Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Körner >

Hans Heilings Felsen

Theodor Körner: Hans Heilings Felsen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleKörners Werke
authorTheodor Körner
year1903
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleHans Heilings Felsen
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1811
Schließen

Navigation:

Theodor Körner

Hans Heilings Felsen.

Eine böhmische Volkssage.

1811.

Vor langen, langen Zeiten lebte ein reicher Bauer in einem Dörfchen an der Eger.

Die Sage erzählt uns nicht, wie es geheißen; doch vermutet man, daß es dem allen Karlsbader Kurgästen genugsam bekannten Dorfe Aich gegenüber auf dem linken Ufer der Eger gelegen habe.

Veit, so hieß der Bauer, hatte ein liebes, anmutiges Töchterchen, die Freude und der Schmuck der ganzen Gegend. Elsbeth war wirklich recht hübsch und dabei so gut und wohlerzogen, daß damals ihresgleichen nicht leicht zu finden sein mochte.

Neben Veits Hause stand eine kleine Hütte, die dem jungen Arnold gehörte, dessen Vater soeben gestorben war. Arnold hatte das Maurerhandwerk gelernt und war nach langer Zeit zum erstenmal wieder in der Heimat, als sein Vater starb. Er weinte als ein guter Sohn herzliche Tränen auf des Alten Grab; denn hinterließ ihm jener auch nichts als eine ärmliche Hütte, so trug Arnold doch ein stilles, köstliches Erbteil in seiner Brust: Rechtlichkeit und Treue und einen aufgeweckten Sinn für alles Gute und Schöne.

Gleich bei seiner Ankunft im Dorfe kränkelte der Vater schon, und die plötzliche Freude des Wiedersehens konnte der alte Mann nicht ertragen. Arnold, der ihn wacker pflegte, wich nicht von seiner Seite, und so kam es denn, daß er bis nach dem Tode des Alten noch keinen seiner Bekannten und Freunde aus der Kinderzeit gesehen hatte, der ihn nicht selbst bei dem Krankenbette des Vaters aufsuchte.

Vor allen andern hatte sich Arnold auf Veits Elsbeth gefreut; denn sie waren zusammen aufgewachsen, und er erinnerte sich immer noch mit Vergnügen des kleinen freundlichen Mädchens, das ihn so lieb hatte und so arg weinte, als er fort mußte zu seinem Meister nach Prag.

Arnold war ein schlanker, hübscher Bursche geworden, und daß Elsbeth nun auch gewachsen und recht schön sein müsse, hatte sich Arnold schon manchmal vorgesagt.

Den dritten Abend nach dem Tode des Vaters saß der Sohn in wehmütigen Träumen auf dem frischen Grabe, als er leise hinter sich jemanden in den Kirchhof treten hörte. Er sah sich um, und ein liebliches Mädchen, ein Körbchen mit Blumen am Arm, schwebte zwischen den Rasenhügeln einher.

Ein Holunderstrauch verbarg ihn noch vor Elsbeths Augen; denn sie war es, die das Grab ihres guten Nachbars mit Blumen schmücken wollte.

Sie bog sich mit Tränen im Auge darüber und sprach leise, indem sie die Hände faltete: »Ruhe sanft, guter Mann! Die Erde sei dir leichter als das Leben, und dein Grab soll nicht ohne Blumen sein, wenn es auch deine Tage waren!« Da sprang Arnold hinter dem Gebüsche hervor. »Elsbeth!« rief er und riß das erschrockene Mädchen in seine Arme, »Elsbeth, kennst du mich?« – »Ach, Arnold, seid Ihr es?« lispelte sie mit Erröthen; »wir haben uns recht lange nicht gesehen.« – »Und du bist so schön, so mild, so lieblich geworden und hast meinen Vater geliebt und gedenkst seiner so freundlich! Liebes, süßes Mädchen!« – »Wohl, guter Arnold, ich hab' ihn recht herzlich lieb gehabt,« sagte sie und wand sich sanft aus seinen Armen; »wir haben oft zusammen von Euch gesprochen; die Freude an seinem Sohn war das einzige Glück, was er hatte.« – »Hat er wirklich Freude an mir gehabt?« fiel Arnold hastig ein; »o, so dank' ich dir, Gott, daß du mich brav und gut erhalten hast! Aber, Elsbeth, denk' einmal, wie sich alles verändert hat! Sonst, wie wir klein waren, und der Vater vor der Türe saß, da spielten wir auf seinen Knieen; du warst so herzlich gegen mich, und wir mochten nicht sein ohne einander; und nun! Der gute Alte schlummert hier unter uns; wir sind groß geworden; aber wenn ich auch nicht bei dir sein konnte, ich habe doch recht oft an dich gedacht.« – »Ich auch an dich!« flüsterte Elsbeth leise und sah ihn mit ihren großen, freundlichen Augen recht herzlich an.

Da rief der begeisterte Arnold: »Sieh, Elsbeth! Wir haben uns schon früh geliebt; ich mußte fort; aber hier, wo ich dich am Grabe meines Vaters wiederfinde, wir beide in stiller Erinnerung an ihn, da ist's mir, als ob keine Trennung gewesen wäre für uns. Das kindliche Gefühl ist als männliche Leidenschaft in mir erwacht. Elsbeth, ich liebe dich! Hier auf diesem heiligen Boden sage ich dir zum ersten Male: Ich liebe dich! Und du?« Aber Elsbeth verbarg ihr glühendes Gesicht an seiner Brust und weinte innig. »Und du?« fragte Arnold zum zweiten Male, so recht bittend und wehmütig. Sanft hob sie das Köpfchen und blickte ihm unter Tränen, doch freudig, ins Auge. »Arnold, ich bin dir recht von Herzen gut; ich habe dich immer, immer lieb gehabt!« Da zog er sie wieder an seine Brust, und Küsse besiegelten das Geständnis ihrer Herzen.

Nach dem ersten Rausche der glücklichen Liebe saßen sie noch lange in süßer Seligkeit auf des Vaters Grab.

Arnold erzählte, wie es ihm ergangen, wie er sich immer nach Hause gesehnt, und Elsbeth sprach dann wieder vom Vater und ihrer früheren Kindheit, jenen schönen Tagen. Die Sonne war schon längst unter; sie hatten es nicht bemerkt.

Endlich weckte ein Geräusch auf der nahen Straße sie aus ihren Träumen, und Elsbeth flog nach einem flüchtigen Abschiedskuß aus Arnolds Armen nach Hause.

Arnolden traf die späte Nacht noch in seligen Erinnerungen versunken auf des Vaters Grabe, und der Morgen graute, als er mit vollem, reichem Herzen in die öde väterliche Hütte trat.

Am andern Morgen, als Elsbeth ihrem Vater Morgenbrot brachte, begann der alte Veit von Arnold zu reden.

»Mich dauert der arme Junge,« sprach er, »recht herzlich; du wirst dich seiner wohl erinnern, Elsbeth. Ihr habt ja immer zusammen gespielt.« – »Wie sollt' ich nicht?« lispelte die Errötende. – »Nun, 's wäre mir auch nicht lieb; säh' aus, als ob du zu stolz geworden wärst, des armen Burschen zu gedenken. 's ist wahr, ich bin reich geworden, und die Arnolds sind arme Schlucker geblieben; aber brav sind sie immer gewesen, der Vater wenigstens, und vom Sohn hör' ich auch manches Rühmliche.« – »Gewiß, Vater,« fiel ihm Elsbeth hastig ins Wort, »der junge Arnold ist recht brav!« – »Ei, sieh doch, Elsbeth!« meinte der Vater; »woher weißt du denn das so gewiß?« – »Sie erzählten's im Dorfe,« stammelte Elsbeth. – »Nun, 's soll mich freuen; wenn ich ihm wo helfen kann, soll's an mir nicht fehlen.«

Elsbeth, um das Gespräch zu enden (denn sie kam aus dem Rotwerden nicht wieder heraus), machte sich schnell etwas für die Küche zu tun und entging so den forschenden Blicken des kopfschüttelnden Alten.

Noch vormittags fand Arnold sein Mädchen, wie sie ihm versprochen hatte, im Garten an Veits Hause. Sie erzählte ihm das ganze Gespräch, und er schöpfte daraus die besten Hoffnungen für sein Glück. »Ja,« sagte er endlich, »ich habe mir's die ganze Nacht über bedacht; das beste ist, ich gehe heut' noch zu deinem Vater, bekenne ihm frei heraus, daß wir uns lieben und gern heiraten möchten, weise ihm meine Kundschaft und das Zeugnis meiner Meister und bitte ihn um seinen Segen. Meine Offenheit wird ihn freuen; er gibt uns seine Einwilligung; ich gehe dann frischen Mutes in die Fremde, erwerbe mir ein Stück Geld, komme treu und fröhlich zurück, und wir werden glücklich. Nicht wahr, süße, gute Elsbeth?« – »Ja!« rief das entzückte Mädchen und hing an seinem Halse; »ja, der Vater wird gewiß einwilligen; er hat mich ja so lieb!« Voll freudiger Hoffnung schieden sie.

Am Abend schmückte sich Arnold aufs beste, ging noch einmal zu des Vaters Grabe, betete innig um seinen Segen und trat dann den Rückweg nach Veits Hause mit stillem Beben an.

Die vor Freude zitternde Elsbeth empfing ihn und brachte ihn sogleich zu ihrem Vater. »Nachbar Arnold!« rief ihm der Alte entgegen, »was bringt Ihr mir?« – »Mich selbst,« antwortete jener. – »Das heißt?« fragte Veit. – »Herr Nachbar,« begann darauf Arnold, anfangs mit zitternder Stimme, aber dann recht fest und herzlich, »Herr Nachbar, laßt mich ein wenig weit ausholen! Ihr mögt mich dann leicht besser verstehen. Ich bin arm, aber gelernt hab' ich was Ordentliches; das können Euch diese Zeugnisse beweisen. Die ganze Welt steht mir offen; denn ich will nicht bei dem Handwerk bleiben, ich will die Kunst lernen; es soll einmal ein tüchtiger Baumeister aus mir werden; das hab' ich meinem toten Vater gelobt. Aber, Herr, alles in der Welt muß seinen Mittelpunkt haben, und ein Zweck muß bei der Arbeit sein. Wie die Häuser, die ich baue, nicht des Bauens wegen, sondern des Nutzens wegen gerichtet werden, so auch mit meiner Kunst. Ich treibe sie nicht bloß, um die Kunst zu treiben, ich möchte gerne etwas dabei erlangen, und das nun, was mir im Sinn steht, habt Ihr zu vergeben. Sagt mir's zu, daß ich's haben soll, wenn ich was Tüchtiges geschafft habe, und ich will meine Kraft an das Höchste setzen.« – »Und was hab' ich denn,« fiel ihm Veit ins Wort, »was Euch von solcher Bedeutung ist?« – »Eure Tochter, Herr! Wir lieben uns. Ich bin gerade zum Vater gegangen als ein rechtlicher Mann und habe nicht vorher viel um das Mädchen herumgeschwänzt, wie's mancher Art ist. Nein, nach alter guter Weise komme ich zu Euch und bitt' Euch um Eure Zusage, daß Ihr mir, wenn ich nach drei Jahren von der Wanderschaft heimkehre und was Rechtes geleistet habe, Euern Segen nicht verweigern wollt und der Dirne erlaubt, mit die drei Jahre eine treueigne Braut zu bleiben.«

»Junger Gesell,« entgegnete ihm der Alte, »ich habe Euch ausreden lassen; laßt's mich nun auch, und ich will Euch schlicht und recht meinen Bescheid sagen. Daß Ihr meine Tochter liebt, das freut mich; denn Ihr seid ein wackerer Bursche; und daß Ihr gleich offenherzig zum Vater kommt, freut mich noch mehr und gereicht Euch zum großen Lobe. Eure Meister nennen Euch einen kunstverständigen Jüngling und geben Euch Hoffnung zu was Großem; da wünsch' ich Glück; aber die Hoffnung ist ein unsicheres Gut, und soll ich darauf meiner Elsbeth Zukunft bauen? Während der drei Jahre kann einer kommen, der meiner Tochter besser gefällt oder, wenn das nicht ist, der mir besser gefällt. Soll ich diesen nun abweisen, weil Ihr kommen könntet? Nein, junger Gesell, damit ist's nichts. Kommt Ihr aber einmal wieder, und Elsbeth ist noch frei, und Ihr habt Euer Glück gemacht, so will ich Euch nicht hinderlich sein; jetzt aber kein Wort mehr davon!« – »Aber, Nachbar Veit,« bat Arnold bebend und ergriff des Alten Hand, »bedenkt doch!« – »Da ist weiter nichts zu bedenken,« fiel ihm Veit ein, und somit Gott befohlen; oder wollt Ihr noch bleiben, so seid Ihr mein lieber Gast; nur nichts mehr von der Else.« – »Und das ist Eure letzte Entscheidung?« stammelte Arnold. – »Meine letzte,« versetzte der Alte frostig. – »Nun, so helfe mir Gott!« schrie jener und wollte zur Türe hinaus. Hastig ergriff ihn Veit bei der Hand und hielt ihn.

»Junger Gesell, mach' Er keinen dummen Streich! Ist er ein Mann und hat Er Kraft und Mut, so nehm' Er sich zusammen und verbeiße Er den Schmerz! Die Welt ist groß; fort ins Leben! da wird's mit Ihm ruhig werden. Jetzt leb' Er wohl! Glück auf die Wanderschaft!« Somit ließ er ihn los, und Arnold wankte in seine Hütte.

Weinend schnürte er sein Bündel, nahm von der väterlichen Erde Abschied und wandte sich dann nach dem Kirchhof, um auch von des Vaters Grabe Abschied zu nehmen. Elsbeth, die das Gespräch halb und halb durch die Thüre gehört hatte, schwamm in Tränen. Sie hatte sich alles so schön geträumt, und jetzt schien jede Hoffnung verloren.

Noch einmal wollte sie ihren Arnold sehen; sie stellte sich an ihr Kammerfenster und wartete, bis er aus der Hütte heraustrat und den Weg nach dem Kirchhofe einbog. Schnell flog sie ihm nach und fand ihn betend auf des Vaters Grabe. »Arnold! Arnold! du willst fort?« rief sie ihm zu und umfaßte ihn. »Ach, ich kann dich nicht lassen!« Arnold richtete sich auf, als ob er aus einem Traum erwachte. »Ich muß, Elsbeth, ich muß. Brich mir das Herz nicht mit deinen Tränen! Denn ich muß.« – »Kommst du wieder? und wann kommst du wieder?« – »Elsbeth, ich will arbeiten, wie nur ein Mensch vermag; ich will geizig sein mit jeder Minute Zeit; in drei Jahren bin ich wieder hier. Bleibst du mir treu?« – »Bis in den Tod, treuer Arnold!« rief die Schluchzende. – »Und wenn der Vater dich zwingen will?« – »So sollen sie mich in die Kirche schleppen, und noch vor dem Altare werd' ich Nein rufen. Ja, Arnold, wir wollen uns treu bleiben, hier und dort drüben! Irgendwo finden wir uns doch wieder.« – »So laß uns scheiden!« rief Arnold, dem ein Strahl der Hoffnung durch die Tränen aus den Augen blickte; »laß uns scheiden! Ich fürchte keine Hindernisse mehr; nichts soll mir zu groß und zu kühn sein. Mit diesem Kuß verlob' ich mich dir, und nun ade! In drei Jahren sind wir glücklich.« Er riß sich aus ihren Armen. »Arnold!« rief sie, »Arnold, verlasse deine Elsbeth nicht!« Aber er war schon hinaus. Von weitem wehte ihr sein weißes Tuch den letzten Gruß zu, bis er in des Waldes Dunkel verschwand.

Elsbeth warf sich nieder auf das Grab und betete inbrünstig zu Gott. Überzeugt von Arnolds Treue, war sie ruhiger geworden und konnte dem Vater gefaßter unter die Augen treten, der sie streng ansah und auch nach dem kleinsten Umstande forschte.

Alle Frühmorgens wallfahrtete sie nun an die Stelle, wo sie ihren Arnold zum letzten Male umarmt hatte. Der alte Veit bemerkte es wohl, ließ es aber geschehen und war schon zufrieden, daß Elsbeth so ruhig und oft sogar heiter sein konnte.

So verstrich ein Jahr, und zu Elsbeths großer Freude hatte sich noch kein Freier gemeldet, der dem Vater angestanden hätte. Am Ende des zweiten Jahres kam nach langer Abwesenheit ein Mensch ins Dorf zurück, der früher wegen liederlicher Streiche davongegangen war und sich viel versucht hatte.

Hans Heiling ging als ein armer Teufel fort und kam in den besten Umständen wieder. Er schien recht eigentlich ins Dorf gekommen zu sein, um sich seinen vorigen Feinden als reicher Mann zu zeigen. Anfangs war's, als wollt' er nur kurze Zeit hier verweilen; er sprach von wichtigen Geschäften; aber bald sah man, daß er sich auf einen längern Aufenthalt gefaßt machte.

Man erzählte sich im Dorfe Wunderdinge von ihm; mancher ehrliche Mann zuckte die Achsel drüber, und viele ließen sich nicht undeutlich merken, sie wüßten recht gut, woher das alles komme.

Dem sei nun, wie ihm wolle, Hans Heiling besuchte doch den alten Veit täglich, erzählte ihm von seinen Reisen, wie er sogar in Ägypten gewesen und noch viel weiter übers Meer gefahren sei, daß der Alte viel Vergnügen an seinem Umgang hatte, und ihm viel fehlte, wenn Heiling abends nicht in die Stube trat.

Zwar hörte er manches von seinen Nachbarn; er schüttelte aber ungläubig den Kopf; nur das eine kam ihm sonderbar vor, daß Hans Heiling sich alle Freitage einschloß und den ganzen Tag über allein zu Hause blieb. Er fragte ihn also geradezu, was er zu solcher Zeit beginne. »Ein Gelübde,« war die Antwort, »bindet mich, alle Freitage im stillen Gebete zuzubringen.« Veit war beruhigt; Hans ging wie vormals aus und ein und ließ sich immer deutlicher merken, was er für Absichten auf Elsbeth habe.

Aber Elsbeth hatte einen unerklärlichen Abscheu vor dem Menschen; ihr war's, als geränn' ihr das Blut in den Adern bei seinem Anblick.

Dennoch machte er dem Alten einen förmlichen Antrag und bekam zum Bescheid, er solle erst sein Glück bei dem Mädchen selbst versuchen. Dazu benutzte Hans einen Abend, wo er Veiten nicht zu Hause wußte.

Elsbeth saß am Spinnrocken, als er in die Türe trat; sie fuhr erschrocken auf, ihm ankündigend, der Vater sei nicht zugegen. »O, so laßt uns ein wenig zusammen plaudern, holde Dirne!« war seine Antwort, und somit saß er an ihrer Seite. Elsbeth rückte sich schnell von ihm weg. Hans, der es für bloße mädchenhafte Schüchternheit hielt und den Grundsatz hatte, bei Weibern müßte man kühn sein, wenn man gewinnen wolle, faßte sie schnell um den Leib und sprach schmeichelnd: »Will die schöne Elsbeth nicht neben mir sitzen?« Aber sie riß sich mit einem widrigen Gefühl aus seinen Armen und wollte mit den Worten: »Es schickt sich schlecht für mich, mit Euch allein zu sein!« das Zimmer verlassen, als er ihr nacheilte und sie kühner umfaßte. »Der Vater hat mir sein Jawort gegeben, schöne Else; wollt Ihr mein Weib sein? Ich laß Euch nicht eher, als bis Ihr mir's zugesagt.« Sie sträubte sich vergebens gegen seine Küsse, die ihr fürchterlich auf der Wange brannten. Umsonst schrie sie nach Hilfe; er, dessen Leidenschaft im höchsten Glühen war, ward nur verwegener, als er plötzlich ein Kreuz gewahrte, das Else von Jugend auf am Halse getragen, ein Erbteil der früh verstorbenen Mutter. Wunderbar ergriffen ließ er sie los; er schien zu beben und eilte zur Thüre hinaus. Elsbeth dankte Gott für ihre Rettung. Dem Vater erzählte sie bei seiner Zurückkunft Heilings niedrige Aufführung. Veit schüttelte den Kopf und schien sehr aufgebracht.

Er hielt es Hansen bei nächster Gelegenheit vor, der sich mit der Heftigkeit seiner Liebe entschuldigte; aber der Vorfall hatte für Elsbeth doch die glücklichen Folgen, daß er sie für lange Zeit mit seinen Anträgen verschonte. Sie trug das Kreuz, das, sie wußte nicht wie, damals ihr Retter war, seit jenem Abend immer frei und offen auf der Brust und merkte wohl, daß Heiling nicht eine Silbe an sie richtete, sobald er sie so geschmückt fand.

Das dritte Jahr neigte sich bald zu Ende. Elsbeth, die den Vater, wenn er von einer Verbindung mit Heiling sprach, immer aufs künstlichste hinzuhalten und zu unterbrechen wußte, wurde immer heiterer. Täglich ging sie noch zu des alten Arnolds Grab und dann über die Eger den Weg nach Prag bis auf die Höhe hinauf, in der stillen Hoffnung, bald einmal ihren Getreuen daher wandern zu sehen.

Während dieser Zeit vermißte sie einmal morgens früh das Kreuzchen, das ihr so lieb und wert war; man mußte es ihr im Schlaf abgebunden haben; denn sie legte es nie von sich, und sie hatte keinen kleinen Verdacht auf eine der Mägde, die sie am Abend zuvor mit Heilingen hinter dem Hause hatte flüstern hören. Weinend erzählte sie es ihrem Vater; der lachte sie aber wegen ihres Verdachtes aus, indem er behauptete, Heiling könnte ja nichts an dem Kreuzchen liegen; über solche verliebte Tändeleien sei er hinaus; sie werde es gewiß wo anders verloren haben.

Demohngeachtet blieb sie bei ihrer Meinung, und ganz deutlich merkte sie, daß Hans nun seine Bewerbungen aufs neue und mit großem Ernst und vieler Zuversicht trieb. Auch der Vater ward immer strenger und erklärte zuletzt gerade heraus, sie müßte dem Heiling ihre Hand geben, es sei sein fester, unabänderlicher Wille; der Arnold habe sie gewiß vergessen, und die drei Jahre wären ja ohnehin schon vorüber. Heiling schwor ihr dagegen im Beisein des Vaters seine ewige Liebe zu, und wie er sie nicht, wie vielleicht andere, ums Geld, nein, rein um ihrer selbst willen liebe; denn des Geldes habe er satt, und er wolle sie reicher und glücklicher machen, als sie es je geträumt habe.

Doch Elsbeth verachtete ihn und seine Reichtümer; als sie aber, gedrängt von beiden Seiten und von dem Gedanken der Untreue oder des Todes ihres Arnolds gemartert, keinen Ausweg mehr sah als den, der allen Verzweifelnden offen bleibt, bat sie nur noch um drei Tage Aufschub; denn ach! sie hoffte immer noch auf des Geliebten Rückkehr.

Die drei Tage wurden ihr vergönnt. Voll Hoffnung, ihre Wünsche nun bald erfüllt zu sehen, traten die beiden Männer vor die Türe, und Veit gab Heilingen das Geleit.

Da kam die Gasse herauf der Priester des Orts, vor ihm der Mesner; sie gingen zu einem Sterbenden, ihm den letzten Trost zu bringen. Alles beugte sich vor dem Bilde des Gekreuzigten, und auch Veit warf sich nieder; aber sein Gefährte sprang mit dem Ausdruck des Schreckens in das nächste Haus. Erstaunt und nicht ohne Grauen blickte ihm Veit nach und ging kopfschüttelnd zu Hause.

Bald kam ein Bote von Heilingen, der ihn benachrichtigte, seinen Herrn habe vorhin ein plötzlicher Schwindel befallen: Veit solle zu ihm kommen und nichts Arges denken. Aber jener entgegnete und bekreuzigte sich: »Gehe hin und sag ihm, mich soll es freuen, wenn's ein bloßer Schwindel gewesen!« Elsbeth saß unterdessen weinend und betend auf einem Hügel vor dem Dorfe, wo sie die ganze Prager Straße hinaufsehen konnte.

Eine Staubwolke stieg in der Ferne auf; ihr Herz schlug ihr mächtig; aber als sie es nun unterscheiden konnte und einen Trupp reich gekleideter Männer zu Pferde gewahrte, war ihre schöne Hoffnung wieder verschwunden.

Jenem Zuge voran ritt einem alten, ehrwürdigen Greise zur Linken ein schöner Jüngling, dem man's ansah, daß ihm der schnelle Trab der Pferde noch viel zu langsam war, und den der Alte Mühe hatte zurückzuhalten. Elsbeth scheute sich vor der Menge Männer und schlug die Augen nieder, ohne den Zug weiter anzuschauen. Auf einmal sprang der Jüngling vom Pferde und lag vor ihr auf den Knieen. »Elsbeth! ist es möglich? Meine liebe, teure Elsbeth!« Erschrocken fuhr das Mädchen in die Höhe, und im Gefühl der höchsten Seligkeit fiel sie dem Jüngling mit dem Ausruf: »Arnold! mein Arnold!« in die Arme. Lange lagen sie so in stummem Entzücken, Mund an Mund und Herz an Herz.

Arnolds Begleiter standen voll freudiger Rührung um das selige Paar; der Greis faltete die Hände und dankte Gott, und nie hat die scheidende Sonne glücklichere Menschen gesehen. Als sich die Liebenden wiederfanden aus dem Rausch der Freude, wußten beide nicht, wer zuerst erzählen sollte. Elsbeth begann endlich, und mit wenigen Worten nannte sie ihre unglückliche Lage und ihr Verhältnis zu Heiling. Arnold erstarrte bei dem Gedanken, er hätte seine Elsbeth verlieren können. Aber genau forschte der Greis nach Heiling und rief endlich: »Ja, Freunde, das ist der nämliche Schandbube, der in meiner Vaterstadt jene nichtswürdigen Streiche beging und nur durch die schnellste Flucht dem Arm der Gerechtigkeit entkam. Laßt uns Gott danken, daß wir hier eins seiner Bubenstücke vereiteln!« Unter noch mancherlei Gesprächen über Heiling und Elsbeth kamen sie endlich, aber ziemlich spät, ins Dorf.

Triumphierend führte Else ihren Arnold zu dem Vater, der seinen Augen nicht trauen wollte, als er die Menge reich gekleideter Männer hineintreten sah. »Vater meiner Elsbeth!« begann Arnold, »hier bin ich und werbe um Eurer Tochter Hand; ich bin ein wohlhabender Mann geworden, stehe in großer Herren Gunst und kann mehr halten, als ich versprochen habe.« – »Wie?« staunte Veit, »Ihr wäret der arme Arnold, der Sohn meines seligen Nachbars?«

»Ja, er ist's,« nahm der Greis das Wort, »der nämliche, der vor drei Jahren arm und verzweifelnd aus diesem Dorfe wanderte. Er kam zu mir; ich sah ihm bald an, daß er ein Meister seiner Kunst werden könnte, und gab ihm Arbeit. Er vollendete sie zur größten Zufriedenheit aller, und in kurzer Zeit konnte ich ihn als Oberaufseher über die bedeutendsten Werke brauchen. In vielen großen Städten hat er sich einen ewigen Ruhm erworben, und jetzt soll er in Prag das größte Werk für seine Kunst vollenden. Er ist reich geworden, von Herzögen und Grafen wohl gelitten und reich beschenkt. Gebt ihm eure Tochter und erfüllt die alte Zusage! Der Bube, dem Ihr Eure Elsbeth schenken wolltet, hat den Galgen tausendmal verdient; ich kenne den Schurken.«

»Ist das alles wahr, wie Ihr mir berichtet?« fragte der erstaunte Veit. – »Wahr! wahr!« wiederholten alle. – »Nun, so mag ich Eurem Glück nicht hinderlich sein, wackerer Meister!« also wandte sich Veit zu Arnold; »nehmt hin die Dirne! Gottes Segen begleite Euch!« Unfähig zu danken, stürzten die Glücklichen ihm zu Füßen; er zog sie an die Brust, und die Treue ward belohnt.

»Herr Veit,« begann der Greis nach einer langen Stille, bloß von dem Freudeschluchzen der Liebenden unterbrochen, »Herr Veit, noch eine Bitte hätte ich an Euch. Gebt die Kinder gleich morgenden Tages zusammen, damit ich die Freude habe, meinen guten Arnold, den ich wie meinen Sohn liebe (denn mir hat der Himmel keinen geschenkt), ganz glücklich zu sehen! Übermorgen muß ich wieder gen Prag.« – »Ei nun,« versetzte Veit, der ganz fröhlich geworden war, »wenn's Euch ein so großer Gefalle ist, so mögen wir's wohl noch so einrichten. Kinder!« rief er den Glücklichen zu, »morgen ist Hochzeit! Draußen auf dem Meierhofe am Egerberge will ich sie ausrichten. Dem Priester meld' ich's sogleich; du, Elsbeth, geh in die Küche, die werten Gäste nach Gebühr zu bewirten!«

Elsbeth gehorchte, und daß ihr Arnold sogleich nachschlich, und beide bald darauf traulich kosend im Garten standen, finden wir sehr natürlich.

Des Vaters Grab lag dem guten Sohne, seitdem er sich von dem Freudenrausch erholt hatte, im Sinne; sie wallfahrteten also Arm in Arm zu der Stelle, die sie zum letzten Male verzweifelnd verlassen hatten.

Am Grabe erneuerten sie ihre Schwüre, und beiden war so wunderbar heilig zu Mute. »Wiegt dieser einzige Augenblick der Seligkeit,« flüsterte Arnold, indem er seine Braut glühend umarmte, »wiegt er nicht schnell die drei langen Jahre Schmerz auf? Wir sind am Ziel; keine höhere Wonne vergönnt das Leben; nur dort drüben soll es noch größere geben.« – »Ach, daß wir einst so, Arm in Arm und Herz an Herz, sterben könnten!« meinte Elsbeth. – »Sterben?« wiederholte Arnold, »ja, sterben an deiner Brust! Guter Gott, schilt uns nicht, daß wir im Übermaß der Freude noch das Gefühl für die höheren haben! Wir erkennen es ja mit dankbarem Herzen, was du Großes an uns getan. Ja, Elsbeth, laß uns beten hier auf des Vaters Grabe und danken für des Himmels Gnade!« Still war das Gebet, aber innig und heilig, und in unendlicher Rührung kehrten die Liebenden nach Hause zurück.

Schön und lieblich war der folgende Morgen; es war Freitag und St. Laurentiifest. Das ganze Dorf war lebendig; in allen Türen standen die geschmückten Dirnen und Burschen; denn reich war Veit, und alles war beschieden zur Hochzeitsfeier.

Nur Heilings Türe war verschlossen; denn es war Freitag, und da ließ er sich bekanntlich nie sehen.

Bald ordnete sich der Zug in die Kirche, der das überselige Paar zu der schönsten Feier führte. Veit und Arnolds Meister gingen zusammen und weinten herzliche Tränen der Freude über das Glück ihrer Kinder. Fürs Mittagsmahl hatte Veit den Platz unter der großen Linde in der Mitte des Dorfes gewählt. Dahin ging der Zug nach geendigter Feierlichkeit. Der Himmel strahlte aus den Augen der Liebenden.

Das festliche Mahl dauerte mehrere Stunden, und oft erscholl's von den bunten Tischen: »Es lebe Arnold und seine liebliche Braut!«

Von der Linde gingen die Glücklichen mit den beiden Vätern, Arnolds Freunden und einigen Gespielinnen Elsbeths nach dem Meierhof am Egerberg. Das Haus lag gar wunderlieblich zwischen dem Gebüsche auf der hohen Talwand, und in diesem kleinern, aber vertrautern Kreise flogen die Stunden dem freudetrunkenen Arnold mit seiner Elsbeth wie Augenblicke vorüber.

Im Meierhofe war auch die zierliche Brautkammer bereitet, und in den reichen Obstlauben des Gartens stand ein freundliches Nachtmahl aufgetischt, und köstlicher Wein schäumte den Gästen in vollen Bechern entgegen.

Es dämmerte schon längst im Tale; aber der fröhliche Kreis achtete das nicht. Endlich verlor sich auch der letzte Schimmer des Tages, und eine sternenhelle Nacht grüßte das wonnetrunkene Paar.

Der alte Veit kam eben auf seine Jugend zu sprechen und war dabei so weitläufig (denn der Wein hatte ihn gesprächig gemacht), daß Mitternacht herankam, und Arnold und Elsbeth mit glühendem Verlangen dem Ende der Erzählung entgegensahen. Endlich schloß Veit, und »Nun, gute Nacht, Kinderchen!« rief er und wollte das Brautpaar noch in die Kammer geleiten. Da schlug's unten im Dorfe zwölf Uhr; ein fürchterlicher Sturmwind brauste aus der Tiefe herauf, und Hans Heiling stand mit gräßlich verzerrtem Angesicht mitten unter den Erschrockenen. »Teufel!« schrie er, »ich lösche dir deine Dienstzeit; vernichte mir diese!« – »So bist du mein!« heulte es aus dem Sturmwinde. – »Und gehör' ich dir, und warten alle Qualen der Hölle auf mich: vernichte mir diese!« Da fuhr es wie Flammenlohe über den Berg, und Arnold und Elsbeth, Veit und die Freunde standen zu Felsen verwandelt, das Brautpaar liebend umschlungen, die übrigen die Hände gefaltet zum Gebet. »Hans Heiling!« donnerte es höhnisch lachend aus dem Sturmwinde, » d i e  sind gesegnet im Tod; es fliegen die Seelen dem Himmel zu. Aber deine Schuld ist verfallen, und du bleibst mein!« Hans Heiling flog von der Felsenhöhe hinab in die schäumende Eger, die ihn zischend empfing und verschlang; kein Auge hat ihn wiedergesehn.

Des andern Morgens früh kamen Elsbeths Freundinnen mit Blumen und Kränzen, das neue Paar zu schmücken, und das ganze Dorf flog hinterher. Da fand sich die Hand der Zerstörung überall; sie erkannten die Züge der Freunde in den Felsengruppen, und laut schluchzend wanden die Mädchen ihre Blumen um die Steinbilder der Liebenden. Da sank alles auf die Kniee nieder und betete für die geliebten Seelen. »Heil ihnen!« so unterbrach endlich ein ehrwürdiger Greis die tiefe Stille. »Heil ihnen! Sie sind in Freude und Liebe dahingegangen, und Arm in Arm und Herz an Herz sind sie gestorben. Schmückt immer mit frischen Blumen ihre Gräber! Diese Felsen bleiben uns ein Denkmal, daß kein böser Geist Macht hat über reine Herzen, daß treue Liebe sich im Tod bewährt!«

Seit dem Tage wallfahrtete jedes liebende Paar in die Gegend von Hans Heilings Felsen und bat die Verklärten um Segen und Schutz. Der fromme Brauch ist nicht mehr; aber die Sage ist lebendig geblieben in den Herzen des Volkes, und noch heute nennt der Führer, der den Fremden in das schauerliche Egertal zu Hans Heilings Felsen führt, die Namen Arnold und Elsbeth und zeigt die Steinbilder, in die sie verwandelt worden, sowie den Brautvater und die übrigen Gäste.

Noch vor einigen Jahren soll die Eger an der Stelle, wo Hans Heiling hineingestürzt worden, fürchterlich und wundersam gebraust haben, und keiner ist vorübergegangen, der sich nicht bekreuzigte und dem Herrn seine Seele befahl.








TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.