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Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke

Hans Sachs: Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke - Kapitel 52
Quellenangabe
typepoem
booktitleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
authorHans Sachs
editorKarl Pannier
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
created20051231
sendergerd.bouillon
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50. Fabel: Das Zipperlein und die Spinne.

(28. Dezember 1557.)

                        Als ich spaziert' an einem Tag
Vor einem Wald am grünen Hag,
Ein Zwiegespräch erhört' ich da
Jenseits des Hages, mir ganz nah'.
Ich schlich hinein, um da zu hören
Im Hag, wer wol die Sprecher wären.
Als ich gemachsam horcht' darinne,
Da war es eine alte Spinne,
Mit welcher sprach das Zipperlein.
Das Zipperlein.
Das sprach zu ihr: »Gespiele mein,
Was ziehst du einsam über Feld
Und trägst nicht Kleider, trägst nicht Geld?«
Die Spinne.
Die Spinne sprach: »Man trieb mich aus
Aus eines reichen Bürgers Haus,
Darin ich länger nicht konnt' bleiben.«
Das Zipperlein.
Zipperlein sprach: »Wer thät dich vertreiben?«
Die Spinne.
Die Spinn' sprach: »Ich hatt' viel Unfried',
Sehr großen Hunger ich erlitt.
Denn wenig Fliegen im Haus gediehn,
Die in mein Netz ich konnte ziehn,
Weil man so sauber hielt das Haus;
Die Fliegen trieb man oft auch aus,
Mit Fliegenwedeln und Fliegenschwamm
Man täglich, sie zu verderben, kam.
Noch waren viel Hundsmücken frei,
Die rissen mir mein Netz entzwei,
So daß ich keine konnt' behalten,
Und darum jetzt muß Hungers walten.
Auch stellten mir nach Leben und Leib
Der Herr und darzu auch sein Weib.
Wenn sie es etwa thaten sehen.
Daß ich gehangen in der Nähen
Mit meinem Gespinnst an einer Ecken,
So thäten scheltend sie aufwecken
Den Hausknecht und auch die Hausmagd.
Von denen ward ich viel gejagt,
Sie kehrten das Haus die ganze Wochen
Und haben mein Spinnweb oft zerbrochen,
Daß ich kaum in ein Loch entrann.
So fing ich denn ein andres an,
Und war's auch noch nicht fertig schon,
So kam doch Tochter oder Sohn
Und riß entzwei dasselbe mir.
Im Haus hab' jeden Ort ich schier
Versucht; in solchem Herzeleid
Spann ich wol mehr als manche Maid.
Ich bin zuerst eine Jungfrau gewesen,
Thut im Ovidius man lesen,
Arachne, also war mein Nam';
Doch meiner Kunst war Pallas gram,
Die mich zur Spinne hat gemacht.
So hab' ich meine Zeit verbracht
Bei den höflichen Bürgersleuten,
Mein' edle Kunst mit zu bedeuten,
Doch weil mir jeder setzet zu
So streng' ohn' alle Rast und Ruh',
Die Bürgerschaft ich jetzt verlasse
Und liege jetzund auf der Straße.«
Das Zipperlein.
Sprach's Zipperlein: »Wo willst du hinaus?«
Die Spinne.
Die Spinn' sprach: »In ein Bauernhaus!
Will mich in einen Winkel schmiegen,
Der hat wol hunderttausend Fliegen;
Dort meinen Hunger ich niederzwinge,
Mein Leben auch in Ruh' verbringe,
Weil wol ein ganzes Jahr hinfährt,
Eh' man das Spinneweb abkehrt:
Die Leut' da mehr zu schaffen haben!
Schau, dorten will ich mich eingraben,
Bei dem, da bleib' ich unvertrieben,
Dieweil die Bauern mich auch lieben,
Weil von den Alten sie erfahren,
Ich thät' vor bösen Dämpfen wahren.
Da kann ich unbeirret sein
Vor einem dunkeln Fensterlein,
Vom Fliegendrecke überklebt.
Daß in der Stadt so lang' ich lebt',
Das muß ich wahrlich sehr bedauern.«
Das Zipperlein.
Drauf's Zipperlein: »Schweig' von den Bauern!
Komm' flüchtig erst von ihnen her,
Sie sind mir grob und feindlich sehr.
Zog ich bei einem Bauern ein,
Da thät er gar nicht schonen mein
Und schleppte mich durch Dreck und Koth;
Macht' ich ihm einen Fuß auch roth,
So meint' er, er hätt' ihn verrenkt.
Mit Arbeit er mich oftmals kränkt',
Lud mit mir Mist und pflügt' und säte,
Er fuhr ins Holz, er drasch, er mähte
Und thät sich darmit so erhitzen,
Daß er am ganzen Leib thät schwitzen.
Derselbe Schweiß macht' mich gar krank,
Da er mir in die Nase stank.
Er stieß auf Wurzeln mich und Stein.
Auch meine Kost war bei ihm klein.
Er aß ja Milch nur, Rüben, Kraut,
Erbsen und Gerste, was er baut',
Trank Milch und Wasser auch allein
Und thät verspotten mich Zipperlein.
Da ward ich matt und hungrig schnell,
Konnt' nicht mehr bleiben an der Stell';
Zwar konnt' ich vor den Aerzten bleiben,
Doch thät er mich mit Hunger vertreiben,
Denn bei so wenig Trank und Speise
Zu bleiben, ist nicht meine Weise,
Dieweil Bacchus mein Vater ist,
Der mich gebar vor langer Frist
Durch gute Bißlein, starken Trank,
Durch Wollust und viel Müßiggang,
Wie das denn täglich lehrt die Prob'.
Auch sind die Bauern allzu grob:
Drum ich von ihnen gegangen bin.«
Die Spinne.
Die Spinne sprach: »Wo willst du denn hin,
Deine Zeit forthin im Land vertreiben?«
Das Zipperlein.
Das Zipperlein sprach: »Nun will ich bleiben
Bei Bürgern, Adel oder Pfaffen,
Die haben jetzt nicht mehr zu schaffen,
Als müßig gehn und Wollust treiben
Mit Baden, Spielen, Schlafen, Weiben;
Sie essen und trinken auch das Beste:
Bei denen ich mich herrlich mäste!
Da legt man mich aufs weiche Bett.
Trotz dem, der mich anrühren thät'!
Man hüllt mich ein und hält mich warm;
Wenn mich der Aerzte großer Schwarm
Mit seiner Kunst auch will vertreiben,
So thu' ich dennoch länger bleiben.
Hab' ich nur wenig nachgelassen,
So lebt der Kranke vor'ger Maßen
Und thut mich selber locken und hegen,
Mit starker Kost und Trank mich pflegen.
So thu' ich ihn denn drücken wieder,
Und der Kranke duckt sich wieder nieder,
Hält eine Zeit sich still und mäßig;
Doch lass' ich nach, wird er gefräßig.
Alsdann vexiere ich ihn wieder
Und nehm' ihm alle seine Glieder
So eines nach dem andern ein.
Zuerst da bin ich kurz und klein,
Thu' ihm an einem Zeh nur wehe;
Darnach ich immer weiter gehe,
Werd' länger mit der Zeit und größer,
Herber, bitterer und böser,
Bin endlich nicht zu treiben aus.«
Die Spinne.
Die Spinne sprach: »Ich komm' ins Haus
Zuerst verlassen und allein,
Wie du auch unbemerkt und klein,
Zur Winterszeit verkriech' ich mich,
Im Lenze ziehe weiter ich;
Ich lege Eier und thu' nisten,
Erzeuge Jung' in kurzen Fristen,
Derselben ist nicht Maß noch Zahl;
Das Haus umzieh' ich überall
In Stub' und Kammer mit meinen Fäden;
Vor allen Löchern, Fenstern und Läden
Sind meiner Jungen Geweb' und Netze.
Allda in Freud' ich mich ergetze.
Drum bitt' ich, komm' nach kurzer Zeit
Aufs Dorf, beschau' meine Herrlichkeit
In meines armen Bauern Haus.«
Das Zipperlein.
»Ich komm' nicht mehr aufs Dorf hinaus,«
Sprach das Zipperlein mit Verlangen;
»In der Stadt, da werd' ich schön empfangen,
Da weiß ich einen Bürger reich;
Denselben ich heut' Nacht beschleich',
Während er sitzet beim Bankett.
Schon lang' er mich anlocken thät
Mit starker Speis' und vielem Trank,
Der wird aufnehmen mich mit Dank
Und mich auf seidne Kissen legen.
Meine Schwester Spinn', laß dich bewegen,
Zur Stadt mit mir zurücke kehre
Und schaue meine Pracht und Ehre,
Wie mich der Bürger hält so wohl.«
Die Spinne.
Die Spinne sprach: »Da wär' ich toll,
Wenn ich mein Leben wagt' dahin!
Froh bin ich, daß ich ledig bin.
Ich zieh' dahin ins Bauernhaus
Und komm' auch nimmermehr heraus.
Bleib' du beim Bürger in der Stadt,
Da man dich auch in Ehren hat.
So sind wir beide wohl versehen.«
Das Zipperlein.
Das Zipperlein sprach: »Das soll geschehen!
Zeuch hin, ich wünsch' dir Glück und Heil!«
DerBeschluß.
Also zog hin ein jeder Theil,
Die Spinn' aufs Dorf hin zu den Bauern,
Das Zipperlein nach den Stadtmauern
Gar langsam Fuß für Fuß hinging.
Zu laufen ich gar bald anfing
Zur Stadt, die Bürger all' zu warnen
Vor des argen Zipperleins Garnen:
Es wird heut' auf den Abend kommen
Und gastlich werden aufgenommen.
Drum, wer ihm nicht will Herberg' geben,
Derselbe bringe hin sein Leben
Mit harter Arbeit, geringer Kost,
Wie denn Petrarca gibt den Trost,
Das Zipperlein treib' Armuth aus,
Da's nur wohn' in der Reichen Haus;
Doch wenn der Reiche ärmlich lebe,
Das Zipperlein die Flucht auch gebe.
Derhalben flieh', wer fliehen mag,
Daß das Zipperlein auf den Tag
Nicht bei ihm einkehr' und auferwachs'
Durch Ueberfluß, das räth Haus Sachs.
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