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Hannchen und die Küchlein

August Gottlob Eberhard: Hannchen und die Küchlein - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
booktitleHannchen und die Küchlein
authorAugust Gottlob Eberhard
yearca. 1890
firstpub1822
publisherGreßner & Schramm
addressLeipzig
titleHannchen und die Küchlein
pages84
created20080722
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ergebung.

          Erst als Mutter und Tochter zurück nach Hause gekommen,
Und sie das eben Erlebte besprachen bei ruhiger Arbeit,
Fing sie aufs neu' an zu schmerzen, vom Giftpfeil Lauras, die Wunde.
Wenig erwähnten sie nur der verletzenden Worte des Kriegsmanns,
Weil sie nicht böse gemeint, und weil sie so böse doch waren,
Daß, wenn Hannchen daran, insgeheim, ganz leise nur dachte,
Ihr sich die Wangen doch gleich hoch färbten mit brennendem Purpur.
Aber in Lauras Gelächter das schamlos laute Verhöhnen,
Und im Erwähnen der Blumen die hart feindselige Absicht,
Dieses besprachen sie wieder und wieder, mit tiefer Betrübnis.
»Ach, und das Böseste ist:« sprach endlich die Mutter – »es bleibt ihr,
Um nur die eigene Ehre zu retten, der einzige Ausweg,
Daß sie nun, schonungslos, in dem Schlosse die deinige preisgiebt!
Jedem erzählt sie gewiß, schwarz malend, die Gartengeschichte,
31 Und es erscheint dein Bildnis in solchen entstellenden Zügen,
Daß, die näher dich nicht schon kennen, dich müssen verabscheu'n.
Aber Verleumderin werde deshalb nicht Laura gescholten!
Glaubt sie es doch, du habest die Blumen zertreten mit Absicht.
Denn noch weiß sie ja nicht, was hin in den Garten dich lockte.
Nötig eracht' ich daher, ihr offen das Rätsel zu lösen;
Haben wir dieses gethan, dann kann sie höchstens noch spötteln;
Doch nicht darf sie dir mehr anschuldigen neidische Tücke.«

So auch meinte die Tochter; und gleich schrieb Martha der Feindin
Höflich, doch würdigen Tons, und bat sie, selbst zu bestimmen
Ort und Stunde, zu einer vertraulichen, offnen Besprechung,
Um ihr ein Rätsel zu lösen, das irrig bisher sie gedeutet.

Fort gleich wurde das Briefchen geschickt; in gespannter Erwartung
Harrend der Antwort, meinten sie schon bei jedem Geräusche,
Nahen zu hören die Feindin, und Hannchen versagte der Atem.
Aber es brachte die Botin zurück höchst bittere Antwort.
Hart wies Laura zurück das gewünschte Gespräch, denn es sei ja
Klar die verächtliche That, nichts könne Beschönigung fruchten.
Auf den versöhnlichsten Brief so höchst unwürdige Antwort!
Zürnend durchlas sie die Mutter; erbebend durchlas sie die Tochter.
Doch bald hatten sie wieder die bessere Fassung gewonnen,
Jene durch kälteres Blut, und dies' im Gefühle der Unschuld.

»Will sie nicht hören, wie sich es begeben: so mag sie es lesen!«
Sagte die Mutter, und schickte sich an, aufs neue zu schreiben. –
32 »Laß mich selber es thun!« sprach Hannchen. Die Mutter erlaubt' es;
Und mit dem Ausdruck einfach beredter, unleugbarer Unschuld,
Schrieb nun Hannchen, wie lieb ihr die Laube seit Jahren gewesen,
Wie sie die Zweig', insgeheim, aufbinden gewollt, und erschrocken,
Als unverhofft sich die Thüre des Gartens geöffnet, entflohn sei.
Habe sie Blumen zertreten, so sei es im Wanken und Fliehen,
Ohn' ihr Wissen geschehen; sie sei der Sünde nicht fähig,
Welcher, zur größten Betrübnis für sie, man fälschlich sie zeihe.

Gut fand alles die Mutter. »Doch,« sprach sie – »das Wichtigste fehlt nur,
Was zur Erklärung deines Entschlusses, die Laube zu flechten,
Ganz notwendig gehört; die Ursach' daß du nur dankbar
Wolltest erwidern die Pflege der Blumen am Grabe des Vaters.
Dieses Verhältnis allein macht klar, was mindesten seltsam
Sonst wohl jedem erscheint, selbst wenn er von Herzen dich lieb hat.«

Hannchen errötete hoch, und sprach mit gesteigerter Wärme:
»Wahr ist, was du gesagt; doch gewiß würd' ihm es nicht lieb sein,
Wollt' ich, was er im Stillen gethan, um mich zu erfreuen,
Fremden erzählen anjetzt. Das wäre Verrat an der Freundschaft,
Wäre – wie müßt' ich mich schämen – abscheulicher häßlicher Undank!

Wenn er auch streng mich verdammte, getäuscht durch Lauras Verleumdung:
Nie doch wär' ich im stande, zu thun, was kränken ihn könnte.
Eh' ich um solchen, verwerflichen Preis abwehre die Schmähsucht:
33 Will ich sie lieber ertragen mit stummer, geduld'ger Ergebung.«

»Hannchen, wie dauerst du mich!« sprach Martha mit tiefer Bewegung.
»Dein fromm schwärmendes Herz, ich kann es nur bitter beklagen,
Denn wo blüht ihm der Lohn, preiswürdig so schwerer Entsagung?
Deutlich und deutlicher seh' ich, wovon es ergriffen so warm ist!
Nennen nicht soll ich das Wort, und du weißt nicht, was es bedeute,
Sagtest du gestern; es komme mir drum nicht über die Lippen!
Doch dir thront es im Herzen mit zaubergewaltigem Scepter,
Hat dich geschlagen in Fesseln, wiewohl du dich immer noch frei wähnst,
Und es zerstört dir vielleicht auf immer den Frieden des Herzens!«

»Mutter! o Mutter! hör' auf!« antwortete Hannchen verworren,
»Nimmer erwartet' ich Lohn! auch weiß ich von keiner Entsagung!
Fesseln! und frei mich wähnen! und Frieden des Herzens zerstören!
Mutter, wie thust du mir weh mit solchen ergreifenden Worten!
Wünsch' ich denn irgend etwas, als ihn nur glücklich zu sehen?
Bin ich selber es nicht durch dich, o du beste der Mütter?
Weinen, nun ja, das muß ich – und ach, ich zürne den Thränen!
Weil mir das Herz, ich weiß nicht wodurch, so gewaltig bewegt ist.«

Ernst kopfschüttelnd vernahm es die Mutter, und drückte verstummend
Hannchen ans liebende Herz, mit tief wehmütigen Blicken,
34 Wie man schonend verstummt am traurigen Lager des Kranken,
Welcher, je mehr ihn ergreifen die Gluten des tödlichen Fiebers,
Desto gesunder sich wähnet, und abwehrt ärztliche Hilfe.

Auf Absendung des Briefs, so wie er nun einmal geschrieben,
Drang jetzt Hannchen. Er wurde des Nachbars Tochter gegeben,
Der man zu eilen empfahl; und in ängstlicher steigender Spannung
Harreten beide, die Mutter und Tochter, entgegen der Antwort.
Horch! da klopft des Nachbars Tochter, und reicht' in das Fenster
Hannchen zurück den erbrochenen Brief, die bleich und erbebend
Las, daß Laura darunter geschrieben den schmählichen Zusatz:
»Kind, Sie schreiben recht hübsch! Sie haben Talent für das Märchen,
Üben Sie ferner sich nur! Doch bitt' ich: Verschonen Sie mich mit
Ähnlichen Proben fortan! ich hab' an der einen genug schon!«

»Siehst du!« sagte die Mutter, »sie nennt nun alles ein Märchen,
Weil du, leider, verschwiegen den wichtigsten Teil der Erklärung!
Hannchen, es rettet dich nichts von bösem Verdacht und Verleumdung,
Als, daß endlich der Pfarrer erfährt aus ehrlichem Munde,
Was in den Garten dich zog, und was du wolltest beginnen.
Klar gleich wird es ihm dann; dich trieb nicht schändliche Tücke,
Sondern ein gutes Gefühl zur Laub' in der freundlichsten Absicht;
Nicht mehr zweifelt er dann: Du tratest sie nieder, die Blumen
Ohn' es zu wollen, im Fliehen, bloß durch unglücklichen Zufall
35 Und mit redlichem Sinn – so darf ich hoffen von Gotthold –
Wird er vor jedem alsdann dein warmer Verteidiger werden,
Wird es gestehen, daß er dir gepflegt auf dem Grabe die Blumen,
Und daß Gleiches mit Gleichem du wolltest vergelten im Garten.«

Lang' antwortete nur mit verneinender, sanfter Bewegung
Hannchen, betrübteren Blicks hinstarrend zu Boden und seufzend.
Drauf mit zärtlichen Küssen bedeckend die Hände der Mutter,
Tiefer und tiefer gebeugt vom schweren Gewichte des Kummers,
Sank sie endlich zu Boden, und sodann flehte sie knieend:
»Beste der Mütter! laß ab! o laß ab! mich also zu quälen!
Nimmer noch hat mich etwas so rührend erfreuet im Leben,
Als, was Gotthold freundlich für mich in der Stille gethan hat,
Gänzlich verzichtend auf Dank, ja wähnend, ich zürne ihm ernstlich.
Blumen aus schöneren Welten, gepflegt von freundlichen Engeln,
Herrlicher könnten sie mir, als jene, doch nimmer erscheinen!
Winkend erblickt' ich nur sie an Auroras Flammen-Altare!
Bin ich im Dunkeln: so leuchten mir sie als glänzende Sterne!
Seh' ich im Traume den Himmel: so blühen sie lieblich auch dort mir!
Laß dies freundliche Spiel, o, laß mir's, Mutter und ziehe,
Was mir so heilig, und was mir im Herzen das lieblichste Bild ist,
Nicht vom Himmel herab in den Strudel des Menschengeklätsches!
Diese Versündigung nur laß streng uns, Mutter, vermeiden!
Übrigens komme, was will, aus meinem verstummenden Dulden.«

36 »Eins noch wär' zu beachten!« entgegnete ruhig die Mutter.
»Denkest du nicht an den Kummer in Gottholds redlichem Herzen,
Daß er ein Mädchen, ihm sonst unschuldigen Herzens erschienen,
Nun, als tückisch und falsch glaubt, strafend verachten zu müssen?
Wärest du ihm es daher nicht schuldig, so wie du es dir bist:
Dich rechtfertigend, ihm vom Auge zu nehmen die Binde,
Welche so traurig ihn täuscht, vielleicht ihm sein Leben verbittert?«
Schärferen Blicks jetzt schaute die Mutter ins Auge der Tochter,
Kräftige Wirkung hoffend von diesen verfänglichen Fragen:
Doch sie erschauete nichts, und es täuschte sie gänzlich die Hoffnung.

»Längst schon hab' ich auch dieses bedacht,« antwortete Hannchen –
»Aber es kann nichts ändern in meinem gefaßten Entschlusse,
Das nur könnte vergessen mich lassen die bittere Kränkung,
Auch von ihm mich zu sehen verkannt, wenn endlich von selbst er
Wieder, wie sonst, mir vertraute, bereuend den jetzigen Argwohn,
Müßt' ein anderer erst ihm künstlich benehmen den Irrtum,
Den er, von Laura verleitet, beging: nichts wäre mir wert dann
Sein Aufgeben des lange gehegten, unseligen Argwohns.
Ja, ihm selbst auch müßt' es auf immer ein bitterer Schmerz sein,
Hätt' er bedurft erst anderer Hilfe, das Rechte zu finden.« –
Ständ' ich verklagt vor weltlichem Richter, um dieses, um Jenes,
Würd' ich verteidigen mich, und verteidigen lassen im Notfall;
37 Aber ein anderes ist's mit dem heil'gen Vertrauen des Freundes!
Ihm in der eigenen Brust muß wurzeln die Blume des Glaubens,
Die selbstkräftig die Stürme besteht und die Blüte hervortreibt.
Drum mein Flehen: O, laß es mich ruhig erwarten, ob Gotthold
Mir als Freund sich bewährt, und störe mich nicht in der Prüfung!«

Ruhiger neigte die Mutter hinab zur Tochter das Antlitz,
Küßt' ihr zärtlich die Stirn, und sprach mit gemildertem Schmerze:
»Sei dir gewährt dann, was du begehrst! nicht soll dich gereuen,
Daß du mit off'nem Vertrau'n dein Herz aufschlossest dem meinen!
Sei dir vergönnet der eig'ne Beschluß in der eigenen Sache!
Doch mir schwindelt dabei! Hoch fliegst du über der Erde
Engelsgestaltungen nach, voll hochidealischer Schönheit!
Mögen die Zaubergebilde sich nicht auflösen in Nebel!
Mögest du, schmerzlich betrogen vielleicht, dich zu fassen verstehen!«

Kaum daß dieses die Mutter gesprochen, erhob sich vom Boden
Hannchen mit leuchtendem Blick, herzinnig die Mutter umarmend;
Und so löste der offene Tausch der verschiedenen Meinung
Sanft und erheiternd sich auf in Gefühle des Danks und der Liebe.

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