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Güstrower Fragmente

Ernst Barlach: Güstrower Fragmente - Kapitel 11
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleGüstrower Fragmente
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Klaus gibt Ruh

2. Febr. 1913

Klaus' Hosen, wenn er ausgezogen ist und liegt, sehen so recht zufrieden aus, auch einmal ruhen zu dürfen, so recht wie ein paar Läufer und Springer, die nun, wie der Hase von Buxtehude, im letzten Sprung zusammengebrochen und verschieden sind – und er hat seine Decke über den Kopf gezogen und weilt an den Gestaden des schlafenden Meeres vom Jenseits.

Heut hat er vielfache Verwendung seines Geldes vorgenommen. Für 5 Pf. holte er 2 Stück Kreide für die schwarze Tafel, und mit je 20 Pf. hat er seine zwei Freunde abgelohnt, die ihn, weil sie schon ein Schuljahr hinter sich haben, unterrichten mochten im Lesen und Rechnen. Den Rest von 50 Pf. hat die Großmutter gerettet und weggesteckt; nun ist die Herrlichkeit dieses lose klimpernden und blinkenden Schatzes im Versteck meines Zahlbretts im Sekretär dahin. Zu Abend ist er gebadet. Dazu stehen drei große Töpfe auf dem Herd, und die Wanne kommt in die Stube; wenn dann das Wasser gemischt ist, hat er sich schon auf dem Sofa ausgekleidet, wie man das so nennt. Die Hose läßt er herab und stemmt dann die Hände gegen die Lehne des Kanapees und beginnt hinten auszuschlagen wie ein wütendes Pferd, solange bis ihm das Kleidungsstück hinten wegfliegt. Die Strümpfe zieht er den Beinen schräg über die Füße weg ab, bis die Spannung so stark wird, daß sie wie aus der Pistole losgehen und einen schlenkernden Satz durch die Luft machen. Das Unterzeug muß die Prozedur der Hosen erdulden, und das Hemd streif ich ihm über den Kopf. Dann ins Wasser. Da schwimmt schon das holländische Schiffchen aus Amsterdam mit braunen Segeln und dickem Bauch, er selbst ist eine Insel und läßt das ahnungslose Schiff leise herantreiben, als ob Sindbad der Seefahrer darauf wäre, und das wässerige Geschaukel geht über seine dünnen, schlanken Glieder hin, die ich nun schon sechs Jahre Zoll für Zoll habe sich strecken sehen und deren Umrisse sich im Wasser schwingen, verzogen und lebend, als könnten sie vom Tagestanz noch immer nicht lassen.

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