Ich muß mich sehr ändern, ich bin gar nicht gut. Aber ich weiß nicht recht, wie ich es machen soll, du mußt es mich lehren.«

Nun war die Reihe des Erstaunens, Bewunderns und der Verlegenheit an Hansi. Sie sollte besser sein als ein anderer Mensch! besonders als dieses zarte, sanfte Geschöpfchen mit den guten Manieren und der außerordentlichen Haltung, wie Miß Holymat sagte? Sie verstand gar nicht, was Nora meinen konnte, aber gerührt war sie und lieb hatte sie Nora, schrecklich lieb!

Und darum küßte sie sie wieder und sagte: »Ach, Unsinn, ich besser wie du? Da irrst du dich aber gewaltig. Ich bin ein richtiger Vagabund, wie mein Pa immer sagt, und ich kann von dir lernen, ja, wahrhaftig! Aber weißt du, gewiß hat deine Mama recht, wir werden wohl voneinander lernen können, und das ist das beste, dann braucht sich nicht eine vor der andern zu schämen und keine die andere zu beneiden – nicht?« –

Die beiden Mädchen hatten gerade zur richtigen Zeit Freundschaft geschlossen und konnten sich nun gegenseitig sehr vergnügt forthelfen über die bösen Regentage, die diesem ersten folgten. Das ganze Tal von Reichenhall schien in eine große Waschküche verwandelt zu sein, in der nichts als graue Dämpfe und Nässe herrschten. Vom Himmel und von den Bergen war nicht ein Schimmer zu sehen, nur dunkle, schwere Wolkenwände wohin man blickte, auf den Straßen Regenpfützen und auf diesen große, blanke Blasen, die der fallende Regen in einem Augenblick schuf und im nächsten wieder zerstörte.

Man konnte kaum die Nase vor die Türe stecken, und Gummischuhe, Regenschirme und Wettermäntel spielten die Hauptrolle im Badeleben.

Herr Wildes, der Professor und Hauptmann von Langstraten spielten Skat, die beiden Damen machten Handarbeit, Frau von Langstraten frischte ihre Kenntnisse der englischen Sprache bei Miß Holymat auf, und Nora und Hansi saßen im Stübchen der letzteren und tauschten die Erfahrungen und Begebnisse ihres bisherigen Lebens aus.

Dabei kam für beide viel zum Verwundern und Staunen heraus.

Hansi mit ihrem raschen, lebhaften Geist hatte natürlich die Vorhand im Fragen. Sie unterrichtete sich so gründlich wie möglich. Zuerst über die ihr vorläufig ganz unverständlichen Stiftsverhältnisse, in denen Nora aufgewachsen war. »Zwanzig alte Damen! Und die hatten jede ein Stübchen, ein Kämmerchen, ein Bettchen, ein Stühlchen, ein Tischchen, ein Tellerchen, ein Messerchen und Gäbelchen?« fragte sie lachend und atemlos ein endloses Register notwendiger Lebensbedürfnisse aufzählend.

»Ach, du tust gerade, als wären es lauter Schneewittchen hinter den Bergen bei den sieben Zwergen,« schmollte Nora auch lachend. »Nein, wie die Märchenprinzessinnen sahen sie alle nicht aus, aber dafür waren sie auch besser ausgestattet. Wir wohnten in einem großen alten Schlosse mit vielen, vielen Zimmern und großen Sälen, und das Schloß lag in einem großen Park, der an einen See stieß, hinter dem gleich der weite grüne Wald anfing.«

»O, wie entzückend! Ein See, ein Park, ein Wald, ein altes Schloß, das ist freilich mehr als Stühlchen, Bettchen, Messerchen und Tellerchen. Das muß ja himmlisch gewesen sein!«

»Ja, und ein richtiges, altes Schloßgespenst hatten wir auch,« fiel Nora eifrig und stolz ein. »Jedes vornehme alte Schloß muß so eins haben, das ist feudal!«

»Feudal? Sagt man von Gespenstern feudal?«

»Ach nein, feudal sagt man von allem, was alt und vornehm ist,« belehrte Nora wichtig.

»Alles? Ach so, dann waren die alten Damen ebenso feudal wie das Gespenst. Du, das ist komisch! Und an Gespenster glaube ich nicht, Gespenster gibt es nicht.«

»Vielleicht nicht in Amerika. Wo solltet ihr die auch herbekommen? Ihr habt ja keine alten Geschlechter.«

»Wenigstens spuken die nicht herum,« sagte Hansi trotzig. »Die taten im Leben ihre Pflicht und brauchen nicht nach dem Tode die Leute zu ängstigen. Eure feudalen Gespenster sind doch gewiß nicht zur Belohnung für ihre Tugenden und Wohltaten zum Spuken verdammt worden?«

»N–ein,« gab Nora, von der gesunden Logik der kleinen Amerikanerin bezwungen, verlegen zu und saß dann still und verärgert da. Auf das Schloßgespenst war sie eigentlich immer sehr stolz gewesen. Jedermann hatte mit leisem Grauen und geheimnisvollen Mienen davon gesprochen, und nun wollte Hansi nicht daran glauben und verdarb ihr allen Spaß daran.

Hansi merkte gleich, daß Nora ihren Spott übelgenommen hatte. Lieber Himmel, bei der mußte man jedes Wort auf die Goldwage legen. Sie konnte sich doch all die Anmaßung, die immer aus dem »bei euch in Amerika«, herausklang, nicht ruhig gefallen lassen. Und dazu bei solchem Unsinn! Hatte doch auch der Professor neulich gesagt, Gespenster gäbe es nicht!

Trotzdem interessierte sie die Gespenstergeschichte doch schrecklich. Es war so angenehm gruselig, von so etwas zu hören, und Nora erzählte es sicher gern.

Sie rückte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, während Nora emsig und ohne aufzublicken an ihrer feinen Stickerei arbeitete. Endlich faßte Hansi die fleißige Hand und fragte doch: »Wie war denn das Gespenst?«

»Du glaubst ja doch nicht daran,« wehrte Nora kühl ab.

»Glaubst du etwa daran? Hast du es jemals mit deinen eignen Augen gesehen?«

»Nein, glücklicherweise nicht, ich hätte auch den Tod vor Schreck und Angst gehabt – niemals! Nur die ältesten Leute erzählten davon, und denen hatten es wieder ihre Vorgänger erzählt. Es war ein alter Ritter mit glühenden Augen und in Ketten geschlossenen Händen, der schrecklich seufzte und stöhnte und nur erschien, wenn der Familie ein großes Unglück bevorstand. Nun war aber die Familie ausgestorben, und ihr letzter Sproß hatte zur Sühne aller Schuld, die wohl einmal auf der Seele des Ritters gelegen, das Schloß zu dieser Stiftung gemacht, und seitdem erschien das Gespenst nicht mehr.«

»Ach so, darum, das war nur solch eine alte Sage. Du, das finde ich furchtbar interessant. Waren auch unterirdische Gänge und geheime Türen in dem Schlosse?«

»Ja, es sollte ein geheimer Gang vom Festsaal nach dem See führen, erzählte der Verwalter.«

»Und den bist du nie gegangen?«

»Bewahre, da hätte ich mich gefürchtet. Vielleicht waren Skelette darin.«

»Pah! die tun doch keinem Menschen mehr etwas! Kröten und Schlangen wären mir unangenehmer gewesen. Aber trotzdem hätte ich nicht geruht, bis ich ihn erforscht hätte.« »Es wußte aber keiner mehr den Eingang zu finden.«

»Der war hinter einem alten Ahnenbild, glaube mir, so heißt es immer in den Büchern,« beteuerte Hansi eifrig; »und unten am See war dann eine alte Höhle –«

»Nein, es war keine da.«

»Dann hatte man sie verschüttet. Du mußtest sie ausgraben lassen.«

»Ich? Von wem denn? Ich durfte der Dienerschaft nichts befehlen.«

»Dann hätte ich sie mit meinen eignen Händen ausgegraben!«

»Wie ein Maulwurf, rund um den See herum mit den Pfoten die Erde aufwühlen?« lachte Nora aus vollem Herzen. »Nein, was du alles für Ideen hast! Wie eine Indianerin!«

»Ach ja, die wäre ich auch brennend gern!« gestand Hansi seufzend. »Auf ungesatteltem Pferde durch den Urwald und die Prärien jagen, die großen Flüsse durchschwimmen und den Wurfspeer nach den Löwen werfen, ach!« – Ein sehnsüchtiger Seufzer und dann die lebhafte Frage: »Aber du bist wohl viel geritten und geschwommen?«

»Und habe den Wurfspeer nach den Lämmern des Feldes geworfen,« lachte Nora, ganz aus ihrer sonstigen gehaltvollen, wohlgeordneten Art fallend, ausgelassen. »Nein, du wilde Amazone, das habe ich alles nicht getan. Tante Ordalie fand, daß die Indianergewohnheiten nicht recht für ein Mädchen in meinen Verhältnissen paßten, und ich habe auch nie ein heißes Verlangen danach getragen.«

»Hör' mal, du mokierst dich wohl über mich?« fuhr Hansi auf und stürzte sich auf die lachende Freundin. »Nimm dich in acht, sonst reiße ich dir den schönen blonden Skalp ab und hänge ihn in meinen Wigwam. Nein, sag' mal im Ernst, du bist doch viel geritten und geschwommen, wo die Verhältnisse so dazu einluden?«

Nora seufzte. »Ich weiß nicht, ob sie dazu einluden. Du stellst dir das ganz anders vor als es war. Worauf sollte ich reiten? Wir hatten nur zwei dicke, alte Schimmel im Stall, die jeden Nachmittag vor eine alte, große Kutsche gespannt wurden, und dann stiegen abwechselnd vier von den Stiftsdamen hinein und fuhren im gemächlichen Schritt spazieren oder nach dem nahegelegenen Städtchen, um Besorgungen oder Besuche zu machen. Es war immer gräßlich, wenn ich mitfahren mußte. Die Schimmel gingen langsamer, als ich laufen konnte. Ich bekam immer Kribbeln in den Beinen.«

»O ja, da wäre ich doch herausgesprungen und nebenhergelaufen!«

»Nein, das schickte sich nicht. Ich mußte sitzen ohne mich zu rühren, ganz gerade und still.«

»Du Ärmste! Aber davon hast du deine gerade, schöne Haltung, die Miß Holymat so bewundert und mir als Beispiel vorführt.«

»Ja, du könntest dir auch ganz gut ein Beispiel daran nehmen, denn es sieht gar nicht schön aus, wenn du mit der einen Schulter am Boden klebst und mit der andern an die Stubendecke stößest,« lächelte Nora.

Blitzschnell rückte Hansi sich kerzengerade, beide Schultern in einer Linie. »Ist's so recht?«

»Ja,« nickte Nora, ernst wie eine Lehrerin. »Das sieht viel hübscher aus. Nur die Beine übereinanderschlagen wie ein Türke, darf ein junges Mädchen nicht.«

»O, du Weisheitsspiegel und Jungfer Wohlanstand, da hört ja alle Freude am Leben auf!« grollte Hansi, setzte aber doch die Füßchen manierlich und ordentlich nebeneinander auf den Boden, wie sie es an Nora sah. »Übrigens schlagen die Türken die Beine untereinander, nicht übereinander, bitte, sich das zu merken für künftige Anstandsstunden.«

Dann gähnte sie kräftig, fuhr sich wild mit den Händen in die Haare und rief: »Es soll aufhören zu regnen! Ich will spazieren gehen, laufen, Touren machen! Das Stillsitzen und Nichtstun ertrage ich nicht länger! Wie kannst du nur so ruhig und geduldig dasitzen, Nora! Ich platze vor Ungeduld!«

»Wenn du eine Arbeit in die Finger nähmest, würde es dir auch leichter werden, stillzusitzen,« lächelte Nora. »Auf dein Platzen wird der Himmel keine Rücksicht nehmen.«

»Weiß ich! – Nein – du, die Drohung hat doch gewirkt. Sieh, sieh, die Wolken sind auch geplatzt, da ist ein Stückchen blauer Himmel!« Sie zog Nora ungestüm an das Fenster.

»Hm! wenn es halten soll, muß erst so viel blauer Himmel sein, daß der Fischer sich ein Paar Pluderhosen daraus schneiden kann, sagt man bei uns, oben, in der Gegend der Seeküste,« meinte Nora. »Aber vielleicht brauchen die Bauern hier weniger Stoff zu ihren Beinkleidern.«

»Hoffentlich. Sieh nur, da kommt die Zwieselspitze zum Vorschein, die Padinger Alp guckt vor! Komm, schnell zum Professor, der weiß und versteht alles am besten, der kann uns sagen, ob der blaue Himmel zum Hosenschnitt langt.«

»Aber du sagst nichts von Hosen, das schickt sich nicht,« rief Nora erschreckt.

»Nein, nein, du Schicklichkeitsdrache! Trotzdem ich an Hosen nichts Unschickliches finde, werde ich darüber schweigen wie über einen Mord.«

Lachend liefen sie hinunter ins Konversationszimmer und holten sich den Professor. Er sah prüfend in das Gewoge der hin und her ziehenden Wolken.

»Hm, die Bergkatzen kriechen noch zu sehr nach oben. Mit dem schönen Wetter ist es noch nichts.«

»Die Bergkatzen? Wo denn? Was sind das für Tiere?« fragten beide Mädchen neugierig und erstaunt.

Der Professor lächelte. »Das sind keine Tiere, sondern Wolken. Sehen Sie, da an der Bergspitze, hier aus der Alm, an der Schlucht, an den Tannen, überall kriechen die weichen, weißen Ungeheuer wie Miß Holymats Kätzchen hin und her. Es sind einzelne Wolkenfetzchen, Nebelgebilde, die etwas Schleichendes und Gleitendes haben und daher im Volksmunde Bergkatzen heißen. Wenn sie hinaufklettern zu den Spitzen, kommen sie als Regen wieder in das Tal hinunter, schleichen und kriechen sie dagegen an den Gebirgsfüßen entlang, so ist es, als zögen sie sich in heimliche Höhlen und Schlupfwinkel zurück und nähmen alle Feuchtigkeit und alles Unwetter mit sich.«

In diesem Augenblick kam Miß Holymat verstört und händeringend in das Zimmer gestürzt. »O Jane, Jane, Herr Professor, mein kleines, ueißes Katz ist fort! Keiner ueiß, uo es ist geblieben. O, ich bin so unglücklich! Bei diese Uetter, mein gutes, seines, kleines Katz! Und man ueiß nicht, ob es nicht ist gestohlen von die böse Dame mit das Hund!«

»Aber, liebe Miß, wie können Sie so etwas denken! Davon kann keine Rede sein,« beruhigte der Professor. »Lissie wird sich schon finden. Sie ist sicher beim Portier oder im Zimmer eines der andern Hausbewohner.«

»O nein, o nein, uir haben gesucht überall, uo es sonst ist, nirgend man findet es. O, es ist gestohlen! Es geht nicht mit seine feine Fell und Pfötchen bei solches Uetter in das Freie. Es ist gegangen nie aus das Haus. O, man hat es gelockt und gemacht tot!«

Das ganze Haus war in Aufregung um Lissie. Jeder kannte, jeder liebte das hübsche, weiße Tierchen. Jeder hatte es auch eben noch gesehen, im Hausflur, auf der Treppe, oben im Salon, aber jetzt war es nirgend zu finden.

Mister Wildes ging stirnrunzelnd und verdrießlich umher. »Das kommt von der Katzenwirtschaft. Ich bin immer dagegen gewesen, solch Tier mitzuschleppen. Mir ist es recht, wenn es jetzt fort ist!« Aber dabei suchte er ebenso eifrig und ruhelos, wie die übrigen.

»Die ist zu ihren Basen, den Bergkatzen, gegangen,« flüsterte Nora verstohlen Hansi zu. »Wenn die in den Himmel hinaufklettern, lassen sie sie pardauz! auf die Erde fallen, und dann wird sie sich schon wiederfinden, denn Katzen fallen stets auf die Beine und brechen sich nicht die Glieder. Aber wenn sie in die Berge kriechen, dann schleppen sie die Kleine mit in eine tiefe Höhle, und sie kommt nicht eher wieder hinaus, bis neues Regenwetter eintritt. Komm, wir wollen schnell einmal nachsehen, was die Bergkatzen tun.«

Hansi mußte, trotz des Kummers, den auch sie um Lissie empfand, doch lachen. »Du kannst dir ganz hübsche Märchen ausdenken, aber Lissie ist eine Wirklichkeitskatze, auf die passen keine Märchen.«

»Wer weiß? Komm nur sehen, wohin die Bergkatzen kriechen.«

»Meinetwegen. Wenn ich wüßte, daß wir Lissie dadurch wiederbekämen, wollte ich auch schon noch mehr Regenwetter über mich ergehen lassen.«

»Das ist lieb von dir, und der Himmel belohnt deinen Opfermut; sie kriechen alle auf die Berggipfel hinauf,« seufzte Nora. »Dann wird die heißgeliebte Lissie wohl nächstens herunterplumpsen.«

»Ja, ja, sie hat es sogar schon getan,« jubelte in diesem Augenblick Hansi auf, stürzte vom Fenster fort und dem Hausflur zu. »O, unser Sepp, unser Rettungsengel! Unser Katzenrettungsengel! Miß, liebe Miß, Lissie ist da! Seppel bringt sie!«

Die ganze Hauseinwohnerschaft stürzte zusammen, die Miß an der Spitze, alle Sepp entgegen, der, in eine alte, verregnete Decke gehüllt, eben durch den Garten stapfte und unter dessen Arm ein jämmerlich zerzaustes, weißes Katzenköpfchen hervorlugte. Die Miß achtete nicht auf Regen und Wind, mit ihren langen Beinen nahm sie gleich zwei Stufen auf einmal, und vor Sepp angelangt, preßte sie diesen, der ihr bis jetzt stets ein Dorn im Auge gewesen, stürmisch in seiner ganzen tropfenden Nässe an sich.

»O, du gutes Jung! O, du braves Sepp! Du hast gefunden mein kleines Katz! Ich uerde das vergessen nie in meine Leben!«

Dem ganz betäubt und fassungslos Dastehenden das Kätzchen aus dem Arm reißend und die jämmerlich miauende Kleine mit den zärtlichsten Liebkosungen überschüttend, nahm sie dann den Rückweg in das Haus mit gleicher Schnelle, von denen oben im Flur mit Jubel und Freude begrüßt.

Sepp stand noch immer ganz verwirrt unten an der Treppe. Nun schüttelte er sich ein bißchen und machte kehrt.

Da war auch schon Hansi neben ihm und zog ihn an der vor Nässe starrenden Decke mit sich. »Du wirst doch nicht umdrehen, ohne einen Schluck warmen Kaffee getrunken zu haben!«

Sepp stemmte sich gegen ihre feste Hand, mit der sie ihn die Stufen hinaufdrückte. »I kann nimmer ins Haus, i bin naß, wie a Wassertrauf'. Der Herr Purtje wird mi 'nauswerfen!«

»Das soll er sich unterstehen! Pa – Pa, sag' doch dem Sepp, daß er heraufkommen soll!«

»Natürlich, nur schnell herein, mein Junge!«

Herr Wildes, der Professor und alle übrigen Hotelbewohner winkten und riefen. Selbst der Herr Portier machte ein süßsaures Gesicht und wagte keinen Widerspruch gegen die Schmutzstiefel und den triefenden Mantel. Er ließ sich selbst herab, diesen dem Jungen abzunehmen und gab ihm dabei nur einen ganz kleinen Puff und die leise Ermahnung: »Daß du dir ordentlich die Dreckstiefel abputzt und dich nicht von den Decken herunterwagst, Schlingel, sonst soll dich der Kuckuck holen!«

Sepp fühlte sich grenzenlos unbehaglich. Der Stuhl, auf den man ihn gedrückt hatte, schien ihm ein glühender Rost und der gute Kaffee und Kuchen, den Hansi und Nora eigenhändig für ihn herbeischleppten, verloren ihre besten Reize, weil alle um ihn herumstanden und ihn ausfragten.

Er hatte kommen wollen und hören, ob seine Herrschaft irgendwelche Befehle für ihn habe, und dabei war ihm auf einmal ein jämmerliches Miauen an die Ohren geklungen, und mitten in der schwimmendnassen Wiese hätte das weiße Katzerl gesessen, das er gleich am langen Schwanz und am blauen Halsbändchen für das der Miß erkannte. Es wollte sich aber durchaus nicht greifen lassen, und es gab erst eine große Jagd, bei der er sicher nicht Sieger geblieben wäre, wenn nicht eine kleine, dicke Dame, die ein Hündchen im Arme trug, ihm geholfen und mit ihrem weiten Mantel die Prustende und Fauchende aufgefangen hätte. Dabei hatte es eine schreckliche Jagd gegeben. Der Hund wäre ganz wild gewesen mit Bellen und Heulen und Lissie mit Fauchen und Miauen, und die Dame hätte gelacht, daß sie sich schüttelte, und immer wieder gesagt: »Haha, wir kennen uns, wir zwei können nicht in Frieden leben, nicht im Trocknen, nicht im Nassen. Das ist nun schon der dritte Kampf. Beim vierten fressen wir dich auf mit Haut und Haaren, du Katzenvieh! Lauf, Junge, und bring der Hopfenstange –«

Hier gab Hansi dem ahnungslosen Sepp einen so derben Puff, daß er sich am Kaffee verschluckte und nicht weiter reden konnte. Aber der Miß blieb glücklicherweise Sepps Dialekt stets eine geheimnisvolle Sache. Sie hatte auch diesmal nichts verstanden und war nur höchst verwundert und sehr zu milden Gefühlen geneigt, als Hansi ihr dann mitteilte, daß die Coupédame eine Mitretterin ihrer Lissie gewesen.

Für Sepp hatte sie eine schwärmerische Zuneigung gefaßt. »Ich kaufe ihm ein neues Mantel und Hut,« sagte sie zu Mister Wildes. »Ich muß beweisen meine Dankbarkeit für das kleine, gute Jung. Ich uill ihm schenken einiges, Mister Uildes. Sie müssen helfen mich, ihm zu machen eine große Freude.«

»Ja, ja, wir arrangieren das schon. Miß, lassen Sie nur. Es findet sich schon eine Gelegenheit, ihn zu belohnen. Ich will mir nächstens einmal seine Familie ansehen. Vielleicht kann man da etwas Durchgreifendes für den Jungen tun. Wir wollen sehen!«

Mit der Katzenaufregung war der Nachmittag viel rascher vergangen, wie man dachte, und als der Tag jetzt zur Dämmerung neigte, erklärte der Professor, daß man die böse Regenzeit hinter sich hätte und morgen ganz sicher auf schönes Wetter rechnen könne. Die Bergkatzen schlichen alle im Tale herum, hätten krause Schwänzchen und langgestreckte Leiber, mit denen sie sich bequem in die Eingänge der Verghöhlen zurückziehen könnten. Der Wurzeltoni, der aus Berchtesgaden gekommen wäre, hätte auch erzählt, daß der Watzmann einen Hut habe, und dann würde das Wetter unbedingt gut.

Der Professor schlug nun vor, wenn morgen früh all die Prophezeiungen sich bewährten und der Himmel wirklich blau und sonnig über der Welt läge, solle man gleich die Gunst des Augenblicks benutzen und eine größere Partie unternehmen, vielleicht nach dem Königssee und Berchtesgaden.

Damit waren alle einverstanden, auch Langstratens, die nach dem Abendessen noch einmal herüberkamen, um zu hören, ob und was für Pläne die übrige Gesellschaft habe, und man verabredete dann, den ersten Zug zu benutzen und tagsüber fortzubleiben.

Und wirklich lachte am nächsten Morgen die Sonne mit ihrem freundlichsten Gesicht auf die schöne Welt hernieder, küßte von den grünen Sträuchern und Wiesen die letzten schimmernden Regentropfen fort, die noch an den Blättern und Gräsern hingen, und grüßte mit warmer Zärtlichkeit die auf dem Bahnhof zusammentreffenden Ausflügler.

Nora sah heute fast mit ein bißchen Neid auf Hansis flottes Bauernkostüm und besonders auf den derben roten Regenschirm und das leichte Wolljäckchen. Das war alles so passend und bequem, kaum etwas daran zu verderben, und hübsch sah es auch aus, besonders wenn man erst wußte, daß kein wirkliches Bauernmädchen darinsteckte.

Hansi paßte aber auch gut hinein mit ihrer kräftigen Figur, dem sonnverbrannten Gesicht und den ungeschonten Händen, während sie – nein, es war doch besser, im gewohnten Anzüge zu fein und Handschuhe anzuhaben, überall war es rußig und schmutzig – da verdarb man sich so leicht die Hände.

Hansi klatschte ihr mit der kräftigen braunen Hand lustig auf die behandschuhten Fingerchen. »Prinzeßchen Weißpfötchen hat natürlich wieder Rüstung angelegt,« lachte sie. »Ich käme um in solchen Dingern. Was hast du nur davon, wenn deine Patschen ein bißchen weißer und feiner sind wie die meinen?«

»Es ist mir angenehm,« antwortete Nora kühl. »Tante Ordalie sagte stets, daß man eine Dame an den Händen erkenne. Schöne, gepflegte Hände und Füße sind die Kennzeichen blauen Blutes.«

»Ah, blaues Blut?« Hansi bekam ganz kreisrunde Augen vor Staunen und Verständnislosigkeit. Sie hatte noch nie von blauem Blut gehört. »Ist das etwas sehr Feines?« fragte sie zaghaft.

»Aber, natürlich. Leute aus alten Adelsfamilien, in die nie Bürgerliche hineinheirateten, haben blaues Blut,« erklärte Nora, jetzt vollkommen im Fahrwasser von Tante Ordalies Lehren und gebläht von Stolz auf ihre Geburtsvorzüge.

Hansi schüttelte nachdenklich den Kopf. »Bei uns haben die Abkömmlinge der Neger auch anderes Blut wie wir, ich meine auch blaues, denn ihre Fingernägel zeigen einen blauen Halbmond, wo wir einen weißen haben. Aber das ist gar nichts Feines, das mißachten wir eigentlich.«

»Aber das ist doch auch etwas ganz anderes!« empörte sich Nora, zog ihren Handschuh ab und zeigte das weiße, feine Händchen. »Wir haben auch weiße Halbmonde auf den Nägeln.«

Hansi sah scheu auf die blaublütigen feinen Finger und versank dann in tiefes Nachdenken. »Nora, du hast also blaues Blut?« fragte sie näherrückend.

»Selbstverständlich.«

»Du, Nora, weißt du, wenn man sehr miteinander befreundet ist, schließt man Blutsfreundschaft – so habe ich es in einem Buche gelesen. Weißt du was? Wir wollen auch Blutsfreundschaft schließen. Oder magst du das nicht mit einer, die nur rotes Blut hat?«

Nora sah verlegen aus. »O doch; aber wie ist das, Blutsfreundschaft schließen?«

»Wunderschön, so ergreifend und edel. Denk' mal, wir nehmen eine große Nadel oder ein Federmesser, wie du willst, und ritzen uns die Haut auf, bis Blut kommt –«

»Nein, das mag ich nicht, das tut weh und sieht häßlich aus.«

»Ach, Unsinn, auf ein bißchen Wehtun kommt es doch nicht an, wenn man wirklich seine Freundschaft beweisen soll,« schalt Hansi ungestüm. »Hör' nur weiter – und dann trinkt einer das Blut vom andern!«

»Pfui, wie unappetitlich! Wir sind doch keine Vampire!«

»Nein, aber Blutsfreunde, und das gehört dazu. Ach, tue es doch, Liebste, ich möchte so furchtbar gern dein blaues Blut sehen!«

»Aber das ist ja gar nicht blau, das ist doch auch rot,« sagte Nora verlegen.

»Aber du sagtest doch eben, daß es blau sei!«

»Ja, das ist aber nur ein idealer Begriff. Wirkliches blaues Blut gibt es gar nicht.«

»Ein idealer Begriff? Das verstehe ich nicht. Entweder man hat blaues Blut oder man hat keins, sonst ist das kein idealer Begriff, sondern eine Unwahrheit!«

Die ganze nüchterne, praktische Amerikanerin kam jetzt bei Hansi zum Durchbruch. Sie verlangte Tatsachen. Ideale Begriffe, hinter denen eine Unwahrheit steckte, imponierten ihr nicht, an die glaubte sie nicht, die galten nichts. Sie war ernsthaft empört und enttäuscht, weil ihr jedes Verständnis abging für das, was Nora meinte. Die Neger hatten doch wenigstens blaue Halbmonde auf den Fingernägeln als Beweis ihres wirklich blauen Blutes, aber diese hatte gar nichts, nur Redensarten.

Und nun machte Nora auch noch ein beleidigtes Gesicht und sagte trotzig: »Das verstehst du als Bürgerliche eben nicht.«

»Nein, das kann überhaupt kein vernünftiger Mensch verstehen. Du hast ebenso rotes Blut wie ich, und wenn du deine Hände nicht immer in Handschuhe steckst, verbrennt die Sonne sie ebenso wie meine. Wo ist da nun ein Unterschied? Nur in der Einbildung, und Einbildung ist gar nichts Schönes. Wenn der Adel in nichts Besserem und Edlerem besteht, dann brauchst du wirklich nicht auf ihn so stolz zu sein.«

Hansi war sehr ärgerlich, und dann dachte sie niemals an Höflichkeit und Milde. Und Nora war noch viel ärgerlicher, besonders weil sie das unbehagliche Gefühl hatte, nicht auf festem Boden zu stehen, sondern sich wirklich lächerlich gemacht zu haben. Und so hätte schon wieder die Gefahr gedroht, daß zwischen die junge Freundschaft der prophezeite Kladderadatsch gekommen wäre, wenn sich diesmal nicht die Eisenbahn vorsorglich ins Mittel gelegt hätte.

Eben hielt man in Berchtesgaden, und das allgemeine Aussteigen unterbrach jede Unterhaltung. Der Professor, der hier überall gut bekannt war, packte seine Gesellschaft schnell in einen der bereitstehenden Omnibusse, ein paar fremde Leute fanden noch mit darin Unterkunft, und dann ging es mit Peitschenknall und Hurra in den sonnenschimmernden Morgen und die grüne duftige Welt hinaus.

Nora hatte sich ganz fest an ihre Mutter gehalten und saß nun von Hansi getrennt, und das war ihr recht, denn sie grollte mit der rücksichtslosen, ungläubigen Freundin und hielt sich Tante Ordalies Lehren vor: »Immer langsam und vorsichtig im Freundschaftschließen, und sich die Leute erst sehr ansehen auf Gleichheit der Stellung und Gesinnung, sonst macht man unangenehme Erfahrungen.«

Ja, Tante Ordalie hatte recht, man machte unangenehme Erfahrungen, man war schrecklich enttäuscht und gekränkt, man verstand sich nicht, weil keine Gleichheit der Stellung und Gesinnung herrschte.

Mit dem ganzen Wust solcher, weit über ihr Alter gehenden, traurigen Überlegungen saß Nora still, gerade und innerlich verzweifelt neben der Mama, die lustig mit dem Professor plauderte und auf ihr kleines Mädchen nicht besonders achtete.

Und vorn, auf der ersten Bank, saß Papa und schwatzte mit Hansi, zupfte sie wieder an den schwarzen Zöpfen und neckte und lachte. Und Hansi war seelenvergnügt, ohne Gewissensbisse, ohne Reue. Nun nickte sie sogar mit strahlender Freundlichkeit zu Nora zurück und winkte: »Komm doch her! Wir rücken zusammen. Hier vorn sieht man alles am schönsten. Klettere über die Bänke – das macht doch nichts!«

Nora machte ein Gesicht wie Cheops, wenn man von ihm verlangt hätte, daß er selbst Steine zu seinem Pyramidenbau tragen sollte. Über die Bänke klettern – zwischen fremden Leuten durch! Diese Amerikanerin hatte nicht einmal eine Ahnung von dem, was sich schickt! Sie drückte sich noch fester an Mama, schüttelte den Kopf und zwang sich mühsam zu einem abweisenden: »Danke, ich sitze hier sehr gut!« Aber dabei war sie so unzufrieden und unglücklich, daß sie am liebsten geweint hätte. Die ganzen Reize der Fahrt durch den Wald gingen ihr verloren, und sie hatte auch keine Freude daran als der Professor rief: »Nun sind wir am Ziel. Da guckt der Königssee hervor. Das wird eine köstliche Fahrt!«

Als Nora ausstieg, fing Hansi, die schon längst herausgeklettert war, sie lachend in ihren Armen auf. »Du, nun wird's himmlisch! Aber jetzt sitzen wir zusammen und dann will ich dir mal was sagen: ich bin ein Esel gewesen, ich weiß, aber du warst auch ein Schaf. Na, nur ein kleines, ein Lämmchen – und hübsch sind zoologische Vergleiche dieser Art überhaupt nicht, unschicklich wirst du denken, aber manchmal muß man sie gebrauchen, es paßt nichts anderes. Aber nun tu mir den Gefallen und geh nicht umher, als wenn dir die Hühner die Butter vom Brote genommen und ich dich tödlich gekränkt hätte. Denk' nur, wir müssen nun aufs Wasser, und wenn du da nicht ein ganz liebes, braves Mädchen bist, dann empört sich der Königssee und der Watzmann, und der eine rauscht auf und der andere fällt herunter, und dann machen sie uns alle mausetot, nur, weil du ihnen nicht gefällst. Und das willst du doch nicht auf dein Gewissen laden, nicht?«

Nun mußte Nora doch wieder lachen und Hansi liebhaben. Man konnte ihr nicht böse sein, sie war so ehrlich und lustig und auch gut, wirklich gut. Es lohnte doch, mit ihr Freundschaft zu schließen, trotz Tante Ordalies Lehren.

Mittlerweile hatte der Professor auch schon einen Kahn besorgt, der die Gesellschaft über den See fahren sollte, und einer nach dem andern stieg ein. Nora sehr zagend und fest an Hansis Hand geklammert. Sie ängstigte sich schrecklich vor dem Wasser, ließ auch im Boote Hansis Hand los und drückte sich an den Vater, der ihr sicherer und schützender vorkam.

Hansi sah sie verwundert an. »Was machst du denn für ein Gesicht? als wenn du Angst hättest –«

»Die habe ich auch,« nickte Nora. »Ich war noch nie auf einem so großen Wasser.«

»Ach, das ist ja nur ein kleines. Da solltest du mal erst auf dem Ozean schwimmen. Ach, sieh nur, wie schön!«

Das Boot hatte die kleine, im Vordergrund des Sees liegende Insel Christlieger umfahren, und jetzt erschloß sich die ganze Herrlichkeit des weiten Wasserspiegels und seiner mächtigen Umrahmung. Rechts fielen die Felsen schroff und grau in den See hinein, links stiegen die Ufer lieblich und grün bewaldet in die Höhe und im Hintergrunde schaute der König Watzmann hinaus in die Lande. Hansi erzählte der lauschenden Freundin, so gut sie es im Gedächtnis behalten, die grausige Geschichte, die neulich der Professor vorgetragen hatte, und Nora vergaß darüber und über dem Staunen und Sehen wirklich ein Weilchen ihre Angst. Dann aber fuhr sie erschreckt empor und schrie angstvoll auf, als plötzlich, in vielfachem Echo widerhallend, dumpfer, gewaltiger Donner über das Wasser grollte.

»Wir bekommen ein Gewitter! Wir werden ertrinken!« jammerte sie entsetzt auf.

Alle lachten, und der Vater hob das sich ängstlich an seine Brust drückende Gesichtchen zu sich empor. »Närrchen, sieh doch den Himmel an! Wo sollte aus dieser wolkenlosen Bläue ein Gewitter herkommen? Es war nur –«

»Puff, puff, krach!« rollte es wieder, nur etwas entfernter von den Bergen; rechts, links, hinten, vorn, überall, wo eins der breiten schweren Boote wie eine große Wasserspinne über die glatte Seefläche kroch, krachte und blitzte es auf, und Noras weitgeöffnete, angstvolle Augen sahen nun, daß das gefürchtete Gewitter aus alten, schweren Holzpistolen kam, die jeder der Schiffer an einer bestimmten Stelle des Sees abschoß, um das gewaltige Echo der gegeneinanderstehenden Berge zu wecken und den Fremden einen schwachen Begriff davon zu geben, wie es grollt und prasselt, wenn der Himmel die feurigen Reiterpistolen löse und sie blitzend und krachend gegen die Bergriesen schleudere.

Allmählich beruhigte sich Nora, und als man den ganzen See durchschifft hatte und zum Schluß am kleinen Obersee ausstieg, war sie gerade so weit, daß die Fahrt begann, ihr ein furchtloses Vergnügen zu machen.

Trotzdem fand sie den festen Grund und die Möglichkeit der eignen Fortbewegung doch wieder sehr hübsch und lief mit Hansi rechts und links, soweit und solange es ging, am Ufer des Sees entlang, um Blumen zu pflücken und den Eidechsen nachzuspringen. Eine ganz kurze Bootfahrt brachte dann die Gesellschaft nach der gegenüberliegenden Halbinsel St. Bartholomä, auf der eine kleine Kapelle und ein einfaches Jagdhaus stehen, wo man Mittagsrast machte.

Danach ging es rückwärts, wieder den ganzen See entlang, zur Schiffslände.

»Nun kommt etwas für unsere Kinder,« lächelte der Professor, als er dort seine Gesellschaft wieder in einen Omnibus packte. »Die Seefahrt war mehr für uns Erwachsene mit dem kultivierten Gefühl für Naturschönheit, aber jetzt fahren wir nach dem Bergwerk, und da kommt die Jugend zu ihrem Recht. Da werden wir alle in weiße Höschen gesteckt, bekommen ein Schurzfell umgebunden und steigen in die Unterwelt. Könnt ihr beiden Mädel euch etwas Amüsanteres und Reizenderes denken?«

»Nein, nein,« jubelte Hansi und klatschte in die Hände. »Das wird famos! Herr Professor, wird auch die Miß in weiße Höschen gesteckt?« fragte sie leise mit vor Lust funkelnden Augen.

»Wenn es so lange gibt, die der Miß passen, und wenn sie es sich gefallen läßt, wird sie auch hineingesteckt,« lachte der Professor, und bebend vor Vergnügen berichtete Hansi heimlich an Nora weiter.

»Aber das ist doch sehr unpassend,« wandte Nora ein und sah lange nicht so spitzbübisch vergnügt aus wie Hansi. »Das geht doch nicht, wenn alle Leute uns sehen, können wir doch nicht in Hosen gehen.«

»Wenn der Professor es sagt, wird es wohl schicklich und angebracht sein, darauf kannst du dich verlassen.«

»Nein, das glaube ich nicht.«

»Abwarten und Tee trinken oder vielmehr abwarten und Hosen anziehen,« lachte Hansi ausgelassen. »Du bekommst ja noch ein Schurzfell umgebunden, vielleicht beruhigt das dein Schicklichkeitsgefühl. Außerdem ziehen wir uns ja ins Dunkle zurück, in den Schoß der Erde, und die andern machen es ja auch alle.«

»Ich glaube nicht, daß Tante Ordalie –«

»Weiße Höschen angezogen und ein Schurzfell umgebunden hätte?« unterbrach Hansi, losprustend vor Amüsement.

»Hansi!«

»Ach was, man muß doch Spaß verstehen. Sei doch nicht so pimperlich und zimperlich, das verdirbt ja jedes Vergnügen. Hurra, da sind wir schon! Ich freue mich rasend!«

Lachend nahmen die Herren von den Damen Abschied, um jede Partie sich in die für sie bestimmte Garderobe zu begeben.

Miß Holymat hatte bis jetzt noch keine Ahnung davon, was ihr in dieser bevorstehen würde und brach fast zusammen vor Schreck, als ihr beim Eintritt eine Schar in volle Bergmannstracht gekleideter Damen entgegenkam.

»O, uas haben sie gemacht? Uas ist das eine Maskerade! 0 shocking, uie können gehen all diese Frauen in solche Kleidung vor die Augen von die Menschen?« wandte sie sich entrüstet an Frau von Langstraten.

»Ja, liebe Miß, das ist die vorgeschriebene Tracht für den Besuch des Bergwerks,« erklärte diese lächelnd. »Wir müssen uns auch so ankleiden.«

» O no, never more! Ich uerde nicht machen eine Lächerlichkeit vor mir, eine Unschicklichkeit. Ich uerde gehen in mein Kleid –«

»Nein, das ist unmöglich. Mitgegangen, mitgehangen. Sie kommen nicht anders hinein. Was ist denn auch dabei? Sehen Sie nur, die weiten Beinkleider sind fast wie ein Rock –«

» O no, und hinten eine schuarze Leder! Uie beleidigend!«

»Aber wir bekleiden uns doch alle so.«

»O, Sie seind jung und hübsch, es uird bleiben unschicklich auch vor Ihnen, aber es uird sein nicht eine Vogelscheuchen, uie ich. Niemals eine alte Person uird machen so eine Tollheit!«

Während die bedienende Frau, ungerührt von der Weigerung der Miß, schon für die beiden Damen und die Mädchen passende Kostüme zurechtlegte, öffnete sich wieder die Türe des Ankleidezimmers, und in ihr erschien die Gestalt der Hundedame aus dem Coupé. Sie sah sich kurz um, nickte dann der vor Schreck und Unbehagen fast erstarrenden Miß spöttisch lächelnd zu und sagte: »Aha, da treffen wir uns sogar einmal auf gemeinsamem Kriegspfade, beide mit der Absicht, der Menschheit ein amüsantes Schauspiel zu geben. Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, daß ich noch einmal mit Ihnen die Geschichte von den sieben fetten und den sieben mageren Jahren illustrieren würde. Dann wollen wir uns nun mal wohlgemut in die Hosenverlegenheit stürzen.«

Hansi kicherte, Frau von Langstraten und Nora standen erstaunt da, und die Miß schnappte nach Luft. Sie hatte zwar kaum die Hälfte verstanden von dem, was ihre Feindin sagte, aber das genügte, um ihre Empörung noch zu steigern und den Entschluß, diese Komödie nicht mitzumachen, in ihr zu befestigen.

»O, ich uerde mir nicht stürzen in die Hosenverlegenheit,« sagte sie und zog die Augenbrauen so fürchterlich hoch, daß man Angst bekommen konnte, sie gingen unter den Scheiteln verloren.

»Na, warum nicht?« fragte die Coupédame, die ohne ihren Hund ganz gemütlich und menschlich zu sein schien, lächelnd zur Miß hinüber, nahm ein Paar weiße, weite Hosenungeheuer prüfend in die Hand und nickte mit dem Kopfe. »In die komme ich hinein. Sie werden noch lange nicht so schlimm aussehen wie ich. Dünne Leute haben es immer leichter im Leben. Steigen Sie nur ruhig auch hinein. Sie sind mir noch eine Revanche schuldig dafür, daß ich gestern Ihr kleines, jämmerliches Katzentier eingefangen habe. Das war ein größerer Akt der Selbstüberwindung, als wenn Sie nun Bergmannskostüm anlegen. Eine Liebe ist der andern wert. Arm in Arm mit dir, so fordere ich mein Jahrhundert in die Schranken!«

Dazu lachte sie so vergnügt und sah in ihren weißen Hosen, in die sie mittlerweile hineingeklettert war, so unbeschreiblich komisch aus, daß Frau von Langstraten und die beiden Mädchen, die auch schon Toilette gemacht hatten, mitlachen mußten und nun mit vereinten Kräften auf die Miß einstürmten, daß sie sie nicht im Stich lassen, sondern sich auch umkleiden sollte.

Nora hatte inzwischen auch jede Scheu vor dem verachteten Kostüm abgelegt. Sie fand Mama, Hansi und sich reizend darin; besonders Mama, deren lichtes Haar und zartes Gesicht so leuchtend unter dem blauen Rande der kleidsamen schwarzen Bergmannsmütze hervorschauten und deren schlanke Figur nicht ein bißchen unanständig und unangenehm aussah in den sauberen Höschen und dem weiten schwarzen Kittel, der über diese fiel und fast bis zu den Knien reichte. Eigentlich war es doch ein reizender Spaß, einmal so als kleiner Bergmann herumzulaufen. Hansi hatte doch recht, man mußte sich nicht jedes Vergnügen mit Zimperlichkeit und übertriebener Feinheit verderben, und was Mama tat, das konnte sie gewiß auch tun. Darum bat und bettelte sie nun ebenso eifrig an der Miß herum, wie die andern beiden.

Die arme Miß stand in qualvoller Unsicherheit da, zerrissen von den widerstreitendsten Gefühlen. Sie verdarb nicht gern einen Spaß, sie fand auch bei näherer Betrachtung das Kostüm nicht so unpassend und schrecklich, wie im ersten Ansturme. Außerdem hatte die Mahnung an Revanche für den Katzenfang ihr sehr zartes und empfindliches Gewissen getroffen. Das »Katzentier« war glücklicherweise wieder einmal nicht bis zu ihrem immer etwas mangelhaften Verständnis gedrungen, nur die Aufforderung der andern, die ihr augenblicklich auch nicht mehr so verabscheuungswürdig und feindlich vorkam, wie vordem. Sollte sie es tun?

»Die Damen müssen sich beeilen, wenn sie noch mit diesem Zuge ins Bergwerk wollen. Die Herren haben schon geklopft und angefragt,« mahnte die Garderobefrau und hielt der Miß auffordernd die anstößigen Höschen hin.

Hansi knöpfte und hakte an den Röcken, Nora zog sie ihr flink und geschickt von den Hüften, Frau von Langstraten streifte ihr den schwarzen Kittel über die schmalen Schultern. Sie kam gar nicht zur Besinnung und zum Widerstande. Alle Hände knöpften, banden, zogen – ein langer, schlottriger Bergmann mit ängstlich verzogenem Gesicht unter dem kleinen Mützchen stand dann endlich da.

Die Hundedame lachte. Sie rollte sich wie eine schwarzweiße Kugel an die Seite der Miß und faßte die halb Bewußtlose ungeniert unter.

»Na, sehen Sie – direkt niedlich machen Sie sich! Im Grunde, wenn wir beide nicht alberne, vernarrte Hunde- und Katzentanten sind, können wir ein paar ganz vernünftige Frauenzimmer sein. Heute treten wir im normalen Menschentum und in kleidsamer Bergmannstracht auf. Los, meine Damen! das Schlachtroß steigt und die Drommeten klingen!«

»O nein, o nein, ich möchte bleiben in diese Kammer! Ich habe eine große Angst und Scham vor die Menschen,« versuchte die Miß noch einmal ihren Anstand zu retten.

Aber total erfolglos. Die Hundedame war eine kraftvolle Persönlichkeit, sie zog mit unwiderstehlicher Gewalt von einer Seite, Frau von Langstraten half mit sanftem, vergnügtem Zureden von der andern und von rückwärts schoben die beiden kichernden, ausgelassen lustigen Mädchen nach.

So wurde die widerwillige Miß ans Tageslicht befördert und draußen von dem reichlich versammelten Publikum mit Jubel begrüßt. Da jeder, der das Bergwerk besucht, die gleiche Tracht anlegen und sich der Kritik der andern aussetzen muß, fühlt sich auch jeder berechtigt, selber Kritik und Witz zu üben an denen, die nach ihm kommen, und es gibt bei jedem Schub neuer Bergwerksnovizen einen lustigen Hagel gutmütigen Spottes und kecker Witzreden.

Hier, beim Anblick der langen mageren Miß und ihrer kleinen kugelrunden Gefährtin, klang es von allen Seiten: »Oho, Müller und Schulze in Bergmannstracht!« – »Die sieben mageren und die sieben fetten Jahre!« – »Mit denen kann man durch dick und dünn gehen!« und so fort.

Dazwischen lachendes Lob für die beiden allerliebst aussehenden Mädchen. »Ah, die niedlichen kleinen Knappen! Blond und braun als Zwillinge!« – »Jung-Deutschland in Musterexemplaren!«

»Nein,« lachte Hansi keck, »Amerika und Deutschland vereint!«

»Ah, noch besser! Einfuhr amerikanischer Erzeugnisse! Da wollen wir den Pluto dort unten auffordern, ordentlichen Zoll dafür zu verlangen!«

So lachte und rief es aus der Menge, und mittlerweile fanden sich die Herren zu ihren Damen, und man sah sich lachend an und bewunderte sich gegenseitig.

Der Professor und Herr Wildes machten große, erstaunte Augen, als sie die Begleitung der Miß sahen, und Hansi mußte schnell und heimlich eine Erklärung geben, während die Miß, nachdem sie einmal mitten darin war, ungerührt und taub und blind für ihre Umgebung, wie ein großer, würdevoller Storch durch das Publikum schritt.

Dann kam ein Bergmann, hängte jedem der für die Tour Bestimmten ein brennendes Grubenlaternchen in den Ledergürtel und schritt der Gesellschaft voran, dem dunkeln Eingange in das Bergwerk zu.

Dieses ist seit Jahren vollständig außer Betrieb gesetzt und wird nur noch im Stande gehalten, um den Fremden bequem und gefahrlos einen vollständigen Einblick in ein solches Werk zu gewähren.

Sowie das Tor sich hinter dem letzten der Eintretenden schloß, war man in voller Dunkelheit, die nur durch die Grubenlichter erhellt wurde, und Nora, die augenblicklich sich wieder zu fürchten begann, faßte Hansis Hand fester und drückte sich ganz dicht an sie, um in dem schmalen Gange, in dem einer immer hinter dem andern gehen mußte, neben der mutigen und kraftvollen Gefährtin bleiben zu können.

»Du, Nora,« flüsterte Hansi, »nun können wir denken, wir wären in dem unterirdischen Gange in deinem alten Schlosse. Rechts und links wimmelt es von Kröten und Ottern, Skelette lehnen an den Wänden, Irrlichter zucken auf –«

»Sei doch still, das ist ja furchtbar. Ich ängstige mich gräßlich!«

Hansi kicherte und fuhr unbarmherzig fort: »Und auf einmal klirren Ketten und Stöhnen hallt von den Mauern und das adlige Gespenst erscheint mit glühenden Augen –«

»Hansi, ich gehe nicht weiter, wenn du nicht aufhörst!«

Noras Hand klammerte sich wie eine Eisenspange um den Arm der kleinen Spötterin.

»Au, kneife nicht! Du Furchthase, das muß dir doch alles lieb und vertraut sein,« lachte Hansi. »Wir sind nur leider nicht in einem feudalen Schlosse, in dem einem so reizende Dinge passieren können. Ah, siehst du, nun hatte ich doch recht, das ist wirklich wie der geheime Gang bei euch – da sind wir am See!«

Richtig, der schmale Schacht hatte sich erweitert und vor den Wanderern schimmerte eine große dunkle Wasserfläche auf, ringsum eingefaßt von unzähligen kleinen Glühlämpchen, die sich geheimnisvoll und lieblich wie goldene Sterne in der schwarzen Flut spiegelten und dieser den Anschein gaben, als breite und dehne sie sich in unendliche Weiten.

Überall erschallten Ausrufe des Entzückens. Auch Nora, die hier im großen, von den Lämpchen durchschimmerten Raume erleichtert aufatmete, hauchte leise: »Wie reizend – das ist wie im Märchen vom schwarzen See mit den silbernen Schwänen und den roten Rosen.« Aber dann schrak sie gleich wieder ängstlich zusammen und faßte Hansis Hand, als in der matten Beleuchtung ein großer, schwerer Kahn am Rande des Wassers auftauchte und der Führer mit monotoner Stimme die Reisenden einlud, ihn zu besteigen und sich an das jenseitige Ufer rudern zu lassen. »Auf das schwarze Wasser, so in die bodenlose Unendlichkeit hinein – nein, das tue ich nicht,« sagte sie angstvoll. »Papa – Mama –«

»Wie eine Schreipuppe, die man auf den Magen drückt und die dann quiekt ›Papa, Mama‹,« spottete Hansi und faßte die Freundin fest bei der Hand. »Schäme dich doch, so feige zu sein. Nun beweise einmal dein ritterliches blaues Blut und bestehe die Abenteuer der Unterwelt. Was ich kann, wirst du, adliger Sproß, doch wohl auch können.«

Der Spott wirkte. Nora schämte sich gewaltig. Sie fand Hansi wieder einmal greulich, aber sie konnte ihr nicht unrecht geben. Wie sagte Tante Ordalie immer? Noblesse oblige! Natürlich, sie mußte nun tapfer sein, sonst lachte Hansi sie unbarmherzig aus.

Und so nahm sie denn ihr Herz in beide Hände und stieg zwar zitternd, aber widerstandslos in den unheimlichen Kahn, auf das unheimliche Wasser.

Langsam und lautlos zog der Kahn durch die dunkle, schwerflüssige Flut. Keines sprach laut, jedes flüsterte nur. Eine gewisse dumpfe Beklemmung lag auf allen Gemütern, und der Professor gab der allgemeinen Stimmung Ausdruck, als er halblaut sagte: »Das ist wie die Fahrt über den Styx. Die abgeschiedenen Seelen ziehen in das Reich der Schatten, Sharon lenkt den Kahn und drüben erwartet uns Cerberus, der Höllenhund.«

»Das ist sicher eine Höllenkatze,« klang die Stimme der Coupédame kräftig und vergnügt durch die Stille. »Höllenhunde gibt es nicht. Und wenn wirklich einer unten das Totenreich bewacht, dann wird er, wenn man ihn richtig behandelt, das heißt, ihm eine gute Wurst als Obolus darbringt, sicher auch mit dem Schweif wedeln und dankbar die Hand lecken, die ihm Gutes tat. Hunde haben immer edle Gemütsart.«

Nun lachte alles, nur die Miß, die neben Frau von Langstraten saß, fragte argwöhnisch: »Uas hat sie gesagt von Höllenkatz? Hat sie uollen beleidigen uieder mein kleines ueißes Liebling?«

»Nein, nein, sie meinte eine kohlschwarze, alte, häßliche Katze,« beruhigte Frau von Langstraten heimlich lachend, »aus irgend einem Märchen.«

»O, Märchen sind Lügen, man muß nicht glauben ihnen. Katzen sind immer gut, uenn man ihnen behandelt richtig. Sie ueiß es nicht, aber ich uerde erklären ihr –«

Da stieß der Kahn schon an das andere Ufer. Der See hatte nur durch den Widerschein der Lämpchen den Eindruck einer bedeutenden Ausdehnung gemacht, in Wirklichkeit war er ganz klein und schnell durchquert, und Hansi war arg enttäuscht, als sie schon wieder aussteigen mußte, während Nora eine Bergeslast vom Herzen fiel, als sie wieder auf festem Boden stand.

Nach einem ganz kurzen Gange forderte der Führer die Herrschaften auf, sich wie Reiter hinter ihn auf eine Art Rutschbahn zu setzen, die schräg hinunter in eine nicht zu ergründende dunkle Tiefe führte.

»Hurra, das ist aber famos!« jubelte Hansi. »Nora, du setzt dich hinter mich, wir sausen zusammen in die Tiefe!«

»Niemals! Ich weiß ja nicht, wohin das führt! Papa–«

Ehe sie fortfahren konnte, hatte Hansi sie um die Taille gefaßt, drückte kräftig auf ihren Magen und piepste dazu mit feiner Stimme: »Mama, Papa, Mama! Die Schreipuppe ist wieder in voller Tätigkeit. Laß dich in einen Pompadour stecken und von Papa oder Mama immer sicher spazieren tragen. Schäme dich doch! Deine Vorfahren schwangen sich auf ihre Rosse und jagten ins Turnier, und du willst nicht einmal auf eine Rutschbahn steigen!«

»Ich bin auch kein Vorfahr,« verteidigte sich Nora trotzig und doch beschämt. »Und in den dunklen Abgrund wären meine Vorfahren vielleicht auch nicht gesprungen.«

»Aber sicher gerutscht. Sieh doch, alle Leute tun es ja, ängstliche Maus!«

Aber alle Leute taten es nicht. Die Miß sträubte sich ebenso wie Nora.

»O, ich uerde mich niemals setzen hinter ein fremdes Mensch! Ich finde das shocking, und ich uill nicht fahren in diese Grube!«

»Wir müssen alle einmal in die Grube fahren, da ist es ganz praktisch, wenn man das schon bei lebendigem Leibe probiert, « fiel die Hundedame, die neben der Miß stand, gemütlich ein. »Machen Sie doch keine Geschichten! Wenn eine so dicke, alte Tante, wie ich, es wagt, können Sie mit Ihrer Spindeldürrigkeit es erst recht wagen.«

Aber die Miß blieb fest. »Nein, ich uerde nicht sitzen auf diese Stange uie ein Vogel, ich uerde kehren zurück.«

»Das ist nicht nötig,« nahm sich der Professor der Geängstigten an. »Sie können ebensogut auf Stufen den Weg zurücklegen, den die übrigen rutschen. Ich bin gern bereit, Sie zu begleiten, Miß. Sehen Sie, hier, dicht neben der Rutschbahn, führen die Stufen.«

»Ich möchte auch mitgehen,« sagte Nora hastig.

Aber Hansi hielt sie am Ärmel fest. »Untersteh dich! Dann kündige ich dir die Freundschaft. Mit einer feigen Philisterseele will ich nicht befreundet sein. Die Miß ist eine alte Dame mit steifen Knochen und wunderlichen Schrullen, aber du bist ein flottes junges Mädchen und sollst es sein. Schnell, hier, steig nur vor mir auf, damit ich dich unter den Augen habe. Deine Mama sitzt auch schon vorn.«

Ohne viel Federlesens zu machen, drückte sie Nora auf die Rutschbahn, schwang sich hinter ihr auf, und da kommandierte der Führer auch schon »Los!« und der Zug sauste blitzschnell in die Tiefe.

Unten fing der Bergmann einen nach dem andern auf.

»Nun, war das nicht reizend? Wie sagte dein Papa neulich zu mir: ›wie ein geölter Blitz!‹ So sind wir jetzt heruntergesaust, himmlisch!« sagte Hansi, als sie beide wieder auf den Beinen standen. »Bist du mir nun nicht dankbar, daß ich dich dazu zwang?«

»Ja, wirklich,« sagte Nora aufatmend. »Das war zu hübsch. So habe ich mir das gar nicht gedacht.«

»Siehst du! Probieren geht über studieren. Man muß nur immer Courage haben.«

»Ja, du hast recht, ich will auch weniger ängstlich werden,« gelobte Nora, und Hansi drückte anerkennend ihren Arm.

Dann sahen sie sich staunend um. Sie standen nun in einer großen, hohen, mit vielen Lämpchen erleuchteten Höhle, von der man in eine zweite, tiefer liegende und ebenso beleuchtete Höhle blickte, zu der die Passagiere wieder auf einer Rutschbahn hinabbefördert wurden.

Diesmal ließ Nora sich nicht mehr nötigen, dieselbe zu besteigen und in die dunkle Tiefe zu fahren. Im Gegenteil bedauerte sie die Kürze der Fahrt und sah begierig aus, ob nicht noch einmal etwas Ähnliches käme.

Aber damit war es nun zu Ende. Langsam kletterte die ganze Gesellschaft auf vielen, vielen Stufen wieder in die Höhe. Ab und zu klopfte der Bergmann an die Wände und erzählte allerlei von dem Salzgewinst und den Mitteln, mit denen man ihn früher aus dem Berginnern gezogen hatte, aber die beiden Freundinnen interessierten sich dafür nicht besonders und waren erst wieder entzückt, als man an einen kleinen Bogengang kam, der aus teilweise erleuchteten farbigen Salzen aufgeführt war und das bayerische Wappen und ein L mit der Königskrone darüber zeigte. Das sah wunderhübsch aus, wie aus lauter Edelsteinen hergestellt.

Hansi wollte nicht glauben, daß das wirklich alles Salz sei. »Ich werde einmal schnell daran lecken,« raunte sie Nora leise zu.

»Pfui – vielleicht haben andere Ungläubige das schon vor dir getan,« hielt diese sie entsetzt zurück. »Denk' nur, wie gräßlich! Und dann der Salzgeschmack!«

»Um den ist es mir doch gerade zu tun, als Beweis. Aber du hast mir den Appetit daran verdorben – Nachlecker möchte ich nicht sein, dann will ich nur lieber ohne Prüfung glauben, daß es Salz ist. Weißt du, ich bin viel flotter und unternehmender wie du, aber in der vernünftigen Überlegung bist du mir über, das muß ich doch anerkennen.«

»Siehst du, mein Kind, wie wohl geborgen du in dem Schutz meiner Weisheit bist,« lachte Nora. »Überlasse dich nur künftig meiner Führung.«

Aber jetzt war nicht mehr viel zu führen, der Rundgang durch die unterirdischen Wunder war beendet und man trat den Rückweg zur sonnigen Oberwelt an. Damit dieser aber nicht zu lang und langweilig werde, stand ein Zug merkwürdiger Fahrzeuge bereit. Lauter kleine Lederbänke auf vier Rädern, eine an die andere gekoppelt, zuvorderst die des Bergmanns, der den Zug in Bewegung setzte und führte und nun die Anwesenden aufforderte, ihre Sitze auf den Hunden einzunehmen.

»Hunde?« fragte Hansi erstaunt. »Was meint er damit?«

»Tiefe kleinen Lederbänke,« belehrte der Professor. »Sie heißen in der Bergmannsprache Hunde und man besteigt sie wie ein Pferd oder auch wie einen Hund, springen Sie nur auf!«

»Na, das ist aber ein Triumph der guten Sache,« lachte die Coupédame, die zwischen dem Professor und der Miß stand, und gab der letzteren einen freundschaftlichen kleinen Stoß. »Nun kommen Sie doch noch auf den Hund und müssen dessen Vorzüge anerkennen.«

»O nein, ich uerde nicht steigen auf dieses Tier,« weigerte sich die Miß erzürnt und ängstlich. »Ich finde shocking zu sitzen wie eine Mann auf ein Pferd, und es sein zu klein für mir. O nein, ich uerde gehen.«

»Das ist nicht möglich,« sagte der Professor. »Sie müssen jetzt entweder mitfahren oder ganz allein hier im Dunkeln zurückbleiben. Es gibt nur dieses Beförderungsmittel, und Sie sehen ja, daß alle Damen es benutzen.«

»O, es ist ein schreckliches Partie, dieses in dem Bergwerk. Man hat mir gelockt ohne mein Uillen für dieses.«

»Ja, aber nun sind Sie einmal darin, nun heißt es auch mitmachen. Bitte, schnell, der Führer pfeift schon.«

Mit kräftigem Schwünge hob der Professor die widerstrebende Miß auf ein Lederbänkchen, setzte sich hinter sie und hielt sie fest, und in diesem Augenblick ging es auch schon los, windschnell, wie auf einem Automobil. Der Wind pfiff ihnen um die Ohren und die Wände des langen, schmalen Schachtes, an dessen Ende ein leuchtender Goldpunkt das Licht der Oberwelt verriet, flogen schattenhaft vorüber. Immer größer und leuchtender wurde der Goldpunkt, weitete und dehnte sich, und dann sauste der Zug in den Hof der Bergwerksgebäude ein und hielt mitten unter dem Publikum, das sich dort versammelt hatte. Geblendet und verwirrt taumelte einer nach dem andern von seinem Bänkchen herab.

»Wie schade, daß es schon vorüber ist,« seufzte Hansi, »ach, so hätte ich bis ans Ende der Welt fahren mögen!«

»Wir kommen ja gerade vom Ende der Welt,« sagte Nora und putzte an ihren diesmal nicht behandschuhten Händchen. »Und schmutzig war dieses Ende!«

»Ach, wer denkt an solche Nebensächlichkeiten! Du, Nora, sieh mal, drüben ist eine Photographierbude. Wäre es nicht himmlisch, wenn wir uns alle in diesem Kostüm photographieren ließen?« Hingerissen von diesem Gedanken, stürzte Hansi ihrem Vater und Frau von Langstraten nach, die hinter der weitausschreitenden Miß schon der Garderobe zueilten.

Sie packte die Miß gerade noch am Rockschoß und brachte dann atemlos ihren Vorschlag an.

» 0 dear me, in dieses Aufzug mir photographieren lassen? Nevexmore!«[**?Druckfehler? evt. Nevermore]

Die Miß zerrte entsetzt an ihrem schwarzen Kittelende, aber Hansi ließ nicht locker, und Frau von Langstraten lächelte nun auch und nickte unternehmungslustig mit dem Kopfe.

»Das ist eine hübsche Idee! Alle zusammen! Liebe Miß, wir stellen Sie in den Hintergrund. Kein Mensch wird die unschicklichen Höschen sehen, nur den Kopf mit der kleidsamen Mütze – das ist doch nicht anstößig! Meine Herren, helfen Sie zureden!« Alle standen sie um die unglückliche Miß und schilderten ihr mit holden Worten die Reize solcher Photographie.

»Machen Sie ihr doch ohne mir,« flehte sie angstvoll.

Aber davon wollte niemand etwas wissen.

»Sie müssen mithalten. Waschen Sie Ihre Hände in Unschuld und heulen Sie mit den Wölfen,« zitierte Herr Wildes lachend die Lieblingsredensarten der Miß, und ergebungsvoll neigte diese endlich ihr kleines Köpfchen, zog verschämt den langen Kittel so tief wie möglich und ließ sich mit zur Photographierbude schleppen, zur Anfertigung des »Männerbildes«, wie Hansi triumphierend erklärte. –

Als man danach wieder in gesitteten Normalkleidern steckte, begab sich die ganze Gesellschaft nach dem Städtchen Berchtesgaden, machte dort einige Einkäufe, aß Abendbrot und kehrte erst mit dem letzten Zuge müde, aber sehr von der Partie befriedigt, nach Reichenhall zurück.

An den folgenden Tagen wurden nur Spaziergänge oder kleine Touren in die Umgegend unternommen. Sepp trat wieder in seine Stellung als Gepäckträger und Führer und Nora mußte sich wohl oder übel, wenn sie Hansi nicht entbehren wollte, entschließen, ab und zu auch mit ihm zu plaudern und ihm zuzuhören. Ihr wurde das recht schwer, ihm aber noch viel schwerer, und wenn Hansi nicht mit ihrer freundlichen, herzlichen Unbefangenheit dazwischengestanden hätte, wäre es auch nicht gegangen. Nun mühten sich beide, Nora sowohl wie Seppel, um Hansis willen, die sie gleichmäßig liebten, sich aneinander zu gewöhnen und sich gegenseitig zur Freundlichkeit zu zwingen.

Allmählich machte sich das auch ganz gut. Sepp, der gescheit, aufmerksam und bescheiden war, achtete sehr auf seine Manieren und blieb immer in solchen Grenzen, daß Nora Tante Ordalies Prophezeiung, solche Leute vergäßen schnell ihre Stellung und fühlten sich gleichberechtigt, nicht als richtig erkennen konnte.

Sie fand überhaupt jetzt oft, daß Tante Ordalie wohl doch sehr sonderbare Ansichten gehabt habe. Ganz unbewußt lockerten sich im Verkehr mit Hansi, die alles so einfach und natürlich ansah, ihre beschränkten und strengen Ideen über Standesvorzüge, und sie verlor auch nach und nach einen Teil ihrer Zaghaftigkeit und übertriebenen Zierlichkeit und Formenstrenge.

Hier, in den Bergen, in der weiten herrlichen Landschaft, zwischen der frohsinnigen Ungebundenheit Hansis und der natürlichen Einfachheit des aufgeweckten, freundlichen Bauernjungen, der hundert kleine Wunder und Entzücken der Natur in Pflanzen- und Tierwelt kannte und ihnen zeigte, war es gar nicht möglich, die Damenhaftigkeit ihres Benehmens und die unnatürliche Verstandesreife ihrer Stiftserziehung aufrecht zu halten. Sie lernte tollen, springen und jubeln, wie ihre Jahre es verlangten, und hatte dabei doch durch ihre Erziehung und durch eine gewisse angeborene Zurückhaltung eine so feine und zwingende Art des Maßhaltens und der mädchenhaften Schicklichkeit, daß sie damit wieder Hansi beeinflußte und deren oft zu kräftigen, knabenhaften Übermut dämpfte und im Zaume hielt.

Wie Frau von Langstraten gehofft und vorausgesagt hatte, wirkten beide Mädchen außerordentlich gut aufeinander und liebten sich gegenseitig innig, trotzdem sie eigentlich unausgesetzt im Streit lagen und eine immer gegen die Ansichten der andern kämpfte.

Es gab fast täglich, ja stündlich Meinungsverschiedenheiten, stets aufwachsend aus der Verschiedenheit der beiderseitigen Verhältnisse und Erziehung, aber immer mehr durch gegenseitige Nachgiebigkeit und allmähliche Einsicht sich mildernd und ausgleichend.

Das Leben und das tägliche Beispiel wirkte bei beiden eindringlicher als alle Ermahnungen und Vorhalte, mit denen einerseits Miß Holymat, andererseits Frau von Langstraten sich vorher so oft vergeblich bemüht hatten.

Jugend lernte von Jugend, weil sie sich untereinander verstand und verstanden fühlte und weder Autorität ausübte noch empfand.

Gewöhnlich war es nun freilich Nora, die nachgeben und lernen mußte. Sie hatte auch viel mehr unnötigen Ballast abzuwerfen als Hansi, besonders für die hiesigen Verhältnisse und Bedingungen.

»Wir gehen heute nach Großgmain, Seppels Mutter und Schwester besuchen,« sagte zum Beispiel Hansi in freudiger Erwartung. »Kommst du mit?«

Nora rümpfte das Naschen. »Was wollt ihr denn bei den armen Leuten in den muffigen Bauernstuben? Man setzt solches Volk nur in Verlegenheit, wenn man es aufsucht.«

»Solches Volk? – Das sind sehr anständige Leute. Ich denke, das merkt man doch schon an Sepp, der ein so netter, guterzogener Bub' ist,« verteidigte Hansi glühend.

»Nun ja, ich sage auch nichts gegen Sepp; der ist wirklich merkwürdig wohlerzogen und bescheiden, aber das macht der Fremdenverkehr, der schleift ab.«

»Nein, das macht die häusliche Erziehung, sagt der Professor. Sepps Vater war Schullehrer, ein ganz gebildeter Mann!«

»Ach, so ein bayerischer Dorfschullehrer! Und wenn auch – solche Leute sind nur erträglich, wenn man sie außerhalb ihrer Häuslichkeit hat. Bei ihnen selbst ist es meistenteils schmutzig und riecht nach ungelüfteten Stuben und schlechter Kost. Tante Ordalie besuchte auch manchmal arme Leute, aber dann zog sie sich hinterher immer ganz um und besprengte sich mit Kölnischem Wasser. Mir hat sie so etwas nie zugemutet.«

Frau von Langstraten, die von ihrem Balkonsitz aus der Unterhaltung zugehört hatte, trat jetzt in das Zimmer und sagte in ernstem Ton: »Das war sehr unrecht von Tante Ordalie und ich teile ihre Ansichten darin durchaus nicht. Man kann gar nicht zeitig genug lernen, sich der Armen und Verlassenen anzunehmen, und wenn damit Unbequemlichkeit und Überwindung verbunden ist, so ist das ein Opfer, zu dem wir, die vom lieben Gott in bessere Verhältnisse gesetzt wurden, unseren weniger begünstigten Mitmenschen gegenüber einfach verpflichtet sind. Das sollte dir dein eigenes Herz und dein vornehmer Sinn selbst sagen, Nora, und ich hoffe, daß es nur eines solchen Winkes bedurfte, um dir die Augen zu öffnen.«

»Ja, Mama,« sagte Nora beschämt und küßte die Hand, die ihr gesenktes Gesicht liebevoll zu sich emporhob. »Ich habe das nur nie so ansehen gelernt.«

»Also du kommst mit,« half Hansi hastig über die immerhin etwas peinliche Szene fort. »Danke schön, gnädige Frau, daß Sie es erlauben. Dann muß Nora sich aber nun auch ganz fix anziehen; Pa, die Miß und der Professor kommen gleich.«

»Deine Mama ist entzückend,« sagte sie draußen zu Nora, als sie beide weit ausschritten, um die Vorangegangenen einzuholen. »Sie hat sich auch, während du dich fertig machtest, mit mir sehr eingehend über unsere Kinderhorte unterhalten und gemeint, daß sie versuchen wolle, dergleichen auch in Berlin einzurichten oder wenn es schon besteht, dich beitreten zu lassen.«

»Kinderhort? Was ist denn das?« fragte Nora neugierig.

»Das will ich dir gleich erklären. Bei uns tun sich die wohlhabenden Frauen und Mädchen zusammen, mieten hübsche, große Zimmer und laden in diese die Kinder jener armen Leute ein, die Geld verdienen und arbeiten müssen und sich um ihre Kinder nicht viel kümmern können. Während die Eltern also auf der Arbeit sind, beschäftigen sich unsere Damen mit den Kindern. Mit den kleinen wird gespielt, die großen werden bei den Schulaufgaben beaufsichtigt und im Nähen und Flicken unterrichtet. Vier bis fünf junge Mädchen aus unseren Kreisen halten unter der Anleitung einer älteren Dame eine Klasse, in der achtzig bis hundert Kinder sind.«

»Schrecklich,« schauderte Nora zusammen. »Solche Arbeiterkinder sind doch unmanierlich, schmutzig und roh, denke ich.«

»Ach, das ist nicht so schlimm, wie du es dir vorstellst. Meine Schwestern hatten im Anfang freilich immer ein paar große Schwämme und viel Wasser nötig, um all die schmutzigen Finger und Näschen zu putzen, aber allmählich werden die Kinder selbst aufmerksam, schämen sich und halten gegenseitig und für sich Ordnung. Und das soll ja eigentlich ein Hauptzweck der Sache sein.«

»Und das tun deine Schwestern gern?«

»Aber gewiß. Ich werde es auch tun, wenn ich erst aus der Schule bin und ich freue mich schon darauf. Aber ich suche mir dann die ganz Kleinen aus, wenn sie auch am meisten Arbeit machen. Kleine Kinder sind doch süß – findest du nicht auch?«

»Ich kenne keine kleinen Kinder und keine großen,« sagte Nora mit einem traurigen Blick. »Ich war immer allein. Ich habe allein gelernt, allein gespielt, allein geweint! Darum bin ich wohl auch so schlecht und dumm geworden wie ich bin.«

»O du! Du bist doch nicht schlecht und dumm!« Hansi umarmte sie stürmisch in mitleidiger Zärtlichkeit. »Du bist ein liebes, liebes Ding – bloß ein bißchen sonderbar. Aber nun, da du wieder eine Mama hast, wird das alles anders und tausendmal besser werden. Sie sagt, daß du nun in eine Schule kämst mit andern Mädchen zusammen –«

»Ach, davor ängstige ich mich schrecklich. Sie werden alle anders sein als ich und ich werde mich nicht mit ihnen verstehen.«

»Aber warum denn nicht? Wir beide verstehen uns doch famos! Na ja, es gibt Meinungsverschiedenheiten, aber ich habe dich doch gut erzogen für den Umgang mit andern, selbst mit den schlimmsten Menschen. Unmanierlicher als ich kann kaum eine sein! Alles, was nach mir kommt, ist eine Erholung!«

Darüber lachten sie beide und neckten sich, und Hansi erzählte dann von ihrem ersten Spaziergang nach Großgmain, wie verdrießlich und ungezogen sie gewesen wäre, und daß sie sich dann vor des Professors ernsten, erstaunten Augen gelobt hätte, nie mehr launisch und unfreundlich zu sein, daß es aber doch recht schwer wäre, solche Gelübde zu halten. Und darüber vertieften sich die beiden Mädchen so in Selbstanklagen und Zerknirschung, daß Hansi auf einmal lachend ausrief: »Nein, solche Scheusale wie uns gibt es nicht wieder auf der Welt! Wir verdienen ja kaum, daß die Sonne uns noch bescheint! Aber sie tut's doch – Nora, es scheint noch ein gutes Haar an uns zu sein! Und den Weg sind wir dabei gelaufen wie die Wiesel! Da sind wir ja schon – ist das nicht Sepp?«

Richtig, da stand er wartend am Wege, mit vor Erregung purpurrotem Gesicht und strahlenden Augen, zog sein Hütchen, machte einen Kratzfuß und wies mit der Hand: »Dös is Muattas Häusel!«

Mitten in einem grünen, blühenden Grasgarten lag ein winziges, sauberes Häuschen mit zwei Fenstern und einer Türe, wie für Puppenleute angefertigt, alles so klein und niedlich und appetitlich. Das Mauerwerk weiß abgeputzt – das war Seppels Frühlingsarbeit gewesen –, die Fenster mit braunen Holzläden versehen, in die ein großes Herz als Guckloch eingeschnitten war. Als Eingang eine mit steifen, roten Tulpen bemalte Klapptüre, deren obere Hälfte ausgehakt war und den Einblick in einen sauberen, schmalen Hausflur bot. Unter dem einen Fenster stand ein Klapptischchen, dessen stützenden Fuß ein hölzerner buntbemalter Jägersmann bildete – Marieles Arbeit, wie Sepp stolz berichtete – und auf dem Fenstersimse Marktes Blumen: rosiger Geranium, Edelweiß und leuchtendrote Bergnelken, die sich fast bis zur Erde rankten.

Das alles sah so hübsch und malerisch und einladend aus, daß Hansi vor Entzücken jauchzte und auch Nora anerkennend mit dem Kopfe nickte und leise sagte: »Reizend wie ein Vogelbauer. Wenn nur jetzt auch nette, saubere Vögelchen darin säßen.«

Da tat sich schon die Haustüre auf und in ihr erschien eine ältere, dunkel gekleidete Frau, die sehr einfach und bescheiden, aber doch nicht wie eine gewöhnliche Bauersfrau aussah.

»Grüeß' Gott, ihr Herrschaften,« bewillkommte sie die Fremden und lud zum Nähertreten ein.

»Das ist die Spatzenmutter, grau und unscheinbar, aber ganz nett,« raunte Nora Hansi zu und diese schüttelte halb lachend, halb mißbilligend den Kopf.

»Nein, zum mindesten Lerchenmutter. Denk' mal, wie Sepp jodeln kann!«

»Hu ja, wenn du das mit einem Lerchentriller vergleichen willst! Ich finde es immer mehr rohrdommelhaft,« wehrte Nora ab, die sich mit Sepps Jodler eben so wenig befreunden konnte wie die Miß. »Ah, da ist aber ein Rotkehlchen, ein echtes. Sieh nur die großen, dunkeln Augen!«

In der niedrigen kleinen Stube, in die sie mittlerweile gekommen waren, stand Seppels Schwester, die Malerin, von der er immer mit strahlendem Blick erzählt hatte, daß sie »so arg viel Schenie habe und wie ein Madönnle ausschaue.«

Sie stand da auf eine Krücke gelehnt und sah aus einem feinen, lieblichen, von tiefen dunkeln Scheiteln umrahmten Gesichtchen verlegen lächelnd und groß und fragend auf die fremden Leute.

Der Professor, Mister Wildes, und Hansi waren schnell heimisch im kleinen Stübchen, während die Miß und Nora trotz allen guten Willens nicht recht wußten, was sie mit den Leuten reden und anfangen sollten.

Aber das fiel nicht weiter auf, da die drei andern es so gut verstanden, Vertrauen zu gewinnen und die Zungen und Herzen zu lösen.

Das Mariele hinkte wie ein lahmes Vögelchen durch das Zimmer und ins Nebenkämmerle, um verschämt und doch glücklich lächelnd seine kleinen Kunstwerke vorzuzeigen, und die Mutter und Sepp lösten sich ab im Erzählen, welch eine Gottesgnade es sei, daß das Mariele so fleißig und geschickt wäre und mit der Malerei mehr verdiene, als wenn der Himmel ihr gesunde Beine geschenkt hätte und sie draußen herumlaufen und in Haus und Feld schaffen könne.

Die Mutter seufzte leise, wischte sich die Augen und sprach davon, daß der Vater zu früh heimgegangen, aber sie hätte wenigstens keine Sorge um die Wohnung, dies sei das Witwenhäusle und der Grasgarten, sowie ein Acker Kartoffeln gehöre dazu. Im Sommer verdiene sie durch die Besorgung der Wäsche für die Reichenhaller Kurgäste ihren Unterhalt und 's Mariele hülfe mit der Malerei. Im Winter freilich sei es oft bös, aber der liebe Gott helfe immer wieder und wenn der Sepp erst größer wär' und tüchtig arbeiten könnte, würde es wohl besser gehen. Der Bub' wär' nur närrisch aufs Lernen und Studieren, wollt' wie der Vater Schullehrer werden, aber daran sei nicht zu denken, er müßt's schon mit den Armen machen, mit dem Kopf ging's nicht.

Mittlerweile sah der Professor sich Marieles Sachen von allen Seiten an, fragte und prüfte, nickte, lobte, fragte wieder und ließ die kleine Malerin, deren Gesichtchen glühte und deren große, dunkle Rotkehlchenaugen wie Sonnen glänzten, immer mehr herbeiholen und vorkramen.

»Und alles hast du allein ausgedacht und gezeichnet?«

»Freili', freili', wer sollt' mir helfe'?« nickte das Mariele lächelnd.

»Hast du denn nicht Modelle und Bilder und Bücher gehabt?«

»Ja, dös schon, manchmal so a Blättle aus 'm Schurnal. Aber sonst hab' i' allweil 'nausguckt auf d' Wiesen un' in d' Bergli. Da blüht und wachst's gar so wunderschön, daß man's g'rad nur nachz'machen braucht. Freili', manchmal will's nimmer richtig werd'n!«

Die glänzenden Augen verdunkelten sich bei den letzten Worten, und der Professor strich freundlich über das glatte, dunkle Köpfchen: »Ja, Mariele, das muß man lernen, da muß man studieren, dann wird es schon. Möchtest du nicht eine Schule besuchen, in der man solche Dinge sein ordentlich studiert?«

»Ei freili' – ach, wie gern!« seufzte das Mariele und die Mutter nickte mit dem Kopf.

»Ja, ja, das hat schon mal ein Herr Maler g'sagt, der hierherum g'pinselt und Marieles Sachen g'sehen hat, sie müßt' nach München und da was Tücht'ges lernen. Aber dazu langt's nimmer. Und wo sollt' auch der Sepp bleibe'?«

Herr Wildes und die Miß hatten mittlerweile allerlei ausgesucht, was sie dem Mariele abkauften und dann bestellte Herr Wildes noch sechs Stühle und einen mit Blumen bemalten Bauerntisch, und Sepps Familie strahlte vor Glück und Dankbarkeit und wünschte den Fremden alles Gute, als diese endlich wieder abzogen.

Hansi war in großer Aufregung als sie wieder den Heimweg antraten.

»Pa, hast du auch ordentlich gekauft? Pa, kann man nicht für das Mariele etwas tun? Willst du es nicht nach München schicken, daß es etwas Ordentliches lernt?«

Herr Wildes lachte. »Das schickt sich nicht so leicht, Brauseköpfchen. Was denkst du dir denn? In Amerika sitzt eine große Familie, die dein Vater versorgen und erhalten muß, und dann soll er hier in Europa auch noch die Verantwortung für eine zweite Familie übernehmen? So groß ist der Geldbeutel nicht geraten und so verpflichtet bin ich den Leuten gegenüber auch nicht. Ja, wenn der Sepp statt der Lissie die Hansi vor dem Unwetter gerettet hätte, dann müßt' ich schon tief in den Beutel greifen. Aber die Hansi war merkwürdigerweise mal klug genug, im Trockenen und Sicheren zu bleiben.«

Er schmunzelte vergnügt vor sich hin und Hansi rief natürlich sogleich: »Ach, wie schade – wenn ich das gewußt hätte, wäre ich auch ins nasse Gras gegangen!«

»Jawohl, da hätte ich mein Töchterchen aber selbst herausgeholt und zwar mit besonderer Herzlichkeit,« lachte der Vater und Hansi konnte sich ungefähr ausmalen, daß diese Herzlichkeit nicht sehr zu ihrem Vorteil ausgefallen wäre. Sie seufzte und sah nachdenklich vor sich hin.

Der Professor machte auch ein nachdenkliches Gesicht. »Mich interessiert das kleine lahme Mädchen sehr. Erstens von meinem ärztlichen Standpunkt aus. Nach allem, was ich von der Mutter und ihr erfragt habe, kommt mir das Hüftleiden gar nicht unheilbar vor. Man müßte das Kind nur unter fester Behandlung haben. Und dann ist da ein großes ausgesprochenes Talent für das Kunstgewerbe, vielleicht sogar für mehr. Die Mutter ist eine saubere, anständige Frau, die man ganz gut um sich leiden könnte. Ich muß mir mal die Sache überlegen –«

»Ach, Herr Professor, Sie sind ein Engel! Sie nehmen die Mutter und das Mariele zu sich. Die Mutter führt Ihnen die Wirtschaft und das Mariele kurieren Sie und machen eine Künstlerin aus ihm. Das wäre himmlisch,« rief Hansi begeistert aus.

»Jawohl. Hast du nicht noch ein paar Familien, die du bei dem Herrn Professor unterbringen kannst?« lachte Herr Wildes.

Auch der Professor lächelte, aber er nickte doch. »Sie hat es gar nicht so unrichtig getroffen. Gerade daran habe ich auch gedacht, daß die saubere, bescheidene Frau sich gut zur Wirtschafterin für mich eignen würde. Natürlich ist das nur eine ganz flüchtige Idee, aber immerhin lasse ich die beiden nicht aus den Augen. Nur wüßte ich nicht, was man mit dem Sepp machen sollte?«

»Den nehmen Sie auch mit und lassen ihn studieren,« entschied Hansi mit strahlender Zufriedenheit.

»Ja, und kaufen ihm ein Palais und seiner Familie ein Sommerhaus mit Park und halten allen Equipagen und Dienerschaft. Mein Töchterchen wird Ihnen schon noch weitere Vorschläge machen,« lachte Herr Wildes, und nun wurde Hansi von allen Seiten geneckt mit ihrem ausgeprägten Sinn für Wohltätigkeit auf Kosten anderer Leute.

Sie schmollte. »Wenn ich nur wüßte, wie ich es selbst besorgen könnte, für meinen Sepp wohltätig zu sein, dann wollte ich schon gern ein Opfer bringen.«

Sie hatte gar keinen Begriff davon, was es heiße, ein Opfer bringen. Sie sagte es leichtherzig und in fester Überzeugung von ihrem guten Willen hin, aber eigentlich dachte sie sich dabei gar nichts.

Aber der Himmel nimmt uns manchmal beim Wort, wenn wir es am wenigsten denken und läßt uns einlösen, was wir unbesonnen und unbedacht ihm versprochen.

Das sollte Hansi zu ihrem Schaden und zu Sepps Nutzen noch in ihrem Reichenhaller Aufenthalt erfahren.

Vorläufig genoß man das schöne Wetter und die angenehme Gemeinsamkeit so viel wie möglich mit Partien und Ausflügen, bei denen Sepp meistenteils dabei war und gute Dienste leistete. Aber zu einem weiteren Interesse und zum nochmaligen Besuch seiner Familie kam man dabei nicht, da die Tage immer anders ausgefüllt waren.

Hansi und Nora hatten vormittags gemeinsam Stunden bei Miß Holymat, die sich freundlich erboten hatte, die kleine Deutsche als zweite Schülerin anzunehmen, und am Nachmittage ging es ins Freie, täglich auf eine andere Tour.

Nur der Professor wanderte öfters in der Morgenfrühe nach Großgmain, trank dort bei der Schullehrerswitwe seine Milch und studierte die Leute und ihre Verhältnisse und Sitten. Aber er sprach nicht darüber, sondern ließ seine Entschlüsse und Absichten schweigend und vorsichtig reifen.

Dabei nahte dann allmählich für alle die Zeit der Abreise.

Herrn von Langstratens Urlaub ging zu Ende und Mister Wildes, der mit dem Erfolge seiner Reichenhaller Kur sehr zufrieden war, dachte gleichfalls an die Heimkehr.

Zum Schluß hatten die drei Herren noch eine gemeinsame größere Tour auf den höchsten der Reichenhall umschließenden Berge, auf den Zwiesel, verabredet, von der die Damen und Kinder aber ausgeschlossen blieben, da sie für diese zu ermüdend sein sollte.

Hansis Bitten und Quälen um Mitnahme half nichts.

»Kleine Mädchen sind unbequem, hindernde Anhängsel bei solchen Unternehmungen,« sagte Herr Wildes und trotzdem Sepp sich bereit erklärte, das Fräulein zu tragen, wenn es müde würde, blieb der Vater fest und Hansi mußte sich dareinfinden, unten im Tale zurückzubleiben.

Als Entschädigung versprach Frau von Langstraten am Nachmittage mit den beiden Mädchen einen Ausflug nach Hall-* turm zu unternehmen, den die Miß leider nicht mitmachen konnte, da sie alte Freunde aus Schottland aufsuchen wollte, die nur einige Tage auf der Durchreise in Reichenhall weilten.

Hansi sollte Langstratens zur bestimmten Zeit auf dem Bahnhofe treffen und so begleitete sie am Nachmittage erst ihre liebe Miß zu der Villa, in der jene Freunde abgestiegen waren und schlenderte dann langsam und ein bißchen verdrießlich, mit der Hälfte ihres Denkens und Sinnens immer oben auf dem Zwiesel, dem Bahnhofe zu.

Langstratens waren nirgend zu sehen; auch auf dem Wege, der von ihrer Villa nach der Bahn führte, kein Schimmer von ihnen, und da läutete der Schaffner schon den Zug ab.

Was sollte Hansi nun tun?

Vielleicht waren sie schon mit dem Zuge vorher gefahren, vielleicht auch saßen sie schon im Coupe und warteten auf sie, die sehr spät gekommen war.

Da – der Schaffner winkte ihr. Wenn sie mitwollte, mußte sie schnell einsteigen.

Aber wenn Langstratens nun weder dort noch im Zuge waren?

Ach was, sie probierte es! Wenn nicht anders, unternahm sie den Ausflug allein.

Das war ein Gedanke! Ganz allein in die Welt hinausfahren – Hurra! Sie kam sich vor wie Kolumbus, als er ausfuhr, Amerika zu entdecken.

Schnell hinein ins Coupé!

Es war gerade der letzte Augenblick gewesen. Zur Überlegung blieb keine Zeit – der Zug setzte sich schon in Bewegung.

Nun fing ihr doch das Herz an zu klopfen. Sie hatte entschieden etwas Unerlaubtes getan. Wenn Langstratens nicht im Zuge und nicht in Hallturm waren, mußte sie eigentlich gleich wieder zurückfahren.

Ja, vorläufig war nichts zu machen, vorläufig fuhr sie eben in die Welt hinein.

Was war denn auch Schlimmes daran? In New York fuhr sie täglich ganz allein einen weiten Weg nach der Schule.

Die Miß würde freilich schelten, wenn sie es erfuhr und Pa – ach, bis der zurückkam, war sie längst wieder daheim – sie blieb natürlich nicht lange. Und eigentlich war es doch himmlisch, so ein bißchen herumzuvagabundieren, himmlisch!

Ach, wenn Langstratens nicht in Hallturm waren – sie blieb doch ein Weilchen dort. Sie hatte sich schon immer gewünscht, noch einmal nach dem Hintersberg zu gehen und nun so wie ein erwachsener Mensch, ganz allein und wie sie wollte, das war zu entzückend! Beinahe so schön wie die verlorene Zwieselpartie!

Natürlich war von Langstratens weder im Zuge noch in Hallturm etwas zu sehen. Aber Hansi fühlte darüber kein Bedauern. Sie war so hingerissen von der Wonne, als eigene Herrin auf Reisen zu sein, daß darin alle andern Gedanken und Überlegungen untergingen. Großartig bestellte sie sich im Gasthause Kaffee, aß und trank mit Behagen und machte sich dann seelenvergnügt auf die Wanderung nach dem Hintersberge.

Noch nie war ihr der Wald so schön vorgekommen wie heute, so still, so sonnig und duftig und so voller lieblicher Wunder. Eichkätzchen, mit blanken, neugierigen Augen und langen buschigen Schwänzen, huschten über den Weg, große Schmetterlinge schaukelten sich im weichen Fluge, der Specht hämmerte an den Bäumen, die Ameisen schleppten Riesenlasten und kleine, schwarzäugige Vögel blickten zutraulich und neugierig auf die einsame, stillvergnügte Wanderin.

Die sang lustige Lieder vor sich hin und jodelte, pflückte Blumen, jagte den Schmetterlingen nach und setzte sich ins Moos, um den grüngoldenen Laufkäfer zu beobachten, der mit einer großen, grauen Spinne anscheinend in Streit geraten war. Dann lag da am Wege ein riesiger Ameisenhaufen, um den herum geschäftiges Leben und Treiben herrschte. Lange Züge großer schwarzer Ameisen rückten kolonnenweise, ganz genau in Reih' und Glied von einer Seite an – ob sie auf dem Kriegspfade waren? O weh, eine dicke, graue Maus, von irgend einem heimlichen Feinde aufgejagt, stürzte sich blind und besinnungslos zwischen die geraden Reihen der Marschierenden, brachte diese in Unordnung und bereitete der eifrigen Beobachterin einen heftigen Schreck.

Sie sprang mit der verstörten Maus zusammen in ein Brombeergebüsch und blieb in diesem, von unzähligen kleinen Stacheln festgehalten, hängen, während das glatte, weiche Pelzchen des Störenfrieds ganz ungehindert durchschlüpfte und dieser im Nu verschwunden war.

Während Hansi sich mit Mühe befreite, sah sie unwillkürlich zum Himmel auf und erschrak. Die Sonne wanderte schon rüstig abwärts, ihrem rosigen Himmelbett zu. Bei all dem Beobachten und Schauen war die Zeit hingegangen wie im Fluge, sie mußte sich jetzt beeilen, wenn sie noch von der Höhe einen schönen Ausblick haben und den vorletzten Zug erreichen wollte.

Mit raschen Schritten ging sie nun den bekannten Weg entlang und stand bald oben auf der ersehnten Aussichtsplatte.

Es war derselbe herrliche Blick, den sie das erstemal genossen hatte, nur noch greller und purpurner stammten die Bergspitzen des Watzmann, Hochkalter und der übergossenen Alp auf, während unten im Tale schon tiefschwarze Schatten lagerten.

Entzückt lehnte sich Hansi an das Holzgeländer, das dem Publikum Schutz bot gegen den hier schräg abfallenden Felsenhang. Aber Zeit und Wetter hatten gerade an dem Punkt, gegen den sie sich stützte, irgend einen der Holzstämme gelockert und mürbe gemacht, mit scharfem Krach löste er sich unter dem festen Druck des jungen, kräftigen Körpers, der dadurch das Gleichgewicht verlor, wankte und hinter dem zerbrochenen Geländer in die Tiefe rutschte. Nicht sehr lange und nicht sehr hart fiel sie, denn eine große, feste Baumwurzel schob sich ihr in den Weg und hielt sie vorsorglich in ihrer unfreiwilligen Rutschpartie auf.

Verwirrt und betäubt, von nachrollender, lehmiger Erde überschüttet, mit schmutzigen, geschundenen Händen und zusammengerütteltem Kopfe blieb Hansi eine Sekunde lang still liegen. Dann rückte sie sich vorsichtig zurecht, probierte erst die Festigkeit und Sicherheit ihres Rettungssitzes und tastete dann behutsam an sich herum. Gott sei Dank, es fehlten weder Arme noch Beine, nirgend klaffte eine Wunde, außer einer allgemeinen Schmutzigkeit waren keine Schäden an ihr zu entdecken. Dann hieß es nur geschickt aufstehen und vorsichtig wieder in die Höhe krabbeln.

O weh! es war doch nicht so glücklich abgegangen, wie sie gedacht hatte, auf dem rechten Fuß konnte sie nicht stehen; keine Möglichkeit. Bei dem leisesten Versuch dazu schmerzte er so entsetzlich, daß sie laut aufschreien mußte; an Gehen war gar nicht zu denken. Mühsam, die Hände mit zu Hilfe nehmend, kroch sie ein Stückchen weiter, gerade nur dicht daneben, auf eine Art Erdvorsprung, wo sie sicherer und bequemer saß, als auf der harten, knorrigen Wurzel.

So, da saß sie nun und hatte Zeit zum Überblicken und Überlegen ihrer Lage. Sehr trostreich und erfreulich war diese nicht. Was sollte nur aus ihr werden, wenn sich nicht noch ein Mensch hierher verirrte?

Ah, da unten im Tale ging eine Gesellschaft, die mußte sie auf sich aufmerksam machen – schnell, ehe sie ihren Blicken entschwand. Wie gut, daß sie bei Sepp das Jodeln gelernt hatte! Mit lauter Stimme sandte sie einen Jodler nach dem andern ins Tal und hatte auch wirklich den Erfolg, daß die da unten hinaufschauten und lustig wieder jodelten. Sie schwenkte ihr Taschentuch, sie winkte mit den Händen und schrie dazu: »Hilfe, Hilfe!«

Der schwache Ruf drang nicht bis hinunter, aber das Taschentuchschwenken wurde flott erwidert. Dann zogen die Wanderer ruhig und ahnungslos weiter.

Nun begann Hansi doch etwas verzagt zu werden. Ihr Fuß schmerzte jetzt auch im Liegen und als sie Schuh und Strumpf auszog, sah sie, daß er schon ganz rot und dick angeschwollen war. Die Sonne hatte mittlerweile ihren letzten, roten Schleier von den Bergen zurückgezogen, kalt und grau lag der Watzmann, unheimlich weiß und fahl die übergossene Alp da. Die Dämmerung zog mit grauen Schatten über Berg und Tal, und am Himmel zeigte sich eine dicke Wand tiefdunkler Wolken.

In Hansis Herz stiegen lauter angstvolle, reumütige Gedanken auf. Alles, was heute nachmittag, als sie so unbesonnen und keck in den Zug sprang, hell, sorglos und erlaubt ausgesehen, hatte nun ein bitterernstes Gesicht angenommen und redete mit strenger, strafender Stimme auf sie ein. Ungehorsam und leichtsinnig war sie gewesen, nur ihrem Vergnügen und ihrem eigensinnigen Kopf folgend, ohne einen Gedanken daran, in welche Angst und Sorge sie ihre Angehörigen versetze und wie gröblich sie die Wünsche und Gebote ihres lieben, guten Pas verletze.

Ach, was für ein ungehorsames, leichtsinniges Geschöpf sie war, nicht eine Spur würdig all des Guten und Schönen, was ihr so reich zuteil geworden. Aber nun kam die Strafe. Sie kam recht und verdient, gewiß, aber sie konnte schrecklich hart werden, schrecklich! Wenn man sie nicht fände! Kein Mensch wußte, wo sie steckte!

Sie mußte durchaus versuchen, in die Höhe zu klettern, wenn nicht anders, auf allen vieren und wenn es noch so schmerzte!

Aber es ging nicht. Wimmernd sank sie wieder zurück – es ging nicht, jetzt, wo es schon anfing zu dunkeln, noch viel weniger als vorher.

Der Himmel hatte sich nun ganz schwarz bezogen, im Walde begann es heimlich zu wehen und zu rauschen, seltsame Laute, wie Klagen und Stöhnen, klangen auf. Es huschte und schlürfte, ein geheimnisvolles, schauerliches Leben und Weben begann. Hansi zitterte. Sie war sonst nicht furchtsam, aber Angst, Sorge und Schmerzen wirkten jetzt zusammen, um ihre Neroen in fieberhafte Aufregung zu versetzen.

Plötzlich fiel ihr des Professors Erzählung von Kaiser Karls Nachtzug ein. War das nicht Pferdegetrappel? Klang es nicht wie ferne Trompetenstöße? Die Eulen schrien – dort flimmerten ein paar Leuchtkäferchen im Gebüsch!

Wen Kaiser Karls Jagdzug traf, den nahm er mit in die Tiefe des Untersberges und hundert Jahre lang mußte er dort unten bleiben. Unsinn, das war ja alles nur eine Sage und existierte nicht! Aber sie zitterte und bebte doch, schloß krampfhaft die Augen und unter den geschlossenen Lidern rollten die Tränen lautlos und eilig über die blassen, kalten Wangen.

So verging nach ihrer Ansicht eine halbe Ewigkeit, als sie plötzlich aufschrak. Hatte nicht jemand ihren Namen gerufen? Ganz leise und sein tönte es aus der Ferne herüber. Sicher, man suchte sie, man rief nach ihr.

Sie legte die Hände an den Mund und rief so laut sie konnte: »Pa – Sepp, hier bin ich!«

Denn Sepp war dabei, das wußte sie ganz gewiß; Sepp war nun einmal der angestellte Rettungsengel, ganz gleich ob für verlaufene Katzen oder für ungezogene, abgestürzte Mädel!

Dabei lachte sie schon wieder heimlich vor sich hin. Ach, das zentnerschwere Herz war ihr nun ganz leicht, denn jetzt hörte sie ganz deutlich ihren Namen rufen und erkannte richtig Seppels Stimme. Jubelnd rief sie Antwort: »Hier, hier, unter dem zerbrochenen Geländer!«

Nun polterte und krabbelte es über ihr. Steinchen rollten und Erdbröckchen fielen ihr verheißungsvoll auf Kopf und Schoß. Nur zu, sie brachten Rettung; Seppels kräftige Stiefel schickten sie als erste Grüße!

Und da erschien auch schon seine Gestalt. Trotz der Dunkelheit erkannte sie ihn. Ach, wie dankbar sie dem guten Jungen war, wie lieb sie ihn hatte!

Ein Streichhölzchen flackerte auf und leuchtete in die Tiefe, auf Hansis Ruhesitz herunter und zugleich tönte Seppels Stimme im höchsten Erstaunen: »Jesses Maria, Fräulein Hansi, warum sitzen's denn hier in die Kält' und Dunkelheit und kehr'n nimmer heim?«

»Dummer Bub'!« sagte Hansi halb lachend, halb kläglich, »als wenn ich hier zum Vergnügen säße und mit den Nachteulen Freundschaft schlösse! Heruntergepurzelt bin ich und habe mir dabei den Fuß verstaucht. Gott sei Dank, daß du jetzt da bist. Komm nur ein bißchen vorsichtig herunter, daß du nicht noch am Ende auf mich fällst! Ah – so, stehst du auch fest?«

»Dös wollt' i meinen! Nehmen S' nur meine Hand und stehn S' auf!«

»Ja, vielleicht kann ich vorwärtshinken, wenn ich mich auf dich stütze!«

Aber es ging nicht, aufstöhnend sank Hansi wieder zurück. Die Schmerzen waren zu groß und auf dem steinigen, abfallenden Boden war jede Fortbewegung unmöglich.

»Was machen wir nur Sepp?« fragte Hansi verzweifelt.

Sepp rieb sich nachdenklich die Nase. »Ja, dann müssen S' halt noch a Sekundle stillsitze und warte. I will flink 'nunterlaufen nach Hallturm und Hilf' holen. Anders wird's wohl nimmer gehn!«

Das sah Hansi auch seufzend ein, trotzdem es ihr nicht gerade ein angenehmer Gedanke war, noch länger hier einsam in der Dunkelheit warten zu müssen.

»Geh nur, aber flink, Seppe!!«

»Ei, freili', i will springe' wie a Gamsbock,« beteuerte Sepp und ließ seinen Worten gleich die Tat folgen, indem er mit ein paar kräftigen Sätzen, denen wieder ein anmutiger Geröllregen folgte, die Anhöhe erkletterte und in der Dunkelheit verschwand.

Seufzend lehnte Hansi sich zurück, schüttelte Sepps Abschiedsgrüße von ihren Kleidern und hatte dann wieder Muße, über ihre Tat und deren Folgen nachzudenken. Sie hatte in der Eile und Aufregung gar nicht gefragt, wie Sepp auf ihre Spur geraten und ob er von Pa geschickt sei. Aber natürlich, er war ja mit diesem auf der Zwieselvartie gewesen! Was der arme Pa nur gesagt haben mochte?

Wie Reue und Gewissensbisse sie quälten! Und dazu wurde der Himmel immer dunkler, Blitze zuckten und der Nachtwind wehte schärfer. Wenn jetzt noch ein Gewitter käme und so ein Regen wie neulich! Dann würde sie einfach weggeschwemmt, ehe Sepp wiederkäme, irgendwo hinunter ins Tal, wo kein Mensch sie fände. Ach, wie schrecklich, wie schrecklich! Sie war ja ungehorsam und leichtsinnig gewesen, aber eine so schwere Strafe hatte sie doch nicht verdient!

Ach, Gott sei Dank! – sie hörte Stimmen und Schritte, Seppe! kam, Seppe! brachte Hilfe – ihr guter, guter, lieber Sepp, da war er, in Begleitung eines großen, kräftigen Mannes. Nun war sie gerettet, nun wurde alles gut.

Der von Sepp mitgebrachte Bauer hob die vor Frost und Aufregung zitternde Kleine auf seine starken Arme und schritt mit der nicht ganz leichten Last auf dem steinigen, wurzeldurchzogenen Boden behutsam hinunter ins Tal, während Sepp mit flinken Beinen vorauseilte an die Station, um erst einmal nach Reichenhall zu telegraphieren, daß die Verlorene gefunden sei.

Bei allem Unglück hatte Hansi aber doch noch Glück. Als ihr Träger fast schon den Bahnhof erreicht hatte, begannen große Tropfen zu fallen und sie waren kaum in dem kleinen Wartehäuschen, als ein entsetzliches Unwetter losbrach. Blitze zuckten und beleuchteten die Gegend blendend hell, statt des Schnürlregens fielen prasselnde Hagelkörner und in den Bergen rollten die Donnerschläge dumpf und grollend, als ob die ganze Natur in dröhnenden Worten ihrem Zorn Ausdruck gäbe.

Als der Aufruhr der empörten Elemente ein wenig nachließ, kam gerade der Zug von Berchtesgaden an. Hansi nahm ihren starken Helfer, der sich nun, nachdem er sie in das Coupé gehoben hatte, verabschieden wollte, mit nach Reichenhall. Papa mußte dem Mann, der seine Tochter aus so schrecklicher Lage befreit hatte, doch noch anders und ausdrücklicher danken, wie sie es konnte, deren letztes Geld gerade für das Bahnbillett ihres Trägers aufging.

Im Coupé ließ Hansi sich dann von Sepp erzählen, wie er dazu gekommen sei, auf Suche nach ihr zu gehen.

Als die drei Herren mit Sepp von der Zwiefelpartie zurückkehrten, trafen sie vor der Langstratenschen Villa Nora und diese erzählte, daß Mama nach Tisch heftige Migräne bekommen und gleich einen Boten an Hansi geschickt habe, daß aus dem Ausfluge nach Hallturm nichts werden könne. Sie selbst hätte zum Kaffee hinübergehen wollen, um mit Hansi einen kleinen Spaziergang zu machen, aber dann habe sie gleich, nachdem Mama das Briefchen hinübergeschickt, die Miß mit Hansi vorbeigehen sehen und vermutet, daß die beiden Damen mit den schottischen Freunden eine andere Partie vorhätten.

Als nun Herr Wildes in sein Hotel gekommen wäre, hätte da die Miß gestanden und gewartet, daß ihr Zögling von seinem Nachmittagsausfluge heimkehre. Das hätte einen schönen Schreck gegeben – na, 's Fräulein könne sich das denken!

Hanst nickte. »Ja, ja, Sepp – aber wie war denn das möglich? Wir hatten doch gar keinen Brief von Langstratens bekommen!« Nein, den hätte der Herr Purtje erst gebracht, als Herr Wildes angstvoll im Hotel über den Verbleib seines Kindes nachfragte. Die Damen wären schon fort gewesen als Frau von Langstraten herüberschickte und so sei das Briefchen liegen geblieben.

Ja, und nun hätt' kein Mensch gewußt, wo das Fräulein stecke und der Herr Papa und der Herr Professor, die Miß und das ganze Hotel wären in der größten Aufregung und Ratlosigkeit gewesen, und die Miß hätte immer gejammert, daß das Fräulein gewiß in die Wasserbecken der Gradierhäuser gefallen wäre. Hierzu grinste Sepp mit dem ganzen Gesicht und setzte verschmitzt hinzu: »Wie's Katzerl! Aber da hab' i mi b'sonnen und hab' g'schrien: i hab's! Nach Hallturm is s' g'fahren, da werd'n wir's finden!«

»Aber, Sepp, du schlaues Huhn, wie bist du denn darauf gekommen?«

»Ei, weil's doch na Hallturm hat gehn soll'n, und weil's Fräulein all'weil g'sagt hat, daß's noch mal na 'm Hintersberg möcht'! Z'erst hat der gnä'ge Herr d'n Kopf 'schüttelt un g'meint, daß's Fräulein Hansi wüßt', daß's nit allein mit die Bahn fahr'n dürft', und daß's nit ung'horsam sein würd' –«

»Ach, der gute Pa! Und nun bin ich doch ungehorsam gewesen,« seufzte Hansi reuevoll.

»Ja, aber naher hat 'r g'meint, 's könnt' doch sein und i sollt' mei Glück versuch'n. Un g'rad ging an Zug ab – na, und da hab' i's g'troff'n!«

»Du armer Junge, du bist gewiß furchtbar müde! Erst die große Bergtour und dann hinterher noch diese Hetzjagd! Ach, wie viel Sorge und Mühe ich euch allen gemacht habe!«

»O, dös macht nix. I kann schon a bisserl mehr aushalt 'n,« lachte Sepp stolz und vergnügt. »I hätt' die ganze Nacht 'sucht, bis i 's Fräulein g'fund'n hätt'!«

Dankbar drückte Hansi ihm die Hand und dann fing ihr Herz an heftig zu schlagen und sie zitterte vor Aufregung und Bangigkeit, denn eben fuhr der Zug in den Reichenhaller Bahnhof ein und da auf dem Bahnsteig stand ihr Pa, ihr lieber, armer Pa und die Miß und der Professor und Nora –

Lachend und weinend hing Hansi am Halse ihres Vaters, drückte rechts und links die sich ihr entgegenstreckenden Hände und sah dabei so fieberhaft erhitzt und erregt aus, daß Herr Wildes ihr vorläufig jedes Wort der Erklärung und Reue verbot, sie nur eilig in den bereitstehenden Wagen packte und erst beruhigt aufatmete, als seine kleine Vagabundin glücklich im Bett lag und der Professor nach eingehender Untersuchung des geschwollenen Fußes nichts Schlimmeres als eine starke Verstauchung feststellte.

»Ach, lieber Pa – ach, lieber Herr Professor,« fing Hansi an und hielt beide an den Händen fest.

»Mund halten, sich aufs Ohr legen und erst einmal ausschlafen!« fiel der Professor ein. »Heute wird alle Sünde und Untat mit dem Mantel des Erbarmens zugedeckt. Morgen früh kann dann das Kopfwäschen und Standpaukehalten frisch und flott beginnen. Aber heute hat die kleine Herumtreiberin schon genug gebüßt, heute wird nur noch geschlafen und geschwitzt.«

Herr Wildes strich zärtlich über das heiße, in heimlichen Tränen zuckende Gesicht. »Sei nur ruhig, Liebling, dein alter Pa schlägt dich auch morgen nicht tot. Wir werden schon Gnade vor Recht ergehen lassen. Aber nur, wenn du jetzt ganz gehorsam bist und wie ein Murmeltier schläfst. Gute Nacht – kommen Sie, liebe Miß – Hansi darf kein Wort mehr reden.«

Trotz aller Aufregung schlief Hansi wirtlich wie ein Murmeltier bis tief in den nächsten Morgen hinein. Als sie endlich erwachte, fühlte sie sich vollkommen wohl und munter und wäre am liebsten gleich aufgestanden und spazieren gegangen.

Aber davon war gar keine Rede. Sie wurde kalt gestellt, wie sie mit etwas traurigem, gezwungenem Lächeln meinte, als man sie auf die Chaiselongue bettete und der verstauchte Fuß Eiskompressen erhielt.

Als sie wohl versorgt dalag, mußte sie dem Vater und Miß Holymat die Unternehmungen und Erlebnisse des gestrigen Nachmittags berichten. Sie tat das auch äußerst ausführlich und schilderte ihre Angst und Bedrängnis, als sie in der Dunkelheit mit dem verstauchten Fuß allein und hilflos dagelegen, so eindringlich und ergreifend, daß die gute, weichherzige Miß ihr gerührt die Wangen streichelte und bedauernd ausrief: »O, diese arme Kind! Uie schreckliche Abenteuer sie hat gemacht! O, Mister Uildes, sie hat gehabt viele Strafe von sich selbst. Sie ist eine junge Kind, uo hat nicht viele Bedachtsamkeit. Ich uill bitten für ihr, daß Sie nicht uollen sein sehr böse mit sie!«

Mister Wildes lächelte. »Na, na, als Wüterich haben Sie mich doch noch nicht kennen gelernt! Mach' nur kein so klägliches Gesicht, Maus – ich sagte ja schon gestern, daß ich Gnade vor Recht ergehen lassen will. Hoffentlich hast du dir eine Lehre aus der Geschichte gezogen, überlegst künftighin, was du tust und achtest die Verbote deiner Eltern und Erzieher.«

»Ach ja, liebster Pa, ich will ganz gewiß in Zukunft gehorsam sein und dir nicht wieder Angst und Kummer bereiten,« gelobte Hansi, während ihr die Tränen über das Gesicht liefen.

»Dann wollen wir das Unangenehme der Geschichte zwischen uns vergessen und begraben sein lassen und an etwas anderes denken, was damit zwar im Zusammenhange steht, aber doch freundlichere Seiten zeigt. Paß mal auf, Wildfang – was meinst du, daß wir nun mit deinem Lebensretter, mit Sepp machen?«

»Ach, Pa, liebster Pa –« Hansis Augen funkelten in freudiger Erregung, als sie ihren Vater ansah.

Der schmunzelte behaglich vor sich hin. »Ja, wenn meine wohltätige Tochter Opfer bringt für das Wohl ihres Schützlings, dann werde ich als guter Vater doch wohl diese Opfer praktisch einlösen müssen. Halt, halt, sei vorsichtig mit deiner stürmischen Dankbarkeit, du weißt ja noch gar nicht, wie weit ich gehen will und was noch von dir verlangt wird.«

»Von mir? Wieso? Soll ich noch einmal verloren gehen und mich von Sepp einsammeln lassen?« lachte Hansi mit unbeschwerter Seligkeit.

Aber der Papa machte nun ein ganz ernstes Gesicht. »Mein liebes Kind, scherzhaft war die Sache nach keiner Seite hin und scherzhaft sollst du sie auch nicht auffassen. Ich habe dir jede Strafe und jede harte Ermahnung geschenkt, ich bin auch nun bereit, die große Schuld der Dankbarkeit, die du Sepp gegenüber hast, abtragen zu helfen, aber ich bin durchaus nicht gewillt, das ganz allein aus meinen Mitteln zu tun, sondern verlange und erwarte, daß du deine Kraft mit dafür einsetzest. Du bist die Verpflichtete, du sollst und mußt auch dafür eintreten. Siehst du das ein?«

»Ja, Pa, ich sehe es ein,« sagte Hansi kleinlaut, »gewiß – aber wie? Ich habe doch nichts und kann nichts –«

Herr Wildes wiegte nachdenklich den Kopf. »Wo ein Wille, da ist auch ein Weg und ich bin bereit, dir zu helfen. Zuerst wollen wir einmal feststellen, was für Sepp getan werden soll. Ich gedenke hierüber mit dem Herrn Professor Rücksprache zu nehmen und ihn zu bitten, daß er meine Stelle als Adovtivvater bei Sepp einnimmt, wenn Sepps Mutter einwilligt, den Buben nach München zu geben, wo er dann auf unsere Kosten eine gute Schule besuchen und sich für den ersehnten Lehrerberuf vorbereiten soll. Ist dir das recht?«

»Ach, prachtvoll ist es, großartig, und der Herr Professor übernimmt es sicher, der ist so gut. Aber« – Hansi sah ängstlich zu ihrem Vater auf – »das kostet doch viel Geld und wo soll ich das herbekommen?«

»Ja, so viel wie das kostet, werden wir nun freilich wohl nicht aus so einem kleinen, unnützen Persönchen, wie die Hansi ist, herausschlagen können,« lächelte Herr Wildes. »Was meinst du denn, wieviel und womit du Beisteuer leisten kannst?«

Hansis Herz war sehr schwer. Sie fand die Sache nun auch gar nicht mehr scherzhaft, sondern nahm sie vollkommen ernst. Der Papa hatte recht. Einmal darauf aufmerksam gemacht, sah sie es ein, daß sie ihren Teil Dankbarkeit selbständig abtragen müsse. Das war Ehrensache und Herzenspflicht. Leicht würde es nicht sein, aber was sie tun konnte, das war sie bereit zu tun und mit praktischem, festem Sinn griff sie die Sache gleich an.

»Ich denke, Pa, daß ich mit der Hälfte meines Taschengeldes auch auskommen werde. Manche Mädchen in meinem Alter erhalten noch weniger, wie ich dann habe – es wird schon gehen. Wenn du so gut sein willst, das als Beisteuer zu nehmen?« –

Der Vater nickte. »Ja, ganz gut, es ist immer ein Anfang gemacht – aber wir werden mehr brauchen.«

»Ja, gewiß,« Hansi preßte angstvoll die Hände zusammen. »Aber – liebster Pa, könnte ich denn etwas verdienen?«

»Ich denke ja, wenn es dir Ernst mit dem Willen ist – «

»Ja, ja, vollständiger Ernst, sag' nur – hilf mir nur!«

»Du weißt, daß Mama mir jeden Abend eine Stunde vorliest, damit ich abends meine Augen schone, daß es Mama aber in letzter Zeit schwer wird –«

»Und das soll ich übernehmen, Pa? und du willst es mir anrechnen? Ach, du guter, lieber –«

»Halt, halt, das ist gar nicht so leicht. Du mußt deine Arbeiten und Vergnügungen danach einrichten, denn länger aufbleiben darfst du nicht.«

»Nein, nein, ich werde mich einrichten, du kannst dich darauf verlassen – und weiter?«

»Ja, Kind, überlege das wohl, es wird jahrelang dauern, und wenn der erste Sturm der Begeisterung vorüber und das Andenken halb verlöscht ist –«

»Nein, nein, Pa, ich fühle es schon jetzt ganz bestimmt, daß ich tausendmal mehr Freude an Sepps Unterstützung haben werde, wenn ich selbst Opfer dafür bringe und mir Pflichten auferlege. Sag' nur, weißt du noch mehr?«

»Ja, du kannst eine Stunde früher aufstehen und nach meinem Diktat Briefe schreiben. Es ist mir lieber, meine Tochter um mich zu haben, als Mister Horner, der das sonst besorgt. Aber freilich heißt es dann pünktlich und früh aus den Federn springen und das liebt meine Hansi nicht sehr.«

»Aber sie wird es tun, Pa, ganz gewiß, sie wird. Bitte, und weiter?«

Nun lachte Herr Wildes herzlich. »Ich denke, vorläufig ist es genug damit, sonst kann ich nur gleich mein gesamtes Geschäftspersonal entlassen, um deinen leidenschaftlichen Erwerbsinn zu befriedigen. Nein, Liebling, wenn du die jetzt angeführten Pflichten ordentlich und mit fröhlichem Herzen erfüllst, bin ich zufrieden und will meinesteils das übrige auch ordentlich und mit fröhlichem Herzen auf mein Konto nehmen. Abgemacht, die Sache kann in Angriff genommen werden!«

»Dank, tausend Dank, mein Herzenspa! Ich weiß schon, wie du es meinst und ich bin jetzt so froh, daß du mich auf den richtigen Weg geleitet hast und ich selbst etwas für meinen braven Sepp tun kann. Ich will ganz gewiß nicht müde und lässig werden, ich verspreche es dir fest in die Hand.«

Gleich darauf kam der Professor, sich nach dem Befinden seiner kleinen Patientin zu erkundigen. »Hm, hm, rotgeweinte Augen und ein bißchen Fieber! Hat das gestrige Unwetter noch etwas nachgegrollt? Hat es Standpauken und väterlichen Zorn geregnet?«

Hansi schmiegte sich an ihren Vater. »Darf ich es dem Herrn Professor sagen, Pa?«

Der nickte. »Ja, wir wollen es gleich mit ihm besprechen. Schütte nur dein Herz aus!«

»Was wird da für ein Unheil herauskommen,« lächelte der Professor. »Ich habe so eine schwache Ahnung, als wenn hinter dem Tränenregen eine große Freudensonne ausglimmt.«

»Richtig, Herr Professor.« Und nun stoß der Redestrom, daß Pa den Sepp studieren lassen wolle und ob der liebe, liebe Herr Professor sich des Buben in München annehmen wolle und was er meine, ob die Mutter es auch erlauben und sich von ihm trennen würde? Aber kein prahlendes Wort dabei von der eigenen Mitwirkung, das war ein Ding, das sie ganz für sich behielt, damit ritt sie nicht Parade.

Des Professors Gesicht wurde immer heller und vergnügter je länger er zuhörte. Als Hansi endlich Atem schöpfend schwieg, nickte er zufrieden mit dem Kopfe.

»Das hat der kleine Wildfang wirklich hübsch arrangiert mit seiner Durchbrennerei. Nun klappt und stimmt das alles wie in einem ordentlichen Theaterstück. Denn ich habe die ganze Zeit hindurch unsere Schützlingsfamilie studiert, habe alles Gute, was ich von den Leutchen erwartete, bestätigt gefunden und bin immer mehr zu dem Wunsch gekommen, die Frau Schulmeister und das Mariele mit mir nach München zu nehmen, die Mutter als Wirtschafterin, wie ich sie gerade brauche, das Mariele als Sonnenschein für mein ziemlich einsames Leben und zum Nutzen für das Kind selbst. Denn ich hoffe es zu einem gesunden, geraden Mädchen zu machen und nebenbei das schöne, in ihm schlummernde Talent zu fördernden Fortschritten auszubilden. Nur mit dem Sepp wußte ich nichts anzufangen –«

»Hurra, und nun ist der auch versorgt und kann mit nach München und behält sein Mutterle und 's Mariele –«

»Ja, und vor allen Dingen wird nun das Mutterle und 's Mariele einverstanden sein, mit nach München zu gehen,« nickte der Professor. »Daran hat es immer gehapert, wenn ich antippte mit meinen Plänen. Ja, es war' schon alles schön und recht, aber ohne den Sepp ging es nicht, ohne den Sepp gab' es keine Freude und keine Gesundheit und keine Heimat –«

»Und nun können sie alles haben. Ach, lieber Herr Professor, liebster Pa, ich bin so glücklich und dankbar!«

»Ja, ja, für so etwas lohnt es schon, sich das Füßchen zu verstauchen, nicht? Aber das Stilliegen wird doch nun doppelt schwer werden, wo Sie gern nach Großgmain stiegen möchten, um das Füllhorn der Glücksgaben auszuschütten?«

»Darf ich das? Soll ich das tun?«

»Aber, natürlich, wer denn sonst? Sie sind doch die Hauptunternehmerin. Ich rücke auch mit meinen Vorschlägen nicht eher heraus, bis Sie sich mit mir vereinigen können. Dann prasseln wir mit der ganzen Überraschung in das Schulmeisterhäusel.«

»Ja, ja, himmlisch! Ach, Sie lieber, guter Herr Professor! Dann will ich auch ganz artig sein und stilliegen, damit ich bald wieder flott bin. Die paar Tage werden schon vorübergehen bei all den hübschen, frohen Gedanken!«

Das taten sie auch, besonders durch die Hilfe Noras, die froh war, jetzt noch hier zu sein und der leidenden Freundin soviel wie möglich Gesellschaft leisten zu können. Sie hatte eine so hübsche bestimmte und ruhige Art und Weise, Hansis Ungeduld in Schranken zu halten, ihr die Zeit zu vertreiben, sie zwischendurch zu einer kleinen, nützlichen Beschäftigung zu zwingen, sie irgend eine Geschicklichkeit in Handarbeiten zu lehren, daß Miß Holymat gar nicht herauskam aus dem Entzücken über diese junge Lady »mit die gute Haltung und das außerordentliche Benehmen«.

Die junge Lady schüttelte hinter ihr den Kopf und sagte zu Hansi: »Deine Miß ist wirklich sehr lieb und nett, besonders zu mir, aber, weißt du, ihr Deutsch kann einen Deutschen ganz elend machen. Warum spricht sie denn nicht wenigstens mit euch englisch? Das wäre doch wirklich bequemer und genußreicher für beide Teile.«

»Es ist nur gut, daß die Miß dich nicht hört,« lachte Hansi, »dann würde ihre gute Meinung über die außerordentliche junge Lady einen starken Stoß bekommen. Sie ist so grenzenlos stolz auf ihre vollkommene Beherrschung der deutschen Sprache, und hat Pa ja nur den Gefallen getan, uns zu begleiten, weil sie dabei Gelegenheit hatte, diese auszuüben. Für jedes englische Wort, das ihr im Eifer der Empfindung entschlüpft, hat sie eine heimliche, mit äußerster Strenge geführte Strafkasse.«

»Die sollte sie lieber für jeden falschen deutschen Artikel und jedes entstellte deutsche Wort haben, dann könnten sich diejenigen freuen, denen die Strafkasse zunutze kommen soll.«

»Ach, das findest du nur, weil du immer so für das Korrekte bist. Mir gefällt es gerade sehr gut, wenn sie das »w« so weich und breiig zerdrückt und sich kühn ihre eigene Satzbildung baut, es klingt so drollig. Übrigens weißt du, wem die Strafkasse zugute kommen soll?

»Wahrscheinlich ihrer eigensinnigen Lissie, die dafür ein Gericht Katzfische bekommt.«

»O, du böses Mädchen, du kannst Lissie nur nicht leiden, weil sie dir neulich mit ihren niedlichen Krällchen die Spitzen vom Kleide gerissen hat! Na ja, das war nicht angenehm, aber Katzen vertragen sich nun einmal nicht mit Spitzen! Nein, denk' mal, die Strafkasse soll auch für Sepp verwendet werden. Die gute Miß wird ihm auch ewig dankbar bleiben für die damalige Rettung von Lissie und da will sie nun immer für ihn sammeln und das gesammelte Geld an Pa geben. Ist das nicht reizend?«

»Ja – aber sie wird doch hoffentlich nicht ihr Leben lang, auch in Amerika, immer schlechtes Deutsch sprechen?«

»Ach, du! Nein, natürlich nicht; das soll auch nur der Grundstock sein. Nachher werden wir beide, sie und ich, keinen Zucker mehr in Tee und Kaffee nehmen und auch keinen Kuchen mehr essen. Das wäre viel gesünder, sagt die Miß, und damit könnten wir ein schönes Stück Geld sparen.«

»Keinen Kuchen mehr essen?« Nora aß leidenschaftlich gern Kuchen. Ihr Gesicht bekam bei dem Gedanken an solche Entsagung einen ganz schmerzlichen Ausdruck. »Aber wenn nun welcher im Hause ist? Deine Mama wird doch manchmal backen – im Stift wurde jeden Sonnabend Kuchen gebacken und wenn ich da nicht gegessen hätte, wäre es doch keine Ersparnis gewesen.«

»Ja, das ist bei euch im Stift so. Bei uns wird niemals im Hause gebacken, und deine Mama wird das auch nicht tun.«

»Ach, das möchte ich aber doch wünschen – zu den Festtagen tut sie es sicher. Und ich glaube auch wirklich nicht, daß eine Person daran viel ersparen kann; nein, den Gedanken halte ich für unpraktisch.«

»So? Woran würdest du denn sparen, du praktisches Mädchen?« fragte Hansi ärgerlich und etwas spöttisch.

Nora errötete. »O, du brauchst dich nicht zu mokieren, wenn es darauf ankäme, würde ich mir auch den Kuchen versagen können. Aber ich glaube, daß ich mehr Gewinst hätte, wenn ich hübsche Handarbeiten machte und die zu verkaufen suchte. Ich glaube freilich, Geld verdienen ist sehr schwer.«

»Ja, das glaube ich auch. Siehst du, das Mariele ist uns weit voraus, das verdient Geld und der Professor sagt, künftig, wenn es erst etwas Tüchtiges gelernt hätte, würde es noch viel mehr verdienen. Und der Sepp wird dann späterhin auch verdienen und seine Mutter unterstützen können, wenn sie alt und schwach wird. Und dazu habe ich dann geholfen, Nora, denke nur, ist das nicht herrlich? Nein, nein, ich will gern Opfer dafür bringen, gern, und will es mir immer vorhalten, wenn es mir schwer fällt, daß so viel Gutes daraus entsteht!«

»Ja, du hast recht,« sagte Nora und küßte die Freundin zärtlich, »ich sehe es jetzt auch ein, daß es eine große Freude ist, andern etwas Liebes zu tun und zu helfen und zu unterstützen. Ich habe auch schon mit Mama gesprochen, daß ich mich künftig an ihrer Armenpflege beteiligen und gar nicht mehr zimperlich und hochmütig sein will. Weißt du, sie lobt dich ebenso wie die Miß mich, und damit ich nun nicht nötig habe, eifersüchtig auf dich zu sein, will ich versuchen, dir ähnlich zu werden –«

»O, du liebes, süßes Geschöpf! Ach, Nora, ich möchte ja auch gern dir ähnlich werden in all deiner Feinheit und Zartheit und ich will mich auch wirklich bemühen, aber ich bin ein so wildes, ungebärdiges Ding – ich glaube, ich bringe es nie zustande. Aber weißt du, schreiben wollen wir uns immer und uns gegenseitig ermahnen und über unsere Fortschritte berichten und für unser Leben lang treue Freundinnen bleiben!«

Das wiederholten sie sich auch in der Abschiedsstunde, die leider nur zu bald schlug, noch ehe Hansis Fuß ganz wieder in Ordnung war und sie der Freundin das Abschiedsgeleit geben konnte.

Traurig saß sie in ihrem Stübchen und lugte aus dem Fenster hinaus nach dem Schienenstrang, auf dem der Zug gen München eilen sollte. Alle waren sie fort, der Pa, die Miß und der Professor, um Langstratens auf die Bahn zu bringen. Nur sie und Lissie saßen wie die Maus in der Falle und konnten sich nicht regen.

Lissie hatte es immerhin besser wie sie, die besaß wenigstens den freien Gebrauch ihrer Glieder, aber sie war ein kleiner, dicker Faulpelz geworden bei diesem Bade- und Hotelaufenthalt, der ihr viel zu viel gute Bissen und zu wenig Bewegung bot. Ein richtiger, fetter Weichling, der sich auf seidenen Kissen dehnte und nur manchmal mit den grünen, raublustigen Augen auffunkelte, wenn die Spatzen auf dem Fensterbrett sich gar zu laut um die ausgestreuten Bröcklein zankten.

Dann wäre sie gern bereit gewesen, Ordnung und Ruhe bei dem Proletariervolk zu stiften, indem sie es mit Haut und Federn vertilgt hätte. Aber die Spatzen waren auf diese Art der Friedensstiftung noch niemals liebevoll eingegangen.

Hansi lachte leise vor sich hin, als sie daran dachte, humpelte von ihrem Stuhl herunter, zauste Lissie ein bißchen am weißen Fell und seufzte dann ungeduldig vor sich hin.

Allein zu sein, war schrecklich! Niemand kümmerte sich um sie. Freilich, nur für ein halbes Stündchen, aber solange Nora dagewesen, war so etwas nie vorgekommen. Die nutzte jeden Augenblick aus, um ihr Gesellschaft zu leisten und die Zeit zu vertreiben.

Eine so gute Freundin hatte sie noch nie gehabt. Nora war viel, viel besser, als man im Anfang denken konnte, zartfühlend, sanft, liebevoll, sowie man nur erst Tante Ordalies Politur von ihr abgestoßen hatte. Und Hansi war gegen die immer tüchtig Sturm gelaufen, richtig wie ein Buschritter, mit Knüttel und Spieß. An ihr lag es nicht, wenn noch etwas davon übrig geblieben war.

Ach, ihre liebe Nora! Die Erinnerung an sie würde die allerbeste und allerschönste dieser Europareise bleiben!

Das heißt – Sepp! Wenn aus Sepp einmal ein großer Mann würde, ein großer, bedeutender, nicht bloß ein einfacher Schullehrer. Sepp würde gewiß darüber hinauswachsen; sie wünschte es so brennend. Und dann hätte sie das veranlaßt. Nein, eigentlich mußte Sepp doch die schönste Erinnerung sein! Da klopfte es und der zukünftige bedeutende Mann stand vor der Türe. Vorläufig noch in seiner ganzen bäuerischen Einfachheit, mit den gestickten Höschen, den derben Lederschuhen, dem mit Wasser sauber geglätteten Blondhaar und dem frischen, freundlichen Jungengesicht.

Jeden Tag, seitdem Hansi Patientin war, kam er, sich nach ihrem Ergehen zu erkundigen und brachte irgend ein paar Alpenblumen, ein letztes Sträußchen Steinrosen, ein paar Blüten Edelweiß, silberglänzende Wetterdisteln oder tiefblaue Gedenkemein und Genzianen, immer etwas, das er mit Eifer für sein Fräulein gesucht und mühsam gefunden hatte.

Heute brachte er einen kleinen Strauß dunkelroter Knöpfchen, die er mit gewohnter Wortlosigkeit und befangenem Lächeln einen Tag wie den andern Hansi in die Hand drückte. Nach einem Weilchen schwang er sich dann, wieder einen Tag wie den andern, zu der gleichen Redensart auf: »I wollt' nur frage, wie's dem Fräulein geht und ob's bald wieder spring'n könnt'?«

So unbefangen und fröhlich er draußen in der freien Natur war, ebenso scheu und ungeschickt benahm er sich in den fremden Zimmern und Hansi büßte jedesmal, wenn er in diesen erschien, ein Stückchen ihres stolzen Vertrauens auf seine künftige Größe und Bedeutung ein.

Heute fand sie außerdem seine Blumengabe recht häßlich und unbedeutend. Sie legte die kleinen, auf kahlen Stielen thronenden Bürstenknöpfchen ziemlich achtlos auf das Fensterbrett, nickte mit dem Kopf und sagte: »Danke, Sepp. Ich muß noch immer Geduld haben. Aber der Herr Professor meint, daß ich in ein bis zwei Tagen wieder hinaus dürfte.«

»O, wie dös mi freut!« grinste Sepp, drückte sein Hütchen in den Händen, warf einen verlegenen Blick nach dem mißachteten Sträußchen und sagte dann zaghaft: »Dös sein Blutstropfen vom Untersberg. Die riechet arg fein, und wenn man's unters Leinen legt, halten's zwei bis drei Jahr'!«

»Ach, wirklich?« Hansi hob schnell das Sträußchen an die Nase. Wahrhaftig, die unscheinbaren Blüten dufteten wundersüß, wie Vanille, zart und doch eindringlich. »Blutstropfen vom Untersberg? Das klingt ganz schauerlich. Warum heißen die so?«

»I weiß nöt, aba i mein' schon, der Herr Professer weiß wieder an G'schichtel zu. I hab' mal g'hört, daß da Zwei g'mordet sein, und aus dem Blut sein's sprosse. Aber i kann's nimmer im Kopf halte. Dös sein so dalkete G'schichten –«

»Ach, du bist ein dalketer Bub',« schalt Hansi. »So etwas muß man im Kopf halten. Wie willst du denn ein bedeutender Mann werden, wenn du nicht einmal die Sagen deiner Heimat im Gedächtnis hast?«

Sepp riß die Augen auf wie Scheunentore. »I an bedeutender Mann? I will ja nimmer an b'deutender Mann werd'n!«

Hansi schlug sich auf den Mund. Da hätte sie beinahe etwas Schönes angerichtet, ihr köstliches Geheimnis verraten, ehe es an der Zeit und am richtigen Ort war! Ärgerlich schnitt sie dem erschreckten Sepp ein Gesicht.

»Nein, nein, ein dummer Bub' wirst du bleiben! Aber bilde dir nur nicht ein, daß ich das leiden werde! Das heißt – sag' mal selbst, Sepp, du möchtest doch kein Bauer oder Holzfäller oder Handwerker werden?«

Sepp sah niedergeschlagen und traurig auf sein zerknülltes Hütchen. »Na, na, i möcht' schon net, o na, aber i werd' müssen.«

»Ach, Unsinn, kein Mensch muß müssen,« zitierte Hansi mit hohem Mut ihren Nathan, den Weisen, dessen Bekanntschaft sie erst kürzlich durch ihren Freund, den Professor, gemacht hatte. »Sag' mal, Sepp, was möchtest du denn gern werden? Wirklich, wie deine Mutter sagt, Schullehrer?«

Das Gesicht des Jungen verklärte sich wunderbar. »Ach, Fräulein Hansi – wie mei Vaterle! Na, na,« – das Leuchten erlosch in den blauen Augen – »i will nimmer dran denk'n, i will nur schaff'«, wenn i erst groß und stark bin, daß i für 's Mariele Geld verdien', daß 's Mariele nach München kann, ihr Schenie ausbilden und a fein's Fräulein werd'n. Denn 's Mariele is so fein und lieb wie 'n Madönnle, und i bin der Mann in der Famile und muß sorg'n für d'beid'n Weibsleut'! I kann nimmer an mi denk'n, i muß 's Vaterle vertret'n. Dös hat au der Herr Pfarr g'sagt, dös is mei Pflicht.«

Wie ein Wasserfall flossen die Worte über seine Lippen, die sich sonst in der bedrückenden Enge der Zimmer stets so schwer und ungelenk öffneten. So warm und rückhaltslos hatte Hansi den Buben noch nie reden gehört. Freilich hatte sie auch noch nie über solche Dinge mit ihm gesprochen. Nun schwoll ihr das Herz in Mitgefühl und in Anerkennung für die mannhafte, brave Gesinnung und das starke, schlichte Pflichtgefühl des kleinen Burschen und zugleich in heißer Freude über das, was sie wußte, was sie als Geschenk für ihn und die Seinen im Hinterhalt hatte. Beinahe wäre nun doch ihr überströmendes Gefühl mit allen Plänen und Überlegungen durchgegangen und sie hätte jetzt schon ausgerufen: »Sepp, du brauchst kein Opfer zu bringen, das soll alles werden, wie du es dir wünschst!«

Aber da kamen gerade im richtigen Augenblick Herr Wildes und die Miß zurück. Sepp verabschiedete sich hastig und beschämt über seine Offenherzigkeit, und Hansi hörte mit tränenschimmernden Augen auf Noras letzte Abschiedsgrüße und die Versprechungen und Ermahnungen, die sie ihr bestellen ließ.

Darüber vergaß sie sogar Sepps Schicksal. Im Moment stand ihr die abgereiste Freundin viel näher wie ihr gebliebener Schützling.

An diesen wurde sie erst wieder erinnert als der Professor kam und ans Fenster tretend die von Sepp gebrachten Blütenknöpfchen bemerkte, an deren Vorhandensein Hansi in ihrem Kummer um Noras Fehlen nicht mehr gedacht hatte.

»Ah, das sind ja Blutstropfen vom Untersberg,« fügte er, angenehm überrascht. »Sicher eine Gabe vom braven Sepp.«

»Richtig, Herr Professor, und der braue Sepp hat nebenbei gemeint, daß der kluge Herr Professor wohl eine Geschichte zu den Blümlein wüßte,« rief Hansi lebhaft. »Und die Hansi meint weiter, daß der liebe, gute, kluge Herr Professor sich jetzt ein bißchen zu ihr setzen und ihr, weil sie doch ein gar so trauriges und verlassenes Humpelbeinchen ist, zum Trost die schöne Geschichte von den Blutstropfen und ihrer Entstehung erzählen könnte. Bitte, bitte, bitte!«

»So? meint das die Schmeichelkatze, die Hansi?« lachte der Professor und strich Lissie, die ihm gnädig gesinnt und extra von ihrem Kissen aufgestanden war, um sich an seinen Beinen den Buckel zu reiben, liebkosend über das weiche Fellchen. »Zwei Schmeichelkatzen, eine weiße und eine schwarze. Aber mit der weißen ist leichter fertig zu werden wie mit der schwarzen, die aus dem alten Kopf ihres alten Freundes immer neue Geschichten herausschlagen will. Die mit den Blutstropfen ist eigentlich gar keine richtig beglaubigte und geglaubte.«

»O, sind die andern, die von Kaiser Karl und König Watzmann denn vielleicht beglaubigt und geglaubt? Das sind doch auch nur Sagen und Märchen,« fiel Hansi streitlustig ein.

»Was grau von Alter ist, das sei dir heilig,« zitierte der Professor lächelnd. »Jene beiden Sagen sind uralt, von Generation zu Generation dem Volksglauben überliefert, aber die Geschichte von den Blutstropfen, trotzdem sie auch aus der Zeit des Königs Watzmann datiert, ist erst viel später als die andern aufgetaucht und schillert in allerlei Variationen und Auffassungen.«

»Ach, Herr Professor, dann erzählen Sie mir nur getrost alle, die Sie wissen. Mir ist es ganz gleich, ob eine etwas weniger glaubwürdig ist wie die andere, schön sind sie gewiß alle. Bitte, bitte, lieber Herr Professor, ich bin so verlassen und so traurig –«

»Ja, ja, Quälgeistchen, ich kenne die Jeremiaden schon. Und da es gerade so der letzte Termin ist, denn morgen wollen wir einmal einen Ausgang riskieren –«

»O, Herr Professor, Herr Professor, Sie köstlicher Prachtengel, morgen soll ich wieder ausgehen dürfen? Endlich, endlich! Wie ich mich freue! Mißchen, Mißchen, Pa, morgen darf ich ausgehen, darf wieder tanzen und springen –«

»Sachte, sachte, von Tanzen und Springen ist nicht die Rede. Wie ein altes Weibchen wird ein bißchen auf glatten Wegen hin und her gependelt.«

»Ja, lieber Herr Professor, wenn es nur einmal gut wäre mit Hansis Fuß, wollte ich sehr vergnügt sein,« mischte sich jetzt Herr Wildes in das Gespräch. »Meine Zeit drängt, ich muß ernsthaft an die Abreise denken.«

»Hm! Eile mit Weile; überstürzen dürfen wir nichts. Aber ich denke, nun geht es flink vorwärts, und in drei bis vier Tagen können Sie reisen.«

»Ach,« seufzte Hansi, »daß mein Fuß gut wird, ist ja wundervoll, aber wenn ich ans Abreisen denke, an das Aufhören dieser wunderschönen Zeit, dann wird mir das Herz ganz schwer. So schnell soll es nun sein? Herr Professor, dann ist es aber auch wirklich der letzte Termin, daß Sie Ihre schöne Geschichte noch erzählen. Denn wenn ich erst wieder ins Freie komme, will ich bloß noch herumjagen und jauchzen und jodeln!«

»Das kann ich mir schon denken. Also dann will ich nur noch dem Fräulein Quecksilber heute das Stillsitzen ein bißchen erträglich machen. Die Blutstropfen vom Untersberg – ja, da erzählt die Sage, daß König Watzmann außer seinen sieben wilden Söhnen auch noch eine sanfte, liebliche, fromme Tochter hatte, die aber weder vom Vater noch von den sieben Brüdern geliebt und gehegt, sondern wie eine Magd und Sklavin behandelt wurde, weil sie nur ein Weib war und zu damaliger Zeit die Frauen noch nicht soviel galten, wie heutzutage.«

»Ach, und wie in Amerika,« fiel Hansi wichtig und stolz ein.

»Freilich, in Amerika wären sie wohl auch schon damals sehr hochgeschätzt worden, aber Amerika war leider noch nicht entdeckt, denn unsere Geschichte spielt wohl mehr denn tausend Jahre zurück, und Amerika – nun, wann wurde Amerika entdeckt?«

»O, Herr Professor, welche Beleidigung, mich so etwas zu fragen, wo bei uns sogar die Wickelkinder und die Katzen wissen, wann Amerika entdeckt wurde. Lissie, schnell, sag' dem Herrn Professor, in welchem Jahre Kolumbus Amerika entdeckte!«

Dabei packte sie die gerade gravitätisch vorüberwandelnde Lissie beim Schwanz, zog sie zu sich heran, und als diese entrüstet zu miauen begann, nickte Hansi befriedigt mit dem Kopfe und sagte: »Haben Sie gehört, Herr Professor? Im Jahre 1492, hat Lissie gesagt. Nun sehen Sie, wie gebildet in Amerika sogar die Katzen sind.«

»Und was für Schelme die kleinen Mädchen in Amerika sind,« lachte der Professor. »Also, wieder auf König Watzmanns Tochter zu kommen, so war die eben leider nicht so geschätzt und wohl auch nicht so gescheit, wie die modernen amerikanischen Damen; wenigstens ließ sie sich alle Mißhandlungen und Unfreundlichkeiten ihres Vaters und ihrer Brüder still und sanft gefallen, schon deshalb, weil es niemand gab, der sie schützte und der gegen die Roheit und Macht ihrer Peiniger auftreten konnte.

»Den einzigen Trost in all dem Kummer und der Plage ihrer Jugend fand sie im Häuschen des Fischers, der unten am Königsee, auf der Halbinsel St. Bartholomä, auf der wir damals Mittagsrast hielten, angesiedelt und ein Höriger des oben auf der Anhöhe thronenden Königs war. Des Fischers Weib war die Amme der kleinen Königstochter gewesen, die schon in zartester Kindheit die Mutter verloren und in des Fischers Weib Inka eine treue Pflegerin gefunden hatte.

»Ebenso war des Fischers Sohn, Heribald, der fünf Jahre mehr zählte wie Waltrude, ihr getreuer Spielkamerad, und als Waltrude zur Jungfrau erwuchs, gewann sie Heribald lieber wie alles auf der Welt und wollte nichts Besseres und Schöneres, als hinab in die Fischerhütte zu ziehen und sein treues Weib zu werden.«

»Aber, Herr Professor, eine Prinzessin und ein armseliger Fischer, das paßt doch nicht zusammen, das ist ja unmöglich,« unterbrach ihn Hansi entrüstet.

»Sieh, sieh, die stolze Nora hat doch etwas bei der freien Amerikanerin abgefärbt,« spottete der Erzähler belustigt. »Aber in Sagen und Märchen ist nichts unmöglich, mein kleines, standesstolzes Fräulein. Und außerdem waren die Königskinder damaliger Zeiten nicht so hoch und die Fischer nicht so niedrig bewertet wie jetzt; das griff leichter ineinander. Aber freilich dachten der König Watzmann und seine Söhne ebenso wie Fräulein Hansi, und als sie merkten, was Waltrude wünschte und ersehnte, schlossen sie die Weinende fest in ihre Kemenate und den Fischerssohn hetzten sie mit Hunden und drohten ihm mit Folter und Tod, wenn er nicht fortzöge und für alle Zeit den Gedanken an eine Vereinigung mit dem Königskinde aufgäbe.

»Aber Heribald war eben so fest und treu in seiner Liebe wie Waltrude, und da oben im Schlosse alle Bediensteten die sanfte, schöne Prinzessin mehr liebten wie die wilden Männer der Familie, fanden sich überall Boten, die Nachricht trugen aus der kleinen verschlossenen Kemenate zur stillen Waldhöhle, in die Heribald geflüchtet war und sich verborgen hielt vor des Königs Zorn und Rache, bis sich Gelegenheit und Gunst der Stunde fände, um Waltrude zu befreien und mit ihr gemeinsam in ein fernes Land zu ziehen.

»Und in einer holden Maiennacht, als der König mit seinen Söhnen und Kumpanen beim Trinkgelage saß und beim kreisenden Metbecher nicht seiner gefangenen Tochter dachte, war es dieser mit Hilfe treuer, verschwiegener Diener gelungen, sich zu befreien und unten in der Fischerhütte mit dem Geliebten zusammenzutreffen.

»Aber wie es überall Spione und Verräter gibt, so war auch hier ein Jagdknecht, der schon lange der Prinzessin übelwollte und der strenger über ihre Gefangenschaft wachte wie alle andern. Den trieb es mitten in Zechlust und Trunkenheit zur Kemenate der Jungfrau, zu sehen, ob die Riegel vor der Türe noch festsäßen und die Eisenstangen hielten.

»Da sah er, daß die Türe klaffte und bemerkte im weißen Sande, mit dem Dielen und Treppen bestreut waren, den leichten Abdruck des feinen Frauenfußes, der hinabgeeilt war ins Freie.

»In wilder Wut stürzte er in die große Trinkhalle und kündete, was er aufgespürt hatte.

»König Watzmann und seine sieben Söhne fuhren empor vom Becher, rissen ihre Bogen von der Wand und rüsteten sich zur Jagd auf edles Wild, das vor ihnen floh.

»Unten im feuchten Erdboden fanden sie gar leicht die Spur der Flüchtigen, fahen voll Zorn daneben den festen Männerschuh und wußten nun, mit wem Waltrude in die Welt hinausgezogen war. Eilend lösten sie die Nachen zur Fahrt über den See, denn das Boot des Fischers fehlte und sein Fehlen verriet deutlich den Weg, den das treue Paar genommen.

»Aber dieses hatte einen weiten Vorsprung und es gab eine scharfe und anstrengende Jagd, ehe man ihre Spur wieder an Land entdeckte und ihnen nahekam. Erst als die Sonne schon purpurn am Himmel aufglühte, waren die Verfolger den Opfern dicht auf den Fersen, und als die Sonne lächelnd die goldenen Augen öffnete und über den Kamm des Untersberges schaute, warf sich eben Waltrude mit wildem Aufschrei vor die Gestalt des Geliebten und rief den mit gespannten Bogen anstürmenden Brüdern angstvoll zu: »Eher tötet ihr mich, denn ihn!«

»Na dröhnte aus acht Kehlen höhnendes Lachen, da schwirrten von acht Bogen die spitzen Pfeile und König Watzmann heulte in rasendem Zorn durch die Luft: ›Dich mit ihm, Ehrlose!‹

»Von acht Pfeilen durchbohrt sanken Waltrude und Heribald sterbend nieder, fest einander mit den Armen umschlungen haltend. Ihr rotes Blut spritzte im weiten Umkreis um sie und wo es niederfiel zur Erde, da blühte ein duftiges, dunkelrotes Knöspchen auf – Blutstropfen vom Untersberg, die unverwelklich sind wie treue Liebe.«

»O, Herr Professor, das sein keine Geschichten for jungen Kinder. Das sein sehr schrecklich und aufregend uie eine Roman,« tadelte Miß Holymat, die ihrer Lissie die Kissen aufgeschüttelt hatte und dabei vom Interesse für die schreckliche und aufregende Geschichte festgehalten war, mit verweifendem Blick und Kopfschütteln.

»Aber, Miß, ich bin doch kein junges Kind mehr, ich werde im nächsten Monat vierzehn Jahr alt und ich finde, daß man in dem Alter doch schon das Leben kennen lernen muß,« fiel Hansi empört ein.

»O, diese Kind! Sie uill lernen kennen das Leben und sie meint zu verstehen es aus solche Märchen und unuahre Geschichten. O, Herr Professor, Sie sehen, uas es gibt für Unheil, uenn man erzählt, uas nicht paßt for Kinder und uas ist ganz unmöglich, von eine Prinzessin und eine Fischer und von so grausame Veruandten. Das gibt eine große Veruirrung in die Auffassung.«

Der Professor lachte herzlich, er sah vollkommen ungerührt aus von Miß Holymats Tadel.

»Liebe Miß, wenn Hansi nie etwas Unpassenderes hört und liest wie diese kleine schlichte Sage, dann können Sie über die Klarheit ihrer Auffassung und die Reinheit ihrer Seele ganz unbesorgt sein,« sagte er freundlich. »Was finden Sie denn daran unpassend?«

»Ja, das möchte ich auch wissen,« mischte sich jetzt Herr Wildes in die streitige Angelegenheit. »Ich glaube. Miß, Sie sehen wieder Gespenster.«

»O, ich sehen niemals Gespenster, aber ich uill sagen nichts mehr, ich uasche meine Händen in Unschuld.« Miß Holymat sah gekränkt aus und streichelte ihre Lissie mit besonderer Innigkeit. »Aber ich meine, daß es uird sein sehr gut, wenn Jane, uo ist eine Amerikanerin, nicht mehr ist in diese Deutschland, uo man hat so viele Dingen anders uie in Amerika.«

»O, Miß, ich liebe dieses Deutschland sehr und meine Eltern sind Deutsche –«

»Ja, liebe Miß, und denken Sie nur, ich habe heute beim Abschied Frau von Langstraten halb und halb das Versprechen gegeben, wenn die Freundschaft der beiden Mädchen Jahr und Tag überdauert, im künftigen Sommer Hansi wieder mitzunehmen und mit Langstratens irgendwo hier in Deutschland zusammenzutreffen,« lächelte Herr Wildes behaglich.

»O, Pa, und das sagst du erst jetzt? wo du mir über den Abschied von Nora damit doch so schön hättest forthelfen können! Goldener Pa, ist das dein wirklicher, echter, ernster Ernst?«

»Ja, wenn du mich vorher erwürgst, wird es wohl nicht dazukommen,« wehrte der Vater lachend Hansis stürmische Zärtlichkeit ab. »Das ist auch vorläufig nur eine Idee. Wer will über ein Jahr hinaus Pläne machen? Bleiben wir lieber jetzt bei Näherliegendem. Meinen Sie, verehrter Herr Professor, daß wir übermorgen den Zug der beglückenden Feen nach Großgmain lenken können und wollen Sie dann nicht erst dort ein bißchen Vorbereitung spielen?«

»Nein, ich habe Hansi versprochen, mit ihr zusammenzuwirken. Es soll alles auf einmal kommen und das geht auch ohne zu große Verwirrung, da ich über meine Absichten schon mehrfach Andeutungen gemacht habe und die Mutter sie sicher schon hin und her überlegt hat. Es hing ja alles nur an Sepp, und wenn dessen Zukunft jetzt geborgen ist, wird die Sache sich schnell und leicht abwickeln.«

»Und ich uerde gehen kaufen eine Hut und eine Mantel for das brave Jung, ueil ich habe versprochen dieses bei Lissies Rettung.«

»Lassen Sie das doch. Miß; für den Jungen wird jetzt so reichlich gesorgt –«

»O nein, ich habe versprochen und ich uill halten meine Versprechung.«

»Dann lassen Sie ihn aber wenigstens mit sich gehen, damit die Sachen ihm auch passen.«

»O, ich habe genommen geheime Maß bei ihm. Er hat ein sehr dickes Kopf uie eine große Mann, und sehr dicke Schultern. Aber ich uerde finden for ihn alles in Ordnung. O, ich uill ihm überraschen. Das uird machen viele Spaß for ihm und for mir.«

Sie ließ es sich auch wirklich nicht nehmen, die Sachen zu kaufen. Herr Wildes mußte mitgehen, aussuchen helfen, und als die Gesellschaft zwei Tage darauf nach Großgmain fuhr – denn Hansis Fuß konnte solch weite Spaziergänge doch noch nicht vertragen und man benutzte diesmal die Eisenbahn – saß die Miß beladen wie eine Handelsfrau im Coupé, hatte ein geheimnisvolles, strahlendes Lächeln auf den Lippen, nickte ab und zu, ohne jeden Zusammenhang mit dem allgemeinen Gespräch, selig verklärt vor sich hin und sagte gedankenvoll: »O, es uird geben eine Spaß sehr gelungen.«

Da das nun zu der allgemeinen Stimmung und Absicht sehr gut paßte, nahm keiner der andern Anstoß an diesem immerhin etwas sonderbaren Wesen, und die beiden Herren schüttelten nur lächelnd die Köpfe, als sie beim Aussteigen aus dem Coupé jedes Anerbieten, ihr die verschiedenen, unförmigen Pakete abzunehmen, ängstlich von sich wies und mit der Erklärung: »Ich uill machen meine Überraschung zuerst, ueil sonst sie geht verloren unter die andere, große« – ihren Gefährten mit weitausgreifenden Schritten vorauseilte.

Sie gewann sehr schnell einen weiten Vorsprung, da man Hansis wegen recht langsam gehen und ab und zu etwas stillstehen mußte. Aber endlich hatten die drei Schneckenwanderer, wie Hansi sie seufzend nannte, doch auch das Ziel erreicht und traten eben in den Grasgarten, als aus der Türe des niedlichen Vogelbauerhäuschens ein bekanntes, weißbepelztes Etwas in rasender Flucht hinaussprang. Hinter ihm, halb hopsend, halb mit den verschnittenen, schwarzen Flügeln die Luft wie zum Fliegen schlagend und den großen, gelben Schnabel weit und krächzend geöffnet, in leidenschaftlichem Zorn und großer Eile, eine lahme Dohle.

Hinter dieser erst Sepp, dann die Miß, dann Sepps Mutter und im Hintergrunde, auf die Krücke gestützt, das Mariele.

Alle mit verstörten Zügen und in großer Aufregung, am meisten die Miß, deren Angstrufe: » 0, my darling, my sweett darling!« weit hinaus in die Lüfte klangen.

Der süße Liebling war mittlerweile in Blitzeseile an dem Stamm eines Apfelbaumes emporgeklettert und unten im Grase führte Jaköble, die zahme Dohle, von der Sepp schon oft erzählt hatte, schimpfend und flügelschlagend einen wilden Kriegstanz auf und setzte immer wieder vergebens zur befriedigenden Verfolgung an.

Jetzt hatte Sepp sein schwarzes Eigentum glücklich erwischt und unschädlich gemacht und die Miß stand unter dem Baum und streckte stehend die Arme empor zu ihrem geliebten, weißen Eigentum, das prustend, mit gesträubtem Fell und funkelnden Augen auf einem kräftigen Zweige faß und nicht die leiseste Neigung zeigte, den zärtlichen Bitten seiner trostlosen Herrin zu folgen.

»Was ist denn das wieder für eine tolle Geschichte?« fragte Herr Wildes stirnrunzelnd und trat näher.

Mit des Jammers stummen Blicken sah ihn die zerknirschte Miß an.

»O, Mister Uildes, ich uollte machen eine Überraschung –«

»Die scheint Ihnen ja auch wunderbar gelungen zu sein.«

»O nein. Ich uollte lassen Lissie sagen in eigene Person ihre Dank for die Rettung und geben mit ihre ueiße Pfötchen for das brave Jung das Mantel und Hut. Aber uie ich ihr nahm aus das Korb, dieses häßliche, schuarze Tier springt aus das Uinkel und hackt nach mein gutes, kleines Katz. O, es hat sich erschreckt so sehr und ist gesprungt aus das Haus, und das häßliche, schuarze Tier ist gesprungt hinterher. O, o, ich bin so unglücklich und ich habe geuollt doch so gut!«

Die Tränen liefen über die faltigen, schmalen Wangen der langen Miß und sie stand wirklich so unglücklich und geknickt da, daß Mister Wildes, so unsinnig er auch die ganze Geschichte fand, doch nicht anders konnte, als Mitleid mit ihr fühlen.

Sepp, der seiner Mutter die mit den Flügeln schlagende, krächzende Dohle in die Hände gedrückt hatte, damit sie den Störenfried beiseite brächte, versuchte jetzt oben in den Zweigen sich Lissie vorsichtig zu nähern.

»Seien Sie nur ruhig, Sepp wird sie gleich haben,« tröstete Hansi, die Hand ihrer Miß streichelnd.

»Miau!« klang es von oben empört und kläglich. Es war gelungen; Sepp hatte den buschigen Schwanz zu packen bekommen, und so sehr Lissie sich auch wand und sträubte, er zog sie mit fester Hand langsam zu sich heran.

»O, o, vorsichtig! Mein armes Lissie! O, reiß ihr nicht so an das Schuanz, gutes Sepp, das tut ihr ueh,« jammerte die Miß, zwischen Sorge und Glück schwankend.

»Richtig, wasch ihr den Pelz, aber mach' ihn nicht naß,« lachte Herr Wildes ärgerlich. »Schadet der kleinen, nichtsnutzigen Kröte gar nichts, wenn sie einmal ordentlich am Schwanz gezogen wird. Vorsichtig, mein Junge, daß du nicht ausgleitest! Da – nun hat sie ihm auch noch die Hand blutig gekratzt! Das ist der Dank, Miß, den die liebe Lissie in eigner Person bringt!«

»O, sie ist ein kleines, unvernünftiges Tier, sie ueiß nicht, uas sie tut. Aber ich uerde ihm kaufen Pflaster for seine Hand,« versicherte die Miß, von Gewissensqualen gepeinigt und riß dann ihre Lissie aufjubelnd aus den blutig gekratzten Händen des vergnügt und triumphierend blickenden Sepps, dem Herr Wildes freundlich die Backen klopfte, während Hansi ihm zärtlich zuflüsterte: »Wart' nur, Sepp, ich habe ein Pflaster für alle Schmerzen. Ich weiß etwas Wunderschönes, Sepp. Wir kommen, Abschied zu nehmen –«

Das lachende Gesicht des Jungen wandelte sich zu einem erschreckten.

»O, Fräulein Hansi! Und da sagen s', Sie wüßt'n was Schön's, wenn S' fortgehn –«

»Ja, Sepp, das tut mir auch schrecklich leid. Aber im nächsten Sommer kommen wir wieder nach Deutschland und dann, Sepp – ach, komm nur schnell zu deiner Mutter, damit ich das Wunderschöne endlich loswerde! Schnell – nein, nicht so schnell, ich kann noch nicht. Aber Sepp, ich bin so glücklich! Na, du wirst schon hören und staunen und dann wirst du auch glücklich sein!«

Sepp ging mit einem sehr wenig interessierten Gesicht neben seiner jungen Beschützerin her. Er wußte mit ihren geheimnisvollen Reden nichts anzufangen, legte auch gar keinen Wert darauf, sondern hörte nur mit halbem Ohr zu. Er war so traurig über ihr Fortgehen und nebenbei schwebte er in Angst und Sorge um sein Jaköble. Ob die Mutter es in ihrer augenblicklichen Erregung nicht zu hart angefaßt, und ob das Jaköble, das, wenn es gereizt wurde, etwas heftiger Natur sein konnte, auch nicht mit seinem kräftigen Schnabel die Mutter gebissen habe. Und ob die Mutter das Jaköble wohl verstecken und einschließen würde, damit das greuliche Katzentier vom alten Fräulein nicht noch einmal Reißaus nehmen und er sich beim Greifen die Hosen zerreißen und die Hände blutig kratzen lassen müsse.

Das alles ging ihm viel näher wie die großen Glücksverheißungen Hansis, die ziemlich mühsam neben ihm herhumpelte und um derentwillen er nun als höflicher Wirt auch langsam gehen mußte, anstatt wie sein Verlangen ihn trieb, ins Häusle zu stürzen und erst einmal nach dem Jaköble zu sehen.

Noch fester als die Höflichkeit hielt ihn aber Hansis Hand, die seinen Jackenärmel gepackt hatte und sich damit seine Gegenwart für ihre Überraschung sicherte. Denn gleich sobald sie in das Haus traten, mußte sie damit losplatzen, sonst erstickte sie, das stand bombenfest.

Aber sie hatte ohne die Miß gerechnet. Die stand mit ihrer Lissie auf dem Arm in der Haustüre, nahm ihr ohne Bedenken und Gewissensbisse den Sepp unter den Fingern fort und zog ihn mit sich in das Zimmerchen, in dem sich mittlerweile die ganze Gesellschaft mit Ausschluß von Jaköble versammelt hatte, und Sepps Mutter den beiden Herren verlegen und ängstlich ihre vollkommene Schuldlosigkeit an der Begegnung zwischen Jaköble und Lissie klar zu machen suchte.

Auch das Mariele erzählte mit seinem sanften Stimmchen: »Ja, 's Jaköble ist sonst arg gut, aber der Kater vom Herrn Pfarr hat ihm 's eine Äugle aus'kratzt und seitdem kann 's Jaköble die Katz'n not mehr gut leiden und kriegt 'nen groß'n Zorn, wenn's eins sieht.«

»Das ist entschuldbar. Da würde auch ein Vernunftbegabterer als das Jaköble einen großen Zorn kriegen,« lachte Herr Wildes. »Sie brauchen sich gar nicht zu entschuldigen.«

»Und wir hab'n halt nimmer g'wußt, was 's Fräulein im Körble hätt' -«

Da trat die Miß ein, in einem Arm ihre Lissie, im andern Sepp, ein sanftes Lächeln auf den Lippen, halb verlegen, halb glücklich.

»O, gute Frau, ich uill machen jetzt meine Überraschung ohne das Störenfried. Ich uill dieses gute Sohn belohnen, ueil er hat gerettet zweimal mein kleines Katz. Hier in dieses Pack ist ein Hut. Es uill passen für sein dickes Kopf, ich habe genehmt geheime Maß.«

Sie drückte den aus seiner Umhüllung genommenen Hut auf Sepps Kopf, der augenblicklich so tief darin versank, daß nur noch Mund und Nase sichtbar blieben.

»Oh!« schrie alles auf. Sepp schüttelte sich und schob den Hut zurück, die Herren und Hansi lachten, Sepps Familie sah schrecklich verlegen aus und die Miß machte ein bestürztes und bekümmertes Gesicht: »O, sein Kopf ist nicht dick genug. Ich habe gemeint –«

»O, danke schön. Sepp, sag' dem guten Fräulein Dank,« beeilte sich Frau Stubinger einzufallen. »Er wird schon noch hineinwachsen.«

»Nein, so lange wollen wir lieber nicht warten,« lachte Herr Wildes. »Mir kam die Kopfweite gleich etwas ausgedehnt vor und ich habe abgemacht, daß er ihn umtauschen kann.«

»O, uie gut, Mister Uildes! Sie sein ein sehr praktisches Mensch,« atmete die Miß erleichtert auf. »Haben Sie auch bei das Mantel abgemacht, daß man es kann umtauschen?«

Aber der Mantel paßte und Sepp stand mit verschämter Glückseligkeit ungeschickt und hölzern in seinem neuen Putz da und sah wieder einmal nicht aus wie eine zukünftige Leuchte der Wissenschaft, die er doch nach Hansis Wünschen und Hoffnungen werden sollte.

Aber Hansi ließ sich dadurch im Augenblick nicht enttäuschen. Während Sepps Mutter mit bewegter Stimme dankte, drückte sie sich an den Professor. »Schnell, schnell, Herr Professor, es ist die richtige Zeit, nun müssen Sie anfangen, damit ich endlich auch darankomme. Ich halte es schon kaum mehr aus; und wir wollen doch beim Programm bleiben, damit die Glückseligkeit sich steigert!«

»Ja, ja, Mamsell Ungeduld. Ich wollte nur erst der Miß ihre Freude gönnen.«

»Die hat sich aber nun genug gefreut. Jetzt kommen wir an die Reihe!«

»Frau Stubinger,« fing also der Professor an, »nun wollen wir beide einmal ein ernstes, vernünftiges Wort miteinander reden. Ich habe Ihnen schon mehrfach angedeutet, daß ich Sie gern als Haushälterin bei mir engagieren möchte, und daß ich dann auch Ihr Mariele, das natürlich mit Ihnen kommen soll, in die Kur nehmen und ein gesundes, flinkfüßiges Mädchen aus ihm machen will. Außerdem kann das Mariele dann in München ordentlich Zeichnen und Malen lernen und mit der Zeit mehr Geld verdienen wie hier. Gut sollen Sie beide es bei mir haben. Eine hübsche Stube, gutes Gehalt, gute Verpflegung – das heißt, wenn Sie selbst gut kochen, was ich hoffe – und eine Hilfe für alle groben Arbeiten. Ich denke, da brauchen Sie sich nicht lange zu besinnen. Solch ein Anerbieten wird Ihnen so bald nicht wieder gemacht. Es ergeben sich lauter Vorteile daraus, besonders da Sie mir gesagt haben, daß der Ortsvorstand bereit wäre, Ihnen statt des Häuschens und Gartens eine Erhöhung der Pension zu bewilligen. Damit fiele jeder mögliche Verlust fort und nur der Gewinst bliebe. Nun, was sagen Sie?«

Sepps Mutter rieb sich in angstvoller Unsicherheit die mageren, verarbeiteten Hände; das Mariele saß da mit feuerrotem Gesichtchen und tränengefüllten Augen gleichfalls in qualvoller Verlegenheit und Sepp, dem die ganze Geschichte zum ersten Male zu Ohren zu kommen schien, vergaß Hut und Mantel abzunehmen, stand wie erstarrt da und ließ nur seine Blicke verwirrt zwischen dem Professor und seiner Mutter hin und her wandern.

»Nun, Frau Stubinger, haben Sie gar keine Antwort für mich?« fragte der Professor nach einer kleinen Pause nochmals.

Über das Gesicht Frau Stubingers stürzten plötzlich helle Tränen.

»Ach, du mei Herrgöttle, Herr Professor, i hab's ja schon g'dacht, wenn S' so sprach'n, und 's war ja so'n groß's Glück, b'sonders fürs Mariele, fürs arm' Dirndl – ach, und bei so 'nem brav'n Herrn! I wollt' den Herrn Professor heg'n und pfleg'n – aber – 's geht halt nimmer, 's geht not. I hab' doch zwei Kinder und eins is mir lieb wie's andere. Und i kann mei' arm'n Bub' nimmer hier allein lassen –«

»Muatta, um weg'n mein?« Sepps Erstarrung war von ihm gewichen. Er drängte sich dicht an die Mutter und sah diese mit unruhigen, fragenden Augen an. »Muatta, dös dörfst nimmer denk'n. Jesus Maria – Muatta, w'rum hast mir nimmer g'sagt, was d'r Herr Perfesser d'r ang'boten hat?«

»Na, ma Bua, mach' dir kein' G'danken. I hab's überlegt, 's is besser so,« stotterte die Mutter verwirrt und ängstlich.

»Na, na, ich woaß schon, Herr Perfesser,« entschlossen wandte sich Sepp diesem zu – »dös dörf'n S' nimmer denk'n, i bin koa Hindernis, wo's d' Muatta und 's Mariele so gut hab'n könn'n! I krieg' schon a Unterschlupfl bam Herrn Pfarr oder sonstwo. I kann mei Stückerl Brot verdien'n, ganz allein. Na, von w'gen mir –«

Glühendrot, mit blitzenden Augen, in deren Hintergrund Opfermut und heimlicher Schmerz miteinander kämpften, stand der tapfere, kleine Kerl vor dem leise vor sich hin lächelnden Professor, während Frau Stubinger angstvoll die Hände rang und das Mariele ihre Krücke in Bewegung setzte, um an des Bruders Seite zu gelangen und auch ihr Wörtle mitzureden.

Aber dazu ließ Hansi es nicht kommen. Ihr brach schon beinahe das Herz vor Mitleid und Zärtlichkeit. Nein, das brachte sie nicht zustande, die armen Leute noch länger in solcher Bedrängnis und Not zu lassen, wo es doch nur ein Wort kostete, um alle Sorge in Glückseligkeit zu verwandeln.

Ebenso glühendrot wie Sepp stürzte sie auf diesen zu, faßte seine Hand und die so vielfach vorherbedachten glückspendenden Worte prasselten nun wie ein Gebirgsregen auf ihn nieder.

»Aber, Sepp, das ist ja alles nicht nötig. Frau Stubinger, Mariele, beruhigt euch nur! Ihr braucht euch gar nicht zu trennen! Nun kommt ja das Wundervolle, Seppel, paß nur auf, du dummer Bub', der es nicht glauben wollte! Mein Pa – das ist mein Vater,« übersetzte sie schnell für das Verständnis von Sepps Angehörigen – »ist euerem Sepp dafür, daß er mich neulich abend am Hintersberge gefunden hat, wo ich doch leicht im Unwetter hätte sterben können, so dankbar, daß er euch das Geld schenken will, damit der Sepp etwas Ordentliches lernen und ein bedeutender Mann werden kann –«

»Aber, Hansi, was redest du für Unsinn zusammen,« unterbrach Herr Wildes den Redestrom. »Sei nun einmal still, Kind. Nun kommt das Geschäftliche, nun laß mich reden!«

»Aber, Pa -«

»Still!« Der Vater kehrte sich nicht an Hansis betrübtes Gesicht. Jetzt nahm er die Sache in die Hand und in seiner kurzen, klaren Art unterrichtete er mit wenigen Worten die fassungslosen Leute von dem, was er für sie tun wollte und wie sich alles für sie gestalten würde.

Die Mutter und das Mariele weinten in sprachloser Glückseligkeit vor sich hin und Sepp stand regungslos, mit fest zusammengeballten Händen und mit Augen, in denen tausend heimliche Tränen brannten, die nur sein Mannesstolz und eine Art von Erstarrung zurückhielten.

Als aber jetzt Hansi, hingerissen von ihren Empfindungen und von der Seligkeit, so beglücken zu können, ihm in aufwallender Begeisterung um den Hals fallen wollte, stieß er sie mit wilder Heftigkeit von sich, wandte sich und stürzte aus dem Zimmer.

Er mußte fort. Mit seiner Beherrschung war es zu Ende. Wenn ihm jetzt eins nahe kam, heulte er los, und das durfte nimmer sein; er war der Mann in der Familie, er mußte fest und unbewegt bleiben. Das hatte er sich immer vorgenommen in Glück und Unglück. Aber im Glück hatte er es noch nicht probiert und da verließ ihn die männliche Sündhaftigkeit.

Halb besinnungslos, mit zusammengebissenen Lippen und festgeballten Händen stürzte er dem winzigen Schlafkämmerchen zu, das er oben unter dem Dache bewohnte. Seine schweren Schuhe polterten die schmale Treppe hinauf, seine Hand riß die Türe auf, fast blind vor Tränen taumelte er in das halbdunkle Zimmerchen und mit aufgeregtem Gekrächze und Flügelschlagen hopste ihm dort das Jaköble entgegen.

Da nahm der Sepp mit einem kurzen, zwischen Weinen und Lachen schwankenden Juchzer den schwarzen Gesellen in seine Arme, drückte sein heißes Gesicht in das struppige Gefieder und murmelte immerzu: »Jaköble, mei Jaköble, denk' mal, nu werd' i Lehrer wie 's Vaterle war, und d' Muatta hat kei' Sorg' mehr, und 's Mariele wird a fein's Fräulein mit flinke, g'sunde Bein' und kann malen! Jaköble, mei Jaköble, wie guat meint's der liebe Gott!«

Dazu flossen seine Tränen wie Gebirgsbäche, alle Standhaftigkeit und männliche Fassung schwemmte mit ihnen fort, und es blieb nichts zurück als die unbeschreibliche Seligkeit eines richtigen, glücklichen, dummen, kleinen Bauernbubs.

Und 's Jaköble fuhr ihm mit dem scharfen, großen Schnabel ganz weich und liebkosend durch die wirren Haare, knurrte und krächzte teilnahmsvoll und verwundert und ließ sich von den Händen seines Herrn drücken und pressen wie dieser wollte, ohne einen großen Zorn zu kriegen und sich zu wehren. Denn 's Jaköble trug unter seinem kohlschwarzen Federkleide ein biederes, weiches Herz und in dem struppigen Kopf ein gar feines, liebevolles Verständnis und fühlte ganz genau, daß es im Augenblick Sepps bester Freund sei und gar nichts Besseres tun könne, als stillzuhalten und den ganzen Glücksrausch ruhig über sich ergehen zu lassen.

Unten aber im Wohnzimmer war Hansi sehr verdutzt und in ihren heiligsten Gefühlen gekränkt zurückgeblieben.

Verständnislos sah sie sich im Kreise um. »Aber – dieser Sepp! – Will er denn nicht? Gefällt es ihm nicht? Ich weiß gar nicht –«

»Der dumme Buab! Sei'n S' ihm nur not bös, gnad'ges Fräulein. Er kann's nimmer fass'n, 's hat ihn gar so arg 'packt d' Freud'!« entschuldigte Frau Stubinger verlegen und von all dem Glück ganz verwirrt. »Aber i will ihm glei' nach und ihn hol'n.«

»Nein, liebe Frau, lassen Sie nur, gehen Sie ihm nicht nach,« hielt der Professor sie zurück. »Das muß der Bub' erst allein verarbeiten, um ihm männlich und gefaßt entgegentreten zu können. Fräulein Hansi, machen Sie kein so betrübtes, unbefriedigtes Gesicht, weil der Sepp nicht gleich glückstrahlend und wortreich seine Freude und Dankbarkeit ausdrückt. Das liegt nicht in der Natur dieser Leute. Desto tiefer und seliger fühlt er es innen. Damit müssen Sie sich genügen lassen.«

»Aber das ist nur das halbe Vergnügen für mich,« schmollte Hansi und zog mißgestimmt an ihren Fingern, während ihr Vater jetzt mit Frau Stubinger über die Einzelheiten seiner Unterstützung für Sepp Verhandelte.

»Ei, ei, gönnten Sie dem Jungen die glückliche Veränderung seiner Zukunft nur zu Ihrem Vergnügen? Dachten Sie beim Wohltun nur an sich und die Befriedigung Ihrer Laune? Dann sollte es mir leid tun für Ihr Herz und Gemüt und ich muß gestehen, daß ich das der warmherzigen, liebevollen Hansi auch nicht zutrauen möchte.«

»O, Herr Professor!« Hansi stürzte auf den alten Herrn zu und drückte ihm die Hand auf den Mund. »Nein, nein, nein! Das dürfen Sie der Hansi nicht zutrauen, wenn sie auch noch so dumm und häßlich redet. Ich schäme mich bis über die Nasenspitze herüber, daß ich so etwas gesagt habe und, nicht wahr. Sie haben nicht ernstlich geglaubt, daß ich es so böse meinte?«

»Nein. Das lose Zünglein rast nur immer eine Meile weit voraus und kommt dabei auf allerlei Irrwege.«

»Ja, aber ich werde es künftig fester an die Leine legen. Ganz gewiß, das werde ich. Und sehen Sie mal, ich hatte mich doch so gefreut auf Sepps Freude!«

»Ja, gewiß, ich verstehe wohl. Aber man muß jedes Ding nach seiner Art nehmen. Diese schlichten, ernsten Gebirgsleute sind ungewandt im Ausdruck, ihnen fehlen die Worte. Es ist eine Art Verlegenheit und Scham, die sie zurückhält vom lauten Ausbruch ihrer Freude. Und in diesem Gefühl und in der Sorge, zu weich und unmännlich zu werden, ist unser kleiner bayerischer Dickkopf ausgerissen. Aber warten Sie nur, er kommt schon wieder und dann werden Sie es auf irgend eine Art und Weise doch merken, wie glücklich und dankbar er ist.«

Aber er kam nicht wieder. So sehr Hansi auch erwartungsvoll aufhorchte und nach der Türe sah, Sepps schwerer Schritt ließ sich nicht hören und sein braunrotes, treuherziges Gesicht ließ sich nicht sehen.

Erst als die ganze Gesellschaft wieder draußen im Grasgarten stand und von Frau Stubinger und dem Mariele Abschied nahm, klappte oben im Giebel ein Fensterchen, und als Hansi, langsam den Weg herunterhinkend, sich noch einmal umschaute, klang von droben ein weit in die Berge tönender Jodler hinter ihr her, anschwellend und abnehmend und wieder anschwellend, ohne Ende, so aus glückgefülltem, seligem Herzen wie der Jubelsang der Lerche, wenn sie zum blauen Frühlingshimmel aufsteigt, gerade hinein ins Sonnenlicht und in die Freiheit.

Da wandte sich der Professor lächelnd zu Hansi. »Hören Sie, Seppe! dankt in seiner Mundart, so wie ihm der Schnabel gewachsen ist und das Herz ihm aufklingt. Sind Sie nun zufrieden und glauben Sie an sein Glück und seine Dankbarkeit?«

»Ja, ja,« lachte Hansi mit leuchtenden Augen, winkte zum Dachfenster in die grünen Zweige des davorstehenden Lindenbaumes hinauf, warf den Kopf in den Nacken, öffnete den Mund, den Seppe! in seiner ersten Lehrstunde so respektwidrig benannt hatte, und jodelte mit voller Kraft und noch immer mangelhafter Kunst, ihre Zufriedenheit antwortend zurück.

»Krah, krah, die macht's noch schlechter wie ich,« krächzte droben Jaköble nichtachtend und schlug aufgeregt mit den schwarzen, verschnittenen Flügeln. Aber Seppe! drückte seinen dicken Blondkopf gegen das sich sträubende Gefieder und sagte lachend: »Jaköble, 's Fräulein Hansi lernt 's Jodeln nimmer. Aber a gut's Herz hat's und Dank bin i ihm schuldig, so arg viel, wie ich's nimmer sag'n kann. Und wenn's sein muß und 's Fräul'n Hansi will's, dann werd' i wohl a b'deutender Mann werd'n müssen, Jaköble, dem Fräul'n Hansiz' Ehren! Holdrioh–oh–oh!«

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