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Gutenberg > Helene Böhlau >

Halbtier!

Helene Böhlau: Halbtier! - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleHalbtier!
authorHelene Böhlau
year1902
firstpub1899
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleHalbtier!
pages360
created20140318
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7.

Doktor Frey reiste Tags darauf mit Isolden, seinem Liebling, nach Berlin ab, um in Mamas Namen manches zu erledigen.

Isolde war schweren Herzens gegangen. Ihre Rosen blühten noch in den Gläsern.

Mittlerweile geschahen Wunder und Zeichen in der Frey'schen Wohnung.

Mama hatte im Koupé wahrhaft kühne Pläne geschmiedet; auch Mama waren die Flügel gewachsen. Mama, die in ihrer langen Ehe nie aus der Bedrängnis gekommen war, aus Bedrängnissen, die von Kind zu Kind, von Jahr zu Jahr gewachsen waren, Mama wollte jetzt ihres Glückes froh werden.

193 Es war ihr Geld – ja – das war es doch? Der Bruder hatte es ihr vermacht – doch ihr?

Nun konnte sie einmal alles nach eigenem Gutdünken thun. Wie gut, daß er jetzt nicht daheim war.

In ihrem Hirn hatten sich, so lang sie dachte, die schwierigsten Probleme gewälzt: ›Fett oder Schmalz? Was giebt mehr aus? Wie dehn' ich's am besten? Heut nehm' ich um ein Bröckel weniger, dann reicht der Rest morgen noch halbwegs – und übermorgen – da schöpf' ich's von der Suppe.‹

Und die unheimlichen Kunststücke mit Fleisch und Butter, daß alles ausreiche. – Und das Hangen und Bangen in den letzten Tagen des Monats, wenn das Geld trotz alles Quälens und Marterns nirgends mehr langte; – und die ewige Unzufriedenheit, daß nichts gut genug war – und das Schuldbewußtsein, die Angst, wenn sie antreten mußte, um das Wirtschaftsgeld zu 194 erbitten – auch wenn es pünktlich um die vorgesetzte Stunde war – er war doch immer entrüstet. Wie eine Verbrecherin, eine Geldfortschlepperin hatte sie vor ihm stehen müssen – ein Mal wie das andre Mal.

Da konnte sie sich bis aufs Blut gepeinigt haben und wie ein Raubtier hinter allem drein gewesen sein. Das war alles gleich – immer dieselbe Operation.

Ach, wie sie alles dessen müde geworden war – schon längst – längst müde, wie ausgesogen.

Als junges Mädchen hatte sie recht gern gelesen, hatte sich Gedichte abgeschrieben und schöne Aussprüche. Davon war nie mehr die Rede gewesen.

Nach jeder Wäsche Gebirge morschen Leinenzeugs und von früh morgens an das Sinnen und Kämpfen, daß es zum Mittagessen lange, und daß mit den lächerlichsten Mitteln etwas Anständiges auf den Tisch komme.

195 Kaum war gegessen, hieß es: »Und was zum Abendessen für all' die Leut?«

Und wie das Geld unter den Fingern fortglitt! – Immer derselbe Schreck – immer dieselbe Aufregung. Plötzlich waren von allen Seiten die Rechnungen wie losgelassen.

Das Mädchen brachte sie kühl mit heim, vom Bäcker, vom Metzger, von Gott weiß wem!

Der Mama gab eine jede solche Rechnung einen Stoß in die Nerven. Woher nehmen? – Wie kann denn das wieder zusammenkommen!

Diese Hetz bis aufs Blut, bis ins innerste Mark.

Und dann die Jahre, als die Kinder kamen.

Welche Sorgen!

Und immer so hilflos und trostlos, wie ein bis zu Todesmattigkeit getriebenes Tier.

Das ohne Kraft und Mut sein. Das Überbürdete!

Und die ganze entsetzliche Qual immer wieder gleichmäßig von Anfang bis zu Ende.

196 Nach jeder Geburt die ungeheure Arbeitsanhäufung, der sie widerstandslos matt in größter Schwäche gegenüberstand!

Wie oft hatte sie sich gewunden vor aufgeregter, entsetzlicher Übermüdung, in Verzweiflung sich in die Finger gebissen, vor Ratlosigkeit geweint! – Und das alles Tag für Tag – nie ein Aufatmen, nie, daß die Seele sich ihrer selbst einmal bewußt geworden wäre – nie eine Erholung – nie eine Anerkennung.

Geistig wie tot und körperlich zerschunden. Und so Jahre lang, Jahre lang . . . .

Ein Tier! ein armes, armes Tier!

Drei Kinder waren ihr gestorben nach langer Krankheit. Alle Qual umsonst. Für den Tod hatte sie sie geboren.

Wie gut war es ihr, als sich so eine schwere Dumpfheit über sie gelegt hatte – wie gut war das, als fast nichts mehr weh that!

Die ersten Jahre hatte sie nach Anerkennung gedürstet wie verschmachtet; dann war es ihr 197 gleichgültig geworden. Um aber diese Gleichgültigkeit zu kaufen, hatte sie alles hergeben müssen was Leben heißt, was Denken heißt, was Menschsein heißt.

*

Jetzt aber gedachte sie es sich wohl sein zu lassen.

Ja und sie begann mit Trotz, der halb mit bösem Gewissen versetzt war, dieses Sichwohlseinlassen zu genießen.

»Und ich thu es eben! – Ich thu es!«

Sie that es.

Ihre Speisekammer ließ sie weißen und ging in den Konsumverein mit ihrem alten, etwas fettigen Büchlein, um sich Vorräte zu kaufen. – Vorräte!

Ihr Herz, ihre Nerven erzitterten vor Erregung.

Sie wählte und wählte, von diesem und jenem – vom Besten – und sann wie ein Kind:

»Was noch? Was noch?«

198 Und dann kam eine ganze Ladung ins Haus, als wollte sie ein Wirtshaus eröffnen.

Ganz allein saß sie lange Zeit mitten unter ihren Schätzen und ein Friede kam über sie, wie aus einer andern Welt; oder als wäre sie nach schwerer langer Wanderung endlich in ein Obdach gekommen. Ganz erschöpft so im Gefühl der Sicherheit sitzt sie und hört den schweren, stechenden, klatschenden Regen, dem sie so lang ausgesetzt war. Sie hört ihn – und hört ihn – und denkt wie es gewesen und fühlt ihre schwere Mattigkeit und daß sie nun . . . . . .

Und jetzt nimmt das müde, arme kindliche Weib ihr Büchel vom Konsumverein und berechnet, wie viel das, was sie geholt hat, zu Neujahr an Zinsen – Steuern nennt sie's – geben wird.

Und da ergiebt es fast zwanzig Mark.

»Das hat einmal ausgegeben!« Da lächelt sie – lächelt – lächelt.

Ja, und die Geschichte mit dem Konsumverein macht ihr mehr Eindruck, als die ganze 199 Erbschaft und das ganze Erträgnis der fabelhaften Berliner Häuser.

Hier ist es ihr nah getreten, hier ist ihr Glück ihr begreiflich geworden.

Und sie sitzt und träumt sich in ihre eignen Gefühle hinein und wundert sich.

Ja, da hat sie doch eigentlich recht schwer und unglücklich gelebt – recht unglücklich! War ihr denn das nie recht ins Bewußtsein gekommen?

Sehr deutlich nie.

Alles dumpf, ganz dumpf.

Aber eben das Dumpfe, das ist das Schreckliche, das Menschabgewandte.

So einsam wie in ihrer seelenertötenden langen Ehe, so ohne jedes Verständnis, ohne jeden mitempfindenden Blick aus ihre große Weibesqual und Arbeit und Mühseligkeit – so einsam war sie auch jetzt in ihrer Befriedigung.

Einsam, ganz für sich – in sich selbst verkrochen – eine kleine, bange, dumpfe, unendlich schmerzvolle Welt für sich.

200 Isolde hatte damals das Nachttierhafte in ihrer Mutter gespürt, das Nachttier, dessen Dasein allen ein Rätsel ist, dessen Dasein niemand kennt, und das selbst die Tageswelt nicht kennt.

*

Von einem fieberhaften Eifer war Mama jetzt besessen, das zu thun, was sie thun wollte.

Es mußte durchaus geschehen sein, ehe er zurückkam.

Die alten abgenutzten Küchenmöbel ließ sie himmelblau streichen, die ganze Küche rosig tünchen.

All' ihre innersten, tiefsten Herzenswünsche erhoben froh ihre Häupter.

Die Flickwäsche gab sie aus dem Haus und handelte um jedes Stück mit der Flickerin auf Tod und Leben.

Den Salon ließ sie mit einer weiß und goldigen Tapete neu herrichten. Die Thüren wurden auch in Weiß und Gold gestrichen.

201 Die Leute sollten Augen machen!

An die alten Vorhänge setzte sie neue Spitzen. Bis tief in die Nacht hinein arbeitete sie daran mit ihrer Maschine. Ihre Pulse flogen bei dieser Arbeit und sie war vor Anstrengung ganz außer sich.

Am andern Morgen wurden die Vorhänge aufgemacht, nicht vom Tapezier. Sie selbst stand auf der Leiter.

Auf den Gedanken, einen Tapezier zu holen, wäre das an Plage gewöhnte Weib nie gekommen.

Jeden Nachmittag kam sie mit Marie hochbeladen aus der Stadt wie im Rausch, ganz aufgeregt. Da hatten sie alles Denkbare gekauft, was Mama seit Jahren sich ersehnt hatte.

Bar gezahlt wurde nichts; alles auf Rechnung.

Er brachte erst den Reichtum mit heim.

Ob Mama sich vorstellte, daß dieser 202 Reichtum etwa wie ein Kohlenwagen vor der Thüre abgeladen werden würde?

Jedenfalls dachte sie: ›Um Gottes Willen, wohin damit?‹

Sie wußte schon von Banken etwas, aber Steuern und Zinsen und all dergleichen ging, wie gesagt, bös bei ihr durcheinander.

Sie hatte auch nichts damit zu thun, so etwas besorgte er, – und von höheren Dingen sprach er nun einmal nicht mit ihr.

*

Unter den Kostbarkeiten, die Mama und Marie fieberhaft erstanden, waren ganz sonderbare Dinge. Die unglaublichsten Bürsten und Bürstchen, allerlei ganz außerordentlich pfiffige Einrichtungen zum Putzen von den verschiedensten Gegenständen, spitze Pinsel und stumpfe Pinsel, allerlei geheimnisvolles Küchenhandwerkszeug, das hatte sie sich alles immer gewünscht und nie war sie zum Besitz gekommen.

203 In der Küche sah es aus, wie in einem Arsenal, als wollte sie gegen den Hunger der ganzen Welt zu Felde ziehen. In dieser Küche hatte sie so namenlos gelitten!

Hier konzentrierte sich alles.

Die Schneiderin saß auch im Haus, wie eine Henne auf Eiern, Tag für Tag. Mamas und der Mädchen alte Kleider wurden hergerichtet.

Wertvolle Besätze und Gott weiß was kaufte sie, um den alten schlecht sitzenden Plunder wieder aufzustutzen. . . . . .

Die alte Geschichte vom Hirtenjungen, was der thät, wenn er König würde.

Mama und Marie kehrten jeden Nachmittag nach den Besorgungen bei dem Konditor ein, und Mama verdarb sich regelmäßig den Magen und hatte an Migräne greulich zu leiden.

Die beiden Söhne profitierten auch am Freudenrausch und der ganz naiven Art, Einkäufe ohne Geld zu machen.

*

204 Tief in der Nacht erscholl ein Läuten durch das stille Haus. ›Der Vater!‹ dachte Marie und ebenso dachte es die Mutter. Beide waren außerordentlich erregt und konnten nirgends ein Streichholz finden.

Inzwischen läutete es auf eine unaufhörliche, nervenerregende Weise.

»Um Gotteswillen, was ist geschehen!« Das sagte die Mama wohl zwanzig Mal, während sie im Dunkeln tappte und suchte und die Läuterei kein Ende nahm.

»Vielleicht ist alles wieder aus! Du lieber Himmel!

So kann es nur läuten, wenn ein Unglück geschehen ist, so läutet kein vernünftiger Mensch!«

Sie tappten und tappten.

Endlich!

Wie im Fieber, zähneklappernd, mit angstvollem Herzschlag huschte Mama in Nachtjacke, Bambuschen und grauem Flanellrock die Treppe hinab.

205 Bebend, mit zitternden Gliedern, schloß sie auf, öffnete die Thür, – da fiel ihr Lateinschüler und Sorgensohn Karl ihr in die Arme, mit dem Kopf voran, total bezecht.

»Herr des Himmels!«

Mit Karl war garnichts anzufangen. Er benahm sich störrisch und lärmend wie ein Ferkel, das nicht will, was es soll. Dabei schien der dicke Knabe schwerer und plumper zu sein, als man es sich hätte von ihm vorstellen können.

Mama mußte ihn unten an der Hausthür lehnen lassen.

Zwei Stufen auf einmal nehmend, stürzte sie hinauf, um Marie zu holen.

»Daß nur derweilen niemand kommt!«

Dann versuchten sie es mit vereinten Kräften.

»Na, Alte,« brummte Karl, als Mama ihn unter den Arm zu packen versuchte, »vorsichtig, vorsichtig!«

Marie wagte es gar nicht, ihn anzufassen.

206 Sie hatte einen grenzenlosen Ekel vor ihm. Sie weinte.

»So nimm ihn doch,« sagte Mama.

»Hennenhirn!« brummte der dicke Knabe, ganz wie der Vater, nur war diese junge Prophetenstimmen noch rund und etwas schleimig – hatte keine Ecken und Auswüchse.

»Weibsvolk, albernes!«

Marie weinte bitterlich.

»Dös, wenn der Vater wüßt', wie ihr euch anstellt!«

»Karl!« wimmerte Mama weinerlich.

Karl that einen scharfen, kurzen Schmatz mit den Lippen. Sein Mund spitzte sich. Darauf täschelte er seiner Schwester ins Gesicht.

Die schrie schluchzend auf.

Karls stierende Augen richteten sich verdutzt auf sie.

Marie war ganz auseinander.

Die beiden Frauen schleiften ihn wie eine tote Masse die Treppe hinauf.

207 »Wenn ihn nur kein Lehrer gesehn hat!« wimmerte Mama.

»Recht geschäh's ihm!« meinte Marie; »das, wenn der Vater erfährt!«

Mama gedachte einer Nacht im vorigen Jahr, als er ihr schon einmal so nach Hause gekommen.

Sie war eben dabei gewesen, ihrem Mann den schwarzen Kaffee zu kochen und bebte in Todesangst, daß Karl noch nicht daheim war.

Da kam er, das heißt, er versuchte zu kommen. Und wie heute war sie die Treppe hinuntergelaufen und hatte sich dann den Vater zu Hilfe holen müssen.

Sie hatte gefürchtet, der würde ihn kurz und klein hauen.

Merkwürdigerweise nichts davon.

Im Benehmen ihres Mannes hatte sie, zu ihrem höchsten Erstaunen, eine gewisse Rührung konstatieren müssen.

Nie hatte sie ihn so sorgsam gesehn, bei 208 keiner der vielen Krankheiten im Haus war er so hülfreich gewesen, so sachverständig.

Wie er ihr zur Hand ging, wie behutsam er Karl ins Bett half.

So viel Gemüt wie damals, hatte er bei keinem Familienereignis entfaltet.

Mama war es auch vorgekommen, als behandelte er Karln Tags darauf mit einer kameradschaftlichen Schonung und Diskretion.

Damals zog er ihn auch bei einer Angelegenheit mit in den Familienrat.

Es handelte sich darum, ob Isolde doch nicht noch zur Lehrerin ausgebildet werden solle.

Den Familienrat pflogen Papa, der älteste Sohn und Karl, der kurz vordem die erste Weihe als vollwichtiger männlicher Mann empfangen hatte.

Alle drei beschlossen einmütig, daß Isolde kein Blaustrumpf werden dürfe, trotzdem die Familie so gut wie kein Vermögen besaß und jeder nach dem Tod des Vaters auf sich selbst angewiesen war.

209 All' dies kam Mama wieder lebendig in die Erinnerung, als sie mit Marie ihren dicken Sprößling die Treppe hinaufbugsierte.

Oben angekommen, machte sie sich daran, Karl einen schwarzen Kaffee zu kochen.

Inzwischen beängstigte dieser im Zimmer seine Schwester Marie, die auf ihn Acht haben sollte, daß er mit der Lampe nichts anrichte.

Und wie ein heiliges Vermächtnis seiner Ahnen und Vorgänger, war diesem angehenden Jüngling in seiner Beneblung und Hilflosigkeit die Weibverachtung als das Nächstliegende erschienen. Die Schwester hatte in dieser Stunde etwas vor ihm voraus; das paßte ihm nicht. Er fühlte den dunkeln Trieb, die Hand gegen sie zu erheben, als sie ihm irgend etwas wehrte, – und machte Anstalt dazu.

Da schrie sie auf, warf sich vor einen Stuhl nieder, preßte ihren Kopf in das Polster und schluchzte angstvoll.

»Dumme Gans,« sagte Karl. »Ich, wenn 210 jetzt ein Madel hab, – beim ersten Mucks – raus damit! – Giebt ihrer genug, – Gott Lob!«

Marie fürchtete sich vor ihm. Sie fürchtete, daß er sie anrühren könnte. Ihr war zu Mute, als wäre sie mit einer tollen Bestie im Zimmer.

»Mutter! Mutter!« schrie sie jetzt laut.

Da kam Mama hereingestürzt.

»Was ist denn?«

Karl lachte auf.

»So 'ne affektierte Gans!«

Die Mutter trat auf ihn zu mit der völlig gleichgültigen, abgestorbenen Miene, die sie zum großen Ärger ihres Gatten so unübertrefflich anzunehmen wußte.

Vor dieser Miene duckte sich auch Karl. Damit wußte er nichts zu machen, die verstand er nicht.

Da war sie auch ihm über.

»Vorsichtig, Alte, vorsichtig!« lallte er und 211 ließ sich auf Vaters breiten Arbeitsstuhl niederdrücken.

*

Diesen Abend kroch Marie in Mutters Bett. Sie war ganz außer sich.

Das mußte man Mama lassen, ihre beiden Mädels hatte sie zu behüten verstanden. Sie waren gerade so weltfremd, wie andere höhere Töchter auch.

Die kleine geheimnisvolle Welt im eigenen Hause kannten sie so wenig wie die große draußen.

Vor der kleinen, wie vor der großen Welt, hatte Mama sich wie mit ausgebreiteten Röcken gestellt.

Ob sie dachte, daß sie einmal recht überrascht werden sollten? Oder was sie dachte?

Kurzum, es war ihr einziges: »Daß die Mädels nur nichts erfahren!«

Vor ihren Töchtern schwieg sie wie das Grab. Wenn ihr das Leben das Herz abdrückte, keine Offenheit den Töchtern gegenüber.

212 Wie gern hätte sie manchmal den müden, dumpfen Kopf an Mariens Schulter gelegt, um da Verständnis und Trost zu finden.

Wie vor einem Unrecht aber war sie jedesmal zurückgeschreckt.

Nein, das Kunststück wollte sie auch fertig bringen, wie andere Mütter, ihre Mädels sollten »von nichts« etwas wissen; darein setzte sie gewissermaßen ihren Stolz.

Sie hatte auch »von nichts« etwas gewußt.

Dann waren die Überraschungen gekommen!

Weshalb das so sein mußte, wußte Mama nicht. Es war hübsch so – und anständig. Alle Mädchen aus gutem Haus mußten so ins Leben hinausgehen.

Und dafür hatte sie das große Opfer gebracht, daß sie den Kindern fremd geblieben war, fremd in ihrem dumpfen, schweren Leid. Wenn sie dennoch etwas wußten – sie war unschuldig daran, das konnte sie mit bestem Gewissen sagen.

Ihre Mädchen hatte sie gut erzogen!

213 So lag auch heute Marie stumm am Halse der Mutter und weinte, und Mama klopfte ihr den Rücken und murmelte, wie sie es bei ihren kleinen Kindern gethan hatte, um sie zu beruhigen. »No – no – no – no – no!«

*

Mrs. Wendland hatte von dem großen Umschwung der Verhältnisse ihres Freundes Doktor Frey gehört. Sie wußte auch von dem Glück der beiden Mädchen, daß sie im Besondern von ihrem Onkel bedacht worden waren. Die Besitzerin einer Summe von dreimalhunderttausend Mark konnte sich schon sehen lassen. Die Mädchen würden jetzt die Auswahl haben.

Mrs. Wendland hatte wirklich eine Freude über diese Nachricht gehabt.

Sie hatte sich im stillen immer gedacht: ›Was sollen diese beiden Kinder mit ihrer großen Schönheit? Dummheiten – Dinge werden geschehen.

214 Für arme Mädchen ist es viel besser, wenn sie nicht sind schön.‹

Sie hatte über Freys Glückswechsel auch zu Henry Mengersen gesprochen, der ihr wenige Tage darauf mitteilte, daß er eins dieser Mädchen zu heiraten beabsichtige.

Mrs. Wendland war nicht ohne Erstaunen.

»Sehr einfach,« sagte Mengersen, »ich habe mir alles überlegt: Meine künftige Frau muß wohlhabend sein, jung, schön, anspruchslos. Diese Dinge trifft man selten beisammen. Hier ist dies der Fall. Bitte, dich zu überzeugen.«

»Ich halte Isolde durchaus nicht für anspruchslos, lieber Henry,« sagte Mistreß Wendland. »Isolde ist ein Rassegeschöpf, die sind an und für sich . . . .«

»Die andere aber halte ich für vollkommen anspruchslos,« unterbrach Henry Mengersen. »Die ist ganz, was ich suche.«

»Die andre?« fragte Mrs. Wendland verwundert.

215 »Und weshalb nicht?« meinte er scharf und dachte: ›Hat Isolde geplaudert?‹

Mrs. Wendland blickte gedankenvoll vor sich hin.

»Isolde ist bei weitem interessanter.«

»Mag sein. Beste Mary, – eine interessante Frau? Dazu kunstsinnig, mitempfindend, nachempfindend – Gott weiß, was noch! Alle Achtung! Nein – nicht um die Welt! Und außerdem ist Fräulein Isolde auch in anderer Beziehung nicht mein Geschmack. So etwas heiratet man nicht. Sie ist herb, wie eine junge Quelle? Nicht wahr?« Er lächelte fein und kühl. »Und ich behaupte, sie ist ein kleiner, frecher Dachs, dem es recht gut thun wird, wenn sie sieht, daß man ihre Schwester ihr vorzieht. Ich glaube, diese Erfahrung ist außerordentlich wichtig für das Mädchen.«

Mrs. Wendland lächelte. »Also aus erzieherischen Gründen wollen Sie Marie die Resten von Ihr Dessert geben und nicht Isolden? Sie werden ein ganz reizender Ehemann werden. 216 Cold as charity – kalt wie die Barmherzigkeit, man sagt. O, ich möchte mich nicht mit Ihnen heiraten, lieber Henry. Mich friert, holen Sie mir, meinen kleinen Shawl, bitte.

Ach und nun werden Sie also philiströs; ein Mann, was hat gelebt, wie du, ist so komisch als tugendhafte Ehemann zu denken!

Nun, also heiraten Sie sich die kleine Frey.

Sie machen immerhin ein ganz gutes Geschäft.«

Henry Mengersen dachte: ›O, meine gute Mistreß, – also doch nicht ganz angenehm überrascht?‹

»Und Sie sind der erste, der sich von dem neuen Geld der Freys kaufen läßt?« fragte sie und beugte sich in ihrem Lehnsessel vor mit einem amüsierten Ausdruck. »Und Sie wollen die kleine Mary wieder eingeladen sehn bei mir? Sie brauchen gar nichts zu sagen, ich weiß schon.«

Henry Mengersen küßte ihre Hand.

217 »Du bist schon ganz in der philiströsen Maske eines keuschen, würdigen, deutschen Bräutigams, mit seinem gut bürgerlich schlechten Gewissen. – Du bist mir nun langweilig!

Nicht deshalb, wie du denkst. O, nein, gar nicht deshalb! Sie brauchen nicht zu lächeln, Henry.

Nein, weil nun eine große, langweilige Lügengeschichte angeht, wie bei allen Männern. Bei dich lächelt es mich noch mehr, als bei den andern, weil ich dich kenne, wie mein Taschentuch!

Für Sie, Henry, wünschte ich, Sie hätten Isolde gewählt. Vor ihr hätten Sie müssen doch ein wenig gêne haben. Sie könnten mit ihr nicht so ganz sans façon sein.

Doch deshalb nehmen Sie sie ja nicht. Nun, ich wünsche Glück zu dieser Dudelsackehe.

Kommen Sie heut abend zum Thee, Henry, wir trinken auf der Veranda.«

*

218 Marie Frey verlebte bei Mrs. Wendland traumhafte Tage.

Sie war es gewohnt, von Studenten und den Brüdern ihrer Freundinnen verehrt zu werden; aber dieser Herr Mengersen war doch ganz etwas andres.

Sie traute der Sache nicht recht. Es kam ihr alles zu unwahrscheinlich vor.

Aber Henry Mengersen verstand sich darauf, sie zu überzeugen, trotzdem ihm eigentlich solch' eine weltfremde, höhere Tochter ein sehr unheimliches Ding war.

Er überschüttete sie mit Zartheit.

Ein Bouquet, ganz aus Moosrosenknospen, was mußte das solch' einem Geschöpf nicht alles sagen! Und was sagte es ihr nicht alles.

Henry Mengersen konnte sich viel Müh und Geist sparen.

Ein Garnichts, zarte Farben, zarte Formen thaten mehr für ihn, als er je für sich hätte thun können; dazu seine tadellose Wäsche, die 219 vornehme Reinheit seiner Person, das imponierend elegant sitzende Schuhwerk.

Er mußte auf so ein Ding wirken, ohne daß er sich im geringsten anzustrengen brauchte. Dazu sein Ruhm und die Art, wie man ihm begegnete.

Nie hatte das blonde Mädchen einen vertrauenerweckenderen Menschen gesehn.

Die instinktive Sorge, daß der Mann brutal, roh in seiner Übermacht ihr gegenübertreten könnte, kam hier nicht auf. Die weltfremden Sinne waren noch so kindlich, so ganz vom Äußeren hingenommen. Wie Blasphemie wäre ihr ein Zweifel an diesem Menschen erschienen. Ja, es gab Augenblicke, da schämte sie sich ihrer selbst, ihrer Plumpheit, wie sie ihre Ungewandtheit nannte, ihrer Hände. Man sah ihnen das fleißige Schaffen im Hause an. Es waren reine, junge, kräftige Mädchenhände, aber nicht blütenweiß und die Nägel waren kurz gehalten.

Sie konnte ihre Hand garnicht neben der 220 seinigen sehn. Wie hoch stand dieser Mann über ihr!

Und als er sie mit weicher Stimme bat, sein Weib zu werden, war es ihr zu Mute, als tanzten Erde und Himmel durcheinander. Ein ganzes Chaos von Glück, Stolz, Überraschung und Verwirrung.

Sie hatte ihrer Mutter und niemandem sonst ein Wort über Henry Mengersen geschrieben, auch Isolden nicht, – und nun war sie Braut, die Braut eines Mannes, zu dem sie nie die Augen erhoben hätte. 221

 


 

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