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Hannchen und die Küchlein

August Gottlob Eberhard: Hannchen und die Küchlein - Kapitel 3
Quellenangabe
typepoem
booktitleHannchen und die Küchlein
authorAugust Gottlob Eberhard
yearca. 1890
firstpub1822
publisherGreßner & Schramm
addressLeipzig
titleHannchen und die Küchlein
pages84
created20080722
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neue Betrübnis.

        Heiteres Frührot glänzt' an das Haus; es erwachten die Schläfer,
Kräftig gestärkt an Gemüt, wie gestärkt war wieder der Körper.
»Frisch an das Tagwerk nun!« sprach freundlich die Mutter zu Hannchen –
»Rüstiges Treiben und Thun ist des Trübsinns beste Bekämpfung.
Was uns gestern gebeugt, laß heut' uns ruhig ertragen:
23 Drückt doch keinen von uns – Gott Lob! – ein böses Bewußtsein.
Darauf, mit kräftigem Mut, muß jeder im Leben gefaßt sein,
Daß ihn der Gute verkennt, daß frech ihn der Böse verleumdet,
Daß sein bestes, verdienstlichstes Thun, sein frömmstes Bestreben,
Weil es der Schlechte nicht faßt, am schmählichsten gerade verdammt wird.
Immer, je reiner und schöner das Schwanengefieder der Unschuld,
Desto geschäftiger sucht es der Neid mit Schmutz zu besudeln;
Aber des Zeitstroms Well', oft spület sie eilig hinweg ihn.
Weh thun kann der Verleumder, doch wahrhaft schänden die Schuld nur.
Drum von dieser erhalte dir rein nur stets das Bewußtsein!
Jeglicher andere Schmerz, leicht kann er sich wandeln in Freude.«

Schweigend vernahm es die Tochter; und mutig erhob ihr Gefühl sich
Am Trostspruche der Mutter mit kindlichem festem Vertrauen.
Munter bewegte sie sich im verständigen Ordnen des Haushalts,
Erst in dem Stübchen, und dann in der Küch', auch endlich im Hofe,
Daß des behenden Vollbringens die Mutter sich höchlich erfreute.

Wenig Minuten jedoch, da stürzte die Tochter ins Zimmer,
Wieder entfärbt von Schrecken die jugendlich blühenden Wangen,
Wollend erzählen, und doch die erzitternden Lippen noch schweigend,
Während die Augen bereits durch Thränen verrieten ein Unglück.

»Mutter!« begann sie betrübt – »ich habe schon wieder was Schlimmes
24 Dir zu verkünden, und ach! ich habe verschuldet das Unglück!
Sorgsamst immer verschließ' ich am Stalle der Hühner die Öffnung
Jeglichen Abend, sobald ihn verkündet die kommende Dämmrung;
Gestern, das einzige Mal, in der tiefen Betrübnis vergaß ich's!
Und gleich witterte das, mordgierig, der lauernde Iltis,
Und überfiel in der Nacht heimtückisch die wehrlosen Hühner!
Als ich nun kam, sie zu füttern, und fand unverschlossen die Öffnung –
Und kein Huhn in dem Hof, kein munterer Laut in dem Stalle –
Ach, gleich Unglück ahnet' ich da, schloß auf mit Erzittern
Hastig die Thür! – Barmherziger Gott! welch' kläglicher Anblick!
Alle gemordet! nicht eines verschonet! in keinem noch Atem!
Selber der prächtige Hahn mit dem goldigen, bunten Gefieder,
Der sonst spielte den Herrn auf dem Hofe so stolz und so mutig,
Stets hinhielt in dem Schnabel die leckersten Körner den Hühnern,
Und wenn über den Hof hinschwebt' ein drohender Vogel,
Warnenden Ton ausstieß–auch er liegt kläglich getötet!
Keines entkam! In der Angst fand keines zur Rettung den Ausweg!
Aber wie sehr sie gestrebt, zu entrinnen dem schrecklichen Würger,
Das zeigt kläglich die Menge der Federn, zerstreut auf dem Boden.
Ach, wie bedaur' ich sie alle, die schönen, die friedlichen Hühner!
Alle ja hatt' ich sie lieb! auch kannten mich alle, und kamen
Gleich zutraulich gelaufen, sobald ich im Hofe mich sehn ließ;
Und ihr Futter bezahlten sie uns mit unzähligen Eiern!
25 Weh! nun fehlen auch die uns künftig! und also vermag ich
Dir manch kräft'ges Gericht nicht mehr, wie bisher, zu bereiten,
Und noch kärglicher wird dein schon höchst kärglicher Haushalt!«

»Ängstige darum dich nicht!« sprach tröstend die Mutter zur Tochter –
»Freilich ist wichtig für den, der wenig nur hat zu verlieren,
Jeder, auch kleine Verlust, des Wiederersetzen ihm schwer fällt:
Aber das Mangelnde muß man klaglos können entbehren!
Leichter verschmerzt den Verlust, wer mutig die Klage verschmähet.«
Solches gesagt, gleich ging sie hinaus in den Hof mit der Tochter,
Eigenen Auges zu sehn in dem Stall die getöteten Hühner.
Nun ward jedes beschaut, und gepriesen, und jedes bedauert,
Und bei jedem erneute die Tochter den bitteren Vorwurf
Gegen sich selber, von ihr sei einzig verschuldet das Unglück.
»Rechne die Schuld nicht zu hoch dir an!« unterbrach sie die Mutter.
»Gleiches gehört unstreitig für mich und für dich auf die Rechnung.
Als ich versunken dich sah so kläglich in Schmerz und in Thränen,
Hätt' ich bedächtig zur Ordnung des Tag's anhalten dich sollen;
Aber ich selbst war viel zu ergriffen von deiner Betrübnis,
Als daß, ruhig gefaßt, ich anderes konnte bedenken.
Dafür geben uns nun die getöteten Hühner die Lehre,
Daß man nimmer so ganz sich darf hingeben dem Schmerze,
Und daß ein kleines Versehen sich leicht kann bitter bestrafen.«

Still dann gingen sie beide zurück ins Stübchen zur Arbeit.
Um zu erheitern die Tochter, erzählte die Mutter beredtsam
Mancherlei Frohes, was sie, was der, was jener erlebte,
26 Immer ein freundliches Bild vorführend der Seele der Tochter.
Aber es fruchtete nicht! zu tief war Hannchens Betrübnis.
Drum, sie mehr zu zerstreu'n, sprach endlich die treffliche Mutter:
»Laß uns gehen auf's Schloß, um der Freundin Besuch zu erwidern!
Aber verspar' es auf andere Zeit, dein Herz ihr zu öffnen!
Auch von den Hühnern erwähne mir nichts! laß ruhen die Toten!«

Bald nun stiegen sie beide hinauf den beschwerlichen Schloßberg,
Welcher, so lange verödet, aufs neue mit Leben erfüllt war.
Rüdengebell in dem Hof, hell wiehernde Rosse im Stalle;
Diener und Zofen, bald hier, bald dorthin eilend geschäftig.
Uraltstattlich von außen, mit modischem Glanze von innen,
Stand auf dem Felsen das Schloß, frei schauend hinaus in die Ferne,
Mauern umgaben es weit, zu verwehren dem Räuber den Eingang,
Doch weit offen das Thor, in Erwartung ehrlicher Leute!
Und in dem gastlichen Saal viel fröhliche Freund' und Verwandte,
Welche sich eben gesetzt zum üppig bereiteten Frühstück.
Harmlos scherzte die Jugend, vertraulicher sprachen die Frauen,
Und die Pokale der Männer, gefüllt mit alterndem Rheinwein,
Machten die lust'ge Musick zum Liebesgeflüster des Brautpaars.

Sittsam, wie sich's gebürt, trat hinter der Mutter die Tochter
In den geräumigen Saal. Auf jauchzte Antonie freudig,
Flog zur Umarmung der Freundin; und Hausherr hob sich und Hausfrau
Gleich von den Sitzen empor, um willkommen die Gäste zu heißen.
27 So auch die Vettern und Basen begrüßten sie höflich und freundlich;
Eine Gestalt nur saß, mit berechnet verächtlichen Blicken,
Ohne Bewegung und Laut, stolz prunkend, die Tochter des Amtmanns.
Hannchen bemerket' es nicht, und Martha beachtet' es wenig;
Minder entging's der Baronin, Antoniens achtsamer Mutter,
Die nun langes Gespräch anknüpfte mit Hannchen und Martha,
Über des Pfarrherrn Tod und des Pfarrhofs Feuerverwüstung.
Und der Baron, gutmütig die Hand hinreichend der Witwe,
Sagt' ihr, daß er mit Rat und mit That zu jeglicher Hilfe,
Die sie bedürf', und die er zu leisten im stande, bereit sei.
Liebreich wandt' er alsdann sich zu Hannchen mit mancherlei Fragen,
Rühmte, wie schön sie geworden, und lobt' ihr sittiges Wesen,
Doch sein Nachbar und Ohm, ein alter, geschwätziger Kriegsmann,
Oft beim fröhlichen Mahl nicht fein abwägend die Scherze,
Nannte sie grausam, daß sie nicht längst sich des ledigen Pfarrers
Zärtlich erbarmet; sie müsse ja doch Frau Pfarrerin werden.
Hannchen erglühte vor Scham. Schnell wollte die Mutter zu Hilf' ihr
Kommen mit anderm Gespräch; doch Laura, mit spöttischem Lachen,
Wandte zur Nachbarin sich, laut sprechend: »Es soll die Mamsell ja
Probe getanzt schon haben, auf Blumen im Garten des Pfarrers!«

Solches verdroß nicht wenig den ernst aufhorchenden Kriegsmann,
Hoch auf hob er das Haupt, und kräftig erhob er die Stimme:
28 »Kinder, ich habe wohl albern gescherzt? Solch' Lachen verrät mir's!
Herrliches Hannchen, vergieb! Ich wollte dich wahrlich nicht kränken!
Möcht' es ein anderer thun, dem sag', ich wünsch' ihn zu sprechen!«

Gleich war Laura verstummt; nicht konnte den Blick sie erheben,
Um des verschossenen Pfeils Giftwirkung frech zu erspähen.
Aber Antonie sah sie an Hannchens Erbleichen und Zittern.
Zärtlich umschlang sie die Freundin; und um sie hinweg von der Tafel
Ohne Verweilen zu ziehn: »Komm,« sprach sie, »zum Forte piano!
Laß uns wieder einmal vierhändige Scherze versuchen,
Wie wir sonst sie gespielt, zu ergötzen uns selbst und die Mutter!«
Und so zog sie mit fort ins Zimmer daneben die Freundin,
Holte die Noten herbei, und klimperte Probe-Akkorde.
Zaghaft zögerte Hannchen, aus Furcht, gar schlecht zu bestehen.
Da schalt jene: »Du zagst? Du spieltest ja besser, als ich stets!«
Leis' jetzt klagt' es ihr Hannchen, sie habe sich lange geübt nicht,
Weil ihr das schreckliche Feuer zerstörte das Fortepiano,
Und ihr das Spielen im Schloß mißgünstig verwehrte der Amtmann.
Ach, da sanken sie beide vom bittersten Schmerz bezwungen,
Ein' an den Busen der andern, und weinten so leise sie konnten,
Daß es im Saal nicht werde bemerkt. Doch harrend des Spieles,
29 Rief die Baronin: »Ihr wollet ja spielen, was Lustiges! thut's doch!«
Und sie versuchten ein Stückchen, wobei sonst immer sie lachten,
Weil mutwillig oft Hand um Hand sprang über die and're,
Und, so Töne, wie Takt, abwechselnd sich schienen zu necken.
Heute doch rolleten Thränen hinab auf die hüpfenden Hände;
Drum fehlgriffen sie oft, bis wieder allmählig die Finger
Kamen ins alte Geschick. Schon lachten im Saale die Hörer;
Bald nun lächelt' Antonie auch; und endlich, verführt mit,
Lächelte Hannchen sogar, trotz Schmerz und Thränen im Auge.
Beider Gesichter, sie gaben ein Bild des verherrlichten Himmels,
Wenn mit freundlichem Strahl aus sanft noch träufelnder Wolke,
Welche sie düster umflorte, hervortritt plötzlich die Sonne;
Schön dann malet in farbiger Pracht sich der Bogen des Friedens,
Und treu spiegelt die Wolke zurück sein sanfteres Abbild.
Mädchen und Himmel, und Himmel und Mädchen, wie gleicht ihr einander!
Kaum daß hell' sich verkläret Antoniens weinendes Antlitz:
Spiegelte Hannchens Gesicht sanft wieder die schöne Verklärung.

Jetzt mit besserem Mute versuchend ein besseres Tonstück,
Wurde noch muntrer belächelt ein hartmißtönender Fehlgriff:
Und als gar, den verlorenen Takt aufs neue zu suchen,
Wieder von vorne die Arbeit begann; da schäkerte beide
Laut und lustig, wie sonst, in den harmlos glücklichsten Tagen.
Drauf auch stimmten sie an ein fröhliches Lied um das and're,
Jene mit größerer Kunst, doch diese mit schönerer Stimme;
Auch kam näher der Graf, und half, erst leiser, dann lauter,
Noch volltöniger machen der Jungfrau'n schöne Gesänge.
Näher auch kamen allmählich herbei viel horchende Gäste,
30 Und manch' fröhliches Bravo scholl aus dem Munde des Kriegsmanns.
Drum, als endlich die Mutter bedächtig ermahnte zum Weggehn,
Riß höchst ungern Hannchen sich los; und mit heiterem Auge
Nahm sie, das Böse vergessend, von allen den freundlichsten Abschied,
Freundlicher, als dies Laura gekonnt, die früher davon ging.

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