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Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke

Hans Sachs: Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke - Kapitel 55
Quellenangabe
typepoem
booktitleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
authorHans Sachs
editorKarl Pannier
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
created20051231
sendergerd.bouillon
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53. Das Gesellenstechen.

Gesellenstechen sind Kampfspiele der reichen Bürgersöhne nach Art der Ritterturniere.

(8. März 1558.)

          Als fünfzehnhundert Jahr
Und achtunddreißig war,
Nach Lichtmeß am Mittwoch,
Ich 'nein gen Nürnberg zog,
Meinen Vorrath neu zu füllen,
Und kam hin zu Wolf Rüllen,
Mir Waaren einzukaufen.
Da ward ein großes Laufen
Zum Markte hin mit Stühlen,
Und auch mit Bänken vielen.
»Was wird denn da?« ich fragte.
»Das seht ihr gern,« er sagte;
Führt' hoch mich in ein Haus:
Ich schaut' vom Fenster aus
Auf wohlumschränkte Bahn,
Zu der thät man sich nahn
Auf Rossen, Karr'n und Wagen.
Auf Leitern, Fässern, Schragen Brettergerüste, auf Holzböcken liegend, auf denen die Kaufleute ihre Waaren auslegen.
Stand Volkes große Menge,
Da war ein groß Gedränge,
Viel Schrein und laut Getös',
Von Rossen ein Gestöß;
Brach ein Gerüst allda,
Schön Purzeln dann man sah.
Ringweis' am Markt ich wol
Sah alle Fenster voll
Ehrbarer Männer und Frauen,
Das Ritterspiel zu schauen.
Voll war'n die Häuser innen.
Von Dächern und von Zinnen
Die Leute schauen thäten.
Indem hab' ich Trommeten
Und Pfeifen gar vernommen;
Von oben sah ich kommen
In hohem Zeug acht frecher,
Gerüst'ter Krönleinstecher,
Zusammen stets ein Paar,
Von denen jeder war
In seine Farb' gekleidet.
Ein jeder war begleitet
Von dreien Narrn, die ihnen
Behende sollten dienen,
Gekleidet wie ihr Herr.
Vor jedem Stecher her
Ritt' einer, wie's gebührt,
Der seinen Spieß ihm führt'.
So zogen sie zu Pferde
Ganz höflicher Geberde
In die umschloss'ne Bahn,
Die schützten ein'ge Mann:
Sie thäten wenig prangen.
Das Spiel ward angefangen.
Ein jeder an der Stätt'
Seinen Rüstmeister hätt',
Der ihn schraubt' aus und ein.
Dann legt' man Lanzen ein,
Und traf das erste Paar,
Wie's Loos gefallen war.
Das zweite, dritt' und viert';
Darnach ward erst turniert,
Und war der Nächst' der Best';
Sie saßen stark und fest
Und trafen wohl und frei;
Hier ritten zween, dort drei,
Als ob Turnier es wär'.
Viel Sättel wurden leer.
Die Pferde liefen schnelle
Und thaten schnelle Fälle;
Wenn einem etwas riß
Und brach (oft sah man dies),
War er nach kurzer Zeit
Zum Treffen neu bereit.
Sie schonten sich da nit,
Nur selten wer fehlritt,
Viel Sättel leer sie machten.
Die Herren thäten achten
Auf aller Fälle Weise.
Die man anschrieb mit Fleiße
Oben auf dem Portal.
Am Markte war viel Schall
Von manchem starken Stoß,
Daß beide, Mann und Roß,
Oft lagen auf der Bahn;
Und doch fing's wieder an,
Als wäre gar nichts drum,
Allein um Preis und Ruhm.
Sie trieben tapfer zu
Und hielten wenig Ruh',
Als wär's in einem Kampf,
Daß ihnen Dunst und Dampf
Aus ihren Helmen drang.
Als das gewährt nun lang',
Sehr viel getroffen hatten,
Auch Pferde stürzen thaten,
Zu Schaden welche kamen,
Da andre schnell sie nahmen
Und sich aufs Neue trafen,
Höflich und nicht zur Strafen.
Oft ritten auf einen zween,
Die frei er thät bestehn:
Ich sah nicht zagen Mann.
Dann nahmen sie die Bahn
Mit ihren Rossen kurz.
Da kam mancher zum Sturz,
Daß ihm der Leib erkracht'.
Es nahete die Nacht.
Sie ließen dazumal,
Wie es die Zeit befahl,
Von ihrem Ritterspiel,
Das mir herzwohl gefiel,
Mich thät mit Freud' erfüllen.
Da sprach ich zu Wolf Rüllen:
»Wer hat gestochen heute?
Sind's fremde Edelleute?«
Er gab Antwort geschwind:
»Der Bürger Söhn' es sind,
Die thäten sich besprechen
Zu dem Gesellenstechen.«
Ich sprach: »Wer lehrte sie's?«
Er sprach: »Es thaten dies
Die Väter, so vor Jahren
Auch gute Stecher waren.
Auch hat ein hoher Rath,
Dem es gefallen hat,
Auf solches Ritterspiel
Gewendet Kosten viel,
Verordnet, vorgesehn,
Daß kein Schad' soll geschehn,
Noch Nutz gezogen werde
Von Spieß, Rüstung und Pferde.«
»Lob einem ehrbar'n Rath',«
Sprach ich, »der löblichen Stadt,
Der so hilft Kurzweil mehren,
Die dient zu Nutz und Ehren;
Die Söhn' dazu läßt ziehn,
Zu werden Reis'ge kühn.
Die Stecher möcht' ich kennen!«
Er sprach: »Ich will sie nennen,
Die hier gestochen heut':
Haus Starck trug blaues Kleid,
Siegmund Pfintzing, der bot
Die Farben grün, weiß, roth;
Wolf von Dill, schaut, derselb'
Führt' blau, weiß und halbgelb;
Max Bucher von Leipzig stach
In gelb, grau, weiß; hernach
Joachim Bemer nach Preis
Ritt blau, halbroth und weiß;
Christoph Fürer darnach,
In lauter Schwarz der stach;
Gabriel Nützel kühn
In Gelb, Halbroth und Grün;
Matthes Ebner, versteht,
Blau und roth führen thät.
So heißen alle acht.«
Ich fragt' ihn mehr und lacht':
»Wer hat den Preis erjagt?«
Er sagte mir: »Heut' Nacht
Gibt man den Dank erst aus
Oben auf dem Rathhaus:
Dem Besten den Vortanz,
'Nen Ring mit einem Kranz;
So nach der Reihe fort
Ehrt man sie alle dort,
Jeglichen mit Vortanz;
Mit einem schönen Kranz
Thut sie die Braut begaben,
Weil sie mit Ehren haben
Gehalten das Gestech'.«
Urlaub nach dem Gespräch
Nahm ich und ging allda.
Die Fastnacht ich nie sah
So tapfere Kurzweil:
Drum Lob ich ihnen ertheil',
Und wünsch', daß diese acht
Auf künftige Fastnacht
Die Spieße wieder brechen
In dem Gesellenstechen
Ganz nach der höf'schen Weis',
Daß ihnen Lob und Preis
Bei der Gemeine wachs';
Das wünscht ihnen Hans Sachs.
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