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Halbtier!

Helene Böhlau: Halbtier! - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleHalbtier!
authorHelene Böhlau
year1902
firstpub1899
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleHalbtier!
pages360
created20140318
sendergerd.bouillon@t-online.de
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12.

Es war in diesem selben Jahr, Weihnachts-Heiligerabend. –

Der Zusammenschlag aller Herzen, alter und junger, trauriger und fröhlicher, durchzieht wie ein mächtiger Strom die Stadt, liegt wie ein leuchtender Nebel über den Häusern, klingt von den Türmen in vollen, schweren Tönen, hallt in den Schritten der Menschen, die durch die Straßen eilen.

Weihnacht! Weihnacht! Weihnacht!

Der großen Weihnachtsstimmung kann kein Herz entfliehen und wenn es sich in seinem Weh bis in den dumpfsten, tiefsten Keller vergrübe. Es müßte mit hinein in den Zusammenschlag.

302 Da fühlt ihr's einmal: das »All-Eine«. Das Zusammenfließen der Seelen, das Empfinden, Früchte an einem Baum zu sein.

In allen Heimstätten feiern sie Weihnachten.

Aus den Fenstern der Häuser an der Leopoldstraße strahlt es festlich in die Nacht hinaus, glänzen die lichtvollen Weihnachtsbäume wie Sterneninseln.

Draußen leichter, schon hart getretener Schnee und doch ein milder Winterabend, zwischen Gefrieren und Tauen. Die hohen, kahlen Pappeln ragen schattenhaft zart in den blanken Sternenhimmel hinein.

Stadtgeräusche klingen heut anders als sonst, so scheint es jedem. Die Pferdebahn kommt so eilig, weihnachtlich daher. Die Droschken fahren, als führen sie irgend eine Überraschung zu irgend einem Ziel.

Ja, lebendiger ist alles, als sonst und heimlicher.

Einer scheint dem andern noch bekannt. Man 303 freut sich mit denen, die sich freuen können und freuen. Das fremde Leid greift zum Herzen und nicht nur an die Nerven, und auch nicht nur zum Herzen, nein, bis in den Geldbeutel hinein, der tiefer und unzugänglicher beim menschlichen Geschöpf sitzt als Herz und Nieren.

Ja, ein schöner Abend, ein sehr merkwürdiger Abend, der Abend der Weihnachts-Heiligennacht.

Bei Doktor Freys waren sie auch in Feststimmung und Festerwartung.

Die Mutter, Isolde und Bruder Karl sitzen im Salon und warten auf den Vater, um im Speisezimmer den Weihnachtsbaum anzuzünden und dann während des Lichterglanzes ein kleines, festliches Abendessen miteinander zu verzehren – und Frau Doktor Frey ihr Haferschleimsüppchen.

Um den Weihnachtsbaum stehen von Tüchern verdeckte Tische mit Geschenken.

Es ist alles bereit. –

Das Hasten und Eilen des ganzen Tages ist einer leichten Abgespanntheit gewichen. – 304 Der große schöne Baum hell erleuchtet. Tannennadelduft mischt sich mit dem frühlingszarten Atem von Maiglöckchen, Hyazinthen und Tulpen, die in einer schönen Schale, wie ein ganzes Blumenbeet, aus dem großen Tisch im Salon unter der Hängelampe stehen und ihr zu früh erwecktes Leben in die heiße Zimmerluft ausströmen, statt in hellen Maiensonnenschein hinein.

Isolde geht ab und zu in das Weihnachtszimmer, schlingt noch ein paar glänzende Fäden über einen Tannenstrauß mit Rosen, oder ordnet etwas an den Geschenken. Die Ausschmückung des Zimmers zu Weihnachten ist immer ihr Werk gewesen.

Wie fremd sind sich doch die drei wartenden Menschen in dem Salon – komisch fremd.

Mutter, Sohn und Tochter. Fremd wie sich nur Familienglieder sein können. Wie kennen sie jede Äußerlichkeit aneinander, jede Angewohnheit!

Sie kennen sich bis zum Überdruß, das heißt: jedes die Larve des andern.

305 So sitzen sie und hängen ihren Gedanken nach.

Was weiß Mama von dem inneren Leben ihrer Tochter und Isolde von Mamas innerem Leben?

Sie sieht Mama sitzen in ihrem schwarzseidenen Kleid. So fein ist die Gestalt, das müde Gesicht mit dem leidenden etwas stumpfen Ausdruck. In Mamas Gesicht ist etwas Ausgelöschtes.

Wer hat das ausgelöscht?

Das Leben?

Jedenfalls. Mama wird doch schon alt; noch nicht gar so alt – – nein. Sie ist aber wie mitten im Leben eingeschlafen. Gerade als es anfing gut zu werden.

Isolde denkt, wie Mama sich früher geplagt hat, eigentlich so stumpf wie eine Magd, die fürs Leben gekauft ist, der der Herr kein freundliches Wort zu geben braucht. Er ist ihrer sicher.

Sie kann sich nicht eines besonders liebenswürdigen Ausdruckes erinnern, den der Vater je an Mama gewendet hätte.

306 ›Na Alte‹, so ganz gedankenlos hingesagt – das hört sie in der Erinnerung, so ein klein wenig Ironie dabei – so von oben herab.

Mamas Heirat war eine Liebesheirat gewesen, gegen den Willen ihrer Eltern.

»Ah« – Isolde dehnte sich im Stuhl und streckte die Hände von sich. ›Triste! . . . Gott behüte einem vor so etwas.‹

Mama ist ein Kind geblieben, ein armes unwissendes Kind: – müde gearbeitet, ohne Liebe, ohne Sonne.

Isolde hat das Gefühl, sie möchte zu ihr hingehen und sie küssen und streicheln; dann fängt aber Mama immer zu klagen an um alles Mögliche – und auch darum, daß sie zu nichts Appetit hat und nichts vertragen kann.

Isolde weiß das schon.

Es ist für Mama nicht gut, zärtlich mit ihr zu sein. Sie kann damit nichts mehr anfangen.

307 Isolde denkt daran, wie Papa vor Jahren Mrs. Wendland den Hof gemacht hat. Er hat immer irgend eine Flamme gehabt.

Komisch, wie eigentlich Mama sich damit abgefunden hat. Sie weiß von Mamas Art zu denken und zu fühlen gar nichts. Und jetzt ist's mit Papa auch nicht so ganz geheuer. Er ist gar zu vortrefflicher Laune.

Isolde erinnert sich daran, wie damals Papa sich vor Mrs. Wendlands Thür in einen Gentleman verwandelt hatte und wie Marie und sie selbst darüber entsetzt waren.

Ja, das war sehr sonderbar gewesen, unvergeßlich sonderbar. Sie hatten jetzt fast immer einen wohlsoignierten, blühenden, jovialen Papa, gutgekleidet, jugendlich, von bester Gesundheit und vortrefflich im Betragen.

Allerdings hatten sie dies Vergnügen nicht allzu oft, denn er hielt sich viel in Berlin auf und auch in München war er, wie immer, der Vielbegehrte.

308 Aber merkwürdig daß er heut nicht kam, heut am Weihnachts-Heiligenabend.

Mama saß ganz still wie vor sich hinbrütend. Ungeduldig hatte Isolde Mama überhaupt nie gesehen, und eigentlich kannte sie Mama zumeist nur wartend, – auf den Vater wartend. Auch nachts wartete sie – lang, lang, das wußte Isolde ja. Mama wartete von jeher nachts und schlief nicht eher ein, bis der Vater kam.

Was mochte wohl Mama ihr Lebtag diese vielen, vielen Stunden gedacht haben?

Schrecklich.

Wie in sich verschlossen sie doch war. Ganz geheimnisvoll – Nachttierhaft, rührend ihre eignen dunkeln Wege gehend. Wie sah Mamas Leben aus, wenn man es mit ihren eignen Augen betrachtete?

Isolde konnte die Blicke von Mama gar nicht weg wenden.

Karl hob sich aus seinem Fauteuil, in den er sich hineingerekelt hatte – zog seine Uhr – »Neune schon!«

309 Seine Stimme war erregt. Karl hatte auch heute Abend außer der Familienfeier etwas vor.

Natürlich.

Er ging ein paar Mal im Salon auf und nieder, griff nach der Abendzeitung zum so und so vielten Mal und versank wieder in dem weichen, bequemen Polster, die Hand in seinem dicken Haarschopf vergraben, die Blicke gedankenlos über das Zeitungsblatt hinschweifend. Mit der Spitze seines Fußes klopfte er ungeduldig im Takt auf das Parkett.

So ein harter trockner Ton.

Isolde wurde ganz nervös davon.

Mama sagt: »Heut kommt Papa aber spät. Das Abendessen wird uns verderben.«

Dann saßen alle drei wieder ganz still eine lange Zeit.

»Karl, klopf nicht so mit dem Fuß auf,« bat Isolde.

Draußen an der Hausthür schellte es auf eine eigentümliche Weise.

310 »Das ist Papa nicht,« sagt Isolde.

Alle drei schauen wie erschreckt, wie unangenehm berührt.

»Nein, das ist Papa nicht,« sagt Mama auch. »Bewahre.«

»Na, und dreiviertel auf zehn wär's jetzt glücklich.« Karl war sehr ungeduldig geworden.

*

Da that sich die Thür auf. Das Zimmermädchen erschien in blendend weißer, festtäglicher Schürze. »Nun,« – Isolde wollte weiter fragen, da sah sie in ein paar wirre entsetzte Augen, in ein erdfahles Gesicht.

Sie fragten jetzt alle drei beunruhigt: »Nun? Was denn? Was ist denn?«

Das starre, erdfahle Gesicht über der weißen Schürze veränderte sich nicht. Die Lippen bewegten sich, um zu sprechen, brachten aber keinen Ton hervor.

»Nun,« fragte Karl, »was ist denn eigentlich los?«

311 Und da kam es – in abgerissenen, unklaren Worten.

Dem Herrn war was passiert.

Alle drei hatten sich von den Stühlen erhoben und standen und starrten im ersten Augenblick.

Das Hirn will das Schwere nicht ins Bewußtsein aufnehmen, das Leben soll behaglich sein, gleichmäßig. Nur keinen Schreck, keine schlimmen Überraschungen, das empört, das lähmt.

Da drangen Geräusche bis in den Salon, ungeschickte, schwere, fremde Schritte.

Karl stürzte zur Thür.

Bebend, flüsternd sagte Isolde etwas und faßte heftig nach der Hand des Mädchens.

Die starrte ohne Erwiederung – aber der Druck ihrer Hand sagte alles.

Da wendete Isolde ihre Blicke auf die Mutter. Die stand noch unbeweglich – nach irgend einem Halt mit ratlosen Augen suchend.

312 Isolde trat zu ihr, schlang den Arm um ihre Schultern, um sie zu stützen.

Karl hatte das Zimmer verlassen.

Die Thür war angelehnt geblieben, die Schritte draußen drangen jetzt deutlicher schwer in den Salon.

»Soll der Herr in sein Schlafzimmer gebracht werden?« fragte das Mädchen.

Mama ging jetzt, auf Isolde gestützt, zur Thür hinaus. Es lag etwas Hausfräuliches in der Art, wie sie das that, etwas Geschäftiges – ihre alte Weise. Es gab für sie zu thun. Es mußte für einen Gast gesorgt werden.

Drei Männer hatten Doktor Frey aus der Droschke die Treppe heraufgebracht. Ein Droschkenkutscher, ein Dienstmann und ein Herr hielten den schlaff herabhängenden Arm des Toten gefaßt.

Die Hand des Toten hielt ein mit weißem Wollpelz überzogenes Schäfchen mit rotem Halsband, ein Spielzeug, umklammert.

313 »Er soll in sein Schlafzimmer gebracht werden,« sagte Mama langsam, völlig klanglos.

Karl stand verblüfft, der Schreck und der Schmerz ließen seine Züge merkwürdig dumm und ratlos im Ausdruck erscheinen.

Die drei Männer folgten Frau Doktor Frey und Isolde.

Jetzt hatte auch Karl seinen Vater mit angefaßt und blickte in das bläuliche, schlappe Gesicht und auf den haltlosen Körper, der einer großen, schweren Masse glich.

Der Droschkenkutscher sagte etwas, um seine Teilnahme auszudrücken, etwas von einem »bösen heiligen Christ« – das klang schaurig, wie die Stimme aus einem alten Märchen.

Mamas in sich gekehrtes Benehmen stach wunderlich gegen das Betragen aller übrigen Personen ab.

Das Hausgesinde war so außer sich, daß ein lautes Schluchzen und Heulen den Raum erfüllte.

Karl hatte das Dumme, Ratlose, Verblüffte in den Zügen.

314 Isolde war vor Entsetzen ganz überwältigt, wich keinen Schritt von ihrer Mutter – nicht mehr sie zu stützen, um von ihr gestützt zu werden. Und da war über Mama wieder das Nachttierhafte, Geheimnisvolle gekommen, vor dem Isolde vor Jahren sich so gefürchtet hatte.

Wie oft hatte Mama in der langen Ehe ihren Mann tief in der Nacht empfangen, wenn er zu ihr zurückgekehrt war, ohne daß ihr von seiner Seele, seinem Wesen auch nur ein Teilchen mehr gehört hätte, als jetzt. Sein Körper war zu ihr zurückgekehrt – sein für sie toter Körper, nicht anders als heute – nein – nicht anders.

Ihre Ruhe war die Ruhe langen, stummen Leidens, einer langen, schweren Erfahrung.

Sie hatten ihn auf sein Bett ausgestreckt und der Herr, der sich als Arzt vorstellte, versuchte das weiße Wollschaf aus der Hand des Toten zu lösen. Es war ein so ganz unmöglicher Anblick, die gelbe Totenhand um das lächerliche Ding geklammert zu sehn; so leidenschaftlich geklammert, 315 wie der Mensch die lächerlichen Dinge des Lebens umklammert hält.

Es gelang ihm nicht Doktor Frey von diesem komisch grausigen Anhängsel zu befreien.

»Lassen Sie doch,« sagte Mama. Sie hatte den Blick nicht von dieser gelben, armen Hand mit ihrem Spielzeug gewendet.

Jetzt sprach der Arzt mit Karl, gewissermaßen als mit dem männlichen Oberhaupt der Familie. Er bot seine weitere Hilfe an und that allerhand geflüsterte Fragen. Dann ging er, ein Mann in Amt und Würden, der augenblickliche Beistand der schwer getroffenen Familie.

Isolde lag erschüttert in einem Stuhl, das Gesicht in die Hände vergraben.

Karl ging im Zimmer hin und her und schaffte den Rock des Vaters, den dieser vor dem Ausgehen über den Stuhl vor dem Bett geworfen hatte, stumpf und unbewußt beiseite. Darauf goß er ein halbgefülltes Wasserglas gedankenlos ins Waschbecken. Er machte, wie es schien, Ordnung. 316 Seine Züge verloren für keinen Augenblick das Verblüffte.

Mama kniete neben der Leiche ihres Mannes nieder, nahm die schwere Hand des Toten sanft in die Höhe und versuchte den starren Fingern das Spielzeug zu nehmen. Durch einen Zufall wohl, gelang es ihr leicht. Isolde schaute entsetzt ihrem Thun zu, auch Karl.

Jetzt legte sie die Hand still behutsam zurück und blickte auf.

Ihre beiden Kinder sahen in ein bleiches, rührendes Gesicht, auf das der Schmerz, oder sonst ein Gefühl, einen Jugendhauch gelegt hatte.

Es war der Ausdruck einer weltfremden Nonne, die von Dingen sprechen sollte, die ihr nicht über die Lippen wollten, von sündhaften, schweren Dingen. Die Lippen regten sich wohl schon, – die Worte fehlten noch. Wie hilfesuchend blickte sie auf Karl und Isolde.

»Laßt es ihn nicht entgelten,« sagte sie leise 317 bittend, – »der Vater hatte da was Liebes. Es ist da auch ein Bübchen.«

Sie zeigte auf das kleine Schäfchen wie zur Erläuterung.

So kniete Mama vor ihren Kindern. Die Hände legten sich ihr bei ihrer großen Bitte wie zum Gebet zusammen.

Isolde stürzte mit einem Strom von Thränen zu ihr hin und schlang die Arme um sie und erstickte Mama fast mit ihrer Liebe.

Nun kannte sie Mama. Da lag die arme Seele vor ihr, geläutert wie reines Gold – ganz ausgeglüht. – Weltfremd.

Ihr Lebtag bedrückt und mißachtet, haftete nichts an dieser Seele von Wissen und Macht, nichts, wovon sie irgend eine Ehre hätte; – aber stärker schien da etwas zu sein, als alles Starke auf Erden: das große Welt- und Schmerzüberwindende lag in ihr. Es war in ihr etwas geworden, durch Bedrückung und Mißachtung, etwas so Junges in dieser alten Welt, in der alle 318 Kräfte beladen und ausgenutzt sind, etwas so Unbelastetes.

Isolde hing schluchzend wie in einer erlösenden, seligen Extase an Mama. Ihre Seele verschmolz mit Mamas Seele.

Das war so rein und stark, was sie da in Mama verstand und empfand, so vornehm.

Nichts Größeres auf Erden als Weib sein!

Sie empfand die Kraft ihrer armen Mama, als könne solche Kraft, die alte, müde Menschheit, wenn sie sich frei und bewußt über sie ergösse, erlösen und verjüngen; die Kraft, die in ihrer unscheinbaren, gedrückten Mama verschüttet und begraben war. 319

 


 

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