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Güstrower Fragmente

Ernst Barlach: Güstrower Fragmente - Kapitel 15
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleGüstrower Fragmente
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
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Keuchhustentage

Der Klaus hat diese Tage viele Namen bekommen, z. B. Puster, denn wenn abends die Not anhebt und er im Bett steht und sich in Atembedrängnis nach allen Seiten dreht, dann verdient er ihn schon, oder Pappelpastor, denn er predigt ohne Aufhören und nicht immer Weisheiten, oder Janko, denn sein Jaulen und Janken ist fatal, man muß ihm dran denken helfen, oder Zappelin, denn sein Zappeln ist bös. Am liebreichsten und kameradschaftlichsten ist es nachts, wenn es ohne Keuchen und Fauchen und Pfeifen abgeht und die Frage des Einnehmens süßer Medizin sich aufrollt. Dann zünde ich das Licht an, und die Flamme wirft meine Hantierung mit Flasche und Eßlöffel riesenhaft und schattenschwarz an Decke und Wand, oder wenn der Mond ins Nebenzimmer schimmert und noch östlich steht und die Wand mit dem Bild anleuchtet oder, westlicher gelangt, aus dem Türrahmen einen steifen Lichtengel macht, mit dem wir ein paar Worte schwatzen. Lange nicht, denn wir schlafen immer schnell wieder ein. Seit zwei Tagen ist er an die Sonne spazierengestellt, aber dann ist es ein bitteres Scheiden von der Lebensfreude, wenn er hinter den Scheiben auf der Fensterbank steht und die andern Kinder spielen sieht, und Blindekuh ist im Gange, und Lisabeth steht mit bloßen Armen in ihrem roten »Vetter« in fliegenden Haaren anteilnehmend, aber unbeteiligt lärmend und lachend dazwischen und sieht aus wie eine Walküre am Waschtage. Dieser Licht-Februar beschert uns, was wir seit August nicht hatten, und man steht in dem Glanz ohne Grenzen mit katholisch werdender Seele. Im Eisspiegel auf Teichen und Pfützen hängt Licht, und die Spiegel-Sonne, wenn man den Hutrand vor die Himmlische gerückt hat, blendet von unten her das Auge. In den Gärten glänzen die Zweige, und das Aufdunsten des Erdreichs möchte man ein Paternoster nennen. Der Wald saugt das Licht ein und macht sich voll davon wie ein unersättlicher Schwamm, liegt feucht und schwer mit allen fernen Zügen da.

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