Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > August Gottlob Eberhard >

Hannchen und die Küchlein

August Gottlob Eberhard: Hannchen und die Küchlein - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
booktitleHannchen und die Küchlein
authorAugust Gottlob Eberhard
yearca. 1890
firstpub1822
publisherGreßner & Schramm
addressLeipzig
titleHannchen und die Küchlein
pages84
created20080722
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Das Geständnis.

        Endlich, gefaßten Gemüts, und die Augen getrocknet mit Sorgfalt,
Kehrte die Tochter zurück: sie suchte vergeblich die Freundin,
Wollt' ihr folgen, und hörte bestürzt, daß schon es zu spät sei.
»Sieh', das hast du vom Weinen zu ganz unpassender Stunde!«
Sagte die Mutter. »Ja, wären es Thränen der Freude gewesen:
Hättest du ihrer dich schwerlich geschämt, und du wärest geblieben!«
»Ach!« antwortete Hannchen, »die schöne, die festliche Stunde,
Die mir wiedergegeben die sehnlich erwartete Freundin,
11 Ach, wie ward sie so schlimm mir verkürzt, mir so traurig verdorben!
Bitterlich weinen und fliehn ich mußt', so sehr ich auch kämpfte!
Du auch sagtest ja selbst, daß ich Ursach' habe zu weinen,
Ach, um Vater und Bruder, und um die verlorene Habe!«

»Recht! so sagt' ich,« erwiderte Martha mit ernsterem Tone;
»Doch dein Weinen, es galt ganz anderem Kummer, befürcht' ich!
Jetzt – wir, Mutter und Tochter, allein in vertraulicher Stille –
Öffne mir kindlich das Herz! ach, öffn' es doch endlich dir selber!
Was dich so heftig ergriff, dich so seltsam brachte zu Thränen,
War es der Anblick nicht der beglückenden Liebe der Freundin?
Trieb nicht das dich hinweg, daß ich Gotthold rühmte, den Pfarrer?«

Weder ein Ja, noch ein Nein vor Schreck zu erwidern vermögend,
Stand, zum Marmorbilde geworden, die schweigende Tochter.
Aber verstummt' auch der Mund: doch sprachen die schüchternen Blicke;
Hätten auch diese geschwiegen: doch sagt es der zuckende Atem,
Daß in das innerste Herz sie die Rede der Mutter getroffen.
Und nicht lange, da wogt in der Brust ein schmerzlicher Sturm ihr.
Zittert es ihr durch Mark und Gebein, und erbebten die Lippen,
Bis, in die offenen Arme der tröstenden Mutter gesunken,
Sich auf's neue in Thränen ergoß ihr lastender Kummer.

So schon war es gestanden, des Herzens betrübtes Geheimnis;
Doch hielt off'nes Besprechen für gut und für nötig die Mutter;
Drum, was längst sie gewollt, doch immer zu thun sie gezögert,
12 Bis sich von selber dazu anböte die günstige Stunde.
Solches versuchte sie jetzt, anhebend in traulichem Tone:
»Schon zu lange vielleicht schwiegst du, ach schwiegen wir beide,
Während, erfahrenen Blicks, ich sah dein Inn'res ergriffen
Bald von schüchterner Freud', und bald von sinnender Wehmut.
So in der Unschuld Herzen verkündet sich immer die Liebe,
Die kaum selbst sich erkennt, und schüchtern erschrickt vor sich selber,
Leicht voreilig entzückt, auch leicht voreilig verzagend.
Schölt' ich es streng dein langes, verschämt-jungfräuliches Schweigen:
Müßt' ich des eigenen Jugendgefühls nicht mehr mich erinnern,
Müßt' ihn meistern, den Herrn, der also der Jungfrau Herz schuf.
Doch, wenn ratlos endlich in Gram ein Herz sich verzehret,
Braucht es erhebenden Trost, aus anderem, liebendem Herzen;
Und welch' anderes Herz wohl kann mit dem Herzen der Mutter
Je sich messen an nimmer erkaltender, sorglicher Liebe?
Darum verhehle mir, Hannchen, nicht mehr dein Hoffen und Fürchten!
Offen vertrau' es der Mutter, der treusten, der redlichsten Freundin,
Was dich bekümmert, und was sich begeben mit dir und dem Pfarrer!«
Jetzo erbleichend, und dann hochrot, und in bangem Erbeben
Wiederum plötzlich entfärbt, stand Hannchen, und suchte vergeblich
Atem und Wort, um gefaßt zu erwidern die Rede der Mutter.

»Weiß ich doch selbst kaum, was ich empfind' und was mir begegnet!«
13 Sprach, auf's neue befragt, mit beklommener Stimme die Arme.
Erst nach stillem Erholen am Busen der zärtlichen Mutter,
Konnte sie Mut und Kraft zur freieren Rede gewinnen.

»Viel wohl hab' ich gefehlt,« so sprach sie – »und viel mich geängstet,
Weil ich, was mich bewegt, nicht frei dir zu sagen vermochte!
Jetzt erst kann ich entlasten das Herz von seinem Geheimnis!
Jetzt erst, Mutter, ermutigst du mich zum off'nen Geständnis!
Ja, ich weinet' um ihn nur, um Gotthold, nicht um die Toten!
Sie sind selig, und ihnen gehören nur fromme Gebete!
Aber die Thräne des Kummers, die Thräne der zagenden Sorge,
Die weiht nur den Lebendigen sich, die weihet' ich Gotthold. –
Sprich von Liebe mir nicht! ich weiß nicht, was sie bedeutet,
Und es erfüllt dies Wort mit Beschämung immer und Angst mich!
Laura, des Amtmanns Tochter, ja die, die nennet es freilich
Dreist oft über Gebühr im Kreise von Männern und Jungfrau'n;
Doch unweiblichen Wesens erscheinet mir vieles, was sie thut!
Nur vor Gotthold heuchelt sie schlau jungfräuliche Sitte,
Falsch sich bekennend zu edlerem Sinn, den sonst sie verläugnet.
So überlistet, umgarnet sie ihn, der fromm ihr vertrauet,
Sie zur Lebensgefährtin vielleicht auf immer erwählt hat,
Denn es begrüßt ja mancher sie schon als seine Verlobte!«

Hannchen, indem sie es sprach, sank wieder von Schmerz überwältigt,
Schluchzend an Marthas Herz, die fromm, sie zu trösten, bemüht war.
Doch jungfräulicher Stolz hieß jeglichen Trost sie verschmähen,
Welchen die Mutter ihr bot, und also begann sie von neuem:
14 »Mutter, verstehe nicht falsch mein rückhaltloses Erzählen,
Und mißdeute den Kummer mir nicht, von dem ich bewegt bin!
Neidlos wollt' ich sie selbst zum Traualtare geleiten,
Die er zur Braut sich gewählt, ob hoch, ob niedrig sie stände,
Wäre sie gut nur und fromm, und redlich in Worten und Werken;
Säh' ich ergeben ihm nur ein Herz, ganz würdig des seinen!
Laura indessen – o, nein! nie könnt' er glücklich mit ihr sein,
Die ja so anders, als er, nur immer zu glänzen bemüht ist!«

Jetzt unterbrach die bedächtige Mutter der Tochter Erklärung:
»Kannst du wissen, ob ihm nicht eben das Glänzende lieb ist?
Einen erfreuet es nicht, doch blendet es zaub'risch den andern,
Denn um den Glanz und den Schein dreht leider das meist' in der Welt sich!«

»Nein!« rief Hannchen, »o nein! nicht also gesinnet ist Gotthold!
Glaube mir, Mutter! ich weiß es! ich kenn ihn besser als alle!
Wund're dich nicht! und zürne mir nicht! ich will dir erzählen,
Wie sich alles begeben, von selbst, und ohne Verschulden. –

Über dem Grabe des Vaters – du weißt das – hatt' ich den Hügel
Bunt mit Blumen bepflanzt, und es war dies blühende Beetchen
Fast mein einziges Gärtchen, der heiligste Raum in der Welt mir!
Fern von des Dorfes Geräusch, dort fromm nur der Toten gedenkend,
15 Pflegt' ich die Blumen mit liebender Sorgfalt, weilte bei ihnen
Einsam trauernd und betend, von keinem bemerkt, wie ich glaubte.
Tief wehmütigen Blickes, und ohne hinüber zu schauen,
Ging ich immer vorbei an dem alternden Zaune von Flieder,
Welcher den Kirchhof trennt von dem freundlichen Garten der Pfarre.
Einstmals aber, gelockt von dem weithin duftenden Flieder,
Trat ich zum blühenden Zaun', an die offen gebliebene Stelle,
Wo ich als Kind gar oft durchhüpfete, fröhlichen Sinnes.
Freudvoll sangen die Lerchen, und rosig glänzte das Frührot;
Zaub'risch lachte der Garten mich an im Schmucke des Frühlings.
Wie sich der Durstige labt an des Bergquells köstlicher Frische,
Stand ich, und konnte nicht müde mich seh'n an dem blühenden Garten.
Magische Kraft zog lockend mich hin auf den heiligen Boden!
Wieder das glückliche Kind von ehemals, hüpft' ich hinüber,
Grüßend vergnügt die Gesträuch' und die Bäume als alte Bekannte.
Aber das liebste von allem, es war mir die schattende Laube,
Von mir selber vor Jahren umpflanzt mit rankendem Geisblatt.
Dankbar nahm sie mich auf in die traulich umdüsternde Wölbung,
Bot mir zum Sitzen die Bank, auf welcher ich früher so oft saß,
Und ihr Blättergeflüster erzählte mit lieber, bekannter
Stimme so viel mir ins Herz von Mutter und Vater und Bruder,
Aus der entflohenen, glücklichen Zeit, die nimmer zurückkehrt,
Daß ich, vergessend, woher ich gekommen, und wo ich verweile,
16 Tief und tiefer versank in das süßeste Sinnen und Träumen.

Doch bald schreckte mich auf das Geräusch von nahenden Tritten!
Nicht mehr konnt' ich entfliehen; und hoffend, der Kommende werde,
Ohne der Laube zu nahen, sich seitwärts wenden zum Hügel,
Stand ich, ohne zu atmen, im düstersten Winkel der Laube.
Aber mich trog dies Hoffen; denn ach, nicht lange, da stand er
Gegen mir über, ein Buch in der Hand, der betroffene Gotthold!
Silben zu stammeln vermocht' ich kaum, so war ich erschrocken;
Doch er kam mir zu Hilfe mit klugen und freundlichen Worten,
Daß es mir, ganz unvermerkt, leicht wieder und leichter ums Herz ward.
Gut war jegliches Wort; doch mußt' ich bei manchem erröten,
Weil es, ich weiß nicht warum, mir klang von besond'rer Bedeutung.
Hierhin, dorthin führt' er mich dann, mir zu zeigen wie alles,
Was wir ordneten sonst, hochheilig gehalten von ihm sei.
Was ich irgend gepflanzt, selbst jegliches Veilchen im Grase,
Kannt' er und hatt' er gehegt und gepflegt mit der treuesten Sorgfalt,
Daß ich, käm' ich einmal, zu besuchen den freundlichen Garten,
Wie er längst es gewünscht, noch die früheren Lieblinge fände.
Als ich ihm dankte für solches Bemüh'n: da nahm er und führt' er
Meine gefesselte Hand an seine verstummenden Lippen.
Doch nicht lange, da sprach er beredter und wärmer, denn vorher,
Lobend die fleißige Hand, die sorgsam pflege die Mutter,
Rühmend den still andächtigen Sinn, der auch den Entschlaf'nen
Opfer der Lieb' an Blumenaltären zu bringen bemüht sei.
17 Dann auch nannt' er mich gut, und würdig des besten Geschickes;
Sagte, von heut' an werde der Garten so teuer, so lieb ihm,
Wie es der Kirchhof lange schon sei durch meine Besuche;
Sagte – doch nein, ich weiß es nicht mehr, was alles er sagte!
Das nur weiß ich: es schreckte mich an, und es that mir so wohl doch,
Daß, wie gefesselt' ich stand, ob es gleich mich trieb, zu entfliehen.
Schwer nur riß ich mich los; und ich eilte mit klopfendem Herzen
Über den Kirchhof, ohne zum Grabe des Vaters zu gehen.
Hier in die Kammer entfloh ich, und weinte vor Freud' und vor Wehmut;
Wollte dir alles erzählen, und nimmer doch, nimmer vermocht' ich's!«

Liebend verzieh es die Mutter, und reichte der Tochter die Hand hin;
Doch was weiter gescheh'n unruhig zu wissen verlangend,
Fragte sie, merklich beklommen im Ton, und mit ängstlichem Blicke?

»Sprachst du öfter mit ihm, hingehend zum Grabe des Vaters!
Oder vielleicht – doch gewiß, o gewiß nicht wieder im Garten?«

»Nein!« antwortete Hannchen, mit offen bedauerndem Auge,
»Doch sei erst noch gefaßt auf's Schlimmste der ganzen Geschichte!
Nicht mehr wagt' ich anjetzt, mein heiliges Grab zu besuchen,
Denn dort konnt' ich nicht mehr voll Andacht sitzen und beten,
Konnte die Blumen sogar nicht mehr unbefangen begießen.
Gotthold fühlte das wohl, denn er kam nach wenigen Tagen
Uns zu besuchen, und war auffallend verlegen und ernsthaft.
18 So auch später einmal; da sagt' er – gewiß mit Beziehung –
Als er mich sah wegräumen vom Tische die häusliche Arbeit,
Stör' er mich irgend worin: dann wag' er nicht wieder zu kommen.
Was wohl hätt' er gemeint, als meine Besuche des Kirchhofs?
So auch gleich es verstehend, errötet' ich hoch und verstummte.
Und dann kam er nicht wieder, vielleicht argwöhnend, ich zürn' ihm.
Wenn ich jedoch, bei mangelndem Regen, die Tochter des Nachbars
Bat, zu begießen die Blumen: so brachte sie stets den Bericht mir,
Schon sei alles begossen, und grüne, und blühe vortrefflich.
O, wie erfreute mich das! wie dankt' ich es ihm in der Stille!
Sonntags aber einmal, da ward ich zu Thränen gerührt fast,
Als ich die Kirche besuchte, und sah in der Fern' auf dem Grabe
Weithinprangend die Blumen, und all' an Stäbchen gebunden,
Daß kein Sturm sie zerknicke, nicht Regen zu Boden sie schlage.
Da nicht länger vermocht' ich, zu wenden den Blick von dem Garten,
Der mir so wichtig, so lieb war, ach, aufs neue geworden.
Mutvoll schaut' ich hinüber; doch nicht mehr blühte der Flieder!
Ach, und es hingen, den Winden zum Spiele, die Ranken des Geisblatts
Wild um die Laube herum, weil niemand ihrer sich annahm.
O, wie betrübte mich das! laut schien mir die Laube zu klagen,
Daß, mißmutig geworden durch mich, der Besitzer sie fliehe.

Viel nicht fehlte, so hätt' ich, geseh'n von der ganzen Gemeinde,
19 Rasch durchsprungen den Zaun, mit Gesangbuch, Bibel und Festkleid,
Um an der Laube die Schuld für die Pflege der Blumen zu zahlen.
Schwer nur wandt' ich mich ab, und verbarg, was tief mich bewegte;
Doch nicht konnt' ich vergessen die Laube, die ordnender Hände
Dringend bedurft', und der ich selber zu helfen für Pflicht hielt.
Als nun, einige Tage nachher, mir wurde die Kunde,
Gotthold wäre hinaus in des Amtmanns Wohnung gegangen,
War ich entschlossen sogleich, zu benutzen die günstige Stunde,
Da es verstattet mir schien, ungeseh'n mein Werk zu vollbringen.

Weit nun wähnend den Pfarrer entfernt, still eilt' ich am Abend
Zum Grabhügel des Vaters, von dem ich so lange verscheucht war,
Brachte dem heiligen Toten der Wehmut schmerzliches Opfer
Durch andächtige Thränen am blühenden Blumenaltare;
Und dann, ruhigen Herzens, im besten Bewußtsein ging ich
Hin zum Garten, des Geisblatts wilde, verwachsene Ranken
Durch das Gegitter der Laube zu flechten und fest sie zu binden. –
Hinter mir hatt' ich den Zaun, und hatte den Weg zu der Laube
Schon zur Hälfte vollendet – o weh! da hört' ich vom Hof her
Öffnen die Thüre des Gartens, und hörte Gelächter von Laura!
Furchtbar schrak ich zusammen! ich wankte zur Linken und Rechten,
Eh' ich Entschluß und Atem gewann zum schnellen Entfliehen.
20 Ach, der verschüchterte Dieb, nicht ängstlicher kann er entrinnen,
Als ich Ärmste, zum Garten hinaus und über den Kirchhof,
Heimwärts lenkte den Lauf, voll Furcht, man werde mir folgen!
Nie mehr mocht' ich seitdem hinschau'n nach Garten und Laube;
Ja noch lange nachher, bei jeglichem, leisem Erinnern,
Glühte mir hoch das Gesicht, und klopfte gewaltig das Herz mir,
Bis mir endlich, im Laufe der Zeit, auflebte die Hoffnung,
Daß ich, wenn auch geseh'n, doch von keinem im Garten erkannt sei.

Aber, o Jammer! wie hat dies Hoffen so arg mich betrogen!
Jüngst erst hab' ich's gehört von des Gutsherrn Tochter zu Wendau!
Denke dir, Mutter, man sah mich entflieh'n, und Laura erkannte
Auch in der Ferne, mit forschendem Blick, mein flatterndes Halstuch;
Gotthold, schnell abwehrend den Spott, sprach mild von der alten
Liebe zum Garten, die mich zum verstohl'nen Besuche verleitet,
Und es entwaffnete so sein Ernst die geschwätzigen Zungen.
Doch zur Stelle gekommen, von der man hatte mich flieh'n seh'n,
Fand man niedergetreten die prachtvoll blühenden Nelken,
Früher von Laura dem Pfarrer geschenkt als kleinere Pflänzchen,
Jetzt der Besuchenden Ziel, zu beschau'n die entfaltete Schönheit.
Wo nun, schreckengelähmt, ich gewankt zur Linken und Rechten,
Klagten sie hart mich an, die zerknickten, zertretenen Nelken,
Zeugete Tritt an Tritt, daß ich die Zerstörerin wäre!
Unabsichtliches Thun ausmalend zu tückischer Absicht,
Mir anschuldigend Haß und Mißgunst, mühte sich Laura,
Meinem Erscheinen und Flieh'n die gehässigste Deutung zu geben.

21 Gotthold, schreckenerblaßt, bat doch, mild schonend, es möge
Wie auch wäre der Schein, mich vorschnell keiner verdammen.
Tages darauf nun wollt' er mich prüfen, und kam, mich zu sprechen,
Sah mich sitzen am Fenster, und wähnte von mir auch bemerkt sich,
Rechnete drauf, ich werde, wie sonst, ihm öffnen die Pforte,
Stand, und harrte vergebens, und ging unwillig hinweg dann,
Ohne daß ich und daß du das geringste hievon nur geahnet. –
Ach! mein Unstern wollte es einmal, daß er auch verführt ward,
Irre zu werden an mir, der früher so schön mir vertraute!
Denn nicht wieder seitdem im Herbst, nicht wieder im Winter
Kehrt' er zurück an die Thür, die gern wir hätten geöffnet!
Ach, und der Frühling ist da, und bringet die Lerchen uns wieder;
Ihn nur bringet er nicht, der sonst uns brachte die Freude!
Schweigend und kalt stets grüßet er mich bei'm flücht'gen Begegnen!
All' sein schönes Vertrau'n, ich hab' es auf immer verloren!
Schuldig erschein' ich vor ihm, so schuldlos auch ich mich fühle;
Und mir nagt in der Brust fortwährend der bitterste Kummer! –

Sieh, so steht es um mich, so traurig, geliebteste Mutter!
Wird sein Name genannt: gleich bin ich so schmerzlich ergriffen,
Daß ich im stande nicht bin, zu bekämpfen die bitterste Wehmut!
Schilt nun, wenn du es kannst, mich ob der vergossenen Thränen!
Strafe mich, daß ich entfloh, sie schmerzlich beschämt zu verbergen,
22 Nicht vor der Freundin und dir, doch wohl vor dem gräflichen Gaste!«

Hannchen verstummte vor Schmerz. Und dem Auge der Mutter entquollen
Heiß teilnehmende Thränen. Sie mochte mit strafendem Tadel
Nicht noch mehren die Not, die schon unglücklicher Zufall
Über die Tochter gebracht. Drum nur mitleidige Worte,
Wie sie das Herz ihr gebot, sprach leiser die zärtliche Mutter. –

Beide beachteten's nicht, wie weiter und weiter der Abend
Hinschritt über die Flur, und das Dörfchen mit Schatten bedeckte.
Doch, wie dunkler das Stübchen, so ward auch dunkler der Kummer,
Welcher, umnachtend und schwer, lag auf den zerrissenen Herzen.
Ihre verdüsterten Blicke, zurück in das Leben gerichtet,
Irrten, wie Unglücksvögel, umher nach Tagen des Kummers!
Aller erlittene Schmerz, er drückt aufs neue sie wieder –
Was sie verloren im Leben, beweinten sie heute noch einmal –
Bis in der tieferen Nacht, auf stiller umfangendem Lager
Ihnen der Schlaf mitleidig verschloß die verweineten Augen.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.