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Hannchen und die Küchlein

August Gottlob Eberhard: Hannchen und die Küchlein - Kapitel 9
Quellenangabe
typepoem
booktitleHannchen und die Küchlein
authorAugust Gottlob Eberhard
yearca. 1890
firstpub1822
publisherGreßner & Schramm
addressLeipzig
titleHannchen und die Küchlein
pages84
created20080722
sendergerd.bouillon@t-online.de
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66 Verzweiflung.

            Fröhlichen Abschieds war aus dem Hüttchen geeilet die Freundin,
Nichts auf der Lipp' und im Kopf, als Küchlein, Scherben und Ohnmacht,
Über Vergnügen, und Schreck, und Gespött war alles vergessen,
Was sie verkünden gewollt, mit schamhaft bräutlicher Freude.
Schon an den Schloßberg war sie gelangt, da stand sie auf einmal
Still, und kehrte zurück, und klopft ans Fenster, und sagte:

»Liebe Mama, und Mamsell! nun scheltet die albernste Braut mich!
Morgen ist Hochzeit! Helft heut' Abend mir feiern das Vorfest!
Doch, daß eben mir erst einfällt, dies Euch zu verkünden,
Das darf, heute zumal, mein Bräutigam ja nicht erfahren!«
Fröhlich zurück nun eilete sie mit erhaltenem Jawort;
Mutter und Tochter indes mit warm teilnehmender Freude,
Schauten und nickten der Scheidenden nach, bis ganz sie verschwunden.

»Morgen die Hochzeit schon?« sprach Martha, und: »Morgen die Hochzeit!«
Fiel ihr die Tochter ins Wort, »nun muß ich ihr eilig den Brautkranz
Binden aus Myrten, vom Baume gepflückt, mit Blüten, wo möglich!
Denn so hab' ich's, auf gut Glück schon lang' ihr versprochen.
Heute, zum Vorfest hab' ich das Wort nun ehrlich zu lösen.«

Dies ihr erster Gedank', ihr zweiter verweilte bei Gotthold.
67 Angst und Freude durchzitterten sie, denn nicht zu bezweifeln
War es, daß er auch werde dem Feste beiwohnen im Schlosse.
Hätte sie auch es gewollt: doch durfte sie heute nicht fehlen.
Hätte sie es auch gedurft: ihr Herz stritt heute dagegen!
Lange noch stand sie, mit sinnendem Blick anstarrend den Boden,
Bis sich die Mutter genaht, ausrufend: »O, Hannchen, du träumst wohl?«

Rasch nun eilte sie fort, sich Myrten zu holen zum Kranze,
Von des Barons Kunstgärtner, im fernab liegenden Hause,
Aber die Gärtnerin sprach, auffallend verlegen, ihr Mann sei
Grad' im entlegensten Winkel des Parkes bis Mittag beschäftigt;
Doch dann soll er sogleich abschneiden die herrlichsten Zweige
Blühender Myrten, sie selbst dann wolle sie bringen ins Haus ihr.
Froh ging Hannchen zurück, im Vertrauen auf solches Versprechen.
Aber die Mittagsstunde vergeht, und die Gärtnerin kommt nicht;
Hannchen, so schwer es ihr wird, mahnt lange zu stiller Geduld sich;
Endlich jedoch, nicht länger vermögend, im Hause zu weilen,
Eilet sie hin, aufs neue zur Gärtnerin, selber zu holen,
Was sie bedurfte. Da höret sie denn, voll Schrecken und Unmut,
Zeit nicht habe der Gärtner gehabt, zum Gang ins Gewächshaus,
Weil er geeilt in den Wald, dort Bäume zum Pflanzen zu holen,
Aber er kehre zurück wohl bald, und besorge dann alles.
Hannchen, erwägend die Zeit, bat dringend, die Gärtnerin möchte
68 Selbst abschneiden den Myrtenbedarf zu dem bräutlichen Kranze.
Aber die Antwort war, das Gewächshaus wäre verschlossen,
Groß und entlegen der Wald, und schwerlich der Gärtner zu finden.

Plaudernd die Zeit zu vertreiben, erzählte die Gärtnerin vieles
Von Anstalten im Schloss', zu der Feier des heutigen Vorfests;
Ferner was der und was die, an geringern und größern Geschenken,
Denke zu bringen der Braut; selbst habe der geizige Amtmann
Tüchtig den Beutel gerührt, gar prächtige Kannen und Tassen,
Über und über mit Blumen bemalt, auch glänzend vergoldet,
Heute gekauft in der Stadt, aus der er soeben gekommen.

Hannchen erwiderte nichts; tief seufzte sie aber im Innern,
Schmerzlich zu Boden gedrückt, im Gefühle der bitteren Armut,
Nie noch war ihr, wie jetzt, heilbringend erschienen der Reichtum:
Nie noch hatte sie schlimmer der Armut Fessel empfunden!
Ach, was hätte sie nicht zum Feste der Freundin geopfert!
Gold und Edelgestein, nichts wär' ihr gewesen zu kostbar!
Und ihr fehlten sogar zum bescheidenen Kranze die Myrten,
Welcher das einzige war, was sie, die Bekümmerte, konnte
Schmerzlich beschämt aufhängen am Festaltare der Freundin!

Länger ertrug sie es nicht, das Sitzen und müßige Harren!
Eilig verließ sie das Stübchen, das Haus, und durcheilte den Garten;
Irret' umher in des Parks labyrinthisch gewundenen Gängen:
Wollte die Berge hinauf in des Wald's unheimliches Dickicht –
Siehe, da war er gefunden, der Gärtner, der lange gesuchte.
Aber mit finsterem Blick ihr freundliches Grüßen erwidernd,
69 Hört' er sie mürrisch nur an, und mürrischer wies er zurück sie,
Streng aussprechend, er dürfe nicht stärker beschneiden die Myrten,
Denen er, leider, zu viel schon Zweiglein habe genommen.

All' ihr Flehen umsonst, nichts fruchtend die Klage, die Thräne,
Faßte sie schnell den Entschluß, sich anzuvertraun der Baronin,
Um durch diese sogleich ans schwierige Ziel zu gelangen.
Wieder zurück durchflog sie den Weg, beim Schlosse sich freuend,
Daß an den Fenstern und auf dem Balkon kein Lauscher sich zeigte.
Ohne gesehen zu sein, und sicher des besten Erfolges,
Kam sie hinein in das Schloß; doch wehe der armen Betrognen!
Einsam war es im Saal; kein Laut in den öden Gemächern!
Eltern, und Tochter, und Gäste, von allen nicht einer zu finden!
Alle gefahren zur Stadt, und zurück erst kommend am Abend! –

Bebend erkundet sie das! und verlierend die einzige Hoffnung,
Welche sie tröstete noch, stand ratlos da die Betrübte!
Was noch konnte sie hoffen und thun? Wo sollte sie jetzt noch
Beistand suchen? Es eilte die Zeit! bald nahte der Abend!

Ohne zu haben ein Ziel, durchirrte sie wieder den Garten;
Achtlos eilte sie fast an dem Hause des Gärtners vorüber;
Doch unverhofft am geöffneten Fenster die Gärtnerin sehend,
Hemmte sie plötzlich den Gang, trat hin, und beklagte sich bitter.

»Kind,« sprach endlich die Frau, voll Mitleid Hannchen betrachtend,
»Kind, Sie kommen zu spät! Ich will es nur ehrlich gestehen:
70 Fertig ist schon von blühenden Myrten ein stattlicher Brautkranz!
Laura bestellt' ihn gestern, und giebt heut' Abend der Braut ihn;
Und wir dürfen daher, nach ihrem gestrengen Verbote,
Keinem, so sehr er auch fleht, abschneiden ein einziges Zweiglein.«

»Laura den Brautkranz?« stammelte Hannchen mit bebenden Lippen.
Weiter vermochte sie nichts vor Schreck und Jammer zu sprechen.
Schnell abwandte sie sich vom Haus und Fenster, woher ihr
Kam das entsetzliche Wort, das vollends den Frieden ihr raubte.
Wankenden Schrittes zurück nun ging sie den traurigen Heimweg,
Trat ins Stübchen, mit starrendem Blick ein Bild der Verzweiflung,
Und ausbrechend hernach in die schmerzlichsten Seufzer und Thränen,
Sank sie der Mutter, erzählend ihr bitteres Leid, in die Arme.

Vieles versuchte die Mutter, zu helfen, zu raten, zu trösten;
Aber die Hilfe, der Rat und der Trost, nichts konnte genügen
Hannchens zerrissnem Gemüt, kein Ausweg wollte sich zeigen.

»Einmal,« klagte sie laut, »nur einmal schmücket im Leben
Festlich der Jungfrau Stirn, zum Kranze gewunden die Myrte!
Und nun soll ich damit nie schmücken die treffliche Freundin,
Der ich am liebsten ihn gäb', die von mir am liebsten ihn nähme! –
Und nichts kann ich ihr nun darbringen als festliche Gabe!
Klaglos hab ich entbehrt und gedarbt, auch keinen beneidet,
Welchem ein besseres Los, als mir, von dem Himmel beschieden;
Aber wie schrecklich empfind' ich sie jetzt, die beschränkende Armut!

71 Schluchzend erstarb ihr das Wort, sie schlang die erzitternden Hände
Schnell um den Nacken der Mutter, als strebte sie, fest sich zu halten,
Mitten im Wogengedräng' des Geschicks, am Anker der Liebe.
»Nimmer verschuldet von uns,« sprach Martha, »bedrängt das Geschick uns!
Daran halte dich, Kind, mit frommer, ergebener Fassung!
Hast du getragen so viel: ach, trage geduldig auch dies noch!
Der in dem Himmel ermisset die Schmerzen, und zählet die Thränen,
Wog mit weisem Bedacht dir zu die beschiedene Bürde.
Mutvoll harre nur aus! am Ziel einst glänzet die Krone.«

Aber sie selber, indem sie es sprach, ward heftig ergriffen
Von tief nagendem Schmerz, und sie mußte verstummen in Thränen.

Heilige Still' um sie her! Nichts störte die sanftere Wehmut,
Welcher der stürmische Schmerz bald weichet in gläubigen Seelen.
Still, wie die Still' um sie her, ward's auch in ihnen allmählich.

Aber da regten sich endlich die lange vergessenen Küchlein,
Eins mit dem andern erwacht, laut alle nun bittend um Futter.
Hoffend für Hannchen hiedurch wohlthätige, heitre Zerstreuung,
Mahnte sie Martha, sogleich für die hungrigen Kleinen zu sorgen.

Hannchen versorgte, wie sonst, mit freundlichem Sinne die Küchlein,
Nur zum Gekose, wie sonst, nicht hatte sie heute die Stimmung.

Doch, als öffnet' ein Gott vor ihren bethräneten Blicken
Plötzlich die Pforten des Himmels, und tausend geflügelte Engel
72 Schwebten herab, und grüßten sie liebend, und brächten ihr Blumen –
So aufglänzten im Strahl hochlodernder Flamme der Freude
Hannchen die Augen, und himmlisches Lächeln umschwebte den Mund ihr.
»Heil mir!« rief sie entzückt, »nicht bin ich so arm, als ich dachte!
Hab ich doch noch das gerettete Huhn, und die herrlichen Küchlein!
Mutter, die all' – o erlaub' es! – die schenk' ich Antonien heute!
Ist das Geschenk auch gering; doch wird es ihr Freude gewähren,
Ihr mein liebstes zu weihn, nur das kann heute mich trösten!
Und mit verdoppeltem Fleiß nun rühr' ich die Nadel, die Spindel,
Bis ich so viel mir gespart, dir andere Hühner zu kaufen.«

Als nun, freudig erregt, ihr die Mutter gewährte die Bitte,
Hüpfte mit Jauchzen die Tochter empor, und dankte der Mutter,
Dankte dem Himmel, der ihr sie verliehn, die ergötzlichen Küchlein,
Ihr zur Hilf' in der Not, und der Braut zur dauernden Freude.
»Denn,« so sprach sie vergnügt, »wenn lange die Kannen und Tassen
Stehen veraltet im Schrank, des erbärmlichen Goldes entkleidet,
Oder, vom leichtesten Stoß, längst liegen in Scherben zerbrochen,
Leben die Küchlein sicherlich fort, durch Kinder und Enkel,
Und von Geschlecht zu Geschlecht blüht immer erneuete Freude.«

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