Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Sachs >

Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke

Hans Sachs: Hans Sachs' ausgewählte poetische Werke - Kapitel 34
Quellenangabe
typepoem
booktitleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
authorHans Sachs
editorKarl Pannier
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleHans Sachs' ausgewählte poetische Werke
created20051231
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

32. Die wittenbergische Nachtigall, die man jetzt höret überall.

(8. Juli 1523.)

                    Wacht auf, es nahet sich dem Tag!
Ich höre singen im grünen Hag
Die wonnigliche Nachtigall;
Ihr Lied durchklinget Berg und Thal.
Die Nacht neigt sich gen Occident,
Der Tag geht auf von Orient,
Die rothbrünstige Morgenröth'
Her durch die trüben Wolken geht,
Daraus die lichte Sonn' thut blicken,
Der Mond thut sich hernieder drücken;
Er ward jetzt bleich und finster ganz,
Der sonst mit seinem falschen Glanz
Die Schafe alle hat geblendet,
Daß sie sich haben abgewendet
Von ihrem Hirten und der Weide
Und haben sie verlassen beide,
Sind gangen nach des Mondes Schein
In die Wildniß, den Holzweg ein,
Haben gehört des Leuen Stimm'
Und sind auch nachgefolget ihm:
Der führte sie mit argen Listen
Ganz weit abwegs tief in die Wüsten.
Da haben die schöne Weid' sie verlor'n,
Aßen Disteln, Unkraut und Dorn;
Auch legt' ihnen Strick' der Leu verborgen,
Darein gefallen sie mit Sorgen.
Da sie der Leu dann fand verstricket,
Zerriß er sie, hat sie verschlicket.
Zu solcher Hut thät ihnen verhelfen
Ein ganzer Hauf' von reißenden Wölfen;
Haben die arme Heerd' umsessen
Mit Scheeren, Melken, Schinden, Fressen;
Auch lagen Schlangen viel im Gras,
Sogen die Schaf' ohn' Unterlaß
Durch alle Glieder bis auf das Mark.
Da wurden die Schafe dürr und arg
Wol allenthalben die lange Nacht
Und sind erst wieder aufgewacht,
Da die Nachtigall hell singet
Und hellen Tag uns wieder bringet,
Der über den Leun Erkenntniß beut,
Die Wölf' und ihre falsche Weid'.
Drob ist der grimme Leu erwacht
Und lauert mit Zorne ungeschlacht
Ueber der Nachtigall Gesang,
Weil sie vermeld't der Sonn' Aufgang,
Darvon sein Reich ein Ende nimmt.
Drob ist der böse Leu ergrimmt,
Stellt der Nachtigall nach dem Leben
Mit Listen, vorn, hinten, daneben;
Aber er kann sie ergreifen nicht,
Sie verkriechet sich in Hecken dicht
Und singet fröhlich für und für.
Nun hat der Leu viel wilder Thier',
Die wider sie die Zähne blecken,
Waldesel, Katzen, Böck' und Schnecken;
Doch all ihr Schrein schlägt ihnen fehl:
Die Nachtigall, sie singt zu hell
Und thut sie all' darniederlegen;
Auch thut das Schlangengezücht sich regen,
Es zischet sehr und widerficht
Und fürchtet sehr des Tages Licht.
Ihnen will entgehn die arme Heerd',
Von der sie haben sich genährt
Die lange Nacht und wohl gemäst't,
Sagen, der Leu sei noch der best',
Sein' Weide, die sei süß und gut,
Wünschen der Nachtigall die Glut.
Auch tönt der Frösche Quaken dumpf
Hin und wider aus ihrem Sumpf
Ueber der Nachtigall Getön,
Da ihnen das Wasser will entgehn;
Die Wildgäns' schreien auch Gagag
Wider den hellen, lichten Tag
Und schreien insgemeine all':
»Was singet Neues die Nachtigall?
Sie kündet uns des Tages Wonne,
Als ob allein fruchtbar die Sonne,
Verachtet ganz des Mondes Glanz.
Wol schwieg' in ihrem Nest sie ganz,
Macht' keinen Aufruhr unter den Schafen.
Man sollte sie mit Feuer strafen!«
Doch ist dies Mordgeschrei umsunst;
Es leuchtet her des Tages Brunst,
Und singt die Nachtigall so klar,
Daß viele Schaf' aus dieser Schaar
Kehren wieder aus dieser Wilde
Zu ihrer Weid' und Hirten milde.
Etliche melden den Tag mit Schall,
Gleich wie auch jene Nachtigall.
Gegen diese die Wölf' die Zähne blecken,
Jagen sie in die Dornenhecken
Und martern sie bis auf das Blut,
Drohn ihnen auch mit Feuersglut:
Sie sollen von dem Tage schweigen;
Doch jene auf die Sonne zeigen,
Deren Schein niemand verbergen kann.
Daß klarer es verstehe man,
Wer sei die liebliche Nachtigall,
Die gekündet hellen Tag mit Schall –
Martinus Luther, daß ihr's wißt,
Der zu Wittenberg Augustiner ist,
Der hat erweckt uns von der Nacht,
Darein der Mondschein uns gebracht.
Der Mondschein deutet die Menschenlehr',
Der Herrn Sophisten Hin und Her
Innerhalb vierhundert Jahren;
Die sind nach ihrer Vernunft gefahren
Und haben abgeführt uns sehr
Von der evangelischen Lehr'
Unseres Hirten Jesu Christ
Hin zu dem Leuen in die Wüst'.
Der Löwe Anspielung auf Papst Leo X. wird der Papst genennt,
Die Wüst' das geistliche Regiment,
Darin er uns hat weit verführt
Auf Menschenränk', wie man nun spürt.
Mit dem er alle weiden thät,
Der Gottesdienst, seht, wie er geht
In vollem Schwang auf ganzer Erden
Mit Mönch- und Nonn'- und Pfaffewerden,
Mit Kuttentragen, Kopfbescheeren,
Tag und Nacht in Kirchen Plärren,
Metten, Prim, Terz, Vesper, Komplet, Die sieben Andachtsstunden in den Klöstern sind: Mette ( matutina), Prim, Terz, Sext, None, Vesper, Komplet (Ende des Tages = completorium); sie stehen im engsten Zusammenhange mit den Stationen des Leidens Christi; vgl. Freidank (Univ.-Bibl. Nr. 1049–50), S. 450.
Mit Wachen, Fasten, langem Gebet,
Mit Gertenhauen, kreuzweis Liegen,
Mit Knieen, Neigen, Bücken, Biegen,
Mit Glockenläuten, Orgelschlagen,
Mit Reliquien-, Kerzen-, Fahnentragen,
Mit Räuchern und mit Glockentaufen,
Mit Lampenschüren, Gnad'-verkaufen,
Mit Kirchen-, Wachs-, Salz-, Wasserweihen;
Und ebenso ist's bei den Laien:
Mit Opfern und mit Lichtlein Brennen,
Mit Wallfahrten, zu Heil'gen Rennen,
Mit Abendfasten, Tagesfeiern
Und Beichten nach den alten Leiern,
Mit Brüderschaften, Rosenkränzen,
Mit Ablaß lesen, Kirchscharwenzen,
Mit Pacemküssen, Pax (Friede) ist ein meist mit dem Bilde des Lammes gezeichnetes Metalltäfelchen, das der Priester beim Gesange des Agnus Dei küßt und dann der Gemeinde zum Küssen reicht. Reliquienschauen,
Mit Messenstiften, Kirchenbauen,
Mit großen Kosten die Altär' zieren,
Bilder auf die welschen Manieren,
Sammtene Meßgewand, Kelche gülden,
Mit Monstranzen und silbernen Bilden,
In Klöster schaffen Zins und Rent' –
Dies Gottesdienst der Papst benennt
Und spricht, man wirbt damit den Himmel
Und löst mit ab der Sünden Schimmel.
Ist doch all's in der Schrift nicht begründ't,
Eitel erdichtet und Menschensünd',
Was Gott noch nie gefallen thät.
Matthäi am fünfzehnten steht:
»Sie dienen ganz vergebens schier
Nach ihren Menschengesetzen mir;
So wird auch eine jede Pflanz'
Vertilgt und ausgerottet ganz,
Die nicht gepflanzt des Vaters Hand.«
Hör' zu, du ganzer geistlicher Stand,
Wo bleibst du mit deinen erdichteten Werken?
Nun laßt uns auf die Mordstrick' merken,
Will sagen auf des Papstes Netz,
Sein Dekretal, Gebot, Gesetz,
Darein er Christi Schafe zwänget;
Mit Bann er zu der Beicht' uns dränget.
Jährlich zum Sacrament zu gahn (gehn),
Verbeut das Blut Christi Den Kelch beim Abendmahl. beim Bann,
Gebeut beim Banne, alle Jahr
Zu fasten vierzig Tag' fürwahr.
Sonst viele Tag' und Quatember Die ersten Feiertage in jedem Vierteljahr, verbunden strengem Fasten. vier
Soll'n Fleisch und Eier meiden wir;
Viel Feiertage er gebeut,
Verbietet etliche Tag' Hochzeit,
Gevatterschaft und etliche Grad';
Zu heirathen er verboten hat
Dem Mönch und Pfaffen bei dem Bann;
Doch Huren jeder haben kann,
Die Kinder frommen Leuten verletzen
Und sich bei fremden Fraun ergötzen.
Viel hat der Papst solcher Gebote,
Die doch geboten nicht von Gotte;
Er jagt die Leut' zum Grund der Hölle,
Zum Teufel hin mit Leib und Seele.
Paulus weiset schon auf ihn
Im vierten an Timotheus hin
Und spricht: »Der Geist belehret mich,
Daß in den letzten Zeiten sich
Etliche von des Glaubens Pfad
Wenden und folgen des Teufels Rath,
Werden den Leuten die Eh' verbieten
Und etliche Speis', die Gott in Güten
Geschaffen hat mit Danksagung.«
Ich mein', das sei nun klar genung. –
Nun laßt uns schauen nach den Wölfen,
Die darzu thäten dem Papst verhelfen,
Zu führen solche Tyrannei:
Probst, Bischof, Pfarrer und Abtei,
Alle Seelensorger und Prälaten,
Die Menschenlehr' uns sagen und rathen
Und das Wort Gottes unterdrücken,
Die kommen uns mit derlei Stücken,
Und wenn man's sich besieht bei Licht,
Ist alles auf das Geld gericht't.
Man muß Geld geben für das Taufen,
Die Firmung auch von ihnen kaufen,
Zum Beichten muß man geben Geld,
Die Mess' man auch um Geld bestellt,
Das Sacrament muß man bezahlen,
Die Hochzeit auch – man gibt in allen;
Stirbt eins, um Geld sie es besingen,
Wer's nicht will thun, den thun sie zwingen,
Und sollt' er einen Rock verkaufen.
So sie die Wolle uns ausraufen;
Und was sie so ersimoneien,
Auf Wucher wieder sie ausleihen,
Von zwanzig Gulden ein Malter Korn –
Ich mein', das heißt die Schaf' geschor'n;
Wie sie auch hart das Volk bedrängen,
Mit Zehnten aus dem Lande zwängen,
Da man mit ihnen des Herrgotts spielt,
Wie man den bannet, der nicht gilt,
Und sie mit Lichten thut verschießen.
Die armen Bauern frohnen müssen,
Auf daß der starke Troßknecht mag
Im Wirthshaus feiern den halben Tag.
Den Meßpfennig muß man ihnen reichen,
Vier Opfer geben auch desgleichen:
Und darzu an den Feiertagen
Lassen sie Täflein herumtragen;
Auf Kirchweihn sie nach Geld auch dichten,
Mit Reliquien sie Jahrmärkt' errichten,
Darbei sie Ablaßbullen haben,
Geldstöcke sie in die Kirchen graben,
So man den Armen ihr Recht erweist:
Das Christi Schafe melken heißt!
Auch kommen Stationierer, Sie streichen im Lande umher, um milde Gaben zu sammeln.
Valentiner, Verkäufer von Heilmitteln gegen die fallende Sucht (St. Veltens Krankheit). Antonier, Diese verkaufen Reliquien des heiligen Antonius als Mittel gegen die Rose (Antoniusfeuer).
Die sagen viel erlogner Wort',
Das sei geschehen hie und dort,
Streichen Weib und streichen Mann
Mit einem vergüldeten Eselszahn
Und erschinden auch Geldes Kraft,
Schreiben Leut' in ihre Brüderschaft,
Holen den Zins ein jedes Jahr.
Darnach kommt eine ehrsame Schaar,
Man heißt sie deutsch die Romanisten,
Mit großen Ablaßbullen, Kisten,
Richten auf rothe Kreuz', mit Fahnen,
Und schrein zu Frauen und zu Mannen:
»Legt ein, gebt eure Hilf' und Steuer,
Und löst die Seel' vom Fegefeuer!
Sobald der Gulden im Kasten klinget,
Die Seel' sich auf gen Himmel schwinget.«
Wer unrecht Gut hat in Gewalt,
Dem helfen sie es ab gar bald;
Auch geben sie Brief' für Schuld und Pein,
Da legt man's guldenweis' hinein.
Der Schalkstrick' sind so mancherlei,
Das heißt mir röm'sche Schinderei. –
Nun weiter merkt von den Bischöfen,
Wie es zugeh' an ihren Höfen.
Mit Notaren, Officiellen,
Mit Citatenschreibern und Pedellen
Bei ihrem falschen geistlichen Recht.
Wie man da schindet Magd und Knecht,
Wie man die Eh' zerreißt so sehr,
Und nimmt viel Geld und andres mehr,
Zwingt andre auch, sich zu verloben;
Auch wie sie mit den Leuten toben.
Die man zu ihnen jagt zur Beicht',
Die wol gegessen haben vielleicht
Fleisch oder Eier in den Fasten;
Das thun sie also scharf antasten,
Als hätt' einer einen Mord gethan;
Auch wie sie umgehn mit dem Bann
Und ihn erschweren und erneuern,
Wie sie das arme Volk besteuern.
Auch mit dem Wilde und den Jagden
Sie ihnen schon viel Schaden brachten;
Sie halten Räuber in ihren Flecken,
Die rauben, morden, stöcken, blöcken.
Auch führen Bischöf' Krieg mit Trutz,
Vergießen viel christlichen Bluts,
Machen elend Wittwen und Waisen,
Verbrennen Dörfer, Städt' zerreißen,
Die Leut' verderben, schätzen und pressen –
Ich mein', das heißt die Schafe fressen!
Christus hat solchen Wolf verkündet,
Matthäi am siebenten es sich findet:
»Seht euch vor vor falschen Propheten,
Die in Schafskleidern zu euch treten
(Inwendig reißende Wölf' er sie nennet),
An ihren Früchten sie erkennet.« –
Marci am zwölften er's erklärte
Und sprach: »Habt Acht auf Schriftgelehrte,
Die gern in langen Kleidern gehn
Und lassen sich gern grüßen schön
Auf Markt und Straßen, wenn sie nahn,
Und sitzen gerne obenan
In Schulen und auch bei dem Essen.
Den Wittwen sie die Häuser fressen
Und machen immer lang Gebet,
Darum so werden sie, versteht,
Desto mehr in Verdammniß fallen.«
O, wie thut Christus hier abmalen
Unserer Geistlichen gottlos Wesen,
Als ob er jetzt bei ihnen gewesen!
Dabei hat man sie klar vor Augen.
Die Schlangen, so die Schäflein saugen,
Sind Mönche, Nonnen, der faule Haufen,
Die ihre guten Werk' verkaufen
Um Geld, Käs', Eier, Licht und Schmalz,
Um Hühner, Fleisch, Wein, Korn und Salz,
Damit sie aus dem Vollen leben
Und sammeln auch große Schätz' darneben.
Viel neuer Listen sie stets erdichten,
Viel Gebet und Brüderschaft aufrichten,
Viel Träume, Gesichte und kind'schen Wahn –
Das alles der Papst bestätigt dann,
Nimmt Geld und gibt Ablaß darzu,
Das schrein sie aus dann spat und fruh.
Mit solcher Fabel und Narrenweis'
Haben sie uns geführt aufs Eis,
So daß wir Gottes Wort verließen
Und nur gethan, was sie uns hießen,
Viel Werk', deren Gott doch keins begehrt;
Haben uns den Glauben nie erklärt
In Christo, der uns selig macht.
Dieser Mangel bedeutet die Nacht,
Darin wir alle irr gegangen.
So haben uns die Wölf' und Schlangen
Bis nahe vierthalbhundert Jahr
Behalten in ihrer Hut fürwahr
Und mit des Papstes Gewalt umtrieben,
Bis Doctor Martin hat geschrieben
»Wider der Geistlichen Mißbrauch«
Und wieder aufgedecket auch
Die Heil'ge Schrift, das Gotteswort.
In Schrift und Wort hat fort und fort
Gewirket er, und es sind beinah'
Zu deutsch einhundert Stücke da.
Daß man versteh', was er thu' lehren,
Will ich ganz kurz es hier erklären.
Gottes Gesetz und die Propheten
Bedeuten uns die Morgenröthen;
Darin zeigt Luther, daß wir all'
Miterben sind von Adams Fall
In böser Neigung und Begier,
Drum folgt dem Gesetze keiner schier.
Wahren wir nach außen schon den Schein,
So ist doch unser Herz unrein
Und allen Sünden zugeneiget,
Wie Moses das ganz klar anzeiget.
Seit also nun befleckt das Herz,
Nach dem Gott urtheilt allerwärts,
So hegt er zu uns allen Zorn,
Wir sind verflucht, verdammt, verlor'n
Wer das im Herzen fein empfind't,
Den nagt und beißet seine Sünd'
Mit Trauern, Leid, Furcht, Schrecken gar,
Und seine Schwachheit wird ihm klar;
Dann wird der Mensch demüthig ganz.
So dringet her des Tages Glanz,
Bedeutet das Evangelium,
Das weist den Menschen an Christum,
Den eingebornen Sohn des Herrn,
Der für uns alles that so gern,
Das Gesetz erfüllt' mit eigner Gewalt,
Den Fluch vertilgt', die Sünd' bezahlt'
Und den ew'gen Tod überwand,
Die Höll' zerstört', den Teufel band
Und uns erwarb bei Gotte Gnad',
Wie Johannes angezeiget hat,
Der ein Lamm Gottes, Christ, verkünd't,
Das hinnimmt aller Menschen Sünd'.
Auch spricht Christus, er sei nicht kummen,
Zur Erde den Gerechten und Frummen,
Vielmehr den Sündern; er auch spricht,
Der Gesunde braucht des Arztes nicht.
Auch Johannes am dritten meld't:
»Gott hat so lieb gehabt die Welt,
Daß er den eignen Sohn gesandt;
Und die zu ihm sich gläubig gewandt,
Dieselben sollen nicht verderben,
Noch des ew'gen Todes sterben,
Sondern haben das ew'ge Leben.«
Auch spricht Christus am elften eben:
»Wenn einer Glauben hegt an mich,
Der wird nicht sterben ewiglich.«
So nun der Mensch solch tröstlich Wort
Von Christus höret, unserm Hort,
Und daran glaubt und darauf baut,
Den Worten auch von Herzen traut,
Die Christus ihm hat zugesagt,
Und sich ohn' Zweifel darauf wagt,
Derselbe neu geboren heißt
Aus Feuer und dem heil'gen Geist,
Und wird von allen Sünden rein,
Lebt in dem Gotteswort allein,
Von dem ihn nicht zu reißen droht
Weder Höll' noch Teufel, Sünd' noch Tod.
Wer also sich im Geist erneut,
Dient Gott im Geist und in Wahrheit,
Das ist, daß Gott er herzlich liebt,
Und sich ihm ganz und gar ergibt,
Ihn hält für einen gnäd'gen Gott;
In Trübsal, Leid, in Angst und Noth
Sich alles Guten von ihm versieht;
Gott geb', Gott nehm', und was geschieht –
Er bleibet still und Trostes voll
Und zweifelt nicht, Gott woll' ihm wohl
Durch Jesum Christum, seinen Sohn;
Der gibt ihm Fried', Ruh', Freud' und Wonn'
Und bleibt sein Trost auf dieser Welt.
Wem solcher Glaube zugesellt,
Derselbe Mensch, der ist schon selig,
All' seine Werk' sind Gott gefällig.
Ob er nun schläft, ob er arbeitet;
Solcher Glauben sich dann ausbreitet
Zum Nächsten sein mit wahrer Liebe,
Daß keinen Menschen er betrübe,
Vielmehr sich übt zu aller Zeit
In Werken der Barmherzigkeit,
Thut jedermann herzlich nur Gut's
Aus freier Lieb', sucht keinen Nutz,
Steht bei mit Rathen, Helfen, Leihen,
Mit Lehren, Strafen, Schuld Verzeihen,
Thut jedem, wie er selbst auch wollte,
Daß gegen ihn geschehen sollte.
Dies wirkt in ihm der heil'ge Geist;
So das Gesetz erfüllet heißt.
Wie man es im Matthäus find't.
Hier merk', daß dieses einzig sind
Die wahren christlich guten Werk';
Jedoch darneben fleißig merk',
Daß Seligkeit nicht ist ihr Lohn:
Die Seligkeit, die hat man schon
Durch den Glauben an Christum. –
Dies ist die Lehre kurz in Summ',
Die Luther an den Tag gebracht.
Deß ist Leo, der Papst, erwacht
Und riechet balde diesen Braten,
Fürcht't, ihm entgingen die Annaten, »Die Hälfte der Zins des ersten Jahrs auf allen geistlichen Lehen« (Luther.)
Der Papstmonat Der Papst hat sechs Monate hindurch, abwechselnd mit den Bischöfen und Stiftern, die Lehen zu verleihen. auch von ihm komm',
Darin er zieht die Pfründ' gen Rom;
Auch würd' man nicht mehr Ablaß kaufen
Und nicht nach Rom hin Wallfahrt laufen;
Man würde nicht mehr sammeln Geld,
Und er wär' nicht mehr Herr der Welt.
Man hielte nicht mehr sein Gebot,
Sein Regiment würd' ab und todt,
So man die rechte Wahrheit wüßt';
Darum gebraucht' er kluge List,
Hätt' gern die Wahrheit unterdrücket:
Bald er zu Herzog Friedrich schicket,
Daß all' die Bücher würden verbrannt
Und Luther ihm nach Rom gesandt.
Jedoch die Hand der Fürst in Gnad'
Christlich ob ihm gehalten hat,
Zum Schutze für das Gotteswort,
Das er dann hört' und prüfte dort.
Da dieser Kniff dem Papst ging fehl,
Schickt' er nach ihm gen Augsburg schnell;
Der Kardinal bot ihm, zu schweigen,
Und konnt' ihm doch mit der Schrift nicht zeigen
Klärlich, daß Luther sich geirrt;
Da auch dies den Papst nicht weiter führt',
That er den Luther in den Bann
Und alle, die ihm hingen an,
Ohne alle Schrift, Beweis, Verhör.
Doch Luther schrieb stets wie vorher
Und ließ sich durch die Bull' nicht irren.
Nun that der Kaiser ihn citiren
Hinab gen Worms vor den Reichstag,
Wo gegen Luther man losbrach.
Kurzum, er sollt' nun revociren,
Und doch wollt' niemand disputiren
Mit ihm und ihn zum Ketzer machen.
Drum blieb er fest in seinen Sachen
Und widerrief nicht um ein Haar,
Da, was er schrieb, ja alles war
Gebaut aufs Evangelium.
Drum schied er ab frisch, froh und frumm
Und ließ sich kein Mandat abschrecken.
Das wilde Schwein deut't Doctor Ecken,
Der in Leipzig mit ihm hatt' den Strauß
Und viel grober Säue bracht' heraus;
Der Bock bedeutet Emser gar,
Der Nonnen Tröster immerdar;
Die Katz' den Murner Der Franciskaner Thomas Murner, Verfasser zahlreicher satirischer Schriften, z. B. »Vom großen lutherischen Narren« (1522), welche gegen die Reformation gerichtet ist. will bedeuten,
Des Papstes Wächter zu allen Zeiten;
Der Waldesel, auf den Barfüßer Der Barfüßer ist Augustin von Aleweld, Franciskaner und Lector der Theologie in Leipzig. weist er
Zu Leipzig, den groben Lesemeister;
So deutet die Schneck' den Kochläum. Kochläus ebenfalls Theologe und Gegner Luthers; cochlea heißt die Schnecke.
Die fünf, und sonst viel in der Summ',
Gar lange wider Luther schrieben;
Die hat er all' von sich getrieben,
Da ihr Schreiben hatt' keinen Grund,
Nur auf langer Gewohnheit stund,
Und sie nichts konnten mit Schrift probiren;
Doch Luther thät stets die Schrift anführen,
Daß es ein Bauer merken möcht',
Daß Luthers Lehre gut und recht.
Da wurden sieglos und unsinnig
Nun die Schlangen, Nonnen und Münnich',
Woll'n ihre Ränke vertheidigen,
Und schreien laut und predigen:
»Luther sagt das Evangelium;
Hat er auch Brief und Siegel drum,
Daß wahr das Evangelium sei?
Er errichtet neue Ketzerei!
Ihr Lieben, laßt euch nicht verführen!
Die röm'sche Kirche kann nicht irren;
Thut gute Werk', folgt des Papstes Gebot,
Stiftet und opfert! so will's Gott;
Laßt Messe lesen, so kann's nicht fehlen
Im Fegefeuer den armen Seelen;
Ruft zu den Heil'gen, dient ihnen schön,
Thut fleißig zur Vesper und Komplet gehn!
Die Zeit ist kurz, ein jedes merke:
Macht euch theilhaftig unsrer Werke!
Wir singen, schreien oft mit Kraft.
So ihr daheim schon liegt und schlaft.«
Vom wahren Gottesdienst sie schweigen,
Tanzen nach ihrer alten Geigen
Und thun sich schmeicheln um die Lai'n.
Im Keller, da versiegt der Wein,
Es werden die Kornböden leer,
Nichts will man ihnen bringen mehr.
Haben doch willig Armuth gelobt!
Jetzt sieht man, wie ihr Haufe tobt.
Da leer nun ihre Küchen stehn,
Wie Luthern sie verfluchen, schmähn
Als Ketzer, Schalk und Bösewicht;
Doch gehet keiner an das Licht.
Thun nur unter dem Hütlein stechen,
Schrein, als wollten sie zerbrechen,
Wo sie bei ihren Nonnen sitzen,
Und machen, daß sie sich erhitzen
Wider das Evangelium,
Wie man jetzt spüret um und um.
Die Frösche quaken in dem Teich,
Auf den hohen Schulen, merket euch,
Die wider Luther das Maul aufreißen,
Doch nirgends aus der Schrift beweisen.
Ihnen bringt das Evangelium Weh,
Ihre heidnische Kunst gilt nicht wie eh',
Drin jeder Doctor ist gelehrt;
Die haben uns die Schrift verkehrt
Mit ihrer bösen Heidenkunst.
Dem Luther tragen auch Ungunst
Die Wildgäns'; dieses sind die Laien,
Die ihn verfluchen und verschreien:
»Was will der Mönch uns Neues lehren,
Die ganze Christenheit verkehren?
Die guten Werk' verhöhnet er,
Den Heil'gen soll man nicht dienen mehr,
Zu Gotte sollen schrein wir nur,
Nicht helfen könn' eine Kreatur;
Auch unsre Wallfahrt er abstellt.
Von Fasten, Feiern er nichts hält,
Wie es so lang' bei uns im Brauch,
Desgleichen von Kirchenstiften auch;
Die Orden nennt er Menschenwahn,
Erkennt nur das als Sünde an,
Was uns verboten ward von Gott;
Veracht't damit des Papst's Gebot,
Röm'schen Ablaß er auch veracht't,
Spricht, Christus hab' uns selig gemacht,
Und wer das glaube, hab' genug.
Ich mein', der Mönch sei nicht recht klug,
Denkt nicht, daß auch zuvor gewesen
Schon solche, die die Schrift gelesen.
Unsre Eltern, die vor uns waren,
Sind doch auch nicht gewesen Narren,
Die solche Dinge uns gelehrt –
Und es hat viel hundert Jahr' gewährt;
Die sollten alle haben geirrt
Und uns und auch sich selbst verführt!
Das woll' Gott nicht; das will ich treiben
Und in meinem alten Glauben bleiben.
Luther schreibt seltsam Abenteuer,
Man sollt' ihn werfen in ein Feuer,
Ihn und den Anhang sein vertreiben.«
Dies hört man viel von alten Weiben,
Von Zopfnonnen und alten Greisen,
Die dem Evangelium die Zähne weisen,
Verachten es in tollem Sinn,
Und doch steht unser Heil darin!
Doch hilft das Widerbellen nicht,
Die Wahrheit kam uns an das Licht;
Deshalb die Christen wieder kehren
Zu den evangelischen Lehren
Unseres Hirten Jesu Christ,
Der unser aller Löser ist,
Deß Glaub' allein uns selig macht.
Drum sind alle Menschenränk' veracht't
Und des Papstes Gebot vernichtet
Als erlogen und von Menschen erdichtet.
Man hänget nur an Gottes Wort,
Das man jetzt hört an manchem Ort
Von manchem wahren Christenmann.
Nun strengen sich die Bischöf' an
Vereint mit ein'gen weltlichen Fürsten,
Die auch nach Christenblute dürsten,
Und greifen solche Pred'ger auf,
Und bringen sie in Haft zu Hauf,
Um sie zum Widerruf zu zwingen;
Ihnen auch ein Lied vom Feuer singen,
Damit sie möchten an Gott verzagen;
Das heißt die Schaf' in Hecken jagen!
Da muß man heimlich viel verlieren,
Obgleich sie ihre Lehr' probiren;
Ein Theil verbleibt in Eisenband,
Ein Theil verjagt man aus dem Land.
Luthers Schriften man auch verbrennt,
Verbietet sie an manchem End'
Bei Leib und Gut und bei dem Kopf;
Wen man ergreift, der läßt den Schopf,
Oder man jagt ihn von Weib und Kind:
Das ist des Antichrists Hofgesind'.
Dies alles Christus künden thät,
Wie auch Matthäi am zehnten steht:
»Wie Schafe send' ich euch, nehmt wahr,
Mitten unter der Wölfe Schaar;
Darum seid wie die Schlangen klug
Und wie die Tauben ohne Trug,
Und hütet vor den Menschen euch!
Sie werden euch überantworten gleich
Vor ihre Rathhäuser und dann
In Schulen mit Geißeln gehen an;
Um meinetwillen man euch stellt
Vor Fürsten und Kön'ge der Welt!
Dann sorgt nicht, was ihr reden wollt,
Euch wird gegeben, was ihr sollt
Dann reden durch des Vaters Geist.
Ein Freund sich dem andern feind erweist,
Wird ihm zum Tod verhelfen dann.
Ihr werdet gehaßt von jedermann
Um den heil'gen Namen mein.
Wer ausharrt, der wird selig sein:
Verfolgt man euch aus einem Ort,
Zieht schnell nach einem andern fort.
Und kommt die Zeit, wo man zum Tod
Euch führt, so dienet damit Gott,
Und fürchtet nicht, die den Leib euch tödten:
Die Seel' bringt man euch nicht zu Nöthen.« –
Ihr Christen, merkt dies Trosteswort!
So man euch fängt, hier oder dort,
Laßt euch durch nichts von Gott wegtreiben,
Thut bei dem Worte Gottes bleiben,
Verlieret lieber Leib und Gut:
Es wird noch schreien Abels Blut
Ueber Kain am jüngsten Tag.
Laßt morden, wer nur morden mag!
Es wird noch kommen an dem End'
Des wahren Antichrists Regiment.
Es steht in der Offenbarung Buch,
Kapitel achtzehn klar genug;
Dort läßt zweimal den Ruf erschallen
Der Engel: »Babylon ist gefallen!
Es ward des Teufels Hinterhalt,
Weil aus des grimmen Weins Gewalt
Die Unkeuschheit die Heiden tranken,
In arge Unkeuschheit versanken
Die Herrn und Kön'ge dieser Erden;
Gar reich auch ihre Kaufleut' werden,
Hantierend mit der Menschen Seelen.«
Darnach thut weiter er erzählen:
»Eine andre Stimme hört' ich schier:
Mein liebes Volk, geh' aus von ihr,
Die Sünden sind vor Gott gekommen;
Der hat ihres Frevels wahrgenommen,
Zahlt ihr, wie sie euch hat bezahlt,
Und widergeltet ihr zwiefalt;
Denn sie spricht stets in ihrem Herzen:
›Als Kön'gin sitz' ich ohne Schmerzen‹,
Und ist sicher in ihrem Muthe
Und trunken von der Heil'gen Blute.
Darum wird alle ihre Plage
Zusammen kommen an einem Tage,
Der Tod und Hunger, Weh und Schand',
Und wird mit Feuer sie verbrannt.
Denn wahrlich, stark ist Gott, der Herr,
Der sie wird richten.« Nun hört mehr:
Die Zeichen all zusammenstellt
Daniel am neunten und erzählt,
So daß man klar erkennen kann,
Daß Babylon deutet das Papstthum an,
Von dem Johannes prophezeit.
Darum, ihr Christen, wo ihr seid,
Kehrt wieder aus des Papstes Wüst'
Zu unserm Hirten, Jesus Christ.
Derselb' ein guter Hirte war,
Wie doch durch seinen Tod wird klar,
Durch den erlöst wir von der Pein.
Er ist unser Trost allein,
Er allein uns Hoffnung beut
Und Seligung, Gerechtigkeit,
Allen, die glauben an seinen Namen:
Wer das begehrt, der spreche Amen!
 << Kapitel 33  Kapitel 35 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.