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Han der Isländer. Band 2

Victor Hugo: Han der Isländer. Band 2 - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorVictor Hugo
titleHan der Isländer. Band 2
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung (A. Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke übersetzt von Mehreren
volumeZehnter Band
printrunDritte revidirte Auflage
translatorFriedrich Seybold
year1859
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectidb4e375be
created20061204
modified201408254
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XXIII.

Der Reisende, welcher heutzutage die mit Schnee bedeckten Berge bereist, die gleich einem weißen Gürtel den See Smiassen umgeben, findet keine Spur mehr von dem, was die Norweger des siebenzehnten Jahrhunderts die Ruine von Arbar genannt haben. Man hat nie ergründen können, welcher menschlichen Bauart, welcher Gattung von Gebäuden die Ruine angehörte, wenn man ihr anders diesen Namen geben kann. Wenn man aus dem Walde heraustritt, der die südliche Seite des Sees bedeckt, sofort einen Abhang heraufsteigt, der da und dort mit verfallenen Mauern und Thürmen besät ist, gelangt man an eine gewölbte Oeffnung, welche in die Seite des Berges gebrochen ist. Diese Oeffnung, welche jetzt ganz durch Erdfälle verschüttet ist, war der Eingang einer in den Felsen gehauenen Art Galerie, die den Berg von einem Ende zum andern durchschnitt. Diese Galerie, welche durch kegelförmige, von Distanz zu Distanz in der Wölbung angebrachte Luftlöcher spärlich erleuchtet war, führte zu einer Art von länglichrundem Saale, der halb in den Felsen gegraben und durch eine Art cyklopischen Mauerwerks geschlossen war. Rundum in diesem Saale standen in tiefen Nischen plump gearbeitete Figuren von Granit. Einige dieser mystischen Götzenbilder, die von ihren Gestellen gefallen war, lagen, mit andern unförmlichen Trümmern vermischt, auf dem steinernen Boden, überwachsen mit Moos und Kräutern, in welchen Eidechsen, Spinnen und anderes Gewürm ihr Lager aufgeschlagen hatten.

Dieser unheimliche Ort erhielt sein schwaches Tageslicht durch eine dem Eingang der Galerie gegenüberliegende, bogenförmige Pforte. Man hätte diese Thüre, obwohl sie mit dem Boden gleichlaufend war, ein Fenster nennen können, denn sie öffnete sich auf einen tiefen Abgrund, und man konnte nicht begreifen, wohin die drei oder vier Stufen führen sollten, die außerhalb dieses seltsamen Ausgangs und unter demselben über dem Abgrund gleichsam in der Luft schwebten.

Dieser Saal war das Innere einer Art gigantischen Thurms, der in der Ferne, von der Seite des Abgrundes betrachtet, eine der Spitzen des Berges schien. Dieser Thurm stand einzeln, und Niemand wußte, zu welchem Gebäude er je gehört hatte. Man sah bloß oberhalb des Thurmes auf einem Plateau, das selbst dem kühnsten Jäger unzugänglich war, eine Masse, die man der Entfernung wegen nicht genau unterscheiden, und entweder für ein abgeplattetes Felsstück, oder für die Trümmer eines kolossalen Bogenganges halten konnte. Diesen Thurm und dieses Bogengewölbe nannte man im Lande die Ruine von Arbar. Man kannte eben so wenig den Ursprung des Namens als des Gebäudes selbst.

Auf einem Stein, der in der Mitte dieses länglichrunden Saales lag, saß, in seine blutigen Thierfelle gehüllt, Han der Isländer. Er wandte der Oeffnung, durch welche ein schwacher Schimmer des Tageslichts hereinfiel, den Rücken zu. Der Wilde beugte sich zu einem Gegenstand hinab, dessen Beschaffenheit man bei dem spärlichen Lichte, das in den Saal fiel, nicht unterscheiden konnte. Nur hörte man von Zeit zu Zeit ein dumpfes Stöhnen, das von diesem Gegenstande auszugehen schien, und schwache Bewegungen deuteten an, daß es ein belebter Körper sei. Bisweilen richtete sich der Wilde in die Höhe und brachte einen Menschenschädel an die Lippen, in welchem eine rauchende Flüssigkeit war, deren Farbe man nicht unterscheiden konnte, und die er in langen Zügen einschlürfte. Plötzlich erhob er sich rasch: »Ich höre etwas in der Galerie,« sagte er. »Ist es wohl schon der Kanzler der beiden Königreiche?«

Ein furchtbares Lachen, dem ein thierisches Geheul folgte, begleitete diese Worte. Plötzlich antwortete aus der Galerie ein Thiergeheul dem Heulen des wilden Menschen.

»Ho, Ho!« sagte der Bewohner der Ruine von Arbar, »das ist kein Mensch, aber doch ein Feind; es ist ein Wolf.«

Wirklich sprang auch ein großer Wolf aus der Wölbung der Galerie, blieb einen Augenblick stehen und näherte sich dann in schiefen Wendungen dem Menschen, den Bauch auf dem Boden und glühende, im Dunkel flammende Blicke auf seine Beute werfend.

»Ah!« sagte der Wilde, »das ist der alte Wolf mit grauen Haaren, der älteste Wolf der Wälder von Smiassen. Gegrüßet seist du, Wolf! Deine Augen funkeln. Nagender Hunger und der Leichengeruch führen dich hieher. Bald wird dein eigenes Fleisch hungrige Wölfe herbeilocken. Willkommen, alter Wolf von Smiassen! Längst habe ich gewünscht, dir zu begegnen. Du bist so alt, daß es heißt, du könnest nicht sterben. Morgen wird es nicht mehr so heißen.«

Das Thier antwortete durch ein furchtbares Heulen, krümmte sich rückwärts und stürzte mit einem Satze auf den wilden Menschen.

Der Wilde blieb festen Fußes stehen. Schnell wie der Blitz faßte er das Thier mit der linken Hand an der Gurgel, während die langen Nägel seiner rechten Hand in dem Bauch des Wolfes wühlten und seine Haut blutig färbten. Das Thier stand aufrecht, die beiden Vorderpfoten auf den Schultern seines Feindes, mit aufgesperrtem Rachen und geifernder Zunge, aber die eiserne Faust des Wilden schnürte ihm den Rachen so fest zu, daß es kaum einen Laut des Schmerzes von sich zu geben vermochte.

»Wolf von Smiassen,« sagte der sieghafte Wilde triumphirend, »deine Krallen zerreißen mein Kleid, aber deine Haut wird mir ein anderes geben.«

Der Wolf machte eine letzte krampfhafte Anstrengung, den Menschen niederzuwerfen; dieser fiel über einen der zerstreut umherliegenden Steine. Mensch und Thier lagen am Boden, und Beider Geheul mischte sich miteinander.

Im Fallen hatte der Wilde die Gurgel des Thieres losgelassen, und schon fühlte er dessen schneidende Zähne in seiner Schulter. Beide rollten sich auf dem Boden und stießen an eine ungeheure weiße Masse, die im dunkelsten Winkel des Saales zusammengerollt lag und schlief.

Es war ein großer weißer Bär, der brummend aus dem Schlafe auffuhr. Kaum hatten sich seine trägen Augen so weit geöffnet, daß er den Kampf sehen konnte, so stürzte er sich mit Wuth, nicht auf den Menschen, sondern auf den Wolf, der in diesem Augenblicke siegreich war, faßte ihn in der Mitte des Körpers mit seinem ungeheuren Rachen, und befreite auf diese Art den Wilden von seinem Feinde,

Der Wilde, von Blut triefend, erhob sich, und weit entfernt, für diesen Dienst dankbar zu sein, stürzte er auf den Bären los und gab ihm einen tüchtigen Fußtritt auf den Bauch, wie ein Herr seinem Hunde, wenn er einen Fehler begangen hat.

»Freund!« sagte er, »wer hat dir gerufen? Worein willst du dich mischen?« Diese Worte wurden unter Grinsen und Zähneknirschen hervorgebracht. »Fort mit dir!« fügte der Wilde heulend hinzu.

Der Bär, der von dem Menschen einen Fußtritt und von dem Wolf einen Biß erhalten hatte, stieß eine Art kläglichen Brummens aus, senkte seinen schwerfälligen Kopf, und ließ den Wolf los, der sich sogleich mit neuer Wut auf den Menschen stürzte.

Während der Kampf fortdauerte, kehrte der Bär in seine Ecke zurück, setzte sich auf seine Hinterbeine und sah ihm ruhig zu.

Als der Wolf sich wieder auf den Wilden stürzte, fasste dieser den blutigen Rachen des Tieres in seine nervige Faust, und drückte ihn fest und immer fester zusammen. Der Wolf krümmte und bäumte sich vor Wut und Schmerz in der eisernen Faust seines Feindes, die ihn wie eine Zange festhielt. Ein schwarzblauer Schaum floss aus seinem zusammengepressten Rachen, und seine Augen, von Wut und Schmerz angeschwollen, schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen. Derjenige der beiden Kämpfer, dessen Beine von scharfen Zähnen zermalmt, dessen Fleisch von heissen Krallen zerfleischt wurde, war hier nicht der Mensch, sondern das Tier des Waldes; das Brüllen, dessen Ton am wildesten, dessen Ausdruck am grimmigsten war, kam nicht aus der Brust des wilden Tieres, sondern des Menschen.

Endlich nahm der Wilde seine ganze Kraft, die durch den langen Widerstand des alten Wolfs beinahe erschöpft war, zusammen, und drückte mit seinen beiden Händen auf den Rachen des Tieres mit solcher Kraft, dass ihm das Blut aus der Kehle und den Naslöchern sprang; die Flamme der Augen erlosch, und sie fielen halb zu; das Tier schwankte und fiel leblos zu den Füßen seines Siegers nieder.

»Da liegst du, Werwolf!« sagte der Wilde und stieß ihn verächtlich mit dem Fuße von sich. »Glaubtest du denn noch älter werden zu können, nachdem du mein Angesicht gesehen hattest? Jetzt wirst du nicht mehr mit unhörbarem Schritt über das Schneefeld laufen, der Spur deiner Beute folgend; du bist jetzt selbst ein Raub der Wölfe und Geier. In deinem langen Leben voll Mord und Blutbad hast du viele verirrte Wanderer am Strande des Smiassen erwürgt. Jetzt bist du selbst todt und wirst keine Menschen mehr fressen. Das ist Schade!«

Der Wilde nahm einen schneidenden Stein, kniete vor dem noch rauchenden Leichnam des Thieres nieder, und in einem Nu hatte er ihm die Haut abgezogen.

»Man muß wohl,« murmelte er zwischen den Zähnen, indem er die blutige Haut um seine Schultern warf, »sich in Thierfelle kleiden, denn die Haut des Menschen ist zu dünn, um gegen die Kälte zu schützen.«

Inzwischen hatte sich der Bär zu dem Gegenstand, dessen oben erwähnt worden ist, und dessen Wesen man in der Dunkelheit nicht erkennen konnte, hingeschlichen, und bald hörte man in dem finstern Theil des Saales ein Knacken der Zähne, untermischt mit schwachen und schmerzhaften Seufzern eines im Todeskampf liegenden Geschöpfes.

»Freund!« schrie der Wilde mit drohender Stimme. »Warte, Bursche! Daher!«

Mit diesen Worten raffte er einen schweren Stein auf und warf ihn dem Ungeheuer auf den Kopf, das, ganz betäubt von dem Wurf, langsam seine Beute fahren ließ, seine blutigen Lippen leckte, wedelnd zu den Füßen des Wilden kroch, den Rücken krümmte und seinen dicken Kopf zu ihm erhob, als wollte es um Verzeihung bitten.

Jetzt fand zwischen den beiden Ungeheuern ein Austausch bedeutungsvollen Brüllens statt. Das Brüllen des menschlichen Unthiers drückte Herrschergewalt und Zorn aus, das des Bären Bitte und Unterwürfigkeit.

»Hier,« sagte endlich der Wilde, indem er auf den Leichnam des Wolfs deutete, »hier ist deine Beute, laß mir die meinige!«

Der Bär beroch den Leichnam des Wolfs, schüttelte mißvergnügt den Kopf und hob sein Auge zu dem Wilden, der sein Herr war.

»Ich verstehe dich, das ist schon zu todt für dich, während das andere noch zuckt. Du bist ein feiner Züngler, dein Fleisch soll noch Leben haben, wenn du es zerreißest, und soll unter deinem Zahne vollends sterben: du hast nur Freude an dem, was leidet! wir gleichen uns, denn ich bin auch kein Mensch, ich stehe über diesem elenden Geschlecht, ich bin ein wildes Thier, wie du. Recht so, brumme zu meinen Füßen, brülle durch den Wald, daß Mensch und Thier erschrocken fliehen! Den Kopf in die Höhe, Freund, lecke mich mit dieser Zunge, die so oft Menschenblut getrunken hat!«

Während der Wilde so sprach, lauerte der Bär vor ihm, leckte seine Hände, wälzte sich auf den Rücken und gab seine Freude zu erkennen, wie ein wohl dressirter Hund.

»Die Menschen sagen, ich fliehe sie,« fuhr der Wilde fort, »aber sie fliehen mich; sie thun aus Furcht, was ich aus Haß thue . . . Du weißt ja, Freund, daß ich gerne einem Menschen begegne, wenn ich Hunger oder Durst habe.«

Plötzlich erschien in der Galerie ein röthliches Licht, das sich allmählig näherte und einen schwachen Schein auf die alten feuchten Mauern warf.

»Da kommt gerade ein Mensch,« sagte der Wilde. »Man darf nur von der Hölle reden, so zeigt der Teufel seine Hörner. Holla! Freund! Auf!«

Der Bär richtete sich in die Höhe.

»Ich muß wohl deinen Appetit befriedigen, um deinen Gehorsam zu belohnen,« sagte der Wilde und bückte sich auf den Gegenstand am Boden nieder.

Jetzt hörte man ein Krachen, wie von Gebeinen, die mit der Axt zerhauen werden; es mischte sich aber kein Ton eines lebendigen Wesens mehr darein. »Hier, Freund, vollende dein begonnenes Mahl,« fuhr der Wilde fort und warf etwas, das er von dem zu seinen Füßen ausgestreckten Gegenstand abgelöst hatte, dem Thore über dem Abgrund zu. Der Bär stürzte sich so gierig auf diese Beute, daß man kaum durch einen schnellen Blick unterscheiden konnte, daß dieser Fetzen die Form eines menschlichen Armes hatte und mit einem Stück grünen Stoffes bekleidet war, wie die Soldaten der Besatzung von Munckholm trugen.

»Es kommt näher,« sagte der Wilde, die Augen auf das Licht heftend, das immer größer erschien. »Bruder, Freund! Laß mich allein! Fort mit dir!«

Der Bär nahm mit zufriedenem Brummen den Raub in seinen Rachen, stürzte der Pforte zu, stieg die äußeren Stufen hinter sich hinab, und verschwand im Abgrund.

Gleich darauf erschien unter dem Ausgang der Galerie ein Mann, der in einen braunen Mantel gewickelt war und eine Blendlaterne in der Hand trug, mit welcher er dem Wilden ins Gesicht leuchtete.

Der Wilde, der mit gekreuzten Armen auf dem Steine saß, rief ihm zu: »Sei nicht willkommen hier, Du, den ein Gedanke herführt, nicht ein Instinkt!«

Der Fremde antwortete nicht, sondern betrachtete aufmerksam den Wilden.

»Sieh mich nur an,« sagte dieser und hob den Kopf in die Höhe, »in einer Stunde vielleicht hast Du nicht mehr so viel Hauch der Stimme, Dich rühmen zu können, daß Du mich gesehen habest.«

Der Fremde beleuchtete den Wilden von allen Seiten, und schien mehr verwundert als erschrocken.

»Worüber wunderst Du Dich denn? Ich habe Arme und Beine, wie Du, nur werden meine Glieder nicht, wie die Deinigen, der Fraß der Pantherkatzen und Raben werden.«

Endlich that der Fremde den Mund auf und sagte mit leiser, aber ruhiger Stimme, als ob er nichts weiter fürchtete, als von Außen gehört zu werden: »Hört, ich komme nicht als Feind, sondern als Freund . . .«

»Wenn Du als Freund kommst, hättest Du Deine menschliche Gestalt ablegen sollen.«

»Wenn Ihr der seid, den ich suche, komme ich in der Absicht, Euch einen Dienst zu erweisen . . .«

»Das heißt, Dir von mir einen Dienst erweisen zu lassen. Mensch, jeder Deiner Schritte zu mir ist verloren. Ich kann nur denen Dienste leisten, die des Lebens müde sind.«

»An Euern Worten sehe ich wohl, daß Ihr der Mann seid, wie ich ihn brauche, aber Eure Gestalt . . . Han der Isländer ist ein Riese . . . Ihr könnt nicht dieser Han sein . . .«

»Das ist zum erstenmal, daß man in meiner Gegenwart daran zweifelt.«

»Wie! Ihr seid Han der Isländer? Es heißt ja, Han sei ein Riese . . .«

»Füge meinen Ruf meiner Größe bei, und Du wirst mich höher sehen, als der Hella ist.«

»Wirklich! Ihr seid also Han, gebürtig von Klivstadur in Island?«

»Auf diese Frage antworte ich nicht mit Worten,« erwiederte der Wilde, indem er aufstand und dem unklugen Fremden einen Blick zuwarf, vor welchem dieser drei Schritte zurückwich.

»Dieser Blick überzeugt mich hinreichend,« sagte der Fremde mit einer fast flehenden Stimme, und warf auf den Eingang des Saals einen Blick, in welchem sich das Bedauern aussprach, dessen Schwelle überschritten zu haben. »Nur Euer eigener Vortheil hat mich hieher geführt . . .«

Als der Fremde in den Saal trat, konnte er sein kaltes Blut behalten, da er den Bewohner der Ruine von Arbar nur unvollständig sah; als aber jetzt der Wilde aufrecht vor ihm stand, mit seinem Tigergesicht, seinem gedrängten Gliederbau, seinen blutigen Schultern, die kaum mit einem noch frischen Felle bedeckt waren, mit seinen großen Händen, seinen Tigerkrallen, seinen stechenden Augen, da schauderte der Fremde, wie ein unwissender Reisender, der einen Aal anzurühren glaubt, und den eine Schlange sticht.

»Mein Vortheil,« wiederholte das Unthier. »Willst Du mir etwa Nachricht geben, wo irgend eine Quelle zu vergiften, irgend ein Dach anzuzünden, irgend ein Soldat von Munckholm zu erwürgen ist?«

»Vielleicht. Hört einmal! Die norwegischen Bergleute empören sich. Ihr wißt, wie vieles Unglück jede Empörung nach sich zieht.«

»Ja, Raub, Mord und Brand.«

»Ich biete Euch Alles dies an.«

Der Wilde lachte laut auf: »Ich brauche nicht zu warten, bis Du mir dieses anbietest, ich kann es selbst nehmen.«

»Ich trage Euch im Namen der Bergleute den Oberbefehl über die Rebellen an.«

»Ist das wahr, daß Du mir diesen Oberbefehl in ihrem Namen anträgst?«

Diese Frage schien den Fremden in Verlegenheit zu setzen; da er aber hier sich gänzlich unbekannt wußte, so faßte er sich gleich wieder.

»Weßhalb empören sich die Bergleute?« fragte der Wilde.

»Um sich von den Lasten der königlichen Vormundschaft zu befreien.«

»Bloß deßwegen?« fragte der Isländer höhnisch.

»Sie wollen auch den Staatsgefangenen in Munckholm befreien.«

»Ist das der einzige Zweck dieses Aufstandes?«

»Ich kenne keinen andern.«

»So! Du kennst keinen andern?«

Diese Worte waren, wie die vorgehenden, in ironischem Tone ausgesprochen. Um der Verlegenheit ein Ende zu machen, worein ihn Ton und Inhalt versetzten, zog der Fremde eine schwere Geldbörse unter seinem Mantel hervor und warf sie dem Räuber hin.

»Hier,« sagte er, »ist Euer Gehalt als oberster Anführer.«

»Behalte es! Meinst Du denn, wenn ich Lust hätte zu Deinem Gold oder nach Deinem Blut, so würde ich erst auf Deine Erlaubniß warten, beides zu nehmen?«

Der Fremde machte eine Geberde des Staunens und Schreckens.

»Es ist ein Geschenk, das mir die Bergleute für Euch übergeben . . .«

»Ich will es nicht,« sage ich Dir. »Gold brauche ich nicht. Die Menschen verkaufen wohl ihre Seele, aber nicht ihr Leben. Man muß es ihnen nehmen.«

»Ich werde also den Bergleuten ankündigen, daß der gefürchtete Han der Isländer nur den Befehl über sie, aber nicht ihr Gold annimmt . . .«

»Ich nehme ihn nicht an.«

Diese kurz und bestimmt ausgesprochenen Worte schienen unangenehm in die Ohren des angeblichen Emissärs der Bergleute zu klingen.

»Wie!« sagte er.

»Nein!« erwiederte Jener.

»Ihr wollt an einer Unternehmung nicht Theil nehmen, die Euch so viele Vortheile verspricht?«

»Vortheile! Ich kann die Meierhöfe allein plündern, und wenn ich Dörfer verwüsten, Bauern und Soldaten umbringen will, brauche ich Niemands Hülfe dazu.«

»Aber bedenkt, daß Euch die Straflosigkeit gesichert ist, wenn Ihr den Befehl über die Bergleute annehmt.«

»Ist es abermals im Namen der Bergleute, daß Du mir Straflosigkeit zusicherst?« fragte der Räuber lachend.

»Ich will Euch nicht verhehlen,« antwortete der Fremde mit geheimnißvollem Wesen, »daß dies im Namen eines mächtigen Mannes geschieht, der bei diesem Aufstand die Hand im Spiele hat.«

»Und ist dieser mächtige Mann sicher, daß er nicht selbst gehängt wird?«

»Wenn Ihr ihn kenntet, so würdet Ihr nicht den Kopf schütteln.«

»Nun, wer ist er denn?«

»Das kann ich Euch nicht sagen.«

Der Räuber trat vorwärts, klopfte dem Fremden auf die Schulter und sagte, stets mit demselben satanischen Lachen: »Soll ich es Dir sagen?«

Der Fremde machte eine Bewegung des Schreckens und beleidigten Stolzes. Er war eben so wenig auf die barsche Unterbrechung als auf die wilde Vertraulichkeit des Räubers gefaßt.

»Ich treibe mein Spiel mit Dir,« fuhr dieser fort, »denn Du weißt nicht, daß ich Alles weiß. Diese mächtige Person ist der Großkanzler von Dänemark und Norwegen, und der Großkanzler von Dänemark und Norwegen, das bist Du!«

Es war in der That der Großkanzler selbst. Er wollte Niemand anders die Unterhandlung mit dem gefürchteten Räuber anvertrauen.

Eine der ersten Eigenschaften des Grafen Ahlfeldt war Geistesgegenwart. Als der Räuber seinen Namen so barsch aussprach, konnte er einen Schrei des Staunens nicht unterdrücken, aber in einem Nu nahm sein bleiches Gesicht wieder den Ausdruck ruhiger Überlegenheit an.

»Nun denn,« sagte er, »ich will ganz offen gegen Euch sein. Ja, ich bin der Großkanzler. Seid nun aber auch offen gegen mich . . .«

Der Räuber lachte laut: »Habe ich mich denn bitten lassen, Dir meinen Namen und den Deinigen zu sagen?«

»Sagt mir eben so offen, woher Ihr erfahren habt, wer ich bin?«

»Hat man Dir noch nicht gesagt, daß Han der Isländer quer durch die Berge sieht?«

Der Graf suchte auf seiner Frage zu bestehen: »Ihr seht in mir einen Freund vor Euch . . .«

»Deine Hand, Graf Ahlfeldt!« sagte der Räuber barsch, blickte ihm starr ins Gesicht und rief: »Wenn in diesem Augenblicke unsere beiden Seelen den Körper verließen, so würde Satan nicht wissen, welche von beiden die des Ungeheuers ist.«

Der hochmüthige Edelmann biß sich in die Lippen; aber die Furcht vor dem Räuber und die Nothwendigkeit, ihn als Werkzeug zu gewinnen, ließen ihn sein Mißvergnügen verschlucken.

»Denkt besser auf Euern Vortheil,« sagte er, »nehmt den Befehl über die Rebellen an und seid meiner Dankbarkeit versichert.«

»Kanzler von Norwegen, Du rechnest auf den Erfolg Deiner Unternehmungen, wie ein altes Weib, das an den Rock denkt, den es mit gestohlenem Hanfe zu spinnen beabsichtigt, während die Pfote der Katze ihren Spinnrocken verwirrt.«

»Noch einmal, besinnt Euch, ehe Ihr mein Anerbieten zurückweist.«

»Noch einmal, ich, der Räuber, sage Dir, dem Großkanzler beider Königreiche: Nein!«

»Ich erwartete eine andere Antwort von Euch nach dem ausgezeichneten Dienste, den Ihr mir bereits geleistet habt.«

»Welchen Dienst hätte ich Dir denn geleistet?«

»Ist nicht von Euch der Hauptmann Dispolsen ermordet worden?«

»Das kann sein, Graf Ahlfeldt! Ich kenne diesen Menschen nicht. Wer ist er denn?«

»Wie! Ist nicht etwa zufällig eine eiserne Büchse, welche er mit sich führte, in Eure Hände gefallen?«

Diese Frage kam der Erinnerung des Räubers zu Hülfe.

»Richtig,« sagte er, »ich erinnere mich in der That dieses Menschen und seiner eisernen Büchse. Es war am Strande von Urchthal.«

»Wenn Ihr mir wenigstens diese Büchse zustellen könntet, so würde meine Dankbarkeit grenzenlos sein. Sagt mir, was aus dieser Büchse geworden ist, denn sie kam in Euren Besitz.«

Der Kanzler zeigte einen solchen Eifer für diesen Gegenstand, daß der Räuber dadurch aufmerksam gemacht und befremdet wurde.

»Diese Büchse ist also von großer Wichtigkeit für Dich, Kanzler von Norwegen?«

»Allerdings!«

»Welche Belohnung willst Du mir geben, wenn ich Dir sage, wo Du sie finden kannst?«

»Alles, was Ihr verlangt, mein lieber Han von Island!«

»Nun, so sage ich Dir es nicht.«

»Das wäre Spaß! bedenkt, welchen Dienst Ihr mir dadurch leistet.«

»Das eben bedenke ich.«

»Ich würde Euch mit Reichthum überhäufen und Eure Begnadigung von dem König auswirken.«

»Wirke lieber Deine Begnadigung von mir aus. Höre mich, Großkanzler von Dänemark und Norwegen, die Tiger zerreißen die Hyänen nicht. Ich entlasse Dich lebend von meinem Angesicht, weil Du ein Bösewicht bist, und weil jeder Augenblick Deines Lebens, jeder Gedanke Deiner Seele ein Unglück für die Menschen und ein Verbrechen für Dich zur Welt bringt. Aber kehre nicht wieder, denn mein Haß verschont Niemand, selbst die Bösewichter nicht. Schmeichle Dir nicht, daß ich diesen Hauptmann um Deinetwillen umgebracht habe. Seine Uniform hat ihn zum Tode verurtheilt, so wie jenen andern Elenden, den ich ebenfalls nicht deßhalb ermordet habe, weil ich Dir einen Dienst leisten wollte.«

Mit diesen Worten faßte er den Kanzler am Arm und zog ihn zu dem Gegenstande hin, der im Schatten lag. Das Licht der Blendlaterne fiel darauf. Es war ein verstümmelter, mit einer Offiziersuniform des Regiments Munckholm bekleideter Leichnam. Der Kanzler warf einen Blick des Abscheus auf ihn. Plötzlich starrte er das eingefallene, blutige Gesicht des Tobten an. Er erkannte ihn trotz des blauen, halb geöffneten Mundes, der sich in die Höhe sträubenden Haare, der schwarzblauen Wangen, der erloschenen Augen.

»Himmel! Mein Sohn Friedrich!« rief er mit einem Schrei des Entsetzens aus.

Der Mörder stieß ein tolles Gelächter aus. Es war furchtbar anzuhören, wie die Seufzer, welche der unglückliche Vater vor dem entseelten Körper seines ermordeten Sohnes ausstieß, sich mit dem furchtbaren Lachen des Unthiers mischten, das ihn gemordet hatte.

»Heule, heule um Deinen Sohn!« rief das Ungeheuer aus. »Mein Ahnherr Ingulph der Vertilger hat mich gelehrt, den meinigen zu rächen!«

Ein Geräusch schneller Schritte ließ sich in der Galerie hören. Vier große Männer, mit bloßen Schwertern in den Händen stürzten in den Saal herein; ein fünfter, der klein und dick war, folgte ihnen, mit einer Fackel in der einen, einem Säbel in der andern Hand.

»Gnädiger Herr!« rief dieser letztere, »wir haben Ihre Stimme gehört und eilen Ihnen zu Hülfe!«

Es war Musdoemon mit den vier bewaffneten Dienern, welche das Gefolge des Kanzlers bildeten.

Als die Fackel mit ihrem hellen Licht diesen Schauplatz beleuchtete, erstarrten die andern Ankömmlinge vor Schrecken. Hier das noch blutige Aas des Wolfs, dort der entseelte Leichnam des jungen Offiziers; hier der entsetzte Vater mit verstörten Blicken und herzzerreißendem Jammergeschrei, dort das Ungeheuer in menschlicher Gestalt, den Ankommenden sein scheußliches Gesicht zukehrend, auf dem sich ein furchtloses Staunen malte.

Als der Kanzler diese unerwartete Hülfe ankommen sah, bemächtigte sich seiner der Gedanke der Rache, und seine Verzweiflung verwandelte sich in Wuth.

»Nieder mit diesem Mörder!« schrie er, indem er seinen Degen zog. »Er hat meinen Sohn erschlagen! Nieder, nieder mit ihm!«

»Er hat Herrn Friedrich ermordet?« sagte Musdoemon, und die Fackel, die er trug, zeigte nicht die mindeste Rührung in den Zügen seines Gesichts.

»Nieder, nieder mit ihm!« wiederholte der wüthende Vater, und alle sechs stürzten sich auf das Ungeheuer. Der Wilde, über diesen raschen Angriff erstaunt, stieß ein entsetzliches Geheul aus und zog sich gegen die Pforte zurück, die über dem Abgrund schwebte.

Sechs Schwerter waren gegen seine Brust gezückt, sein Blick aber war flammender und sein Gesicht drohender, als das irgend eines seiner Angreifer. Durch die Zahl seiner Feinde zur Vertheidigung gezwungen, schwang er seine Axt mit so reißender Schnelligkeit um sein Haupt, daß der Zirkel des Umschwungs ihn gleich einem Schilde deckte. Wenn die steinerne Axt den Spitzen der Schwerter begegnete, sprühten Funken aus ihnen, aber keine Klinge drang bis zu seinem Körper durch. Gleichwohl verlor er, durch seinen früheren Kampf mit dem Wolf ermüdet, allmählig Boden, und bald sah er sich bis zu der Pforte gedrängt, die sich über dem Abgrund öffnete.

»Muth, meine Freunde!« rief der ingrimmige Vater des Schlachtopfers aus. »Laßt uns das Unthier in den Abgrund stürzen!«

»Eher werden die Gestirne des Himmels hinabfallen!« erwiederte der Wilde.

Inzwischen verdoppelten die Angreifenden ihren Eifer, und schon stand der Räuber auf der obersten Stufe der Treppe, die über dem Abgrund hing.

»Drauf! drauf!« rief der Vater aus. »Er muß hinab! Hinunter mit ihm! Elender, das war Deine letzte Gräuelthat!«

Mit gleicher Kraft und Schnelligkeit schwang der Wilde seine Axt in der rechten Hand, während die linke ein hölzernes Horn ergriff, das an seinem Gürtel hing; er brachte es an seine Lippen und entlockte ihm einen rauhen, langen, nachhallenden Ton, dem plötzlich aus der Tiefe des Abgrunds ein furchtbares Brüllen antwortete.

Jetzt war er auf die zweite Stufe hinabgedrängt, da erschien plötzlich neben ihm der dicke Kopf eines weißen Bären. Von Staunen und Schrecken ergriffen, wichen die Angreifenden zurück.

Der Bär stieg vollends die Treppe herauf und öffnete gegen sie seinen blutigen Rachen mit dem furchtbaren Gebiß.

»Habe Dank, Freund!« rief der Wilde und schwang sich, die Ueberraschung seiner Gegner benützend, auf den Rücken des Bären, der rückwärts hinabstieg, mit drohend geöffnetem Rachen gegen die Feinde seines Herrn.

Als sie sich von ihrer ersten Bestürzung erholt hatten, sahen sie, wie der Bär seinen Herrn den Abgrund hinabtrug, indem er sich mit seinen Klauen an allen Baumstämmen und vorspringenden Felsstücken festhielt. Sie wollten ihm einen der umherliegenden schweren Steine nachwerfen, aber bevor sie ihn vom Boden aufgehoben hatten, war das Thier mit dem Wilden in einer Höhle des Berges verschwunden.

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