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Güstrower Fragmente

Ernst Barlach: Güstrower Fragmente - Kapitel 12
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleGüstrower Fragmente
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
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Begräbnis

Der Mann im Stock, Eichenholz, 1918
73 X 46 X 46 cm
Kunsthalle Hamburg

Am 2. Februar fuhr ich zu Tante Minnas Begräbnis nach Mölln, sah wieder einer Verwandten Sarg unter Kränzen zwischen Lichtern stehen, hörte wieder eines Pastoren Amtsrede und sah wieder einen Verwandten-Sarg in der Grube verschwinden, warf wie die andern drei Hände voll Sand. Auch die Möllner Leichenträger haben Galgengesichter. Alles geht ineinander über. Hinfahrt und überraschendes Zusammentreffen mit Onkel Karl in Ratzeburg, munteres Befragen und flaues Abwarten im Schneemorast. Hinstarren auf Kränze, Blumenduft und Grabrede in der Kapelle. Ja, was sagte er doch, der Pastor, was kann er denn sagen, fragte man! Hat er Worte, die mit ihren Zaubern die Gestalt des bekränzten Sarges vor den Augen verschwinden lassen? Hat er Gedanken, die nicht durch die Mühle eines kritischen Gehöres rinnen müssen? Die wie ein frischgeschaufeltes Grab, das Geräusch hochgezogener Seile, das Getue der schwarzen Grabteufel mit ihren Aasmienen auf die Sinne wirken? Kann er das Verschwinden hinter einer Erdwand verschwinden machen? Können seine Lippen das Scheiden fortlügen? Riecht seine Zuversicht so durchdringend wie die Grabkränze? Dröhnt sein Trost in unser Gehör so siegreich, wie uns das hohle Trampeln dicker Stiefel der Spatenmänner auf den Seitenbrettern des Grabes im Ohr hängen bleibt? Wie will er das Poltern von nassem Sand auf einen Sargdeckel übertönen, vielleicht mit einem Vaterunser? Und das Schütteln einer Tochter, als der Sarg unterging, was für eine Faust ist das, die der Augenblick anwandte? Will der Pastor mit seinen Händen dagegen boxen? Nein, wir sind den Elementen anheimgegeben, und sie suchen unser Elementares und wissen damit umzuspringen, daß wir tanzen oder starren.

Und nachher tat der Kaffee so wohl; der wendet sich, ebenso gut wie Zigarren und Likör, ohne Umstände an unsere Seele, und der weiß ohne Worte zu trösten. Nicht daß ich trostlos war, daß meine Tante Minna im Alter von 75 nun dahingegangen, aber ich hatte doch hören und sehen müssen, was Kaffee und Zigarren aus der Erinnerung zu scharren lieben, darum spürte ich, wie es tat.

Onkel Karl ist ein forscher alter Herr mit einem Humor, der die Flegeljahre noch nicht ganz vergessen hat, und einem getrosten Blick über das Gesamte dazu, daß man merkt, er glaubt ans Schicksal und läßt seine Manieren gelten. Er pafft seine Zigarre und denkt nicht lange über die Dinge nach. Sind sie ihm über, dann mögen sie in Gottes Namen so frei sein, ist er ihnen über, so kriegen sie ihr Teil ab.

Wir reisten zurück nach Lübeck, zusammen, und ließen uns die Zeit nicht lang werden. Wenn wir uns mal in Berlin träfen, würden wir uns die Zeit gewiß noch besser verkürzen.

Christus am Kreuz, Kohlezeichnung
Gehörig zum 1929 erstmalig veröffentlichten Prosa-Fragment »Die Zeichnung«
Privatbesitz Berlin

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