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Güstrower Fragmente

Ernst Barlach: Güstrower Fragmente - Kapitel 13
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleGüstrower Fragmente
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidf15596bf
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Moritz der Hund

15. Februar 1913

Nun ist ein Schatten im Haus, der spukt in Moritzens Ofenecke, wo sein Lager war: denn wo ein weißliches Knäuel drolliger Fröhlichkeit fehlt, wo statt zweier Wandel-Augensterne, in denen man auf Hundeart gespiegelt wird, Ungewohnheit graulich hockt, da spürt man das Nichtige, das blinde Schattenhafte, und ein Schmerzlein fängt an, sich irgendwo in der Brust zu krausen, wie eine Blase, es ist ein entzündetes Pünktchen, das beim Dranstoßen in einen Strahl von Bittergefühl ausbricht.

Moritz fegt nicht mehr mit dem Bauch Wiesen und Felder, sein Gebelljauchzen, wenn er ein jagdbares Tier aufstöberte, steckt fest in seinem Maul wie eine tote Maus. Seine Trommlerstücke, wenn wir uns nach längerem wiedersahen, sind ausgewirbelt, sein Hinterteil, wenn er sich schüttelt, fliegt nicht mehr, daß es aussieht, als zöge ihn etwas an den Hinterbeinen hoch, er tappst mir nicht mehr nächtlicherweile aufs Bett, um einen Gruß auszutauschen, wenn ich wache, sonst aber wieder still aufs Lager zu schleichen, – – – daß seine Augen nicht mehr wie zwei Löcher die Scheinwelt durch sich hingleiten lassen, seine Nase die Dunstwelt nicht mehr durch sich hauchen läßt, daß er nie mehr ein Konzert zusammenriecht, wenn er mit Hinz und Kunz, Stein und Bein, Ecke und Winkel zusammenstieß, das macht die Welt um eine Furche fataler.

Aber warum, Moritz, war der Magen so schwach? Wie kann eine Hausfrau am frühen Morgen Gebrochenes auf dem Boden finden, ohne schmerzlich zu trillern? Warum wohnte der Tierarzt Theobald auf dem Wege zum Bahnhof, als ich ohne Frühstück, satt vor Ärger, dachte: »Nun nimmst du mal die Alte beim Wort und schaffst ihn ab.« Er wurde in einen Stall gelassen und zwei Mark bezahlt. Den Rest besorgten Herr Theobald und Blausäure.

Nein, lieber Moritz, zum Schluß fällt mir etwas Besseres als Grabschrift ein: Warst du nicht, du Knäuel fröhlicher Flüchtigkeit, ein Huschen spukhaften Lächelns der schwerernsten Erde aus einem Zug ihres Gesichts in den andern?

Der Blinde und der Lahme, Relief, getönter Gips, 1919
54 X 28,5 X 4,8 cm
Kunsthalle Bremen

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