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Gutenberg, die Erfindung des Typengusses und seine Frühdrucke

Georg Domel: Gutenberg, die Erfindung des Typengusses und seine Frühdrucke - Kapitel 4
Quellenangabe
authorGeorg Domel
titleGutenberg, die Erfindung des Typengusses und seine Frühdrucke
publisherVerlag von Heinrich Z. Gonski
year1921
printrunZweite, durchgesehene Auflage
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderW. Pieroth
created20170812
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Vorläufer des Buchdrucks

Das Mittelalter bleibt auch heut noch für den Geschichtsforscher eine stets lebhaft fesselnde Zeitepoche und fast unerschöpfliche Fundgrube auf allen Gebieten. Die düstern und für uns unfaßbaren, sittlichen Zustände einerseits, die hohe, künstlerische Entwicklung andrerseits, die Verschärfung der sozialen Gegensätze, die Umwälzung auf allen Gebieten, kurz: das ganze geistige Leben des Volkes bietet dem Forscher und Geschichtsschreiber ein weites Feld der Betätigung. Um das Mittelalter ganz zu verstehen, müssen wir uns vollständig in seine Art hineindenken können, was um so weniger möglich ist, als wir Kinder einer viel zu feinfühligen Kultur geworden sind und die rauhe, naiv-brutale, mystisch-religiöse Veranlagung jener Zeitgenossen uns fremd bleiben wird. Ob wir das Verhältnis des Bürgers zur Stadtobrigkeit, zum Staat, zur Justiz, zur Religion und Kirche betrachten: überall lockern sich die Begriffe, ändert sich die bisherige, konservative Auffassung. Es gärt an allen Ecken; unhaltbare Zustände in der Verwaltung der staatlichen, städtischen und kirchlichen Behörden bringen das Volk in bewußten Gegensatz zur vorgesetzten Autorität, und Bestrebungen von Gelehrten wie Bürgern, wenn auch vorläufig noch ohne Führung, ohne gemeinsames Handeln, führen unmerklich zur Änderung der unerträglichen Zustände.

Das ganze Fühlen und Denken des Volkes zeigt den Drang nach Bildung. Der Bürger ist nach Krallen bemüht, sich Kenntnisse zu erwerben und in Stadtschulen die durchaus unabhängig von den geistlichen oder Stiftsschulen bestehen, sich in den Elementarfächern unterrichten zu lassen. Die höheren Schulen, zumeist von der Kirche abhängig, waren in dem Unterricht aus die Vorbereitung für den geistlichen Stand berechnet, der in der Hauptsache in Lesen, Schreiben, lateinischer Grammatik, Religion und wenigen andern Fächern bestand. Daß die Kirche die Leitung in den Universitäten hatte, die in der Zeit von 1348-1500 entstanden und von denen viele heute noch bestehen, versteht sich von selbst. Das Bestreben auch der weniger Begüterten, sich Kenntnisse zu verschaffen, führte dazu, das sich außer den geistlichen Schreibern findige Köpfe damit befaßten, profane Schreibstuben zu errichten und durch Abschreiben non Schul- und Lehrbüchern Geld zu verdienen. Die Schulbücher, die z. B. damals zum Erlernen der lateinischen Sprache dienten, die Donate, benannt nach Aelius Donatus, wurden in ungezählten Exemplaren abgeschrieben und verkauft. Die Schreibkunst wurde damit zum Broterwerb und gab zahlreichen Leuten Beschäftigung.

Aber nicht nur Schulbücher wurden abgeschrieben, sondern auch Erzählungen, Berichte von Begebenheiten, Werke über Arzneikunde und Astrologie, Sprüche und anderes. Die Arbeit wurde zunächst von Mönchen später jedoch von Profanen, die ihr Schreibgerät in kleinen Taschen bei sich führten und von Ort zu Ort wanderten, verrichtet. Je näher wir dem zweiten Drittel des 15. Jahrhunderts kommen, desto lebhafter ist die Nachfrage, desto vielseitiger ist das Begehren des Volkes.

Um der gesteigerten Nachfrage entgegenzukommen bediente man sich des Holzschnittes, einer Erfindung des Orients, die auf Reisen von Europäern dort beobachtet und im 11. Jahrhundert mit nach der Heimat gebracht wurde. Der Holzschnitt war vollwertiger Ersatz für die mühsame Schreibkunst, durch die Fehler und Ungenauigkeiten in die Abschriften kamen. Die Chinesen haben schon lange vor uns dieses Verfahren ausgeübt, und man nimmt an, daß bereits im 6. Jahrhundert n. Chr. Holzschnitte dort ausgeführt und zu Vervielfältigungen verwendet wurden.

Der Bedarf an Heiligenbildern und Spielkarten, nach denen das Volk am meisten begehrte, wurde zunächst von Handwerkern gedeckt, die dazu Stempel – freilich anfangs in äußerst primitiver und roher Manier – in Holz schnitten. Man nannte Leute, die sich mit diesem Kunstzweig Geld verdienten, Briefmaler oder Formstecher. Da das Volk sich für aller mögliche begeisterte, ist die Reichhaltigkeit und Vielseitigkeit der Motive außerordentlich groß außer den oben erwähnten Heiligenbildern und Spielkarten wurden Darstellungen aus dem Leben des Bürgers und Bauern, Fabeln, Legenden und Begebenheiten in Holz geschnitten. Das ganze Leben und Treiben des Mittelalters ist uns in den überlieferten, zahlreichen Blättern erhalten geblieben. Es ist nicht verwunderlich, daß auch die große, ungebildete Masse mit angeregt wurde, da die bildliche Darstellung die Mittel und Wege bot, dem Bedürfnis des gläubigen oder abergläubischen Volkes entgegenzukommen. Die Holzschnitte sollten aber nicht als Bild allein auf den Beschauer Einfluß ausüben, sondern sie enthielten auch Texte, und auf die des Lesens nicht Kundigen wirkten die ihnen unverständlichen Schriftzeichen um so geheimnisvoller; die Blätter wurden daher als Geheimmittel gegen Krankheiten, Pestilenz, böse Feinde u. a. getauft und als Amulette getragen.

Mit dem Schnitt von kleinen Stempeln begannen die Formstecher sich die Herstellung der Spielkarten zu erleichtern. Sie machten sich die Erfahrung der Zeugdrucker zunutze, die schon im alten Ägypten mit Hilfe von Holzstempeln die Herstellung von gemusterten Stoffen betrieben hatten. Größere Fertigkeiten forderte die Anfertigung der Heiligenbilder die in Wirklichkeit die ersten Erzeugnisse des Holzschnittdrucks sind. Die Zeichnung ist zunächst durchaus linear, ohne jede Schattierung und plastische Bildung der Gewänder, ohne Licht und Schattenwirkung, flächig gehalten bei ungewollt künstlerischem Zusammengehen von Bild und Schrift, sofern diese zur Erläuterung beigeschnitten ist. Bald genügte dem Formstecher die einfache, schwarze Ausführung der Blätter nicht mehr; sie wurden daher von ihm mit Wasserfarben ausgemalt. Auf den Spruchbändern und bei Unterschriften der Darstellungen finden wir oft die prächtigsten Schrifttypen, die den Handschriften nachgebildet sind und den Charakter der ausdrucksvollen Kielfederschrift tragen. Manche Blätter bestechen durch ihre gleichmäßigen, mit unzulänglichen Mitteln geschaffenen Schriftzeilen in gotischer Type; in allen Fällen ist mit feinem, angeborenem Empfinden gearbeitet und nur selten ist die Schrift störendes Element oder gar vernachlässigte Beigabe.

In Deutschland gilt Tirol als die Wiege der Holzschnittkunst; am Ende des 15.Jahrhunderts war in Italien diese Kunst hochentwickelt, und auch in Holland finden wir zu gleicher Zeit eine hohe Blüte der Holzschnittkunst, die uns die hervorragendsten Leistungen hinterlassen hat.

Zum Holzschnitt wurde damals fast ausschließlich Langholz verwendet; man bediente sich des Birn- und Pflaumbaumholzes mit Vorliebe. Die Blöcke waren ziemlich dick – es find uns solche bis zu 4 cm Dicke erhalten – und wurden oft der Einfachheit und Ersparnis halber auf beiden Seiten benutzt.

Durch das primitive Verfahren des Reiberdrucks erhielten die Blätter eine kräftige Markierung des Drucks auf der Rückseite. Mittels eines harten Gegenstandes, eines Holzes oder Falzbeines, wie es heut die Holzschneider benützen, arbeitete man damals noch nicht, sondern man verwendete einen Lederballen und erreichte brauchbare Abzüge mit Hilfe einer Zwischenlage von Filz. Die Drucke zeigen daher auch auf der Rückseite die charakteristische Glätte. Eine Presse wurde jedenfalls zum Druck von Holzschnitten noch nicht verwendet; sie fand erst Eingang, nachdem Gutenberg sie zum Typendruck brauchbar konstruiert hatte. Die ersten Drucke mit Holzschnitten lassen darauf schließen, daß letztere in besonderem Reiberdruckverfahren eingedruckt wurden, wie dies z. B. aus dem Druck des Kanonbildes im Missale abbreviatum hervorgeht. Die Drucke erfolgten deshalb auch nur auf der einen Seite des Papiers; erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts kommen zweiseitige Holzschnittdrucke vor.

Es war selbstverständlich ein gut Teil Bildung und handwerkliche Tüchtigkeit dazu nötig, um die Holzschnittkunst auszuüben. Außer der Handfertigkeit, mit den verschiedenen Werkzeugen umgehen zu können, gehörte dazu künstlerische Befähigung, Vertrautsein mit der Zeichenkunst und volles Verständnis für die Sprache, die auf den Holzschnitten zunächst lateinisch, später erst deutsch war, letztere stark mit Dialekt und Spracheigentümlichkeiten durchsetzt. Die zeichnerische Befähigung war damals fast alleiniges Gut nur weniger, bevorzugter Mönche und Laien. Es war daher nichts Ungewöhnliches, daß die Techniker (Formstecher), die den Holzschnitt wohl auszuführen vermochten, über die zeichnerischen Fähigkeiten aber nicht verfügten, sich durch den Künstler ihre Blätter vorzeichnen ließen. Erst Künstler-Holzschneider wie Günther Zainer (1472), Bämler (1475), Wohlgemut (1493), Albrecht Dürer (1498), Ratdolt (1499), Grüninger (1502), Baldung (1513), Wechtlin (1514) und andere, vermochten selbständig entworfene Zeichnungen auf Holz zu übertragen und selbst zu schneiden. – Anfangs wurden alte Handschriften kopiert und getreu nachgebildet, sogar mit den Fehlern des Originals. Initialen und Schmuckwerk der Inkunabeln sind vielfach Nachbildungen alter Handschriften und selbst die Straßburger Drucker waren um 1500 noch nicht in der Lage, eigene Schöpfungen in Holzschnitt auszuführen. In der Stadt Hagenau, wo Diebold Louber seine berühmte Schreibwerkstätte hatte, bestand um 1518 noch kein selbständig arbeitender Holzschneider, so daß der Buchdrucker Anshelm sich mit der Bitte um Anfertigung einer Reihe von Initialen an den Kollegen Koburger in Nürnberg wandte·

Ein wichtiges Darstellungsmittel jener Zeit haben wir in den Blockbüchern. In der Umständlichkeit und scharfen Prägung des Reiberdrucks liegt es begründet, daß die Rückseite der Blätter unbedruckt bleiben mußte. Sie wurden durch Aufeinanderkleben der weißen, unbedruckten Seiten zu Büchern vereinigt. Eines der reizvollsten Stücke dieser Art von Büchern besitzen wir in der Biblia pauperum der Armenbibel, eine Bezeichnung, die früher falsch verstanden wurde, da sie keine Bibel für die Armen war, die gewiß keine solchen kostbaren Bücher hätten bezahlen können, sondern für die »geistig« Armen und die niedere Geistlichkeit geschaffen wurde. Sie enthält die Heils- und Leidensgeschichte Christi und ist durch Bilder aus dem neuen und korrespondierende Darstellungen aus dem alten Testament geschmückt, welche vergleichsweise nebeneinandergestellt werden. Spruchbänder und Texte geben die Erklärungen zu den Abbildungen. die Holzschnittdrucke der Armenbibel sind den Handschriften dieser getreu nachgebildet. Die Entstehung der Armenbibel in Holzschnittdruck mag um 1467 angesetzt werden, die erste deutsche Armenbibel etwa um 1470; sie fällt in eine Zeit, in der die Holzschnittkunst bereits aus den Anfängen war. Der Drucker Friedrich Walther aus Nördlingen und der Briefmaler Hans Sporer aus Nürnberg, dessen Presse in Bamberg stand, gelten als die ersten, die Ausgaben dieser Bibel um 1470 und 1471 veranstalteten.

Weitere hervorragende Proben der Blockbuch-Literatur haben wir dann in der Apokalypse (Buch der heimlichen Offenbarung St. Johannis), in den Acht Schalkheiten mit Holzschnittbildern und eingeschriebenem Text, der Legende vom heiligen Meinrat, in der Chiromantie des Doktors Johann Hartlieb, dem Totentanz, der Ars moriendi (Kunst zu sterben), von der etwa 30 Ausgaben existieren, in der Ars memorandi (Gedächtniskunst), im Speculum humanae salvationis (dem Heilspiegel), dem Liber regum (Buch der Könige), dem Buch von der Verteidigung der unbefleckten Empfängnis Mariae, im Entkeist (Antichrist) und in einer Reihe von Kalendern, von denen jener des Johannes de Gamundia (Gmünden) vom Jahre 1468 der bekannteste ist.

In der Blockbuch-Literatur von 1467-1474 haben wir drei Perioden zu unterscheiden: Eine solche, in der die Holzschneider in einem Abhängigkeits-Verhältnis zu den Schriftschreibern und Klöstern stehen; eine zweite, in der sie die selbständige Führung übernehmen und Bild sowie Text schneiden, und eine dritte, in der die Holzschneider ihre eigenen Verleger sind und außer vorhandenen Bilder-Handschriften auch volkstümliche Literatur in Poesie und Prosa zur Wiedergabe heranziehen und verlegen. Die technische Ausführung ist ebenfalls eine dreifache, und zwar unterscheiden wir eine erste Gruppe, in der nur der Text in Holz geschnitten ist; eine zweite, in der Bild und Schrift aus einer Seite vereinigt sind, zu welcher der Kalender des Johannes von Gmünden zu rechnen ist, dessen Anordnung von Schrift und Bild geradezu vorbildlich ist und der durchaus harmonisch wirkt; auch die Apokalypse gehört zu dieser Gruppe und das Liber regum, während zur dritten Gruppe, bei der Schrift und Bild auf besonderen Seiten getrennt erscheinen, die Ars moriendi und die Ars memorandi zu rechnen sind.

Das Speculum humanae salvationis ist für uns von besonderem Reiz, weil der Text desselben aus typographischem Wege, also mit beweglichen Lettern eingedruckt ist. Über den Ort der Entstehung ist uns leider nichts bekannt, desgleichen über eine Reihe von anderen Blockbüchern. Jedenfalls sind sie ebenso interessant wie kulturhistorisch wertvoll und bleiben ergiebige Fundgruben für die Darstellung des Lebens in Stadt und Land aus jener Zeit. – Vor 1460 war es jedoch noch nicht üblich, Schrift in Holz zu schneiden; sie wurde teilweise sogar in Handschrift eingetragen, wie dies aus einem Exemplar des Exercitium super Pater noster in der Bibliothèque nationale, Paris, zu ersehen ist, das lateinische Inschriften neben holländischen Unterschriften enthält. daraus geht hervor, daß frühere Drucke nur in Latein vorhanden gewesen sind. Der einzige Donat in Holzschnitt gehört einer späteren Zeit an und wurde von Conrad Dinckmut zu Ulm zwischen 1476 und 1499 herausgebracht.

Selbst als der Buchdruck den höchsten Stand in der 42zeiligen Bibel und den Psalterien erreicht hatte, wurden nebenher und auch später noch ganze Bücher in Holzschnittdruck hergestellt. Daß die Donate, und zwar ganz besonders die holländischen, wichtige Urkunden aus der Zeit der ersten Vervielfältigungen sind, darf nicht unberücksichtigt bleiben. Es ist noch nicht endgültig bewiesen, ob diese holländischen Donate vor den Gutenbergischen Frühdrucken erschienen sind; möglich ist es immerhin. Als Gutenberg seine Heiligtumsfahrt nach Aachen ausführte, konnten ihm dort holländische Donatdrucke vor Augen gekommen sein und ihm Anregungen zu seiner Erfindung gegeben haben. Gewiß ist der Schriftcharakter grundverschieden vom Duktus der Typen Gutenbergischer Frühdrucke; aber der Grundgedanke der Schriftgestaltung, Interpunktion, Abbreviaturen und vieles andere ist beiden Schöpfungen gemeinsam. Man wird zunächst das Material, das aus Holland, vom Niederrhein und auch aus Köln stammt, erst veröffentlicht sehen müssen, damit die vorurteilslose Forschung untersuchen kann, ob diese Donatdrucke vor Gutenberg oder unabhängig von seiner Schöpfung entstanden und ob es Drucke mit beweglichen Lettern in Schriftmetall sind.

Mag diese Entscheidung fallen, wie sie auch wolle: das wird weder ein Gegner noch einer der wenigen Mitläufer bestreiten können, daß die Buchdruckerkunst durch Gutenberg zur Meisterschaft gebracht wurde, ja, daß seine Erfindung des Gusses beweglicher Lettern allein die Erfindung der Buchdruckerkunst ist.

Es verlohnt sich kaum, aus die Legende von der auseinandergeschnittenen Holzplatte, die Einzeltypen ergab, einzugehen. Praktische Bedeutung ist solchem Verfahren nicht zuzusprechen denn in allerkürzester Zeit würde der Holzschneider, der damit Bücher zu drucken vorgehabt hätte, von einem derartigen, zwecklosen Versuch Abstand genommen haben, der nur ungeheure Schwierigkeiten bot, ohne einen Erfolg zu versprechen. Niemals wäre er damit zum Ziel gekommen oder hätte Gutenbergs Genauigkeit und Schönheit des Satzbildes erreicht.

Aus allem geht überzeugend hervor, daß der Holzschnitt nicht als Vorbild für den Buchdruck zu gelten hat, sondern ein andres Verfahren, das zur Vervielfältigung diente: der Metallschnitt. In der Mitte des 15. Jahrhunderts entstanden zwei Illustrationsverfahren von gleicher Bedeutung: Kupferstich und Metallschnitt. Der Kupferstich führte, nachdem man beim Holzschnitt bereits von der linearen Behandlung der Zeichnung zur Betonung von Licht- und Schattenpartien und Schraffierungslagen übergegangen war, den schaffenden Künstler ungleich rascher zur Darstellung des ausgesprochen Bildmäßigen. Die Leichtigkeit, mit der es mit Hilfe der Ätztechnik möglich war, ganz andere Wirkungen zu erzielen, lenkte vom Holzschnitt ab. Die Drucktechnik des Kupferstichs zwang den Künstler ferner dazu, die Blätter als Bilder für sich zu behandeln, im Gegensatz zum Holzschnitt, der, dem Typenmaterial sich anpassend, als ergänzendes Teil empfunden und benutzt wurde. Der Kupferstich geht daher bald eigene Wege und kommt für uns nicht in Betracht. Anders der Metallschnitt, der sich in der Schrotblattkunst, eine Zeitlang ein gern gepflegtes Ausdrucksmittel, angliederte. Vermittels Punzen und Sticheln entstand, aus dem dunkeln Hintergrunde herausgearbeitet, das Bild, das in Schwarz-Weiß-Wirkung dem Holzschnitt nahe kam. Freilich konnte diese Kunst nicht lange mit den andern beiden Verfahren Schritt halten; die Technik bot auf die Dauer zu wenig Abwechslung, war wegen der jeweils erforderlichen, verschiedenartigen Punzen und Stempel umständlich und langwierig und mußte bald den Schwesterkünsten weichen; deshalb verschwand das Schrotblatt auch bald von der Bildfläche. Der Metallschnitt kann darum bei der Untersuchung über die Vorläufer des Buchdrucks nur allein in Frage kommen.«

Das Kunstgewerbe der frühen Mittelalters hat uns in den verschiedenen Techniken der Metallarbeit glänzende Zeugnisse einer groben Fertigkeit und Vielseitigkeit hinterlassen. In der Goldschmiedekunst allein sind uns in Kirchengeräten und Gegenständen für den profanen Gebrauch zahlreiche Beweise hoher Kunstfertigkeit erhalten geblieben. Nicht minder beachtenswert sind die Schmiede- und die ihr nahestehende Waffenkunst, die den Ruhm deutschen Kunsthandwerks über ganz Europa verbreiteten. Die Buchbindekunst des Mittelalters bedient sich, sofern die Decken nicht vom Goldschmied ausgeführt und z. T. mit Edelsteinen reich geschmückt sind, der Metallplatten, arbeitet mit Stempeln und Punzen und später, nachdem die Metalldecke durch die Lederdecke verdrängt war, mit Metallschnitten zum Aufdruck. Grabplatten aus Messing wurden im nördlichen Deutschland, z. B. in Lübeck ferner in Dänemark, Schweden und Finnland ausgeführt, und zwar nicht erst im 15. Jahrh., sondern bereits 200 Jahre früher; die Platten enthielten außer figürlichem und ornamentalem Schmuck fast durchweg auch Schrift. Auf Kelchen, Bechern, Monstranzen, Schmuckstücken und Gebrauchsgegenständen, Waffen und Metallschildern finden wir Spruchbänder und Schrifttexte. Die Schönheit und das Ebenmaß der Buchstaben sind vielfach vorbildlich; die Schriftzeilen, mit hochentwickeltem Raumgefühl entworfen, sorgfältig und einheitlich durchgeführt, wirken als Schmuck von besonderem Reiz und schließen sich organisch dem Ganzen an.

Der Metallschnitt von Druckplatten wurde am Niederrhein gepflegt und kam in Köln, Mecheln und Gent zu hoher Blüte; uns erhaltene Abdrucke weisen bezüglich der Gewandung der dargestellten Figuren auf Künstler hin, die dort beheimatet waren.

Daß der Buchdruck zum Metallschnitt in engster Beziehung stand, geht aus einer Reihe von Tatsachen hervor. Das Abgrenzen der Schriftzeilen mit roten Linien ist dem Verfahren des Metallschneiders entnommen. Schärfe Begrenzung der Minuskeln zeigen fast alle Schriftschnitte an Inschriften und Spruchbändern. Wenn Gutenberg seine B 42 in der Weise druckte, daß auf abgrenzende Linien zwischen den Zeilen und als Abschluß von Satzteilen Rücksicht genommen wurde, so deutet das darauf hin, daß ein Metalltechniker der Arbeit nahestand. Die Initialen zu den Psalterien sind – das ist klar bewiesen – in Metall geschnitten. Nie wäre es möglich gewesen, derartig zarte und feinstilisierte Blau- und Ornamentformen in Holz zu schneiden. Der Wechsel der Farben beim Druck der Initialen hätte sich kaum so glatt vornehmen lassen, wenn diese Buchstaben in Holz geschnitten waren (die Farbe hätte sich in die Poren des Holzes eingesetzt), und die Wiederverwendung der Initialen nach einem Zeitraum von über fünfzig Jahren, wie dies – nach den überzeugenden Darlegungen von H. Wallau – bei den späteren Psalterdrucken der Fall war, wäre ausgeschlossen gewesen.

Alle diese Beweismittel führen darauf hin, daß der Metalltechniker Gutenberg, der als Goldschmied Gelegenheit hatte, alle möglichen Verfahren, wie die Verwendung von Stempeln und Punzen, den Gebrauch von Sticheln und Meißeln kennen zu lernen, zum Erfinder des Druckes mit beweglichen Lettern vorausbestimmt war. Wie er darauf kam, darüber fehlen uns die Unterlagen; ob aus reiner Freude an der Kunst, an der Herstellung eines Buches als Nachahmung der Handschrift, geschmückt mit Initialen und Randleisten, oder um sich den Lebensunterhalt zu schaffen: wir wissen er nicht. Die Kunst des Druckens war nicht mehr zu erfinden. Aber eine Vervielfältigung von Typen in Schriftmetall und die Herstellung von Stempeln und Matrizen dazu bestand noch nicht; diese umwälzende Vervollkommnung einer Technik zu schaffen, war dem Genius eines Gutenberg vorbehalten.

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