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Halbtier!

Helene Böhlau: Halbtier! - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleHalbtier!
authorHelene Böhlau
year1902
firstpub1899
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleHalbtier!
pages360
created20140318
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10.

Als Isolde spät abends in dieser Maienzeit mit dem letzten Zug aus Ludwigshöhe nach Haus zurückgekehrt war, befand sie sich in einer wunderlichen Stimmung.

Sie hatte heut ein Stück aus dem Werke ihres guten Freundes gehört.

Das war nicht die Arbeit eines modernen Menschen. So mochte Angelus Silesius gearbeitet haben.

Das war die Offenbarung eines Menschen, der wie die Natur schafft, ohne Eitelkeit, ohne Ehrgeiz, ohne Hast. Das, was er erkannt hat, legt er nieder in einer Form, die mit dem Inhalt in eins wächst, ein ganzes Leben der Erkenntnis.

259 Wie schön war es da oben gewesen, auf der Insel der Seligen!

Wie glücklich hatten sie zusammengesessen! Lu in ihrer rührend überirdischen Liebe die Hand ihres Mannes haltend, als er las. Dann war sie leise zu Isolde gegangen und hatte deren Kopf an ihre Brust gedrückt.

Wie konnte diese Frau schön sein, wenn es ihr in ihrer großen Liebe wohl auf Erden wurde.

Jede Bewegung von einer süßen, tiefen Zärtlichkeit; in jeder Silbe Wonne und lebendiger Frieden.

Isolde hatte daran gedacht, daß Mrs. Wendland einmal sagte: »Wenn ich die Lu mir vorstelle, seh ich, daß sie genagelt ist an ein Kreuz, mit tausend Rosen überdeckt, ein Golgatha, ganz in Rosen.«

Isolden erschien es immer, als würde der Haushalt da oben in Ludwigshöhe von einem großen Kinde geführt.

Nachdem sie so weltentrückt bei einander 260 gesessen und eine Stunde erlebt hatten, wie sie schöner und reiner auf Erden nicht zu denken ist – Isoldes Buddha hatte auf sie niedergeblickt und wie ein Licht im Zimmer geleuchtet – da war Frau Lu mit einer Schüssel voll Schlagsahne aufgetaucht und einer Kanne holländischen Kakao. Schlagsahne und Kakao gab es da oben immer in der größten Seligkeit und auch wenn sie Kummer hatten. Es war eine ganz naive Art zu leben, die von Frau Lu ausging. Ihren Mann behandelte sie auch so naiv mütterlich. Jedenfalls für sie die bequemste Form, ihre strahlende Wärme auf ihn zu richten.

Er wendete sich auch in allem an sie wie an eine Mutter.

Von ihrer Arbeit stand sie auf, kam ganz unvermittelt herein zu ihm und fragte. »Bist du auch wirklich gut zu mir? Hast du mich lieb? Wird alles gut?«

»Es ist alles gut,« sagte er dann.

»Verzeih,« sie durfte nicht fragen. »Ist dir 261 auch ein bisserl wohl? Und das wollte ich noch fragen: Nach dem Bad fühlst du dich doch etwa wie nach einem Spaziergang? – so wie neu? Was?

Weißt du, du mußt mir das immer sagen, dann bin ich nachher viel froher.«

Sie lebte immer in der großen Sehnsucht nach Sonne, nach Sorglosigkeit.

Isolde kam so warmen, weichen Herzens von ihren Freunden zurück, so erfüllt von allem Guten.

Dazu heute der milde duftende Maiabend. Schwere bange Wolken am Himmel, Sternaufflimmern und ein Rauschen der neuen Laubmassen.

Sie fuhr in offener Droschke vom Bahnhof nach Hause.

Mama schlief schon, der Vater war auswärts.

Isolde seufzte auf. Seit Mama die Sorgen losgeworden, war sie immer leidend und oft weinerlicher, kleinmütiger Stimmung. Isolde hatte es nicht leicht mit ihr.

Mama war eine so unbewegliche müde Seele 262 geworden, die sich wie ein Bleigewicht an eine junge Kraft hing. Der Vater lebte, wie er es von je her gethan hatte, nur andern Stils jetzt.

Er hatte sein Heim in Berlin, wie in München, und genoß den Umschwung der Vermögensverhältnisse seiner Frau auf das Energischste.

Der Frau selbst waren die Fähigkeiten, zu genießen, abgestorben, so gar der gute Appetit. Mama war meist leidend und mußte knappe Diät halten.

Die Kräfte aufgebraucht, die Sinne stumpf, so stand sie dem Schicksal gegenüber, wie der Mann ohne Löffel, wenn es Brei regnet. Das war, wenn auch unbewußt, der Grund eines tief innerlichen Mißmutes.

Isolde trat in ihr stilles, ganz von lauem Maienduft erfülltes Zimmer. Vom englischen Garten brachte die feuchte Nachtluft ganze Wolken frischen Laubatems. Sie legte die Hände übers Haupt. Wie empfand sie heute das Frühjahr so stark! Es war etwas Beseligtes in ihr und in 263 dieser Beseligung eine so wehe, weiche Sehnsucht. Sehnsucht nach Liebe, nach zärtlichen Händen, anschmiegen, Einswerden mit dem andern. Sie wollte tief, tief lieben; nur nicht etwas Halbes!

Ein arbeitendes Weib ohne Liebe! O, nein! Sie lächelte. Nein, sie wollte das ganze Leben haben, das volle, das bis an den Rand volle.

Sie sah ihr Gesicht im Spiegel. Wie beruhigend, welcher Trost, daß sie schön war. Jetzt sollte der kommen, der sie lieben würde – den sie lieben würde. Sie war bereit.

Sie stand fest, da wo sie wollte. Nein, von hier verdrängte sie nichts mehr.

Jetzt konnte sie lieben! Wie jung sie war! Solch eine Jugend, die schwer an all dem trug, was sie besaß, wie eine beladene Biene, die aus Blumenkelchen kommt. So viel Macht und Willen – und ihr Können! – und die göttlichen selbständigen Stunden! Diese Seelenräusche, die einsamen, in denen ihre Seele untertauchte und badete, und denen sie glückselig und stark entstieg.

264 Ein Jubel in ihr!

Sie hielt immer noch die Hände über dem Haupt gefaltet.

Ja, jetzt durfte er kommen, der, den sie lieben würde, – jetzt!

Ihr Leben sollte reich und schön werden.

Da kam ihr die Erinnerung, wie sie als Kind vor Henry Mengersens Radierungen gestanden, zum ersten Mal vom großen Geheimnis der Liebe rein berührt, nach jenem frühlingshaften Koboldstreiben unter den Schulmädchen; und wie sie nach Haus gelaufen war, das arme junge Herz zerspringend voll von dem Gefühl: das Herrlichste auf Erden ist Weib sein! – sich opfern!

»Ja, ja,« sagte sie leise, »nur anders. Noch größer muß das Opfer sein. Menschlicher, schöner, bewußter.«

Da lag ein Brief, den sie übersehen hatte.

Sie nahm ihn, schaute auf die Adresse. Eine fremde Hand. Eine Bangigkeit stieg ihr wie von 265 diesem Briefe auf – etwas sie Überschauerndes, Sonderbares.

So erregt war sie in diesen dunkeln Frühlingsstunden!

Eine Frauenschrift – eine gelenke Schrift ohne Charakter, mit blaßbrauner, gewässerter Tinte geschrieben.

»Ein Bettelbrief,« sagte sie sich und öffnete ihn.

»Liebes, hochgeehrtes Fräulein!« las sie.

»Verzeihen Sie einer Ihnen ganz Unbekannten, daß sie sich an Sie wendet. Eine feine junge Dame, wie Sie, lebt so anders wie unsereins und wird sich sehr verwundern. Mißachten Sie mich nicht, ich bitt' Sie recht herzlich darum. Ich steh ganz allein und, liebes Fräulein, ich bitt Sie noch einmal recht herzlich, sein Sie so gut und denken Sie nicht schlecht von mir. Ich bin ein armes Mädchen. Es ist mir immer schlecht und knapp im Leben gegangen. Ich bin Ladnerin und auch Buchhalterin bisher gewesen 266 und kenne Sie auch, gnädiges Fräulein. Sie haben manchmal unser Geschäft besucht.

Ich bin in Hoffnung, damit ich's nur gesagt hab. Ich hab keinen Pfennig Geld in der Hand und meine Entbindung kann ich jede Stunde erwarten. Glauben Sie mir, nur in der größten Not und Angst wend ich mich an Sie. Die Hebamme, wo ich seit ein paar Tagen wohne, will mich nicht behalten, weil ich ganz mittellos bin. Sie will mich in die Anstalt in der Sonnenstraße schaffen.

Du lieber, guter, barmherziger Gott! Haben Sie Mitleid mit mir!

Ich weiß nicht aus und ein vor Angst. Ich bin guter Leute Kind. Die Eltern sind gestorben. Retten Sie mich, gutes, liebes Fräulein, daß mir das nicht geschieht. Ich stürb vor Scham. Thun Sie was für mich! Der Vater von meinem Kind will nichts mehr von mir wissen. Er hat jetzt eine Andre.

Ach daß er's zuläßt, daß ich dort 267 niederkommen soll! so nackt und bloß vor aller Augen. Die Hebamme sagt, der Kopf wird einem verdeckt! – Es ist doch auch sein Kind, er hat mich doch einmal gemocht.

Liebes, gutes, barmherziges Fräulein, thun Sie was für mich! Ich bitt Sie so sehr ich kann, mit aufgehobenen Händen. Gott lohns Ihnen, liebes Fräulein.«

Hier folgte die Adresse der Hebamme und als Nachschrift stand: »Fragen Sie nur nach dem blonden Mädchen aus Aussee.«

Ja, von diesem Brief stieg es bang und schwer auf. Als wenn zwei arme, zitternde Hände sie faßten und zur Thüre drängten, so empfand sie's:

»Geh – geh – ach geh doch!«

Sie fühlte sich wie nicht allein in ihrem Zimmer. Das, was aus dem Briefe aufgestiegen, erfüllte es ganz und gar, war leibhaftig da, so weh, so hilflos, hilfesuchend.

Und sie ging.

Da stand sie im Vorhaus, warf im gehen 268 ihren leichten Abendmantel um. Ihr Käppchen stülpte sie auf.

Unter den hohen, flüsternden Pappeln der Leopoldstraße schaute sie noch einmal zum Hause zurück und bemerkte in dem Zimmer ihres Bruders Licht. Der war merkwürdiger Weise schon um diese Zeit zurückgekehrt. Die Fensterflügel standen offen.

Er hatte die Hausthür wohl gehen hören, war ans Fenster getreten und mußte sie bemerkt haben, denn er bog sich hinaus und schaute ihr nach, rief ihren Namen mit einer ganz sonderbaren Betonung, die sie lächeln machte. Jetzt beschleunigte sie ihre Schritte, denn sie fürchtete, er könnte auf den Gedanken kommen, ihr zu folgen.

Am Odeonsplatz nahm sie eine Droschke und fuhr durch die stillen, nächtlichen Straßen; im langsamen Trab ging es vorwärts. Ihr Herz klopfte der fremden Not entgegen.

Vor einem Hause in der Buttermelcherstraße 269 ließ sie halten. Die rote Laterne einer Hebamme leuchtete dort.

Auf Isoldens Läuten öffnete sich die Hausthür und eine starke Person in einem verschabten Prinzeßmorgenkleid, das sie mit einer ordinären Petroleumlampe beleuchtete, trat halbwegs auf die Straße hinaus.

Isolde fragte nach dem Mädchen.

Die Augen der Frau bohrten sich in Isoldens Erscheinung ein, als wollten sie mit einem Blick durchschauen, wie das vornehme, junge Mädchen mit der armen Ladnerin zusammenhing. Was wollte die denn jetzt?

»Wohnt nicht mehr hier?« fragte Isolde enttäuscht.

»Ich habe sie heut in die Sonnenstraße gebracht, gnädiges Fräulein. Da ist sie wohl aufgehoben, besser dran als bei mir. Sehn Sie, unsereins muß oft mehr herhalten als recht ist. Die jungen Mädchen, – wie das so ist, – sparen thuns net, mit ei'mal stehns vor der 270 Bescherung. Da soll die Hebamme herhalten. Wenns irgend angeht, hat er sich bei Zeiten gedrückt. Wissens Fräulein – verzeihens; wir sind doch auch net da, um alles auszubaden. Für solche ist eben die Anstalt in der Sonnenstraße. Möcht wissen für wen sonsten, wenn net für die!«

Die Frau war noch in dem Eifer, den sie angewandt haben mochte, um das unglückliche Mädchen loszuwerden und anzubringen.

»Ich zahl für sie,« sagte Isolde. »Holen Sie sie wieder zu sich. Benutzen Sie gleich meine Droschke. Fahren Sie sofort.«

Isolde war es, als wenn wieder zwei arme, arme Hände sich an sie legten und sie rührend drängten.

»Ein paar Stunden, wanns früher gekommen wären. Jetzt glaub i net. – I mein mal net.«

»Ich zahl für sie,« wiederholte Isolde noch einmal. »Mein Name ist Isolde Frey.«

Da stutzte die Frau eigentümlich.

271 »Erlaubens, Frey? wenn ich recht gehört habe?«

»Ja, Frey, Leopoldstraße.«

Die Frau schaute Isolden ganz perplex an, schloß die Hausthür, die noch ein wenig offen stand, stellte die Lampe auf den Fußboden neben sich hin und sagte: »Also vom Herrn Bruder geschickt?«

»Von meinem Bruder?« fragte Isolde verständnislos.

»Herr Studiosus Karl Frey?« fragte die Frau noch einmal.

»Das ist mein Bruder.«

»No also! Und der ist auch der Vater von dem Mädchen seinem Kind. So weit als ich die Kleine kenne, ist sie ganz a sauberes Madel, das was auf sich hält. Also da hat er doch noch ein Einsehn gehabt. Ja, die ganz jungen Herren die sind a Kreuz für'n Mädel.«

Isolde war in der größten Verwirrung. »Ich fahr zu ihr, ich bring sie!« sagte sie heftig. 272 »Kommen Sie nach.« Sie drückte der Hebamme zehn Mark in die Hand. »Alles wird gezahlt.«

*

Als Isolde mit zitternder Hand nach der Klingel an dem eisernen Gitterthore des roten Hauses in der Sonnenstraße suchte, schlug ihr das Herz zum zerspringen. Sie war wie im Fieber.

»Unmöglich!« sagte sie immer von neuem leise vor sich hin. – »Unmöglich – unmöglich!«

Ein Grausen vor ihrem Bruder stieg in ihr auf.

Dies blonde, joviale Gesicht – das breite Lächeln, die Wohlbehäbigkeit, die Überhebung in jedem Wort, die herablassende Höflichkeit gegen die Mutter und sie selbst!

Und nichts hatte man diesem Gesicht angesehen, diesem breiten, frechen Gesicht. So behaglich wie immer hatte er dieser Tage ausgesehn, dieselben dummen, faden Witze, dasselbe rekeln und dehnen daheim.

273 Und seine plumpen Fäuste hatten sich von solch' einem armen, unseligen Herzen losgemacht und seine plumpen Füße waren über ein Menschenwesen hingegangen, das sich ihm in Liebe gegeben hatte!

Als die Thüre geöffnet wurde, konnte Isolde nicht sogleich zu Worte kommen. Dann erfuhr sie das »zu spät«.

»Die müssens schon jetzt hierlassen.«

Isolde stand ratlos.

Die Thüre wurde geschlossen.

Isolde zahlte dem Kutscher. Sie wollte nach Hause gehen. Ja, sie mußte gehen, ihre eigenen Füße gebrauchen, um weiter zu kommen.

Das Kind ihres Bruders wurde da drin in dem Haus geboren von einem armen, ganz verlassenen, preisgegebenen Geschöpf. Weil sie arm war, mußte sie alles über sich ergehen lassen, was an Entsetzen auszudenken ist; weil man ihr Barmherzigkeit erwies, mußte sie mit dem Einzigen, was sie hatte, mit der Scham ihrer armen Seele überzahlen.

274 Ihre Schmerzen, ihre Todesnot wurden kühl beobachtet, notiert, vielleicht belächelt. Welche Einsamkeit!

Das hatte ihr Bruder der angethan, die er geliebt! die ihm jetzt sein Kind gebar.

In Isoldens Seele wurde etwas starr. In ihren Schläfen hämmerte es vor Empörung. Sie ging, als berührte sie den Boden nicht.

Jeder Blick, den sie heute ins Leben that, in das, was die Menschen »Leben« nennen: Ekel!

Eine Welt für Bestien, für Raubtiere, die einander würgen und die dann fragen: »Wie ist das Böse nur auf unsre gute Welt gekommen!«

Da dachte sie an ihren Freund, der seine Lebenskraft gab, um diesen wunderlichen stumpfen Hirnen die Sinne zu öffnen, dadurch daß er das Wunder und Geheimnis enthüllte, wie das Gute auf diese Welt des Fressens und Gefressenwerdens gekommen ist. Ein Wunder ohne gleichen!

*

275 Am andern Morgen, nach einer schlaflosen Nacht, wurde Isolde zur Mutter gerufen, die sich nicht wohl befand.

Es gab da zu trösten und zu ermutigen.

Die Mutter litt oft an einer plötzlichen nervösen Herzschwäche und war dann in tausend Ängsten um ihr Leben.

»Fühl nur, Isolde, wie der Puls wieder geht, fühl!«

»Garnicht so übel, was willst du denn, wie soll er denn gehn?«

»Meinst du?« fragte Mama aufatmend, »mir war, als wenn er ganz aussetzen thät. Geh bitt', reib mich mal ein bissel in der Herzgegend. Nimm aber Öl an die Finger. – Und dann die Hände – auch reiben – da zuckts und druckts bis in die Fingerspitzen. Ah – ah.« Mama stöhnte.

Isolde rieb und tröstete.

»Die Angst! die Angst! – ach Isolde! So was kannst du dir nicht vorstellen, wie das ist! Geh, gieb mir mein Brompulverl.«

276 »'s ist ja keins mehr da, du weißt ja.«

»Dann laß es in der Apotheke schnell machen; aber schnell ein bissel.«

Isolde ging, um es einem der Mädchen zu übergeben. Aus dem Vorsaal hörte sie im Speisezimmer ihren Bruder schelten.

Das Zimmermädchen, das den Theetisch zu besorgen hatte, kam aus der Thür.

»Der Lachsschinken für den jungen Herrn ist net vom Dallmeier geholt,« sagte sie.

Da that sich die Thür auf und Karl erschien auf der Schwelle. Er hatte Isolde gehört. »Möchte wissen,« rief er, »wie oft ichs noch wiederholen muß, daß ich keinen andern Schinken mag. Ich dächte Isolde, du thätest dir auch kein Bein ausreißen, wenn du den Dienstboten ein bissel besser auf die Finger passen thät'st!«

Isolde starrte den kauenden Bruder wie eine unbegreifliche Erscheinung an. Er wollte eben die Thüre wieder schließen. »Übrigens wo warst du gestern Abend?« fragte er barsch.

277 Isolde wendete ihm den Rücken. Karl schloß die Thüre heftig. Als Isolde endlich von allem, was diesen Morgen sie bedrängt und aufgehalten hatte, frei gekommen und bereit war, dahin zu gehen wohin es sie wie mit Händen zog, hörte sie ihren Bruder behaglich mit dem Vater lachen und plaudern.

Die Stunde nach dem Morgenthee verbrachten Vater und Sohn gewöhnlich im Frühstückszimmer, Zeitung lesend und rauchend. Isolden grauste es vor der vollen männlichen, sorglosen Stimme ihres Bruders, in der so viel Wohlbefinden lag.

Die behagliche Stimme verfolgte sie noch auf der Straße und trieb sie wie mit einer Peitsche an.

*

Und jetzt stand sie wieder vor dem stattlichen roten Haus und drückte wieder bang in schwerer Erregung auf die Klingel.

Sie that ihre Frage und bekam etwas zur Antwort, etwas, das ihr das Blut wie einen 278 Strahl zum Herzen trieb, und die Augen verdunkelte.

Sie hatten das Mädchen auf die Anatomie gebracht.

»Wie?« fragte Isolde verwirrt. »Ich will hin,« sagte sie.

»Heut könnens auch hin,« meinte die Person, die geöffnet hatte. »Aber ich möchts Ihna net raten.«

*

In einem öden, breiten Gang, wie sie offiziellen Gebäuden eigen sind, stand sie, bis eine Art Hausmeister sie in den Saal führte.

Ein kahler Raum, die untere Hälfte der Fensterscheiben mit weißer Ölfarbe verstrichen.

Die Wände grauweiß, lange graue Tische, grauer Steinboden – dort um den Tisch, da standen sie dicht gedrängt.

Da lag ihres Bruders Weib nackt vor kalten Blicken. Neben der Mutter, ihres Bruders Kind, wie eine welke Blütenknospe, formlos, schlaff.

279 Isolde drückte sich an die graue Wand und starrte auf die Gruppe junger Männer in weißen Röcken und auf den langgestreckten, nackten, zermarterten Leib.

Ein weißes, starres Gesicht mit geschlossenen Augen, die Stirn von blonden Löckchen umrahmt, lag wie im tiefen, reinen Schlaf, einen wehen, eisernen Schmerzenszug um die blauen Lippen.

Isolde starrte auf diesen Zug. Der Brief des armen Dings knisterte noch in ihrer Tasche. Sie faßte danach. Sie hielt ihn fest in der Hand, wie ein wichtiges Dokument.

Da fuhr ein furchtbarer Schnitt über Brust und Leib des toten Weibes. Das stille reine Gesicht mit den schweren, starren Augenlidern lag teilnahmlos, voll rührender Hoheit über all dem Entsetzen, dem blutigen Gräßlichen, was da geschah.

Da traf Isoldens Ohr ein Lachen, ein so widerlicher Witz. Der krallte sich in ihre Seele 280 ein und haftet da, ein Witz, so voller Weib-Verachtung.

Das jammervoll zerrissene, zermarterte Geschöpf hatte dazu herausgefordert. Der zu Tode gepeinigte Körper predigte vom Leiden des Weibes, von seinem Opfer.

Die Weißbeschürzten fühlten sich im Besitz strotzender Kräfte, strammer Jugend. Da lag der ganze Jammer des Weibes vor ihnen, war ihnen preisgegeben; und das stille Gesicht in seiner Hoheit, das die Welt und den Schmerz überwunden, was wollte das? Was sagte das?

›Du Schmerzenshoheit, du Todeshoheit!‹ dachte Isolde, ›wie stehst du doch über allem, bist größer als alles!‹

Sie hätte sterben mögen vor Ekel und Entsetzen, wäre dies stille Gesicht nicht gewesen.

Der zerrissene, unverhüllte Körper, der hier vor frechen kalten Blicken lag, war das Weib, dem alles ohne Scheu geboten werden konnte, 281 das Weib, das nie zur Menschenwürde noch gelangt war.

Etwas wie fanatischer Jubel regte sich in Isolde, weil sie zu den Niederen, den Erniedrigten gehörte.

Die Witze galten ihr! Sie teilte sich darein mit dem zerfetzten Leib dort!

Aber das stille, unberührte Antlitz mit dem furchtbar starren Zug leuchtete wie ein Licht unter den gemeinen, rohen, lebendigen Gesichtern.

Ihres Bruders kauendes Gesicht wurde überstrahlt wie von einer Sonne.

Da war etwas in dem Totenantlitz, etwas Sieghaftes. Und dies Sieghafte fühlte sie in sich selbst.

Sie preßte die Hände an ihre Brust.

Wie ein Schatten, wie in sich selbst verkrochen, stand sie ganz entrückt.

Es war ihr, als hörte sie ihren eignen Namen da an dem Tische mit Entrüstung aussprechen. 282 ›Es wird mich einer oder der andre wohl kennen‹, dachte sie kühl.

Ja, da ist etwas groß geworden im Weibe, – unüberwindlich, groß durch Schmach. Mitten in dem dummen, albernen, unentwickelten ist eine Kraft gewachsen, die Kraft, die durch Leiden, Verachtung, Verstoßung wächst.

Hellsehend überschaut Isolde das rechtlose. zum Halbtier herabgedrückte, geistberaubte, schmerzbeladne Weibtum dieser Welt.

Das lallende, unbewußte, demütige, dumme, niedere, das alles hinnimmt ohne Gegenwehr wie der blutige Leichnam dort.

Aber das heilige Weibantlitz, das unerschütterliche in diesem Antlitz, das war das Begeisternde – das Lebendige, die große Hoffnung.

Als vier Fäuste den Leichnam achtlos, ohne jede Barmherzigkeit, die der junge, schmerzzermarterte, verlassene Leib als heiliges Recht hätte verlangen dürfen, in eine Kiste warfen, wie etwas völlig Abgethanes und das Kind auf den 283 Körper der Mutter fallen ließen, und der flache Kistendeckel, der zum Sarg der Aller-Allerärmsten.gehört und den sie den »Nasentetscher« nennen, darüber gelegt wurde, da war die Tragödie zu Ende.

In Isolden stieg einen Augenblick der Gedanke auf, daß sie einen menschenwürdigen Sarg für den armen toten Leib besorgen wollte. – – Aber nein, daran nicht rühren! Sie ging, die ganze Seele voller Weltliebe, bereit sich zu opfern, – bereit, mit ihrem Leben einzustehen gegen die ganze Welt.

Und draußen war voller Frühling, Werdelust und Werdekraft in der warmen, sonnendurchströmten Luft.

Sie atmete tief, tief aus und ging an den gedankenlosen, hetzenden Menschen wie an Larven vorüber. Bis in die kleinste Faser war sie jetzt lebendig und wach, sich ihrer selbst bewußt, ihr Wille so mächtig. Alle Alltagsgesichter, die ihr begegneten, waren ihr wie durchsichtig, das dumpfe 284 Befangensein in diesen Köpfen fühlte sie. Wie Tote erschienen sie ihr alle, im Gegensatz zu sich selbst.

Sie aber lebte!

*

Sie blieb über Mittag in ihrem Atelier. Unmöglich hätte sie heut ihrem Bruder gegenübersitzen können.

In dem großen, weiten Atelier wanderte sie auf und nieder, durchmaß breite Strecken in diesem stundenlangen, unaufhörlichen Sich-hin-und-her-bewegen.

Über ihr webten und wirkten wieder die Schwalben mit ihren seidenen Tönen Fäden über den blauen Himmelsraum.

Wie sie ihr zu Herzen drangen, diese Sommerlaute!

Und immer dieses starke, weite, alles überwindende Lebendigsein! Dieser große Wille, dies Sich-opfern-wollen!

*

285 Erst am Abend wagte sie sich zaghaft nach Haus.

Im Wohnzimmer traf sie auf ihren Vater. Noch immer war er eine stattliche Persönlichkeit, mit einer Weltzufriedenheit im Auge jetzt, ein zufriedener Prophet.

Er trat auf sie zu, legte ihr die Hand weich auf die Schulter.

»Déesse! Extravaganzen! Du bist – da – heut gesehen worden, bestes Kind!«

Isolde blickte ihren Vater mit großen Augen an.

»Karln ist es mitgeteilt worden. Déesse! – Kind!«

Eine Würde sondergleichen ging von der mächtigen Persönlichkeit aus.

Isolde erwiderte mit keinem Wort.

Der Vater schwieg auch.

Seine volle, lebendige Hand lag noch immer auf Isoldens Schulter.

»Sag mal, Kind,« begann er wieder, »was ging das dich eigentlich an? Wie kommst du 286 darauf? Weißt du, Déesse, das ist im vollen Sinn eine Taktlosigkeit! Mir vollkommen unverständlich, wie du darauf gekommen bist. Spionierst du vielleicht? Kontrolierst du vielleicht auch . . . . .« Doktor Frey sprach nicht aus.

»Weißt du, mein Kind, Karl ist ein junger Mann – kein Pensionsmädel, braucht keine Governeß.

Hat der arme Junge Unglück gehabt – laß deine Finger davon. Laß ihn! Karl ist wild über dein Betragen. Meinst du denn, daß es ihm angenehm war von deiner Anwesenheit – dort – zu hören? Junge Leute untereinander! Teufel auch! Davon verstehst du nichts. – Was für ein Gesicht soll er denn machen. wenn das von dir erzählt wird?«

»Ja, – weißt du, Isolde, das ist denn doch zu toll!« das war Karl, der das sagte. Er stand in der Thür, voll, breit, schwerfällig, empört. Die Weste stand ihm offen. Sein Gesicht war stark gerötet. »Fahr du nur so fort mit deinen 287 Überspanntheiten, du verrücktes Huhn, das wird noch gut werden, du kannst so bleiben! Heirat endlich, damit man Ruh hat!« Er trat in das Zimmer zurück, aus dem er gekommen war und warf die Thür mit voller Gewalt ins Schloß.

»Ein ander Mal laß ihn ungeschoren,« sagte Doktor Frey. »Kein Mensch hätte von der Affaire gehört. Nicht eine Stunde wär der Frieden gestört, – und nun! Du weißt, daß ich Ärger im Haus nicht ertragen kann.«

Mama machte die Thür vorsichtig auf. »Ach Gott – was ist denn?«

Isolde steht bleich, in sich zusammengefaßt, wie eine Weltdame, die in einer leichten Unterhaltung gestört wird.

»Garnichts, liebe Mama. Nicht der Rede wert – etwas ganz Alltägliches.« 288

 


 

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