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Hans Berner und seine Söhne

Jeremias Gotthelf: Hans Berner und seine Söhne - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen
authorJeremias Gotthelf
year1976
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05090-2
titleHans Berner und seine Söhne
pages602-626
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Jeremias Gotthelf

Hans Berner und seine Söhne

Erzählung (1843)

Hans Berner war ein wackerer Metzgermeister, verstand sein Handwerk wohl und war ein braver Mann dazu. Er war aber auch ein starker und wenn er, seinen Schnauz, so hieß sein Hund, hinter sich, über Feld ging, so trug er unbesorgt seinen Gurt voll Geld; drei oder viere nahmen denselben ihm nicht ab, das wußte er wohl. Es hättens aber ein halbes Dutzend kaum gewagt, denn Hans Bernern sah man es von weitem an, daß er Mark in den Knochen hatte, mehr als ein anderer, so groß und vierschrötig war er und zudem weit und breit bekannt mit seiner Kraft.

In seinen jungen Jahren war er nicht immer ein zahmes Lamm gewesen, sondern zuweilen ein wilder Hecht, und manche Tanzstube hatte er ausgeräumt mit seinen gewaltigen Armen. Der junge Metzgermeister gefiel den Bauerntöchtern nicht schlecht, und wenn er an einer Kilbi oder an einem Märit mit einer tanzen wollte, so sagte es ihm keine ab. Dann aber wurden die Bauernsöhne eifersüchtig und kamen über ihn wie über Simson die Philister, und Hans Berner schlug manche Schlacht mit ihnen, trug manches Loch im Kopfe heim und schlug noch mehr, ward aber nie gebodigt, sondern schlug sich entweder durch oder fegte die Stube. Und wenn er am Sonntag sich auf Tod und Leben geprügelt hatte, und er ging am Montag über Feld, so kaufte er im lieben Frieden seinen ärgsten Gegnern ihr Vieh ab, und sie waren wieder die besten Freunde und trugen einander nichts nach. Hans Berner war nicht boshaft, schlug nie härter, als er mochte, und nie länger, als es nötig war, und morgens hatte er alles vergessen, und weil er so biederherzig war, so trugen ihm auch die andern nichts nach, und allenthalben war er beliebt und gerne gesehen.

Als er in die gesetzten Jahre kam, so schlug er nicht mehr, da war er ein wackerer Ehemann und Ratsherr in seiner Stadt; freilich schreiben konnte er nicht am besten, und seine Schrift glich mehr Kalbsfüßen als Buchstaben, aber, wo es auf einen guten Rat ankam, da war er nicht der letzte, und das ist doch wohl die Hauptsache bei einem, der Ratsherr sein will oder soll. Wenn aber Hans Berner in ein Wirtshaus kam, wo Streit war und alles drunter und drüber ging, und er stand auf und rief mit seiner mächtigen Stimme ins Getümmel hinein, sie sollten es jetzt gut sein lassen, sonst komme er, so setzte sich mancher Streit, und wenn er sich nicht setzte, und Hans Berner brach in den Streit hinein wie ein großes Schiff in Meereswellen, so ward bald Ruhe.

Hans Berner war aber nicht nur geachtet und stark, sondern auch glücklich, nicht nur deswegen, weil er reich war, ein eigen Haus, schönes Land besaß und Geld vollauf, sondern weil er eine gar brave und liebe Frau hatte. Das war eine von denen, welche, war der Mann daheim, ihn für ihren Herrn hielt und, war er nicht daheim, an seine Stelle trat und regierte, als wäre er es selbst. Wenn es auch in eines Metzgers Hause nicht immer am besten riecht, sie brauchte kein Schmöckgütterli, sie mochte das vertragen, und so den kleinen Handel mit Därmen, Haaren, Hörnern usw., welcher noch manch schönes Stück Geld gibt, wenn man alles zu Ehren zieht, das besorgte sie selbst.

Sie war aber auch eine gute Frau gegen Diensten und Arme. Zu den ersten sah sie gut in gesunden und kranken Tagen, als wenn sie ihre leibhaftige Mutter wäre, und wenn ein Armer eine gute Brühe oder ein Stücklein Fleisch bedurfte zu seiner Gesundheit, so wußte er, wer es ihm gab und zwar gerne. Es kamen viele Leute in ihr Haus, die einen wollten etwas kaufen, andere brachten Vieh, andere kamen und sagten, sie hätten was Fettes, und mit allen redete sie, nahm ihnen freundlich den Bericht ab, spendete dem ein Glas Wein, dort ein Brönz, dort einen Teller Suppe. So ward der Hausgebrauch groß, aber er trug seine reichen Zinsen; denn jedermann kam gerne in Hans Berners Haus, darum handelte man gerne mit ihm, brachte ihm gerne das Vieh selbst oder Nachricht, daß man etwas für ihn hätte. So mußte er gar manchen vergebenen Gang nicht tun, den andere tun mußten, und gar manche Bäuerin ließ es sich nicht nehmen, dem Hans Berner ein Kaffee zu machen, weil ihre Leute nicht genug rühmen konnten, wie freundlich und gut dessen Frau ihnen aufwarte, wenn sie in dessen Haus kämen, und, wo einmal ein Metzger so daheim ist, daß die Bäuerin ihm ein Kaffee macht, wenn er kömmt, da ist der Stall sein, und kein anderer läuft ihm mehr den Rang ab. So wars ehedem sehr oft, als die Herren noch selbst über Feld gingen; jetzt, wo sie zu vornehm dazu sind und nur ihre Knechte schicken, hat auch dieses aufgehört.

Hans Berner hatte zwei Buben, die waren munter und hatten gute Gaben. Er liebte sie und sagte, aus denen müsse mal was Rechtes werden und andere Leute, als er sei. Er meinte damit nicht, daß keiner ein Metzger werden sollte, bewahre, damals hielt der Handwerksmann sein Handwerk noch in Ehren, weil es einen goldenen Boden hatte. Aber es ärgerte ihn doch, wenn er in Rechnungen und Berichten mit Mühe aus des Schreibers Hääggen sich durchwinden konnte und doch nur das Halbe verstand, wenn seine Unterschrift so vierschrötig auf dem Papier stand, als ob er sie mit dem Ellbogen geschrieben hätte. Es ärgerte ihn, wenn er in kriegerischer Zeit abends hinter seinem Schoppen saß und kannegießern half und weder in Geographie noch in der Geschichte sich zurechtfand. So müßte es seinen Buben nicht gehen, sagte er dann, wenn er abends seiner Frau sein Leid klagte, seine Buben sollten einst zu jeder Sache ihr Wort reden können, das Geld dafür sollte ihn nicht reuen. Seine Frau war gleicher Meinung wie er, und das Geld reute sie für die Buben auch nicht: sie hielt sie schön in den Kleidern; was die andern vermochten, das vermöchten sie auch, sagte sie.

Hans Berner hatte die größte Freude daran, wenn sie ihm ihre Schriften brachten, und in denselben waren viel schönere Buchstaben, als er sie machen konnte, und wenn sie ihm gar noch die Hauptstädte in allen Ländern sagen konnten, und in welchem Jahr der Welt Enoch gen Himmel gefahren, dann rief er aus in süßer Vaterfreude: »Ja, Buben, ihr seid ganze Hechte und gebt, so Gott will, andere Kerlisse, als ich bin!« Und mit vollen Händen warf er das Geld ihnen nach; es strömte ihm so reichlich zu, daß er es auch im Ausgeben nicht nach Batzen oder Kreuzern berechnete. Auch die Mutter hatte an dieser Gelehrsamkeit Freude; doch wenn eine Frau kam und ihr sagte: »Aber nein, Frau Ratsherrin, Ihr habt doch die schönsten Knaben von der Welt, man weiß gar nicht, welcher der schönere ist, man kann sie gar nicht genug luegen«, so war ihre Freude noch größer, und es mußte sicherlich der Schneider auf den Platz, und noch schöner wurden sie ausstaffiert.

Die Buben waren guter Natur, von frischer, wilder Art, und Vater- und Mutterliebe schadeten ihnen lange nichts. Wie es in einem Handwerkshaus, wo man noch der Meinung ist, man hätte die Hände, um etwas damit anzurühren, und nicht, um sie in Handschuhe zu stoßen, Sitte ist, mußten sie bald der Mutter helfen Bohnen rüsten, Äpfel schnitzen, Därme putzen usw., bald auch dem Vater. Sie waren gerne bei ihm in der Metzg, halfen, was sie konnten, kannten das Inwendige einer Kuh lange, ehe sie wußten, was Anatomie war, und hätten nie Herz und Nieren verwechselt oder gar die Milchlig im Hinterteile eines Kalbes gesucht; viel posteten sie zwischen Vater und Mutter, mußten allerlei tragen hin und her, und sie taten es gerne, denn etwas tun war ihre Freude.

Da begann die Mutter bei mancher Arbeit sich zu kümmern, die Kleider würden beschmutzt, die Hände wüst. »Laß du das sein, Sämeli!« sagte sie, »du machst deine Hosen wüst, und die Hände sind fast nicht zu erputzen, sMädi kann dann das machen.« Es ist unberechenbar die Zahl der Kinder, welche durch falsche Sorgfalt oder falsches Mitleiden der Mutter verhunzt, zu aller ernsten, anhaltenden Arbeit untauglich gemacht werden. Es geschah wohl auch, daß bei ihren Streitigkeiten mit andern Knaben diese ihnen das Handwerk vorwarfen, sie beschuldigten, sie röchen nach Kälbern oder Kühen, oder sie zu des Vaters Stieren gehen hießen, dorthin paßten sie besser. Es geschah wohl auch, daß Lehrer von der Art, welche alle Tage dreimal Schmiere mit der Rute nötig hätten, die Knaben, weil sie zu spät kamen, fragten, ob sie noch Därme hätten putzen oder auseinanderziehen müssen, oder daß sie einem, weil er seine Aufgabe nicht nach dem Sinne des Lehrers machte, sagten: »Aus dir gibt es dein Lebtag nichts als so ein dummer, grober Metzger, und es ist schade für jeden Kreuzer, den dein Vater für dich ausgibt!«

Wie konnte es nun anders kommen, als daß dieses den Buben ins Haupt stieg? Sagte ihnen doch der Vater selbst bei jedem Anlasse, sie müßten andere Kerlisse werden, als er einer sei. Sie begannen aller Arbeit sich zu entziehen und hatten immer einen Vorwand dafür, bald eine Aufgabe, bald saubere Hosen. In der Metzg sah man sie nicht nur nicht mehr, sondern sie schämten sich derselben, ja, es kam ihnen manchmal vor, als müßten sie dem Vater ausweichen, wenn er ihnen entgegenkam, oder sich stellen, als kennten sie ihn nicht, auf eine andere Seite sehen oder am Boden etwas suchen; und des Vaters Schnauz, wenn er sie auf der Straße mit Wedeln und Schlecken freundlich grüßen wollte, jagten sie mit Schreien und Schlägen von sich. Auch ihr Haus, welches an einer hintern Gasse lag, gefiel ihnen nicht mehr: es war ihnen zu dunkel, und in demselben roch es, sah es aus wie in eines Metzgers Haus, und sie frugen die Mutter oft, warum der Vater doch da wohne, und warum er nicht ein schöner Haus an der vordern Straße kaufe, wo man dann auch alles schön hell haben könnte.

Von diesem allem merkte der Vater wenig, sein Handwerk beschäftigte ihn zu sehr, und von den Richtungen, welche unwillkürlich ein jugendliches Gemüt nimmt, verstand er nichts. Es ärgerte ihn wohl zuweilen, wenn er seine Buben nichts mehr machen sah, keiner in die Metzg kam, keiner ihn zu begleiten begehrte, wenn er über Feld ging. Aber wann die Mutter sagte, sie hätten ob dem Lernen zu nichts anderm Zeit, schwieg auch der Vater, freute sich ihrer Gelehrsamkeit und tröstete sich damit, wenn er sie dann einmal beim Handwerk habe, so wolle er ihnen die Flausen schon austreiben. Der gute Hans Berner wußte nicht, daß, wenn einmal das Gift des Dünkels in der Kinder Herz geträufelt ist, daß sie der elterlichen Lebensweise sich schämen, ihnen auch der Sinn für ihren Beruf schwer beizubringen ist. So verrann rasch die Zeit, und, wie es Eltern oft geschieht, die Buben waren erwachsen, ehe die beiden, namentlich der Vater, daran dachten.

Sobald der Älteste unterwiesen sei, sollte er zum Vater in die Metzg, das war eine festgestellte Sache. Wer sie festgestellt, wann es geschehen, das wußte eigentlich niemand, es war angenommen seit Jahren, es hatte es niemand ersonnen, es war so gleichsam eine Familienoffenbarung.

Mit dem Buben redete man weiter nicht darüber, es verstand sich von selbst, und er wußte es wohl, aber, je näher die Zeit kam, desto mehr ward es ihm zuwider. Schon der Gedanke, daß er im Metzgerschurz durch die Stadt müsse oder ein Kalb jagen, trieb ihm das Blut ins Gesicht, und es dünkte ihn, er wolle hundertmal lieber in fremde Dienste als das erleben. Als die Zeit heranrückte, steckte er sich hinter die Mutter und machte ihr weis, er sollte, ehe er ins Handwerk trete, erst noch ins Welschland. Nachher wäre keine Zeit mehr dafür, und Welsch sollte er doch können, wie oft wäre es dem Vater nicht kommod gewesen, wenn er mit Gerbern oder Stierenhändlern hätte Welsch reden können; er wäre gut noch einmal so reich. Das leuchtete der Mutter ein, sie sagte, sie hätte ihrem Bub nicht einmal soviel Verstand zugetraut, und recht wohlgemut brachte sie den Vorschlag dem Vater vor, und von Herzen wohl hatte sie schon an dem Gedanken gelebt, wie sie zweispännig mit ihren schönen Braunen das Söhnchen selbst ins Welsche führen wollte.

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