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Güstrower Fragmente

Ernst Barlach: Güstrower Fragmente - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleGüstrower Fragmente
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidf15596bf
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Landstraße am Abend

Rechts sieht man ein Stück des Sees, schlank und langgezogen. Der hohle Rücken des braunen Feldes gibt dem Streifen bleigrauen Wassers den unteren Rand, den oberen gibt ihm das eigene ferne Ufer, das seine Linie vorsichtig und peinlich genau so nach unten biegt, wie das Feld die seine nach oben.

Leute wie ich, die mit Holz zu tun haben und denen über Tag während der Arbeit das Betragen des Holzes, der Verdacht im Hinterhalt des Gemütes liegt, es könne ein Schaden vorkommen, es möchte ein Sprung sich unversehens und unliebsam erdreisten zu geschehen, kommen leicht auf den Gedanken, eine hölzerne Erde breite sich rechter Hand und hätte einen schweren Riß bekommen, so daß man den Himmel unterm Horizont durchscheinen sehe, so genau entsprechen sich des Himmels und des Sees trübgraue Farben. Links ist gepflügtes Feld zur Augenhöhe gestiegen und zieht schon weit von hinten her einen herrlichen Horizontbogen, in der Mitte vertieft wie für den Handgriff einer Titanenfaust, nach vorn zu ablaufend wie im Zittern eines Schusses gegen den Himmel. Des Bogens Sehne ist die Landstraße, nicht schnurgerade gespannt, sondern wie der Bogen vom gleichen Schuß erschüttert und gewellt. Aber man geht vorwärts und schlägt sich die gespaltene Erde rechts und den Titanentrotz links aus dem Kopfe, sieht zum Himmel auf und findet ihn wie eine schwere marmorne Platte, von matten Lichtstreifen abendrötlich geädert, sieht die Bäume der Landstraße und hängt sein formgeiles Auge an diese nackten leichten Gebäude. Keins ist wie das andere, keine blöde Eintracht, keine Massenöde ermüdet den Blick. Nein, er hüpft wie ein Vogel von einem zum andern, füttert sich immer munterer bei jedem neuen und schmaust sich durch die Allee nach Hause. Der erste Baum steht da wie ein riesiger Flitscher, der aus einem Götterblasrohr vom Himmel gestürmt und schief in der Erde stecken geblieben ist. Der zweite ist wie ein kurzgefegter, verbrauchter Besen, kratzbürstig und spitzborstig, aber mit einer melancholischen Gebärde, wie von Ärger und Lebensmisere ramponiert. Der dritte aber, wie ich um die Ecke biege, kann auf den Zeichenbogen des Himmels herrlich groß und doch zierlich mit Kohle hingerissen sein, ein breites Eirund senkt sich vom Gipfel nach beiden Seiten, aber unten zerfasert es sich gleich Nackenlocken eines Knaben, wie es vom träumenden Sinken und Gleiten zurück leise hochschwingend vom Stamme eingesogen wird. Mit einem matten Tuschstreifen hat der Maler diesen Umriß gegen den grauen Papierbogen vertieft, und das Bild ist so zart, daß man fürchtet, einen Wind zu hören, der die schwärzlichen Stäubchen, diese gehauchten Schatten, von Zweigen und Ästen fortblasen könnte.

Ein anderer Baum steht da wie das Lungenorgan der Erde, das mit tausend spitzen Röhrchen am Himmel saugt, das vom Himmel viele unendlich kleine Himmel löst und durch gebogene Adern zum Stamm und durch den Stamm in die Erde leitet. Da steht weiterhin wie eine riesige Stimmgabel ein zweigespaltener Baum, seine Stämme stoßen das Gewoge der Äste um sich wie sichtbar gewordenes Getön, das aber durch geheimen Bann an Vater und Mutter hängen bleibt und sein Klingen wie einen Dunstkreis eng um ihre selig nebeneinander hochgereckten Körper zieht. Und dann bildet die Flucht der dichter stehenden Stämme Domfenster zwischen ihnen, Astbogen schneiden vom Glas des Himmels breite und schlanke, überzart gotische und wuchtig romanische Gespenster von Fenstern aus, daß die Wölbung der Lindenkronen zum unendlichen Kirchenschiff wird.

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