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Halbtier!

Helene Böhlau: Halbtier! - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleHalbtier!
authorHelene Böhlau
year1902
firstpub1899
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleHalbtier!
pages360
created20140318
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6.

Ein uraltes Märchen giebt es.

Eine reine Jungfrau wollte sich für ihren Herrn opfern, auf daß er von der Miselsucht genesen sollte.

Lebend wollte sie sich für ihn das Herz aus der Brust schneiden lassen.

Und als er durch die Thürspalte blickte, da ersah er sie bloß, wie sie zur Welt geboren war, nackt in ihrer großen Schönheit, wie sie geduldig dem Arzt die Brust bot, damit er schneiden sollte und ihren Herrn retten.

Da erbarmte sich seine Seele.

*

167 In dem stillen, hohen Raum stand sie, wie die im uralten Märchen, die ihren Herrn retten und sich für ihn das Herz lebend aus der Brust schneiden lassen wollte, da stand sie nackt, wie sie zur Welt geboren war, in ihrer großen Schönheit.

Sie hatte ihrem Herrn versprochen, ihm einen Wunsch zu erfüllen.

Henry Mengersen saß ganz versunken und entrückt über seiner Zeichnung.

Große Stille im Raum.

Draußen Juliwärme, Julisonne, ungeheure Laubmassen, schneeweißleuchtende, ziehende Wolken auf tiefblauer Wolkenbahn.

Sommerliches Treiben, Sommerlaute, Sommerdüfte, Sommerblumen, der Glanz von einem weiten, ruhigen Wasserspiegel – heiliger, warmer Sommerzauber.

Drinnen, in dem stillen Raum, der ganz in seine Arbeit versunkene Mann. arbeitend wie an einer Offenbarung.

168 Etwas Ersehntes, etwas Notwendiges war es, was ihm da geschah.

Keine Minute, keine Sekunde verlieren!

Wie eine hellleuchtende Blume steht sie regungslos und totenbleich.

Er hat hin und wieder auf den Lippen zu sagen: sie soll ruhen.

Er will sie aus ihrer Stellung erlösen – aber er wagt es nicht.

Was denn? – Was kann die nächste Minute bringen?

War er seiner sicher?

War er ihrer sicher?

Er arbeitet ohne Zeitmaß – heftig, widerstandslos.

Ungespaltenen Willen für seine Arbeit!

Die wundervollen Formen ohne Nebeneindrücke!

Er stellt sich kühl vor, daß sie ein bezahltes Modell sei – und es gelingt ihm.

Jetzt erst kann er ganz in sich selbst versinken.

169 Wie einfach ist alles zugegangen!

Ihr leises Kommen, – ein so rührendes Anschmiegen.

Er hat sie auf die Stirn geküßt.

Vorsichtig war er gewesen vom ersten Augenblick an.

Dann hat sie still und ernst die Kleider abgelegt.

Ja, und da war ihm das aus dem Märchen vom armen Heinrich gekommen.

Märchenhaft, weltfremd, jede Bewegung von ihr wie tief träumend und der große reine Ernst wie bei einem heiligen Opfer.

Wundervolle Rosen standen in einem weiten Korbe, die hatte er vor ihr ausschütten wollen.

Er wagte es aber nicht.

Den Kopf nicht verlieren!

Von vollendeter, junger Schönheit war ihr Körper. Ein Geschenk, eine herrliche Erfahrung.

›Dem Schöpfer Dank, daß das Mädchen so 170 leichtsinnig war, daß sie ihrer großen Schönheit froh werden wollte, und daß sie ihn gewinnen wollte – alles beiseite werfend.

Unerhört raffiniert ist ein kluges Weib, das auf Beute ausgeht.

Diese rührende Gestalt, dieser Ausdruck des völlig bleichen Gesichts!‹

Als Künstler nahm er das Eigentümliche ihres Wesens bereitwillig auf, als Mensch fühlte er sich davon fast abgestoßen. Er sah als Mensch tiefer.

Er empfand das Märchenhafte.

Aber welchen Wert hatte das?

Kann ein Weib, das so rücksichtslos wirbt und auf sein Ziel losgeht, wahr sein?

Wie steht das in Einklang mit solcher Reinheit der Bewegung, solcher Unantastbarkeit? . . .

Lächerlich!

Nicht verblüffen lassen!

Du kluges, schlaues Weibchen.

171 Er blickte über alles Äußere hinweg, in die eitle, beutegierige Weibesseele hinein.

*

Im alten Märchen heißt es:

»Da erbarmte sich seine Seele.«

*

Henry Mengersen war ein kluger Mensch. Was die Natur etwa versäumt hatte in seinem Charakter praktisch einzurichten, dem hatte er nachgeholfen.

Sein Empfinden als Mensch ist vortrefflich geschieden von seinem Künstlerempfinden. Seine große Kühle und Vorsicht ist ganz etwas für sich. Als Künstler kann er leidenschaftlich, warm, groß sein. Er ist sich dessen auch vollkommen bewußt. Er hat sehr viel über sich selbst nachgedacht, beurteilt und behandelt sich gewissermaßen wie ein Kunstwerk.

Er hat sich zur Kunst trainiert, wie andere 172 es zu irgend einem Sport thun, genau so kühl und berechnend. Er will sich seine Kunst intakt halten, seine Person, seine Toilette. Alle diese Dinge behandelt er auf das Sorgfältigste. –

Und was im geringsten auf eins dieser Dinge störend einwirkt, den belehrt er.

Er hat gefunden, daß die kühle Belehrung eine ganz außerordentliche Waffe sei – eine verblüffende Waffe. – Kühl, ganz kühl belehren.

Es giebt für den andern in gewissen Momenten nichts Beschämenderes.

Ja und während der Arbeit, als er nicht wußte, wie jetzt enden, wie ein ruhiges Ausklingen des sonderbaren Abenteuers möglich sei, so daß er sich nicht den geringsten Vorwurf zu machen hätte, sonderte sich in ihm schon der Belehrungsstoff ab – wie das Gift in einem Giftzahn.

Der tödliche Biß aber erfolgte nicht.

Es war nicht nötig.

Unauffällig, still, ernst, wie sie gekommen. ging sie wieder.

173 Er wollte sprechen, war verwirrt, etwas verlegen, ja, er war dabei, aus Verlegenheit zärtlich zu werden.

Er sprach etwas ungeschickt von Dank. Da sah er, wie sie den Finger flehend auf ihren Mund legte und ihn dabei anblickte.

Dann sah er die Gestalt in dem weißen Kleid durch den Garten gehen, ruhig und langsam, nicht scheu und eilig.

Nicht ein Wort hatte sie bei ihm gesprochen, stumm war sie gekommen, stumm gegangen.

*

Als er an diesem Abend zu Mrs. Wendland kam, war Isolde nach München abgereist.

*

Mama hielt sich noch bei dem schwer erkrankten Bruder in Berlin auf und Isolde fand die Schwester ganz allein daheim. Der Vater hatte seinen Kegelabend.

174 »Wo kommst denn du her?« sagte Marie ganz erstaunt, als sie ihrer Schwester öffnete.

In dem dunkeln Korridor war es ganz beklommen.

Nach der herrlichen, weichen Seeluft drängt es sich hier wie erstickend in die Lungen.

»Ist was geschehn?« fragte Marie, »was fällt dir denn ein? Jesus, statt froh zu sein, kommt die Suse hier an! Willst du was?«

»Ich will heim,« sagte Isolde.

»Bist du triste?« fragte Marie weich.

Da schlang Isolde ihre Arme um die blonde Schwester und gab sich wie ein krankes, abgemattetes Kind.

Marie war so lieb zu ihr, goß ihr Thee auf, deckte den Tisch zum Abendessen.

Isolde ging bei allem, was Marie that, ihr nach wie ein Kind seiner Mutter.

»Ist dir doch was?« wiederholte Marie hin und wieder ihre Frage.

Zu ihrer Schwester sammtner Weichheit war 175 Isolde von Kindheit an geflüchtet, wenn sie seelisch fror, wie in einen Sonnenstrahl hinein.

Marie war es so gewöhnt, Isoldens unruhiges, flackerndes Gemüt in ihre stille Natur aufzunehmen.

Sie machten beide nicht viel Worte, aber das Zueinanderschlüpfen der jungen Geschöpfe, die gegenseitige Wärme das war so gut.

Marie wollte ihr Bettzeug holen, um bei Isolde zu schlafen. Sie hatte ihr Lager in einem andern Zimmer aufgeschlagen, des Schädels wegen. Von seinem Postament hatte sie ihn nicht nehmen wollen und hätte auch nicht gewußt, wohin damit. Und allein mit ihm im selben Zimmer – nicht um die Welt!

»Geh, bleib nur wo du bist,« sagte Isolde, dann ging sie schlafen.

Sie legte sich mit großen Augen nieder, ließ daß Licht brennen und starrte vor sich hin.

Was für ein Weh stieg in ihrer Brust auf – so fremd, so nagend.

176 Sie verstand es nicht.

War das Reue?

War das entsetzlich, was sie gethan?

Es nagte – nagte – nagte.

Aber weshalb sie so fremd, so geheimnisvoll litt, verstand sie doch nicht.

Ein Erstarren ging durch ihre Glieder und durch ihre Seele – ein schreckliches, tötliches Erstarren.

War das Zweifel?

War das . . . . . .

Sie fand keine Worte, keine Gedanken – aber sie litt.

Sie fühlt, als grübe ein Messer in ihrer Brust und suchte nach ihrem Herzen.

»Du Mensch aller Menschen hast es verlangt!« und wie damals legte sie die Hände wie im Gebet zusammen und blickte auf den Schädel. »Du hast es verlangt, weil ich dein bin, weil du mein bist und weil ich dir helfen soll.«

Sie flüsterte wie in großer Schmerzensnot.

177 »Du wirst kommen – und du wirst mich nicht wieder verlassen!«

›Also doch ein wohlberechneter Heiratsplan, sehr – sehr schlau,‹ würde der Schädel denken, hätte er das Glück, Henry Mengersens Hirn in seiner Höhle zu haben.

Eine ungeheure Sehnsucht erfüllte sie.

»Hätte er mich doch geküßt – geküßt!« ein tiefer Seufzer wie ein Schrei. Sie erzitterte durch alle Nerven. Dann ein Aufschluchzen.

»Nun weiß ich, wie ich bin! Er ist besser. Alles hat er – alles kann er. Was für ein Mensch ist er! – und auch besser als ich!«

Ein zorniges empörtes Gefühl.

Stundenlang tobte es in ihr auf und nieder. Ruhelos, friedlos – und so unsagbar weh!

Dann kam ein dumpfer Schlaf, und dumpfe, tiefe Träume.

Sie stand auf einer Bühne und sollte singen und wußte nichts von dem, was sie singen sollte und hatte nie ein Wort davon gehört.

178 Im Hemd stand sie vor allen Leuten, als müßte es so sein – und doch war etwas versteckt, dumpf Schmachvolles dabei – als müßte es doch wieder nicht so sein. Und Heinrich Mengersen ging an ihr vorüber in seinem weißen Flanellanzug. so unantastbar vollendet gekleidet – und lächelte nachsichtig – da wachte sie auf.

Ihr Herz schlug – und es war ihr, als hätte das Lächeln sie gebrandmarkt. Ja, als hätte er in Wirklichkeit so gelächelt.

Sie hob die Hände zum Schädel auf. »Du liebst mich – ich bin dir das Liebste auf der Welt – wie du mir. Dann ist alles gut. Du hättest ja sonst auch nicht bitten können.«

Das fremde, geheimnisvolle Weh lag dennoch auf ihrer Seele und über ihrem Körper, wie etwas, was sie ersticken wollte.

*

Am Morgen trat Marie ein mit einem Korb voll der herrlichsten Rosen.

179 Das war genau so ein Korb, wie er bei ihm gestanden hatte.

»Du, das ist für dich gekommen,« sagte Marie. »Von wem wohl?«

Isolde saß auf ihrem Bettrand, bleich, mit selig gespannten Zügen. Und ihr war, als flöge ein mächtiger, grauer, weicher Vogel, der sich mit ausgebreiteten Flügeln an sie angedrängt hatte, von ihr ab. Sie konnte nicht sprechen. Sie blickte nur mit großen, weitgeöffneten Augen.

»Ein Briefel ist nicht dabei, garnichts; – ich hab schon geschaut. Der Dienstmann hat's für Fräulein ›Isolde Frey‹ gebracht. ›Isolde‹ hat er gesagt. – Für dich. – Von wem nur?«

Jetzt hatte Isolde den Korb auf dem Schoß, ihre beiden Hände lagen wie zitternd liebkosend über den Rosen. Sie saß regungslos.

»Rosen,« sagte sie langsam. »Rosen!«

»Das sind mindestens für fünfzig Mark welche,« meinte Marie, »so ein Haufen! Herr Gott, Isolde, von wem nur? Du weißt's!«

180 Isolde schüttelte wie geistesabwesend den Kopf.

Wie ein weicher, warmer Wind zog Frieden über sie hin.

»Nun ist alles gut.«

Aus den taufrischen Rosen stieg Seligkeit auf und Hoffnung und ihr eigenes Selbst ganz reingebadet, schön, und ohne jede Schmach – – und gut.

Den ganzen Vormittag machte Isolde sich mit den Rosen zu thun. Gläser und Vasen füllte sie damit und stellte sie so und so, und schaute sie an und nahm diese und steckte sie zu jener und sagte: »Wenn sie doch nicht welken würden. Weißt du, Marie, wenn die immer blieben, Winter und Sommer, dann säh' unser Zimmer wie ein Garten aus.«

Die Rosen hatten alle Qual von ihr genommen.

*

Dieser Morgen, der Isolden die Rosen gab, brachte der Familie Frey einen höchst 181 merkwürdigen Tag. Kein Familienglied vergaß ihn je.

Um halb zwei Uhr saßen Doktor Frey, Karl, Marie und Isolde bei Tisch.

Das Mädchen brachte die Zweiuhrpost: Die Probenummer einer neuen Zeitschrift, einen Geschäftsbrief, eine Rechnung, die Ankündigung eines neuen Tabakladens in der Nachbarschaft und einen Brief von Frau Doktor Frey.

Dieser Brief war es, den der Doktor vor allem zuerst ergriff.

Marie hatte in diesen Tagen im stillen die Bemerkung gemacht, daß kein Bräutigam auf die Briefe seiner Braut so erpicht sein konnte, wie der Vater auf Mamas Briefe.

Zu jeder Tageszeit, wenn er heim kam, das erste: »Ist Nachricht von Mama da?« –

›Das, wenn die Mutter wüßt',‹ dachte Marie manchmal.

Und wenn er einen solchen Brief öffnete, mit welcher Hast!

182 Und heute? Was war denn das?

Kaum, daß er in den Brief gesehn, lief Doktor Frey ganz blaurot an. Ein Stöhnen folgte.

Isolde bemerkte es zuerst und fuhr entsetzt auf.

»Vater!«

Die Augen waren ihm aus den Höhlen getreten. Er sah mit einem mal erdrückend groß und schwer aus.

Die drei Kinder hatten mit den Suppenlöffeln innegehalten und starrten auf ihn.

Er stöhnte wieder und wieder, als könne er keine Luft bekommen. Seine Farbe wurde beängstigend.

Mit einemmal erhob er sich und ging schwerfällig im Zimmer auf und nieder, griff nach seinem Taschentuch und fuhr sich über die Stirn.

»Vater?« fragte Marie ängstlich.

Da stellte er sich vor sie hin. Sein Blick war immer noch starr.

183 »Schwär reich!« kam es undeutlich, fremd, heiser heraus.

Seine Kehle war ihm wie zugeschnürt.

So sieht das Glück aus!

Die Kinder starrten.

Sie wußten nicht mehr, was sie sagen und denken sollten. Seine Seele und sein Körper waren wie von einem Krampf gepackt.

Er war wie ein Tier, das in ein Riesenfaß Wein oder Syrup gestürzt ist. Es muß im Überfluß mit dem Erstickungstod kämpfen.

»Ist denn der Onkel tot?« fragte Isolde.

»Mausetot,« sagte Doktor Frey.

Da kam es wie ein Luftstrom über ihn und er konnte wieder atmen.

Er wurde wieder er selbst.

Der tödliche Geldblutdurst, der wie ein häßlicher Krampf ihn überfallen hatte, ließ einen freien Augenblick jetzt wieder in ihm aufkommen.

»Ja, da bin ich nun ein schwerreicher Mann!« 184 sagte er mit der bekannten und berühmten Doktor Frey'schen Prophetenstimme. »Mama hat geerbt.«

*

»Na, Alte, nun hast du einen reichen Mann!«

So empfing Doktor Frey scherzend seine Gattin, als sie nach dem Begräbnis ihres Bruders nach München zurückkehrte. Er trug eine Trauerbinde.

Die Mädchen hatte er ins allererste Konfektionsgeschäft geschickt und ihnen Trauerkleider machen lassen, aus dem »ff« wie er sagte.

Und wie die beiden im Zimmer geschäftig hin- und wiedergingen, um für Mama den Kaffeetisch zu richten, war in dem einfachen Raum mit seinen altmodischen, verbrauchten Möbeln ein zartes Rauschen und Knistern, so eine intime flüsternde Harmonie zu spüren, die die Bewegungen der beiden jungen Geschöpfe umgab.

Doktor Frey wanderte im Zimmer auf und ab und lauschte andächtig auf das süße, seidige, 185 zarte Schürfen, das von den beiden Bamsen ausging.

»Frou-Frou,« sagte er.

Wie geschmeidig sahen die jungen Körper in den stumpfen seidenunterfütterten schwarzen Kleidern aus.

Donnerstag! das war 'was andres, als was die Alte mit der »Störminna« fertig bekam! Er fühlte sich gehoben und war stolz auf seine Vaterschaft.

Zwei gute Partien im Haus!

»Ja, Bamsen,« sagte er, »heute seid ihr eigentlich erst geboren. Ein guter Schneider ist halt doch mehr wert als die beste Mutter.«

Er sprach im Prophetenton und schien großartiger Laune zu sein, dampfte und schnob Lebensfreudigkeit von sich, wie eine Lokomotive. Etwas Mächtiges war in ihm; der Raum, in dem er sich befand, schien unbedingt zu eng für ihn und seine kraftvolle Freudigkeit zu sein.

»Na, Alte, nun hat die Sache ein andres Gesicht bekommen!«

186 Triumphierend, wie ein Eroberer, schaute er auf seine Frau, die, ermüdet von der Reise, still auf ihrem gewohnten Platz saß.

Ihr Trauerkleid war in keinem ersten Geschäft gemacht. Es war ihr etwas hergerichtetes, altes schwarzes Sonntagskleid, und ein geschmackloser Trauerhut, mit steifem, grauschwarzem Schleier, der sicher aus einem Ausverkauf stammte, lag neben ihr auf dem Sofa.

»Hennenhirn!« sagte Doktor Frey und befühlte den starkgeleimten schwarzen Krepp.

»Daß i net lach!« sagte er.

Zum Begräbnis seines Schwagers war der Dichter nicht nach Berlin gereist. Darin hatte er etwas Goethisches. Durch und durch Optimist, ließ er, wenn es irgend anging, nichts, was diesen Optimismus unangenehm berühren oder in Frage stellen konnte, an ihn heran, denn nichts auf der Welt muß so vorsichtig behandelt werden wie ein guter Optimismus. Mama sprach im wehleidigen Ton vom Hinscheiden ihres Bruders.

187 »Die Sterbesakramente hat er empfangen, Gott sei gelobt, mehrmals sogar.«

Sie sprach in dem leierigen Ton, den manche Weiber annehmen, sobald von einem Sterbefall die Rede ist.

»Sonst ist er recht ergeben hingegangen. Ganz dem seligen Vater glich er im Tod – du mein Gott, wie die Zeit vergeht! Und ausgestanden hat er ganz erschrecklich.«

»Verschon' uns, Alte,« sagte Doktor Frey und klopfte sie auf die Schulter. Er war sehr gnädiger Stimmung und schenkte seiner Frau eigenhändig, zum größten Erstaunen der Kinder, die zweite Tasse Kaffee ein, stellte sich aber so ungeschickt an, daß er den meisten Kaffee auf das Tischtuch brachte.

Marie wollte etwas des großen Fleckes halber thun.

Die Mutter wehrte ihr aber.

Es war, als ob ihr dieser Fleck wohlthäte, als ob sie ihn gern sähe, als sollte alles so 188 bleiben, wie es war, wie er es zu thun für gut befunden hatte.

In Mamas Benehmen lag etwas verschämt Verlegnes. Tausendmal getreten und einmal dann in die Wangen gekniffen – ihr war das Weinen nah.

»Ja, – so viel Geld!« sagte sie gedankenlos »– so viel Geld! – Und was in den Häusern steckt!« da kam sie wieder zu sich.

Später, als sie mit ihrem Mann allein im Zimmer war, nahm sie ihn beiseite und faßte ihn zaghaft am Ärmel seines Flausrocks, um ihm etwas zu sagen.

Es wurde ihr, so schien es, nicht leicht sich zusammenzufassen.

»Ein komischer Mensch,« sagte sie.

»Wer denn?«

»Der selige Bruder. – Weißt du, was er sagte, daß er Marie und Isolde extra bedacht hat? ›Deine Mädel sollen gute Partien werden, die sind viel zu schön, um arm zu sein‹. Na ja, 189 das ist ja zu verstehen. Dann aber sagte er; was ich sehr sonderbar fand bei einem so ordentlichen Menschen, wie mein seliger Bruder war.

Ich hab das Weib so oft in seiner Erniedrigung gesehn, daß mir's wohl thut, wenn ich zwei schöne Mädel sicher auf die Füße stellen kann.«

»Na, da wird er wohl so arg ordentlich net gewesen sein,« sagte Doktor Frey ungeduldig.

»So ein Ausdruck von einem ordentlichen Menschen!« meinte Mama. »Wieso denn erniedrigt? Was wird er denn gethan haben, anderes als andre Männer? – Da müßten ja alle . . . . . .« Mama hatte sich unbedingt in ihrem Gedankengang verwirrt. »Ich meine,« sagte sie, »es ist doch alles ganz gesetzlich und in Ordnung, wie es ist. Gott verzeih mir, – ein Verbrecher wird er doch nicht gewesen sein?«

»I bewahre, mach dir deshalb keine Sorge.«

»Ich hab's eben nicht verstanden. Ich weiß schon, es giebt etwas wie liederliche Mädchen,« 190 sie errötete; »aber das ist gesetzlich, nicht wahr, das muß doch so sein?

Weißt du, dir kann ich's ja sagen, daß ich davon überhaupt etwas weiß.«

»Ungeniert,« sagte Doktor Frey lachend.

»Meint er denn die?« fragte Mama.

»Wie gesagt, mach dir deshalb keine Gedanken. In seinen alten Tagen wird er etwas bedenklicher Natur geworden sein – ein Schwärmer, so etwas.

Sancta Simplicitas.

So eine Henne lebt doch wie mit ausgeschnittenem Hirn. Daß i net lach!

Sucht das Weib in seiner Erniedrigung und kann's net finden!

Na, hochentwickelte deutsche Hausfrau, mach' dir halt keine Sorgen.«

»Der selige Bruder wird sich eben reichlich seine Gedanken gemacht haben, als es zu Ende ging. Ein reputierlicher Mensch ist er ja sicher gewesen, wie sie es von jeher in der Familie waren und was soll er denn groß anderes gethan 191 haben als andre anständige Männer? Wenn es auf den Tod hinausgeht, werden die Leut' halt ängstlich!« 192

 


 

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