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Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke

Hans Sachs: Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke - Kapitel 40
Quellenangabe
typepoem
booktitleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
authorHans Sachs
editorKarl Pannier
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
created20051231
sendergerd.bouillon
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38. Ein artig Gespräch der Götter,

die Zwietracht des römischen Reichs betreffend.

(3. März 1544.)

                            Als ich von Alter war
So an die fünfzig Jahr',
Lag Nachts ich einst betrübt;
Druck aufs Gemüthe übt'
Mir in der bösen Zeit
Die Widerwärtigkeit,
Die's röm'sche Reich durchwühlt'.
Obgleich man täglich hielt
Gar mancherlei Reichstäge,
So ging doch alles träge;
Nichts that man zu dem Ende,
Daß doch der Zwiespalt schwände.
Lang' dacht' ich hin und her,
Was wol die Ursach' wär',
Und über solchem Denken
Zum Schlaf sich thäten senken
Mir meiner Augen Lider;
Ins Bett duckt' ich mich nieder
Und legt' mich auf die Seite,
Bis daß der Schlaf erfreute
Mir den betrübten Sinn.
Im Traume mir erschien
Der Engel Genius.
Der sprach zu mir: »Ich muß
Dich etwas lassen sehen,
Das diese Nacht geschehen.«
Gar plötzlich nahm er mich
Und trug mich hoch mit sich
Durch all' die hellen Sterne
In weiter Himmelsferne
Hin bis zum Göttersaal.
Hell glänzt' des Mondes Strahl,
Der kleinen Sterne Leuchte.
Ein Fenster er mir zeigte
An einem dunkeln Orte,
Damit ich alle Worte
Könnt' hören in dem Saal.
Der Götter ganze Zahl
Saß dorten rings im Kreise,
Sich zu berathen weise.
Vom Thron Jupiter dann
Mit diesem Wort begann:
Jupiter.
»Ihr Götter, alle gleich,
Es hat das röm'sche Reich
Und auch die deutschen Leut'
Zwietracht und Widerstreit;
Und wird man nicht ablenken
Gütlich zu einem Denken
Den Zwiespalt der Partein,
Daß sie in Frieden sei'n,
So muß das Reich zergehn,
Kann länger nicht bestehn.
Zwei mächt'ge Feind' es hat,
Drum gebet heute Rath,
Wie abgewendet werde
Dies Unglück auf der Erde,
Denn es ist hohe Zeit.«
Mars.
Gott Mars, zum Streit bereit,
Stand auf mit bloßem Schwert
Und sprach: »Weil auf der Erd'
Das Reich nun Zwietracht hat,
So geht dahin mein Rath,
Ich hetze sie zum Krieg,
Und wer darin den Sieg
Gewinnt, die andern dränge,
In seinen Willen zwänge,
Und sei ihr Herr darnach.«
Jupiter.
»Das geht nicht,« Jovis sprach;
»Dein Rath ist gar nicht gut,
Dich dürstet nur nach Blut,
Weil aus des Reiches Krieg
Erfolgt ein blut'ger Sieg,
Mord, Raub und darzu Brand,
Vernichtend deutsches Land;
Mir scheinet besser das,
Wenn solchen Zank und Haß
In Güte wir beilegen,
Die muß das Herz bewegen.
Gib, Juno, deine Kraft,
Stift' neue Schwägerschaft
In allen Regimenten;
Die streitenden Regenten
Soll'n wieder einig werden.«
Juno.
Sprach Juno drauf: »Auf Erden
Hab' neulich ich geschafft
Der Lilie Schwägerschaft, Anspielung auf die Vermählung Franz I. mit Eleonora, der Schwester Karls V., welche im Frieden von Cambray 1529 verabredet war; der Krieg brach dennoch bald wieder aus (1536).
Daß endlich Friede werd',
Doch schlecht hat sich's bewährt;
Wenn recht erkannt ich's hab',
So kannst du wenden ab
Mit Geld der Feindschaft Schmerz,
Das machet weich das Herz
Und mildert's ganz und gar.«
Jupiter.
Dranf Jovis: »Das ist wahr!
Pluto, den Reichthum dein,
Viel Gold, das steck' dir ein,
Die Fürsten zu begaben,
Damit sie Frieden haben,
Freundschaft und Einigkeit.«
Pluto.
Drauf Pluto: »Da fehlt's weit!
Das Geld wird sie erregen,
Nur mehr Zwietracht zu pflegen,
Sie frech und trotzig machen
Und dopplen Krieg entfachen;
Denn machten die Hauptleute
An Golde solche Beute,
Würd's ärger als vorher;
Eh' ich mein Geld verlör',
Hielt' Armuth besser Frieden.«
Jupiter.
Penuria ward beschieden
Und vor den Gott gebracht.
Der sprach: »Schleich' mit Bedacht
Und fang' in deine Band'
Der Friedensstörer Hand,
Zwing' sie zur Einigkeit,
Daß sie zu Krieg und Streit
Matt werden ganz und schwach.«
Penuria.
Penuria da sprach:
»Gern will ich auf dich hören,
Doch werden sie beschweren
Das Land mit Steuern schwer,
Damit ihr Gut wird mehr.
Auch dies nur Zwist entfacht.
Auf andres sei bedacht:
Es bring' der Götterbot'
Merkurius, der Gott,
Durch seiner Rede Macht,
Mit Worten, klug bedacht,
Die streitenden Partein
Zu friedlichem Verein.
Gib nur Befehl darnach!«
Jupiter.
Hieranf Jupiter sprach:
»Merkurius, flieg' sogleich
Hinab zum Erdenreich,
Verkünd' an jedem Ort
Mir meinen Wunsch, mein Wort;
Zum Richter sei bestellt.
Und wer nicht Frieden hält,
Dem drohe Ungnad' an;
Entbeut zu mir den Mann,
Damit er zahle Buß'.«
Merkurius.
Da sprach Merkurius:
»Das wird sich machen schlecht,
Ein jeder hat ja Recht,
Will nicht Vermittlung leiden,
Wie sehr dein Wort mag schneiden.
Nimmt's auch der eine an,
Verwirft's der andre Mann,
Weil ihm wohnt kräftig bei
Der Geist der Heuchelei
Sammt schnellem Ohrenblasen;
Er handelt solchermaßen,
Als sei er blind und taub.
Darum mein Wort, das glaub',
Nicht Platz noch Stätte findet,
Bis daß das Dunkel schwindet.
Gib weiter Rath darzu.«
Jupiter.
Drauf Jupiter: »Der du
Regierst der Sonne Glanz,
Erhell' ihr Dunkel ganz,
Mit deiner Sonne hell,
Daß man das Beste wähl';
Mir ihren Geist erleuchte,
Mit Güte sie befeuchte,
Daß man den Zwist verhüte
Und alles scheid' in Güte,
Daß alle Müh' sich geben,
Der Wahrheit nachzustreben.
Wo Lieb' und Einigkeit,
Bleibt Frieden lange Zeit.«
Phöbus.
Drauf Phöbus sprach: »Mein Licht,
Das nützt auf Erden nicht;
Ich seh' die Regimente,
Ich sehe alle Stände
In viel Partein zerspalten.
Gar viele mir aufhalten
Mein Licht, mit vielen Tücken
Die Guten zu erdrücken;
Obgleich sie wohl erkennen,
Was recht, und heilig nennen
Die heil'ge. ew'ge Wahrheit
Mit ihrer Himmelsklarheit,
Wird sie durch Lug beschmutzt.
Mein Schein da wenig nutzt.
Darum muß mein Gefunkel
Verkehren sich in Dunkel,
Denn Tugend ging verlor'n.«
Saturnus.
Saturnus sprach voll Zorn:
»Gib mir in meine Hand
Das ganze deutsche Land;
Wer sich dann will empören,
Gemeinen Frieden stören,
Den will ich grausam tödten.«
Jupiter.
Drauf Zeus: »Es ist von Nöthen,
Sie nicht zu vergewalten,
Vielmehr muß man erhalten
In Frieden sie und Ruh.
Minerva tritt herzu
Und gib uns Rathschlag heut',
Wie man zur Einigkeit
Wol bringt das röm'sche Reich.«
Auf stand die edle gleich.
Minerva.
Minerva also sprach:
»Mir ist zu schwer die Sach',
Doch weiß ich einen Mann:
Wenn der nicht stillen kann
Der deutschen Fürsten Zorn,
Ist unser Mühn verlor'n.«
Jupiter.
Jupiter sprach: »Sag' an,
Wer ist es, dieser Mann,
Der solches Ansehn hat,
Zu tilgen den Unrath?«
Minerva.
Minerva sagte da:
»Es ist Respublika.« Hans Sachs gebraucht Respublika männlich, weil er das Wort mit »der Gemeinnutz« übersetzt.
Jupiter.
Drauf Jovis: »Zweifelsohn'
Ist der bei ihnen schon.«
Minerva
Minerva sprach: »Ach nein,
Im Bilde nur allein.
Vordem er leibhaft hat
Mit Kraft regiert den Staat,
Im röm'schen Reich, dem alten,
Ordnung aufrecht erhalten.
Er macht' es groß und mächtig,
Die Bürger all' einträchtig;
Bei'm andern jeder fand
Allzeit hilfreiche Hand;
Man sorgte ehrenfeste
Für's allgemeine Beste
Getreu in jedem Stand.
Darum die Herrschaft stand
So unerschütterlich,
Dehnt' über die Erde sich.
Bald aber Eigennutz
Und Sucht nach Macht und Putz
Riß ein gewaltiglich;
Ein jeder sorgt' für sich;
Es bildet' bei Partei
Partei sich mancherlei;
Die vielen Bürgerkriege
Beschlossen blut'ge Siege:
Man übte Tyrannei,
Gemeinsinn war vorbei.
Selbst der gemeine Mann
Kehrt' sich nicht mehr daran;
Also ward er vertrieben.
Wo er seitdem geblieben,
Das kann ich dir nicht sagen.
Es hat seit diesen Tagen
Das Reich arg abgenommen,
Ist in Verfall gekommen,
So daß ihm droht Empörung
Und endliche Zerstörung,
Wie es denn jetzund geht.
Wenn man nun wieder hätt'
Den alten Gemeinnutz neu,
Viel Gut's entständ' dabei,
Brächt' wieder mit der Zeit
Frieden und Einigkeit
In das römische Reich.«
Der Göttin Rathschlag gleich
Der Götter Beifall fand;
Von allen widerstand
Mars mit Saturn allein.
Jupiter.
Drauf Jupiter: »Es muß sein,
Daß die Mehrheit durchdring'.«
Er gab Merkur den Wink,
Daß den gemeinen Nutz,
Den Vater alles Gut's,
Er sollt' vor ihn citiren
Ohn' alles Excusiren,
Daß er ihn senden könnt'
Dem röm'schen Regiment,
Den Zwiespalt und Unwillen
Im Reiche ganz zu stillen,
Daß endeten auf Erden
Fortan all' die Beschwerden.
Merkurius.
Da ließ Merkur sich hören:
»Doch mußt du mir erklären,
Wo ich ihn finden soll.«
Jupiter.
Jupiter sprach: »Ja wohl!
In den Reichsstädten such',
Wo er vordem genug
In Achtung stand und Werthe.«
Merkurius.
Merkur sprach: »Auf der Erde
Thu' ich doch täglich wandeln
Und mit den Menschen handeln,
Doch hab' ich, will's gestehen,
Ihn lange nicht gesehen;
Ich sah nicht Stumpf noch Stiel.
Ich hörte von ihm viel
Gered' in Städten und Mauern,
In Dörfern von den Bauern,
In Schlössern, Märkten, Flecken;
Das macht mir wirklich Schrecken,
Daß ich ihn auf der Reis'
Nirgends zu suchen weiß.«
Jupiter.
Zeus ließ vernehmen sich:
»Nicht nimmt das Wunder mich,
Daß es so übel geht,
Das Reich zwiespältig steht,
Weil der gemeine Nutz,
Des röm'schen Reiches Schutz,
Nicht wohnt bei Hoch und Nieder.
Da wundert mich nur wieder,
Daß nicht das Reich vor langen
Zu Grunde schon gegangen.
Ihr Götter, zeiget an,
Wo man doch finden kann
Den Gemeinnutz obgemeld't,
Wo man in aller Welt,
Jetzt seinen Fußtritt spür'?«
Luna.
Luna, die trat herfür
Und sprach: »Vor langen Jahren,
Sah ich einst Nachts ihn fahren
Weg von Europens Lande,
Nach Asien er sich wandte;
Leicht auch in Griechenland,
In Athen, er Wohnsitz fand.«
Diana.
Diana nahm das Wort:
»Er weilet nicht mehr dort,
Weil man ihn dort verjagte.
Als neulich Jagd ich machte,
Fand ich ihn mit den Winden
Weit in dem Wald dort hinten;
Er saß bei einem Bronnen,
Sein Antlitz überronnen
Von mancher Schmerzenszähre.
Wie ich mich zu ihm kehre,
Verbarg er sein Gesicht,
Wollt' mich ansehen nicht,
Schämt' sich des Elends so,
Daß er behende floh
In eine dunkle Höhle;
Ich glaube meiner Seele,
Daß der vertriebne Alte
Sich heut' noch da aufhalte.«
Jupiter.
Jupiter sprach: »So eil'
Und hol' der Menschen Heil,
Daß sein Exilium ende
Zu Hilf' dem Regimente.«
Merkurius schwang nieder
Sein tönendes Gefieder;
Dieweil die Majestäten
Geheim berathen thäten.
Steckten die Köpf' zusamm',
Daß ich kein Wort vernahm.
Merkurius.
Dann kam nach einer Weile
Merkur mit Flügeleile
Betrübt und traurig sehr
Und sprach: »O Himmelsherr,
Ich habe ihn gefunden,
Doch voller Todeswunden
Und mit Krankheit geplagt,
Die Händ' und Füß' kontrakt;
Sein Leib war ausgedorrt,
Verschrumpft und eingeschmort,
Daß in der Haut allein
Nur noch hing das Gebein;
Die Oberlipp' am Mund
Die Zähn' kaum decken kunnt';
Sein Antlitz war erblichen,
Die Lebensfarb' gewichen,
Sein Herz allein konnt' lechzen
Mit kräftelosem Aechzen;
Kurz war sein Athemzug,
Der Puls ganz langsam schlug.
Ich mocht' ihn nicht anrühren,
Mit mir heraufzuführen,
Besorgt', er könnt' verderben
Und unterwegen sterben,
Denn er ist todesschwach.«
In solchem Ungemach
Jupiter Weisung gab
Dem Gotte Aeskulap,
Dem Meister der Arznei,
Und sprach: »Gerüstet sei
Und schwing' dich eilends nieder
Mit dem Merkurius wieder
Zum wichtigen Geschäfte;
Nimm aller Kräuter Säfte,
Nektar, den Göttersaft;
Verwend' all deine Kraft,
Rempublikam, den alten,
Am Leben zu erhalten;
Gib ihm ein gut Klystier,
Ihn säuberlich purgir',
Thu' seine Wunden heften,
Bring' wieder ihm zu Kräften
Die Glieder, Bein und Mark,
Daß frisch er wird und stark.
Bring' ihn im Augenblicke
Herauf, daß ich ihn schicke
Zur Erd', zu reformiren,
Friedlich zusammenzuführen
Die herrschenden Regenten
Sammt allen den Reichsständen,
Auf daß der Adler wieder
Aufschwinget sein Gefieder,
Den Drachen zu vernichten,
Die Lilie zu richten.« Der Adler: Deutschland; die Lilie: Frankreich; der Drache: der Türke.
Der Beschluß.
Als diese beiden gingen,
Da klang Sirenensingen
Dort bei der Götter Thron,
Ein wonniglicher Ton,
Mit jubelfrohem Klang.
Mein Herz vor Freuden sprang,
Rempublikam zu sehen.
Indeß fing an zu krähen
Mit lautem Ruf mein Hahn,
Daß ich erwachte dran.
Daß ich das Ende nicht
Geschaut von dem Gesicht,
Deß tranert mein Gemüthe.
Ich hoff', daß Gottes Güte
Die Zwietracht läßt verschwinden
Und wird in Eintracht binden
Im Reiche Städt' und Fürsten,
Daß sie nach Frieden dürsten,
Auf daß in hohem Ruhm
Das röm'sche Kaiserthum
Sich wieder mehr' und wachs'
Durch Gemeinnutz – wünscht Hans Sachs.
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