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Halbtier!

Helene Böhlau: Halbtier! - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleHalbtier!
authorHelene Böhlau
year1902
firstpub1899
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleHalbtier!
pages360
created20140318
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5.

Der Morgen, an dem Frau Lu nach Hause begleitet werden sollte, war unsäglich taufrisch und wollte ein Sommertag von Gottes Gnade werden.

Blaue, weite Schatten, breite Lichtflächen, kühle Nebel, über dem Wasser schimmerndes Aufleuchten.

Die stille Frau Lu mit dem ernsten Kindergesicht, den schönen Augen, dem kleinen Kopf und der vollen, schlanken Gestalt, schien allen in diesen Tagen nicht viel näher getreten zu sein.

Und doch empfanden sie die Anwesenheit dieser Frau, wie man etwa eine blühende Reseda im Zimmer empfindet.

133 Bei einer Gelegenheit sagte Mrs. Wendland zu ihr:

»Eine berühmte Frau und ist wie nicht da. Wenn du dich nicht selbst in Szene setzt, – Lu, wer wird dich in Szene setzen?«

Mrs. Wendland wurde oft ungeduldig über sie.

»Man darf sie nicht aus ihrem Haus nehmen, sie ist wie ein Fisch. Sie schwimmt nur in der Liebe von ihre Leute.«

Doktor Frey dagegen hob gerade das zurückhaltende, sich selbst verschweigende Wesen seiner Kollegin lobend hervor.

»Sie ist wenigstens nicht aufdringlich,« sagte er. »Mir sind schriftstellernde Frauen wie jedem zuwider; aber sie behelligt einen Gottlob nicht, und ihre Leistungen – ausnahmsweise alle Achtung!«

Mrs. Wendland äußerte sich ein andres Mal wieder über ihre Freundin: »Sie ist eine Nachtigall. Im Dunkeln schlägt eine wehe selige Stimme, so wie das Herz der Nacht. Und man lauscht, und wer versteht, legt die Hände auf 134 seine Brust und sagt. O du großes Leid. Alle tragen dich und wissen nicht – leiden und verstehen nicht, wie sehr sie leiden – und dieser unscheinbare Vogel weiß.

Zwischen einem Mann und seinem Leid steht seine nützliche Kraft; die läßt es nicht so nah zu ihm.

Zwischen einer Frau und dem Leid steht nichts.

Eine arme nackte Frauenseele wird nie so erstaunt fragen wie ein Mann: Wie ist das Böse in die Welt gekommen? Sie sieht und fühlt die Welt ganz anders.«

Mrs. Wendland hatte Lu Geber vor einem Jahre aufgesucht, nachdem sie ihr mit ein paar liebenswürdigen Zeilen gesagt hatte, wie sehr sie von ihr verstanden würde.

Und Mrs. Wendland hatte es nicht bereut, ihrem Impuls nachgegeben zu haben. Sie hatte in Lu und deren Mann Freunde gewonnen und zwar so eigenartige Freunde, wie es ihr Trieb 135 nach Eigenartigem nur wünschen konnte. Beide waren Menschen, über die man sehr viel redete und die viel mißverstanden wurden. Nachdem mit großen Schwierigkeiten Helwig Gebers erste Ehe getrennt worden war, hatte er die junge Schriftstellerin geheiratet, die er schon kannte, als sie fast noch Kind war.

In seinem Hause war sie jahrelang ein- und ausgegangen. Er hatte das begabte, junge, wildaufgewachsene Ding arbeiten und denken, ungenutzte Kräfte brauchen gelehrt und hatte Verehrung und Unterwürfigkeit von dem ungezügelten Charakter des Mädchens dafür eingetauscht, hatte einen Kameraden in ihr gefunden, der wie ein treuer Hund zu ihm stand, immer bereit, ihn zu verteidigen, das Leben für ihn zu lassen. Sie hatte einen Gott in ihm gefunden, von dem sie alles hoffte, an den sie glaubte, zu dem sie heranwuchs. Sie wollte ihm ebenbürtig werden.

Ihre ganze Jugend war eine große 136 Herzenserregung gewesen. Jahrelang hatte es gewährt, bis sie wußte, daß sie ihn liebte.

Und wie ein Todesurteil war dies Bewußtsein über sie gekommen. Sie waren einander unentbehrlich geworden – und mußten sich trennen – und wollten sich trennen.

Da, – wie ein Wunder trat ein fremder Wille dazwischen.

Sie war es, die eigne Frau, die in Trennung und Auflösung hinein das Wort vom Einanderangehören sprach.

Sie hatte dem Manne schon in den ersten Jahren ihrer Ehe Scheidung angetragen und jetzt bot sie ihm wieder ruhig Scheidung an – und Verbindung mit der, die er liebte.

Eine Wundermähr in all die Todestraurigkeit hinein.

Zwei, die sich aufgaben, stehen schon bereit, den Tod im Herzen – und eine Stimme kommt und spricht. »Bleibt beieinander. – Ihr – ihr dürft es und ihr könnt es. Ich wirke das Wunder.«

137 Sie glaubten nicht, konnten nicht glauben.

Wozu die Qual des Aufschubs?

Und die Stimme kam wieder, ruhig, eindringlich, überzeugend, bis sie glaubten – und mit einer großen Lebenswonne glaubten.

– Alles, was niedergehalten war, erwachte – alle Sinne thaten die Augen auf.

Die Liebe, die wie ein unaussprechliches Geheimnis geschwiegen hatte, jauchzte in beider Herzen – und die Dankbarkeit der Freigelassenen, der Sklaven die Herren wurden.

Und die Stimme kam wieder und wieder, festigte den Glauben, die Liebe und die Hoffnung.

Und es verging eine gute Zeit.

Die Stimme versprach und hielt die Hoffnung am Leben.

Aber die gottgesandte Stimme hatte etwas so Spielerisches, Gedankenloses bekommen.

Ja – ja – und_ Ja – ja – ja – und dabei blieb es.

Es geschah nichts.

138 Dann kam eine Zeit, da wurde die Stimme spöttisch, so von oben herab, spielte wie ein Raubtier mit seinem Opfer – und gellte von hartem Spott.

Ein Lachen kam in die Stimme, in der Machtbewußtsein und böses Gewissen wie mit scharfen, mißgestimmten, schrillen Glöckchen klangen – eine Stimme, die aus einem heiligen Gelübde einen tollen Scherz machen wollte.

Und so riß sie Jahr und Jahre zwei unglückliche Menschen an tausend gemarterten Nerven, tanzte wie mit scharfen Füßen über mattes, müdgearbeitetes Hirn.

Dann kam eine Zeit, in der die Stimme tödlich wurde, wie eine Peitsche sausend und zischend, auf das Höchste peinigend.

Da fand sich ein Ausweg. – Unter andern Gesetzen Scheidung und Ehe.

Rettung! Rettung für alle, auch für die arme, peinigende, selbstgepeinigte Stimme.

139 Über die aber, die sich mit letzter Kraft gerettet hatten, fielen die Menschen her.

Der Lauf der Welt ist so. Die Massen wollen nicht Zuschauer einer Rettung sein. Sie wollen Untergang. Rettung befriedigt sie nicht; langweilt, enttäuscht und empört.

Und die Zuschauer rächen sich, fallen selbst über die Geretteten her, um, was noch am Leben blieb, ihrerseits zu zerreißen. Eine Sturmflut böser Nachrede, Verläumdung, Haß, Vernichtung ging über die Geretteten hin und warf sie krank und matt gehetzt ans Ufer.

Sie waren auch jetzt nicht untergegangen. Sie lebten. Ihre Liebe lebte.

Mächtiger als alles waren sie gewesen.

Gebrochen an Leib und Seele – – aber ohne Reue! Im tiefsten Herzen unsagbar glücklich! Jubelnd vor Wonne, daß sie beieinander geblieben waren.

Lachen konnten sie über das was die Welt »Liebe« nennt, diese kleine civilisierte Liebe! 140 Dies Hündchen mit der Steuermarke um den Hals.

Sie hatten die löwenstarke Liebe kennen gelernt, die königliche, über die nichts auf Erden Macht hat. Die noch nie eine Kette litt! Die noch immer entkam. –

Krank, sterbenskrank lagen sie einsam, arm im Krankenhaus einer großen Stadt, dem Tode nahe.

Kein Mensch kannte sie. Niemand fragte nach ihnen. Niemand half ihnen. Und wer etwa von ihnen wußte, verachtete sie.

Sie hatte sich an sein Bett tragen lassen und er hielt ihre Hand in der seinen. – Beide totkrank.

»Was sind wir doch für glückliche Menschen!« sagte er.

Das war die feierliche Stunde der Erlösung, die Stunde des Triumphes.

Von da an gesundeten sie.

Aber ihr Leben bisher war wie ein Leben auf 141 der Folter gewesen. Die zertretnen Herzen mußten erst wieder heilen und heilten langsam. Oft schien es, daß es nicht zur Heilung käme – aber sie heilten.

Und nun waren sie wie Menschen, die, schon einmal gestorben, wiedergekehrt sind.

Sie hatten sich immer an den Händen gehalten, und das hatte sie gerettet.

Jetzt gingen sie wieder unter den andern und es war, als ahnten diese, das etwas Königliches in beiden lebte.

Sie fanden Freunde und man kam ihnen entgegen.

Und nun endlich, nach Jahren, lebten sie in einem kleinen Haus für sich, das in einem wunderschönen Garten stand.

Viele lebten auch wie sie und schöner und reicher. Aber die beiden kamen doch aus einer andern Welt, ihre Liebe war eine andre Liebe, ihr Verstehen ein andres Verstehen.

Sie waren die Wiedergekehrten und sie 142 hatten aus dem Jenseits etwas mit herübergebracht.

Sie waren die schon einmal Gestorbenen.

Und zu diesem ganz in Laub vergrabenen Heim begleitete Mrs. Wendland mit ihren Gästen, Frau Lu.

Eine köstliche Fahrt über den See. Dann eine Wanderung, ein wundervoll sommerlicher Gang durch stille Buchenwälder.

In einem kleinen Nest wurde von Mrs. Wendlands Diener serviert, genau so erhaben und feierlich in dem Bauernwirtsgarten wie daheim.

Es machte den Eindruck als ignorierte der ausgezeichnete Mann einfach den Wechsel der Umgebung. Unnahbar für alles, nur für die Würde des Hauses nicht, manöverierte er mit der ländlichen Suppenschüssel auf eine großartige Weise.

Von da fuhren sie am Nachmittag mit der Bahn bis zu einem Vorort Münchens, mitten im Wald gelegen, am steilen Ufer der Isar.

143 Das ferne München lag in einer leuchtenden Dunstwolke. Und dieser Dunstwolke zu rauscht die Isar, einen lebendigen, starken Gebirgshauch mit sich führend.

So nah einer Großstadt war kein frischeres, ursprünglicheres Fleckchen Land zu finden, um ein stilles, in die Natur eingewachsenes Heim zu gründen.

Nur wenige, durch bequeme Wege abgeteilte Waldparzellen, hatten ihre Eigentümer schon gefunden. Hie und da lugte aus dichtem Buchengrün ein rotes Dach.

Henry Mengersen kannte die Gegend noch nicht und war von der Eigenartigkeit der Landschaft ganz überrascht.

»Jetzt werden wir dem guten Philosophen über den Hals kommen,« sagte Mrs. Wendland. »Ist ihm sehr recht, er lebt zu bequem.«

»Nein – nein, er weiß schon,« sagte Frau Lu.

»Natürlich diese beide sind immer unter 144 einander einverstanden. Wir wollten ihn doch überraschen.«

Mitten auf dem breiten Waldweg kam ein winziges, drei Spann hohes Bürschchen in einem roten, faltigen Kittel gewackelt.

»Brüderchen!« rief Frau Lu.

Da waren sie beieinander.

In Frau Lus Kleid wühlte sich der runde, blonde Kopf des festen Bürschchens ein.

Hinter ihm drein kam ein nettes, freundliches Dienstmädchen gelaufen. Das Bürschchen war ihr offenbar entwischt. Es zappelte und wühlte mit dem Köpfchen und hing an seiner glücklichen Mutter.

»Brüderchen!« in ihrer Stimme klang eine so unmittelbare Seligkeit, so etwas urkräftig Warmes, – Frohes.

»Wie gehts dem Herrn?« fragte sie das Mädchen.

»Ganz wohl, gnädige Frau haben schon Besuch bekommen. Es sind mehrere Herrschaften da.«

145 »Natürlich,« sagte Mrs. Wendland, »man kann nie zu euch kommen, ohne so und so viele Zeugen.

Da wird wohl die Oriflamme sein mit ihrer Governeß?

Ist die Komtesse gekommen?«

»Ja, und das andere Fräulein ist auch dabei.«

»Dann ist der biologische Mensch auch nicht weit.« Mrs. Wendland war ärgerlich.

»Ist Herr Meyer auch gekommen?« fragte Frau Lu lachend.

»Ja, auch,« das Mädchen lächelte bescheiden, wie es sich ein bessrer Dienstbote erlauben darf.

»Dann,« sagte Mrs. Wendland, »sind auch die Adepten da!«

Ja, die Adepten waren auch da: ein Professor mit Frau und Kindern, eben die Adepten.

»Lu,« sagte Mrs. Wendland, »ihr solltet nicht mit allen diesen Leuten verkehren! Ich habe immer gesagt, ihr solltet nicht.«

146 Mrs. Wendland ging mit Isolde und Frau Lu, die ihr Bübchen trug, voraus.

»Das sind Leute, die es nicht zu euch wohl meinen können. Dein guter Mann sagt ihnen alles Beste und Höchste, was er weiß. Sie verstehen nicht – und dann kommen die Geschichten.«

»Die Adepten sind ganz harmlose Leute,« meinte Frau Lu. »Ja, aber was thut das, ich weiß, es ist nicht gut.«

»Ich sage dir, die Oriflamme wird so lang mit deinem guten Mann kokettieren, bis sie finden wird, daß sie sich kompromittiert hat, dann werden die beiden Vestalinnen, die Flamme und die Governeß, Lärm schlagen. Du und dein Mann seid viel zu harmlos für solche Menschen.

So eine Jungfrau ist jeden Augenblick bei ihr ›j'y pense‹. Spricht er von ein Stuhlbein – – sie versteht von ihr Bein und ist empört –

147 O, diese älteren Jungfrauen mit ihr ›j'y pense‹!«

Jetzt traten sie durch eine grüne Gartenthür mit grünüberwachsenem Bogen.

Frau Lu begrüßte hier als Wirtin ihre Begleiter, Doktor Frey, Henry Mengersen, auch Isolde, die während des ganzen Wegs sehr stille war und gern zurückgeblieben wäre, wenn sie es hätte möglich machen können.

Sie war den ganzen Weg nicht von Mrs. Wendlands Seite gegangen.

»Wie schön!« sagte Isolde. »Wie entzückend!«

Es war das erste Mal, daß sie heute lebendig wurde.

Frau Lus Garten war wohl eigenartig genug. Ein Stück Wald, kräftige kleine Tannen und hin und wieder ein schöner hoher Baum. Der Waldboden: Heide, die sich schon zum Blühen anschickte. Und mitten in diesem Heideboden Rosenstöcke, Levkojen, Feuerlilien. Neben einer 148 kleinen dichten runden Tanne ein blühender Mohnbusch, von dem großblumigen, mächtigen.

Um die hohen Tannenstämme schlangen sich Clematis mit tausend kleinen und großen violetten Blüten, Kresse, Reseda, Verbenen – es war ein entzückendes Durcheinander und wahre, wirkliche Waldluft, harzig und würzig.

Aus der Thür des dunkeln, norwegischen Blockhauses tritt ein schlanker Mann im blauen Anzug. Etwas Ruhig-Gutes liegt in seiner Haltung und seinem Blick.

Frau Lu eilt auf ihn zu. Sie hält noch immer das Bübchen im Arm.

Er giebt ihr die Hand und sieht sie an und klopft dem Bübchen auf die Wange.

Sie haben kein Wort miteinander geredet – aber sie haben sich wieder. Sie sind beruhigt. – Es ist nun gut. – Sie ist wieder da. Das liegt in seinen Augen, noch als er die Fremden begrüßt.

Und sie, sie ist eine ganz andere Person 149 geworden. Die Augen strahlen. Es ist etwas Leichtes, Heimisches in ihre Bewegungen gekommen. Sie sieht viel jünger aus. Es ist als wenn sie einen tiefen Atemzug gethan hätte. Da ist sie wieder in der Atmosphäre, in der es sich so tief, so rein atmen läßt.

». . . Ich habe alles zum Thee mitgebracht, du brauchst dich gar nicht zu bemühen, Lu,« sagt Mrs. Wendland und giebt dem Diener einen Wink; der schließt sich dem Mädchen an.

»Ja,« sagt Frau Lu, »wie lieb von dir.«

*

Unter einer großen Buche im Garten wurde der Thee serviert. Der Dichter, Reichstagsabgeordnete und Prophet Frey und Henry Mengersen kommen hier mit einer Reihe Leuten zusammen, die ihnen in ihrem Wesen und ihren Zielen vollkommen fremd waren.

Mit Helwig Geber war für sie ein Verständnis möglich, trotzdem er im Gespräch weder auf 150 Kunst noch Politik besonders einging. Er lebte in einer Welt, die andre kaum streiften. Philosoph so durch und durch, so ganz und gar, daß es ihm schwer fiel, von etwas anderem zu reden.

Fand sich ein Mensch, von dem auch nur ein Funken Verständnis zu erhoffen war, so gab er sich dem offenherzig hin, war unermüdlich darin, zu überzeugen und grundehrlich wie ein Kind.

»Sehen Sie, wie wunderbar das ist,« sagte er dann und wollte, der andre sollte auch empfinden, was er empfand.

Er arbeitete an einem Werk, für das gewissermaßen dies kleine Haus, in dem die beiden lebten, der Tempel war.

Das Werk ihres Mannes, war Frau Lus Lebenshoffnung, auch ihre Lebensfreude. wie es die seine wohl sein mochte.

An Erfolg dachten sie beide nicht; aber es sollte sich etwas gestalten, etwas Neues, Einfaches, Großes, und mochten noch Jahre hingehen, mit forschen, vergleichen, prüfen.

151 Das Werk wuchs. Kamen wieder und immer wieder lange Krankheitszeiten, so mußten sie ertragen werden, bis er endlich wieder mit Hoffnung an die Arbeit gehen konnte.

Frau Lu wäre es lieber gewesen, er hätte nie mit einem Menschen über das gesprochen, was ihn unablässig beschäftigte; trotzdem er Anhänger gefunden hatte, prächtige Menschen, fand sich auch viel sonderbares Volk, dessen Neugierde durch die Eigenartigkeit des sich geistig hingebenden, schönen Mannes, erregt wurde, die, Verständnis heuchelnd, eine Weile sich zu ihm hielten um dann, als sie alles gründlich mißverstanden und mißdeutet hatten, abzufallen mit Geschrei und Klatsch.

Das Paar hatte schon manches derartiges erlebt.

Frau Lu war es müde, diese Leute bei sich zu empfangen, von denen sie nichts hoffte und hinter denen sie auch nichts suchte.

Die Komtesse kam abends hin und wieder 152 allein, ohne ihre Begleiterin, dann löste ein Zufall ihr das mächtige Haar, sie hörte knieend zu, was ihr philosophischer Freund sprach, grub seinen Namen mit einem feinen Messerchen in die Tische ein, that unbeschreiblich hilfreich, war hingebend, fast demütig.

Sie hatte etwas so vestalisch, keusch Kokettes. Eine ganz eigentümliche Mischung.

Jetzt, als sie alle um den großen Theetisch unter der Buche saßen, hörte sie überhaupt schmelzend, schmachtend auf alles, was gesprochen wurde.

Der Professor mit Frau und Kindern waren auch insgesamt komische Käuze. Sie sprachen mit Vorliebe über das, was man essen sollte, um seine geistigen Fähigkeiten zu entwickeln. Sie waren beide Theosophen und machten sich mit tausend Dingen das Leben sauer.

Frau Professor hatte heute zum Beispiel ganz auffallend zerstochene und geschwollene Hände, weil sie die Mücken nicht hatte verscheuchen wollen 153 in dem Gedanken, keinem lebenden Wesen zu schaden.

Sie war eine liebliche, bleiche, dunkelhaarige Frau. In ihren Augen lag viel Ernst und Aufrichtigkeit.

Sie hatten jetzt gerade eine Zeit, in der sie nur Früchte aßen und lobten diese Art sich zu ernähren ganz außerordentlich. Der Frau jedoch schien sie miserabel zu bekommen. Die größte Marter aber, die sie sich auferlegt hatten, das waren ihre beiden Buben, in denen sie mit klarer, sicherer Voraussicht schon jetzt künftige Adepten ahnten.

Aus welchem Grund das Ehepaar annahm, daß diese zwei allerliebsten, dicken Bürschchen, die augenblicklich in einem abgelegenen Teil des Gartens, unter Aufsicht des netten Dienstmädchens dem »Brüderchen« Gesellschaft leisteten, so außerordentliche Fähigkeiten in sich verschlossen hielten, ist nie bekannt geworden.

Sie hatten eben einfach innerlich geschaut, 154 daß diese beiden Knaben wiedergeboren waren als Adepten, daß sie schon keimende Adepten seien.

Auch in »Brüderchen« ahnten sie so etwas und redeten jetzt wieder Frau Lu zu: das wunderbar schauende Kind, »weihevoller« zu erziehen. Das heißt, es schon jetzt als vollgiltigen Menschen zu behandeln.

Sie selbst thaten das bei ihren Rangen und wären entsetzt gewesen, hätten sie gesehen, daß das nette Dienstmädchen beiden ein paar Tüchtige auswischte, als sie die Adepten dabei ertappte und wie sie darauf bestanden, dem Brüderchen Erde in sein kleines Maul zu stopfen.

Die Eltern hörten aus der Entfernung das Geschrei mit Beunruhigung. Die Frau stand auf, um nachzusehen, was Atman und Mitra, so heißen beide, betroffen haben mochte.

Sie kamen tief erregt wie von einer Heiligtumsschändung zurück und sprachen einige ernste Worte mit Frau Lu, die ihrerseits meinte, ein 155 paar wohlgemeinte Kläpse schadeten selbst Adepten nichts.

Die Eltern von Atman und Mitra waren nicht angenehm berührt.

»Na, hören Sie mal,« sagte Doktor Frey, »Ihre Bamsen thun sich aber leicht!«

Mrs. Wendlands Diener ging ab und zu mit Thee und köstlichen englischen Kuchen. Es war, seinem Betragen nach, anzunehmen, daß er wiederum nicht wußte, wo er sich befand. Der Wechsel der Umgebung hatte für ihn nicht das geringste zu bedeuten. Er blieb überall der, der er war.

Den Adepten kam jetzt in den Sinn, sich an Frau Lus schönsten Clematis zu vergreifen.

Frau Lu sprang auf um zu retten was zu retten war.

»Lassen Sie! lassen Sie!« bat die zarte Frau, die Mutter der Adepten mit dem tiefen, treuherzigen Blick, »erschrecken Sie sie nicht.«

156 »Ja, um Himmels Willen!« Frau Lu schaute ganz entsetzt und ratlos.

»Wir sagen den Kindern alles zu einer bestimmten Stunde, meine Frau notiert sich ihre Versehen,« begann der Professor, »und dann teilen wir Atman und Mitra unser Urteil vollkommen leidenschaftslos mit, oder wir setzen uns in Rapport mit ihnen, wenn sie schlafen.«

»Na, dann vergessen Sie's nur auch mit den Clematis nicht und versuchen Sie mal jetzt, zu einer Ausnahmsstunde, es ihnen begreiflich zu machen, daß sie die Blumen in Ruh lassen sollen.«

Frau Lu war etwas ungeduldig; aber doch sehr belustigt.

»Ja, das werde ich,« sagte der Professor ruhig.

»Lassen Sie mich, liebster Herr Professor,« bat die Komtesse flehend, »ich bitte Sie.«

»Nun, versuchen Sie's, Komtesse. Ruhig sich konzentrieren. Sie müssen sich ein »Blank« 157 schaffen, eine absolut stille Fläche in der Seele. Sie wissen ja.«

Die Komtesse saß schon und konzentrierte sich.

»Lassen wir jetzt unsere liebe Freundin,« sagte der Professor.

Die Komtesse versank buchstäblich in sich selbst, erhob sich dann in ihrer ganzen imposanten Länge, schritt mit starren Augen auf die Adepten zu, die sich um die abgerissenen Blüten und Ranken rauften, und wollte sie stumm beeinflussen.

Sie stand mit dem geradesten aristokratischen Rückgrat vor Atman und Mitra, die Augen unbeweglich, einen ungeheueren Frieden auf dem Gesicht. Das erschreckte aber die Adepten; sie starrten ihrerseits auf die merkwürdige Erscheinung und Atman fing zu heulen an.

Da machte sich ungeheißen noch eine Gestalt auf, Herr Meyer, der »biologische Mensch«, wie er hier genannt wurde, und ging eben so konzentriert, mit einem ebenso ungeheueren Frieden auf dem Gesicht auf die Adepten zu, um sie 158 mit zu beeinflussen, und um seiner verehrten Freundin und Schwester im Geiste beizustehn.

Das begab sich alles gewissermaßen ganz unauffällig, hatte auch ganz wenig Erfolg.

Herr Meyer, die Komtesse und das Professorenpaar übten sich immer in solchen Dingen. Sie waren ihnen ganz alltäglich.

Sie sprachen untereinander von schwarzer und weißer Magie, wie andre Leute von Konzert und Gott weiß von was und waren sich absolut nicht mehr bewußt, daß ihre Gespräche doch nicht ganz unauffällig waren. Sie dilettierten in allen möglichen occulten Dingen und befanden sich sehr wohl dabei.

Jetzt wollten sie ein vegetarisches Speisehaus ins Leben rufen und warben auf das eifrigste bei Mrs. Wendland dafür, die ihrerseits sehr kühl war und sagte: »Weshalb? Man kocht Gemüse sehr schlecht in Deutschland, weshalb wollen Sie die armen Leute krank machen?«

Die Komtesse hatte sich seit geraumer Zeit 159 damit beschäftigt, ein Armband aus Grashalmen zu flechten, jetzt bat sie um Gebers Hand und streifte es ihm über. Sie sagte gar nichts dabei, that es gewissermaßen mystisch, vestalisch, spielerisch und hielt seine Hand merkwürdig lang in der ihrigen.

»Was für eine eigentümliche Hand; ich muß ihre Linien einmal prüfen.«

Er entzog ihr die Hand und führte das Armband im Scherz an seine Lippen.

»Unverschämt,« dachte die Governeß. »Natürlich, jede Gelegenheit nimmt so ein Mann, so ein ›brute‹ wahr.« Alle Männer erschienen ihr gleichmäßig sehr verdächtig. Das Weib hielt sie für unsäglich rein. Aber jetzt hatte sie ihn einmal wieder, diesen Philosophen: Auf den harmlosen Scherz der Komtesse diese Plumpheit! Seinen Blick hatte sie dabei sehr wohl verstanden, – o, sie durchschaute!

*

160 Die Theosophen verabschiedeten sich heute früher als sonst. Sie wollten etwas miteinander bei der Komtesse lesen.

Frau Lu fiel ein Stein vom Herzen, als sie gingen. Sie sagte auch etwas derartiges.

Ihr Mann verwies es ihr leicht.

»Es nimmt sich alles Menschliche sonderbar und lächerlich aus, wenn man nicht selbst darin steckt. Das, was die wollen, ist besser als alles andre.«

»Sie wollen ja gar nichts,« sagte Frau Lu, »sie spielen.«

»Mögen sie spielen, wenn es sie freut, die kleine Frau hat sich doch ihre Pfoten zerstechen lassen. Sie hat wirklich versucht, wie es thut, das »Sichselbstaufgeben«, das »Tat wam asi« der alten Inder, das »das bist du«! Der kleine Zug ist rührend in unserer Welt, dies gut sein wollen.«

Mrs. Wendland reichte ihrem Freund über den Tisch hinüber die Hand. »Danke Ihnen,« sagte sie, »Sie haben recht.«

161 In diesem blumenreichen Garten, in dem sich Reseda-, Rosen-, Verbenenduft mit abendlichem Waldesodem mischten, war eine ganz eigentümliche Stimmung über die Gäste gekommen. Frau Lus guter Philosoph hatte diese Stimmung gebracht.

Sie sprachen über Dinge, über die moderne Menschen selten nachdenken, und hörten auf einen Mann, der anders dachte als andere, tiefer, einfacher und sich nicht scheute, seine Gedanken auszusprechen. Ja, er hatte den Mut, sich zu geben wie er war.

Henry Mengersen ließ diesen Abend auf sich wirken. Er war zu sehr Künstler, als daß er den Eindruck einer in sich ausgeglichenen Persönlichkeit nicht empfunden hätte, trotzdem er, seiner Natur nach, weder Frau Lu, noch deren Mann je näher treten konnte.

Er sah auf Isolde. Isolde hörte mit großen Augen zu. Sie war bleich. In der Abenddämmerung hatte die weiße, zarte Gestalt, etwas so Unbestimmtes, Weiches.

162 Henry Mengersen empfand etwas Scheues, Schuldbewußtes in ihr.

Und wie er so auf sie blickte, zieht ein leichtes Lächeln um seine Lippen, ein verächtliches Lächeln.

Ihm ist's, als fühlte und sähe er die Gedanken unter der jungen Stirn; ihm ist, als fühlte er die erregten, verlangenden Blutwellen in ihren Gliedern.

Sie muß wie im Fieber sein! Ihre Nerven müssen zittern und beben – ein Schauer nach dem andern muß sie durchfahren.

Er hat als Künstler und Mensch über das Problem »Weib« nachgesonnen, als Künstler hat er es auf seine Weise gelöst.

Er ist müde und gelangweilt vom Weib.

›Entsetzlich,‹ denkt Henry Mengersen und sieht wieder auf Isolde, ›das Weibliche in der Natur! Dies blinde Sich-ins-Elend-stürzen-wollen, dies Gedankenlose, Nie-die-Folgen-überschauende. Egoistisch wie der Mann, aber so 163 unsäglich dumpf, unbewußt, so instinktiv, so elementar.

Wie unangenehm großgezogen ist es in ihnen dies langweilige, aufdringliche Sich-opfern-wollen, die Bestimmung erfüllen wollen.

Wie sie sich hindrängen, wie eine dumpfe Herde – ekelhaft!

Das Weib hat die Natur überboten, sich selbst unterboten. Die Natur hat es dem Unfreien, dem Dulden näher gestellt als den Mann – und es hat seinen Vorteil darin gefunden! Es ist sich selbst zur Ware geworden. Das was es leiden muß, ist ihm vorteilhaft. Es schachert mit seinem Leiden! Widerlich!

Ein Tier, das gejagt wurde wie das Weib gejagt wird, dem wüchse irgend etwas, ein Horn, ein Giftzahn – dem Weib wuchs nichts. Es wurde zahm und zahmer, widerlich zahm, das Haustier im vollsten Sinne!

Wäre Fräulein Isolde Ladenmädel, würde ich sie zu meiner Geliebten machen. Weshalb 164 nicht? – und sie davonjagen, wenn sie mir unbequem würde – vielleicht zu kunstsinnig – kunstsinnige Weiber! – gräßlich! –

Wie selten hat ein Künstler die Freude am schönen Weib.

Hier wär sie, die Freude.

Schade!‹

Henry Mengersen blies gedankenvoll die blauen Wölkchen seiner Cigarrette von sich.

Isolde hatte des geliebten Mannes Blicke wohl empfunden.

Ja, er hatte recht. Sie erschauerte, im Gefühl ihm anzugehören. Sie war ganz in sich verstummt.

Das große Geheimnis des Weibes, wie sie es damals verstanden hatte, als sie zum ersten Mal seine Kunst ganz in sich aufnahm, lag über ihr.

Ja, das ist das Größte auf Erden, ein Weib sein – sich opfern.

Henry Mengersen hatte ganz recht mit dem, was er vom Weib dachte.

165 Das aber wußte er nicht, daß unter den Frauen auch freie Geschöpfe leben, freier als je ein Mann frei ist, mächtige Seelen, Seelen, die dem großen Zug der Natur, die in ihre Geschöpfe nur den Trieb zum Fressen legt, entgegenstehen, die der Natur zum Trotz sind, wie sie sind, lieben, wie sie lieben – und sich grenzenlos opfern, als stammten sie aus einer Welt mit anderen Gesetzen. 166

 


 

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