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Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke

Hans Sachs: Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke - Kapitel 37
Quellenangabe
typepoem
booktitleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
authorHans Sachs
editorKarl Pannier
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
created20051231
sendergerd.bouillon
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35. Der Waldbruder mit dem Esel.

( Der argen Welt thut niemand recht.)
(6. Mai 1531.)

                Vor Jahren wohnt' in einem Wald
Ein Waldbruder, an Jahren alt,
Der sich von Wurzeln nähren thät.
Einen jungen Sohn derselbe hätt',
An Alter etwa zwanzig Jahr.
Der dumm und unerfahren war
Und fragt' den Alten: »Sag' doch mir,
Sind in dem Wald gewachsen wir?«
Denn niemals noch er Menschen sah.
Zum Jungen sprach der Alte da:
»Mein Sohn, da du noch warest klein,
Da flüchtet' ich dich hier herein
Aus der arglist'gen, bösen Welt,
Daß sie uns nicht schmäh', spott' und schelt';
Denn niemand ganz ihr recht thun kann,
Sie schlägt ihm doch ein Blechlein an
Still schwieg der Sohn; doch Tag und Nacht
Hat er der Rede nachgedacht,
Was doch die Welt nur möchte sein.
Zuletzt da wollt' er stets darein,
Legt' an den Vater große Bitt';
Doch der ihm lange widerrieth.
Zuletzt er überredet ward
Und macht' sich mit ihm auf die Fahrt.
Sie führten ihren Esel mit
Ledig, und keiner darauf ritt.
Im Wald ein Kriegsmann kam daher:
»Wie laßt ihr ledig gehn,« sprach er,
»Den faulen Esel hier allein?
Ihr dünkt mich witzig nicht zu sein,
Daß euer keiner auf ihm reit't.«
Als sie nun kamen von ihm weit,
Der Vater sprach: »Mein Sohn, sieh zu,
Wie uns die Welt empfangen thu'.«
Der Sohn sprach: »Laß mich darauf reiten.«
Das geschah. Da kam daher von weiten
Ein altes Weib entlang die Aecker,
Die sprach: »Seht nur den jungen Lecker,
Der reitet, und der Alte schwach
Muß ihm zu Fuße folgen nach.« –
»Sohn,« sprach der Alte, »glaubst nun mir,
Was von der Welt ich sagte dir?«
Der sprach: »Laß uns versuchen baß.«
Der Junge schnell vom Esel saß,
Der Alte saß bald auf für ihn
Und ritt so Schritt für Schritt dahin.
Da traf am Wege sie ein Bauer,
Der sprach sie an mit Worten sauer:
»Seht an den alten groben Lappen,
Im Koth läßt er den Jungen schlappen,
Dem Reiten nöth'ger wär' als ihm.«
Der Alte sprach: »Mein Sohn, vernimm,
Daß man der Welt nichts recht kann thun.«
Der Sohn sprach: »Vater, laß mich nun
Aufsitzen, uns selbander traben,
Ob auch da die Leut' zu tadeln haben.«
Aufsaß er, und sie ritten hindann.
Da kam zu ihnen ein Bettelmann,
Thät an einem Kreuzweg auf sie harren
Und sprach: »Seht an die großen Narren,
Wollen den Esel gar erdrücken!«
Der Vater sprach: »In allen Stücken
Thut uns die Welt nur Hohn erzeigen.«
Der Sohn sprach: »Nun laß uns absteigen,
So wollen wir den Esel tragen
Und sehn, was nun die Welt wird sagen.«
Sie saßen ab und trugen ihn
Nun beide übers Feld dahin,
Daß ihnen niederrann der Schweiß.
Ein Edelmann kam zu der Reis',
Thät beide sie mit Worten strafen:
»Woher, woher, ihr zwei Schlaraffen,
Daß auf den Kopf ihr alles stellt?«
Der Vater sprach: »Sohn, an der Welt,
Du siehst's, ist alle Müh' verlor'n.«
Da sprach der Sohn in großem Zorn:
»Den Esel wollen wir erschlagen,
Dann hat die Welt nicht mehr zu klagen.«
Den Esel schlugen sie zu Haufen.
Da kam ein Jäger zugelaufen,
Der schrie: »Phantasten, die ihr seid!
Lebend der Esel Nutzen beut,
Doch todt er ohne Nutzen ist.«
Zum Ekel wurde da zur Frist
Die Welt dem Jungen, die mit Straf'
Und Spott ihn überall nur traf.
Er sprach: »Hat die Welt an einem Tage
Ueber uns so viel der Klage,
Was Wunders würd' sie mit uns treiben,
Sollten alle Tag' wir drinnen bleiben!«
Er kehrte mit dem Alten bald,
Woher er kam, zurück zum Wald.
Der Beschluß. Gekürzt.
Nun merk' bei dieser alten Fabel,
Gedichtet uns zu einer Parabel:
Wer hier in dieser Welt will leben,
Der muß sich ganz darein ergeben,
Daß er der Welt nichts recht thun kann
In allem, was er nur fängt an,
Wie er darzu auch immer thu',
Er sei auch, wer er woll'; darzu
Wie hoch von Adel, Geschlecht und Stamm,
Wie würdig von Geburt und Nam',
Wie reich, wie weis' und wohlgelehrt,
Wie gewaltig, groß und hochgeehrt –
Und hätt' ihn selber Gott geadelt –
Dennoch blieb' er nicht ungetadelt
Von dieser unverschämten Welt
In allen Stücken obgemeld't.
Sie läßt nichts ungetadelt bleiben!
Wer seine Zeit muß drin vertreiben,
Der lasse sich's nicht fechten an,
Daß er der Welt nichts recht thun kann,
Vielmehr geh' er stets für sich hin
Den nächsten Weg und bleib' darin,
Und thue jedem, wie er denn wollte,
Daß ihm geschehn von jedem sollte,
Daß sein Gewissen ihn nicht nage;
Was auch die Welt dann darzu sage,
Ihre schnöde Art behält sie doch;
Wie sie sonst war, so bleibt sie noch,
So spitzig bleiben ihre Werk' –
So spricht Hans Sachs von Nürenberg.
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