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Guy Mannering - der Roman eines Sterndeuters - Zweiter Band

Walter Scott: Guy Mannering - der Roman eines Sterndeuters - Zweiter Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleGuy Mannering - der Roman eines Sterndeuters - Zweiter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWalter Scott's Romane
volumeBand 30
translatorErich Walter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidff03a52b
created20070413
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Erstes Kapitel.

Niemand zeigte sich so eifrig, den Unbekannten zu entdecken, durch den Charles Hazlewood überfallen und verwundet worden war, als der einstige Schreiber und jetzige Laird von Ellangowan, Gilbert Glossin, zugleich auch wohlbestallter Friedensrichter und als solcher ohne Widerrede auch völlig befugt dazu. Er hatte der Gründe mancherlei, die ihn dazu trieben; nach allem aber, wie wir ihn bisher kennen gelernt haben, wird wohl die Liebe zur Gerechtigkeit nicht der Beweggrund dazu gewesen sein.

Glossin sah sich in seinen Erwartungen trotz allem schließlich bitter getäuscht; und wenngleich er durch seine Ränke in den Besitz der Gutsherrschaft seines alten Wohltäters gekommen war, so hatte sich doch nicht alles nach seinem Wunsche gestaltet, und es war ihm durchaus nicht leicht und behaglich zu mute. Saß er zu Hause mit sich allein, wo so manches ihn an die alten Zeiten gemahnte, so stiegen allerhand Gedanken in ihm auf, doch nicht immer solche froher Natur, und nicht immer meinte er sich zu der ihm gelungenen List gratulieren zu dürfen; denn wenn er die Blicke um sich her schweifen ließ, so nahm er nicht ohne lebhaften Verdruß wahr, daß ihm die Landedelleute aus dem Wege gingen; und nachdem ihm Ellangowan gerichtlich zugesprochen worden war, meinte er doch, sich zu ihnen rechnen zu dürfen; aber er merkte, daß sie ihn aus ihrer gesellschaftlichen Sphäre ausgeschlossen, daß er in der Oeffentlichkeit gemieden, ja bei fast allen Gelegenheiten mit Kälte und Verachtung behandelt wurde. Grundsätze und Vorurteile waren die Faktoren, die solche Abneigung weckten, denn die Landedelleute sahen ihn über die Achsel an, weil sie ihn nicht für ebenbürtig hielten, und haßten ihn, weil sie die Mittel verabscheuten, durch die er sich sein Vermögen verschafft hatte. Weit schlimmer jedoch stand es mit seinem Ansehen noch bei den unteren Volksklassen, die ihn weder nach seiner Herrschaft Ellangowan nennen, noch ihm auch nur den »Herrn« vor seinem Namen vergönnen wollten; bei ihnen war er »der Glossin« und nichts mehr; aber in seinem eitlen Sinne lag ihm an dieser Kleinigkeit so außerordentlich viel, daß er einmal einem Bettler, der ihn dreimal als den gnädigen Laird von Ellangowan um ein Almosen angebettelt hatte, eine halbe Krone gab. Diese Verweigerung aller öffentlichen Achtung ging ihm um so tiefer zu Herzen, als er doch immer vor Augen hatte, wie beliebt Mac Morlan, der doch bei weitem nicht so gut dastand wie er, bei arm und reich war und, wenn auch langsam, doch sicher in seinen Vermögensverhältnissen ebenso vorwärts kam, wie in seinem bürgerlichen Ansehen. Aber so sehr er sich über diese Vorurteile von Landjunkern, wie er sich ausdrückte, ärgerte, so war er doch klug genug, keine Klage darüber laut werden zu lassen. Die Zeit, dachte er, schwächt den Wert von Wundern ab und deckt über Vergehen den Mantel des Vergessens. Gewandt, wie jemand sein muß, der sein Glück durch die Erkenntnis der menschlichen Schwächen gemacht hat, nahm er sich vor, jede Gelegenheit zu ergreifen, sich sogar denjenigen nützlich zu machen, die ihn am wenigsten leiden konnten. Er rechnete auf seine Geschicklichkeit, auf die Streitsucht der Landedelleute, denen der Rat eines im Rechtswesen erfahrenen Mannes oft unschätzbar sein mußte, und auf tausend andere Umstände, die er mit Geduld und Klugheit zu seinem Vorteile benutzen zu können hoffte, und so glaubte er, daß es ihm auf diesem Wege mit der Zeit gelingen werde, seinen Nachbarn in einem günstigern Lichte zu erscheinen.

Der Angriff auf Mannerings Wohnung und der Unfall des jungen Hazlewood schienen ihm eine gute Gelegenheit darzubieten, der ganzen Gegend zu beweisen, welche wichtigen Dienste ein tätiger Beamter leisten könne, der mit dem Gesetze ebenso wohlbekannt sei, als mit den Gängen und Gewohnheiten der Schleichhändler. Seine Kenntnisse in letzter Hinsicht hatte er sich früher durch heimlichen Verkehr mit verschiedenen Genossen derselben und zwar solcher der schlimmsten Art erworben, bald indem er sich an ihren Unternehmungen direkt beteiligte, bald indem er ihnen zu solchen geraten oder auch allerhand Umstände dabei verraten hatte.

Da er aber diesen Umgang seit Jahren aufgegeben hatte, und solche Menschen ihr gefährliches Gewerbe bekanntlich selten lange treiben können oder in der Regel von einem Orte zum andern gejagt werden, so machte er sich keinerlei Sorge, durch seine Nachforschungen etwa alte gute Freunde, die mit ihm noch ein Hühnchen zu rupfen haben möchten, in Verlegenheit oder Unruhe zu setzen. Daß er mit solchen Subjekten und Schlichen in Beziehung gestanden, durfte ihn nach seiner Meinung nicht abhalten, seine Erfahrungen zum Nutzen des Gemeinwesens, wohl auch im eignen Interesse auszunützen. Daran hingegen, Mannerings Achtung und Gunst zu erwerben, mußte ihm vor allem liegen, noch wichtiger für ihn war es aber, in gute Beziehungen zum alten Hazlewood zu treten, der über großen Anhang in der Grafschaft verfügte; wenn es ihm nun gelang, die Schuldigen zu entdecken und dem Gerichte zur Bestrafung zu überliefern, so stand es außer Zweifel, daß ihm Mannering und Hazlewood näher treten müßten, und außerdem winkte ihm noch die Freude, Mac Morlan zu demütigen und zu übertrumpfen, denn diesem als Unter-Sheriff lag es noch mehr ob als ihm, in solcher Sache sich zu bemühen.

Glossin scheute keine Mühe, Mitglieder der Bande, die Woodbourne überfallen hatte, besonders aber dasjenige Subjekt ausfindig zu machen, von welchem Hazlewood verwundet worden war. Er setzte Prämien aus, gab Mittel und Wege bekannt, wie es seiner Meinung nach gelingen müsse, das Versteck der Uebeltäter zu ermitteln, und benutzte allen Einfluß auf alte Bekannte aus der Zeit seines Verkehrs mit den Schleichhändlern, ihnen klar zu machen, daß sie klüger täten, ein paar Leute, an denen nichts gelegen sei und die ihnen nichts mehr schaden oder nützen könnten, zu opfern, statt sich dem häßlichen Verdacht einer Mitschuld an solch empörender Missetat auszusetzen. Zunächst blieben all seine Bemühungen fruchtlos. Das niedere Volk war mit dem Schleichhandel zu eng verwachsen, daß sich jemand darunter hätte finden sollen, der als Zeuge vor Gericht in einer Sache hätte auftreten mögen, die alle Schmuggler auf die Beine bringen und ihm auf den Hals hetzen mußte. Nach einiger Zeit aber bekam Glossin, der die Hände nicht mehr ruhen ließ, Wind davon, daß ein Mann, auf den das Signalement von Hazlewoods Feinde ziemlich genau paßte, am Abend vor dem Ueberfall im Wirtshause zu Sippletringan aufhältlich gewesen sei. Glossin begab sich auf der Stelle dorthin. Frau Mac Candlish mochte, wie sich der Leser erinnern dürfte, von Glossin nicht viel wissen. Sie sagte ihm kaum guten Tag und ließ sich lange bitten und nötigen, bis sie sich dazu verstand, mit ihm in ihre Wohnstube zu gehen.

»Recht hübsch frisch heute früh, liebe Frau Candlish, aber herrliches Wetter,« begann Glossin die Unterhaltung.

»O ja, solchen Morgen kann man sich schon gefallen lassen,«

»Sagen Sie mal, liebe Frau Mac Candlish,« fragte er nun, »kommen die Herren Friedensrichter noch immer nach der Dienstagssitzung zu Ihnen zu Tisch?«

»O freilich, – warum sollten sie nicht? Sie werden wohl kommen wie immer,« versetzte die Wirtin trocken und schickte sich an, die Stube zu verlassen.

»Haben Sie es doch nicht so eilig, liebe Frau! Sie sind doch gewiß nicht böse, eine nette Tischgesellschaft einmal in jedem Monat bei sich zu sehen?«

»Sicher nicht, Herr Glossin, wenn es Herren sind, die sich sehen lassen dürfen –«

»Na, das sollt ich meinen, Gutsbesitzer und Leute, die in der Grafschaft eine Rolle spielen, meine ich; ich möchte solchen Mittagsklub einrichten.«

Frau Mac Candlish antwortete hierauf mit einem Husten, den man nicht gerade als Zeichen der Ablehnung aufzufassen brauchte, aus dem aber gewiß Zweifel herausklangen, ob zu so etwas ein Mann wie Glossin der rechte sei. Glossin fühlte das recht gut heraus, aber Empfindlichkeit hierüber merken zu lassen, war jetzt nicht an der Zeit ... »Der Verkehr auf der Landstraße läßt wohl noch immer nichts zu wünschen?« fuhr er fort; – »wohl auch heute viel Gesellschaft da?«

»O ja! die Gäste werden auf mich warten!«

»Nur ein Paar Sekunden noch, liebe Frau! Ein alter Kunde wie ich darf darum wohl bitten ... Hat nicht in der letzten Woche ein großer junger Mensch bei Ihnen logiert – oder genächtigt?«

»Das kann ich wirklich nicht sagen. Ich sehe mir meine Gäste nicht darauf an, ob sie lang oder kurz sind, sondern ob sie lange oder kurze Rechnungen machen.«

»Und wenn die Gäste für lange Rechnungen nicht sorgen, Frau Mac Candlish, dann tun Sie es – wie? – he! – – – Aber der junge Mensch, den ich meine, hat einen dunklen Rock mit blanken Knöpfen angehabt, hat hellbraunes Haar, blaue Augen und eine gerade Nase gehabt und ist zu Fuß gereist ohne Diener, ohne Gepäck. Auf solchen Gast müßten Sie sich doch besinnen können!«

»So etwas, Herr Glossin, kann man in einem Hause wie hier wirklich nicht im Kopfe behalten. Da gibt's doch mehr zu tun, als das, sich um Haar und Nase von Gästen zu bekümmern.«

»Nun, dann muß ich eben mit der Sprache herausrücken, Frau Mac Candlish! Dieser junge Mensch steht im Verdacht, sich eines Verbrechens schuldig gemacht zu haben – und ich als Friedensrichter muß solche Auskunft von Ihnen verlangen, und weigern Sie sie mir, dann kommt es zum Eide.«

»Aber ich darf, nicht schwören, Herr Glossin! Sie wissen doch, daß mein Mann – Gott habe ihn selig! sich zu dem presbyterianischen Glauben bekannte, und daß ich als seine Witwe mich zu einem andern Glauben nie bekennen darf und werde; wenn ich schwören soll, so muß ich mich erst bei unserm Geistlichen befragen, zumal es sich um ein so unschuldiges Menschenkind handelt, das so fremd und mutterseelenallein durch die Grafschaft pilgerte.«

»Nun, vielleicht kommen wir um Ihre Bedenklichkeiten herum, ohne den ehrwürdigen Pfarrer zu behelligen, wenn ich Ihnen sage, daß der Fremde, den wir suchen, kein anderer ist als der, der auf unsern jungen Hazlewood geschossen hat.«

»Heiliger Gott! Wer hätte so etwas von ihm gedacht! – Nein, hätte es sich um Geldschulden gehandelt, oder wären Differenzen mit Zöllnern im Spiele gewesen, so hätte mir nichts die Zunge lösen sollen; hat er aber wirklich den jungen Hazlewood angeschossen, – aber nein! von einem so gutmütigen Menschen, Herr Glossin, läßt sich das gar nicht annehmen – es handelt sich doch sicher bloß um irgend einen Kniff von Ihnen – Sie suchen nach irgend einer Handhabe, ihn ins Gefängnis zu bringen!«

»Sie haben, sehe ich, kein Vertrauen zu mir, Frau Mac Candlish. Wenn Sie aber diese Zeugenaussagen hier lesen möchten, wird es Ihnen nicht schwer fallen, Klarheit zu gewinnen, ob das Signalement des Verbrechers auf Ihren Gast paßt oder nicht.«

Die Wirtin las das Dokument, das ihr Glossin gab, aufmerksam, nahm auch einige Male die Brille ab, um einen Blick zum Himmel empor oder eine Träne aus dem Auge zu wischen, denn der junge Hazlewood hatte einen großen Stein bei ihr im Brett. »Ja freilich,« sagte sie dann, als sie mit Lesen fertig war, »wenn die Dinge so stehen, dann habe ich wahrlich keine Ursache mehr, dem Menschen das Wort zu reden. Guter Gott! können wir arme Menschen uns irren! Aber,« setzte sie nach längerer Pause hinzu, »sagen muß ich doch, daß ich nie im Leben ein Gesicht vor Augen gehabt habe, das mir besser gefallen hätte, und auch keins, das einen rechtschaffnern, ehrlichern Eindruck gemacht hätte. Ich bin der Meinung gewesen, es sei ein gar vornehmer Herr, der nur augenblicklich in Verlegenheit wäre. Aber wenn es sich so verhält, mag ich nichts mehr von ihm wissen. Dem armen Hazlewood eine Kugel in den Leib zu jagen, obendrein angesichts der beiden jungen Fräulein! Ach Gott, die armen Kinder! Muß das ein Schreck für sie gewesen sein! – Nein nein! von solchem Menschen mag ich nichts mehr wissen – absolut nichts mehr!«

»Sie räumen also ein, daß ein solcher Mensch in ihrem Gasthause logiert hat, und zwar in der Nacht vor der Missetat?«

»Gewiß! das ist richtig; und allen meinen Leuten hatte er's angetan mit seinem offenen Gesicht und ehrlichen Wesen. Verzehrt hat er freilich nicht viel, auch habe ich ihn zu einem Glas Tee eingeladen, das ich aber nicht mit auf die Rechnung gesetzt habe. Abendbrot hat er gar nicht gegessen, er wäre zu müde, sagte er, weil er die ganze vorige Nacht unterwegs gewesen. Weither schien er allerdings zu kommen.«

»Haben Sie vielleicht gehört, wie er heißt?« fiel ihr Glossin ins Wort.

»Gewiß – gewiß,« erwiderte die Wirtin, der nun auf einmal die Zunge gelöst war – »er sagte, es könnte passieren, daß eine alte Frau, die wie eine Zigeunerin aussähe, nach ihm fragte. – Ja, ja, wie es im Sprichworte heißt: sage mir, mit wem Du umgehst, und ich will Dir sagen, wer Du bist! Nein, solch abscheulicher Mensch! Und dabei hat er, als er früh am Tage aufbrach, seine Rechnung auf Heller und Pfennig bezahlt, auch der Hausmagd ein Trinkgeld gegeben!«

Glossin wurde ungeduldig und suchte die redselige Frau auf die Hauptsache zu bringen; sie aber schwatzte weiter . , . »Jawohl, er sagte, wenn solch alte Frau nach einem gewissen Brown fragen sollte, dann möchte ich nur sagen, er sei zum Creeran-See gegangen, um sich die Schlittschuhläufer anzusehen, und gegen Mittag würde er wieder da sein; aber zurückgekommen ist er nicht. Ich hatte ein junges Huhn und Schellfisch für ihn hergerichtet, was sonst nicht alle Tage bei mir vorkommt. Aber wer kann denn ahnen, was solcher Mensch im Schilde führt! Du mein Gott! auf solchen netten Menschen wie den jungen Hazlewood zu schießen!«

Glossin ließ der Frau reichlich Zeit, sich von ihrer Ueberraschung zu erholen und ihren Groll zu besänftigen, ehe er die weitere Frage stellte, »ob der unter solchem Verdacht stehende Fremde etwa Sachen oder Papiere bei ihr zurückgelassen habe.«

»Ach richtig, ein Päckchen, aber ein ganz kleines, hat er mir in Verwahrung gegeben; auch ein bißchen Geld; zu ein Paar Hemden nämlich, die ich ihm machen lassen sollte.« Glossin verlangte das Päckchen zu sehen; aber die Wirtin zog das Gesicht in Falten; der Gerechtigkeit, meinte sie, müsse freilich ihr Lauf gelassen werden; für Sachen aber, die ihr anvertraut worden, behielte sie die Verantwortung – sie wollte aber den Armenpfleger Bearcliffe holen lassen, und wenn Glossin ein Verzeichnis von den Sachen aufsetzen, oder, was ihr noch lieber wäre, alles versiegeln und in Bearcliffes Verwahrung lassen wollte, so wüßte sie nicht, ob sie sich dann noch Gedanken zu machen brauchte. Glossin sah ein, daß er auf andere Weise bei der starrsinnigen Frau nicht zum Ziele kommen werde, und ließ den Pfleger holen. Bearcliffe kam auch so flink, daß er sich gar nicht Zeit gelassen hatte, die kleine Perücke gerade zu rücken, die er gegen seine Ladenmütze vertauscht hatte. Frau Mac Candlish brachte nun das Päckchen zur Stelle, das Brown ihr in Verwahrsam gegeben hatte. Der Beutel, den die Zigeunerin Brown gegeben, befand sich darin, und als die Wirtin sah, welch wertvollen Inhalt das Päckchen barg, war sie doppelt froh über ihre Vorsicht; Glossin aber kam nun, den uneigennützigen, ehrlichen Mäkler spielend, selbst mit dem Rate, von allen Habseligkeiten des verdächtigen Menschen ein genaues Verzeichnis aufzunehmen und sie dann dem Pfleger in Gewahrsam zu geben, bis die höhere Behörde sie ihm abverlangen werde. Er selbst, bemerkte er, fühle nicht das mindeste Verlangen, für Dinge Verantwortlichkeit zu übernehmen, die scheinbar einen hohen Wert hätten, und die womöglich auf keine ehrliche Weise an sich gebracht seien.

Glossin untersuchte das Papier, in das der Beutel gewickelt gewesen, und fand den Namen »V. Brown« darauf vermerkt. Alles andere war weggerissen. So eifrig die junge Wirtin vorher gewesen war, dem jungen Menschen einen Rückhalt zu lassen, so begierig war sie jetzt, seine Flucht aufzuhalten, denn der Inhalt des Beutels weckte auch bei ihr Argwohn; ja, sie hielt mit der Meinung nicht hinter dem Berge, ihre Knechte müßten den Fremden an dem Tage, an welchem der junge Hazlewood verwundet worden, auf dem Eise gesehen haben.

Nun wurde zuerst unser alter Bekannter, der Fuhrknecht John, hereingerufen. Er bekannte, ohne Vorbehalt, an dem betreffenden Morgen einen Fremden, der abends vorher im Wirtshause eingekehrt war, auf dem Eise gesehen, auch mit ihm gesprochen zu haben.

»Und um was hat sich euer Gespräch gedreht?« fragte Glossin.

»Gedreht?« wiederholte der Knecht – »gedreht haben wir uns überhaupt nicht, sondern sind immer geradeaus gegangen.« »Schön! aber worüber habt ihr gesprochen?«

»Er hat gefragt, wie jeder Fremde fragt,« gab der Fuhrknecht zur Antwort, in den der verstockte Sinn gefahren zu sein schien, der vordem die Wirtin beherrscht hatte.

»Was denn?« fuhr ihn Glossin ungeduldig an,

»Na, nach den Leuten hat er gefragt, die auf dem Eise liefen, und nach dem Spiel hat er gefragt, und nach den Frauenzimmern hat er gefragt.«

»Nach was für Frauenzimmern?«

»Nun, nach Fräulein Julie Mannering und Fräulein Lucy Bertram, die Sie ja auch kennen, Herr Glossin. Die beiden Damen liefen mit dem jungen Laird von Hazlewood Schlittschuh.«

»Und was hast Du ihm für Bescheid gegeben?«

»Daß Fräulein Lucy eigentlich schwer reich sein müßte, wenn alles gut gegangen wäre, denn das Gut wäre ihr Erbteil gewesen, und daß Fräulein Julie den jungen Laird heiraten sollte. Sie hing gerade an seinem Arm, als ich ihm das sagte – und –«

»Und –? na – und was hat er darauf gesagt?«

»Er hat die beiden Mädel scharf gemustert und mich dann gefragt, ob es auch gewiß sei, daß Fräulein Mannering den Laird heirate. Ich habe ihm gesagt, es sei eine ausgemachte Sache, wüßte ich es doch von meiner Muhme, der Jenny Claverse – die kennen Sie doch auch, Herr Glossin, denn sie ist ja mit Ihnen gleichfalls verwandt – und die hat's von der Haushälterin in Woodbourne, die eine gute Bekannte von ihr ist.«

»Was hat der Fremde weiter gesagt, als Sie ihm das sagten?«

»Gar nichts hat er gesagt; bloß als die Frauenzimmer um den See gingen, hat er sie wieder angestiert, als ob er sie hätte fressen wollen. Dann ist er vom Eise weg, über den Kirchweg durchs Gehölz von Woodbourne gegangen, und wir haben nichts mehr von ihm gesehen.«

»Der muß ja ein steinhartes Herz haben!« rief die Wirtin, »den armen jungen Menschen vor den Augen der Braut anzuschießen!«

»O, dergleichen Fälle kennt die Justiz mehr,« antwortete Glossin; »jedenfalls hat er sich für seine Rache die Stelle gesucht, wo sie am sichersten traf!«

»Gott helf uns!« rief der Armenpfleger, »was sind wir doch für schwache Geschöpfe, wenn wir uns selbst überlassen sind! Wie kann ein Mensch vergessen, was in der Schrift steht: Mein ist die Rache, spricht der Herr, ich will vergelten.«

»Aber, ihr Herren,« meinte John, in seiner hartköpfigen Pfiffigkeit sichtlich bemüht, das Wild aufzutreiben, während die andern bloß auf den Busch klopften – »Sie dürften sich am Ende doch irren! Mir wenigstens will es nicht in den Kopf, daß jemand seinen Mitmenschen mit dessen eigenem Gewehre erschießt, wenn er's ihm erst dazu aus der Hand reißen muß. Ich bin nur ein schwacher Kerl, aber mir sollte der stärkste Mann in Schottland meine Flinte nicht aus der Hand reißen, ehe ich ihm nicht eine Kugel daraus durch die Rippen gejagt hätte.«

John ging, denn er wußte weiter nichts auszusagen. Die Aussage, die der Hausknecht machte, stimmte mit der von John gemachten so ziemlich überein. Glossin fragte, ob Brown an dem unglücklichen Morgen Waffen bei sich gehabt hätte; aber keiner von beiden Zeugen hatte außer dem kurzen Säbel, den der Fremde an der Seite gehabt, eine Waffe bei ihm gesehen.

»Ich muß Ihnen sagen, mein lieber Glossin,« nahm der Krämer und Pfleger das Wort und vergaß im Eifer, daß er einen Friedensrichter – noch dazu einen, der eben erst dazu ernannt wurden, – vor sich hatte, und faßte Glossin vertraulich am Rockknopfe: »Mir kommt die Geschichte immer wunderlicher vor! Wie kann einer mit solchem Käsemesser darauf ausgehen sollen, sich an jemand zu vergreifen?«

Glossin machte seinen Rockknopf von der Hand des Krämers frei und ließ, aber nicht unfreundlich, – denn es mußte ihm jetzt daran liegen, überall von sich die beste Meinung zu wecken – das Thema fallen, erkundigte sich nach dem Preise von Tee und Zucker und ließ ein Wort darüber fallen, daß er nicht abgeneigt sei, bei Bearcliffe seinen nächsten Jahresbedarf zu decken. Zunächst bestellte er bei Frau Candlish ein gutes Essen für eine Gesellschaft von fünf Personen, und drückte John, der ihm statt des Hausknechtes das Pferd hielt, eine halbe Krone in die Hand.

»Das muß wahr sein,« meinte der Krämer zu Frau Mac Candlish, als sie ihm einen Bittern eingoß; »der Teufel ist so böse nicht, wie man ihn macht. Es verdient immer Anerkennung, wenn sich jemand mit öffentlichen Dingen so eifrig befaßt wie Herr Glossin.«

»Das stimmt, Herr Bearcliffe, das stimmt,« Pflichtete die Wirtin bei, »und doch kommt's mir sonderbar vor, daß unsere Lairds solchem Manne ihre Angelegenheiten anvertrauen. Aber freilich, so lange das liebe Geld eben rund bleibt und rollt, so lange darf man es nicht so genau damit nehmen, was für ein Königskopf darauf geprägt ist.«

»Mir scheint, als ob Glossin nicht viel Ehre aus der Sache ernten wird,« meinte John, am Schenktische vorübergehend, »aber das tut der halben Krone keinen Abbruch, die er mir gegeben.«

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