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Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke

Hans Sachs: Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke - Kapitel 45
Quellenangabe
typepoem
booktitleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
authorHans Sachs
editorKarl Pannier
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
created20051231
sendergerd.bouillon
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43. Schwank: Das Unholdenbannen.

(10. Januar 1556.)

                    Zu Langenau im Schwabenland
Ein Bauer saß, Klaus Ott genannt,
Der also abergläubig wâs,
Daß er's den Unholden zumaß,
Wenn ihm einmal ein Unglück kam.
Wenn ihm ein Pferd ward etwa lahm,
Wenn eine Kuh das Milchen ließ,
So war die Trude Schuld gewiß.
Drum war er ihnen also feind,
Daß er zu rächen sich vermeint',
Hätt' er gewußt nur, wer sie wär'n.
Drum wollte er sie kennen gern.
Einst, an 'nem Donnerstage spat,
Ein fahrender Schüler zu ihm trat,
Wie sie denn gingen um vor Jahren
Und lauter Bauernbesch . . ßer waren.
Der sagt' ihm großes Wunderwerk,
Wie er käm' aus dem Venusberg,
Wär' Meister in der schwarzen Kunst;
Macht' so dem Bauern blauen Dunst.
Und der dann über die Hexen klagte,
Wie er sie haßte, und ihm sagte,
Er wollt' sich gern an ihnen rächen.
Da thät der fahrende Schüler sprechen:
»Mein Freund, ich kann's gar wohl dich lehren,
Wie du kannst bannen und beschwören
Im Lande der Unholden Schaar,
Daß all' zusammen kommen gar
Und du kannst sehn den ganzen Hauf'.«
Zum Schüler sprach der Bauer drauf:
»Es soll ein Gulden dein gehören,
Wenn du mich willst das Bannen lehren.«
Der sprach: »Gern ich dich's lehren will,
Jedoch es ist kein Kinderspiel.
Wenn auch das Ding mißlänge dir,
Darfst keine Schuld du geben mir;
Denn 's ist gefährlich mit den Sachen.«
Der Bauer sprach: »Ich will's schon machen!
Drum fang' mit deiner Kunst nur an.«
Der sprach: »So nimm zu dir zwei Mann
Und geh' hinaus bis vor den Wald.
Da stehet eine Eiche alt
Im Feld, wo sich die Wege scheiden;
Da stelle auf dich mit den beiden,
Und jeder halt' ein bloßes Schwert;
Dann grabt im Kreise auf die Erd'
Etwa auf dreißig Klafter weit
Rings um die Eiche, groß und breit.
Darauf schürt an ein großes Feuer
Im Kreise zu dem Abenteuer,
Lauft dreimal im Kreis herum mitsammen
Und werft des Kalbes Herz in die Flammen,
Das neulich hast gestochen du.
Sprich diesen Segen auch darzu:
Venite, ir unhuldibus,
Bringt bengel her uns stultibus,
Die semper mit uns spendibus
Sub capite et lendibus!

Wenn ihr das spracht zu dreien Malen,
So kommen aus dem Wald mit Prahlen
Die Hexen, um im Kreis zu rennen,
Daß ihr sie mögt persönlich kennen.
Dann sprecht aufs neu' den Segen fromm,
Daß euch kein Ungewitter komm'.
Doch wenn ihr falsch macht an dem Ort
Am Segen nur ein einzig Wort,
So wird der Teufel unverhohlen
Auf euch werfen feurige Kohlen,
Und die Unholden werden euch
Ein Ungewitter schicken gleich
Und euch vor Bangen machen heiß.
Doch bleibet alle drei im Kreis!
Wird einer sich daraus begeben.
So kostet ihn das Ding das Leben.
Das sag' ich jetzt dir allermaßen,
Drum magst du thun es oder lassen.«
Der Bauer sprach: »Ich will es wagen.
Ich hab' mit drei'n mich schon geschlagen
Und kam darvon ganz unbeschädigt,
Werd' auch der Hexen wol erledigt.
Sag' mir nur an, wann ich muß gehn,
Ich und darzu die andern zween?«
Der sprach: »Gleich heut' um Mitternacht
Werd' diese Kunst von euch vollbracht!«
Der Bauer ging und freute sich.
Der fahrende Schüler ordentlich
Sich auf das Abenteuer besann,
Zu äffen diesen Bauersmann.
Nachts er in die Spinnstuben schlich
Und warb da neun Roßbuben sich,
Gab ihnen seinen Auftrag dann.
Die legten Frauenkleider an,
Als wären sie Unholden alt.
Er führte sie hinaus zum Wald.
Jeder thät sich drei Prügel hauen,
Um fertig diesen Streich zu brauen;
Sie harrten auf des Schülers Wink.
Der schlich sich zu dem Kreuzweg flink
Und oben auf die Eiche saß,
Daß er mocht' sehen alles das.
Ein Kohlenbecken bei sich hätt'.
Als nun der Bauer kommen thät
Mit zwei Nachbarn um Mitternacht,
Da ward der Kreis gar bald gemacht
Mit bloßen Schwertern um die Eichen,
Der dreißig Klafter wol thät reichen.
Dann schürten an sie ungeheuer
Mitten im Kreis ein großes Feuer.
Dann liefen auch die Bauern dumm
Um des Feuers Glut dreimal herum
Und warfen drein das Herz vom Kalb
Und sprachen den Segen, doch kaum halb.
Als die Roßbuben das Feuer sahn,
So war es ausgemacht im Plan,
Sie eilig aus dem Walde schlichen
Und ringsherum im Kreise strichen
Mit einem ungestümen Wesen;
Mit Rocken, Gabeln und mit Besen,
Mit Schaufeln, Rechen, Ofenkrücken
Im Kreis sie hin und wieder rücken.
Nun schien der Mond so überhell,
Daß man sie sah und hört' ihr Gebell.
Sie thäten rings im Kreise tanzen
Und machten seltsame Gramanzen.
Das thät die Bauern drei erschrecken,
Sie blieben in dem Segen stecken
Und Zittern alle überkam.
Den Kohlentopf der Schüler nahm
Und warf ihn nieder auf die Bauern.
Da wurden furchtsam erst die Lauern, D. h. eigentlich Lauerer, dann hinterlistiger Mensch, überhaupt ein Schimpfwort; sprichwörtlich ist: der Bauer ein Lauer.
Meinten, der Teufel hätt' die Kohlen
Geworfen und würd' sie alle holen.
Als in die Höh' die Kohlen stoben,
Zu werfen auch die Druden anhoben
Mit Knüppeln auf sie in den Kreis.
Den dreien ward vor Sorgen heiß,
Die Knüttel schwirrend auf sie flogen
Und trafen sie, daß sie sich bogen,
Um Bein' und Lenden, um die Köpfe,
Daß sie sich drehten wie die Töpfe;
Doch wagt' sich keiner aus dem Ring;
Klaus Ott die Angst in die Hosen ging.
Als die Unholden verworfen gar
Die Prügel, lief zurück die Schaar,
Zerstreute sich im dichten Wald.
Froh waren die drei Bauern alt
Und liefen aus dem Kreis heraus
Und kamen hinkend heim zu Haus,
Mit Beulen, schwarz' und blauen Flecken
Von der Hexen Prügelstecken.
Jedoch es durfte keiner klagen,
In dreien Tagen davon sagen.
Sie schwuren bei Treu', Eid und Ehr',
Forthin zu bannen nimmermehr
Die Hexen oder die Unhulden.
So mußten sich die drei gedulden,
Zur Schlappe noch erleiden Spott
Von der andern Bauern Rott'.
Denn die Roßbuben nach den Tagen,
Die thäten's allen Menschen sagen,
Wie die Geschicht' gegangen war,
Und ward ihr Schad' mit Schanden klar.
Der fahrende Schüler nahm den Lohn
Des Morgens früh und zog darvon.
Der Beschluß.
So wird noch mancher Mann betrogen
Und an der Nas' herumgezogen
Von Zauberkünstlern und Landstreichern,
Die ihre Kunst mit Lob beräuchern;
Und doch ist ihre Zauberei
Ein blauer Dunst und Fantasei,
Erdichtet und erlogen kläglich,
Wie man es kann erschauen täglich.
Daraus folgt viel des Ungemachs;
Hüt' dich vor denen, räth Hans Sachs.
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