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Hans Dampf in allen Gassen

Heinrich Zschokke: Hans Dampf in allen Gassen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleHumoresken von Heinrich Zschokke
authorHeinrich Zschokke
year1920
publisherDeutsch-Meister-Verlag
addressMnchen und Barmen
titleHans Dampf in allen Gassen
pages11-85
created20020824
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1814
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Hans Dampf

Folgenden Morgens kehrte er zu guter Zeit in die Stadt zurück, nicht ohne Herzklopfen. Teils konnte der stolze Seckelmeister Piphan sein Ausbleiben von der Verlobung übel gedeutet, teils ihn irgend ein Umstand dem Töpfermeister Pretzel verraten haben, als Urheber alles Unheils in seinem Marktkram. Inzwischen hoffte er, sich auf jeden Fall mit der ihm eigenen edeln Dreistigkeit durchzuhelfen.

Noch schlief in Lalenburg alles gar friedlich. Wie er aber zu seinem Hause kam, fand er vor demselben drei Eilboten eines benachbarten Dorfes, die schon seit mehreren Stunden auf ihn warteten. Der erste meldete hastig, daß im Dorfe Feuer ausgebrochen sei und man ihn dringend ersuche, die Spritzen zu senden, da er die Schlüssel zum Spritzenhaus habe. Der andere meldete, es wären schon drei Häuser niedergebrannt, doch aber schon mehrere Feuerspritzen aus den umliegenden Gegenden angelangt. Der dritte zeigte an, die Brunst sei glücklich seit einer halben Stunde gelöscht. Hans Dampf strich nachdenkend das Kinn und sprach zu den Bauern, die mit ehrerbietig entblößten Häuptern vor ihm standen: «Ihr Esel, wenn euer ganzes Dorf abgebrannt wäre, so würde es eure Schuld sein; denn ihr hättet zu rechter Zeit kommen müssen, ehe das Feuer angegangen, damit ich zu rechter Zeit dazu hätte tun können. In dem Fall würde ich nicht ausgegangen und nicht nachts über Land gewesen sein. Doch ist es gut, daß das Feuer nun gelöscht ist. Ein anderes Mal meldet euch vor Ausbruch desselben, damit man auch Zeit genug habe, die Spritzen vorher zu probieren. So gehet denn heim und saget euern Vorstehern meinen Bescheid.»

Er hatte sie kaum entlassen und sein Frühstück eingenommen, als ihn einer seiner Vettern besuchte, der sich den gestrigen Verlobungsschmaus hatte behagen lassen. Er kam aber mit Aufträgen des Herrn Seckelmeisters Piphan, welchen das Ausbleiben des Staatsbaumeisters so sehr empört hatte, daß er demselben höflichst melden ließ: aus Verlobung, Heirat und Schwiegersohnschaft werde nun und in Ewigkeit nichts werden; er möge sich fernerhin nicht mehr um die Hand der liebenswürdigen, buckligen Rosine weiter bemühen, auch sich wohl hüten, das sehr gekränkte Seckelmeisterische Haus jemals wieder zu betreten, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, sehr unsanft aus einem von dessen Fenstern zu fahren.

Was nun die Hand der schönen Rosine betraf, tröstete sich Hans gar bald; auch die angedrohte Fahrt aus dem Fenster schien keinen besonderen Eindruck auf ihn zu machen, da er den ersten Versuch ziemlich gefahrlos gemacht hatte. Doch war ihm die Ungnade des Seckelmeisters darum nicht minder ungelegen. Denn dieser Mann hatte bedeutenden Einfluß auf den Rat der Stadt und Republik, welchen er auch mit allem Recht verdiente, weil er bei aller Geistesarmut einer der reichsten Leute des Ortes war.

Der Vetter gab indessen gar nicht undeutlich zu verstehen, daß Herr Piphan vielleicht die Nachlässigkeit seines Eidams kaum so ungnädig empfunden haben würde, hätte nicht der pfiffige Stadtschreiber Mucker mit seinen gottlosen Anmerkungen den Zorn des Seckelmeisters tapfer angeblasen. Herr Mucker schien nämlich selber auf den Besitz Rosinens und ihrer Schätze gerechnet zu haben; er war ohnedem Dampfs bester Freund nicht, weil dieser ihm einst, da er sich um die Stadtschreiberstelle bewarb und bei dem hochpreislichen Magistrat seinen bittweisen Rundebesuch machte, das Gesicht unter dem Vorwand, es von angespritzten Tintenflecken zu säubern, mit Kienruß gar erschrecklich eingerieben hatte. Mucker war nicht der Mann, welcher solchen Pagenstreich so leicht vergessen konnte, wären auch zwanzig Jahre darüber vergangen gewesen. Er pflegte wenig Worte zu machen, hatte es aber, wie man in Lalenburg zu sagen pflegt, immer dick hinter den Ohren; sah keinem in die Augen, wenn er sprach; aber lächelte immer gar verbindlich, wenn er sprechen mußte und sogar wenn er in der Kirche hinterm vorgehaltenen Hute betete; war dabei auf seine angenehme, hagere Gestalt ein wenig eitel, und behauptete mit großer Selbstgenügsamkeit, daß kein Schriftsteller in Europa eine so zierliche Hand schreibe als er. Hans Dampf erfuhr noch gleichen Tages nicht nur die merkwürdigen Folgen seiner gestrigen Invasion in Pretzels Geschirr, sondern auch, daß der Stadtschreiber Mucker vermute, kein anderer als Hans Dampf könne der Stifter des Unheils gewesen sein. Mucker nämlich hatte, wie er vom Zunftmeister, seinem Nachbar, die Geschichte erfahren, sogleich in eigener Person den Schauplatz der Handlung in Augenschein genommen und die ersten Scherbenspuren vor der Haustür des Staatsbaumeisters, nebst einem Perlemutterknopf vom Kleide desselben daneben gefunden. Dies und Hans Dampfens Nichterscheinen zur Verlobung schien miteinander in genauester Verbindung zu stehen. Es ging auch die Rede, daß der Stadtschreiber vor Rat förmlich Anklage gegen Hans Dampf, sowohl wegen dieses Vorfalls, als Störung des öffentlichen Landfriedens, als auch wegen der nicht zur Feuersbrunst gesandten Spritzen erheben werde. Der Staatsbaumeister aber, jederzeit unerschrocken, nahm diese Drohung sehr leicht auf. Und obgleich Seckelmeister Piphan, Zunftmeister Pretzel, der auf reichlichen Ersatz seines Schadens Anspruch machte, die ganze Sippschaft des Pfarrers, der das Unglück bei der Kaffeevisite in allen Häusern verkündigt hatte, und mancher andere um ähnlicher Beschwerden willen die Partei des Stadtschreibers vermehrte, verließ sich Hans Dampf doch auf sein Glück, wie ein Cäsar, und auf seine Beredtsamkeit, wie ein Cicero. Unterdessen zettelte er selbst in der Eile eine Verschwörung, wo nicht gegen den Stadtschreiber, doch gegen dessen langen Haarzopf an, auf welchen sich, als den allerlängsten in Lalenburg, Herr Mucker nicht wenig zu gute tat, während doch laut alter Übung der Stadtschreiber so gut wie ein Bürgermeister verpflichtet war, von Amts wegen eine Lockenperrücke zu tragen. Schon vielen rechtschaffenen Bürgern war dieser Haarzopf ein Stein des Anstoßes gewesen und einige patriotischdenkende Metzger hatten schon einmal geschworen gehabt, ihm denselben vom Kopfe hinwegzuhauen.

Das Gerücht dieser Verschwörung verbreitete sich schnell durch die Stadt. Denn was auch in Lalenburg und selbst im geheimen Rat der Republik geschah, pflegte jedesmal sogleich im größten Vertrauen von Mund zu Ohr, von Ohr zu Mund zu gehen, bis alle Einwohner beiderlei Geschlechts in das Geheimnis eingeweiht waren. Das neugierige und geschwätzige Völkchen befand sich dabei recht wohl und ersparte viel Geld für Zeitungen.

Beide Parteien rüsteten sich also und warben mit großem Eifer für den kommenden Ratstag. Dergleichen ward alle Wochen nur einmal gehalten. Ging die Regierung nach beendigter Sitzung auseinander, regierte sich die beste der Republiken ohne alle Mühe von selbst; denn der eine Bürgermeister verkaufte in den übrigen Wochentagen Kaffee und Gewürz, der andere fabrizierte Band, der Seckelmeister schenkte Wein aus, ein Ratsherr machte Wurst, ein anderer Brot usw. Genug, jeder war beflissen und sich bewußt, die materiellen Interessen des Staats auf diese Weise besser denn durch Schreiberei in Kanzleien und Schreierei im Ratssaal zu befördern.

 
In allen Gassen

Der große Tag erschien, da die gefährliche Lage der Republik verhandelt werden sollte. Begebenheiten wie die der vergangenen Woche waren seit undenklichen Zeiten nicht geschehen. Hans Dampf war inzwischen nicht müßig gewesen. Er hatte allen Schönen der Stadt den Hof gemacht; allen geschworen, er habe nur ihretwillen des Seckelmeisters bucklige Tochter aufgeopfert. Die dankbaren Schönen hatten dafür ihre Mütter, die Mütter ihre Eheherren, und diese ihre im Rate befindlichen Freunde gegen den ungebührlichen Zopf des Stadtschreibers in Harnisch gebracht. Jedermann erwartete mit Furcht und Zittern den Ausgang der Dinge. Sobald die Ratsglocke läutete, waren alle Lalenburger und Lalenburgerinnen im Geiste auf dem Rathause, wenn sie nicht Berufs wegen dort sein konnten. Viele Handwerker verließen ungeduldig ihre Werkstätten, der Schmied den Amboß, der Müller die Mühle, der Leinweber den Wirkstuhl, um auf dem Platze vor dem Rathaus den Augenblick zu erwarten, da die wohlweisen Herren in Mänteln und Degen die hohen Stiegen aus der Sitzung herabkommen und ihren Bekannten vertraulich den Gang der Sachen offenbaren würden.

Der Rat fand sich in höchster Vollzähligkeit beisammen. Abwechselnd wandten sich die Augen aller während der ersten Stille auf die beiden Parteihäupter, besonders auf den Stadtschreiber, vor welchem auf dem Tisch ein paar Scherben von Kochtöpfen neben einem Perlemutterknopfe lagen.

Nach Beseitigung der ersten Geschäfte forderte Mucker wirklich das Wort und schritt zur Anklage. «Woher soll ich Worte nehmen,» hob er an, «um das Verderben zu schildern, welches der unruhige Geist eines unserer Mitbürger über die Republik gebracht hat? Seit der Gründung Roms und Lalenburgs haben viele Menschen gelebt; aber nicht einer von allen war fähig, in so kurzer Zeit, mit so geringen Mitteln, in so ungeheuren Spielräumen so unheilbringend zu wirken, als Hans Dampf, ja, ich nenne ihn, o Landesväter, denn schon nennt ihn jedes Kind auf den Gassen, als den Stifter alles Übels in der Republik. Oder wo wäre ein Haus, welches nicht über ihn zu klagen hätte? Sind Geheimnisse irgendwo verraten: so war Hans Dampf dabei. Gab es Klatschereien: so half Hans Dampf. Zankten sich Eheleute: so hatte sie Hans Dampf widereinander gehetzt. Mißlang irgend ein Plan: so war Hans Dampf in die Quere gekommen. Ging eine Verlobung rückwärts: so hatte Hans Dampf die Hand im Spiel. Scheiterte ein Unternehmen: so war es durch die Ungeschicktheit dieses Hans Dampf. Er ist wie zum Elend der Welt geboren, hat seine Nase überall, fährt überall zu, will alles wissen, alles machen, alles bessern, und bringt alles in Verwirrung.»

Nach diesem Eingang, den der Redner mit vielen Beispielen aus der geheimen Stadtgeschichte erläuterte, kam er auf die letzten Begebenheiten, auf die Feuersbrunst, auf die zerschmetterte Töpferware, auf den Riesenkampf des Oberzunftmeisters und des Zunftmeisters, auf das unermeßliche Entsetzen der ganzen Stadt, auf die nachteiligen Wirkungen desselben bei Nervenschwachen, Kranken und Wöchnerinnen. Er sprach so rührend, daß Zunftmeister Pretzel beim Anblick der Scherben sich nicht der Tränen erwehren konnte; so feurig, daß Seckelmeister Piphan vor Grimm feuerrot ward und der Oberzunftmeister Ahl die Fäuste ballte. Selbst Hans Dampf schien einen Augenblick die unerschütterliche Hoheit und Ruhe des Geistes zu verlieren.

Bald aber ermannte er sich und begann seine Verteidigung mit vieler Würde und Klarheit; bewies, daß man aus einigen Scherben und einem Rockknopf, den er auf der Gasse verloren haben könne, nichts wider ihn beweisen könne, sonst ließe sich auch beweisen, daß der Stadtschreiber vor einigen Wochen den alten Torturm, der von selbst zusammengefallen sei, vermittelst seines steifen Haarzopfs eingestoßen habe, weil bekannt sei, daß er mit demselben drei Minuten vorher am Tore vorbeigegangen. Was die Feuersbrunst betreffe, falle die Schuld nicht auf ihn, daß die Spritzen der Hauptstadt zu spät kamen oder gar nicht, weil man ihm das Unglück erst gemeldet, da es geschehen war. Wären aber auch die Spritzen zeitig genug erschienen, würde darum das Feuer nicht minder hell gebrannt haben, weil bekanntlich die Löschwerkzeuge Alters wegen zerfallen und verfault wären, also daß keine Tasse voll Wasser darin Stich hielte.

Der Stadtschreiber Mucker aber widerredete dem heftig; bewies, daß Hans Dampf allerdings der Urheber alles Übels sei, und schloß mit den Worten: «So weit, o Landesväter, ist es gekommen, daß es bei mir gar keines Zuredens mehr bedarf, um mich glauben zu machen, daß an dem blutigen Türkenkriege, daß an der großen Viehseuche in Polen, daß an dem fürchterlichen Erdbeben in Kalabrien, daß an dem letzten Sturm, welcher die spanische Silberflotte in den Abgrund des Meeres senkte, niemand anderes als Hans Dampf schuld sei. Seit er wieder in unsere Mauern kam, ist Verwirrung, Zwietracht, Parteiwesen und Lärmen an der Tagesordnung. Noch steht Lalenburg; aber wir Landesväter werden den Untergang dieser uralten, herrlichen und weltberühmten Stadt sehen, wenn wir den Hans Dampf nicht von uns weg über alle Meere verbannen. Wessen ist er nicht fähig? Hat er uns noch nicht der Entzweiung, des Schreckens genug gebracht? Wollet ihr noch Bürgerkriege erleben, Mord und Brand, den Einsturz dieses ehrwürdigen Rathauses, die Einäscherung unserer Wohnungen?» Und nun fuhr Mucker fort, ein Bild der Verwüstung zu entwerfen, daß allen Zuhörern und selbst dem edlen Hans Dampf die Haare vor Grausen bergan standen, und jeder den Augenblick vor der Tür glaubte, wo die Zerstörung Jerusalems sich in Lalenburg wiederholen würde.

Angst und Furcht, Schrecken, Verzweiflung und Rache war in allen Gesichtern zu erblicken. Einige saßen halb ohnmächtig eingesunken da; andere schnoben mit erweiterten Naslöchern wutvoll und schossen mörderische Blicke auf den Staatsbaumeister; andere wollten in bangem Entsetzen zu den Ihrigen flüchten, um sie zeitig zu retten, sanken aber mit gebrochenen Knien auf die Bank zurück; andere wollten das Wort fordern und auf den Tod des Hans Dampf antragen und konnten nur mit vom Zorn erstickter Stimme unvernehmliche Töne hören lassen.

Plötzlich öffneten sich die Türen des Saals und der Ratsbote trat herein, einen Brief in der Hand, mit einem ungeheuren Siegel. Er übergab ihn dem Bürgermeister und sagte, ein Kurier Sr. Durchlaucht des Fürsten von Luchsenstein habe ihn gebracht. Da spitzten alle mächtig die Ohren. Der Bürgermeister setzte die Brille auf und gab sich ein majestätisches Ansehen, indem er geheimnisvoll links und rechts flüsterte: «Depeschen von allerhöchster Wichtigkeit!» Die guten Lalenburger brannten vor Neugier und hingen mit ihren Blicken nur an dem gewaltigen Siegel. Die Zerstörung von Jerusalem war unverzüglich rein vergessen. Als nun der regierende Bürgermeister den Brief des Fürsten entfaltete, rückten diejenigen, welche dem Oberhaupte der Republik zunächst saßen, ihm so nahe auf den Leib, als sie konnten; die andern, um keine Silbe, keinen Odemzug des Bürgermeisters zu verlieren, rutschten auf ihren Bänken behutsam nach, daß einer fast auf den Schoß des andern zu sitzen kam. Der ganze Saal ward leer, bis auf einen kleinen Platz um den Meister herum, wo sich Köpfe an Köpfe drängten. Dabei herrschte Totenstille. Obgleich Lalenburg mit dem benachbarten Fürstentum Luchsenstein vielen Geschäftsverkehr hatte, war bisher doch noch nie geschehen, daß der Fürst unmittelbar dem Rat der Republik zugeschrieben hätte. Der Bürgermeister konnte also mit Recht vermuten, das Sendschreiben umfasse Gegenstände der höchsten Wichtigkeit.

Er fing an zu lesen, aber mit ehrfurchtsvoller, leiser Stimme, der Feierlichkeit des Gegenstandes angemessen. Weil die, welche zuhinterst saßen, die ersten Worte nicht vollkommen verstanden hatten, riefen sie: «Laut gelesen, laut!» Dadurch wurden die Vordern gestört und geboten einstimmig Stillschweigen. Darüber verloren die Hintern das Vorgelesene gänzlich und wiederholten ihren Zuruf um lautern Vortrag; andere begehrten, man solle noch einmal von Anfang anfangen. Die Vordern schrien ungeduldig: es müsse Totenstille herrschen. Dies Her- und Hinrufen ward immer stärker, weil endlich alle an dem Lärmen geärgert waren und jeder für sich die Ruhe herzustellen und seine Stimme über die Stimme der übrigen zu erheben bemüht war. Da nun die Hintersten sich überzeugten, daß bei so bewandten Umständen die Vordersten offenbar den Vorteil hätten, weil sie dem Brief und dem Vorleser zunächst waren, rückten sie nach. Hans Dampf saß wetterschnell dem Bürgermeister vor der Nase. Der Stadtschreiber behauptete und schrie sich dabei das Gesicht kirschbraun, Hans Dampf habe ihn vom Platze verdrängt. Es war umsonst. Gleichwie Hans Dampf hatten auch andere sich von hinten hervorgemacht. Nun gab es ein erschreckliches Stoßen, Reißen und Sturmlaufen unter Flüchen und Beschwörungen und Bitten und Seufzen, still zu sein.

Unter diesen tumultuarischen Bewegungen ward dem Bürgermeister am übelsten zumut; denn gegen ihn drängte sich, als zum Mittelpunkt, alles von allen Richtungen her. Da faßte er den großen Entschluß, durch sein Ansehen den Sturm verstummen zu machen. Mit majestätischem Unwillen stand er auf und stieg, damit er über die Menge hervorrage, auf seinen Stuhl. Indem er aber die donnernde Stimme mit gerechtem Zorn erheben wollte, fuhr ihm durch einen unehrerbietigen Stoß des Gedränges der konsularische Thron unter den Beinen hinweg und er selbst mit dem fürstlichen Briefe, wie eine stürzende Eiche über niederes Gesträuch, in die ringende Menge hinab. Seine Perücke, die reichlich mit Puder und Pomade das Antlitz des Oberzollverwalters färbte und demselben schier das Licht der Augen raubte, ward von diesem im Jähzorn erfaßt und in eine Trutz- und Schutzwaffe verwandelt. Ihr Anblick und ihre Wirksamkeit reizte zu unseligen Nachahmungen des gegebenen Beispiels. Bald war keine Perücke mehr auf dem Kopfe sicher; eine um die andere flog empor über die Häupter der Menge, gleich einer Zornrute, und verbreitete Gewölke um sich in der Höhe, Schmerzen und Zetergeschrei der Getroffenen in der Tiefe.

In dieser traurigen Verwirrung der Dinge reifte plötzlich die große, lange vorbereitete Verschwörung gegen des Stadtschreibers Zopf. Der Ratsherren einer, seines Handwerks ein Schneider, zog die Schere und verfolgte damit den Stadtschreiber, welcher wie eine langgeschwänzte Ratze in dem Getümmel umherfuhr. Im Hui war der Zopf glatt am Kopfe weg, ohne daß Herr Mucker nur eine Ahnung von seinem Unstern hatte, bis er einen Hieb damit über das Gesicht bekam. Denn ein anderer hatte dem heimtückischen Schneider die Trophäe entrissen, und, weil sie die Länge von anderthalb Ellen haben mochte, sich ihrer wie eine Reitpeitsche bedient.

Als der Stadtschreiber seinen Haarzopf in fremder Gewalt sah und sich durch einen schnellen Griff in den Nacken vom ewigen Verlust dieses Kleinods überzeugt hatte, erhob er jammernd und die Augen voll Tränen die Hände gen Himmel und rief dessen rächende Blitze auf das Haupt des Frevlers herab. Er würde sich nicht halb so sehr gegrämt haben, wäre ihm statt des Zopfes der Kopf selbst gestohlen worden. Sein Geheul war so übermenschlich, daß die ganze Ratsversammlung darüber mitten im Kampf erstarrte, alle Fehde vergaß und den Unglückseligen schweigend umringte. Wie man aber wahrnahm, daß ihm weder Arm noch Bein, sondern der ohnehin statuten- und amtswidrige Zopf fehlte, lächelte jeder schadenfroh, lieferte friedlich die Perücken, wo sie liegen mochten, an ihre Behörde und nahm den alten Platz auf den Ratsbänken ein.

Der Bürgermeister schüttelte wegen der vorgefallenen Unordnungen sehr mißvergnügt das Haupt, welches unter der struppigen Perücke einem wahren Medusen- oder Titushaupt ähnlich geworden. Doch dergleichen lebhafte Debatten gehörten in Lalenburg keineswegs zu den unerhörten Dingen; daher machte man auch diesmal nicht viel Wesens daraus. Man erkannte darin nichts, als Äußerungen bürgerlicher Freimütigkeit und republikanischen unbefangenen Sinnes. Jeder brachte sein eigenes Haar zurecht und hielt, was an den Kleidern zerrissen sein mochte, einstweilen mit den Fingern zusammen. Der Stadtschreiber legte seinen entseelten Zopf neben Scherben und Rockknopf auf den Tisch, seine Tränen ins bunte Schnupftuch drückend. Jeder erwartete mit neuer Andacht die Vorlesung des fürstlichen Briefes. Dieser war während des Gewühls und Gezerrs in viele Fetzen zerrissen worden. Man sammelte sorgfältig die zerstreuten Papierstückchen auf, legte sie vor den Bürgermeister ehrerbietig hin, und überließ seiner Weisheit, daraus das Übrige zu ersehen.

Das war nun schwer; und so mannigfaltig auch die Stückchen nach allen Richtungen zusammengelegt wurden, kam doch nichts Ganzes heraus. Man las nur einzelne Worte ohne Zusammenhang. Da geriet der Rat in große Not und Verlegenheit. Dreimal hielt der Bürgermeister Umfrage, was dem Fürsten von Luchsenstein auf sein Schreiben geantwortet werden müsse, und dreimal schüttelte die erlauchte Versammlung den Kopf. Endlich erhob sich Hans Dampf und schlug vor, Seiner hochfürstlichen Durchlaucht zu melden, daß Dero Schreiben richtig und glücklich angekommen und verloren sei, daß also ein edler und wohlweiser Magistrat bitten müsse, Se. Durchlaucht wolle geruhen, noch einmal zu schreiben.

Als dieser gute Rat allgemein beliebt worden, fing Mucker, der sich unterdessen noch immer mit Zusammenfügung der Briefstückchen beschäftigt hatte, folgende Worte an aus denselben abzulesen: «Fangen – Hans Dampf – den Hund – tausend Gulden – Preis – seinen Kopf –»

Jeder horchte mit Erstaunen auf. «Hier ist», rief der Stadtschreiber, «keine Zweideutigkeit. Hans Dampf ist da wieder im Spiel und hat einen dummen Streich gemacht, der vielleicht ganz Lalenburg ins Unglück bringt. Der Fürst, wie mir's scheint, fordert, wir sollen den Hans Dampf fangen. Er nennt ihn selbst schlechtweg nur einen Hund und setzt einen Preis von tausend Gulden auf seinen Kopf. Es muß sich also dieser Hans Dampf wieder einmal ungebeten und ungerufen in Dinge gemengt haben, die ihn nichts angingen. Aber mit großen Herren ist nicht gut Kirschen essen. Mein unmaßgeblicher Rat wäre: den Angeklagten einstweilen im Gefängnis zu verwahren, bis Se. Durchlaucht das zweite Schreiben übersendet, und dem Fürsten nachträglich zu melden, daß der löbliche und wohlweise Rat zu aller Satisfaktion erbötig sei, auch den ofterwähnten Hans Dampf dermalen schon fest gemacht habe.»

Der Antrag des Stadtschreibers ward mit Einhelligkeit angenommen, so sehr auch Hans dagegen protestierte und versicherte, er habe mit dem Fürsten von Luchsenstein nie Verkehr gehabt. Man berief die Stadtwächter, welche mit ihren Partisanen alsbald anrückten. Der Stadt- und Platzmajor zupfte seinen Federbusch auf dem Hut etwas länger hervor, stellte sich an die Spitze der Schar und führte den Verurteilten unter großem Zulauf des Volks ins Staatsgefängnis.

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