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Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke

Hans Sachs: Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke - Kapitel 36
Quellenangabe
typepoem
booktitleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
authorHans Sachs
editorKarl Pannier
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
created20051231
sendergerd.bouillon
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34. Das Schlaraffenland.

(1530.)

                    Eine Gegend heißt Schlaraffenland,
Den faulen Leuten wohl bekannt,
Das liegt drei Meilen hinter Weihnachten;
Und wer nach diesem Land will trachten,
Der muß sich großer Ding' vermessen:
Durch einen Berg von Hirsebrei essen,
Der ist wol dreier Meilen dick.
Alsdann ist er im Augenblick
Im selbigen Schlaraffenland,
Wo aller Reichthum ist bekannt.
Da sind die Häuser gedeckt mit Fladen,
Lebkuchen Thüren sind und Laden,
Von Speckkuchen Deck' und Wand man find't,
Von Schweinebraten die Balken sind.
Um jedes Haus ist dort ein Zaun,
Geflochten mit Bratwürsten braun,
Von Malvasier sind da die Bronnen,
Kommen einem selbst ins Maul geronnen.
Auf den Tannen wachsen die Krapfen
Wie hier zu Land die Tannenzapfen,
Auf Fichten wachsen Semmelschnitten,
Eierplätz' thut man von Birken schütten,
Wie Pfifferlinge wachsen die Flecken,
Die Trauben in den Dornenhecken,
Auf Weidenköpfen Semmeln stehn,
Milchbäche unter ihnen gehn.
Die fallen dann in den Bach hinab,
Daß jedermann zu essen hab'.
Auch gehn die Fische in den Lachen
Gesotten, gebraten, gesalzen, gebachen
Und gehen dem Gestad' ganz nahe,
Daß man sie mit den Händen fahe;
Auch fliegen um (ihr mögt es glauben)
Gebrat'ne Hühner, Gäns' und Tauben;
Wer sie nicht faht und ist zu faul,
Dem fliegen selber sie ins Maul.
Die Säue immer wohl gerathen,
Laufen im Land um, sind gebraten,
Jede ein Messer hat im Rück,
Damit schneid't jeder sich ein Stück
Und steckt das Messer wieder drein;
Die Kreuzkäs' wachsen wie die Stein',
Es wachsen Bauern auf dem Baume,
Gleichwie in unserm Land die Pflaume;
Wenn zeitig sie, fallen sie ab,
Ein jeder in ein Paar Stiefeln hinab.
Wer Pferd' hat, wird ein reicher Maier:
Sie legen ganze Körb' voll Eier;
Auch schütt't man aus den Eseln Feigen.
Nicht hoch muß man nach Kirschen steigen:
Wie Schwarzbeeren sie wachsen thun.
Auch ist im Lande ein Jungbrunn,
Darin verjüngen sich die Alten.
Viel Kurzweil ist im Land gehalten,
So schießen nach dem Ziel die Gäste,
Der weit'st' vom Blatt gewinnt das Beste,
Im Laufen gewinnt der letzt' allein.
Das Polsterschlafen ist allgemein,
Ihr Waidwerk ist mit Flöhn und Läusen,
Mit Wanzen, Ratzen und mit Mäusen.
Auch ist im Land gut Geld gewinnen,
Wer sehr faul ist und schläft darinnen,
Dem gibt man für die Stund' zwei Pfennig,
Er schlafe gleich viel oder wenig.
Ein F. . z gilt einen Bingenhaller,
Drei Rülpse einen Joachimsthaler,
Und welcher da sein Geld verspielt,
Zwiefach man ihm das da vergilt;
Und welcher auch nicht gern bezahlt,
Sobald die Schuld ein Jahr wird alt,
Muß jener ihm darzu noch geben;
Und welcher da gern gut will leben,
Dem gibt man für den Trunk noch Geld;
Und welcher die Leut' zum Narren hält,
Bekommt ein Blaffert noch zum Lohne;
Für 'ne große Lüg' gibt's eine Krone.
Doch muß sich hüten da ein Mann,
Daß man Vernunft ihm merket an;
Wer Sinn und Witz gebrauchen wollt',
Dem würd' kein Mensch im Lande hold;
Und wer gern arbeit't mit der Hand,
Verbeut man das Schlaraffenland;
Wer Zucht und Ehrbarkeit will lieben,
Der wird zum Land hinausgetrieben;
Wer unnütz ist, sich nichts läßt lehren,
Der kommt im Land zu großen Ehren;
Wer als der faulste wird erkannt,
Der wird zum König in dem Land;
Wer wüst, wild und unsinnig ist,
Grob, unverständig alle Frist,
Den macht man in dem Land zum Fürsten;
Wer gerne ficht mit Leberwürsten,
Aus dem ein Ritter wird gemacht.
Wer liederlich, auf nichts hat Acht
Als Essen, Trinken und viel Schlafen,
Der wird im Land gemacht zum Grafen;
Wer tölpisch ist und gar nichts kann,
Der ist im Land ein Edelmann.
Wer also lebt wie obgenannt,
Der ist gut fürs Schlaraffenland,
Das von den Alten ist erdichtet,
Zur Straf' der Jugend zugerichtet,
Die meistens faul ist und gefräßig,
Ungeschickt, heillos und nachlässig,
Daß man sie weis' zu den Schlaraffen,
Damit ihre liederlich' Art zu strafen,
Auf daß sie haben auf Arbeit Acht,
Weil faule Art nie Gut's gebracht.
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