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Hans Wurst und der Riese

Otto Julius Bierbaum: Hans Wurst und der Riese - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudentenbeichten
authorOtto Julius Bierbaum
year1990
publisherNicolaische Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
isbn3-87584-318-5
titleHans Wurst und der Riese
pages109-134
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Das ist ein angenehmer Aussichtspunkt«, sagte er, wie er dort saß, indem er vergnüglich mit den Beinen baumelte und sich eine Zigarre anzündete: »Ich habe zwei Seen vor mir, die von Tannen umgeben sind, und dahinter ist ein Gebirge mit vielen Schluchten, und hoch oben ein Wald von roten Bäumen. Diese Landschaft verdient einen Stern im Bädecker; ich werde hier ein Aktienhotel gründen.«

»O ja, meine Augen und Haare sind sehr schön und malerisch«, sagte der Riese geschmeichelt; »aber was ist Dir denn eingefallen, daß Du in meine Nase gekrochen bist? Dort zieht es doch?!«

»Eben darum; es ist infam heiß heute, und ich dachte es mir gleich, daß in diesem Blasebalgfang ein guter Wind ginge«, antwortete der Mensch.

»Ja, hast Du denn keine Furcht?«

»Vor wem denn?«

»Na, vor mir!«

»Vor Dir? Nee, mein Junge: ich gehöre nicht zu den Dummköpfen, die sich vor der Dummheit fürchten. Ich – bediene mich ihrer, und sei es, daß ich ihr deswegen dienen müßt.«

Da merkte der Riese, daß dieser Mensch, wenn nicht gar ein Genie, so doch ganz gewiß ein brauchbares Talent war, und er sprach:

»Du gefällst mir, Mensch. Du kannst als Gehilfe bei mir eintreten. Wie heißt Du denn?«

»Hans Wurst von Deutsch-Micheln«, antwortete der Mensch. »Ich bin nämlich von altem Adel. Meine Vorfahren haben schon manchem Könige die Wahrheit gesagt. Aber die heutigen wollen keine hören.«

»Auf Deinen Adel nies ich; mir kommts auf Deinen Gripps an«, meinte der Riese; »also willst Du?«

»Meinetwegen«, sagte Hans Wurst, »wenn es nur was Ordentliches zu tun gibt und nicht so gewöhnliche Hantierungen wie in der Stadt. Dort haben sie nichts mit mir anfangen können. Sie sagten, ich wäre unzeitgemäß und staatsgefährlich. Wenn ich nicht den Staub von meinen Pantoffeln geschüttelt hätte, hätten sie mich eingesperrt: wegen groben Unfugs, verübt durch meine Existenz.«

»Na, dann paßt Du ja famos zu mir, Hans Wurst!« sagte Rumbo. »Du sollst Dich nicht zu beklagen haben. Bei mir gibt's nur solche Sachen zu tun, die in der Stadt verboten sind.«

»Das kann ich mir denken«, sagte Hans Wurst, »denn Du selber würdest in der Stadt verboten werden, wenn sie Dich verbieten könnten. – Aber sag mal, wozu brauchst Du denn einen Gehilfen, Du großer Schuft und Schlagtot? Ein Kerl, wie Du, braucht ja bloß irgendwo hinzufallen, und gleich liegt rechts und links von ihm, was er braucht.«

»Das verstehst Du nicht«, sagte Rumbo. »Ich bin zu groß. Erstens werd' ich zu schnell bemerkt; dann sind meine Bewegungen zu langsam, und schließlich kann ich so kleines Zeug, wie ihr Menschen seid, nicht gut anfassen. Entweder zerquetsche ich so eine Made, oder sie rutscht mir durch eine Fingergelenksfalte weg. Ich sage Dir: Ich müßte verhungern, wenn ich mich von euch Marschiermücken nähren müßte. Zum Glück brauche ich das zweibeinige Milbenvolk nur als eine Art süßer Verdauungspillen. Aber dazu seid ihr Zappelgemüse mir unbedingt nötig. Und deshalb ist es mir sehr angenehm, einen Menschen als Gehilfen zu haben, denn niemand kann einen Menschen besser fangen, als ein Mensch. Im Grunde könnt ihr ja auch nichts, als das. – Ich habe darum von jeher und immer Menschen als Gehilfen gehabt, aber leider, leider waren es regelmäßig unvorsichtige Burschen, die allzubald auf irgendeine Weise bei mir zugrunde gingen. Der eine fiel mir ins Ohr und brach das Genick auf meinem Trommelfell; der andere verlief sich im Dickicht meiner Haare und verhungerte; ein dritter ertrank in einem Schweißtropfen von mir; ein vierter, der Korpsstudent gewesen war und sich das Trinken nicht abgewöhnen konnte, hielt in der Betrunkenheit, als ich einmal gähnte, meinen Mund für einen Weinkeller, lief hinein und erstickte, wie ich den Mund zugemacht hatte, in einem hohlen Zahn; – und so weiter, und so weiter. Du siehst also, daß Du gut aufpassen mußt.«

»Mir passiert so was nicht; verlaß Dich darauf«, meinte Hans Wurst; »ich bin daran gewöhnt, aufzupassen, wie ein Luchs, denn ich gehöre zu den Vogelfreien, die auch unter Menschen immer auf der Hut sein müssen. Bloß die Käfigmenschen, die Mastgimpelnaturen, die den Freßkober stets bei sich am Halse tragen, dürfen es sich erlauben, ohne besondere Aufmerksamkeit ihrem Tagwerke nachzugehen. Wir, die wir nicht so tugendhaft und stäte sind, sondern immer tapfer und resolut auf Taten ausziehen, für die man früher geadelt wurde, jetzt aber ins Kittchen gesperrt wird – wir müssen immer die Ohren steif und die Augen offen halten. Meinetwegen kannst Du also ganz ruhig sein. – Aber: Was krieg' ich denn als Lohn?«

»Was? Lohn willst Du auch noch?« brüllte Rumbo, der in seinem Souveränitätsgefühle beleidigt war. »Ist es nicht genug, daß ich Dich nicht fresse? Nein, mein Lieber, Lohn gibt's nicht. Höchstens einen Titel. Wie willst Du lieber heißen: General oder Hofmarschall?«

»Gar nichts will ich heißen«, sagte Hans Wurst; »Lohn will ich haben.«

»Also, wie viel denn?« fragte Rumbo.

»Kein Geld«, antwortete Hans Wurst, »das kann ich mir stehlen oder einbilden. Du sollst mich zu einem Riesen machen, wie Du selber einer bist.«

»Das kann ich nicht«, sagte Rumbo.

»Doch kannst Du's«, erwiderte Hans Wurst, »mach keine Flausen; ich bin nicht so dumm, wie Du aussiehst, und weiß ganz gut, daß Du's kannst. Aber Du willst nicht, weil Du Angst hast, daß ich Dich dann totschlage, Du Feigling.«

»Na, also gut, Hans Wurst«, sagte Rumbo, dem bei so viel Intelligenz angst und bange wurde, »ich mache Dich zu einem Riesen, aber erst, wenn Du mir hundert Menschen gebracht hast.« (Nach dem Neunundneunzigsten freß ich ihn auf, dachte er sich.)

»Abgemacht«, sagte Hans Wurst. »Und was soll ich zuerst tun?«

»Hm, ja, warte mal«, überlegte der Riese eine Weile; »da ist drüben in der Wassermühle der junge Müller Bartel Klippklapp; der ist weiß wie Mehl vor lauter Fett und muß allerliebst nach Korn schmecken. Den hol mir! Aber er ist schlau, weißt Du. Du mußt es klug anstellen.«

»Wenns weiter nichts ist?« sagte Hans Wurst, rief seinen Rappen, der in der Nähe weidete, schwang sich in den Sattel und ritt davon.

Schon nach fünf Stunden kam er wieder und schleppte den jungen Müller an einem Stricke erwürgt hinter sich her.

»Sieh mal an!« lachte der Riese, »da hast Du ja den Bartel Klippklapp, der so schlau war. Bist wohl noch schlauer gewesen?«

Hans Wurst antwortete: »Dazu hat nicht viel gehört. Der dumme Kerl stand gerade in seinem Garten und las Raupen vom Kohl. ›Du, Bartel‹, rief ich, ›was machst Du denn da?‹ ›Raupen lesen‹, sagte Bartel. ›Was machst Du denn mit den Raupen?‹ fragte ich. – ›Was soll ich denn damit machen?‹ antwortete er; ›tot machen tu ich sie; sie fressen mir sonst meinen Kohl.‹ – ›Na, höre mal‹, sagte ich, ›das ist aber lieblos; die armen Tierchen wollen doch auch leben.‹ – ›Bist Du so ein Esel', erwiderte Bartel, daß Du Dir Deinen Kohl von Raupen fressen läßt?‹ – ›Nein‹, sagte ich, ›ich habe gar keinen Kohl; aber Hunger. Gib mir einen Kohlkopf, Bartel.‹ – ›Hast Du Geld?‹ fragte der Müller. – ›Nein‹, sagte ich, ›Du sollst mir ihn schenken.‹ – ›Du kannst meine Rückseite bewundern‹, rief er da, lachte und drehte sich um. – ›Wart‹, dachte ich, ›alter Kapitalist: für meinen Meister Rumbo sollst Du auch bald eine Raupe sein‹, warf ihm die Schlinge meines Strickes um den Hals, zog sie fest an und ritt, hui, hussa, hopp, galopp mit dem Anhängsel davon. Da hast Du den Mehlwurm!«

Der Riese war sehr zufrieden mit dieser Leistung und lobte seinen Gehilfen, fand aber, daß der Müller zu mehlig schmeckte. – »Bring mir was Pikanteres das nächste Mal«, befahl er.

Hans Wurst machte sich auf und überlegte: ›Wen soll ich bringen? Pikant, das ist leicht gesagt, aber wo gibt es heutzutage Menschen von pikantem Geschmack, die noch genießbar sind? Wenn ich den Doktor Schwalbendreck erwischte, dem vor Brotneid das Blut sauer geworden ist und der infolge seiner krankhaften Begierde, üble Gerüchte zu verbreiten, einen netten kleinen Herzkrebs von zweifellos schwefligem Geschmacke akquiriert hat, so wäre das ja am Ende ein gefundenes Fressen für meinen Herrn und Meister, der überdies, soviel ich weiß, noch keinen Dramatiker gegessen hat, aber erstens wird es schwer sein, dieses Herrn habhaft zu werden, der sehr vorsichtig geworden ist, seitdem ihm jemand von ferne eine Pistole gezeigt hat, und dann fürchte ich, daß er schließlich zu penetrant schmeckt. Vergiften darf ich meinen verehrten Giganten doch auch nicht gleich. Sonst brauchte ich ihm ja nur ein Gänseweissauer von verleumderischen Klatschbasen zu servieren, deren ich einige in der Stadt Knödelimkraut recht gut kenne... Halt! Wie wärs mit dem dicken Literaten, der früher Pastor war!? In ihm vereinigt sich ein Restchen pfäffischer Heimtücke mit journalistischer Giftdrüsenhypertrophie – eine angenehme Mischung, sollte man meinen... Aber diese Art Leute sind schwer zu fassen. Es gibt keinen Strick, aus dem sie sich nicht zu winden vermöchten. Ich spare ihn mir für ein andermal auf!‹ – So ritt Hans Wurst in ziemlicher Verlegenheit durch Flur und Auen. Da begegnete ihm in seiner Kutsche der Doktor Rasso Schneidebein, der zu einer armen alten Frau gerufen worden war.

»He, Herr Doktor, Herr Doktor!« rief Hans Wurst, »bitte kommen Sie doch gleich zu meinem Meister, der sich übergessen und Bauchkneipen hat, und geben Sie ihm was ein.«

»Hat Dein Meister Geld?« fragte Doktor Schneidebein.

»Na, ich danke«, sagte Frechdachs, »Geld wie Heu! Sie kriegen zehn Taler.«

»Zehn Taler?« dachte sich der Doktor, »das ist ein hübsches Stück Geld, und von der Alten krieg ich bloß einen Vergeltsgott. Mag sie meinetwegen ohne mich sterben!«

»Also schön«, sagte er, »ich komme mit; es muß aber auch etwas Ordentliches zu essen geben.«

»Einen fetten Braten«, sagte Hans Wurst und sah dabei den Doktor an, der in der Tat sehr fett war.

Als sie in die Nähe des Waldes kamen, wo der Riese wohnte, wurde es dem Doktor unheimlich zumute.

»Das ist ja der wilde Wald, wo der Menschenfresser haust«, rief er; »bist Du wahnsinnig, daß Du mich dorthin führst?«

»Wieso denn«, sagte Hans Wurst, »es ist ja der Menschenfresser, dem Sie etwas eingeben sollen, weil er Bauchweh hat.«

»Um Gottes willen«, schrie der Doktor, »was soll ich denn dem Riesen eingeben?«

»Sich selber sollen sie ihm eingeben, denn Sie stecken ja voll von Medizin«, sagte Hans Wurst.

»Nein, nein, nein, das will ich nicht«, rief der Doktor, »ich muß zu einer alten Frau, die im Sterben liegt. Umkehren, Kutscher, umkehren!«

»Das hättest Du früher sagen sollen, alter Schuft«, rief Hans Wurst, schlug dem Doktor den Schädel ein, legte ihn quer vor sich auf den Sattel und galoppierte davon, ehe der Kutscher seinem Herrn hätte zu Hilfe kommen können.

Auch mit dieser Leistung war Rumbo sehr zufrieden, zumal der Doktor in der Tat sehr pikant nach Karbol, Jodoform und anderen Medizinen schmeckte.

»Du bist ein verflixter Kerl, Hans Wurst«, sagte er, »und verstehst Abwechslung in meinen Nachtisch zu bringen. – Was gibts denn nächsten Sonntag?«

»Einen Pfarrer«, antwortete Hans Wurst.

»Ah«, schmunzelte Rumbo, »einen Pfarrer! Das ist eine ganz herrliche Idee! Such aber einen recht fetten aus, ja?«

»Ich weiß schon einen«, sagte Frechdachs und dachte an den, der ihm in der Christenlehre immer so heftig ins Gewissen geredet hatte, weshalb er ihn aufrichtig haßte. Ging also zu ihm und sprach: »Lieber Herr Pfarrer, ich soll Euch zu einer Gastmahlzeit bei meinem Herrn, dem reichen Gutsbesitzer Jörg Maulvoll, einladen für nächsten Sonntag. Mein Herr würde glücklich sein, einen so heiligen Mann nach Verdienst mit den herrlichsten Speisen und Weinen zu bewirten.«

Und fügte noch viele grobe Schmeicheleien und Erzählungen hinzu, was für schöne und gute Dinge es geben werde.

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