Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Johann Wilhelm Ludwig Gleim: Halladat - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
booktitleAusgewählte Werke
authorJohann Wilhelm Ludwig Gleim
year2003
publisherWallstein Verlag
addressGöttingen
isbn3-89244-498-6
titleHalladat
pages381-426
created20030429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
Schließen

Navigation:

Das rothe Buch
Zweyter Theil

I.
Der Weg des Lebens
                  Könnt' ich die Menschen alle, reich und arm
Und hoch und niedrig, auf den rechten Weg
Des Lebens führen; o! wie wollt' ich dann
Mich meines Gottes freuen, der es mir
In meine Seele legte, Tag und Nacht
Darauf zu sinnen, wo der rechte Weg
Des Lebens sey! Die Menschen alle gehn,
Allein wohin? das weiß von Tausenden
Nicht einer! Gott, von dir wie weit verirrt
Sind deine Menschen! – Stärke meinen Geist,
Daß er nicht unterliege! Götter machen sie
Aus ihren Klötzen! Leben nehmen sie,
Und haben keins zu geben! Menschen sind
Betrieger deiner Menschen! Finster ists
In ihren Seelen! – Sollen sie es seyn?
Ha! diese Frage, diese marterte
Den Frommen, der in Tullots Höle saß,
Und forschte, was es doch wohl sey, daß Gott
Die Menschen nicht erleuchte? –War's ihm schwer,
In seiner Welt die Menschen alle gleich
An Denkens-Fähigkeit zu machen? Steht's
In seiner Macht in ihr ein Oertchen leer
Von denkenden Geschöpfen hier, und dort
Zu lassen? – Wärs nicht besser leer, als so
Mit diesem Narren, diesem Dummen, und
Mit diesem Götzendiener ausgefüllt?
Mit diesem Priester, der dies gute Lamm,
Das da so frölich auf der Weide springt,
Mit einem seiner Messer, ach nun bald
Für einen seiner Klötze schlachten wird?
Ihr Menschen, schlachten? – Diese Frage that
Der Fromme, der in Tullots Höle saß,
Mit Gramerfülltem Herzen seinem Gott,
Und seinem Gott gefiel es, in den Geist
Des Frommen diese sanfte Seeligkeit
Zu senden, diese Stille, die so Noth
Dem Denker ist, und da begriff er einst
An einem hellen Tage seines Gottes: »Daß
Wenn alle Geister Dullats wären, Gott
In seiner grossen Welt ein Einerley
Und das von minderer Vollkommenheit
Als dies verschiedne seiner grossen Welt
Erschaffen hätte:« darum, dacht' er, ists
In manchen Seelen finster; tausende
Der Blumen schmücken deine Wiesenflur,
Wie? wenns allein die Rose wäre? Gott!
Wie herrlich ists in deinen Stufen! Dort
In deinem hohen Biridam vielleicht
Die höchste, hier die niedrigste; Wohlan,
Wir klimmen höher, aber nicht zu dir!
Du bist zu hoch, zu hoch dem Weisen, der
Auf deiner Stufen tausendsten vielleicht
Hier unten steht, und eifert, und hinauf
Zu dir, zu dir sich schwingen will, und nicht
Von seiner Stufe sich erheben, nicht
Hin, über seine Marken, sehen kann,
Nicht aufwärts und nicht niederwärts, wo er
Den rechten Weg des Lebens sucht, und steht
Und in sich selber sich verliert. Wohl ihm,
Wenn er erkennt, was für ein Nichts er ist,
Wenn er erkennt, der Weg des Lebens sey,
Sich seines Schöpfers freuen, der so groß,
So wunderbar, und unerforschlich ist,
Auf allen diesen Stufen, wo wir stehn,
Zufrieden seyn, und wissen, daß wir dann
Zu Gott nur gehn, wenn wir mit jedem Schritt
Für uns und anderes, mit jeder That,
Mit jeglichem Gedanken, Tag für Tag,
Auf unserm Lebenswege besser und
Vollkommner werden! Menschen, könnt' ich das
In eure Seelen legen, o! wie wollt' ich dann
Mich eurer grössern Erden-Seeligkeit
Und meines grossen herrlichen Berufs
Und meines wunderbaren Gottes freun!
II.
Der Verwalter
Wenn Gott mit Gütern dich gesegnet hat,
Mit Gütern, welche Tausende vielleicht
Ernähren könnten, dann, o Mensch, was ist
Die erste Pflicht? Zu zählen, ist ja wohl
Die erste Pflicht! Du hast, was Tausenden
Genommen ist! Fang' an zu zählen! Eins – –
Das Eins bist du! die andern folgen. Du!
Geh' in dich selbst! Was bist du besser? Geh',
Und sag' es dir, daß keines Menschen Ohr,
Daß nur dein Herz es hört! und dann kehr' um,
Kehr' um an Gottes Tageslicht, und geh',
Und gieb den Hunderten, die besser sind,
Und gieb den Zehnen einen kleinen Theil
Von deinen Gütern! Ha! du gehst, du bist
Ein Gottgeliebter! Diese Zeitlichkeit
Ist dir ein Augenblick, und den und den
Zu nutzen gehest du geschwind, und giebst
Fünfhunderten von deinen Gütern, giebst
Dann wieder zweyen alles! Diese sind
Von deinen Tausenden die besten, sind
Die Aermsten. O! Taledobar, du bist
Ein Gottgeliebter! Segne, segne, Gott,
Den ehrlichen, gerechten Mann, der sich
In seinen Rechnungen, die er vor dir
In deinem Heiligthum, wenn du allein
Den Reichen richtest, und den Armen, einst
Als dein Verwalter, abzulegen hat,
Für tausend nicht, und nicht für fünfzig zählt.
III.
Der reiche Mann
Ein reicher Mann, der Zuta-Zarak hieß
Und heissen soll, besaß als Eigenthum
Zehn Meilen Landes; alle Welt nannt' ihn
Den reichen Mann. Er hatte, was sein Herz
Begehren konnte: seine Burg lag hoch
Auf einem Felsen, und sein hoher Thurm,
Erbaut von einem seiner Väter, stieß
An hohe Wolken! Rund um ihn konnt' er
Die Hälfte seines Landes übersehn;
So lag er in der Mitte! Jeden Tag
Bestieg er seinen Thurm, und sah' herab
Auf seine Sclaven, seine Thiere, sah'
Auf ihren Fleiß, und wenn er irgendwo
Nur einen sah, der nicht an seinem Joch
Das alles that, was angestrengte Kraft
Der Knochen kann, dann war er ausser sich
In seinem Zorn, dann hielt er keine Maaß!
Mit fünfzig Peitschenschlägen jedesmahl
Zum mindesten bestraft' er ihn, und selbst!
Denn Sclaven peitschen war ihm eine Lust!
Ha! welch' ein Ungeheuer unter Menschen ist
Ein solcher reicher Mann! und doch, o Gott,
Sind ihrer leider unter Menschen viel!
Ich werfe mich in Staub, ich wage nicht
Die Augen aufzuschlagen, denn, o du,
Du Schöpfer aller Dinge, Gott, o Gott,
Den schrecklichen Gedanken, den, daß du
Die Ungeheuer unter Menschen auch
Erschaffen hättest, den dacht' ich und ach!
Ich zittre, Gott, vor dir! Denn wer vermag
Es einzusehen, was es ist, daß du
Die Ungeheuer unter Menschen auch
Erschaffen hast? Allein, du bist gerecht!
Das tröstet mich. Denn Zuta-Zarak saß
Auf einem Polster, hatte, Gott, von dir
Zehn Meilen Landes, hatte Menschen, die
Für ihren Herrscher ihn erkannten, sollt'
Ihr Vater seyn, und war es nicht. Gerecht,
O Gott, bist du! Denn Zuta-Zarak ward
An seinen beiden Augen plötzlich blind,
Und doch bestieg er seinen Thurm, und trug
Mit seiner Blindheit diese Qual hinauf,
Daß er nicht einen seiner Sclaven sehn,
Und peitschen könnte. Gott, du bist gerecht!
In zwanzig Jahren quoll ihm keine Lust
In seinem Herzen, alle flossen ihm
Mit trägem Fluß! Er lebte – lebte, wenn
Solch Leben Leben ist, nicht einen Tag
An Seel' und Leib zufrieden, und gesund!
Aus seinem grossen goldnen Becher trank
Der blind gewordne Wütrich immer noch
Schweißtropfen seiner Sclaven zwar, allein
Ihm saß in seinem Eingeweide Schmerz!
Er sang auf seiner Burg, auf seinem Thurm
Nicht eines dieser Freudenlieder, die
Bey ihren Quellen seine Sclaven nun
In ihrer Unschuld sangen, Schöpfer, dir!
Auch hatt' er keinen süssen Schlaf, wie die,
Die seine Sclaven waren, und sich nun
Durch seiner Augen Finsterniß erlößt
Von dem Tirannen sahn. Du bist gerecht,
O Gott, mein Schöpfer, Gott, du bist gerecht!
Und deinen Menschen will ichs predigen,
Daß du es bist. Denn Zuta-Zarak stand
Auf seinem Thurm, und ward von einem Strahl
Aus deiner Hand getroffen, und herab,
Herab von seinem hohen Thurm gestürzt,
Und eine Menge seiner Sclaven sah
Den Wütrich stürzen, und der Wütrich lag,
Er lag, gerechter Gott, in seinem Blut,
Und seine Sclaven standen um ihn her
Und klagten seinen Fall und beteten:
»Ach! seine Seele, Gott, gerechter Gott!
Daß sie von deinem Blitz getroffen, und
Zu einer bessern umgeschmolzen sey!«
Das beteten die Sclaven. Besser ist,
Ihr Menschen, hier in unsers Gottes Welt
Ein Sclave seyn, wie diese Sclaven, als
Mit eines Zuta-Zaraks Seele, Herr
Von tausend Sclaven! Saget: Besser ists!
Ihr Menschen, und wenn eure Seele reich
An Tugend ist, und euer Leib gesund,
Dann neidet keinen Zuta-Zarak, der
Ein Ungeheuer unter Menschen ist.
IV.
Die häuslichen Freuden
Ein weiser Mann (still heitere Vernunft
In seinem niedersehenden Gesicht
Bestärkte jeden, der ihn sah', er sey
Ein weiser Mann) mit Nahmen Ebarit
Abuladott, der seinen Vater noch
Und seine Mutter, hohen Alters, noch
Am Leben hatte, sah sein männlich Bild
Im Bach Arakda, den die Heiligen
Der grossen Wüsteneyen trinken, sah's
Und fand ihm plözlich plözlich Aehnlichkeit
Mit seinem alten Vater. Vater, sieh,
Rief er, ich werde stolz, ich gleiche dir!
Und da, da trat der alte Vater hin
Zu seinem Sohn, faßt' ihn an seine Hand
Und bückte sich, und sah zugleich mit ihm
In hellen Bach, und sah sein graues Haar
Und seines Sohns noch schwarze Locken, und,
Indem sie beyde sich besahen, kam
Auch noch die alte Mutter; Vater, Sohn
Und Mutter, alle dreye standen nun
Am hellen Bach, und sahn sich drinn, und dann
War unter ihnen eine Freude, wie
Die Freuden guter Geister! Vater, Sohn
Und Mutter weinten, drükten, küßten sich
Und rühmten ihrer Leben Seligkeit.
Der Vater: daß er ein so gutes Weib
Gefunden hätte, willig ihm die Last
Des Erdenlebens zu erleichtern, ihm
Zufriedenheit ins Herz zu lächeln, und
Ihm seinen Männerernst zu mäßigen;

Die Mutter: daß der beste Mann ihr Looß
Geworden sey;
Der Sohn: daß er so sehr
Dem Vater ähnlich sehe!
Dieses war
Ihr herzliches Gespräch. Dann aber gieng
(Und Sohn und Mutter sahen hinter her)
Der Vater, in den Augen Fröhlichkeit,
Den Berg hinunter, stand dann, sah sich um,
Und endlich saß er nieder, wie vertieft,
In die Gedanken des Gesprächs, und sah
Den Sohn und seine Mutter, die vertraut
In zärtlicher Umarmung giengen, noch
Sich unterreden. Mutter, sprach der Sohn,
Ich kenne meinen theuren Vater; Gott!
Wenn ich in allen seinen Tugenden
Ihm ähnlich wäre; Welch' ein Herz er hat!
Welch einen Geist! Als ihn Bedulamoth,
Der böse Mann, verfolgte, seinen Feind
In seinem ganzen Leben sich bewieß,
Mit welcher weisen Unterwürfigkeit
In seines Gottes Willen hat er es
Ertragen! Hat er seines Lebens Feind
Noch endlich überwunden! Gott, wie schön
War diese That! Mit seines Lebens Feind
Sich auszusöhnen gieng er heimlich hin
Zu seinem letzten Krankenlager, fand
Ihn blaß und sterbend! Bruder, sprach sein Feind,
Ich kann nicht sterben, deine Hand! und da,
Da bükte sich mein theurer Vater, nahm
Die Hand des Sterbenden, und drückte sie,
Wie seines besten Freundes Hand! und sprach
Den Segen Gottes über ihn! und, ach!
In diesem stillen ernsten Augenblick,
In dem der Sterbende, getröstet nun,
In seine bessre Welt hinüber gieng,
Ich kanns euch nicht beschreiben, Mutter, wie
Das Auge meines theuren Vaters da
So heiter war! Er sah mich an, ich stand
Nicht weit von ihm, es war ein Sonnenblick
In meine Seele; Gott, wie lieb' ich ihn!

Die Mutter aber floß in Thränen; Sohn,
Sprach sie, in deinem: Gott, wie lieb' ich ihn!
Erkenn' ich meinen Ebarit; und gab
Ihm einen Kuß; so mütterlich, wie sie
Noch keinen ihm gegeben hatte. Nu!
Was ists? rief da von seinem Rasensiz
Der alte Vater, und stand auf und gieng
Der Mutter und dem Sohn entgegen, gieng
Mit munterm Schritt und fragte: Was es sey?
Und als die Mutter gern es sagte, da
Da gab der Vater seinem guten Sohn
Auch einen Kuß. – Welch' eine Seeligkeit,
Ein Vater seyn, wie dieser Vater, und
Ein Sohn, wie dieser Sohn, und so geliebt
Von seiner Mutter! Welche Seeligkeit
Auch auf der Erde, wenn die Menschen sich
Einander lieben, wenn die Eltern und
Die Kinder sich einander lieben! Ha!
Wie schön, wie schön in meines Gottes Welt!
Mein Vater, meine Mutter sind darin!
Und du, mein Bruder, du, mein Ebarit
Abuladott! Ich flieg' in seinen Arm,
Er ist mein Bruder! Gott, wie lieb' ich ihn!

V.
Die Quelle
Ich trank mit meinem treuen Ebarit
Abuladott aus einer Quelle! Ha!
Wie wurde da mein Durst gelöscht! Er gab
Aus seiner Schaale mir zu trinken, ich
Aus meiner ihm! Dann aber sassen wir,
Und sprachen mit einander Zärtliches
In unsre Herzen! Etwas hab' ich mir,
Sprach er, in meinem Leben oft und oft
Von Gott erbeten, eine Tochter! Gott
Hat mir sie nicht gegeben; lange Zeit
War ich betrübt, und gieng allein, und ließ
Es mir nicht merken. Denn mein Vater nahm
An allem meinen Leiden alzuherzlich Theil!
An einem Abend aber gieng ich her
Zu dieser Quelle, löschte meinen Durst,
Und horchte dann in ihr Gesprudel, und
Da wars, als hört' ich Worte, deutlicher
Vernahm ich sie, sie sagten: Gräme dich
Deswegen nicht
. – – Gewiß, ein guter Geist
Gebrauchte das Gesprudel, meinen Geist
Zu Gott zurük zu führen, denn von Gott
Mit allzuheissen Wünschen Glük erflehn,
Das Unglük würde, dieses ist: von Gott
Und seinen Willen sich entfernen; Laut
Scholl es in meinen Ohren: Gräme dich
Deswegen nicht
. Und immer, immerhin
Wenn ich an dieser Quelle schöpfe, schallts
In meinen Ohren lauter: Gräme dich
Deswegen nicht
. Ich habe sie Begitt
Die Trösterinn genannt. Still, sagt' ich,
Und lenkte nach der Trösterinn mein Ohr,
Und hörte leise murmeln: Gräme dich
Deswegen nicht;
und meinem Ebarit
Abuladott (die gleiche Lust, bey dem,
Was schön und gut ist, immerhin zu seyn,
Vereinigt uns) und meinem Ebarit
Berührt' ich seine Wangen, sagend: Oh!
Welch' eine süsse Schwärmerey! Begitt,
Die Trösterinn! die Trösterinn! Sie spricht
Auch mir mit ihrem leisen: Gräme dich
Deswegen nicht
, ins Herz; allein, allein
Was für ein guter Geist die Trösterinn
Das sprechen lehrt, ob Arat Aradat
Der Treugebliebne, der in seinem Kampf
Mit einem allzubösen Tochtermann
Sein Leben ließ, ob Ephar Bedulamot
Ebilazut, der jüngre, der es sah,
Wie Musa Millis, seine Tochter, sich
Von Bannadar, dem Felsen, stürzte, nein,
Darüber wollen wir nicht streiten, denn
Uns ist genug, es ist ein guter Geist,
Ein guter Geist, und besser, besser nicht,
Als wie mein Ebarit Abuladott.
VI.
Die Beerdigung
Am Bach Arakda wandelte mein Fuß
Und offen war mein aufmerksames Ohr,
Zu horchen meinen treuen Ebarit
Abuladott, mein Auge hell, zu sehn
Den Vater, und die Mutter, und den Sohn,
Die zärtlichsten der Wüste Billanis,
Die sich mit dieser Liebe liebten, die
Der allgemeine Vater allen uns
In unsre Menschenbrust gegeben hat,
Und da hört' ich sie singen, trat
Dem Liede näher! – Menschen, welch ein Lied!
Aus einem Munde thönte lautes Lob
Des Ewigen, der diese Zärtlichkeit
In ihre Herzen legte; Welch ein Lied!
Könnt' ich es singen! – »O du grosser Gott,
Du gnädiger! du Guter! stelltest uns,
Den Vater, und die Mutter, und den Sohn,
Auf einen Punkt der Erde, Guter, du!
Du gabst uns Seelen, fähig, deine Welt
In ihrer Schöne zu betrachten, und
In ihrer Ordnung und Vollkommenheit
Dich zu erkennen; Lobgesang wird dir
Dafür gesungen, gabst uns Zärtlichkeit
In unsre Seelen, daß wir väterlich
Und mütterlich und kindlich immer uns
Einander liebten. Lobgesang wird dir
Dafür gesungen, Guter!« Dieses war
Der rohe Theil des Liedes; der Gesang,
Die Herzlichkeit, die Seelen-Einigung,
Das gleiche Gott gelaßne, dieses war
Der feinere. Der ganze Himmel still
Und lauschend hörte das vereinte Lied!
Und ich, erschüttert in dem Innersten,
Sank auf die Erde, seufzte, betete
Zu meinem Gott, und Gott erhörte mich,
Und Vater, Sohn und Mutter lebten noch
Ihr Freudenleben fünf und zwanzig Jahr,
Und Geister Gottes schwebten überall
Wo sie beysammen waren; endlich starb
Der Vater, dann die Mutter, dann der Sohn
In dreyen Augenblicken, und die Schaar
Der Geister Gottes überschattete
Die drey verwandten Seelen, bis ein Strahl
Des Alles-Mächtigen hernieder fuhr,
Der sie mit Licht begnadigte, daß sie
Mir leuchteten in meiner dunklen Nacht,
Als wie das Licht der Sonne! – Plözlicher,
Als wie der Strahl des Alles-Mächtigen
Hernieder fuhr, flog die gesammte Schaar
Der Geister Gottes himmelan, und trug
Die drey verwandten Seelen sichtbarlich
In das Gestirn, das Eba-Zilima
Den Weisen heißt, und ich bestattete
Die mir gebliebenen Gebeine hin
An einen Ort, der mir, und mir allein,
In diesem Erdenleben heilig ist!
Ein weiser König aber, der sein Volk,
Wie dieser Vater seine Kinder, liebt,
Kommt einst, von einem guten Genius
Geleitet her, an den verschwiegnen Ort,
Und bauet ihnen einen Tempel dann,
Wenn ihm, wo dürres, todtes Oedes izt
Den Frommen Gottes eine Zuflucht giebt,
Ein Leben trächtiges Gefilde lacht.
VII.
Die Schnur
Wenn du mit deinem Nebenmenschen dich
Vergleichen willst, wie sollst du's machen? wie?
Du sollst mit langer angestrengter Schnur
In deiner Hand, du sollst in deinem Augenpaar
Mit angestrengtem starren Forsche-Blick
Nicht stehen, seinen gutgenährten Bauch
Noch seinen Umfang auszumessen, sollst
In seinem schönen langen Titul nicht
Die klingenden Vocalen zählen, nicht
Die Consonanten, sollst auf seinen Gang
Ein Auge werfen, ob er munterer
Als deiner ist, auf seinen Geist, ob er
Geschwinder, als der deine, Wahres sieht,
Auf seine Thaten, ob sie nüzlicher
Den Menschen sind! Und wenn dein Auge dir
Bericht vielleicht erstattet, daß bey der
Vergleichung du verlohren habest, dann
So rath' ich, schweig' es, aber dinge dir
Den allerbesten Läufer, der auf Sand,
Auf Felsensteinen, Kiesel oder Mooß
Dich gehen lehre, nimm den Weisesten
Von allen Weisen deines Landes, der
Zugleich der beste Mann der Männer ist,
Und laß von diesem Weisen deinen Geist
Erheitern, bis er Weiß für Weisses, Schwarz
Für Schwarzes schneller siehet, gehe hin,
Und lerne besser pflügen, besser auch
In den gepflügten Boden Saamen streun,
Und besser erndten!
                                Wenn du meinem Rath
Gefolget bist, dann Lieber, sage mir,
Ob du mit deinem Nebenmenschen dich
Noch gern vergleichest? oder, ob du wohl
In schweigender Betrachtung deiner selbst
Dein kleines Etwas sahst? entschlossen einst,
In unsichtbaren Augen um dich her,
Ein Besseres zu werden, und zu seyn.
VIII.
Die Landschaft
Ich steh' auf dem Gebirge Nidalis
Und seh' in lachende Gefilde; Gott!
Wie schön ist deine Welt! Hier aber ist
Ein Theil von ihr durch Menschenhände schön!
Hier hat der Pflug geschnitten, hier der Sech
Gegraben, dort das Rebenmesser viel
Der wilden Ranken weggenommen, hier
Sind Wiesen, dort sind Gärten! Wie so schön
Ist diese Landschaft! Ueber einem Wald
Auf Heerden Hügel, Bäche, weiter hin
Ein unabsehlich Waizenfeld, und dann
Ein Kranz von bläulichem Gebüsch, in dem
Das Auge willig sich verliert. Der Mensch,
Hat diesen Theil verschönert; hat gepflügt,
Gegraben, hat die Bäche künstlich so
Geleitet, daß sie Wiesen wässern, und
Dem Auge Wohlgefallen! O, ihr thut,
Ihr Menschen, thut den Willen Gottes, wenn
Mit eures Geist's, und eurer Hände Kraft
Aus unfruchtbaren Gegenden durch euch
Gefilde werden; Geister Gottes sehn
Auf eure That, und freuen sich. Da Gott
Die Erde schuf, zum Herrn der Erde dich,
Du Mensch! da ließ er vieles Oedes, ließ
Viel rohen Stoff an seiner Erde, dich
Daran zu prüfen. Deines Geistes Kraft
Soll thätig seyn, soll wirken, deinen Leib
Sollst du dem Geist dir unterwürfig, dir
Gehorsam machen; Hat dein Geist erdacht,
Mit welchem Nutzen jene Felsenwand
Hinweggebrochen und ein leichtrer Weg
Zu guten Menschen, deinen Brüdern, dir
Eröffnet werde, dann so soll dein Leib
Mit seiner Kraft die Felsen spalten, soll
Den leichtern Weg erschaffen; soll den Weg,
Der nun mit leichterm Tritt von deinem Roß
Zu wandeln ist, mit Bäumen zieren, die
Dem Wege Schönheit und dem Wanderer
Den Schatten geben, den er sucht, er soll
Sich seiner Stärke freuen! Schöpfer seyn
Des Guten oder auch des Schönen, das,
O Mensch, ist: Gott gefallen; ist: Verdienst
Um seine Welt, und deine Brüder! Du,
Der du mit deines Geistes, und vielleicht
Mit deines Leibes Kräften nichts gethan
In deinem Prüfungsleben hast, o du!
Tritt her zu mir auf diese Höh' und sieh'
In diese lachende Gefilde, sieh
Was deine Väter thaten! Diese Flur,
Die du so schön vor deinen Augen siehst,
War eine Gegend ohne Leben, war
Den Menschen todt. Von deinen Vätern ward
Sie aufgewekt in dieses Leben! Geh,
Und brauche deine Seele, deinen Leib,
Wie deine Väter sie gebrauchten, und
Wozu sie dein und deiner Väter Gott,
Der erste Schöpfer sie geschaffen hat!
IX.
Der Freund
Wenn unter deinen Brüdern einer ist,
Der mit der Güte seines Herzens dir
Ins Auge leuchtet, und mit seinem Geist
Den deinigen befriedigt, und erquikt,
Wohl dir, o Mensch! dann hast du einen Mann,
Dem du dein Leben anvertrauen kannst!
Er stimmt zu deinem Zwek! Er geht die Bahn
Ha! deines Erdenlebens ah! so gern
An deiner Hand, und wäre, wäre sie
Voll Kieselspitzen oder Dornen, bis,
Wo sie mit schmalem Ende sich verliert!
Dann steht er einsam traurig, steht und fragt,
Wo du geblieben bist, und sieht sich um
Und findet keinen Mann, wie dich, und schleppt
In seine Hütte langsam seinen Leib,
Wirft ihn auf sein gewohntes Lager, wacht
Und betet, betet, daß sein Gott doch bald
Auch ihn, der nun allein im Trüben geht,
Ans Ende seiner Bahn geleite, schläft
Und sieht in einem herrlichen Gesicht,
Auf einem seligen Gestirn, den Mann,
Der seinem Leben alles, alles war,
Nur nicht sein Gott! Weil du so leicht mit ihm
Zu allem, allem Guten feuerroth
Geworden bist, weil du so gern mit ihm
In allen Tugenden wetteifertest
Und alles, alles Schöne gern zugleich
Mit deinem Mann beschautest, ha! so wirst
Auch du des hohen seligen Gestirns
Bewohner seyn, es heißt Abatama,
Das Vaterland der Männer, und auf ihm
Wirst du mit deinem Freunde tausend Jahr
Den Gott begreifen lernen, welcher dich
Zum Freund' erschuf, und dann, o dann (du bist
Getreu geblieben) dann wird dich dein Gott
Verherrlichen! Hinauf ins Vaterland
Der treugebliebnen guten Seelen, das
Von tausend unsrer Sonnen Tag für Tag
Erleuchtet wird, und Ebazilima
Den Weisen heißt, in dieses wird er dich
Mit einem Fittig seiner Winde wehn,
Und dein und deines Freundes Vater dort,
In seinem zehnten Himmel ewig seyn.
X.
Die Flucht
Was für Gedanken wälzest, Böser, du
In deinem Herzen? finstrer Böser, du,
Dem diese deines Gottes Sonne nicht
Die Stirn erheitert? dieses Blumenbeet
Mit allen seinen Blumen dir nicht lacht?
Du bist von Gott gesegnet, hast genug
Des Irdischen, des Glüks der Erde, hast
Der Rinder und der Wollenheerden viel,
Hast keinen Kummer, keinen Gram, und stehst
Mit diesem weg von uns gekehrtem Blik,
Mit diesem finstern, welcher uns verräth,
Du habest unsre Frühlingsfreude nicht
In deinem Herzen, hier vor deinem Gott?
Vor deinem Gott mit diesem Blik? Er ist
Als wie der Blik des Gottverlaßnen, der
Auf Menschenhülfe lange sich verließ,
Und Menschenhülfe suchend lange gieng,
Und keine fand; er ist als wie der Blik
Des armen Ungetrösteten, der sich
Das Ende seiner Tage wünscht; er sieht
Ein offnes Grab, betrachtet es und seufzt:
Wär' es für mich! O Böser, solch ein Blik,
Vor deinem Gott, ist dieser, welcher uns
In Schrekken setzt. Er drohet Feindliches
Den Frölichen, die einen guten Gott
In diesen deinen Blumen sehn; er macht,
Daß alle deine Frölichen entfliehn,
Und ehe wollen sie zu dir, zu dir
Nicht wieder kommen, Böser, bis auch du
Den guten Gott, der dich gesegnet hat,
In diesen deinen schönen Blumen siehst.
XI.
Der Abgesandte
Du stehst mit starkem Arm und starkem Bein
Und frecher Stirn so müßig hier im Thal,
Wo deine Brüder alle fleißig sind?
Von wannen bist du? Wenn dein Vaterland
Dies ist, auf welchem du mit starkem Bein
Da stehst, so schäme dich! Der Fleißige
Muß seinen Schweiß für dich vergiessen, muß
Für einen schönen und gesunden Mann,
Der Mark in Knochen hat, die Erde baun?
Muß deinen leeren Magen füllen; ha!
Welch' eine Schande! Schande dulden wir
Auf unserm väterlichem Boden nicht!
Deswegen hier ist eine Spate, komm
Und grabe! Weigerst du, so bitten wir,
Du wollest uns nicht stören, wollest nur
Vor unsern Augen hier in unserm Thal
Nicht gehen, und nicht stehen, und auch dort
Auf unserm Graßbewachsnen Sillamis
Nicht etwa liegen! Schande dulden wir
Auf unserm väterlichen Boden nicht!
XII.
An Amalt
Ah! welche Klagen, welche Seufzer läßt
Amalt, der Unzufriedene, der sich
In dieser dunklen Felsenhöle hier
Vor meinem Bruderblik verborgen hält,
Dem Lauscher hören! – Ach Amalt, Amalt!
Heraus aus diesem Kerker an das Licht,
Das Gott, der Weltbeherrscher, der Monarch,
Durch seine grosse Sonne, Tag für Tag,
Auf Menschen, Felder und Gefilde schön,
Dir scheinen läßt. Und du? du murrest ihm?
Du, mein Amalt, in seiner Monarchie
Rebelle? bester, liebster, murr' ihm nicht!
Du hast des Guten einen grossen Theil,
Und willst des Guten mehr von deinem Gott?
Verstand hast du, Zimaliput hat Gold!
Bist du versäumt? verlassen? Hat denn wohl
Der Geber alles Guten etwa nicht
Das Bessre dir gegeben? Murr' ihm nicht!
Sieh' seine Sonne scheinen! Glüklicher
Bist du! Wohl nimmer hört Zimaliput;
Sieh seine Sonne scheinen! Denn er sieht
Mit Augen des Verstandes nichts! er sieht
Die grosse Sonne, wie die Scheibe, die
Der grosse Zweck von seinem Bogen ist.
Wenn aber du sie siehst in Ost und West
Und über dir, dann, du Geliebter, macht
Dein grosser, alles forschender Verstand
Dein Glück! Die Sonne deines Gottes, die
Giebt dir zu denken, dem Zimaliput
Giebt sie nur Wärme! Murr' ihm nicht, Amalt!
Dem Geber alles Guten! Denn er hat
Das Bessre dir gegeben, dir, Amalt!
Und darum, unser Bruder, bitten wir,
Wir alle, Geister Gottes, bitten dich,
Dich, unsern Bruder, murr' ihm, murr' ihm nicht!
XIII.
An Tabarit
Hat deine Seel' in deines Gottes Welt
Sich rein erhalten, liebster Tabarit,
Dann wird in deinen Saal, auf deine Flur,
In deinen Garten, und in deinen Wald
Die Freude willig dich begleiten! wird
In deinem Herzen wohnen, und darinn
Kein Gast, sie wird als wie zu Hause seyn!

Wenn ihrer Mitgeschöpfe keines je
Mit einem Wink von ihr beleidigt ward,
Wenn die Natur für ihren bösen Feind
Sie anzusehn von ihrem Schöpfer nie
Befehl erhielt, dann, lieber Tabarit,
Ist deine Seele rein! O! möchtest du
In deines Gottes Augen immer doch
Sie rein behalten, denn ich liebe dich!
Und meine Lieben mag ich immer gern
Begleitet von der Freude sehn, und gern
Der Dritte seyn! Gott, unser Schöpfer, hat
Zur Freude dich, und mich, erschaffen. Ha!
Wir wollen diesen seinen grossen Zwek
Ihm nicht verderben, wollen immer gut
Und immer frölich unserm Schöpfer seyn!
Und immer besser, immer frölicher
Mit jedem Tage werden! Jeder Tag
Ist eine lange Periode; dir und mir
Sind unsre Tage zugezählt. Wohlan!
Wir waren gut und wollen frölich seyn!

XIV.
Die Tugend
Die Ohren und die Herzen willig her,
Ihr Menschen! Euer Gott hat mich gelehrt,
Was Tugend ist. Ein Feuerfunke fiel
Von seinem Himmel, als mein Auge starr
Aufsah, den Gott der Tugend auszuspähn!
Und nun, was Tugend ist, das lehr' ich euch,
Euch, meine lieben Menschen! Tugend ist:

Dem Nackenden von zweien Linnen eins
Um seine Blösse selbst ihm schmiegen, und
Von zweien Brodten eins dem Hungrigen
Darreichen, und aus seinem Quell dem Mann,
Der frisches Wasser bittet, einen Trunk
Selbst schöpfen, flöß' er noch so tief im Thal.

Ihr, meine lieben Menschen, Tugend ist:
Dem Hülfedürftigen zuvor mit Gold
Und Weißheit kommen, seine Seele sehn,
Und seinen Kummer messen, und sich freun,
Daß etwa Gold und etwa Weißheit ihn
Der Freude wiederbringen, und ihn nicht,
Wer seines Kummers Ueberwinder war,
Erfahren lassen; Menschen, Tugend ist:

Und wenn die Bösen alle gegen euch
In ihrer Bosheit wüteten, und sich
Verschworen hätten alle gegen euch,
Von Menschenliebe nicht zum Menschenhaß
Hinüber gehen, immer, immer gut
Den Bösen seyn, dem undankbaren Mann
Exempel werden edler Dankbarkeit,
Und seines Herzens Aenderung von Gott,
Von welchem er, der Arme! ach! so weit
Auf glattem Wege schon verirret war,
In einem brünstigen Gebet erflehn.

Ihr, meine lieben Menschen, Tugend ist:
Wenn ihr in eure Herzen seht und forscht:
Ist Gutes wenig oder viel darin?
Und, wenn nur wenig, wenn ihr euren Geist
Zu Gott erhebt, so lange bis er euch
In eure Herzen lauter Gutes schenkt.

Ihr, meine lieben Menschen, Tugend ist:
Wenn ihr die Herzen eurer Brüder gern,
Von allem Bösen ab zu Gutem lenkt,
Und, wenn sie noch bey vielem Bösen sind,
Sie doch nicht haßt, und unermüdet sie
Von allem Bösen ab zu Gutem lenkt.

Ihr, meine lieben Menschen, Tugend ist:
Dem Gotterschaffenen Erhalter seyn,
Lebendigen das Leben fristen, rohen Stoff
Umwenden, so daß er durch euren Fleiß
Einst Leben zu dem Leben bringen muß.

Ihr, meine lieben Menschen, Tugend ist:
Die Summe dieses Guten, welches Gott
In seine Welt gelegt, an seinem Theil
Vermehren, wenn, und wo und wie sie nur
Vermehret werden kann! Vermehrest du
Die Summe dieses Guten, dann, o dann
Sey König oder Bettler, du gefällst
Den Geistern deines Gottes, die um dich
Und deinem Thun, wenn einsam du dich dünkst,
Unsichtbar schweben, du gefällst, gefällst
Dem Schöpfer alles Guten, deinem Gott!

Ha! dem gefallen willst du nicht? du willst
Des Guten Summe nicht vermehren? willst
Des Bösen, welches Gott in seiner Welt
Zum Guten lenkt, Vermehrer seyn? Sey es!
Die Geister Gottes wenden ihren Blik
Hinweg von dir, Gott nicht! Allein, o Weh!
Du wagst es künftig nicht, zu deinem Gott
Die Augen aufzuschlagen, denn du wirst
Des Bösen, welches Gott in seiner Welt
Zum Guten lenkt, dich schämen, wirst bereun,
Daß du dem Schöpfer alles Guten nicht
Gefallen wolltest! nicht mit diesem Geist
Und diesem Witz in deiner Seele, nicht
Mit diesen Kräften deines Leibes, die
Zur Thätigkeit und nicht zur Ruhe dir
Dein Schöpfer gab! Erwache, Schläfriger!
Aus deinem Schlaf, und spare diese Schaam
Und diese Reue deinem Wesen dort,
Wo alle Himmel deine Zeugen sind!
Und da dein Weg zu Ende geht, und ach!
Nun leider deines Geistes Federkraft
Für uns verdorben ist, so heilige
Mit guten Werken lieber, als mit Witz
Noch diesen Augenblik der Ewigkeit!

XV.
Die Todtenköpfe
Da siz' ich, und betrachte, Kopfgestüzt,
Hier diese beiden Todtenköpfe, den
Des weisen Beriboldes, dessen Lob
Mit Dillats oder Adlers-Fittigen,
Weil seine Weißheit Lebens-Weißheit war,
Von Mann zu Mann die ganze Menschenwelt
Durchflogen ist, und den Abariputs,
Des kleinen dummen Meliposiers
Aus Zippali, der einen kleinen Geist
In einem grossen Kopf herbergte, Lärm
Von seiner Tugend machte, geizig sich
In seine gute Mast verschloß, und nicht
Die kleinste Weißheit eines andern Kopfs
Ertragen konnte! – – Todtenköpfe, ha!
Was ist, was ist der Mensch, wenn er nichts ist
Als Fleisch und Knoche? – Dulabat, der Held,
Der immer mehr durch seines Kopfs Gewalt
Als durch die Macht der Waffen seines Heers
Die Feinde seines Vaterlandes schlug;
Hesutabal, der Sänger, der den Held
In tödliche Gefahr begleitete,
Selbst das Verdienst des ewigen Gesangs,
Den er in seinem Kopfe trug, zu sehn;
Und Hibarot, der Goldarbeiter, der
Die Thaten Dulabats des Helden und
Des Weisen, allen Enkelaugen schön,
Mit seiner starken Hand, geleitet nur
Durch seinen Kopf, zu Hita-Barabell
In Marmor grub – o diese, dächt' ich, sind
Ein etwas mehr als Fleisch und Knoche! sind
Bestätiger der Offenbahrungen
Des weisen Beriboldes, dem ein Geist,
Aus einem zehnten Himmel Bidaphulls,
Des obersten Gebieters alles Stoffs,
Aus welchem Leben quillen, einst erschien,
Und ihn die Lehre lehrte: »daß der Mensch
Ein etwas mehr als Fleisch und Knoche sey;
Daß Bidaphull in jeden Menschenkopf
Aus göttlichem Vermögen einen Keim
Zu Wachsthum in die Himmel-Wissenschaft
Geleget habe, daß des Menschen Leib
Vom zehnten Stoff, des Menschen Seele von
Dem zweiten im geheimen Magazin
Des hohen Bidaphulls gefertiget
Und aller Himmel Unvergänglichkeit
Darüber gnädig ausgesprochen sey.
Daß aber ungeholfen jeder Keim
Zu allen Himmels-Wissenschaften sich
Erheben müsse, der, durch seine Kunst,
Der Menschen Herzen zu gewinnen, der
Durch sein Geschick, bescheidenes Verdienst
Ins Licht zu stellen, dieser durch Verstand,
Durch ungemeine Weisheit jener, und
Durch Tugend alle.« Denn, ist Dulabat
Nicht ungeholfen Held geworden? Ist
Hesutabal in seiner hohen Kunst
Von einem Meister unterwiesen? Hat
Von einem Marmorgräber Hibarot
Die Schönheit seiner Schöpfungen gelernt?
Ihr Todtenköpfe, wenn an euch nicht wohl
Zu sehen ist, und wahrzunehmen, ob
In diesem oder jenem thätiger
Einmal ein Keim des grossen Bidaphulls
Zu hoher Himmel-Wissenschaft empor
Arbeitete, so siehet doch an euch
Der Weise das Behältniß seines Keims
Und dankt in Demuth seines Herzens still
Dem hocherhabnen Bidaphull, daß er
Ein kleiner dummer Meliposier
Aus Zippali nicht auch geworden ist,
Und strebt, in seinem zehnten Himmel einst
Ein Dulabat, ein Hibarot, vielleicht
In seinem kleinsten untersten auch nur
Ein singender Hesutabal zu seyn.
XVI.
Das Kind
O! welche Freude, welche Freude kann
Des Menschen Herz empfinden, wenn es noch
Unschuldig ist! Ein Kind, das, hingesetzt
An einem schönen Frühlingsmorgen ist,
Vor einem schönen Blumenkorb, und das
Zum erstenmale da sich sieht, und nun
Mit seiner zarten kleinen Kindeshand
In Blumen wühlt, wie lächelt's! Wie so froh
Nimmts eine Blume nach der andern, wie
So höchst vergnügt betrachtet's die und die!
Und wenn es dann die Rose nimmt, wie stutzt's!
Und wenn die schöne Blume süssen Duft
In seine kleine Nase duftet, und
Das Kindchen niest, und seine Mutter dann
Ihr: Gotthelf, Gotthelf, ruft, o! welche Lust
Empfindet dann das Kind, empfindet dann
Die zärtlichste der Mütter, die das Kind
Auf ihren sanften Mutterschooß sich holt
Und herzt und küßt! Von solcher Unschuld sey
Des Jünglings, und des Greisen Herz, das hier
Am hellen Bach, am blauen Hügel dort
Im Meer der Freuden, das der Vater Gott
Für seine Menschen ausgegossen hat,
Schon schöpfen will! O! welche Wonne dann,
In seinem hohen Sterngewölbe, Nachts,
Wenn alles still ist, diesen Vater sehn,
Der unser aller Vater ist! – – Gestärkt
Von solcher Wonne fühl' ich meinen Geist
Um eine Spanne grösser, dünke mich
Ein hohes Wesen, das gewürdigt ward,
In seiner Freuden höchstem Taumel, itzt
Mit einem Blick voll Seele hinzusehn
In diesen Abgrund seiner Herrlichkeit.
 << Kapitel 1 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.