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Hammerschläge

Heinrich Lersch: Hammerschläge - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Lersch
titleHammerschläge
publisherVerlagshaus Bong & Co.
year1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071015
projectid0bb8b285
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Unter den Hämmern

Langgestreckt lagen die Kessel in der Werkstatt. Einer war mit einem Holzgerüst umstellt.

Rittlings obenauf saß Brandau, der Nieter, den Klinkhammer in der Rechten, die linke Faust spannte sich um die Döpperzange.

Aretz machte den rechten, Michels den linken Zuschläger, sie standen auf den Gerüstbrettern und stützten sich auf die langen Stiele ihrer Vorhämmer. Innen im Kessel hielt Buchholz die Nietwinde, den Pinn zum Andrehen in einer, die Nietzange in der anderen Hand. Alle vier warteten sie auf die erste Niete.

Aus der Ecke, vom qualmenden Feuer rief der Wärmjunge: »Fertig« und schon flog in glühendem Bogen eine weißspritzende, funkelnde Niete in die schwarze Höhlung des Kessels.

Michels hatte seinen Hammer mit beiden Händen hochgerissen. Kaum erschien die glühende Spitze aus dem Loch, da ruckte Buchholz, der Stockmann, mit schnellem Zug die Winde darunter, schrie: »drauf«, da riß Aretz seinen großen Hammer auf die Platte, Brandau, der Nieter, fuhr mit seinem Klinkhammer blitzschnell hinterher und schon schwang der dritte Hammer im Rundschlag knallend auf die Platten.

Die nächsten Schläge aber quetschten das glühende Nietende in drei, vier Hieben platt, damit der Nieter den Döpper aufsetzen und den Kopf schließen konnte.

Schnell schmiß der Nieter den Hammer beiseite, schwang den Döpper auf. Rumps, klatsch, paff verklang der Dreitakt, und die federnden Hämmer prallten im Doppelschlag auf das klingende Stahlstück, fegten nieder, hoch aus der Luft, von den langgestreckten Körpern und Armen herabgerissen. Die erkaltende Niete schloß sich rund zur glatten Halbkugel, die das Loch verschloß und die Platten verband.

Fünfzigmal hoben die Arme mit den Hämmern sich hoch bis in den Rauch an der Decke, rissen die Leiber sich hinunter und schleuderten die Hämmer nieder, fünfzigmal prallten die Schläge im Rundschlag hinab auf den Döpper. Aber schon bei den letzten Schlägen flog eine neue Niete vom Feuer her, klackerte in den Kessel, wurde vom Stockmann ergriffen und ins Loch gesteckt; kaum ruhten die Hämmer, da erschien von neuem die funkelnde Niete: einszweidrei, einszweidrei. Dann fielen die Schläge auf den klingenden Döpper, langgezogen und ausgereckt, eins zwei, eins zwei! Schlag auf Schlag, endlos in schallendem Krachen.

»Kommen lassen!« brüllte der Nieter.

»Fertig!« schrie der Stockmann.

»Hitze!« rief der Wärmjunge vom Feuer her und schmiß eine Niete.

»Drauf!« schrie der Stockmann wieder, und die nächste Antwort war ein Hammerschlag.

Immer von neuem schlug die glühende Niete den Bogen vom Feuer zum Kessel, schrie das Eisen auf, erdröhnte die Luft, sprangen die Schläge aus der Werkstatt durch das weit offene Tor, liefen über die Wiesen und wurden von dem Walde zurückgeworfen, der am Fuße des Hügels lag.

Die Sonne stieg und stieg, es wurde heiß an den Hämmern. Der ausbrechende Schweiß machte den Nietern die Haut geschmeidig, aber er sog ihnen auch die Kleider auf den Leib. Die Nieter spürten in ihren gelösten Gelenken die Lust an der Kraft und die Freude am jagenden Tanz ihrer Glieder.

Von sechs zu sechs Nieten flogen die Hämmer aus den Händen, wurde der Schlüssel ergriffen, die Mutter abgedreht, der Dorn ins Loch geschlagen, es auszuweiten, der Nieter rückte mit seinem Sitzkissen voran.

Also hieben sie die Langnaht zusammen; ein Trommellied im Arbeitstrott, lang wie eine Fabrikstraße.

Der Nieter, Gustav Brandau, vorneauf!

Ihm wuchs der schwarze Bart um das Loch seines halb offenstehenden Mundes, er war ein wenig asthmatisch und schnaufte durch die Nase. Der Bart wucherte mit den Haaren des bepelzten Halses zusammen. Aus den Stirnknochen trieben die Augenbrauen, lang und schwarz wie Schnurrbarte. Die Augen glühten wie hitzige Nietköpfe. Wirres Haar überkrauste schwarz die niedrige Stirn. Muskelwülste sprangen auf seinem Oberkörper, wenn er sich bewegte, Oberarmmuskeln wie Gänseeier unter der Haut, wenn er zupackte. Aus dem engen Netzhemd stach das krause Haar heraus. Die braunen Arme hingen nackt herunter bis an die Knie.

Aretz Louis, ein weggelaufener Bauernschmied war wie ein Genuese glatt und dunkelhaarig, mit schlanken Gliedern, auf denen man keine Muskeln sah, er war gelenkig wie ein Akrobat, schweigsam und überlegen wie ein alter Meister, genau und von peinlicher Sauberkeit bei aller Arbeit. Jetzt legte er ein schmales Brettstück unter den Gerüstbock, damit die Stellage nicht eine Spur wackeln konnte. Michels spottete über diese Vorsicht: »Ob du nun mit ganzen Knochen oder mit schiefen Beinen an den Galgen kommst, das ist dem Strick ganz egal!«

»Stell du dich nur auf zwei Bretter, die an vier Schnüren aufgehangen sind. Du windiger Hund kannst das ja!« gellte er ihm ins Gesicht.

Michels war kaum zwanzig Jahre, ein blasser, hoch aufgeschossener Junge, der lieber am Bau Mörtel mischte und bei der Kanalarbeit die schweren Schaufeln voll lehmiger Erde meterhoch schmiß, als daß er, wie seine Väter und Vorväter, still am Webstuhl stand.

»Hitze!« schrie es vom Feuer.

»Wenn die Löcher nicht auf sind, trete ich euch beide vom Kessel hinab, da, aufgepaßt: Rin mit dem Pinn! Rin! Rin!«

Wieder war die glühende Niete, vom Jungen geschmissen, in den Kessel geflogen, hatte der Stockmann sie aufgeschnappt und fingerte damit am Loch herum. »Saujunge, wieder 'nen Blumenkohl drangebrannt!« schrie der Nieter und drohte mit dem Hammer zum Wärmjungen hin. »Buchholz, klopp drunter!« Schon flitzte die Niete hoch, schon scholl von Innen her: »Drauf!« Klatsch, sauste der erste, patsch, der zweite, bums, der dritte Schlag schon über den Kopf um die Niete herum.

Der vierte Schlag saß glatt auf der Spitze, die Zunderhülle fiel wie glühende Eierschalen vom Niet und drauf, drauf, sausten die Schläge. Nun war der Wärmjunge eher fertig als die Nieter, schon ehe der letzte Schlag klang, kam die neue Niete geflogen, die Kolonne war in Ordnung, die Nieterei klappte, Niet kam auf Niet.

Sie merkten nicht, daß der Meister durchs Tor gekommen war; er blieb stehen. Als er sah, daß alles in Ordnung ging, wollte er sie nicht stören und trat wieder zurück hinter das Tor.

»So schön haben sie lange nicht gearbeitet!« sagte er halblaut vor sich hin, ging ein paar Schritt, blieb zehn Meter weg vom Tor noch einmal stehn und strich sich den Knebelbart »Wenn sie doch bloß anständige Christenmenschen wären und nicht so gottlose Teufelskerle! Aber mit den anständigen Menschen ist rein nichts anzufangen, die verdienen beim Arbeiten nicht das Salz auf die Kartoffeln!«

Unterdessen hieben die Nieter weiter an der Langnaht.

Sie waren alle vom Rausch des Arbeitens gepackt. In den schlaggewohnten Muskeln sang die Sicherheit ihrer Leiber, die Gewißheit ihrer Geschicklichkeit, brannte die unverbrauchte Kraft junger Männlichkeit und gab ihnen das Gefühl eigener, unabhängiger Stärke. Hände und Arme, Nacken und Füße, Beine und Bauch, Rücken und Finger waren gleichmäßig angespannt, schwingend in gleichmäßigem Heben und Senken atmete die Brust, bändigte die saugende, stoßende Lunge, die Augen spähten in die Mitte des kreisenden Döppers.

Nur dieser kleine Punkt im Weltall und alle Kraft, allen Willen, alle Konzentration auf diesen kleinen Punkt gerichtet, Leib und Seele, Herz und Hirn in eins.

Der kleine Punkt ist der Mittelpunkt der Welt.

»Fertig!«

»Kommen lassen!«

»Hitze!«

»Drauf!«

Eins in eins griff die Arbeit von fünf Männern zusammen. Es war eine Nietkolonne, es war ein Körper mit fünf Leibern, einem Willen, einem Wissen. Wie Blut durch die Adern eines Leibes kreiste die Arbeit durch die fünf Leiber und belebte sie miteinander, durcheinander, ineinander. Dies alles wuchs zusammen und ballte die Kraft in ein tempoverbundenes Einssein, weckte in ihnen eine brausende Lust am taumelnden Jagen und Voranhetzen, raste sie hinein in den atemraubenden Flug des Schwebenden: Eine fünffach gekuppelte, werklustdurchbrauste Tier-Mensch-Maschine.

Nun trieb ohne Unterlaß ein Hammer den andern, der Nieter den Stockhalter, der Stockhalter den Wärmjungen, der Wärmjunge wieder den Nieter, – rhythmusbeflügelt, tempobefeuert.

»Fertig!«

»Hitze!«

»Kommen lassen!«

Schon schwebte der Klinkhammer des Nieters wie eine Löwenpranke griffertig über dem Loch –

Des linken Zuschlägers Auge kniff sich zusammen, den glühenden Punkt zu erspähen, – schon war eines Hammerschlags Augenblicklänge verstrichen – die Niete blieb aus.

Hochgereckt standen die Hämmer der Zuschläger im gespannten Warten, da knickte der Nieter aus der straffen Haltung nieder wie ein Erschlagener. Wandte sich im Fallen hoch, drehte sich blitzschnell um und schwang den Hammer, er flog aus der nun offengespreizten Hand in die Richtung des Schmiedefeuers und schlug mit dumpfem Krach auf.

»Uuuuaaah! Aas, Hund, Schuft! Verrecken sollst du!« brüllte er mit einer Stimme wie ein wütender Feldwebel, schmetterte den Döpper mit der Zange krachend in die Gerüstbalken an der Wand und sprang vom Kessel herunter. Er schnappte seine Jacke, die an einem Haken hing, fuhr im Gehen, immer noch schreiend, in die Ärmel und prallte im Tor mit dem Meister zusammen.

»Was ist los?« herrschte der ihn an.

»Fort, verdammt! So ein verfluchter Hundejunge! Hat keine Pinne warm! Hat's Niet verbrannt!«

»Was ist's mit dem Jungen?« fragte er den Buchholz, der schon bei dem Nietenwärmer kniete, den Kopf jetzt zum Meister hob und wütend schrie:

»Mit dem Klinkhammer hat er ihn geschmissen! Brandau ist ein Schwein!«

»Was, kannst du die Nieten nicht hitze kriegen? du altes Rhinozeros du! Fünfzehn Jahr und kann noch keine Pinne hitz halten?« Er stieß mit dem Fuß den Jungen verächtlich ans Bein, spuckte und sagte voll Wut mit übergeschnappter Stimme: »Nun ist die Nieterei wieder vorbei, der Brandau fort – bah, hätt er dich Aas doch nur ganz kaputt geschmissen, wenn du nicht mal ... Himmelkriminalverdammt!«

Der Junge stöhnte, als Buchholz ihm die Jacke auszog. Die schwarzen Finger hatten auf den weißen Leib dicke Flecke getupft, man konnte nicht sehn, was blau anlief oder schmierig war.

»Laß mich nur aufstehn, ich hab mich bloß beim Fallen wehgetan!« sagte der Junge, »der Hammer flog platt vor meine Brust, da tut es nicht so weh, aber hinten!«

Buchholz hob den Kleinen wie ein Kind auf, hielt einen Arm um seine Hüfte und strich ihm mit der Hand über das Haar: »Tapfer sein, mein Junge, du wirst auch einmal groß und dann schlagen wir den wilden Schweinen den Schädel ein!«

»Es geht schon wieder!« Mit verbissenen Zähnen stieß der Kleine die Worte hervor, »Vater kann nieten, weil Brandau weg ist, ich mach' es jetzt besser.« Er langte nach der Stange des Blasebalges und zog, Buchholz legte ihm von neuem Kohle und Nieten auf, reinigte das Feuer und legte andere Nieten bereit. Dann kühlte er ihm die heißgewordene Nietzange ab und sagte mißmutig: »Die Zeit mußt du dir nehmen, die Zange mußt du kalt haben, daran hab' ich mir ja die groben Knochen verbrannt! Deine Finger halten das sicher nicht aus!« Buchholz ging.

»Jungens, wir müssen schon mal 'ne Pause machen, damit der Heini sein Feuer in Ordnung halten, seine Zange abkühlen, die Pinne hinlegen kann! So toll braucht das nicht zu gehn!« mahnte Buchholz.

Inzwischen war der Meister auf den Kessel geklettert, rasselte mit dem Klinkhammer eine Hetzmelodie und sang den uralten Vers aller Nieter: »Immer Hitze an der Spitze, fertig, Kommen lassen, Hitze, Hitze, nicht verbrannt und butterweich!«

Da klackerte die neue Niete in den Kessel, die Arbeit fing wieder an.

Als es Mittag von den Fabriken her tutete und die Nieter noch nicht aufhörten, kam die Meisterin. Der Junge riß sich zusammen und tat, als ob er gar nicht müde sei. Als die letzte Langnahtniete fertig war, hörten sie auf. Wie zu Scherz und Spielerei hing der Junge sich rechts in des Vaters, links in Mutters Arm und ließ sich mit geschlossenen Augen führen, wie es Kinder gern tun.

Als sie zum Mittagessen niedersaßen, konnte der Junge nichts essen, die Mutter sah, daß er unter dem Schmutz auf der Haut bleich war wie sonst nie. Die Suppe war schon kalt, als er einige Löffel voll aß – da verschluckte er sich und hustete, erbrach das wenige, und die Mutter putzte ihm mit einem Handtuch den Mund ab.

Sie warf das Handtuch weg, holte es aber wieder, als sie sah, daß ein Blutstreifen durch das Erbrochene ging. Sie sah zu dem Jungen auf, merkte den dünnen rieselnden Blutfaden, der sich über das Kinn zog.

»Komm, du mußt ins Bett!« sagte sie.

Des Alten Schimpfen hörten sie nicht mehr.

Das Bluten hörte auf, die Mutter mußte hinunter.

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