Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > August Gottlob Eberhard >

Hannchen und die Küchlein

August Gottlob Eberhard: Hannchen und die Küchlein - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
booktitleHannchen und die Küchlein
authorAugust Gottlob Eberhard
yearca. 1890
firstpub1822
publisherGreßner & Schramm
addressLeipzig
titleHannchen und die Küchlein
pages84
created20080722
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Vertrauen.

            »Hannchen, ich wette,« begann nach wenig Minuten die Mutter,
»Alles verwett' ich: gescheh'n ist schon, was heut' ich voraussah!
Laura erzählte bereits der Baronin die Gartengeschichte!
Und dies wünscht zu besprechen mit dir die bekümmerte Freundin.«

Hannchen bezweifelte das, und wollte nicht glauben, daß Laura
So fortschreit' auf der Bahn des gehässigen, falschen Verklagens;
Aber die Mutter, die scharfdurchschauende, hatt' es getroffen.

Laura, sobald sie an Hannchen geschrieben die kränkende Antwort,
Hörend, es sei der Baron zur Stadt mit den Gästen gefahren,
Hatte genutzt die gelegene Zeit, um vor der Baronin
Schlau zu bemänteln ihr schnödes Benehmen beim Scherze des Kriegsmanns,
Und nachteiliges Licht auf Hannchens Gesinnung zu werfen.

Kälter empfangen, als sonst, und fühlend die eigne Verschuldung,
Klagte sie selber zuerst sich an, mit erheuchelter Reue,
Daß sie heute gefehlt durch unvorsichtiges Lachen.
Aber mit Schlauheit rückte sie näher und näher dem Ziele,
Sagte, daß gar zu naiv ihr hätte geklungen der Einfall,
Hannchen zu Gottholds Frau zu ernennen, da Hannchen und Gotthold
45 Kaum wohl besser, als Wasser und Feuer, zusammen sich paßten,
Oder vielmehr – wenn Gemeines erlaubt – wie der Hund und die Katze.

Höchst mißbilligend solches Geschwätz, sprach schnell die Baronin:
»Hannchen und Gotthold? welcher Vergleich! – wie der Hund und die Katze?
»Kind, das Gemeine, das man sich erlaubt, muß mindestens wahr sein!«

Jetzt, in dem Drange, zu retten die eig'ne, gefährdete Ehre,
Galt es das schmähliche Ziel, zu beflecken die Ehre der Freundin.
Und es ergoß sich behende von Lauras beweglichen Lippen,
Gegen die Untat Hannchens im Garten, die strömende Rede,
Meisterlich feindlichen Sinn einkleidend in süßliche Worte,
Rein unschuldiges Thun umdrehend zu sträflicher Handlung,
Schonung heuchelnd beiher: doch entschieden verdammend am Ende;
Denn nicht ohne Verstand war Laura, sie hatte gelesen,
Hatte zur Rednerin früh sich gebildet am städtischen Theetisch,
Und jetzt trieb sie der Haß und die Scham, als Heldin zu fechten.
Kunstreich wußte sie jedes zu nutzen, und viel zu ergänzen.
Alles, was Hannchen gethan und gelassen, gesagt und verschwiegen.
Mußte beweisen, sie hab', um oft sich dem Pfarrer zu zeigen,
Blumen gepflanzt und gepflegt, und gesessen am Grabe des Vaters;
Scheiternd indessen in solchem Bemüh'n und mit steigerndem Ärger
Aufblühn sehend im Garten des Pfarrers die schöneren Blumen,
Welche, von Laura geschenkt, ihr waren, wie Dornen im Auge,
46 Habe sie, tückischen Sinnes, sie alle zerknickt und zertreten.
Das griff fest in einander, wie Glieder der festesten Kette,
Und in den häßlichsten Farben erschien der Verleumdeten Bildnis.
Höchlich erstaunten darüber Antonie und die Baronin,
Sagten undenkbar sei's, daß Hannchen so schlecht sich erwiesen,
Denn unschuldigen Sinnes und echt wohlwollenden Herzens,
Habe sie stets sich bewährt, sie sei von neidischer Art nicht,
Sei von trefflicher Mutter von jeher trefflich erzogen,
Und nicht könne so gute Natur sich so gänzlich verwerfen.

Laura, mit schmerzlicher Miene, beteuerte heilig, sie habe
Dies schon selbst sich gesagt; doch leider mit eigenen Augen
Habe die schmähliche That sie gesehen! Und möchte sie gern auch
Sich für getäuscht nur halten: so habe das nämliche Gotthold
Deutlich gesehen, wie sie, der könn' ihr alles bezeugen.

Sanft kopfschüttelnd vernahm's die Baronin; Antonie aber,
Lebhaft bewegt, rief: »Mögen es Tausende schwörend bezeugen:
Doch werd' ich es nicht glauben! es muß hier walten ein Irrtum!
Wer hat Hannchen darüber verhört? Was hat sie erwidert?«

»Keinen verlangt nach solchem Verhör!« antwortete Laura –
»Doch ihr böses Gewissen verstand mich heute zu deuten;
Und so schrieb sie, vor Angst, mir sogleich ein sauberes Briefchen!«

Hin hielt eilig das Händchen Antonie, bittend, den Brief sie
Lesen zu lassen mit eigenen Augen, um selbst ihn zu prüfen.
Doch unwillig vernahm sie, daß Laura zurück ihn gesendet,
Weil ihr ein flüchtiger Blick es gezeigt, daß ein albernes Märchen
Kläglich erfunden, die That zu bemänteln, gewesen der Inhalt.

Voll Unwillens, erzürnet beinah', sprach streng die Baronin:
»Schein trügt oft in der Welt! Das sollte man immer bedenken:
47 Und beim bösesten ist am längsten zu meinen, er trüge.
Pflicht ist, ehe man richtet und straft, die besonnenste Prüfung;
Und der Verteidigung Recht darf keiner entziehn dem Verklagten!«.

Dankbar küßte die Tochter die Hand der gerechten Mutter,
Und dann sprach sie entschlossen: »Ich gehe noch heute zu Hannchen,
Lasse den Brief mir zeigen, und höre, wie alles gewesen.«

Lauras Gesicht durchzuckten Verdruß und künstliches Lächeln.
Wie der gefangene Fisch, dem Gewässer entrückt, in die Luft schnappt,
So auch Laura, entrückt der Verleumdung heimischen Strome,
Schnappte nach milden Sentenzen, und quälte sich ab, zu versichern,
Wie der betrübte Verdacht weh thu' in der innersten Seel' ihr,
Und wie unendlich beglückt und entzückt sie werde sich fühlen,
Wenn sich Hannchen nur halb und halb rechtfertigen könne.
Doch einsilbiger wurde bei jeder Sentenz die Baronin,
Während Antonie laut lobpries die verleumdete Freundin.
Lauran wurde, bei solchem Gespräch, unheimlich zu Mute;
Und in dem bittern Verdruß ob gänzlich gescheiterter Kriegslist,
Ging sie eilig hinweg, schwer, daß sie gekommen, bereuend.

Aber Antonie schickte sich an, zur Freundin zu gehen.
»Recht so!« sprach die Baronin – »erforsche das Wahre, das Falsche!
Klär' ihn auf, den verklagenden Schein! Halt immer der Freundin
Ehre der deinigen gleich! Rechtfertigen mußt du sie können
Gegen den blinden Verdacht, wie gegen die feindliche Schmähsucht.
Heilig, so wie es dem edleren Menschen das gute Bewußtsein,
Ist auch dem edleren Freunde der Glaub' an die Tugend des Freundes,
Denn der heilige Glaub', er ist das Gewissen der Freundschaft:
Drum auch stehet und fällt sie mit ihm in dem Sturme der Prüfung.«

Beifall nickte der Mutter, mit sinnendem Blicke, die Tochter:
Gleich dann eilte sie hin zu Hannchen, gestärkten Vertrauens.
Und kaum war sie hinweg, da ließ sich melden der Pfarrer
Bei der Baronin; es war sein Zuspruch doppelt willkommen,
Kennen zu lernen den Mann, und vertraulich zu sprechen von Hannchen.

Mit Wohlwollen empfing die Baronin den Gast, und sie fand ihn
Würdig desselben; er ward ihr lieber, je länger er weilte.
Edel gebildet erschien er in Anstand, Sitt' und Geberde.
Geist und warmes Gefühl in dem Blick und der Rede verkündend,
Doch nichts tragend zur Schuld, stets anspruchslos und bescheiden,
Vieles besprach sie mit ihm, als wär' er ein alter Bekannter,
Denn er verstand es, zu sprechen, und sprach stets bieder und zwanglos.
Flüchtig enteilte die Zeit; schon wollt' er sich wieder entfernen;
Da erst fiel der Baronin noch ein der Verleumderin Rede.
Und sie befragt' ihn um Hannchen, und bat ihn um offene Antwort.

Plötzlich verdüsterten Blicks stand Gotthold, sinnend und schweigend,
Ein ganz anderer jetzt, als welcher zuvor er gewesen.
Endlich, doch ohne vom Boden zu blicken, und leiseren Tones,
Sprach er: »Mit bitterem Schmerz nur red' ich von dieser Geschichte,
Ja, ich schwiege darüber am liebsten; denn: Hannchen ist schuldlos!
49 Sagt mein innres Gefühl; doch ich sah es mit eigenen Augen,
Daß sie die Blumen zertrat, und gleich dann eilig die Flucht nahm.
Was absichtlich und tückisch erschien, unglücklichen Zufall
Wollt' ich es nennen, nur braucht' ich von ihr ein Wort der Erklärung,
Doch sie verschloß mir die Thür, als ich freundlich befragen sie wollte;
Nichts antwortete sie auf schriftliche Bitten und Fragen,
Ob ich sie gleich zustellen ihr ließ durch Lauras Vermittlung,
Um zu vermeiden Geschwätz auflauernder, müßiger Neugier.
Drum wies Hannchen auch nicht ihn zurück, wie Laura versichert;
Doch sie erwiderte nichts! – War Stolz dies oder Beschämung? –
Nicht im stande bin ich, es zu lösen, das traurige Rätsel!
Ich, ihr Verteidiger sonst, ich muß nun, leider, verstummen,
Und, selbst irre geworden an ihr, sie lassen verdammen!«

Kaum war dieses gesagt, und Antonie trat, wie gerufen,
Heiteren Blicks und vergnügten Gemüts in das Zimmer der Mutter.
Kurze Begrüßungen nur, und es fragte sogleich die Baronin:
»Sei mir willkommen! Doch sprich, wie hast du befunden die Freundin?
Kannst du sie noch so nennen? Und kehrest du ärmer zurück nicht,
Als du gingest hinweg? Hat offen sie dir sich erklärt wohl?
Gotthold sah, mit verdüstertem Blick nun wieder zu Boden;
Aber Antonie gab mit ruhigem Tone zur Antwort:
»Albern erschein' ich vor dir, das fühl ich, indem ich erwidre,
Daß ich von Hannchens Vergehen kein Wörtchen gesprochen mit Hannchen!
50 Denn statt dessen vernahm ich von ihr viel andre, vergnügte,
Rührende Worte, bei welchen ich alle die ernsten vergessen,
Welche zu sprechen und hören, ich eigentlich hatte zur Absicht;
Schilt mich aber nur nicht! Du kannst mir glauben, es wär' dir
Eben ergangen wie mir, wärst du zur Stelle gewesen,
Denn da wäre gescheitert der klügste Gesandte, der beste
Redner, und wär er es nicht: ganz herzlos müßt' ich ihn nennen.«
Und mit steigender Wärm', in dem Aug' oft Thränen der Rührung,
Teilte sie mit das Gesehn' und Gehörte von Hannchen und Martha –
Wie an der Thüre sie beide belauscht beim Bauen des Nestes,
Wie sie, gerührt und entzückt, nicht über die Schwelle zu schreiten
Habe vermocht, gleich einer Verzauberten habe gestanden,
Bis sie, von Martha entdeckt, sich froh zu den Frohen gesellte.

Mutter und Gast, still hörten sie zu, zwar dieser ergriffen
Von lebhaftem Gefühl, doch gewaltsam in sich es verschließend,
Bis, zu der Mutter gewandt, sich Antonie also erklärte:
»Was ich hörte und sah: o, könnt' ich's in Bildern und Worten
Treu dir bringen vor Aug' und Ohr, wie's klar mir noch vorschwebt:
Hannchens so rein unschuldiges Wesen in Worten und Werken,
Wie sie, niedrig und arm, ein erhabener Engel doch da steht:
Wahrlich, du würdest von ihr nichts weiter zu wissen verlangen!
Würdest erkennen für wahr, was mein laut klopfendes Herz rief,
Daß sie, wie Himmel von Hölle, so fern vom tückischen Trug ist!
51 Hättest gewiß nicht gestört mit Fragen erforschenden Argwohns
So unschuldige Menschen in einer der glücklichsten Stunden,
Sondern du hättest, wie ich, von allem, was böse, geschwiegen,
Um, teilnehmenden Herzens, verweilen und scheiden zu können!«

So lobpreisend die edelbegeisterte Rednerin hörend,
Wurd' es in Gotthold Tag; auf schlug er die glänzenden Augen,
Dankenden, freudigen Blicks; sie leuchteten heller und heller,
Gleich zwei herrlichen Sternen, vor welchen die Nebel entfliehen.

Als die Erzählerin schwieg, fuhr er fort, also zu sprechen:
»Edel und rein ist selbst, wer so es erkennet, das Reine,
So es zu ehren, getrieben sich fühlt aus innerster Seele:
Wahrlich, um solcher Verteidigung Preis, wer wollte sich gern nicht
Lassen verklagen zuvor? Denn wiegt so edles Vertrauen –
Ehrend sich selber, wie den, dem es gilt – nicht des bösesten Argwohns
Härteste Kränkungen auf? Ja, wär' auch alles nur Täuschung:
Wär' es die herrlichste doch für ein Herz voll redlicher Liebe.«

Als er gesagt dies Wort, still wiederum blickend zum Boden,
Neigt' er sich schweigend, und eilte hinweg, um es schnell zu verbergen,
Daß ihm beklommen die Brust von erschütterndem, tiefem Gefühl war,
Und ihm Sprache nicht nur, auch Atem beinahe versagte.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.