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Friedrich Wilhelm Hackländer: Handel und Wandel - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleHandel und Wandel (Sammlung klassischer Romane Band 12)
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
firstpub1850
yearca. 1910
publisherVerlag von H. Geißler & Co.
addressBerlin
titleHandel und Wandel
pages1-388
created20050427
sendergerd.bouillon
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Viertes Kapitel.

Ein Nachbar.

Das Reißmehlsche Haus war im Innern ebenso unheimlich und finster, wie es auf der Straße erschien. Fast kein Zimmer lag mit dem andern in gleicher Höhe; die Gemächer waren durch eine Menge kleiner Treppen, die bald auf, bald ab führten, miteinander verbunden. Diese Treppen waren alt, von braunem Holz, mit geschnitzten Lehnen, und krachten bei jedem Tritt. An jeder Wendung derselben waren überdies seltsam geformte hölzerne Figuren zu sehen, die einen so unerwartet bald anlachten, bald angrinsten, daß es mir, als ich zum erstenmal hinaufstieg, nicht übel zu nehmen war, wenn ich vor diesen Gestalten zurückfuhr, die beim flackernden Lampenlicht zu leben und sich zu bewegen schienen. Was das Unheimliche noch vermehrte, waren kleine runde oder eckige Fenster, die fast aus allen Zimmern auf die Treppe gingen und beim Schein des Lichts wie dunkelglänzende Augen aussahen. Ich muß gestehen, ich fürchtete mich ein wenig; ich mußte immer an den steinernen Kerl mit der langen Nase draußen vor dem Hause denken, und ich weiß nicht, wie mir die tolle Idee kam, die mich die ganze Nacht im Traume verfolgte, als haben die hölzernen Figuren mit jenem steinernen Soldaten, der früher im Hause selbst placiert gewesen, in der Mitternacht Streit bekommen und ihn vor die Tür gesetzt.

Ueber die Treppen des ersten Stocks eilte Philipp rasch hinweg und sagte mir auf meine Frage leichthin, er sei unbewohnt. Im zweiten Stock ging er langsamer und zeigte mir die Schlafzimmer des Prinzipals und der Jungfer Barbara. Dann ging es eine alte Wendeltreppe hinauf in den dritten Stock, wo unsere Kammer lag. Dieses Gemach war durch eine dünne Bretterwand in zwei Teile geschieden, in deren jedem ein Bett stand, meines an der äußern Mauer, so daß sich das Dach liebend darüber hinbeugte. Der Baumeister mußte große Vorliebe für das Schnitzwerk gehabt haben, denn selbst die Balken des Daches waren verziert und bemalt; wo sie auf der Mauer auflagen, sah man groteske Köpfe von Menschen und allerhand Untieren, die mein Bett lachend und grinsend umstanden. Am Fußende desselben war ein Fenster, welches auf den Zwischenraum ging, der uns vom Nachbarhause trennte, ein Zwischenraum, keine drei Fuß breit, aber desto tiefer, denn beide Gebäude hatten eine ansehnliche Höhe. Diesem Fenster gegenüber befand sich im Nachbarhause ein anderes, das etwas tiefer, aber uns so nahe lag, daß man leicht mit der Hand hinüberreichen konnte. Im ersten Gemach, wo Philipp schlief, stand ein kleiner Ofen, und mein Kollege bemühte sich, ein kleines Feuer anzuzünden, das aber bei der Größe des Raumes ungefähr dieselbe Wirkung hervorbrachte, wie respektive das Butterbrot vorhin in meinem Magen, weshalb wir ein paar Stühle so nahe wie möglich an den Ofen rückten und eine Unterhaltung begannen, in welcher Philipp mir die allgemeinen Begriffe vom Handel beizubringen suchte. Er sprach vom Verkauf überhaupt, kam dann aufs Kreditgeben im speziellen, und versicherte mir, es sei äußerst schwierig, eines ohne das andere zu treiben, und doppelt schwierig, die rechte Mitte zwischen beiden zu beobachten.

Mitten in diesem interessanten Gespräch wurden wir plötzlich durch sonderbare Töne unterbrochen, die draußen vor unserem Fenster erklangen. Man konnte es für eine Art Gesang halten, es glich aber auch dem Geheul eines großen Hundes. Ich horchte und sah meinen Kollegen fragend an, der aber ein unruhiges, verdrießliches Gesicht machte und mit seiner traurigen Stimme sagte: »Ach, es ist unser Nachbar, der Herr Burbus, der eben nach Hause kommt.« – »Der Herr Burbus?« fragte ich. »Wer ist das?« – »O,« entgegnen Philipp ängstlich, »Sie werden ihn schon noch kennen lernen, werden ihn gewiß noch kennen lernen – hören Sie?«

Es wurde an unser Fenster gepocht, und gleich darauf vernahm man eine tiefe Baßstimme, die mit großer Jovialität rief: »He, Herr Philipp! – junges, langbeiniges Individuum! kaufmännisches Genie!« Es pochte stärker, und nicht lange, so schrie es deutlicher: »Oeffnen Sie doch Ihre langen Ohren, Sie Ritter von der traurigen Gestalt!« – Philipp war indessen bereits aufgestanden, zog auf meine leise Frage, was denn das bedeute, seine spitzen Schultern so hoch empor, daß sie fast seine lang herabhängenden Ohrlappen berührten, und ging ins Nebenzimmer, wo er stillschweigend das Fenster an meinem Bett öffnete. – »Guten Abend, Herr Burbus!« – »Herr Doktor Burbus! Ich habe Ihnen das schon tausendmal gesagt.« – »Was wünschen Sie, Herr Doktor Burbus?« – »Liebster Jüngling,« entgegnete die Baßstimme freundlicher, »Sie würden mich durch ein kleines Anlehen von etlichem Holz und Kohlen sehr glücklich machen. Es ist verdammt kalt, und ich vergaß heute morgen, der Magd zu befehlen – ich gab ihr vielmehr Geld zum Einkauf dieser Gegenstände, und die Person hat's vergessen. – Da, hier ist mein Nachtsack; füllen Sie gefälligst etwas hinein.«

Bei diesen Worten fiel etwas in meinem Zimmer auf den Boden, und Philipp kehrte gleich darauf zu mir zurück, in der Hand einen Nachtsack, der so schmutzig war, daß man ihm ansah, er habe schon verschiedene Male denselben Dienst wie heute versehen. Mein Kollege bückte sich seufzend zum Ofen nieder, schaufelte eine Partie Kohlen hinein, nahm ein Scheit Holz unter den Arm und trug beides ins Nebenzimmer. Darauf sprach die Baßstimme: » Merci, Jüngling!« Das Fenster wurde geschlossen, und der heulende Gesang tönte, nur gedämpfter, noch eine gute Weile fort.

Ich sah Philipp fragend an; so neugierig ich war, warum mein Vorgesetzter jenes unbescheidene Verlangen alsbald erfüllt hatte, so mochte ich doch das tiefe, melancholische Nachdenken, in welches er versunken war, nicht unterbrechen, sowie das Selbstgespräch, das er dazu hielt. »Ja,« murmelte er vor sich hin, »es ist noch mein Tod! er soll, er muß mich in Ruhe lassen! ich will alles, alles sagen – alles?« setzte er fragend hinzu und seufzte tief auf: »Nein, nein, ich kann nicht. – O Barbar –« Hier unterbrach er sich, und ich blieb im Zweifel, ob er Barbar sagen wollte oder eine verhängnisvolle Endsilbe verschluckte. Mit trübem Blick schaute er darauf ins Feuer und war sichtlich tief ergriffen. Es mochte ihm wohltun, seine Brust in etwas zu erleichtern; nach einem tiefen Seufzer und ohne auf eine ausdrückliche Frage von meiner Seite zu warten, hob er an zu erzählen:

»Als ich vor drei Jahren hier ins Haus kam, wohnte ich gleich in diesem Zimmer hier und es gefiel mir ganz wohl. Ich lebte den Tag über meinem Geschäft, denn damals schwärmte ich für den Spezereihandel noch mehr als jetzt. Ich liebte meine Tüten und konnte stundenlang den Kaffee und Reis durch die Finger gleiten lassen, mich freuen über ihre Güte. Das Zimmer im Nachbarhause drüben war noch leer; es diente als Rumpelkammer. Da sah ich, wie man eines Tages die Fenster öffnete, wie die alten Möbel hinausgeschafft wurden und man den Boden fegte. Ich erfuhr, die Stube sei an einen medizinischen Studenten vermietet, der frisch von der Universität komme und hier eine Zeitlang still für sich leben wolle, um sich auf das Examen vorzubereiten. Ich freute mich ordentlich auf diesen Herrn; da unsere Fenster so nahe beisammen liegen, hoffte ich auf manche geistreiche Unterhaltung mit dem jungen Doktor drüben und dachte dabei namentlich, meine Kräuterkenntnis zu vermehren, denn wir machen auch in Kräutern. – Aber, akuter Gott! Er zog ein, denken Sie sich, er zog ein, mit drei Büchern – ein Student mit drei Büchern! aber mit einem Dutzend Pfeifen, mit einem ungeheuren Bierglase und etlichen Mordwaffen und, was glauben Sie? – mit – dem Gerippe eines Menschen! Die Magd drüben hat mir erzählt, ihre Madame sei beim Anblick dieses scheußlichen Dinges in Ohnmacht gefallen und habe verlangt, der Student solle sogleich wieder ausziehen, worauf dieser sie ausgelacht habe und dageblieben sei. Er ließ sich nicht vertreiben, und die Polizei, an die man sich wendete, sagte, man könne nichts tun. Als man drauf dem Herrn Burbus gleich wieder aufkündigte, versicherte er lachend, er wolle gern das Mäuseloch räumen, aber sein Skelett habe eine solche Neigung zum düstern Zimmerchen gefaßt, daß es jedenfalls in Person der Frau vom Hause seine Aufwartung machen und um Verlängerung des Mietkontraktes anhalten würde. Ich bitte Sie! fassen Sie den gräßlichen Gedanken? Auch bekam unsere Nachbarin die allerbedenklichsten Zufälle, und ich hatte einen ganzen Tag fast nichts zu tun, als Kampfer und Hirschhorngeist für sie abzuwiegen. Herr Burbus aber blieb, und denken Sie sich, er erwarb sich die Freundschaft der Madame drüben, aber durch einen für uns sehr betrübten Vorfall.

Schon lange lebte Jungfer Barbara mit dieser Nachbarin nicht im besten Einvernehmen, und da beider Schlafzimmer zwei Treppen unter dem unsrigen einander gegenüberlagen, so hatte man schon oft davon gesprochen, die Fenster vermauern zu lassen; denn Madame drüben behauptete, Jungfer Barbara laure beständig in ihr Schlafzimmer hinüber. Wie dem sei, kurze Zeit nachdem Herr Burbus eingezogen war, ziehe ich eines Morgens ruhig meine Jacke an, als ich plötzlich vom untern Stock her ein gräßliches Geschrei vernehme. Es war die Stimme der Jungfer Barbara, die einen so gellenden Schrei ausgestoßen, daß man es durch die halbe Stadt hören konnte. Darauf rief der Prinzipal nach Salmiakgeist, nach kaltem Wasser, und Sie können sich denken, wie ich die Treppen hinabstürzte. Ja, ich vergaß mich in der Alteration so weit und rannte in das offenstehende Schlafgemach der Jungfer Barbara, wo ich einen entsetzlichen Auftritt sah. Jungfer Barbara lag mit halb geschlossenen Augen auf einem Lehnstuhl am Fenster – denken Sie, nur halb angekleidet – und hatte mit der Hand krampfhaft die Schnur des Vorhangs gefaßt, der dadurch in halber Höhe aufgezogen war. Ich blickte durch das Fenster nach dem Nachbarhause, und was sehe ich am offenen Fenster des Schlafgemachs gegenüber? Das Gerippe des Herrn Burbus, angetan mit einer großen, schwarzen Halsbinde, ein Leinentuch um den Leib geschlungen, und aus dem grinsenden Maule hing ein Zettel, wie man es auf alten Bildern sieht, worauf geschrieben stand: »Guten Morgen, liebe Schwester!«

Ich stürzte gleich auf die Polizei, doch als ich mit einem Sergeanten zurückkam, war das Skelett drüben weg, und die Sicherheitsbehörde konnte nichts für uns tun, als daß sie der Madame drüben nach diesem Vorfall die Erlaubnis gab, den Herrn Burbus sofort vor die Tür zu setzen. Das tat sie aber nicht, nein, sie tat es nicht, und er blieb zu meinem Schrecken und Entsetzen – Sie können sich vorstellen, daß ich mich anfangs um meinen fürchterlichen Nachbar gar nicht bekümmerte. Ich hielt meine Fenster verschlossen, und wenn er beim Laden vorbeikam, wandte ich den Kopf weg. Doch was half es? Gott mag wissen, weshalb er es auf mich abgesehen hatte, aber er wandte alles an, um meine Bekanntschaft zu machen und mich zum Sprechen zu bringen. Wie oft kam er in den Laden, um Tabak zu kaufen, und wie oft reichte ich ihm das Verlangte hin, ohne ein Wort zu sprechen! Da war er aber boshaft genug, mir die gräßlichsten Dinge vorzusagen, von Leichnamen, die er zerschnitten und denen er die Haut abgezogen. Und das wußte er alles so schauderhaft auszumalen, daß ich vor Ekel den ganzen Tag kein Fleisch ansehen konnte, und obendrein kam er mit dergleichen Geschichten meist vormittags; kurz, ich wußte mich nicht vor ihm zu retten. Da, eines Tages hatten wir eine Geschichte miteinander. – – Nun, das Nähere wird Sie eben nicht interessieren.« – Hier stockte Philipp und schien eine unangenehme Erinnerung niederzukämpfen. – »Also von dem Tage an mußte ich mein Fenster öffnen, Gott! mußte gute Nachbarschaft mit dem Ungeheuer halten! Haben Sie nie die Geschichte jener reinen Jungfrau gelesen, die in der Höhle des Drachen angekettet war und die dem Scheusal die Pfeife stopfen und Kaffee kochen mußte? Just so erging es auch mir. Von jenem Tage an mußte auch ich ihm für Tabak und Kaffee sorgen, denn er hatte mich belauscht und einen Beweis gegen mich in Händen. – O Barbar . . .«

»Aber,« entgegnete ich meinem unglücklichen Kollegen, »taten Sie denn nie etwas, um sich der Herrschaft des Doktor Burbus zu entreißen?« – Philipp faltete bei dieser Frage die Hände über den spitzen, magern Knien und sagte mit betrübter Stimme: »O Gott, ja! Nach langem Kampfe mit mir selber ließ ich ihm eines Tages sagen, als er aufs neue Tabak und Kaffee verlangte, er möchte die Gnade haben und vorher die alte Rechnung berichtigen. Was tat er? Als ich abends harmlos am offenen Fenster lehne und ihm ein recht freundliches Gesicht mache und eben ein versöhnendes Gespräch einleiten will, zeigt er auf einmal eine große Flasche, auf der mit deutlichen Buchstaben zu lesen steht: Scheidewasser. Und diese Flasche setzt er auf das Fenstergesims, indem er mir einen fürchterlichen Blick zuwirft. Ich sehe ihm harmlos zu, wie er eine große, gläserne Spritze mit Scheidewasser anfüllt. Er legt sie vor sich hin, steckt sich erst eine lange Pfeife an, und jetzt nimmt er die Spritze, denken Sie, und richtet sie auf mich. Daß ich laut schreiend zurückfuhr und die Fenster zuwarf, können Sie sich leicht denken. Gott, ich kannte ihn! Er hätte mich sicherlich unglücklich gemacht auf zeitlebens. – Von der Zeit an,« schloß Philipp seine Erzählung, »habe ich nie mehr gewagt, ihm etwas abzuschlagen, und ich will nur sehen, wie lange ihn der Himmel noch da drüben duldet. – Doch jetzt ist es zehn Uhr, und da Jungfer Barbara befohlen hat, daß um diese Stunde kein Licht mehr im Hause brennen darf, so wollen wir uns zu Bett legen.«

Ich war das gleichfalls zufrieden; doch ehe ich mich unter mein Dach schob, beleuchtete ich vorher nochmals die geschnitzte Gesellschaft, die mein Lager umgab, und ergötzte mich an den abenteuerlichen Gestalten der kleinen Figuren.

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