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Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke

Hans Sachs: Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke - Kapitel 57
Quellenangabe
typepoem
booktitleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
authorHans Sachs
editorKarl Pannier
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
created20051231
sendergerd.bouillon
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55. Schwank: Der Mönch Zweifel mit seinem Heiligthum.

(12. August 1558.)

                  Es liegt ein Städtlein in Welschland,
Dasselbe ist Cortal genannt.
Auf einer Höh' liegt diese Stadt,
Die rings viel gute Weide hat,
Zu der Viehzucht bequem alleine;
Besonders zieht man da viel Schweine.
Drum kommet dorthin alle Jahr'
Der Sanct-Antoninsmönche Vergl. oben Nr. 32. Schaar
Und sammelt das Almosen fein
Von ihrer Brüderschaft dort ein.
Nun ward ein Mönch dorthin gesandt,
Der Bruder Zweifel war genannt
Und listig war, verschlagen rund,
Daß jedermann riß auf den Mund,
Wenn er erzählt' von großen Streichen,
Von viel erlognen Wunderzeichen,
Ganz nach der Stationirer Vergl. oben Nr. 32. Art.
Doch ihm in allem Glauben ward,
Weil einfältig der Leute Sinn.
Der kam einst mit 'nem Knecht dahin,
Der Grütztapp Götze war genannt,
Ein Tölpel voller Unverstand.
Zusammen nahmen Herberg' sie.
Der kluge Mönch am Sonntag früh
Den Leuten auf der Kanzel befahl,
Daß sie Almosen brächten all'
Sanct Antoni, dem Himmelsfürsten,
Getreide, Geld, Wein, Brot sammt Würsten,
Auf daß er ihnen dann in Güte
Die Schweine vor dem Wolf behüte.
Sagt' ihnen auch mit viel Andacht,
Er hätt' ein köstlich Heilthum gebracht,
Eine Feder von Sanct Gabriel,
Dem Engel, zum Troste ihrer Seel'.
Zur None er die zeigen wollte:
Darzu ein jeder kommen sollte.
Das hörten junger Gesellen zween,
Thäten des Mönchs Schalkheit verstehn.
Als nun der Mönch zu Gaste aß
Und nicht in seiner Herberg' saß.
Die zwei zur Herberg' schlichen ein,
Zu stehlen ihm das Heilthum sein.
Sein Knecht, der Götz', im Wirthshaus wâs,
Beim Feuer in der Küche saß
Und buhlte um des Wirthes Maid.
Zur Kammer schlichen alle beid',
Fanden offen des Mönches Sack,
Darin ein kleines Lädlein stak,
Da, in Seiden gewickelt ein,
Lag ein grün Sittichfederlein.
Das nahmen sie mit kurzem Rath
Und legten Kohlen an die Statt,
Den Mönch mit diesem Streich zu plagen,
Was er zur None-Zeit würd' sagen,
Wenn er's dem Volk wollt' zeigen spät,
Statt Federn Kohlen finden thät'.
Als man die None läutet' drauf,
Da macht' sich Bruder Zweifel auf,
Sein Heilthum unbeschaut empfing,
Darmit hin zur Domkirche ging.
Da war versammelt Weib und Mann,
Das Heilthum hehr zu schauen an.
Der Bruder auf die Kanzel trat,
Die Predigt angefangen hat
Von seinem würdigen Heilthum.
Erzählte Summa Summarum,
Wie Gabriel in Nazareth
Die Feder einst verloren hätt',
Da er den Engelgruß gebracht.
»Nun schaut das Heilthum mit Andacht!
Steckt an die Kerzen! nieder kniet!
Beichtet mit offenem Gemüth!«
Nach dem sein Lädlein er vorzog
(Wußt' noch nicht. wie man ihn betrog),
That's auf, die Feder zu holen schnell:
Da lagen Kohlen an der Stell'.
Darob Mönch Zweifel thät erschrecken,
Daß in der Rede er blieb stecken.
Jedoch bald faßt' er sich ein Herz,
Hob Händ' und Augen himmelwärts
Und sprach: »O sehet an dies Wunder!
Ich hab' vermeint, ich hab' jetzunder
Die Federn von Sanct Gabriel.
Hab' mich geirrt, bei meiner Seel',
Und hab' die Kohlen mitgenommen,
Drauf man den heiligen und frommen
Laurentius gebraten hat
In Welschland dort, in Rom, der Stadt,
Die ich auch bracht' mit eigner Hand
Aus Jerusalem, dem heil'gen Land;
Die gab mir dort ein heil'ger Abt.
Sie sind mit Gnadenkraft begabt:
Wenn einen ich bestreich' damit,
Der kann das Jahr verbrennen nit;
Daß er es selber nicht empfind',
Laßt euch bestreichen, lieben Kind!«
Zu Bruder Zweifel drängt' sich bald
Mit Kerzenlichtern Jung und Alt.
Einen Kreuzer jedes opfert' schnell.
Er nahm die Kohlen auf der Stell'
Und jedem Weib mit viel Andacht
Ein Kreuzlein auf den Schleier macht'.
So schwatzt' ihr Geld er ihnen ab,
Schwarze Kohlen für weißes Silber gab.
Darmit füllt' er sich voll den Hals.
Was er vorschwatzt', sie glaubten all's.
Der Beschluß.
Nach solcher Stationirer Brauch
Ist Deutschland vor der Zeit ja auch
Betrogen worden mit viel Secten,
Die voller List und Lüge steckten,
Und doch mit solcher Fantasei
Uns führten an der Nase frei,
Weil wir stets glaubten, was sie sagten,
Die nicht nach unsrer Seele fragten,
Vielmehr allein nach unserm Beutel.
Das Geben schmerzte uns kein Meutel. Meutel (Meidel von medaglia) ist eine geringe Münze; also »kein Meidel« = durchaus nicht.
Das Sprichwort wird erfüllt gemein:
Die Welt, die will betrogen sein.
Doch hat sich das, Gott Lob, verkehrt,
Weil rein man Gottes Wort nun lehrt.
Sperrt jedermann den Beutel zu,
Hat man vor dem Geschmeiß bald Ruh'.
Gott geb', daß nimmermehr aufwachs'
Solch Affenspiel! Das wünscht Hans Sachs.
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