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Hannchen und die Küchlein

August Gottlob Eberhard: Hannchen und die Küchlein - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
booktitleHannchen und die Küchlein
authorAugust Gottlob Eberhard
yearca. 1890
firstpub1822
publisherGreßner & Schramm
addressLeipzig
titleHannchen und die Küchlein
pages84
created20080722
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Nest.

        38 Martha verweilt', arbeitend allein in dem ruhigen Stübchen,
Fromm sich zu stärken das Herz, nach solchem Gespräch mit der Tochter,
Sang sie leise für sich ein Lied aus dem alten Gesangbuch,
Voll von herzansprechendem Trost und gläubiger Hoffnung.
Ungern hörte sie drum jetzt stören die Stille des Hauses,
Obgleich Hannchen es war, die erst hochfreudigen Ausruf,
Dann viel zärtlich Geschwätz, wie Gekose mit lieblichem Kinde,
Laut ließ schallen im sonst so geräuschlosen, düsteren Hausflur.
Auf riß Hannchen sogar nun die Thür, mit dem lautesten Jubel
Laut übertönend der Mutter Gesang, die staunend sie ansah.
»Freue dich!« jauchzte sie – »Mutter! sie sind nicht alle getötet!«
Eins ist glücklich entgangen dem Tode! und grade das schönste,
Herrlichste Huhn! mein lange verhätschelter, bleibender Liebling!
Und – was vollends erfreulich – es gluckt, und es sitzt, um zu brüten!«

Nun aufgebend das weitere Singen, erhob sich die Mutter
Rasch von dem Stuhl, und folgte der Tochter hinaus in den Hausflur,
Selber zu sehn das gerettete Huhn, und sich seiner zu freuen.

»Siehest du? dort,« sprach Hannchen – »versteckt tief unter der Treppe
Sitzet es frisch und gesund auf zwei leibeigenen Eiern,
Heimlich, im dunkelsten Winkel gelegt, zum stillen Bebrüten.
Hierdurch ist es entgangen dem bösen Geschicke der andern,
Und sein Brüten verheißt uns vollen Ersatz des Verlornen!«

»Rührend erfreuet mich das!« sprach fromm mit gefalteten Händen
Martha, und schaute, mit heiterem Blick, hin unter die Treppe.
»Siehe, wie schnell kann bitteres Leid sich in Freude verwandeln!
39 Wenn am größten die Not, ist oft am nächsten die Hilfe.
Nie noch hat mich der größeste Hof voll prächtiger Hühner,
Wie dies eine, gefesselt! es ist mir ein Zeichen vom Himmel,
Daß sich die finstere Nacht des gewaltsamst beugenden Kummers
Schnell zu erheitern vermag durch tausend erfreuliche Sterne! –
Aber nun laß uns, ohne zu säumen, ein Nest ihm bereiten,
Weich und geräumig, und voll von bedächtlich geordneten Eiern,
Denn man muß es ergreifen, das Glück, am Saume des Kleides,
Wo's uns winkend sich naht, sonst ist es entflohen im Umseh'n!«

Hannchen enteilte sogleich, vom Nachbar Stroh zu erbitten,
Hob es empor das erzürnte Huhn mit gespreiztem Gefieder,
Ihm zu erbauen ein Nest mit hoch aufschwellendem Rande.
Leer fast plünderte Martha den Vorratkasten der Eier.
Gern aufopfernd zu solchem Behuf, was kaum sie gesammelt,
Reichte sie Stück für Stück in die ordnenden Hände der Tochter,
Bis kunstmäßig das Nest mit sechzehn Eiern belegt war.
Seitwärts traten sie nun; da nahte das grollende Huhn sich,
Schaute bedenklich das Nest erst an mit lauterem Glucken:
Doch nicht lange, so schritt es bedächtig hinauf; und es weihte
Ein zum Throne der Liebe das Nest, mit der Brust und den Flügeln
Deckend und wärmend die Eier, um zaubrisch ins Leben zu wecken,
Auf das Geheiß der Natur, tief schlummernde Keime von Küchlein.

Mutter und Tochter belauschten es still, und sie weideten beide
Sich mit trunkenen Augen an solchem erfreulichen Anblick.
»Möge das Nest,« sprach Martha – »zu glücklicher Stunde gebaut sein!
Möge die Hand sich, die es vollbracht, als glücklich bewähren,
40 Daß fest sitze das Huhn bis zum einundzwanzigsten Tage,
Und dann picken und kommen in Menge die munteren Küchlein!«

»Mutter! gewiß! o gewiß!« antwortete freudig die Tochter –
»Wohl ist diese vor allen die passendste, glücklichste Stunde,
Die uns geschenkt aufs neue das Huhn, so wider Erwarten!
Mutter, wie freu' ich mich schon auf alle die herrlichen Küchlein!
Mutter, wie werden wir dann so reich sein wieder auf einmal!
Denke nur, denke die Menge von Küchlein! Hühner und Hähnchen!
Diese verkaufen wir bald in die Stadt; das bringet uns Geld ein;
Jene doch ziehen wir auf; das lohnen sie künftig mit Eiern.
Dir auch opfer' ich manches, und koch' es, und brat' es im stillen,
Dich zu erfreuen damit an Festtag oder Geburtstag.«

Und in der kindlichen Lust aufhüpfend, umschlang sie die Mutter,
Fröhlichen Sinnes, und drehte sie dann, als wollte sie tanzen,
Mit sich im Kreise herum, und wußte so lieblich zu schäkern,
Daß ihr die Mutter, vor Lachen und Scherz, nicht zu zürnen vermochte.

Aber im Umdrehen jetzt auf die wenig geöffnete Hausthür
Fielen die Blicke der Mutter, und plötzlich: »Antonie!« rief sie.
Laut rief Hannchen es nach; aus war es sogleich mit der Tanzlust,
Und das zerrissene Ballet ging über in frohes Begrüßen.
Aber mit lächelndem Zorn schalt eifrig die Mutter dazwischen:
»Müssen wir nicht, wie von der Tarantel gestochen, erscheinen,
Daß wir, auf eigene Hand, hier tanzen auf düsterem Hausflur?
Und, ich alternde Frau, muß doppelt und dreifach beschämt sein,
Daß, von der Thörin verführt, auch ich als Thörin erscheine!«

41 Aber der scheltenden Mutter entgegnete freundlich die Tochter:
»Laß nur die staunende Dame, bevor sie uns richtet, erfahren,
Was sich begeben: so springet sie selbst auf dem holprichten Hausflur
Wohl vor Freude herum!« – Doch Antonie fiel in das Wort ihr:
»Ach, ich weiß es ja alles; denn draußen erzählte der Nachbar
Mir an der Hofthür schon, was Böses verübte der Iltis,
Und daß ein einziges Huhn sich wiedergefunden, und glucke.
Schnell dann kam ich, und fand halb offen gelassen die Hausthür,
Sah die geschäftige Lust beim künstlichen Bauen des Nestes,
Mochte nicht stören so fröhliches Treiben, und zögernd und lauschend
War ich die glückliche Zeugin des rührend-erfreulichsten Auftritts.
Nie noch sah ich in Schlössern, auf spiegelnd gebohnetem Boden,
Einen vergnügteren Tanz, nie glücklicher lachende Tänzer.
Nennet euch arm nicht mehr! wer so sich zu freuen gelernt hat,
Der ist reicher an Glück als tausend beneidete Reiche!
Oft bei dem Reichen ist klein nur die Freud' auch über das Größte,
Während des Dürftigen Freud' ist groß auch über das Kleinste.«

Rasch fiel jetzt in die Red' ihr Hannchen mit folgenden Worten:
»Wie? klein nennest du das, solch' Huhn sich gerettet zu sehen,
Das uns brütend bereitet aufs neue den muntersten Hofstaat?
Das mir zudem war lieb auf besondere Weise geworden?
Gönne mir nur ein geneigtes Gehör! ich will es erzählen.

Als es, ein Küchlein, klein und erbärmlich, noch Pflege bedurfte,
Rannt' es mir albern und keck, einst unter die eilenden Füße,
42 Daß es, verwundet und lahm, da lag und jämmerlich piepte.
Ich schrie lauter noch auf, und hob es erschrocken vom Boden,
Fürchtend, es sei nun für immer ein Krüppel, und sterbe vielleicht gar.
Aber zum Wunderarzt schwang ich mich auf; ich verband ihm die Wunde,
Tauchte geschwind sein Füßchen in kühlendes Wasser mit Essig,
Streichelt' und wärmt' es hernach an der Brust, still unter dem Halstuch:
Wechselte so mehrmalen bedächtig mit Kühlen und Wärmen,
Und nachts ließ ich es ruhn in besonderem Topfe mit Federn.
Glücklich erfolgte die Heilung, doch langsam ging sie von statten.
Mehrere Wochen vergingen, bevor aufhörte das Hinken:
Also entwöhnte das Hühnchen sich ganz von Gluck' und Gespielen,
Hing, wie ein Hündchen, an mir, als längst sein Schade geheilt war,
Und pickt' immer das Futter mir dreist aus Körbchen und Händen.
Herrlich gedieh es; und wie es zuvor gar häßlich und klein war,
Wurd' es von unserm Geflügel allmählich das größte und schönste,
Goldglanz schillernd im Strahle der Sonne sein schwarzes Gefieder,
Weiß nur den Kopf ihm geziert mit großer, vortrefflicher Krone.
Endlich gewöhnt' es sich wohl, in dem Stall bei den andern zu schlafen,
Auch in dem Hofe zu sein, und zu thun, wie die anderen Hühner,
Fleißig zu scharren, und achtsam dem Rufe des Hahnes zu folgen:
43 Aber wir blieben vertrauliche Freunde; sobald ich es lockte,
Kam es gelaufen zu mir; und fand es geöffnet die Hausthür,
Macht' es mir seinen Besuch, und ließ sich streicheln und greifen.
So auch hat es, in gutem Vertrauen, und ohne zu fragen,
Jetzt ganz nahe bei mir sich gewählet die Stelle zum Brüten,
Ist durch dieses Vertrauen entgangen dem schrecklichen Iltis,
Und mir lieber geworden, als alle die andern es waren.«

Achtsam hörte das alles die Freundin, und ernsteren Blickes
Sagte sie dann: »Sieh da! so gut in dem Leben der Hühner,
Als in dem Leben der Menschen, entspringt oft Gutes aus Bösem.
Weit oft greifet, was heute geschehen, hinaus in die Zukunft;
Und wohlthät'ges Bemühn, auch nur zum Heil des Geringsten,
Kann sich lohnen einmal mit den allererfreulichsten Zinsen.
Wäre das Küchlein schwer nicht am Fuße verwundet gewesen:
Wär' es dem Iltis gestern gewiß zur Beute geworden!
Hättest du mitleidsvoll nicht gepflegt und geheilet das Küchlein:
Fehlte dir heute das Huhn, dir Küchlein wieder zu brüten!«

Hannchen befragte die Freundin, von wem sie gelernet auf einmal
Altklug plaudern und ernst? Und Antonie sagte: »Vom Alter;
Auch von der Brautschaft! Beide befördern den Ernst und die Weisheit.«

Hannchen verwarf dies vollends: doch Recht gab jener die Mutter:
»Wahr ist, was sie gesagt, und ernstlich zu merken im Leben!
Doch jetzt scherze nur, Hannchen! genieße die glückliche Stunde!
Nicht ist jede ja so: drum freue dich ihrer von Herzen!«

Aber Antonie stand noch ernst, schien fremden Gedanken
Hin sich zu geben: indessen die fröhliche Stimmung der andern
Riß sie endlich mit fort zu dem heitersten Scherzen und Lachen.

44 So kam dämmernd der Abend heran, und es drohete Regen.
Eiligen Abschied nahm sie daher, noch sagend im Weggeh'n,
Daß sie, zu ernst'rem Gespräch, als jetzt sei passend gewesen,
Wieder zu kommen am folgenden Tage, für nötig erachte.

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