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Friedrich Wilhelm Hackländer: Handel und Wandel - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleHandel und Wandel (Sammlung klassischer Romane Band 12)
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
firstpub1850
yearca. 1910
publisherVerlag von H. Geißler & Co.
addressBerlin
titleHandel und Wandel
pages1-388
created20050427
sendergerd.bouillon
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F. W. Hackländer.

Handel und Wandel.


Erstes Kapitel.

Der Beruf.

In den für mich so denkwürdigen Tagen, wo ich Schulbank und Spielplatz verlassen mußte, um als Glied in die Kette einzutreten, an der unter dem Namen Geschäftsleben die ganze Welt zappelt und vergebens nach der verlorenen Freiheit ringt, in jener Zeit war noch viel weniger als jetzt von einer Kunst die Rede, in der man es freilich bis auf diesen Tag noch nicht weit gebracht hat. Ich meine die Kunst, den Kopf eines Menschen mit einigen gewandten Griffen zu betasten und ihm genau zu sagen, welche Anlagen er besitzt, welche Fähigkeiten er auszubilden hat und welches Geschäft er ergreifen muß, damit er später nicht, gleich so vielen, über verfehlten Beruf zu klagen haben möge. Wäre es aber auch damals möglich gewesen, mir nach den Auswüchsen meines Kopfes genau zu sagen, wozu ich befähigt sei, so hätten es mir doch die Verhältnisse nicht erlaubt, ein anderes Geschäft zu ergreifen, als wozu mich die Vorsehung und einiger Geldmangel bestimmt hatten.

Ich hatte keine Eltern mehr und befand mich im Hause und unter der Aufsicht einer Tante, die Witwe war und einen kleinen Laden führte, wo ich ihr in meinen Freistunden hilfreiche Hand leistete. Ich fertigte ausgezeichnete Papiertüten und hatte es schon so weit gebracht, daß ich ein Pfund Zucker oder Kaffee abwiegen konnte, als die Zeit herankam, wo ich ins Leben treten sollte.

Meine Großmutter hatte damals ihren Wohnort im Hause meiner Tante aufgeschlagen. Es war eine gute alte Frau, mit der ich aber nie im besten Einverständnis lebte. Noch sehe ich sie auf ihrem großen, geschnitzten Lehnstuhle sitzen, auf einem Kissen von gestreiftem Kattunzeug, das sie alle Sonnabend zu einer bestimmten Stunde mit einem frischen Ueberzuge versah. Neben ihr auf dem Tische lagen mehrere Sammlungen alter Predigten, die sie Gott weiß wie oft schon durchgelesen hatte. Auf dem obersten dieser Bücher lag eine silberne Brille, die sie beim Lesen gebrauchte. Ihr Anzug stammte aus der Zeit ihrer Jugend und wurde zum Teil aus einer kleinen Eitelkeit beibehalten; sie behauptete, die jetzigen Trachten seien geschmacklos und häßlich, und wenn sie auf dieses Kapitel zu sprechen kam und gut gelaunt war, vertraute sie mir oftmals, was für ein schönes Mädchen sie gewesen sei und welches Aufsehen sie in ihren dermaligen Kleidern gemacht. Man konnte das wohl glauben, wenn man sah, wie in ihrem jetzigen Alter von siebzig Jahren ihr Gesicht noch immer einen edlen, schönen Ausdruck bewahrte und ihre hohe Gestalt fortwährend ansehnlich und ungebeugt war. Nach uralter Mode trug sie eine Haube, unter welcher um die Schläfe und über die Stirn kleine Löckchen hervorsahen.

Alle Sachen, die sie täglich gebrauchte, hatten ihre eigenen, oft höchst interessanten Geschichten, die ich so oft angehört hatte, daß ich sie auswendig wußte. Der Stuhl, auf dem sie saß, war in der Familie erblich und stammte wer weiß von welchem Urgroßvater her. Die silberne Brille hatte einem französischen General gehört, der in den Kriegen der Revolution eines Abends zum Tode verwundet in die Pfarrwohnung gebracht wurde, wo er nach einigen Wochen starb. Der Franzose muß ein arger Heide gewesen sein; meine gute Großmutter erzählte, wie entsetzlich er anfangs über alles geflucht habe; sie setzte aber nicht ohne Stolz hinzu, daß in ihrer stillen, christlichen Wohnung sein Herz sich bald beruhigt habe und er sanft und selig verschieden sei. Besonders große Stücke hielt sie auf eine kleine goldene Tabakdose, die sie ebenfalls in Kriegszeiten von einer Gräfin erhalten hatte, welcher ihr Eheherr einen wesentlichen Dienst geleistet.

Wie gesagt, stand ich mit der Großmutter nicht immer auf dem besten Fuße. Ihr war der Lärm und der Spektakel, den ich oft im Hause anstiftete, unerträglich; hauptsächlich konnte sie nicht leiden, wenn ich mich mit Knaben meines Alters auf Straßen und Feldern umhertrieb, und dies trug mir oft gewaltige Strafpredigten ein, die sie mir in einer Reihe von Sprichwörtern hielt. »Da kommt er,« sagte sie, »einer der eifrigsten in der Rotte Korah! Willst du dir denn nie merken, daß böses Beispiel gute Sitten verderbt? Ja, ich habe es dir immer gesagt, wer sich grün macht, den fressen die Ziegen; der Krug geht solange zum Wasser, bis er bricht; mit gefangen, mit gehangen.« – Ich war damals ein junger Mensch von schmächtigstem Körperbau, kleiner als alle Knaben meines Alters, und hatte ein blasses, eingefallenes Gesicht, kurz, ein ganz erbärmliches Aussehen, was meiner Großmutter ein Dorn im Auge war. Sie behauptete, das komme von meinem immerwährenden Springen und Klettern und weil ich ohne Mütze im Regen herumlaufe und es mir eine wahre Freude sei, nasse Füße zu haben. Sie hatte mir den Namen »Schattenkopf« geschaffen und jammerte viel darüber, daß sie einen so schlecht aussehenden Enkel habe. »Ach,« sagte sie, »es steht wohl geschrieben: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, aber meine Tochter, die Luise, deine Mutter, Gott habe sie selig! das war, wie ich, eine schöne, starke Frau, und du kommst mir nicht anders vor wie Spreu unter dem Weizen.«

So lebte ich nach der Konfirmation noch ein halbes Jahr bei der Tante, und es war mitten im Winter an einem Sonntagnachmittag, als im Zimmer meiner Großmutter ein Familienrat gehalten wurde, um zu beschließen, was eigentlich aus mir werden sollte. Meine Großmutter, der ich am selben Morgen eine ihrer schönsten Tassen zerbrochen hatte, meinte zwar, es sei vorauszusehen, daß aus mir ein Taugenichts werde; doch müsse man das Seinige tun, damit man seine Hände in Unschuld waschen könne. Ich war an diesem Tage in der trübsten Stimmung von der Welt. Draußen waren Bäche und Teiche zugefroren, und meine Kameraden trieben sich dort umher. Auch ich war mit einem Paar sehr defekter Eisschuhe hinausgegangen, mußte aber unverrichteter Sache wieder umkehren; in der vergangenen Nacht war tiefer Schnee gefallen, alle Teiche, bis auf einen, waren damit bedeckt, und bei diesem einzigen standen einige Männer, die ihn vom Schnee gereinigt hatten und für diese Dienstleistung von jedem zwei Pfennige forderten, eine Summe, die ich in meinen damaligen Verhältnissen nicht erschwingen konnte. Mißmutig kehrte ich nach Hause zurück und nahm mir fest vor, jetzt bald etwas Tüchtiges zu lernen, damit ich mir mein eigen Geld verdienen könne.

So trat ich in das Zimmer meiner Großmutter, wo ich denn bald zu meiner großen Verwunderung hörte, daß man sich eifrig mit meinem Schicksal beschäftigte. Außer der Tante, bei der ich wohnte, war eine ihrer Schwestern zu Besuch gekommen, und auf dem Tische lag ein Brief meines Vormunds, in dem dieser seinen Willen in betreff meiner schriftlich kund tat, so daß ein vollständiger Familienrat beisammen war. Ein anderes stimmführendes Mitglied bei dieser Verhandlung war eine gute alte Person, die in meinem väterlichen Hause Wirtschafterin gewesen war und mich sehr verhätschelt hatte. Sie trug noch beständig eine große Liebe zu mir, und wenn sie mich irgendwo auf der Straße oder sonstwo erblickte, brach sie in Tränen aus und jammerte über meinen seligen Vater, daß er so früh gestorben und ich dadurch ihrer trefflichen Leitung entzogen worden sei. Auch jetzt hatte ich mich kaum in dem Zimmer blicken lassen und Platz hinter dem Ofen genommen, als sie mich wehmütig ansah, Nase und Mund heftig verzog und ihr Schnupftuch hervorsuchte, um einige herabrollende Tränen abzutrocknen.

Meine Großmutter, die viel festerer Natur war, sagte ihr dagegen verweisend: »Weine Sie doch nicht, Jungfer Schmiedin; dem Jungen wird nichts Leides geschehen: Unkraut verdirbt nicht.« – »Ach,« schluchzte die Schmiedin dagegen, »wenn doch der selige Herr noch lebte! da müßte der Junge studieren und ein Pfarrer werden wie der selige Großvater. So hat der selige Herr immer gesagt. Aber jetzt soll er in dem Laden stehen und Kaufmann werden! Gott, er soll Kaufmann werden!« Obgleich meine beiden Tanten, so lieb sie mich hatten, über mein künftiges Schicksal nicht so sehr beunruhigt waren, mochte dieser Augenblick doch auch ihnen wichtig genug vorkommen, um ihm eine stille Zähre zu weihen; sie holten zu gleicher Zeit ihre Schnupftücher hervor und brachten selbst meine Großmutter in Bewegung, die das ihrige ebenfalls unter ihrem gestreiften Ruhekissen hervorholte. Man wird mir verzeihen, daß ich im selben Augenblick desgleichen tat. Erst die verdorbene Schlittschuhpartie und dann die Ungewißheit des Loses, das über mich geworfen wurde, lösten mein Herz in Wehmut auf; dazu kam das Heulen der Schmiedin und die Tränen meiner Verwandten, und ehe ich's mir versah, rollten mir ein paar große Tränen über die Wangen auf den heißen Ofen, der sie zischend verzehrte.

Meine Großmutter war die erste, die aus diesem Meer von Tränen und Seufzern wieder als festes Land auftauchte; sie nahm eine Prise aus ihrer gräflichen Dose, setzte die Brille des verstorbenen Generals auf und ermahnte mich, ihr mit größter Aufmerksamkeit zuzuhören. Darauf hielt sie mir eine Rede, die mit Sprichwörtern aller Art gespickt war und in welcher sie nach einer Masse von guten Lehren und Ermahnungen darauf zu sprechen kam, daß der Mensch neben dem allgemeinen Beruf, sich zum Himmel heranzubilden, auch noch die Pflicht habe, sich einem speziellen Beruf zu ergeben, auf daß er sein tägliches Brot verdiene. – »Die Wahl eines Berufs hat dir Gott der Herr nicht schwer gemacht,« fuhr sie fort; »denn aus Mangel an einer gewissen Materie, die man Geld nennt, ist dir nur der Handelsstand geblieben, unter dessen verschiedenen Zweigen du aber wählen kannst, welcher am meisten nach deinem Geschmack ist.« – »Ja,« nahm meine älteste Tante das Wort, »du kannst dich in dem Punkte entscheiden, wofür du den meisten Beruf hast.«

Ich sollte mich entscheiden, wozu ich den meisten Beruf habe, und ich fühlte doch gar nichts von dergleichen in mir. Wenn ich einen Maler sah, so spürte ich in mir den Künstler und glaubte, es müßte mir gar nicht schwer werden, in diesem Fache Glänzendes zu leisten. Sah ich dagegen einen Studenten mit kurzem Samtrock, weißer Mütze und langen, buntfarbigen Troddeln an der Pfeife, so war ich überzeugt, daß ich alles das mit eben dem Anstand führen würde, also einstens einen trefflichen Studenten abgeben könnte. Ebenso erging es mir, wenn ich in den öffentlichen Gerichtssälen die Advokaten plaidieren hörte, oder wenn ich Sonntags auf der Wachtparade die Offiziere geschniegelt und gebügelt einherspazieren sah. Und glücklicherweise hatte auch der Handelsstand einen Platz in diesem Ideenkreise. Das Kontorsitzen kam mir freilich nicht eben angenehm vor, und das Stehen hinter dem Ladentisch schien mir sogar unerträglich; aber in meinen kindischen Träumen war der Handelsstand in unsern Städten nur eine der niedrigsten Stufen des Gewerbes, über die man sich auf einen höheren Standpunkt zu schwingen habe, wo man den Handel in ganz anderem Lichte erblickte. Dabei schwebte mir immer der Kommerz in den Seeplätzen vor, von dem ich aus meiner Grammatik etwas hatte kennen lernen. Da sah ich mich denn mit meinem Pult dicht am Ufer des Meeres, um Schiff und Ladung aus der ersten Hand zu empfangen, und ließ mir gleich von den Matrosen schöne Geschichten erzählen, wie es drüben aussehe unter den Wilden und Hottentotten.

Meine Großmutter ging nun die verschiedenen Arten des Handelsstandes mit mir durch, und meine älteste Tante beleuchtete mir dieselben von allen Seiten. Zuerst kam der Fabrikant; diesen verwarf ich von vornherein, weil er nicht in die Welt hinauskommt, sondern immer hinter seinen Maschinen kleben bleibt. Dann wurde mir der Engroshändler vorgeführt, gegen den ich mich ebenfalls entschied, da er beständig über den Büchern liegt und mit den Waren selbst, die mit ihrem eigentümlichen Duft und ihrer seltsamen Verpackung so schön an die fernen Länder erinnern, wo sie herkommen, fast gar nicht in Berührung kommt. Wechselgeschäfte waren mir von jeher in den Tod zuwider und zwar wegen eines eigenen Vorfalls. Ich hatte einst mit dem Sohne eines Bankiers innige Freundschaft geschlossen, war aber von ihm einem andern Jungen meines Alters, der einen bessern Rock trug, überhaupt reicher und vornehmer war als ich, aufgeopfert worden. – Meine Großmutter, der ich dies traurige Ereignis damals erzählte, entgegnete mir darauf in ihrer Weise: »Wer viel Geld im Beutel hat, dessen Herz ist kalt und matt.« Ich merkte mir das Sprichwort und nahm mir vor, nie ein Bankier zu werden und viel Geld zu bekommen, damit mein Herz nicht matt und kalt werde.

So war denn nach Beleuchtung dieser verschiedenen Handelsarten noch eine einzige übrig, für welche sich meine Verwandten einstimmig erklärten, hauptsächlich, weil die Erlernung derselben am wenigsten kostete. Es war dies das Handelsgeschäft in seinen kleinsten Anfängen, der Spezereiladen. Ich ließ mir den Vorschlag gefallen, und der ganze Familienrat freute sich darüber, mit Ausnahme der Schmiedin, deren Tränen während der ganzen Verhandlung sachte herabgeträufelt waren und jetzt wieder mit erneuter Gewalt flossen.

»Ach,« jammerte die Schmiedin, »jetzt soll das Kind ein Krämer werden und nicht ein Pfarrer, wie der selige Herr gewollt hat! Ach, Frau Pastorin,« wandte sie sich an meine Großmutter, »ich habe während seiner ganzen Kindheit seine Neigungen beobachtet und laß es mir nicht ausreden, daß er ganz zu einem Pfarrer geboren ist. Sie hätten ihn sehen sollen am Sonntagnachmittag, wenn es draußen regnete und er mit andern Kindern in der Stube spielen mußte. Denken Sie sich, Frau Pastorin, da nahm er sich eine schwarze seidene Schürze von mir, und ich mußte ihm von weißem Papier einen Kragen machen, wie ihn die geistlichen Herren tragen – so lang – und dann stellte er sich auf ein paar Stühle und hielt den andern Kindern eine Predigt, ganz wie in der Kirche. Sie bestand just wie dort aus zwei Teilen. Ach, das war gar zu schön!«

Fast hätte mich die Schmiedin verführt, aufs neue ein Duett mit ihr zu weinen, aber meine Großmutter sagte ziemlich ernst: »Sei Sie doch klug, Jungfer Schmiedin; man muß einem Kinde nie dergleichen vorsagen, was es doch nie erreichen kann. Sag' Sie ihm lieber etwas Gutes über den Kaufmannsstand. Freilich,« setzte die alte Frau mit einem Seufzer hinzu, »säh' ich meinen Enkel auch lieber auf der Kanzel als hinter dem Ladentisch. Aber der Wille des Herrn geschehe!«

Die Schmiedin, die eigentlich eine sehr kluge Person war, fügte sich mit großem Takt, und es dauerte nicht lange, so versicherte sie den anwesenden Damen, ich sei ein äußerst kluges Kind und habe eigentlich zu allem Talent. »Ach,« sagte sie, unter Tränen hervorlächelnd, wie die Sonne an einem Apriltage, »wenn er einmal Kaufmann ist, so wird er gewiß ein guter Korrespondent werden. Denken Sie sich, Frau Pastorin, da war der alte Fritz, der Briefträger – Gott hab' ihn selig! er ist lange tot und begraben – der brachte dem seligen Herr die Briefe, und da wollte der Junge auch seine Briefe haben und nahm immer Papierstreifen und machte Briefe daraus, ja, und gab sie dem alten Fritz, der sollte sie wegtragen, und da hätten Sie die Freude sehen sollen, wenn der am andern Tage dem Kinde dieselben Briefe als Antwort zurückbrachte. Dann nahm er meine Brille, setzte sie auf und las in den Papieren umher, ganz wie der selige Herr, kopfschüttelnd und lachend. O Gott, o Gott!«

So war es denn im Familienrat beschlossen und von mir genehmigt, daß ich meine kaufmännische Laufbahn in einer Spezereihandlung beginnen sollte. Ich hatte die Anfangsgründe dieses Geschäfts einigermaßen schon bei meiner Tante studiert und bildete mir ein, daß es nicht schwer sein würde, mich zu einem tüchtigen Kaufmann heranzubilden. Was meine Familie bewog, mich diesem Geschäftszweige zu widmen, war neben dem Geldpunkte die Rücksicht, daß ich, um eine derartige Stelle zu finden, wahrscheinlich die Stadt nicht zu verlassen brauchte. – Meine Großmutter nahm daher die neuesten Lokalblätter vor, um unter den Anzeigen nach einem Anerbieten zu suchen. Es fanden sich auch mehrere, doch führten sie alle eine Bedingung mit sich, die sich mit meinen Verhältnissen nicht vertrug. So hieß es: »Der Lehrling erhält Kost und Wohnung bei seinem Prinzipal, wofür eine angemessene Vergütung bezahlt wird.« Ein andermal war mit andern Worten dasselbe gesagt: man forderte vom eintretenden jungen Menschen jährlich ein gewisses Lehrgeld, wofür er Kost und Logis erhalten sollte.

Der Familienrat suchte lange vergeblich, um etwas zu finden, das ohne dergleichen unangenehme Bedingungen wäre, aber vergeblich, und so wurde einstimmig der Beschluß gefaßt, eine Anzeige für die Zeitung zu entwerfen, in der ich dem christlichen Mitleid empfohlen und als Lehrling angetragen würde. Meine Großmutter nahm zu diesem Zweck einen Bogen Papier vor sich, spitzte die Feder und fing an zu schreiben, während ihr die Schmiedin über die Achsel sah, wobei sie ihr Schnupftuch bereit hielt; ihr ahnendes Herz sagte ihr, daß sie bald wieder in den Fall kommen würde, einige bittere Tränen über mein Wohl zu vergießen. – Wirklich hatte auch die Großmutter kaum ein paar Worte geschrieben, so begann die Schmiedin ihr Gesicht zu verziehen, schüttelte den Kopf und sagte, die Augen voll Wasser: »Aber, Frau Pastorin, das Kind ist ja kein Subjekt.« – Ich horchte hoch auf, und selbst meine Tanten sahen bei dieser Aeußerung meine Großmutter fragend an; diese aber schrieb weiter, ohne sich irre machen zu lassen, und als sie geendet hatte, hob sie das Papier empor und las: »Ein junges Subjekt von guter Familie, ohne Vermögen, aber mit den nötigen Vorkenntnissen versehen, sucht eine Stelle in einem Spezereiladen, um dieses Geschäft zu erlernen, kann aber für Kost und Logis, die es im Hause haben müßte, nur eine sehr mäßige Vergütung bezahlen.«

Ich hörte dies ruhig zu Ende lesen, dann aber mischte ich mich auch einmal ins Gespräch und sagte zu meiner Großmutter ziemlich ernst: wie es mir vorkomme, sei ich doch eigentlich kein Subjekt, und ich habe eine solche Bezeichnung nie anders brauchen hören, als von Schullehrergehilfen, die eine Stelle suchen. wo es immer heiße, zu der und der Stelle mögen sich taugliche Subjekte melden. – Die Schmiedin, ohne ein Wort hervorbringen zu können, stimmte mir kopfnickend bei und selbst meine Tanten nahmen an dem Worte Subjekt Anstoß und brachten meine Großmutter endlich dahin, daß sie es abänderte und setzte: »Ein junger Mensch von guter Familie usw.« – Diesen Aufsatz mußte ich eigenhändig abschreiben, worauf ich beordert wurde, ihn auf die Zeitungsexpedition zu bringen, weshalb ich mein Mützchen von der Wand nahm und mich zum Fortgehen anschickte.

Die Schmiedin, deren tieffühlendes Herz wohl einsah, daß jetzt der entscheidende Augenblick gekommen sei, wo sich mein Leben zum Guten oder Bösen wenden müsse, eilte mir nach, um mich noch einmal weinend an ihr Herz zu drücken, wobei sie mir zugleich einen Silbergroschen in die Hand schob, den ich dankbar einsteckte und dazu eine Grimasse schnitt, als sei mir ebenfalls das Weinen näher als das Lachen. Sie wurde dadurch tief gerührt, und noch auf der Treppe hörte ich, wie sie schluchzend versicherte, ich sei das beste Kind von der Welt, und bei dem Talent, das ich zu allem besitze, würde ich selbst im Kramladen etwas Außerordentliches werden.

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