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Güstrower Fragmente

Ernst Barlach: Güstrower Fragmente - Kapitel 8
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleGüstrower Fragmente
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidf15596bf
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Gen Osten

Das Beil des Halbmonds steckt wieder blank im Himmel fest, nicht weit davon steht der Abendstern, verwunderlich groß, wie ein Mond-Junges anzusehen und mit ihm verbunden. Der Fluß ist voll Eises, gutem, schwarzem in der Mitte, wo auch noch offenes Wasser vom Wind klein gefaltet wird, Leben, das noch schaudert in Winterkälte, und weißlichem, schlechtem an den Rändern, und aus beiden Sorten von spiegelndem, totem Wasser zieht der Mond mit durchdringendem, leisem Tasten und Kitzeln dünner Strahlen gespensterhaftes Leben hervor. Jenseitsgefunkel, das sein Geheimnis herausplaudert und doch rätselhaft bleibt wie die Geheimnisse, die uns in fremder Sprache anvertraut werden. Aber das alles bleibt hinter mir, denn grade gegen den Osten auf den steigenden Orion los geht der Weg des Beliebens und der Andacht über hartgefrorenes Wiesenland, nur der Schatten zur Linken, etwas voraus, geht wie der gute Kamerad in gleichem Schritt und Tritt, aber er ist nur der Schatten eines Schattens, schwach, als hätte der Boden sein bißchen schwarzes Blut getrunken. Der Sternkaiser ragt schon über den Wald, nur der rechte Fuß ist noch unterm Horizont. Himmeldurchstürmendes Drohen geht von ihm aus, majestätischer als je, und der Strahl seines unsichtbaren Zepters muß wohl wie ein Türkensäbel krumm über die Himmelskuppel geißeln und schwirren, denn alles am Himmel sonst steht starr im Reigen-Aufzug, streng eingeteilt nach Norden, Süden und Westen, angetreten zum Vollzug der allnächtlichen großen Tanzfigur, deren ungeheuer langsamer Schwung den Orion bis drei Uhr nachts an den leeren Platz bringt, den vor einer Stunde die Sonne verlassen hat, und in der der Wagen den Himmel rückwärts hoch empor über den Polarstern wegrollt und die Deichsel, den großen Zeiger des Himmels, nach dem heiligen Osten richtet, wo die Sonne wieder kommen soll.

Gegen den Orion geht es zu, und gegen den grausamen Wind, der wie schneidender Atem die Majestät vor ihm heranbläst. Wie zwischen Sternen herab klingt das Schreien unsichtbar fliegender wilder Gänse, und man weiß nicht, ob in der Ferne des Raums oder der Zeit das aufgeregte Geschnatter wilder Enten, die wohl der Hund, der zwischen Zeit und Raum wie ein Wollknäul hin- und hergeworfen wird und überall und nirgends ist, von einer ungefrorenen Wasserstelle aufgejagt hat. Der Entenflug – ein Kastratengezänk in den Lüften; aber aus dem Flug der wilden Gänse scheinen die Stimmen stoßweis erpreßt vom Anprall an querfliegende Baßnoten. Die kalte Herrlichkeit der Orion-Nacht bekleidet den Mechanismus des Ultra-Begreiflichen; wer aber schaut und staunt, dem wird Schauen und Staunen und er sich selbst zur Unbegreiflichkeit. Je mehr Welt er in sich fühlt, desto mehr Ich ist er selbst, und schließlich denkt er bei sich und kommt sich sogar logisch und nüchtern vor: das wahre Ich ist das Ultra-Ich.

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