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Güstrower Fragmente

Ernst Barlach: Güstrower Fragmente - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleGüstrower Fragmente
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
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Schulze und Spiegelschwab gehen über den Kamelshöcker

Schulze und Spiegelschwab sind Klaus und ich, denn wir haben in dem tiefen Teich an diesem ersten Tag des Jahres eine lange Bambusstange gefunden, einen Angelstaken, den man aber auch als Spieß ansehen kann, und Klaus meint, wir sind nun zwei von den sieben Schwaben, und [wir] formieren uns danach an der Stange. Der Kamelshöcker ist eine Aufbäumung des Feldes, bewachsen wie der Höcker eines Riesenkamels mit Baum und Strauch, zwischen denen wir uns in der Größe von Flöhen oder Läusen hindurchwinden. Selbstverständlich an der Stange. Der Mühlenkopf schaut wie ein Hase über den gewölbten Bauch des Feldes, dessen braunsamtne Weste mit grünen Grasborden eingefaßt ist. Er sitzt unbeweglich im Verborgenen auf dem Hintern und lugt nach einem Hunde, der ihn hetzen wird, die Mühlenflügel drehen sich auf und nieder, und so wackelt der Hase mit den langen beiden Ohren, denn die andern zwei der Flügel-Ohren hängen hinter dem Berge. Vor einigen Wochen fanden wir in einer eisernen Röhre ein totes Ferkel auf dem Kamelshöcker, das sich vom nächsten Hofe über die Felder dahin verirrt hat und sich in dem eisernen Rohr zu Tode gezappelt hatte. Heute sehen wir es schon von weitem weißlich und blond durch das kahle Schlehgestrüpp und finden es nur wenig verändert, stinken tut es gar nicht, und magerer scheint es auch nicht geworden, nur ein verdächtiger leiser Perlmutterglanz hat sich feucht und schleimig herangemacht, und an gewissen Stellen sind die Formen leise eingesunken und wie über widerstandsloser Weiche flach geworden; daß viele nasse Tage und Nächte drüberhingestrichen haben wie schleimige Hände, wollen wir gleichfalls herausfinden. Aus dem Gebüsch am kleinen Teiche, aus dem gelben Gezottel von Rohr und niedergesunkenem und feucht zusammengebacktem Schilf läßt sich bei unserem Tritte eine Eule los und legt sich gleitend als graues Federbündel in den kahlen Holunderbusch weiterhin, wird unsichtbar zwischen Grau und Gelb und Braun, hinter krausem Strauchwerk wie in einem Käfig. Und wieder, wie wir unsere Tritte zutreiben, wird ein leise zuckendes Federgebild von dem Graugelb abgelöst und hängt sich über unsere Köpfe weg ins alte Geröhre und löscht Form und Farbe aus. Nur zwei Elstern, zwei schwarzweiße Langschwänze, nehmen uns nicht ernst mit unserm Spieß. Sie löschen sich nicht aus und machen von unserm Dasein nur soviel Mühe an Flügelschlägen, als nötig ist, um zu zeigen, daß man der Situation mehr als gewachsen ist. Wir brauchen uns mit ihnen nichts einzubilden, heran kommen wir doch nicht, das sehen wir bald ein.

Holzsammler, Kohlezeichnung, um 1919/20
23 X 30 cm
Barlach-Nachlaßverwaltung Güstrow (Heidberg)

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