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Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke

Hans Sachs: Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke - Kapitel 44
Quellenangabe
typepoem
booktitleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
authorHans Sachs
editorKarl Pannier
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
created20051231
sendergerd.bouillon
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42. Schwank: Eulenspiegels Disputation mit einem Bischof ob dem Brillenmachen.

Vergl. Pauli S. 154.

(29. August 1554.)

                        Der Eulenspiegel einst vor Jahren,
In aller Schalkheit wohl erfahren,
Lief in dem Winter über Feld,
Hatt' schlechte Kleider und kein Geld;
Indem da sah er dort von weiten
Sich reisig Zeug entgegenreiten.
Ein Bischof mit Gefolg' es war:
Nach Worms wollt' er mit seiner Schaar.
Allda sollt' werden ein Reichstag
Und mancher Fürste zog darnach,
Wollten betrachten gemeinen Nutz,
Römischem Reich zu Hilf' und Schutz,
Das auf diesmal viel Anstöß' hatt'.
Als er ihm nun begegnen that,
Zog Eulenspiegel ab den Hut
Und neigte sich dem Bischof gut.
Der hielt, sah Eulenspiegel an,
Merkt' wohl, daß er war ein Fatzmann,
Und dacht': »Ich hört' zu allen Tagen,
Daß Kinder und Narr'n die Wahrheit sagen;
Ich will gleich diesen reden an,
Der wird mir balde sagen dann,
Was der gemeine Mann von Herrn
Und Fürsten spreche nah und fern.«
Der Bischof.
Er sprach: »Gut G'sell, woher so g'schwind,
In üblem Kleid bei Schnee und Wind?
Du solltest bleiben unter Dach!«
Eulenspiegel.
Eulenspiegel hinwider sprach:
»Mein gnäd'ger Herr, ich muß wol wandern
Von einem Lande zu dem andern
Nach meinem Handwerk durch Polen und Preußen,
Durch Ungarn, Beheim, Sachsen, Reußen,
Frankreich, Schotten und Engeland,
Durch Holland, Niederland, Brabant,
Den Rheinstrom, Baiern, Franken, Schwaben –
Und konnt' doch nirgends Arbeit haben
Ins dritte Jahr nur einen Tag:
So sehr mein Handwerk darnieder lag.«
Der Bischof.
Der Bischof fragte wieder her,
Was Eulenspiegels Handwerk wär',
Das so unwerth wär' in der Welt?
Eulenspiegel.
Der Eulenspiegel da wieder meld't:
»Ein Brillenmacher, gnäd'ger Herr!
Darum muß laufen ich so sehr,
Weil ich ja nirgends Arbeit hab'.«
Der Bischof.
Der Bischof hierauf Antwort gab:
»Wie kann das sein? (und thät fein lachen)
Ich denk' fürwahr, das Brillenmachen
Sei jetzt viel besser denn vor Jahren,
Weil alle Tage wir erfahren,
Daß alle menschliche Natur
Wird schwächer und gebrechlicher nur
Und nimmt an allen Kräften ab;
Derhalb bedarf der Hilf' und Lab'
Voraus des Menschen blöd' Gesicht,
Was durch die Brillen denn geschicht.
Derhalb ist Brillenmachen werth,
Weil jetzo auf der ganzen Erd'
Die Laien lesen also viel:
Schier jeder Doctor werden will
Und in der Schrift umphantasiren,
Mit Geistlichen viel disputiren
Und sie auch in die Bücher jagen;
Derhalb darf ich für Wahrheit sagen,
Daß man jetzt mehr liest denn vor Jahren,
Als noch die Lai'n einfältig waren,
Mit den Gelehrten nicht conversirten,
Die desto wen'ger auch studirten
Und auch den Büchern gaben Ruh'.
Das sind gewicht'ge Gründ' darzu,
Daß Brillenmachen werther ist
Denn vor Jahren zu keiner Frist:
Drum glaub' ich, auf dir die Schuld wird ruhn,
Weil faul du bist und willst nichts thun,
Willst lieber strolchen fern und weit.«
Eulenspiegel.
»Nein, gnäd'ger Herr, bei meinem Eid,
Ich will die Sach' euch baß erklär'n,
Daß ihr mir werdet glauben gern.
Sollt' nicht mein Handwerk sein verdorben?
Fromme Geistliche sind meist gestorben,
Die lasen viel in heil'ger Schrift
Und löschten aus der Ketzer Gift,
Suchten allein des Herrgotts Ehr'
Und ihres Nächsten Liebe mehr
Denn ihren eignen Ruhm und Nutz,
Ohn' allen Neid und Zorn und Trutz.
Die sind fast alle gen Himmel gefahren
Und jetzund Brillen viel ersparen.
Die alten Pfaffen, so noch leben,
Die alten Münche auch darneben,
Die haben Horas und Gebet
So lang' getrieben früh und spät,
Daß alles sie auswendig wissen,
Und so die Brillen können missen;
Dergleich der jungen Mönche Haufen,
So jetzo aus den Klöstern laufen
Und dann ein Handwerk lernen fein,
Sich nähren so wie andre Lai'n,
Die brauchen auch die Brillen nicht,
Darum mein Handwerk ist zunicht';
Dergleichen Fürsten auch und Herrn
In deutschen Landen weit und fern
Benutzen jetzo Brillen nicht.«
Der Bischof.
Der Bischof sprach: »Mich deß bericht',
Warum sie brauchen Brillen nit?«
Eulenspiegel.
Er sprach: »Sie haben diese Sitt',
Daß sie uns durch die Finger sehen.«
Der Bischof.
Der Bischof sprach: »Wie kann's geschehen?
Die Fürsten haben groß Hofgesind',
Auch schnell und arg die Amtleut' sind,
Durchtrieben, aller Schalkheit voll,
Bedürfen scharfer Brillen wohl,
Daß besser darauf sehen sie,
Eh' daß die Katz' wird ihr bestes Vieh; D. h. ehe sie ganz verarmen oder, wie wir sagen würden, ehe sie auf den Hund kommen.
Drum thu' mir solches baß erklären.«
Eulenspiegel.
Drauf Eulenspiegel: »Will's gewähren!
Seht, gnäd'ger Herr, im deutschen Land
Geht Raub, Gefängniß, Mord und Brand
Ganz wider Recht und Billigkeit
Jetzund im Schwang schon lange Zeit
Durch heimliche Praktik und böse Tücke
Und mancherlei Tyrannenstücke,
Welches meistentheils auch geht
Ueber die Bürger und Reichsstädt'.
Solch Unrecht sollten die Fürsten wehren
Und hindern es bei ihren Ehren
Und dem römischen Reich beistehn,
Es nicht lassen in Trümmer gehn.
Doch sitzen die Fürsten still in Ruh'
Und sehen durch die Finger zu:
Derhalben brauchen Brill'n sie nicht,
Sich zu erhalten gut Gesicht,
Wie sonst die alten Fürsten hatten,
Die ihr Land sauber halten thaten
Und schauten scharf auf jede Straß';
Und wo ein Landfriedbrecher wâs,
Der Aufruhr machte in dem Land.
Den thäten sie mit starker Hand
Hertreiben, ihm das Handwerk legen.
Da war noch werthvoll allerwegen
Mein Handwerk und das Brillenglas,
Weil jedermann noch kaufte was.
Jetzt ist es worden gar unwerth
Bei Lai'n und Geistlichen auf Erd',
So daß ich leide solche Noth,
Daß ich schier äß' das Bettelbrot.«
Der Beschluß.
Der Bischof lacht' und fröhlich sprach:
»Komm, gut' Gesell, gen Worms mir nach
Und iß zu Hof', sei unbeschwert
So lang', als dieser Reichstag währt.
Denn Herrn und Fürsten beschließen dort
Was Gutes, hoff' ich, auf mein Wort,
Auf daß es in Deutschland besser steh'
Und dein Handwerk von Statten geh'.
Daß du auch kommst zu Ehr' und Gut.«
Der Bischof mit fröhlichem Muth,
Der zog mit seinem Zeug dahin
Und dacht' geheim in seinem Sinn:
»Weiß der gemeine Mann die Tücken,
Daß heimlich wir alles unterdrücken
Mit dem gefärbten guten Schein,
Vermeinten, es sollt' heimlich sein,
So ist es wahrlich hohe Zeit,
Daß Unschuld und Gerechtigkeit
Wir im bedrückten deutschen Land
Beistehen mit gerechter Hand,
Daß uns kein Aufruhr draus erwachs'.« –
Mög's bald geschehn! Das wünscht Hans Sachs.
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