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Hans Wurst und der Riese

Otto Julius Bierbaum: Hans Wurst und der Riese - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudentenbeichten
authorOtto Julius Bierbaum
year1990
publisherNicolaische Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
isbn3-87584-318-5
titleHans Wurst und der Riese
pages109-134
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Otto Julius Bierbaum

Hans Wurst und der Riese

Ein automobiles Märchen

Der Riese Rumbo konnte die Menschen nicht leiden: konnte sie durchaus nicht leiden, weil sie neben ihm so lächerlich klein erschienen, aber doch klüger waren als er, und weil es ihm, von wegen seiner unmässigen Größe und Ungeschlachtheit, nicht möglich war, mit ihnen zusammen zu wohnen.

Wollte er das denn? Oh ja: denn er spielte leidenschaftlich gerne Skat.

Wie hätte er aber mit jemandem Skat spielen oder sonst etwas Vertrauliches treiben sollen, da er so groß war, daß er selbst die größten Häuser der benachbarten Residenzstadt nicht einmal zu Leibstühlen benützen konnte, weil sie dazu zu niedrig gewesen wären?

Daraus mag man sich ungefähr ein Bild machen, wie über alle Maßstäbe und Begriffe ausgedehnt dieser Kerl war.

Mein Onkel, der doch auch ein Mann von gutem Gardemasse und überdies Pfarrer, also gewöhnt war, seinen Blick immer aufs Höchste zu richten, hat mir mehr als einmal beteuert, daß Rumbo alle seine Begriffe von Länge und Breite übertroffen habe

Übrigens ist es dieser mein Onkel, der mir die Rumbo-Geschichte erzählt hat, was zu bemerken ich nicht ermangeln will, weil man sonst denken könnte, sie hätte keine Moral. Die Wahrheit ist, daß sie mehr Moral hat, als selbst der aufmerksamste Zuhörer beim ersten Male merken kann. Man muß sie sich also ein paarmal erzählen lassen. Es verlohnt sich.

Ich selbst habe sie sehr oft gehört, nämlich immer, wenn mein Onkel meinen Vater zu besuchen kam, um, wie er sagte, »nach dem Rechten zu sehen«. Es scheint aber, daß das Rechte sich bei uns im Keller aufhielt. Denn dorthin begaben sich bei solcher Gelegenheit die beiden Brüder sogleich, wenn der ältere beim Jüngeren zu Besuch angekommen war. – Dies nebenbei und ohne eigentliche Beziehung zum Rumbo.

Der war also nach der Überlieferung meines Onkels ein übergewaltiger Geselle. – Ich wünschte sehr, seine Größe in Metern angeben zu können, aber in dieser Hinsicht hat es mein Onkel an Exaktheit fehlen lassen. Statt einfach zu sagen: so und soviel Meter oder meinetwegen bayerische Ruten war er lang, liebte er es, die Ausdehnung des Riesen durch Vergleiche oder Bilder anzudeuten, wobei es mir nicht entging, daß dabei nicht immer das gleiche herauskam. Machte ich ihn darauf aufmerksam, so pflegte er zu sagen: »Mein lieber Junge, bei ganz großen Gegenständen irrt sich selbst die Bibel. Für das, was das gewohnte Maß maßlos überschreitet, haben wir Menschen nicht einmal die Fähigkeit, in Bildern ordentliche Maßstäbe zu finden. Kehre Dich nicht daran, wenn ich Dir einmal sage: Rumbos Beine waren so dick und lang wie die Türme der Frauenkirche zu München, und ein andermal: Rumbos Nasenlöcher waren so breit und lang wie der Tunnel durch den St. Gotthardt. Das stimmt freilich nicht; aber aufs Stimmen kommts auch nicht an, wo sich's um Riesen handelt. Sei froh, zu wissen, und laß es Dir genügen, daß Rumbo auf alle Fälle erstaunlich groß war; – wenn Du Lust hast, seiner Größe noch ein paar Kilometer hinzuzusetzen, so tu Dir keinen Zwang an. Meinetwegen kannst Du ihn Dir auch ein bißchen kleiner vorstellen, wenn er Dir dadurch näher kommt, aber, versteht sich, immer noch so riesig, daß Du Dich selber darüber wundern mußt. – Darauf kommt es an.«

Ich empfehle euch, es auch so zu halten.

Da Rumbo nicht unter Menschen wohnen konnte, lebte er ständig auf dem Lande und zwar in der Nähe der Stadt Knödelimkraut, die sich einer sehr waldigen Umgebung erfreut. Ah, was gab es da für Wälder! Und im allergrößten, der für ihn paßte, als wenn er ihm angemessen worden wäre, saß Rumbo. Tannen wuchsen drin, so dick, daß ein Mensch, der um eine hätte herumgehen wollen, dazu eine gute Stunde gebraucht haben würde. (Sagte mein Onkel, der Pastor.) Er hätte aber gar nicht drum herumgehen können, weil die Wurzeln dieser Bäume wie Gebirge über die Erde hervorstanden, und weil das Moos, das auf ihnen wuchs, selber wieder so hoch und dicht war, wie das Gebüsch in einem gewöhnlichen Walde. (Also!)

Für Rumbo aber war der Wald eben darum gerade recht; und er verließ ihn nur einmal in der Woche, nämlich am Sonnabend, wo er sich seine Mahlzeit holen mußte. Denn er aß nur einmal in der Woche, am Sonntag. Das kam daher, weil für ihn eine Woche so viel war, wie für uns ein Tag. (Inwiefern? – das wußte sogar mein Onkel nicht zu erklären, dem doch selbst in der Offenbarung Johannis keine Zeile dunkel war. – Ihr tut also gut, euch nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, – was zu unterlassen übrigens auch anderen Problemen gegenüber ratsam erscheint, da ein Kopf, auch wenn er hohl ist, nicht eigentlich die Bestimmung hat zerbrochen zu werden. Seine Kapazität wird dadurch nicht größer.)

In der Hauptsache bestand seine Mahlzeit aus Gemüse. Birkenbäume waren für ihn Spargel, Eichenbäume Spinat, aus jungen Tannen machte er sich Sauerampferbrei. Kuchen und andere süße Speisen konnte er sich nicht verschaffen, außer wenn er gerade einmal bei einem Bienenzüchter vorbeikam. Da fraß er dann gleich sämtliche Bienenstöcke mit dem Honig auf, aber auch mit den Bienen, und wenn ihn die Bienen im Munde und im Magen stachen, sagte er: »Ei, wie pikant!« Für gewöhnlich nahm er als Nachspeise einen Menschen zu sich, und er meinte, Menschenblut sei süßer als aller Honig; nur schade, daß man nicht viel davon vertragen könne, weil es dusselig mache. Er führte das aufs Denken zurück. Aber das ist ein Unsinn. Denken macht sauer. Ich glaube eher, daß es vom Lügen kommt.

Soviel von seiner Speisekarte.

Da Rumbo dumm war, war er auch faul, und so kam es, daß er meistens der Länge lang auf dem Boden lag und schlief.

Wie er nun einmal so da lümmelte, fühlte er ein Jucken in seiner Nase und mußte niesen; – hatzi! flog ein Mensch aus seinem Nasenloch und mitten auf die ganz mit zottigen Haaren bedeckte Brust.

»Hahaha!« lachte der Bursche; »Glück muß der Mensch haben! Nicht einmal Mist ist weicher!«

»Was! Du lachst noch? Du machst Bemerkungen?« brüllte Rumbo, »Dich werde ich übermorgen fressen.«

»Mich?« rief der Mensch, »ich bin kein Futter für zweibeinige Ochsen. Wer mich packen will, muß fixer und gescheidter sein, als Du.«

Und richtig, wie Rumbo nach ihm fassen wollte, saß der Mensch schon in seinem linken Ohre und schrie hinein: »Na, Onkel Übermorgen?«

Rumbo begriff, daß das eine Majestätsbeleidigung war, und wollte ihn sich mit seinem kleinen Finger (Klein! – Du lieber Gott! Er hatte die Ausdehnung von Frau Klara Ziegler) aus dem Ohre trillern, aber da war der Mensch schon lange wo anders. Und wo? Im Winkel von Rumbos linkem Auge. Dort saß er und kitzelte den Riesen mit der Fußspitze.

»Geh weg!« schrie Rumbo, »das kann ich nicht leiden.« (Wir haben es ja auch nicht gerne, wenn uns eine Mücke ins Auge gekommen ist.)

Der Mensch aber sagte: »Nicht eher, als bis Du mir versprichst, mich in Ruhe zu lassen.«

»Ja doch, ja doch«, brüllte der Riese, »mach nur, daß Du aus meinem Auge 'rauskommst. Das ist zu widerwärtig.«

»Siehst Du wohl?« sagte der Mensch, »was Kleines kann auch unangenehm werden«, und er setzte sich auf eine Warze, die sich wie ein mit Gras bewachsener Hügel, über und über mit Haaren bedeckt, auf des Riesen Nasenspitze erhob.

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