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Halbtier!

Helene Böhlau: Halbtier! - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleHalbtier!
authorHelene Böhlau
year1902
firstpub1899
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleHalbtier!
pages360
created20140318
sendergerd.bouillon@t-online.de
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13.

Ein dumpfer, bedrückter Winter folgte jenem Weihnachts-Heiligenabend, an dem die Lichter am Baum nicht entzündet wurden.

Der Tod hatte die Lebendigen angestarrt und wie vom Frost gerührt schienen sie eine Zeit lang welk und schlapp geblieben zu sein, bis neuer Lebenssaft aufstieg, neue Triebe die welken, verkümmerten überwuchert hatten. Dann wurde es wieder, als wäre nichts geschehn.

Henry Mengersen zog dieses Frühjahr von Berlin mit Frau und Kindern hinaus in seine Villa nach Ludwigshöhe. Mama freute sich, Tochter und Enkelchen so in nächster Nähe zu wissen.

320 Marie stand ihr so viel näher als Isolde. Marie war das Weib, das die Wege ging, die sie selbst gegangen war.

Sie konnte Maries Leben mitleben. Marie brauchte garnichts zu sagen. »Das ist nu ma' so, ja, siehst du – das ist nu ma' so.« Das konnte sie immer von Mama hören. wenn sie nur den Mund aufthat, um Mama etwas zu klagen oder zu erzählen.

Mama wußte alles immer schon im voraus.

Sie sah gewissermaßen behaglich zu, wie Marie das Martyrium des jungen Weibes trug, die Extasen des jungen Weibes.

Die Extasen hatten bei Mama nie eine große Rolle gespielt.

Schwere Entbindungen, lange, qualvolle Schwächezustände, kranke Kinder, Geldsorgen, große Müdigkeit – weiter war ihr nicht viel in der Erinnerung hängen geblieben.

Viel geduldiger als Marie war sie gewesen, dessen entsann sie sich – und das sagte sie auch 321 Marien oftmals – und das kam davon, daß Marie doch nicht so selbstlos war, wie eine Frau sein müßte. Marie war eben auch Papas Tochter. Beide Töchter hatten leider etwas so Aufrührerisches, wenn gleich Marie nicht annähernd wie ihre jüngere Schwester. Aber heute noch konnte Marie ganz verzweifelt Mama um den Hals fallen, solcher Dinge halber, deretwegen eine Frau gar kein Wort verlieren darf, die sich von selbst verstehn. Die Frau hat sich eben nach dem Mann zu richten, und wie der ist, so ist er, und was der thut, das thut er.

Dafür ist er das Haupt der Familie.

Ja und das sagte denn Mama ihr tüchtig.

Das aber war gleichgiltig, Marie nahm nichts an und wenn Mama noch so recht hatte.

In Marie blieb etwas so Wehes, etwas so Sehnsüchtiges. Eine Mutter von fünf Kindern, die Geschichten machte mit Idealen und so etwas!

Nein, Mama hatte auch mit Marie viel Sorge.

322 Da lobte sie sich Henry Mengersens Schwägerin, Pauline, die in Ludwigshöhe mit Mann und Kindern neben Henry wohnte. Das war eine Frau nach ihrem Sinn. Wenn eine von Mamas Töchtern so geworden wär'. So drall und fidel wie die Frau war! Und so eine bekommt ihre Kinder wie nichts. Frisch vordem, frisch nachdem. Und diese prächtigen Ammen und Wartefrauen und Kinderfrauen, die sie hatte, – ein ganzes Regiment Weiber war da immer im Haus. Und diese Wäsche! Und wie im Hause gegessen wurde! Ja, die verstand was aus sich zu machen. Vor der hatte der Mann auch Respekt.

Ach ja, Mama hatte es nicht leicht mit ihren Töchtern.

*

Dies Jahr gab es einen warmen, schönen April.

Es hatte sich oben in Ludwigshöhe in einer Nacht über die Wälder wie zarter, grüner Nebel 323 niedergelassen. Der war wie von den Wäldern eingesogen worden, hatte sich schmeichelnd um die rötlichen, knospenden Buchenkronen gelegt und war daran haften geblieben in Millionen zarter grüner Blättertröpfchen.

Ein Leuchten ging von diesem jungen Grün aus, ein durchsichtiges, unsäglich zartes Schimmern, das die Seelen wie in ein grünes, helles Bad tauchen ließ, die armen, rußigen Winterseelen. Und der blaue Maienhimmel dazu, der endlich als helle Sonnenbahn hervorgebrochen war.

Ja, es wurde da oben jetzt schön. Die prächtigen Waldgärten mit ihrem knospenden Buchenlaube, der feuchtbraunen Blätterdecke unter den Bäumen, aus der das frische Leben in tausendfältiger Gestalt brach. Hier ein Himmelsschlüssel, ein zerschlissenes dürres Eichenblatt um den Stengel, dort hebt eine Familie blauer Leberblumen ein ganzes Stück Laubdecke in die Höhe. Wie ein blauer Blick schaut es aus dem Erdreich.

324 In Gebers Garten blüht es wie jedes Jahr auch heuer an allen Ecken und Enden.

Sie waren die ersten Ansiedler hier oben gewesen. Bei ihnen hatte sich schon so mancher Obstbaum heimisch eingewurzelt und blühte zwischen den kleinen Tannen und zarten Birken und Buchen. –

Frau Lu hatte so ein paar liebe rosige Kerlchen, gefüllte Kirschbäume gepflanzt, die blühten, als wollten sie sich in ungezählten tausend und abertausend rosigen Blumenbüscheln auflösen; und Apfelbäume, die ihre ersten Knospen jugendsicher trugen.

Aus dem grünen Gras schauten weiße Narzissen und allerhand altmodische Bauernblumen. blaue Träubchen und Goldlack.

Henry Mengersens und seines Bruders Garten haben diesen intimen Reiz nicht, den Frau Lu ihrem Stück Land gegeben hatte; aber in ihrer Art sind sie prächtige Besitztümer, groß und schattig.

325 Isolde war, weil Marie es brennend wünschte, auf einige Tage hinauf zu ihr nach Ludwigshöhe gekommen.

Sie hatte da oben, wenn sie ihre Schwester zu besuchen kam, ein kleines Zimmer in dem Gartenhäuschen einer Nachbarvilla als Absteigequartier.

Henry Mengersens Gastfreundschaft anzunehmen vermied sie, wenn es sich thun ließ.

Es war da auch etwas, was sie in seinem Hause bedrückte und erregte. Sie konnte das unermüdliche Werben ihrer Schwester um sein Sich-geistig-ihr-mitteilen auf die Länge nicht ertragen.

Quälend war es Isolden von jeher gewesen, Marie im Atelier zu beobachten, wenn Henry einem Gast eine neue Arbeit zeigte. Marie ließ es sich bei solchen Gelegenheiten nicht nehmen, ein wenig die Sachverständige zu spielen.

»Henry rück es doch so – siehst du, hier fällt das Licht nicht gut darauf. – – Und das 326 ist von allem mein Liebling, da liegt etwas darin was einem zu Herzen geht. –

Ich hab dir doch gesagt daß die Leiste zu dem rohen Eichenholz nicht hübsch aussieht – nun findet es Isolde auch – siehst du.«

Sie rückte etwas an einer Staffelei – sie machte ihn aufmerksam, dies oder jenes zu zeigen.

Und jedesmal traf sie derselbe spöttische Blick, sie kühl in ihre Grenzen zurückweisend.

Über Maries Gesicht ging dann der tief wehe Zug, so gekränkt, so überaus demütig.

Isolde wußte sich bei einer solchen Scene kaum zu beherrschen. Ein Gefühl von Haß gegen ihn stieg in ihr auf und zu gleicher Zeit etwas wie Verachtung gegen ihre Schwester, Verachtung und Mitleid.

In den letzten zwei Jahren hatte Isolde bemerkt, daß Marie schwerfälliger in der Art sich auszudrücken geworden war, auch ihr gegenüber. Bis dahin war in Marie ein leidenschaftlicher Zug gewesen. mir der Schwester weiter leben zu 327 wollen. Jetzt stand sie Isolde eigentümlich fremd gegenüber; oder kam es ihr nur so vor? Marie fragte nicht recht was Isolde getrieben, unterhielt sie von Dienstbotenmisere, von Kinderwäsche, klagte endlos über ihr letztes Wochenbett und lobte ihre Schwägerin Pauline, von der sie das letzte Mal gepflegt worden war.

Henry hatte immer gewünscht, daß Marie sich ihrer Schwägerin anschließen möchte, war aber auf Abneigung von Maries Seite gestoßen.

Jetzt war das anders geworden. Marie hatte von ihrer Schwägerin, wie es schien, mancherlei profitiert. Man aß dies Jahr ganz vortrefflich bei Mengersens. Paulinens Hand war überall zu spüren, ein barscherer Ton schien auch in den Verkehr mit den Kindern gekommen zu sein, die Leibwäsche des Kleinen hingegen war um vieles feiner und luxuriöser geworden.

*

Kurz ehe das jüngste Kind bei Mengersens 328 geboren worden war, hatte es eine wunderliche Szene zwischen Mann und Frau gegeben.

Marie, in der Empfindlichkeit ihres Zustandes, war bei einem abweisenden Blick Mengersens nicht demütig, traurig verstummt, sondern in lautes unaufhaltsames Weinen ausgebrochen, war ihrem Gatten zu Füßen gefallen, hatte verzweifelt seine Hände gefaßt und diese Hände heftig geküßt und dabei geschluchzt: »Verstoß mich nicht, – ich bin doch auch ein Mensch!« Und das hatte sie wie sinnlos immer von neuem wiederholt.

Henry Mengersen war diese Szene unbeschreiblich peinlich gewesen.

Was wollten sie denn?

Dieses ewigen ungeschickten Einmischens von ihr in seine eigensten Angelegenheiten war er unendlich überdrüssig geworden.

Sie hatte etwas von einer Fliege an sich, die Geduld und Beharrlichkeit einer Fliege.

Henry Mengersen wußte gar nicht, was er 329 ihr antworten sollte. Er wollte sie nicht erregen, aber er wollte auch nicht schweigen.

»Marie,« sprach er, »was willst du eigentlich? Hast du etwas zu klagen, – so sag's. – Aber dies ewige Nörgeln!«

Er ging heftig im Zimmer auf und nieder und sagte mit unterdrückter Erregung: »Wenn ich offen sein soll, mir ist in einer Künstlerehe, und in einer Ehe überhaupt, der weibliche Abklatsch vom Mann in der Seele zuwider – einfach unerträglich! Bin ich nicht so weit Herr im Hause, daß ich mir gestatten darf, einer Idiosynkrasie, die ich nun einmal habe, auszuweichen? Weshalb ist es denn durchaus nötig, daß du dasselbe, was ich sage, noch einmal verdünnt nachsprichst? Darauf kommt es ja doch hinaus. Sag mal, findest du das so durchaus notwendig, daß du deshalb wieder und wieder kommst und mich peinigst? Ihr habt nun einmal, wie soll ich sagen, – die tierischen Funktionen im Leben zu erfüllen. – Nun, so erfüllt sie.

330 Jeder das Seine.

Sag doch, was hast du geleistet, das dir das Recht gäbe, mitzureden oder mitzuhandeln? Das was ich errungen habe, rechnest du dir das etwa mit an? Meinst du, man teilt sich in so etwas, wie in eine Torte oder wie in ein Vermögen?

Bitte, mach dir das einmal klar. Die Frauen berühmter Männer versäumen es gewöhnlich, darüber nachzudenken.

Du hast deine Kinder, bist dabei, sie so ziemlich gedankenlos zu erziehen, du stehst deinem Hausstand erträglich vor, läßt mich bei jeder Gelegenheit aber unter deinen Nachlässigkeiten leiden. Erfülle deine Pflichten und laß alles Übrige auf sich beruhen. Nimm dir ein Beispiel an Paulinen, die ist wie eine Frau sein soll. Haben wir uns nun endlich einmal verstanden, Marie?«

Er sah in ein bleiches, thränenloses Gesicht.

»Ja,« sagte sie.

In diesem Augenblick klammerte sich ihre 331 verachtete Seele an die Liebe zu ihren Kindern, und diese Liebe wurde zu einer Extase, die jede Marter des Herzens überwuchs.

*

Von diesem Tage an warb sie nicht wieder um die geistige Zugehörigkeit zu ihrem berühmten Gatten. Er hatte von diesem Tag an Ruhe vor »der Fliege«, hatte von diesem Tag an sich eines tadellosen Hauswesens zu erfreuen.

Der Einfluß der Schwägerin Pauline begann zu regieren.

Henry Mengersen lernte jetzt das breite, behagliche Weibtum in seinem Hause kennen, das wie eine Walze alles niederdrückt, was ihm nicht paßt. Aber vorzügliche Mahlzeiten gab es, tadellose Wäsche, geputzte Kinder, ein schwerfälliger Ernst – und das Kleinste war zur Wichtigkeit erhoben.

Ein zarter, zudringlicher Geist, der mit erhobenen Händen unermüdlich gefleht hatte. ›Nimm mich mit, laß mich nicht verschmachten‹, war 332 verstummt. Diese arme, bittende Seele drängte sich nicht mehr an ihn heran. Ob er das wohl bemerkte?

Den ganz kleinen Kindern vertraute Marie sich an, nahm sie auf den Schoß und klagte es ihnen leise in die Öhrchen, was ihr gethan worden war.

Auch Isolden sagte sie kein Wort. Die fühlte nur eine große Müdigkeit und Stumpfheit in ihrer Schwester, ähnlich der Müdigkeit und Stumpfheit, die sie in Mama empfand. ›Triste‹! dachte Isolde wieder, ›Triste! Gott bewahr einen vor so etwas.‹

Sie war dieses Frühjahr selbst so schwer gestimmt, so schwer wie noch nie.

Es war doch der Tod des Vaters und der Tod selbst, der ihr das Leben so bedeutungslos, so unnötig erscheinen ließ.

Und was für ein Leben lebte sie denn eigentlich selbst? Es spielte sich in ihrem stillen, hohen Atelier ab; da lebte sie – ja – das nannte sie »Leben«, was sie da that.

333 Zu einer rechten Liebe hatte sie es seit der leidenschaftlichen Anbetung Henrys nicht wieder gebracht, hatte kein einziges Mal warm wieder als Weib empfunden, so viel sie auch begehrt wurde.

Ihr lieber Freund, Lus »Guter« ja, der liebte ihre Seele, dem gegenüber durfte sie sich ganz geben wie sie sich selbst empfand. Ein wunderbares Verhältnis, das sie zu diesem seltnen Mann hatte, so wohlthätig bis in die innersten Nerven.

An dieser Freundschaft war sie gesundet. Bei ihm fühlte sie sich als freies, vollgültiges Geschöpf.

Hier wagte sie zu hoffen, daß sie in ihrer Kunst nach Großem streben dürfe.

»Schaff dir deine Welt; wie du sie schaffst, so ist sie. Sie ist nur in dir selbst, in deiner Vorstellung. Schaff sie dir und glaub an deine Welt!«

Ja, sie hatte an ihre Welt geglaubt.

Wie sie gearbeitet hatte! Ernst und glühend, um die Seele von Schmach zu reinigen.

334 Henry Mengersen hatte ihr von ihr selbst ein so tief gemeines Bild gezeigt. Ihre junge, heilige Liebe zu ihm, ihr großes Opfer hatte er wie etwas Schmutziges mit dem Fuß beiseite geschoben, so wenig Umstände mit ihr gemacht, wie mit der gemeinsten Straßendirne. Er hatte sie mit seiner Beschimpfung vergiftet, daß sie bis heute nicht wieder gesund hatte werden können, wie andere Leute, die ihre Jugend gedankenlos genießen. Ein tiefer, ungestillter Haß gegen Mengersen war im Grund ihrer Seele.

Jahrelang hatte sie es mit angesehn, wie er ihrer Schwester, seinem Weibe, dasselbe that wie ihr einst, wie er Maries Seele verleugnete und danach schlug, wie nach einem zudringlichen Tier. Er der hochentwickelte Geistesmensch konnte es nicht ertragen, neben sich ein Geschöpf zu dulden, dessen Seele leben wollte. Weil das Geschöpf Weib war, konnte er es nicht ertragen.

Unter solcher Mißachtung leben müssen, fühlen müssen, Kinder gebären müssen!

335 Ja, schaff dir deine Welt und glaub an deine Welt.

›Und so schuf ich sie mit!‹ dachte Isolde, ›eine so feine Welt! Und meine lieben Nächsten schufen sich die Gegenvorstellung zu meiner Welt. So ziehen die Träume der Menschen gegeneinander zu Felde und vernichten sich gegeneinander. Nur die Träume der Menschen! – und doch welches Leid – welche Qual!‹

Auf Isolde wirkte in diesem Frühjahr alles so schwer und trostlos.

Sie zweifelte an sich.

Stand das, was sie in ihrer Kunst erreicht hatte, irgendwie mit dem großen Fleiß, ihrer großen Hingebung in Einklang?

War es doch nur das elende Mittelmäßige?

Weshalb sollte gerade sie etwas Außerordentliches leisten?

Selten, selten, so viel sie wußte, nur in ganz wenigen Ausnahmefällen, hatte das Weib mehr als Mittelmäßiges geleistet.

336 Nun, und weshalb sie? – Und wenn auch sie – so war sie eben eine armselige Ausnahme im günstigsten Falle.

Das Widerlichste, das Unerfreulichste auf Erden ist das Mittelmäßige.

Ja, sollte man nicht das Weib mit Feuer und Schwert verfolgen, wenn es die ungeschickte, unbegabte Hand an die Kunst legt?

Isolde empfand den großen Fluch, der auf dem Weibe liegt; erdrückend, atemberaubend.

Nein, es war keine Freude mit klaren Sinnen, geistig so unheimisch auf Erden zu leben.

Das, was sie in jener Nacht empfunden, was ihr den Jugendmut genommen, hatte sich ihr ins Bewußtsein wie eingegraben, daß sie zu der Hälfte der Menschheit gehört, die von allem Geistigen auf Erden ausgeschlossen ist, zu der verdummten, stehengebliebenen, unentwickelten Hälfte der Menschheit, die nur Körper ist, – die nur Körper sein soll, für die Geist etwas Krankhaftes, Widernatürliches, Unanständiges ist, zu der Hälfte der 337 Menschheit, die sie die zarte nennen – und die im Grunde die robuste, die ungegliederte ist, die allem Feinen, allem Lebensprühenden, Lebenswerten, allem was Geist und Erkenntnis ist, fremd, feindlich, dumm gegenübersteht.

*

Isolde machte in dieser Zeit weite Spaziergänge in der Umgegend, währenddem sie dumpf und doch leidenschaftlich vor sich hinbrütete.

Henry Mengersen schien von diesem einsamen Umherschweifen seiner jungen Schwägerin nicht angenehm berührt zu sein.

Er untersagt es ihr.

Sie standen miteinander in seinem Atelier, als er das that.

Es war in diesen langen Jahren keinmal vorgekommen, daß sie ihm Zeit gelassen hatte, sich ihr gegenüber mit ihrer Person zu beschäftigen.

Er hatte ihre Nähe nicht wieder empfunden, 338 seit sie, wie im uralten Märchen, in ihrer großen Schönheit nackt, wie sie zur Welt geboren war, vor ihm gestanden hatte, wie die, die ihre Brust geduldig dem Messer bot, damit ihr Herr genesen sollte.

Nicht um einen Schritt hatte er ihr sich wieder nähern können, als Künstler wohl – und oft – nie als Mensch.

Isolde blickte ihn daher jetzt mit kalten, erstaunten Augen an. Sie würdigte ihn keiner Antwort und verließ daß Atelier.

*

An diesem Abend fand sie in ihrem Zimmer, als sie spät in der Nacht aus dem Haus ihrer Schwester kam und sich schlafen legen wollte – es waren Gäste bei Mengersens gewesen – ein kleines Paket und einen Brief.

Henry Mengersen schrieb ihr:

»Verzeih, Isolde,« – sie nannten sich ›du‹ auf Mariens ausdrückliche Bitte – »mich 339 beunruhigen deine weiten, einsamen Spaziergänge. Du gestattest mir leider keinen Einfluß auf dich, sonst würde ich dich ersuchen, diese Gänge einzustellen. Ich bitte dich, führe wenigstens dies kleine Ding mit dir, zu deiner Sicherheit. Verstehst du damit umzugehen? Es ist geladen! Sei vorsichtig!

Schwager Henry.«

Isolde löste das Paket und nahm aus dem Kästchen einen kleinen, zierlichen Revolver.

›Sonderbar,‹ dachte sie.

Und aus diesem »Sonderbar« spann sich eine lange, lange Kette von Gedanken und Gefühlen.

Eine schwere, drückende Kette.

Auf die Kniee war Isolde wie von einer Last niedergezogen; den Kopf an den Tischrand gestützt, so blieb sie lange unbeweglich, den kleinen glatten Revolver zwischen den Fingern. Die Thür ihres ebenerdigen Gartenzimmers stand noch weit offen.

340 Die herbe, frische Luft, die die schäumende Isar mit sich bringt, drang zu ihr ein.

Da draußen reckte und streckte sich jedes Blättchen, ungeheure Massen zarter, grüner Lebewesen. Es lag ein Werden, ein mächtiges Gedeihen, ein Sich-ausbreiten-wollen im Dunkel.

Die Luft war wie berauscht von all dem jungen Atem, den sie in sich trug.

Isolde schluchzte wild und bitterlich auf.

Was hatte sie im Leben?

Wen hatte sie im Leben?

War denn das, was sie lebte, das Leben? Das wirkliche, wahrhaftige, lebendige Leben?

»Ah – einsam!« Sie reckte die Arme, als wäre sie ans Kreuz geschlagen – und blieb so lange, lange Zeit wie im Schmerz erstarrt.

Über ihr Gesicht rannen langsam Thränen.

Die Seele war von der großen Sehnsucht des Lebens, nach Glück, gepackt. Die jungen, starken Sinne wollten in Daseinsjubel ausbrechen – und hatten nichts, um in Jubel ausbrechen 341 zu können – nichts – gar nichts – auch gar nichts!

Das, was ihr allein lebenswert erschienen war, ihre Kunst, schrumpfte zusammen, zu einem Unsinn, einer Besessenheit, zu einem Unglück.

›Und alles ist wie ein Weinen im Wald‹, klang es ihr durch das Bewußtsein.

Was konnte sie denn? – so ein Tappen im Dunkeln. Es wurde ja doch nichts.

Gegen das was sie wollte – was hatte sie erreicht?

Ja, wäre sie ein Mann! Da lohnte es sich, für die Kunst zu leben und zu sterben, sich martern zu lassen.

Da lag die große, glänzende Vergangenheit des Mannes über seinem Wollen wie eine Sonne, die ihm leuchtete, ihm Leben gab und Mut machte, die ihm alles verhieß.

Aber sie als Weib! Da lag die tote, leblose Vergangenheit des Weibes über ihr wie eine tote, dunkle Masse und drückt und erstickte und 342 machte jede Bewegung schwer, über jeder Hoffnung lag sie, über jeder Freudigkeit – ah – das war etwas Trostloses, da wurde man so müde – so müde. Da sanken die Hände herab in Trostlosigkeit wie vor Unmöglichem.

Und wie war sie trotzdem immer tapfer gewesen!

Aber heute nicht mehr – nein, heute nicht mehr.

Die Arme, die sie wie ans Kreuz geschlagen gehalten hatte, sanken herab.

Nein, heute war sie ganz fertig. Sie hielt noch immer den kleinen glatten Revolver in der Hand. Er war warm geworden von dem Lebensfieber, das in ihr tobte.

Da ging sie nun über die Erde und hatte nichts und hatte niemanden.

Wenn Lus »Guter«, ihr geliebter Freund, noch einmal auf der Welt zu finden wäre – ja – dann!

O, wie geborgen wäre sie dann. – Du glückselige Lu!

343 Ja, so eine Insel der Seligen, – so geliebt werden – so lieben! Wie ein guter Geist ging er neben Lu her.

Jetzt stellte sie sich vor, wie er sagte. »Du gewinnst in dem Maße, wie du verlierst. Sei selbstlos aus Selbstsucht. Du tauschest den Himmel ein für die Erde, – für den sterblichen Menschen die ewige Gottheit.

Sei selbstlos gegen deinen Nächsten, sei selbstlos gegen Fernstehende, sei selbstlos gegen die ganze Menschheit, gegen alle Wesen, gegen die ganze Welt.

Das ist Erlösung!

Gieb das ›Ich‹ auf und du bist das ›All‹.«

Was für eine Welt war das, in der die beiden lebten? Welch' eine gesegnete, reine; und Lu pflanzte Blumen in diese Welt.

In Lus Augen aber stand immer. »Wirst du mein Lieber, dein Werk vollenden? Wirst du mir auch bleiben? Was kann ich thun, um dich zu halten? Wie soll ich's ertragen, wenn du 344 mir genommen wirst? Was kann ich thun, ich Arme? Ich möchte mich wie einen Teppich zu deinen Füßen legen, wenn es dir hülfe.«

Isolde kannte Lus schmerzvolle Liebe, die den Tod jede Stunde neben dem Liebsten stehen sieht. Es ist leidvoll zu lieben. Aber es ist Leben! Schweres, banges Leben.

Und Isolde lebte nicht!

Leben kann man nur im andern. Sich ganz fühlen kann man nur im andern. Im Zusammenfließen mit einem andern. – Aber wer lebt dann?

Ah – was für ein Schatten sie ist.

Wieder breitet sie die Hände aus, als wäre sie ans Kreuz genagelt. Ihr Gesicht trägt einen bitter wehen Ausdruck.

Welches Unglück ist über sie gekommen!

Ja, davon hat sie doch keine Ahnung gehabt, daß sie so sehr unglücklich war, so ohne Boden für ihre Füße, ohne Halt für ihre Seele – so ein ganz unsäglich verlassenes Geschöpf.

345 Draußen im Dunkeln das Junge – Neue – Wiedergeborene!

Der Jubel und Atem des Werdens. –

Ja – und auch sie will ihren großen Frühling haben!

Und mit ausgebreiteten Armen kniet sie leidenschaftlich, trotzig, verzweifelt.

Mit dem jungen Laubatem, der zur offnen Thür hereinquoll, kam die heiße, seelenüberquellende Sehnsucht nach einem Kinde über sie mit Frühlingsgewalt.

Sie sehnte sich nach Leben von ihrem Leben, nach dem süßen Körper von ihrem Körper – nach dem Ende der großen Einsamkeit, nach dem Wesen von ihrem Wesen, nach der Verkörperung einer großen Liebe, nach einer so alleinigen Liebe, so eng aneinandergedrängt, so trostreich – so zwei-eins wie Mutter und Kind sind.

Und da war es ihr, als wenn sie sich ganz in Frühlingsthränen auflöste; hingestreckt auf den Teppich, das Gesicht in die Hände vergraben, 346 weinte sie. Und sie wußte von sich nichts mehr, als daß sie weinte – weinte – weinte, wie bewußtlos weinte.

Das war ein warmer Regen sondergleichen, der von der Seele barmherzig alles fortspülen und forttauen wollte, ein so junger, mächtiger Regen, der alles verschleiert.

Da war es ihr – o Wunder, als legten sich zwei trostreiche Arme um ihren bebenden Körper.

Wie denn? Was denn?

Herr Gott! Wer auf der Welt! Wen hatte sie? Wer kam da? Wer war da? – – Ohne Schritte?

Ein Entsetzen durchrann sie.

Ein Schrei stockte ihr in der Kehle.

Ein Schwindeln des Bewußtseins. – Schwindel.

Noch lag sie wie gelähmt, ohne sich regen zu können, das Gesicht in die Hände vergraben. Da fühlte sie sich berührt, so wild, so leidenschaftlich, so brutal, und jetzt riß es sie in die Höhe.

347 »Isolde!« Eine, erregte Stimme – die sie schon einmal gehört hatte – schon einmal.

Stumm, mit fliegendem Atem, außer sich rang sie mit Henry Mengersen, Auge in Auge, Körper an Körper – wie ineinander verschmelzend.

Waren das Henry Mengersens kühle Augen? diese gierigen Raubtierblicke?

War er irre?

»Isolde, armes, schönes Ding!« keuchte er. »Ich weiß, nach was dich verlangt.

Ein hysterischer, kleiner Anfall – was? Sind wir so weit?

Das ist kein Leben, wie du es führst, so ein Rassetier wie du bist.

Damals – ließ ich dich gehn. – Verzeih! Welch ein Narr ich war!

Herr Gott, was bist du gegen diese Hühner um mich her?

Du Dämon, du kühler, brennender!

Du verstehst dich darauf, Feuer zu schüren, du, mit deinem göttlichen Körper!«

348 Er hielt sie an sich gedrückt – brutal, heftig, wie ein Opfer.

»Und du liebst mich noch! – Du wirst mich lieben. Du wirst alles genießen, alle Zärtlichkeit der Welt.

Was für ein Leben führst du denn, das dich so auf die Erde wirft, wie eine Bacchantin und gekreuzigt stehen läßt, wie eine Märtyrin, du dummes Schätzchen!«

Er drang auf sie ein, unwiderstehlich durch Entsetzen ihre Kräfte lähmend.

»Weißt du auch, was dein Haß bedeutet – weißt du's? Du? Du – du? Du Märtyrerin, sehnsuchtsvolle, du hast geschmachtet! Geschmachtet! Geschmachtet – und dich selbst betrogen. Du haßt mich, weil ich dich gehen ließ damals, weil ich auf deine Künste nicht hereinfiel – tolles Geschöpf.«

Mit einem wilden Ruck hatte Isolde sich ihm entwunden, war auf etwas losgestürzt. »Wie einen Hund!« schrie sie.

349 Ein scharfer, kurzer Knall – ein schwerer Fall. –

Isolde hatte ihren Schwager Henry Mengersen, den großen Künstler, erschossen.

*

Tiefe, tiefe Stille lag über der Welt.

Die heilige Stunde, die mit Mensch und Tier nichts zu schaffen hat, nur mit der stummen Erde, die vorweltliche Dämmerstunde, in der die einsame Seele vor der großen Stille erschauert, vor der Stille ohne den Menschen, die Stunde in der die Erde Ruhe hat vor dem gierigen Volk mit seinem Jagen und Hetzen, und Fressen und Wüten, seinem Weisethun und Sichwichtigmachen, seiner Qual und Todesfurcht, seinem Elend, – die heilige Stunde, in der der einsam wache Mensch einmal nicht Herdentier ist, sondern ein Großes, jetzt stilles, von Lebensruhe nur noch vibrierendes Stück Natur.

Und in dieser heiligen Stunde steht Isolde erstarrt vor der Leiche ihres Schwagers.

350 Mörderin!

Das Wort schreckt sie nicht.

Sie ist ruhig.

Der Anblick schreckt sie auch nicht. Ganz wunderlich fühlt sie sich, als wäre sie so gesund wie noch nie.

Sonderbar

Das ist das hervorstechendste Gefühl.

Gesund, – stark, – ruhig.

Sie hat Gericht gehalten.

Tief ernst ist sie.

Sie empfindet sich nicht als kleines Lebewesen, als ein Tropfen im Nichts.

Sie steht hier vor dem Toten als der Begriff Weib.

Sie hat einen großen Künstler, einen Geistesmenschen, einen schöpferischen Menschen brutal getötet.

Das beunruhigt sie nicht.

Sie steht hier als eine, die die Hälfte der Menschheit in sich faßt, die Hälfte der Lebenden 351 und Toten, die Hälfte des Riesenreiches der Toten, in das das kleine Häuflein Lebender unausgesetzt hineinschmilzt.

Sie steht hier als der Begriff des ewig bedrückten Weibes, des geistberaubten, unentwickelten Geschöpfes, dem alles geboten werden darf, das alles hinnimmt, waffenlos und rechtlos jeder Erniedrigung gegenüber. Was sie jetzt gethan, wiegt keinen Hauch gegen das, was sie empfindet und überschaut. Es ist nicht der Rede wert, was sie that.

Ja, so empfindet sie.

Ihre Seele ist ruhig und vornehm und gelassen. Sie überschaut alles, weiß, was sie zu thun hat – ist mit allem einverstanden.

Sie will noch einmal der Sonne entgegen wandern und will die Sonne noch einmal aufgehen sehn.

Das denkt sie.

Den kleinen, zierlichen Revolver steckt sie zu sich und verläßt ihr Zimmer ohne zurückzukommen.

352 Henry Mengersen liegt, wie ein Baum gefällt, der Länge nach im Zimmer. Er liegt auf dem Gesicht, die Arme weit von sich gestreckt.

Er ist sehr schnell gestorben – ein paar heftige Zuckungen, denen Isolde regungslos vor Entsetzen zugesehen hatte.

Ihr Hirn arbeitet jetzt ruhig und sicher. Keine Empörung ist in ihr, kein Sträuben.

Am Garten ihrer Freunde will sie noch einmal vorübergehen. Dahin zieht sie's jetzt unwiderstehlich.

Ein Wunder auch dies! so kommt es ihr vor – da steht Frau Lu am Gartenzaun, mit dem Rücken gegen die stille Waldstraße.

Sie steht im langen, weißen Nachtgewand mit bloßen Füßen.

Wie es scheint, blickt sie auf ihre Blütenbäume, die in dieser weißlichen Dämmerung unsäglich feinfarbig sich von der Luft abheben, ganz anders als am Tage, als schliefen auch sie und träumten.

353 Fledermäuschen schwirren – und lassen hin und wieder sonderbar glucksende Tönchen hören.

Es ist so still – so still – leises Vogelgezwitscher. Das Licht ist gleichmäßig, von keinem Punkte ausgehend.

Eine Ruhe sondergleichen. Isolde bleibt jetzt stehen und blickt auf die weiße, regungslose Gestalt.

›Was hat sie wohl aus dem Schlafe gescheucht? Was thut sie? Was denkt sie?

Steht sie hier, um mir Lebwohl zu sagen?

Fühlt sie mit? Weiß sie?‹

Leise kommt Isolde näher. »Lu« ruft sie. »Weshalb bist du denn schon aus?«

»Isolde, du!«

Ein verweintes, überwachtes Gesicht wendet sich Isolden zu, dann gehen die beiden Frauen eng aneinanderangeschmiegt in dem von weißem Dämmerlicht übergossenen Garten auf und nieder. – Lu zaghaft; ihren bloßen Füßen thun die harten, kühlen Kiesel weh.

354 Wie still ists auf der Insel der Seligen mit ihren schlafenden Frühlingsblumen, ihren Buchenbäumen und Büschen, die alle das junge Laub wie einen zarten Schleier tragen! Lu flüstert mit von Weinen erstickter Stimme:

»Isolde, bitte Gott, daß du nie einen Menschen liebst.«

»Nein,« sagte Isolde, »das werd' ich auch nicht.«

»Mein ›Guter‹ sagt: laß deine Liebe wie Schnee sein; selbst kühl, alles wärmend, was sie berührt. Das ist erlöste Liebe. –

Du lieber Gott, da müßte man ganz anders werden. Mich hat heut wieder ein Schrecktraum aus dem Bett getrieben. Die Todesfurcht für ihn. Man lebt doch wie vor einer Hinrichtung.«

»Ja,« sagt Isolde mit eigentümlicher Betonung.

»Du bist heut so sonderbar,« sagt Frau Lu.

»Nein – du. Weshalb giebst du dich dem Schicksal nicht hin? Weshalb sträubst du dich 355 wie ein Tier? Das ist unvornehm von dir – nein – im Ernst, das ist deiner nicht würdig.

Du lebst neben diesem großen, guten Menschen und jammerst immer.

Und daß sein Werk vielleicht nicht vollendet wird, deshalb quälst du dich. Du bist eitel!

Das Werk ist in ihm vollendet.

Du bist doch noch Herdentier, Lu. Nein, du mußt ganz anders werden. Ja, werde du wie Schnee; gewiß, so sollst du auch lieben.

Man kann nicht wie Schnee verliebt sein – aber lieben – und du liebst ja.

Lu und eins – kümmere dich nicht so viel um ihn – er ist sich ja selbst genug; beunruhige ihn nicht.

Du bist so begabt, eine von den ungeheuer wenigen Frauen, die ihre Begabung kennen.«

Isolde schlang leidenschaftlich die Arme um ihre Freundin und drückte sie an sich. »Lu arbeite! Arbeite dich zu Tode meinetwegen, Lu. Verzehre deine Kräfte in deiner Arbeit, aber nicht in Liebe und Angst. Sei ein geistiges Geschöpf. –

356 Gieb mir deine Hand und schwöre mir, die Jahre, die du über die Erde zu gehen hast, willst du ehrlich thun was du kannst,« sagte sie warm.

»Zieh die Liebe in dir nicht so unselig groß. Siehst du, wir Frauen neigen dazu, alles in die Liebe zu legen.

Wir haben die Liebe zu einer Art Untier gezogen, zu einer Bestie. Sie hat unsern Geist gefressen. Wir haben uns an ihr arm und dumm gefüttert.

Gieb mir deine Hand und schwöre mir, daß du ehrlich thun willst was du kannst mit ganzer Kraft!«

»Ja,« sagte Lu – »wie du.«

»Ja, wie ich. Ich thue was ich kann.«

Auf ihrem Gesicht lag eine große Ehrlichkeit und Weltentrücktheit.

Sie war von einer Schönheit, die Frau Lu ganz eigen berührte.

»Du herrliches Kind,« sagte sie.

»Sag das noch einmal,« bat Isolde.

357 »Weshalb?«

»Weil ich mich ganz voll davon trinken will,« antwortete Isolde heftig. »Weißt du, und deinem Guten gieb du einen Kuß, wenn er heut Morgen hier hinaus in den schönen Garten kommt, einen Kuß von mir auf seine Stirn und sag' ihm. Jeder Gedanke von ihm soll gesegnet sein. Und danke ihm für alles, was er mir gesagt hat und was er an mir gethan hat.

Und sag' ihm, ich geh jetzt, ganz reingebadet – ganz frei und erlöst und sehe die Sonne aufgehn!

Ade!«

Frau Lu sah ihr verwundert nach, wie sie mit leichten, fliegenden Schritten den stillen Weg entlang ging und ihren Blicken entschwand.

*

Isolde ging in einer wundervollen Extase, in einem ihrer heißgeliebten Seelenräusche, in dem wundervollsten Seelenrausch, den sie je empfunden, durch die weiße Morgenstille.

358 Jetzt stand sie und lauschte.

Sie lauschte auf die Bewegungen ihrer eigenen Seele.

Es hatte sie ein fremdes, unerträgliches Weh durchzittert, ein Weh, wie es der betäubte Totkranke empfindet, wenn er das Messer des Arztes fühlt, den schneidenden Schmerz wie aus der Ferne, durch die Narkose hindurch, fremd und wie mit ihr unzusammenhängend.

Wem galt es? Ihr? War's ihr eignes Weh? Und weshalb?

Isolde begann zu laufen.

›Das muß man abschütteln mit aller Kraft, – sonst frißt sich's ein.‹

Und sie lief einen stillen Wiesenweg entlang, lief und lief.

Das Herz schlug ihr, die Pulse klopften und ihre Seele lief auch durch ungemessne Räume– körperlos.

Also dem Tod lief sie zu?

Ja, und mit ausgebreiteten Armen.

359 Nein, sie kroch ihm nicht entgegen.

Gottlob! Das fühlt sie mit Jubel, sie kroch nicht!

Dann hatte sie doch etwas im Leben erreicht. Dann war sie doch etwas.

Und da war es wieder das wunderbare Gefühl. Sie empfand sich wieder als der Begriff des ewig bedrückten Weibes, des geistberaubten Weibes, der Sklavin aller Völker.

Und da brach ein Jubel in ihr aus.

»Und habt ihr eine Welt auf mich geworfen – ich breche durch! Und habt ihr mich verschüttet mit Schutt von Jahrtausenden – ich breche durch!«

Da mußte sie aufschreien im Kraftgefühl.

Dann barg sie ihr Gesicht in einen vollen, jungen Buchenbusch, der am Wege herrlich entfaltet stand, weich und grün, feucht und flaumig.

Sie kühlte ihr junges Gesicht in seinem duftenden Laub. Sie wühlte es ganz darin ein, wie in die Freuden der Erde.

»Wie in die Freuden der Erde!« Das sagte 360 sie weich und innig. Dann warf sie sich nieder und küßte den Boden auf dem sie stand.

»Ich komme wieder!« rief sie laut. »Ich komme wieder!«

Und wie im Gebet preßte sie die Hände ineinander.

Ja, sie wollte wiederkommen – und sie mußte wiederkommen. Das war ihr fester, großer Wille, ihr heiliger Entschluß.

Es gab hier eine Welt dumpfer, dummer, matter Seelen; Halbtierseelen! Sie wollte einen tiefen Todesschlaf halten, der die Kräfte stählte; dann wollte sie wiederkehren, stark und rein und gut – und mächtig – alles vermögend, mit der Kraft zu erlösen.

So stand sie unerschütterlich, Herrin über Leben und Tod – in der Wonne ihrer großen Kräfte schon entrückt – und wartete auf die Sonne.

 


 

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