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Halluzinationen

Jakob Julius David: Halluzinationen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen
authorJakob Julius David
year1995
publisherResidenz Verlag
addressSalzburg und Wien
isbn3-7017-0943-2
titleHalluzinationen
pages243-257
created19991011
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Jakob Julius David

Halluzinationen

Es ist eine traurige und unerquickliche Rückschau. Sie bedrängt, als fühlte man abermals den Alp auf sich lasten, der einen so lange und so unentrinnlich bedrückte.

Als sähe man in ein vollkommenes Dunkel, so ist es: in eine Finsternis, die nur aus sich selbst heraus von einem fahlen Licht durchgeistert wird, eben noch stark genug, daß man häßliche Fratzen gewahren kann, die sich, herrisch, gebietend und ungeformt, verschwommen daraus emporrecken und den Blick unentrinnlich bannen.

Beschäftigt man sich aus freiem Willen mit ihnen, die einen so oft und so peinigend heimgesucht, ohne daß man sie scheuchen konnte, so mag das damit erklärt und wohl auch gerechtfertigt sein, daß ähnliche Beobachtungen selten sind und somit vielleicht einen psychologischen Wert für sich in Anspruch nehmen können. Sie sind schwer festzuhalten, wie denn auch mir wohl nur noch Trümmer verblieben sind. Das Fieber versengt nämlich auch jene wunderlichen Blüten, die es aufwachsen ließ, also daß sie dorren und in der Hand zerfallen, die sie verwahren möchte.

Am 9. September 1905 war ich von Gmunden heimgekommen, der Meinung, Geschäftliches zu ordnen und schlüssig zu werden, wo ich den Winter verbringen wolle, den in Wien zu verweilen nicht möglich erschien. Schon den kommenden Tag aber meldete sich jenes Leiden, das mich nun schon ins dritte Jahr heimsucht, nun dieses, dann ein anderes Organ anfällt, nicht zu besiegen scheint und das die Ärzte, wohl nur, weil auch das fatalste Kind endlich getauft sein muß, eine chronische Influenza heißen. Diesmal schien der Anfall sehr, so sehr gelinde, daß trotzdem Reisepläne erwogen und die Aussichten einer Kräftigungskur abgeschätzt wurden, die notwendig erschien, nachdem der Sommer nicht die gewohnte Wirkung getan, an einem so herrlich gelegenen und weislich nach allen Rücksichten und Umständen gewählten Orte Südtirols man ihn auch verbracht hatte.

Es sind seitdem Monate vergangen, die mich ans Bett gebannt sahen, mehr als ein Vierteljahr, darin ein hartnäckiges und springendes Fieber allen Versuchen der Ärzte trotzte, es zu bändigen; darin man der nächsten Stunde nicht sicher war und alle Künste anwenden mußte, eine notdürftige Zufristung zu erlangen, die vielleicht die entscheidende Wendung zum Guten bringen konnte; da jeder scheinbaren Besserung mit der unerwünschtesten Geschwindigkeit der Rückfall mit neuen Sorgen für den Kranken und alle seine Umgebung folgte. Herbst und Winter vergingen so; nur auf den Wänden der gegenüberstehenden Häuserreihe sah ich alle die Zeit die Sonne walten, die ich so liebe und die sich doch gerade diesen Winter öfter den Wolken und den andrängenden Nebeln entrang.

Immer war ich mir über meinen Zustand und alle seine Gefährlichkeit vollkommen klar, daß jeder Versuch des Verstecken- oder Komödiespielens eitel bleiben mußte. Böse Schmerzen aller Gattung, ärger als man sie erträglich glauben möchte, waren mir verhängt: niemals aber wich das Bewußtsein und kaum einmal die Fähigkeit der Selbstbeobachtung, während ich mich so in einer höllischen Schaukel fühlte, nun aufwärts gewippt, nun mit unheimlicher Wucht und Schnelligkeit niedergerissen zur Erde, an der ich aber wiederum nur im rasenden Umschwung vorübersauste.

Davon kann man nun schon ohne zu starke Erschütterung sprechen und ermißt so am besten die Schritte, die man auf dem weiten und steilen Pfad zur Genesung gemacht. Auch die schlimme und lähmende Furcht vor dem Wahnsinn ist besiegt. Das ist, als hätte man sich einmal ein böses und tückisches Raubtier gebändigt und führe es immer mit sich und es gehorche auf den Wink. Aber die Angst kann man nimmer los werden, wenn man die schleichenden Katzenschritte nahen, hinter sich mehr fühlt als vernimmt: wann wird es dich hinterrücks anspringen, den Wehrlosen niederreißen und an ihm tun nach seinem grausamen und lange genug unterdrückten Gelüst? Nur eine Erscheinung, auch sie schon verbleichend, meldet sich noch. Ursprünglich war es, als rauschten mächtige und ganz blanke Schwanenflügel um mich und sausten in atemloser Geschwindigkeit immer von der Rechten zur Linken an meinem Haupte hart vorüber. Das klang betäubend und dennoch voll geheimer Melodie. Nun kümmern die Fittiche und werden immer kleiner. Nur das Flirren verblieb. Immer wieder narrt es mich und zwingt mich ihm nachzusehen, als zöge mir etwas leibhaftig vorüber, und nicht das letzte Restchen aus einer Schar, die mir geraume Zeit, wie sie selbst in einem Leben schon ins Gewicht fällt, vertraut und alleinige Gesellschaft gewesen; Reigentänze um mich geschlungen, toll, scheinbar sonder Gesetz und dennoch rhythmisch und den Blick mit einer einzigen Gewalt an sich ziehend. Es dampfte um sie von Schwüle und von Verwirrung.

Merkwürdig war zunächst die Unfähigkeit, sich in der Zeit zurecht zu finden. Es war doch im Herbst: der Winter rückte heran, und die Tage schwanden. Im Grunde vergingen sie mir auch mit einer unbegreiflichen Schnelligkeit. Die Fähigkeit der Auffassung war sehr eingeengt: die Zeitung zu lesen bedeutete eine ernsthafte Arbeit, die nicht ohne lange Unterbrechungen vollzogen werden konnte und zu der man sich ohne ernstes Bedürfnis, aus einer Art Pflichtgefühl und damit man mitreden könne, zwang. Ich entsinne mich kaum einer einzigen Regung von Langeweile. Vielleicht war die allgemeine Müdigkeit zu groß, um auch nur das Gefühl bestimmter aufkommen zu lassen. Dennoch verlangte mich's manchmal zu wissen, was es an der Uhr sei. Niemals behielt ich die Stunde oder es blieb mir ein innerer Maßstab für das Verklingen der Glocken, wie ihn doch ein erwachsener Mensch sonst in sich zu tragen pflegt. Sowie die Lichter entzündet wurden, das zeitig geschehen mußte, begann für mich der Abend mit einem stärkeren Ruhebedürfnis, dem ohne allen Übergang die Nacht folgte. Das führte zu mancher komisch-verdrießlichen Irrung. Etwa: aus dem Nebenzimmer drang Flüstern zu mir, wenn ich meinte, es sei längst Schlafenszeit, und ich ärgerte mich der fatalen Rücksichtslosigkeit. Und es war noch gut am Tage, und es wisperten untereinander oder mit meiner Frau teilnehmende Besucherinnen, die man gar nicht oder nur für kürzeste Weile zu mir lassen konnte. Denn jeder Besuch, auch der erwünschteste, jedes liebe Gesicht weckte mich aus jenem Zustand halben Bewußtseins, der allein mir gemäß war, zwang mich, meine Gedanken zurückzurufen, die im Uferlosen schwärmten oder schon scheu und erschaudernd an noch ferne Gestade rührten, legten mir also erhöhte Anstrengungen auf, die hernach abzubüßen waren. Oder, es fiel mich auch nur die Erkenntnis meines Elends zu heftig an: sie beklemmte mich, ohne daß die Lust am Spott oder an der Selbstverhöhnung gänzlich zu unterdrücken war. Einer Regung von Todesfurcht entsinn' ich mich nicht – sie hätte sich denn kurios genug in die Sehnsucht nach endlicher Erlösung und der gänzlichen Ruhe vermummt, die ungestüm genug schrie und sich Bilder voll einer eigentümlichen Kühnheit schuf, die manchen durchfröstelten, der sie etwa vernahm...

Es war notwendig geworden, mich in meiner Empfindlichkeit und Schwäche vor jedem Anhauch zu schützen. So wurde denn eine spanische Wand angeschafft und vor mein Bett gestellt. Sie schied mich in der erwünschtesten Weise von der Welt, vor der ich mich verbergen zu müssen glaubte; denn alle meine Sinne hatten sich in einer befremdenden Weise verfeinert, bis auf das immer stumpfe Gehör, und waren also sehr leicht zu verletzen. Der nicht um den wahren Grund wußte, dem mocht' ich unerträglich launenhaft erscheinen. Im übrigen war oder erschien mir jene Schirmwand abgeschmackt genug; was immer aber in einer Krankenstube steht, das gewinnt über ein Weilchen ein widerwärtiges und häßliches Gesicht. Unsichtbare, aber rastlose Spinnen überweben es mit Netzen, die man nicht abstreifen kann, aber sieht und in der leidigsten Weise fühlt. Da nun sind einem dunkelgelblichen Grunde in hellerem Ton schwanke Binsen und allerhand Blütensträuche, an gewisse heimische Orchisarten ferne mahnend, ohne Stilisierung und dennoch unähnlich aufgedruckt. Wurde dahinter aber ein Licht angesteckt, so gewann er ein ganz anderes Gesicht. Abend für Abend genoß ich so eines eigensten Schauspiels. Denn es war, als erhelle sich die ganze gleichgültig eintönige Fläche vor einem Schimmer aus geheimem Born, wie er etwa durch kunstvolle, uralte Glasfenster bei günstigem Stand der niedergehenden Sonne fließen mag. Ein kräftiges Rötlich, dem Orange zu, schlug siegreich durch die Felder der spanischen Wand, oder die wölbten sich und formierten sich zu feierlichen gotischen Bogen. In ihnen standen in stolzer Haltung Geharnischte. Und Könige, die Krone über der Stirn, umwallt vom Goldbrokat der steifen und rauschenden Gewandung, hoben mit großer Gebärde die Hände mit dem Reichsapfel darin zu flammenden Kandelabern. Auch an Musik, einem Münster gemäß, fehlte es keineswegs. Denn oftmals war in mir ein Ton, als würde vielleicht ein langer Stahlstab angeschlagen; klinge nun voll Kraft und einer Fülle, die für seine Eintönigkeit vollauf entschädigt, verschwinge, verzittere, verstumme, um nach regelmäßigen Pausen, die aber zu berechnen ich niemals vermochte, von neuem seine geheimnisvolle Musik zu erheben.

Eine Röntgen-Untersuchung des Brustkastens war wünschenswert geworden. Schäden waren entstanden; ihr Ort und ihr Umfang sollten tunlichst genau festgestellt werden, damit man wisse, ob nicht vielleicht das Messer des Chirurgen Besserung bringen könne. Die Durchleuchtung konnte natürlich nur außer Hause, in einem Sanatorium vorgenommen werden. Trotz hohen Fiebers wurde die Fahrt dahin gewagt. Da waren Gänge, Durchfahrten, Korridore, auf denen Genesende neugierig nach dem Siechen blickten, der ihnen vorübergetragen wurde. Ein flüchtiger, aber ganz neuer Einblick in ein solches Unternehmen, in dies Mittelding von Gasthof und Heilanstalt, huschte aufregend genug vorüber. Alsdann die Untersuchung selbst, die immer noch etwas Gespenstiges an sich hat, mit ihrem geheimnisvollen Schnurren der Apparate, dem jäh vorbrechenden und ebenso wiederum verlöschenden Lichtschein. Nichts von dem allen blieb dem Kranken und folgte ihm in die Gesichte, die ihn daheim wieder anfielen. Nur die Art, in der er im Aufzug gehoben, im Tragstuhl, immer in einer stillen Angst vor einem möglichen Fall, befördert worden war, haftete in ihm und übte ihren Eindruck. Er war ausgezogen, so schien ihm, und wohnte nun ein Stockwerk höher. Es war mir bewußt, wie unsinnig diese Vorstellung sei. Dennoch ließ sie sich durchaus nicht bannen. Immer, trotz aller Mühe, es zu unterdrücken, entschlüpfte mir ein ungehöriges »Oben« oder »Unten«, zu allem Glück unbeachtet oder nicht richtig gedeutet, und ich sorgte, es möchte meinen Zustand verraten oder die unbesiegliche Zwangsvorstellung, unter der ich so litt und die aller Augen zu verbergen ich mich so mühte. Noch etwas ganz Unglaubliches gesellte sich dazu. Ich war diesen Sommer auf einer sehr kühnen Alpenstraße gefahren, die hart an Abgründen, manchmal ganz schwindelig, dann wieder dem lebendigen Fels eingesprengt, mit ganz einzigen Blicken auf ferne und leuchtende Gletscher emporklomm. Ähnlich dacht' ich mir die Übersiedlung: eine Treppe des gleichen Hauses höher. Das ging so weit, daß ich selbst den Firnenwind wieder zu verspüren meinte, der uns damals, der Jochhöhe nah, unerwartet und unwirsch genug angeblasen hatte, samt dem Schmerz, den er mir geweckt. So hatt' ich viel zu hehlen, darein kein fremdes Aug' Einblick gewinnen durfte, und die Besorgnis lebte und wuchs, ich könnte einmal fiebernden Händen die Maske entgleiten lassen, die ich so ängstlich und hüllend vor mein eigentliches Gesicht preßte. So brütete ich über meinen Geheimnissen und fühlte mich in mir immer einsamer. Es fehlte nicht an Anteil; manchmal wurde mir dessen selbst zuviel. Dennoch erschien ich mir ganz verlassen, ganz für mich hausend, losgelöst von meiner Familie, als hätte sie nie bestanden, und wiederum gezwungen, ständig auf meiner Hut zu sein. Ewige Angst vor Überrumpelung. Vor Selbstverrat. Beobachten des anderen, ob er wirklich nichts ahne? Überprüfen jedes Wortes, das einem entschlüpft. Ein unleidlicher Zustand, den keine Dauer erträglicher machte, der den letzten Nerv bis ins Reißen spannte.

Daß sich langsam eine große Gleichgültigkeit allem gegenüber des Siechen bemächtigte, ist nur zu begreiflich. Ich sah stumpf die Angst, die über dem ganzen kleinen Hauswesen lag. Mein Kind kam und schmiegte sein Köpfchen nach Gewohnheit in meine Hand. Gleichgültig, wie auf ein ganz Fremdes sah ich darauf. Es verdroß mich nur, wenn die Wärterin mit einem Schritt, so leise sie ihn vermochte, der aber meiner Meinung nach immer noch das Zimmer ins Zittern und Schwingen brachte, an mein Bett trat, nach meinem Befinden zu sehen; die Sorgen meiner Frau samt der Tapferkeit, mit der sie sie zu verhehlen sich mühte, gewahrte ich wohl mit Verwunderung, aber ohne richtige Rührung, ohne Verständnis für alle ihre Plage. Ich wußte, daß sich die Ärzte verweilten und verhandelten, lange nachdem sie mich mit einigen Worten ohne Belang verlassen hatten; daß mir viel versteckt wurde; begriff sehr genau, warum man also verfahre, und hätte unter anderen Umständen derlei sicher weder ungerügt noch unvermerkt gelassen. Nun aber schwieg ich. Wozu erst reden? Alles war mir offenbar; nichts bewegte mich.

Dazu kam eine vollkommene Spaltung des Bewußtseins. Ich empfing einen Gast, und ich führte mit ihm ein Gespräch, so vernünftig man sich's unter solchen Verhältnissen nur irgend begehren konnte, das freilich bald abgebrochen werden mußte, weil es mich denn doch anstrengte. Dabei stand aber regelmäßig am Kopfende des Bettes, wo doch gar kein Raum für ihn sein konnte, jemand und hatte mir etwas mitzuteilen, das viel wichtiger war und mehr Aufmerksamkeit und Anstrengung beanspruchte, wollte man's fassen. Das muß auf die Dauer wohl verstimmen. Und zu gutem Ende hatten diese Besucher Gewohnheiten, die in leidlicher Gesellschaft nicht erwünscht sind. Niemals ließen sie sich melden, wie sich das unter allen Umständen, gar bei einem Kranken gehört; eine geschlossene Türe bestand nicht für sie als Hindernis. Schieden sie, so nahmen sie nicht den Weg Gesitteter, in ganz ungehöriger Weise benutzten sie das Fenster als Ausgang, was mich, nachdem ich doch im dritten Stock wohne, zu Anfang und ehe ich noch mit ihrer Art und Gewohnheit besser vertraut war, nicht wenig erschreckte. Besonders mein Großvater von Mutterseite hatte immer noch keine Manier gelernt, wiewohl er nun schon an vierzig Jahre tot war.

Überhaupt, ich selber hatte mich doch in einer schwer glaublichen Weise verändert. Mir gegenüber standen zwei Schränke. Zwischen ihnen und der Wand blieb ein Raum. Darin lag nun eine ziemliche, weiße Kugel, deren Stoff sich nicht bestimmen ließ, dem Aussehen nach etwa Kalk, ohne daß sie aber auch nur bei Ferne an ein Ei erinnert hätte. Mit dieser Kugel nun identifizierte ich mich in einer vollkommen unklaren Weise, bangte mich um sie, wenn gefegt ward, staunte innerlich, daß sie niemand gewahrte. Ein Nahrungsbedürfnis wollte durch Monate nicht in mir erwachen. Man mußte mich aus dem Halbschlummer wecken, der mich meist befing, vieles Zureden, ja gelinde Gewalt daran wenden, um mich zu einem Bissen zu bewegen. Die mich so aus dem mir eigentlich meist gemäßen Dämmerungszustand scheuchten, in dem meine Seele unablässig um dennoch streng verschlossene eherne Pforten flatterte, die haßte ich mit der Zeit. Und eine neue, ganz tolle Vorstellung entwickelte sich in mir: was ich genoß, das frommte nicht mir, sondern der, die mir's aufgezwungen, also meiner Frau. Darüber durfte ich mich mit Fug entrüsten. Es war doch unbillig, mir derlei zuzumuten, und gewiß nicht in Ordnung, ohne mich zu befragen meine Wohnung so umzugestalten, wie es ersichtlich geschehen war. Denn man kam nicht etwa in eine andere Stube aus dem Schlafzimmer; es stieß ein schöner, grüner Garten daran, und im Freien und unter heller Sonne saßen die Leute und vergnügten sich, ohne daß mir ein Anteil daran vergönnt gewesen wäre. Also schuf sich die Sehnsucht nach der Natur in mir ihren Ausweg, die so lange nicht befriedigt werden konnte.

Es kamen auch sonst Gesichte von anderer Art, aber voll Größe und Nachdruck. Da hatt' ich in grenzenloser Mißstimmung, wider eine Art Reinlichkeitsbedürfnis in mir, das in gesunden Tagen niemals ein Wort in mir laut werden läßt, geeignet eines einzigen Menschen Glaubensbedürfnis zu stören oder zu besudeln, einmal dem Abend zu gegen Gott und alle Teufel blasphemiert. Die Zeit schlich: die Vorkehrungen für die Nacht wurden getroffen; die Wärterin bezog ihre Ruhestatt hinter der spanischen Wand, das Gas wurde abgedreht; nur auf dem Kästchen neben meinem Bett brannte eine Kerze, weil ich noch las; das Nachtlicht gab einen ganz matten Schein, und wenn im Ofen nachgelegt werden mußte, so schoß der Widerschein der Glut vor und flackerte breit und begierig die Wände aufwärts. Ich war sicherlich und so vollkommen wach, wie ein Kranker es nur irgend zu sein vermag; denn ich hörte jeden Auftrag, den man der Pflegerin erteilte, verstand ihn und suchte ihn nach der fatalen Art von Kranken in irgend einen Bezug mit Veränderungen des eigenen Zustandes zu setzen. Da nun trat Er ein, und ich begriff kaum, wie er in seiner Riesengröße die Tür passieren konnte. Am geeignetsten Ort, hinter dem Ofen, da für Männer seiner Statur schon gar kein Raum war, ließ er sich behaglich nieder. Er war in jeder Hinsicht schön. Der Körper, ganz anders, als man ihn in der Regel darstellt, ohne jede Spur von Verbildung, tadellos gebaut und von unwiderstehlicher Kraft. Ich konnte das ermessen, da er den Rock von sich streifte. Der Kopf ein wunderschöner, ebenmäßiger Rundkopf, reiches, ganz kurz geschorenes, rötliches Haar darum; um die vollen und runden Wangen ein jünglinghaft weicher Bart von gleicher Farbe; eine starke, edel geformte Hakennase im Antlitz. Er schien gewohnt, zu gebieten und zu zwingen. So nun, in einem Ton, dessen man nimmer vergißt, ohne ihn schildern zu können, flüsterte er einige Worte, entsinne ich mich recht: der Entgegnung auf meine Herausforderung, gegen mich. Dann hob er sich, reckte sich mächtig. Sein Auge, grün und glanzlos und groß wie edler Serpentin, tauchte in das meine. Immer näher kam er mir, und mein Herz schlug, daß ich meinte, man müsse das hören, daß ich mich umsah, ob denn niemand merke, welchem furchtbaren Gesellen man mich Wehrlosen allein gelassen habe. Eine beispiellose Lähmung und Beklommenheit in mir. Alles zerrann. Um mich das Schweigen. Ich sah nach der Uhr – die ganze Vision konnte nicht eine Minute lang gewährt haben.

Verwunderlich genug, und vielleicht nur erklärlich aus der nahezu vollkommenen Erschöpfung aller meiner Kräfte, in der ich schon in die Krankheit eingetreten, war mir selber in jeder Rückschau der vollkommene Mangel an sexualen Gesichten in einer so langen und bunten Reihe von Erscheinungen. Noch eine daraus sei verzeichnet, weil mir ihr Ursprung durchaus rätselhaft erscheint. Ich wußte ganz gewiß, daß der Arzt, der mich behandelte und alle seine Hingebung und Kunst an mich wendete, keinen anderen ähnlichen Fall in seiner Praxis habe. Dennoch glaubt' ich an einen solchen, und es war ein Doppelgänger von mir, und es bestand eine Art Vampyrismus zwischen uns. Denn je schlechter es mit mir bestellt war, desto näher rückte jener seiner Genesung; trat aber bei mir eine jener immer trügerischen Wendungen zum Bessern ein, so siechte mein Widerpart schlimmer dahin, ohne daß mir in einer nicht aufzuhellenden Weise das gleichgültig bleiben konnte. Zwischen uns beiden aber lief eilfertig und ohne Unterlaß ein Hündchen hin und wider. Oftmals war mir, als müßt' ich darauf deuten, damit man ihm endlich den Paß verlege; niemals aber vermocht' ich diesen Entschluß. Es war, als müßten nun einmal die Dinge und was immer in noch so wunderlicher Weise mit ihnen verwoben war, ihren unaufhaltsamen Lauf haben bis ans letzte und vorbestimmte Ende, das niemand zu wenden stark genug war, dahin ich von geheimer Gewalt geführt ward, um es schaudernd oder eratmend zu grüßen. Und so trug jener kleine behende Bote des Unheils fürder unbeirrt seine Posten.

Ich bin mir bewußt, Wahrheit gegeben zu haben, soweit ein Mensch dies kann, zumal bei der Rückschau auf immerhin längere Zeiten, die ferner rücken und verdämmern wollen. Absichtlich gefärbt und stilisiert hab' ich sicherlich nichts, weil ich diesen Aufzeichnungen den einzigen Wert nicht nehmen wollte, den sie allenfalls beanspruchen können, den unbedingter Wahrheit. Es scheint mir merkwürdig, wie die Einbildungskraft, die wir sonst zu meistern wähnen, sich selbstherrlich aufreckt, dem gebietenden Verstand fast feindselig gegenüberstellt und uns Widerstrebende gewalttätig Pfade führt, die zu betreten uns anders mit gutem Grund schaudern würde. Die Wogen des Unbewußten haben einmal über mir zusammengeschlagen, daß ich ihnen kaum mehr zu entrinnen hoffen durfte, warfen mich dann verzagt, abgemattet vom verlorenen Kampf, zerschlagen von ihrem Anprall, an einen Strand, der mir fremd erschien, bis ich erkannte, es sei der, daran ich sonst hause, und meine Sonne sei bemüht, alle Dünste zu verscheuchen, die mir das Bewußtsein benahmen. Auch ihren verständigen und freundlichen Strahl muß man freilich erst wiederum gewöhnen und vertragen lernen. Was ich in gekrampften Händen, wie sie ein Ertrinkender ballt, aus jenen Tiefen emporgebracht, das hab' ich hier mitgeteilt, das entfällt mir, nun sich der Krampf zu lösen beginnt. Mag sein, das ist Tang, wie ihn jede Welle an das Ufer wirft, sonder allen Wert, den man so wenig als den Salzschaum am Dünensand auch nur eines Blickes für wert hält. Es ist aber immerhin doch auch möglich, daß sich unter so geringem Angeschwemmten, auch eine Muschel berge, wert des Augenmerks dessen, der sich, aus welchen Gründen immer, aus Sammellust oder müßiger Neugierde um derlei Gut der See zu kümmern gewöhnt ist. Wie immer dem sei, ich mußte mich dieses unwillig genug Mitgebrachten entledigen, will ich meine Hände annoch zu den Werken nutzen, die meiner etwa noch harren mögen und die nicht gar zu umfänglich noch allzu schwierig sein dürfen, sollen sie in dem Endchen Tages vollendet sein, das mir neuerdings vergönnt oder verhängt scheint.








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