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Gutenberg, die Erfindung des Typengusses und seine Frühdrucke

Georg Domel: Gutenberg, die Erfindung des Typengusses und seine Frühdrucke - Kapitel 9
Quellenangabe
authorGeorg Domel
titleGutenberg, die Erfindung des Typengusses und seine Frühdrucke
publisherVerlag von Heinrich Z. Gonski
year1921
printrunZweite, durchgesehene Auflage
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderW. Pieroth
created20170812
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Von der Drucktechnik

Hatten die ersten Drucker auch nur die alte Holzpresse, so haben sie es doch verstanden, mit diesem unvollkommnen Werkzeug recht beachtenswerte Leistungen hervorzubringen, die unsere Bewunderung herausfordern. – Als Gutenberg seine ersten Druckversuche ausführte, gab es keine Vorrichtung, mit Hilfe deren es ihm möglich gewesen wäre, das auszuführen, was ihm vorschwebte. Die ersten Holzschnitte wurden mittels des Reibers abgerieben; die leichte Hantierbarkeit dieser Druckform verlangte keine umständliche Druckbehandlung. Der Schriftsatz dagegen ließ sich nicht wie eine Holzplatte behandeln; er mußte auf eine feste Grundlage gestellt und gegen Auseinanderfallen geschützt werden· Dann erst konnte dadurch, daß man das zu bedruckende Material – wie Papier, Pergament oder Stoff – auf den Schriftsatz brachte, und von oben her mittels kräftigen Abdrucks – nicht stückweise von der Rückseite aus durch Abreiben – ein Abklatsch genommen werden. Der Erfinder hatte sich also eine vollständig neue Druckvorrichtung zu schaffen. Daß Gutenberg sich beim Bau der ersten Druckpresse die Holzspindel der Weinpresse zum Vorbild nahm, ist nicht allzu ernst aufzufassen. Auch andere Berufe bedienten sich damals der Spindel.

Abbildungen von Holzpressen, wie sie Gutenbergs Nachfolger benutzten, besitzen wir eine ganze Reihe. Der wiederholt erwähnte Jost Ammann hat uns auch hier ein glaubwürdiges Bildchen aus dem Jahre 1568 hinterlassen, wenngleich Josse (Jodokus) Bade zu Paris als Druckerzeichen eine Presse verwendete, das älteren Datums ist, nämlich vom Jahre 1520, die Einzelheiten aber nicht so deutlich zeigt. Danach bestand die Presse aus zwei senkrechten Stützen, die durch Querbalken miteinander verbunden waren; der Tiegel hing am unteren Ende einer Spindel, deren Gewinde im oberen Querbalken lief, und bestand aus einer sorgfältig bearbeiteten Holz- oder Metallplatte. Das Druckfundament, das die Form trägt, konnte wie auch heut bei der Handpresse unter die Mitte der Spindel zur Ausübung des Druckes gebracht oder aus der Presse herausbewegt werden, damit die Form mit Farbe und der Deckel mit dem Druckbogen versehen werden konnte. Die Badesche Presse zeigt das Rähmchen, ein am Deckel beweglich angebrachtes, dem Schutz und Halt des Bogens dienendes Teil, noch nicht; doch hat Jost Ammann dieses schon deutlich zur Abbildung gebracht. Auch (unnatürlich große) Punkturen vermag man zu unterscheiden, die bald in den ersten Jahren des Buchdrucks in Gebrauch kamen. Oberhalb des Tiegels an der Spindel befindet sich der Bengel, ein starker Hebel, dessen Anziehen das Niedergehen des Tiegels bewirkte, je nach geringerem oder kräftigerem Anziehen die Abstufungen ergebend, die bei Ausübung des Druckes nötig sind. War die höchste Spannung überwunden, so war die Druckform wieder frei und sie lag nach dem Herausdrehen des Fundaments zum Einfärben bereit, was dem zweiten an der Presse tätigen Drucker zukam, während der andere den gedruckten Bogen abzunehmen, den neuen Bogen aufzulegen und den Druck selbst auszuführen hatte.

Der Druck mittels der Schraubenspindel gibt die Möglichkeit großer Kraftübertragung. Zum vollen Ausdrucken von Schrift auf sprödem Papier oder Pergament gehört ein beträchtlicher Kraftaufwand. Die deutlich wahrnehmbare Schattierung auf alten Drucken gibt Zeugnis davon, daß es an der Anwendung von Druck nicht gefehlt hat. Wenn der Tiegel nur klein war und sich ohne zwangsläufige Führung bewegte, so mußte er, sofern keine volle Form zum Ausdrucken kam, selbst bei geringer Kraftanwendung kippen. Um diesen Übelstand zu vermeiden, halfen sich schon die alten Drucker durch Einsetzen von Satzstützen, wozu Schriftzeilen benutzt wurden, die – mitunter auf den Kopf gestellt – auf die Seitenhälfte zu stehen kamen, die keinen Text, sondern nur Blindmaterial enthielt. Bei Spaltensatz ließ man, wenn die Seite nicht voll auslief, die rechte Hälfte der Seite frei; man bedruckte also nicht wie heut die obere Hälfte, um die untere freizulassen.

Die Stützen standen oben und unten auf der leeren Spalte z. B. in Gerardus de Schueren, Vorabularius, gui intitulatur Teuthosnista, Arnold Therhoernen, Köln 1477. Daß auch ganze Stücke bereits ausgedruckten Satzes als Stützen Verwendung fanden, sei besonders erwähnt; sie ergeben vielfach erwünschten Aufschluß über die Druckfolge der Lagen und die vorhandene Schriftmenge. Sie wurden beim Druck nicht miteingefärbt, wohl aber konnte man die Buchstaben im blinden Abdruck erkennen. Daß dieses Hilfsmittel den Setzer veranlaßte, die zu Stützen verwendeten Typen in Worte zu formen, die Sinn gaben, lag sehr nahe. Dann wurde der Satz auch eingefärbt. Ein Beispiel erwähnt A. Schmidt in seinen Untersuchungen über die Buchdrucktechnik des 15.Jahrh. Bei Johann Bämler in Augsburg wurde 1473 die Histori von dem großen Alexander gedruckt. Der Setzer stellte hier als Stütze die Worte »Maria cum vns ze hilf amen dico« ein. In dem von Sweynheim und Pannartz im Kloster Subiaco 1467 gedruckten Werk »Augustinus de civitate christiana« ist als Stütze angebracht: »Deo gratias God. al.« Diese Buchstaben haben zu verschiedenen Erklärungen Veranlassung gegeben und für die wahrscheinlichste Lösung ist anzusehen, daß sie »God almechtig« bedeuten sollen.

Der Druck der ersten Werke erfolgte in einzelnen Seiten; das Vorbild der geschriebenen Bücher gab die Unterlage dazu, die Gepflogenheit beizubehalten, eine Seite nach der andern fertigzumachen. Die Größe der ersten Frühdrucke läßt auf ein kleines Format der Tiegels schließen; mit der Vergrößerung des Buchformats ging die der Presse und deren weitere Vervollkommnung Hand in Hand. Der Bau einer größeren Presse brachte jedenfalls keine unübersteiglichen Hindernisse mehr. Zwar wurde ein umfangreicheres Schriftmaterial nötig, dafür verringerte sich die Herstellungszeit, und das umständliche und lästige Warten auf ausgedruckten Satz fiel fort; allerlei Unannehmlichkeiten und Fehlerquellen, die beim seitenweisen Druck unvermeidlich waren, wurden eingeschränkt Wann man dazu überging, zwei Seiten zugleich zu drucken, ist nicht mit Sicherheit festgestellt; er kann angenommen werden, daß beim Druck der B 42, der Missalien und des Catholicons die Presse ein so großes Format hatte, daß man zwei Seiten gleichzeitig auszudrucken vermochte; bei dem Schöfferschen Missale vom Jahre 1483 läßt sich dies mit Bestimmtheit nachweisen. – Säulen und Querbalken mußten entsprechend verstärkt werden; die Presse wurde durch Stützbalken mit der Decke verbunden, damit sie der Kraftaufwendung Widerstand zu leisten vermochte. Wie unzureichend dieses Druckgerät aber mitunter war, geht aus einer Reihe von Drucken hervor, die Schrägliegen und Schiefstehen des Satzes zeigen; freilich spricht auch hier die Fähigkeit und das Bestreben des Druckers, etwas Einwandfreies zu schaffen, mit. Die Handpresse befähigte immerhin, so einfach sie in ihrer Bauart war, die alten Drucker zu Leistungen, die wir voll anerkennen müssen.

In den Straßburger Prozeß-Akten ist zum ersten Male von der Presse die Rede, die Sahsbach gefertigt hat. Dabei werden auch »zweven würbelin» erwähnt. Man ist nun geteilter Meinung, ob sich die Wirbel auf den Bau der Presse beziehen oder aber auf die Einrichtung des Rahmens. Andreas Heilman sagt zu Sahspach: »lieber Cunrat, do hastu die pressen gemaht vnd weist vmb die sache; do gang do hin vnd nym die stücke vß der pressen vnd zerlege su von einander, so weis nieman, was es ist.« Lorenz Beildeck sagt zu Claus Dritzehn: »Andreas Dritzehn, uwer bruder selige, hat iiis stücke vndenan inn einer pressen ligen, da hatt uch Hanns Guttemberg gebetten, das ir die daruß nement vnd off die presse legent von einander, so kan man nit gesehen, was das ist« Und an einer andern Stelle sagt derselbe Zeuge aus, daß ihn Gutenberg zu Claus Dritzehn gesandt hätte, er solle ihm sagen, »das er die presse die er hunder im hett, nieman oigete zoigete... . er solte sich bekumbern so vil vnd gon über die presse vnd die mit den zweyen würbelin vff dun, so vilent die stucke von einander. Dieselben stucke solt er dann in die presse oder vff die presse legen, so kunde darnach nieman gesehen noch ut gemerkten... « Es hat sich demnach die Bemerkung auf die Rahmenwirbel bezogen, nach deren Lösung der Satz auseinanderfiel und unkenntlich wurde. Wie aus den Aussagen hervorgeht, war Gutenberg bemüht, seine Arbeiten geheim zu halten; mit Auseinandernehmen der Formen war ihm mehr gedient als mit der Zerlegung der Presse, die außer zum Buchdruck auch zu andern Zwecken verwendet worden konnte. Die schweren Balken der Presse auseinanderzunehmen, war nebenbei bemerkt keine Kleinigkeit und belanglos, denn am Satz konnte jeder erkennen, was der Erfinder wollte.

So wenig Gutenberg eine brauchbare Presse vorfand, ebensowenig konnte er die bis dahin verwendete Farbe für seine Zwecke verwenden. Seine Drucke zeigen meist ein tiefes Schwarz von sammetartigem Glanz, mitunter ins Bräunliche spielend; der Farbton gibt den Drucken den eigenartigen Charakter und Reiz. Manche Drucke haben über der Farbe einen leichten Überzug von grauem Ton, der sich abwischen läßt; darunter liegt dann ein Schwarz von glänzender Tiefe. Sowohl auf Papier wie auf Pergament steht die Farbe mit gleichmäßiger und tiefer Deckung; nur bei den Drucken aus der frühesten Zeit läßt die intensive und satte Einfärbung zu wünschen übrig. Die Farbe der Frühdrucke ist übrigens nicht durchaus wasserbeständig; die Bibeldrucke jedoch sind in jeder Beziehung musterhaft Die Farbe war in der Hauptsache aus Leinöl Harz, Ruß (verbranntem Harzpech) und etwas Zinnober zusammengesetzt. Die Zubereitung war jedenfalls sehr umständlich und durch das Firnissieden nicht ungefährlich; selbst zu Anfang des 19. Jahrh. noch mußten die Drucker das Firniskochen außerhalb der Stadt besorgen. Schellack und flüssiger Firnis gab der Farbe Glanz, daher sind die Drucke Gutenbergs ohne diesen Zusatz hergestellt. Die bunten Farben, zumal Zinnober, sind außerordentlich pigmenthaltig. Bei den farbig gedruckten Initialen, in denen Zinnober verwendet ist, wurde die Farbe außerdem dick ausgetragen, so daß es den Anschein erweckt, als sei diese Deckfarbe vom Rubrikator mit dem Pinsel aufgesetzt. Durch das Feuchten des Papiers und Pergaments war der Druck intensiver, die Deckung eine vollkommnere, was bei dem spröden Material von Wichtigkeit war.

Mittels zweier Druckerballen wurde die sehr zähe Farbe auf die Form gebracht. Der Drucker nahm mit einem Ballen etwas Farbe auf, verrieb sie mit Hilfe des zweiten und trug sie dann auf die Form auf, was große Übung verlangte. Die Ballen bestanden auch lange nach Gutenberg noch aus weichem, kreisrund zurechtgeschnittenem Leder, das auf ein Ballenholz genagelt und dann mit Haaren ausgefüllt wurde, bis der Ballen straff war und doch elastisch blieb.

Nach Dr. O. Zaretzky (Annalen des histor. Vereins für den Niederrhein, 1912) erhalten wir aus einem Rechnungsbuche der Quentelschen Druckerei in Köln aus den Jahren 1579-85, also hundert Jahre nach Gutenberg, wertvolle Aufschlüsse über den Betrieb der Druckerei. Danach wurden u. a. Waschbürsten, Wolle, Pottasche, Schrauben für die Rahmen und Zinnober, »Materi in die Farb« (Firnis und Leinöl) verbucht, während die schwarze Farbe schon zu seiner Zeit von auswärts bezogen wurde und zwar von Frankfurt. das Leinöl ist sogar in bedeutenden Summen vertreten. Auch Leder wurde in hohen Beträgen bezogen und wohl zum großen Teil in der Buchbinderei verarbeitet.

Der Druck erfolgte in Lagen; je nach dem Umfang der Lage in Quinionen zu 10 Blatt, in Ternionen zu 6 Blatt und in Binionen zu 4 Blatt; auch Sexternionen zu 12 Blatt und Quaternionen zu 8 Blatt kommen vor. Mehr als zwei Seiten einer Lage der groben Formate, wie sie die Bibel, der Psalter und das Catholicon zeigen, sind jedenfalls nicht gedruckt worden. Schon bei dem kleinsten Format machten sich die Schwierigkeiten des Paßdrucks bemerkbar, ganz besonders, als der Rot- und Farbendruck von Initialen eingeführt wurde.

Es ist von Wert und gibt zu weiteren Schlüssen Veranlassung, zu verfolgen, wie beim farbigen Paßdruck zu Werke gegangen wurde. das Missale speciale und abbreviatum ist (nach Hupp, Gutenbergs erste Drucke) seitenweise gesetzt und gedruckt worden. Bei der ersten Auflage stand der schwarze und der rote Text in einer Form; durch Herausheben, Einfärben und Wiedereinfügen der roten Worte und Zeilen in den Satz und Abziehen entstand ein fertiger Druck. Dies war eine umständliche und zeitraubende Arbeit, bei der leicht Fehler durch falsches Wiedereinsetzen der Worte entstehen konnten. Beim Schöfferschen Canon Missae vom Jahre 1458 ist durch dieses Verfahren ein Makulaturdruck entstanden, bei dem das Wort Symbolus nach dem Einfärben verkehrt in die Form wiedereingefügt wurde und auf dem Kopf steht. Beim Neudruck des oben genannten Missale speciale wurde ein anderer Verfahren angewendet. Hupp denkt es sich wie folgt: Im geschlossenen Satz befand sich die Schrift für den Schwarz- und Rotdruck in einer Form. Dazu war ein zweiter Rahmen vorhanden, der genau aus den Druckrahmen paßte, ähnlich einem Stickrahmen. Auf diesen zweiten Rahmen nun– wurden, entsprechend den rot zu druckenden Worten und Zeilen, Papier- oder dünne Pergamentstreifen gelegt und zwar so, daß sie ganz genau den Raum der farbig herauszuhebenden Worte deckten. Entweder von der rechten oder linken Seite des Rahmens oder quer über die ganze Breite desselben spannte bzw. klebte man diese Streifen, die von der untern, auf die Form zu liegen kommenden Seite mit roter Farbe bestrichen wurden. Dann stülpte man den Rahmen aus die Form, die natürlich keine Farbe enthalten durfte und färbte mittels der Ballen die freigebliebene Schrift mit schwarzer Farbe ein; durch das Abdrücken der Papierstreifen erhielten auch die roten Zeilen Farbe. Dann wurde der Rahmen mit den Papierstreifen von der Form abgenommen und der Drucker konnte den zweifarbigen Druck in einem Druckgang vornehmen. Es erklärt sich dadurch, daß die Typen am Kopf und am Fuß, sofern die Streifchen nicht ganz genau geschnitten waren, rote oder schwarze Ränder erhielten. Der uns erhaltene Druck des Missale speciale zeigt auf bestimmten Seiten die Merkmale, die darauf schließen lassen, daß das Druckverfahren auf diese Art ausgeübt wurde. Das Ganze beweist, daß der Drucker dieses Missale bereits das Rähmchen, wenn auch in unvollkommner Form, verwendet hat. Dieses Druckverfahren eignete sich natürlich nur für eine kleine Auflage; beim erwähnten Missale wird angenommen, daß nur eine ganz beschränkte Zahl von Korrektur-Exemplaren hergestellt wurde.

Daß aber die alten Drucker auch noch ein andres Verfahren ausübten, ersehen wir aus einem Stundenbuche des 15. Jahrh., das Dr. O. Zaretzky in der Zeitschrift f. Bücherfreunde (1909) bespricht. (Stundenbücher – lat. libri horarum, frz. livres d'heures – enthielten Gebete für alle Tagesstunden und sind während des 15. Jahrh. in etwa 992 Ausgaben erschienen) Das erwähnte Werkchen, dessen Drucker unbekannt ist, wohl aber A. Therhoernen (Köln 1470-1482) sein kann, enthält zweifarbigen Druck und zwar sind außer dem Text die Unzialen zum Teil rot gedruckt, zum Teil rot ausgemalt. Ganz auffällig ist es, daß diese gedruckten Unzialen mitunter genau passen, mitunter in den roten Text hineinragen; teilweise ist der Rotdruck schwarz überdruckt, teilweise steht das Rot auf dem Schwarz. das beweist, daß der Drucker eine zweite, rote Form gehabt hat, die gleichzeitig mit dem Schwarzdruck zusammen in der Presse lag und durch Umdrehen der Bogen der fertige zweifarbige Druck erzielt wurde. Auch damals benutzte man also zeitsparende Einrichtungen. Daß Gutenberg bereits das eben beschriebene Hilfsmittel angewendet habe, ist zu verneinen. Bei den Missalien hätte dann der Drucker sicher davon Gebrauch gemacht; er wendet aber das Verfahren des Heraushebens der farbig zu druckenden Typen an: ein etwas umständlicher Ausweg zwar, aber er erreicht damit das überaus genaue Passen, das diese Drucke auszeichnet. Die große Psaltertype erleichterte diese Arbeit in mancher Hinsicht.

Die Anwendung des Verfahrens ging sogar so weit, daß die im Psalter benutzten Initialen eine besondere Einrichtung für den zweifarbigen Druck erhielten. H. Wallau hat darüber sehr eingehende Untersuchungen angestellt und gefunden, daß diese Initialen in Messing- oder Bronze-Guß geschnitten und so eingerichtet waren, daß man den Kern, der in andrer Farbe gedruckt wurde als das Ornament des Initials, herausnehmen konnte. Man kann mit Recht behaupten, das die Psalterdrucke – gerade was den Druck der farbigen Initialen betrifft – eine Musterleistung ersten Ranges darstellen. Der Initial bestand demnach aus zwei getrennten Stücken, von denen der Kern genau in den dafür freigelassenen Raum paßte und sich beim Drucken nicht verschieben konnte. Es ist nicht festgestellt, ob die Platten zum Einsetzen des Kerns durchlocht waren oder ob die Kernstücke flacher gehalten waren als die Ornamentform, die, unten geschlossen, den Kern in sich aufzunehmen hatte. In ersterem Falle wäre dann die Bearbeitung der Druckstöcke nicht weniger schwierig gewesen und hätte kaum befriedigendere Ergebnisse ergeben. Jedenfalls versagte das Register nie; der Abstand von Ornament und Kern ist stets gleich und das läßt die Annahme Wallaus berechtigt erscheinen. Beim Congreve-Druck, einem vom engl. Artillerie-General Wilh. Congreve (1772-1828) erfundenen Verfahren, sind zum Einhalten des genauen Passens in der auszulegenden Teilplatte Löcher, in der Hauptplatte Stifte angebracht, die beim Zusammenstellen genau ineinanderfallen und ein Verschieben unmöglich machen. Beide Platten müssen gleich stark sein und des sauberen Druckes wegen in einer Ebene liegen.

Das Bestreben, ein gutes Register zu erhalten, führte zur Einführung der Punkturen. Sie waren in der Form stehend oder auf dem Deckel angebracht. Man verwendete je nach Bedarf vier aus dem Raum eines Blattes. Diese Punkturen standen in einer Verlängerungslinie, die man sich am linken und rechten Rande des Satzbildes gezogen und bis an den oberen und unteren Rand des Blattes verlängert denken muß. Später wurden die Innen-Punkturen meist fortgelassen. Bei den Missalien Schöffers befinden sich die Punkturen an den Seitenrändern des Bogens, doch ist das obige Verfahren die Regel. Der Abstand vom Satzbild war nicht immer genau innegehalten und wechselte bei einer andern Papiersorte; mitunter kann man auch erkennen, welche Form des Blattes zuerst gedruckt wurde, je nachdem sich die Öffnung der Punktur auf der Vorder- oder auf der Rückseite befindet.

Beim Missale abbreviatum ist ein Holzschnitt in Größe einer vollen Seite eingedruckt, das Kanonbild, das mittels Reibers hergestellt ist. Um nun den Schriftdruck auf der Rückseite genau auf die Mitte des Holzschnittblattes zu bringen, ist der Drucker bemüht gewesen, dies mit Hilfe von Nadelstichen, durch welche Fäden gezogen waren, zu erreichen. Das Blatt enthält ein ganzen System von Nadelstichen, die zu diesem Zwecke gedient haben mögen. Entweder hat der Drucker Fäden durch die zuerst fertiggestellten Reiberdrucke gezogen, um mit deren Hilfe die Mitte des Satz-Spiegels zu finden, oder er hat seine Nadeln in den Holzstock getrieben, die ihm zum Einhalten der Mitte dienen mußten. Das erstere Verfahren scheint das näherliegende zu sein. Man ersieht daraus, daß die alten Drucker, um sorgfältige Arbeit zu erreichen, die umständlichsten Mittel anwendeten und im Ausdenken solcher nicht so ungeschickt waren, als man bei der Jugend der neuen Kunst anzunehmen versucht sein möchte.

Daß man schon zu Anfang der Druckkunst mit einem Deckel arbeitete, der einen Stoffüberzug hatte, geht aus zahlreichen Blättern hervor, die den Abdruck eines Gewebes zeigen. Beim Drucken mußte sich das Gewebe in den gefeuchteten Bogen eindrücken, sofern der Drucker nicht die Vorsicht gebrauchte, den Bogen auf dem Deckel gegen das Einprägen zu schützen, denn viele Drucke zeigen den Übelstand nicht.

Einige Inkunabel-Drucker benutzten den Rotdruck zum Herausheben von Anfangszeilen und Rubriken. Arnold Therhoernen in Köln gilt als einer der ersten, der dieses Hilfsmittel im Druck anwendete, auffälliger Weise jedoch nur so lange, bis er in die Lage kam, durch größere Typen eine Auszeichnung vorzunehmen.

Die Drucke der Erfinderzeit sind in ihrer Gesamtheit – unter Berücksichtigung der Überwindung von Schwierigkeiten und der unzureichenden Hilfsmittel, die zur Verfügung standen – wahrhaft Musterleistungen und zeigen ausnahmslos die Fähigkeit des Erfinders, alle Hemmnisse zu bewältigen und das von vornherein weitgesteckte Ziel zu erreichen. Werke wie die B ³6, B , der Psalter und das Canon Missae sind einzig dastehend auf einem völlig neuen Gebiete technischer Kunst. Die junge Buchdruck-Kunst zeigt sich uns nach kaum dreißigjährigem Bestehen bereits in höchster Vollendung, und der bei vielen andern Techniken und Künsten beobachtete Entwicklungsgang ist in verhältnismäßig kurzer Zeit durchlaufen, der höchste Stand rasch erreicht, was um so bemerkenswerter ist, als nicht eine ganze Zunft an dem Ausbau beschäftigt war, sondern nur eine kleine Gruppe von Fachleuten unter Führung eines genialen Technikers und Künstlers.

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