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Güstrower Fragmente

Ernst Barlach: Güstrower Fragmente - Kapitel 18
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleGüstrower Fragmente
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Geborgenheit

(Mitte März 1913)

Grade wie der Klaus abends die Decke über die Ohren zieht und sich im Bett wie in einem Gehäuse der Geborgenheit fühlt, so fühle ich mich manchmal, aber mit einem ganz andern Schauern, geborgen im Gehäuse meines Weltgefühls. Da mag kommen, was will – Vater ist ja wach und bleibt bei der Lampe sitzen tief in der Nacht, oder wenn er zu Bett geht, liegt er dicht bei mir, und ich brauche nicht zu sorgen – so denkt der Ich-Klaus. Mein Vater, der aufsitzt und seines Ohrs Aufmerken auf mein Rufen hält – der ist auch wohl nicht ferner als ich dem Klaus. Wir passen alle gut zusammen in unsern Vater-Sohn-Vorstellungen. Daß es wenig verschlägt, ob ein Vater Zweibein-Gestalt hat oder ob seine Übergestalt die Gestalt abgelegt hat, wie ich meinen grünen St. Franziskorock von Niko her, ein Lumpen und doch eine väterliche Eigenschaft von mir für Klaus, wenn ich neben ihm zu Bett steige, das wird der Klaus noch lernen müssen, und daß man seinen Vater zum Teil selbst in sich haben kann, daß man sich zum väterlichen Trostspender und Wohlerhalter, zum Immerbereiten ausbreiten soll, auch. Jemand lebt und sorgt für uns, das halte ich so sicher und trostwarm bei mir, wie der Klaus sein unbewußtes, felsenfestes Vertrauen auf mich. Nichts kann natürlicher sein, er muß es einfach. Aber wie dem Klaus wohl einmal ein Schattengefühl übers Herz streicht vom Fremdbewußtwerden und Nichtmitkönnen, von väterlichen Forderungen, gegen die alle seine Haare sich aufsträuben, vom Blindsein gegen väterliche Anschauungen und Taubsein für väterliche Anreden, – so kanns einem wohl schaudern werden vor dem: Wieso und was weiter? Wohin man soll, wird wohl einmal leise angedeutet, einmal oder zweimal im Jahr klopft ein Finger gegen die Fensterscheibe, und eine fast fremde und sonderbar unkenntliche Stimme ruft heraus: Komm mal herein, ich muß dir was sagen, – und man kommt ein wenig betäubt wieder in den Sonnenschein zurück, weiß und weiß doch nicht, was es gab und mit was im Bereiche der vertraut bekannten Dinge herum sich das Neue vergleichen läßt, was man hören mußte, – und denkt bei sich: ach was! – grade wie Klaus –, springt wieder weiter und läßt Vater Vater sein, es wird schon alles von selbst so kommen, wie es muß.

Warum ich in der vorigen Nacht über den Bummelschnack »junge Huren, alte Betschwestern« ernsthaft phantasierte, brauche ich wohl nicht zu ergründen; genug, ich tat es, derweil Klaus neben mir sich wälzte und gelegentlich zum Husten und Krächzen ausholte, ohne viel von dem Drohen auszuführen. Ich »dachte«, was ich für mich so denken nenne, vielleicht ist es nur ein wortmäßiges Anschauen und Gegeneinanderhalten verschiedener Begriffe. So, sagte ich mir, also mit diesem – junge Huren, alte – will man die Betschwestern übergießen, – nicht eben lieblich duftend, – mit der Erinnerung an früher, wo sie noch taten, was sie mochten, wozu sie aber jetzt wohl den Willen des Fleisches, aber nicht mehr seine Geeignetheit haben. Aber so braucht es ja nicht gedeutet zu werden, und wenn die Hurerei ja am Ende nichts Lebenswertes ist, ist es doch immer etwas ebenso Braves – dachte ich im eingebildeten Niedergehen ins Tiefste – wie irgend etwas sonst. Ja, etwas Braveres als manches Belobte sonst, ob Hurerei oder Kunst oder Märtyrerei, der Mensch will sich erfüllen, will nicht leerstehen, nicht stillhalten, sondern außer sich, über sich hinauskommen. Und da ich »Volker« lese, so zog ich die Überpersönlichkeit heran und meinte, so gut wie ein Begabter und dämonisch Getriebener die Überperson in sich zum Schalten und Walten bringt oder ihr nur nichts in den Weg legt, so tuts auf ihre Weise das Hurchen, die die andersartige Bravheit, [das] Stillsein usw. nicht erträgt und nun in vollem Hang und Drang, wie er bei ihr beschaffen ist, auf ihre Art über sich hinausgeht. Freilich kommt sie nicht weit: Sensationen und Amüsements füllen die transzendente Begier, die letzte und oberste aller Menschen, nicht aus, und warum nur soll grade die jung gewesene Hure, die auf ihre Art, wie sies verstand, ihrem Gott, den sie als Trieb, als oberste Gewalt in sich fühlte, gedient hat, die nach Christus »viel geliebt hat«, die am Ende auf der Klippe scheitert, wo es nicht mehr weitergeht, bei Altwerden, Kranksein und der Erfahrung, daß eben bei allem doch kein rechtes Glück, oder heiße es Befriedigung, wenigstens absolut nichts Dauerndes und Rechtes herausgekommen ist, – warum soll sie nicht ganz gesetzmäßig in menschlich natürlichem Durchbrach eines Anderen, Neuen, wobei das körperliche Triebmäßige eben nur Vorspiel des geistigen war, warum soll sie nicht die geistige Tat vollziehen und sich vom Diesseits-Ekel ab zur Jenseits-Seligkeit, zur Hoffnung einer wirklichen Erfüllung wenden? Oder soll sie lieber pessimistisch auf Erfüllung verzichten und damit auf Spannung, Glauben, Vertrauen, daß ein Sinn im Leben sei, auch im Diesseits? Nichts als Drang zum Überpersönlichen, meine Herren, sagte ich in Gedanken zum Auditorium, sowohl bei der Hure wie bei der Betschwester, die erste ist dieselbe wie die letzte, nur hat sie durch das Leben einen Kreis gemacht und ist auf einem neuen Niveau angekommen. Die erste opfert sich ihrer Leiblichkeit, – aber sie opfert doch, sie riskiert, sie setzt dran, sie gibt sich aus, sie geht aufs Letzte und Ganze, sie verschreibt ihre bürgerliche Seele dem Teufel, sie wirft allen Ballast von Rücksicht, »Ehre«, Furchtsamkeit, Selbst-Sparsamkeit über Bord und läßt den Wind recht in die Segel ihrer so erleichterten Karavelle blasen, um ihr geahntes Amerika zu gewinnen; aber die andere macht es nicht anders, nur läßt sie die tausend Zentner von Lebenshoffnungen fahren und zerschlägt zugleich den irdischen Kompaß, weil sie einen neuen in sich entdeckt hat, der zu einem Amerika auf dem Sirius den Weg zeigt; – bei alledem fragt es sich natürlich, was ich in der Keuchhustennacht unter Hure und Betschwester verstand.

In diesen Tagen ist ein feuchter Frühlings-Atem von Westen über uns gekommen. Als wir heute morgen um 6 Uhr die Medizin löffelten, kam es schon matt-hell durch die Vorhänge, und Vogelgezwitscher wie Vorversuch, wie ein Probieren der Töne einer Querpfeife, die lange kein Mandelöl gehabt und deren Klappen auf den Löchern mit Staub und Winterfeuchte festgeklebt sind, drängte zugleich mit dem Licht spurweis herein. Die Stare pfeifen so zuversichtlich, als stände es im Programm, und in den Gärten hantieren die Leute mit dem Spaten. Besonders Frauen, und man muß sich wundern, mit welcher Forsche sie ihn führen, viel unbedachtsamer als so ein Mann; in zorniger Eile stechen sie mit dem blanken Eisen auf die Erde los, wie in Verachtung vor dem spottleichten Geschäft, so eines Gartens schwarze Erde von innen nach außen zu kehren. Sie nehmen das Schwere für etwas Leichtes und brüsten sich nicht mit Begriffen wie Tagewerk und Leistung wie ein Lohnarbeiter, der seiner Faulheit mit ostentativer Mühe zu Ansehen und Ruhm verhilft, denn was schwer scheint, muß gewürdigt werden, und die Weltgeschichte darf nicht an seinen Schweißtropfen vorübergehen.

Wie mag es nun damit stehen, daß ich die Welt, die Menschen, besonders die Menschen, recht eigentlich anfange von hinten zu sehen, daß ich Linien, in denen sich die Menschen hauptsächlich darstellen, als ihr Eigentliches, Wesentliches empfinde? Natürlich sind es meistens Frauen, nicht bloß junge, auch alte und dicke, Kinder, kleine Mädchen als Erscheinungen, bei denen das Auge gewissermaßen mit ein paar Zügen auskommt, um sie zu erfassen und auszuschöpfen. Zwei Verhältnisse zueinander, dazu ein paar Schräg-Falten oder Lang-Paralle- und Kleidersaum, oder die lebenden, im Schreiten auf- und niedersteigenden Kurven der Schürzenkante über den Knien – dazu eine simple Umgrenzung, und ich habe so etwas wie die Kristallisation eines Wesens. In Klammern: Es ist Frühling, und ich bin wieder unbeweibt. Ist das die Erklärung für diese Entdeckerunermüdlichkeit der letzten Schönheiten in allem? Müßte ich von Offenherzigkeit überschäumen und mich als Allerverliebt in diesem Städtchen bezeichnen, oder kommt nicht doch etwas hinzu? Würde es anders werden, wenn ich als Werther die Lotte heimführte? Oder würde ich meine Augen ebenso umjagen lassen? Darf ich mir einbilden, daß die besondere Empfänglichkeit mich tiefer als bloß äußerlich empfänglich macht? Was macht mir das Herz schwer, daß ich, während ein neues Wunder von zwei entscheidenden Linien herannaht, einem weit entfernten, das sich einer Ecke, die es verdecken wird, nähert, nicht entsagen kann? Ist es bloß der Umstand, daß ein Verhältnis zweier Längen 6 zu 2 lebend vor mir wie ein Stück sichtbarer Musik über das Pflaster wallt? Ist das bloß Sexualität? Oder vielleicht Erotik? Oder spüre ich an meinen Nervenenden, wo sie ihren unbekannten Ansatz im Geistigen haben, daß ein Stück des allgemeinen Weltgeheimnisses in mir mit dem Drohen rumort, daß es sich zu erkennen geben wird? Kommt es mir nicht vor, als könnte ich den Weg ins Dunkle, den die Dinge am Ende der Nerven ins Mystische nehmen, doch wohl aufhellen, erkennen, was da verborgen steckt in einem Menschen, dessen Ganzes in zwei oder drei Tönen klingt als seelisches Wort, als ein Geister-Name, der zugleich wie eine chemische Formel sein Sein, seinen Inbegriff verrät? Ist das noch Bestialität oder schon Mystik?

So nüchtern wie ich das vorbeisteigende Exemplar Mensch als Menschen ansehe, so vorenttäuscht ich schon bin bei dem Gedanken, einmal mit dieser oder der »anzubandeln«, so betroffen macht mich ihre Schönheit, eben das Bißchen, was ich als Letztes und Absolutes bei ihr auffinde. Es beängstet mich, diese zwei oder drei Linien, zueinandergefügt, ineinander gehängt, aus den Augen zu lassen. Es ist wie eine Not, wenn der Kopf zur Seite rückt, um endlich einmal ein Ende damit zu machen, dieser Person weiter nachzustarren, von der ich genau weiß, was für ein Häuflein unverbrannter Asche sie ist. Bin ich ein Spökenkieker, daß ich losgetrennt vom Endlichen das ewige Fünklein finde, das in Allem und Jedem stecken möchte? Und da ich kein Geist bin, sondern mit den Augen zu hantieren habe, so erledigt sich dieses »Finden« mit Sehen und ist nur darum so angreifend, weil dieses Gesehene sein Geheimnis mit einem Wort ins Gefühl hineinflüstert. Ich fange eine Chiffre mit den Augen auf, und sie wird im Dunklen meines Ich übersetzt und dort verarbeitet. So viel weiß ich, von mir ist für mich der Rahm abgeschöpft, das Ding mag mit seinen zwei Beinen weiterpendeln und seine Wünsche, sein Lebenszwecklein, seinen Ehrgeiz, seine Eitelkeit weiter und immer weiterschleppen, das alles ist Schellengeklapper an einem Gerippe und klingt, näher gehört und länger und deutlicher gehört, um so unharmonischer; nur die eine Harmonie, das Stück Ewigkeit, das ich mir gegriffen, das ist voll Wert und bekommt seine Patina mit der Dauer, seinen Edelrost, der es nur wunderbarer macht. Ich könnte mein Erlebnis mit einem frisch gewonnenen Skizzenbuchblatt vergleichen, einem glücklichen Handstreich, an dem nichts fehlt oder zuviel ist, weil alles da ist, was Wert hat, – und bin sicher, für mich hat es Dauerwert, selbst wenn es dem Gewöhnlichen abgezwungen oder aus der Langweile herausgeblitzt ist, wie das immer wieder vorkommt und mir klarmacht, daß in allem ein Geheimnis steckt, das seinen Sinn im Ewigen und Jenseitigen vom Menschlichen hat. Ich werde manchmal von einem Glockengeläute genarrt, das über die Felder herankommt, wo auf Meilen hin keine Glocken hängen, und muß erkennen, daß es das Geläute vom Stadtturm ist, das von der großen Scheune von Voß mit breiten Wänden aufgefangen und zurückgeworfen wird, also gewissermaßen aus falscher Richtung kommt. So, will es mir bedünken, geht es mir mit dem Erkennen der letzten Werte im Menschen, sie sind das Geläute, das nicht von ihnen, sondern durch sie geht und kommt aus der Unendlichkeit. Augenscheinlich gemachte Weltseele, fange ich an zu spüren, sind sie, am individuellen Leib- und Menschentum ruchbar und hörbar gemacht, die also damit dem Unmerklichen seine besondere Art von Bemerkbarkeit schaffen, die von ihrer Körperlichkeit dem Körperlosen abgeben und ihm zum Leben im Licht verhelfen, die also Spiegel sind, in denen sich die vorbeisausenden Strahlen fangen, daß sie meinen Augen bemerklich werden.

Aber ist nicht nun das Geheimnis dieses Leib- und Menschentums ebenso groß? Dieses Spiegeln des Unendlichen, wenn auch Winzigen, Allerkleinsten? Jeder spiegelt doch ein Strählchen zurück, und ihnen wird von andern Unendliches zugespiegelt und von ihnen verschluckt und verwoben zu etwas Greif- und Schaubarem.

Alter Mann, Kohlezeichnung, 1922
50,7X 37,3 cm Nationalgalerie Berlin (Sammlung der Handzeichnungen)

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